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Ein Stück Lebensgeschichte, und andere Erzählungen

Chapter 27: Die zweite Prophezeiung
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About This Book

This collection opens with a framed tale in which a long-accumulated saga hovering over an old family estate is gathered and shaped by a young woman who leaves home to learn and to become a teller. The remaining stories range from intimate rural sketches and domestic episodes to folk-legend and mild supernatural occurrences, each tracing emotional lives, moral dilemmas, and small revelations in village settings. Narrative voice blends folkloric atmosphere, gentle irony, and lyrical description, focusing on memory, social expectations, love, loss, and the redemptive power of storytelling.

Wie dunkel ist es doch unter der Linde,
Wie ängstlich still wehen die Winde.

Was nun? Was war das? Ich stehe da und wage kaum zu atmen. Das sind ja Reime. Das ist ja ein Vers. Kann ich Verse machen?

Ich bin fünfzehn Jahre, und ich habe alle Dichter gelesen, die wir zu Hause haben: Tegnèr, Runeberg, Frau Lengren, Stagnelius, Vitalis, Bellman, Wallin, Dahlgren. Aber nie zuvor ist es mir eingefallen, daß ich Verse schreiben könnte. Verse machen, — das ist ja etwas Hohes und Heiliges. Seine Gedanken in Reim und Metrum niederschreiben zu können, — das ist eine Gabe, die nur den Auserwählten der Menschheit beschieden ist.

Aber jetzt habe auch ich ein paar gereimte Zeilen zusammengestellt. Ich wiederhole sie mir einmal ums andre. Ich spreche sie halblaut. Ich singe sie leise. Aber ich versuche nicht, weitere Zeilen hinzuzufügen. Ich bin viel zu erstaunt darüber, was mir widerfahren ist.

Stelle dir vor, daß du als armes Bettelkind aufgewachsen bist und ganz plötzlich die Gewißheit erlangst, ein Königskind zu sein!

Stelle dir vor, daß du blind warst und plötzlich sehend wirst, daß du bettelarm gewesen und auf einmal reich bist, daß du ausgestoßen und freudlos warst und ganz unvermutet einer großen, warmen Liebe begegnest! Stelle dir was du willst an großem unerwartetem Glück vor, und du wirst dir doch kein größeres denken können, als das ich in diesem Augenblick empfand.

Ich konnte reimen. Ich konnte Verse machen. Ich hatte dieselbe Gabe wie Tegnèr, Runeberg, Wallin. Ich würde werden wie einer von ihnen.

Ich hatte ja schon lange daran gedacht, Romane und Theaterstücke zu schreiben. Aber das ist lange nicht so merkwürdig wie Verse schreiben. Das ist nur hübsch und vergnüglich; aber Verse, — das ist das Hohe und Edle. Das ist das Ruhmvolle und Anbetungswürdige. Das ist das Allerwunderbarste.

Ich verschweige den Meinen die große Entdeckung. Aber ich gehe den ganzen Tag wie im Taumel umher, höre garnichts, was man mir sagt, sondern antworte ganz verkehrt.

Ich sehe uns noch alle an jenem Tag beim Abendbrot vor mir. Da sitzen Vater und Mutter. Da sind meine Schwestern, die Tante, die Erzieherin. Und da bin ich selbst, klein und blaß, mit langem Haar, ganz wie alle andern Kinder. Vater führt wie gewöhnlich das Wort. Er scherzt mit der Tante und der Erzieherin. Es geht fröhlich und munter her, aber das Gespräch bewegt sich um die alleralltäglichsten Dinge. Was würden sie sagen, die anderen, wenn sie eine Ahnung von den wilden Hoffnungen hätten, die in meinem Kopfe stürmen!

Was mich beunruhigt, ist Tante Wennerviks Weissagung. Darin kam nichts davon vor, daß ich etwas Großes und Merkwürdiges werden solle. Aber wer Verse schreibt, der ist doch eine Größe, der ist fast noch mehr als ein König. Ich bekomme Angst, daß ich mich geirrt haben könnte, daß ich doch nicht die Göttergabe hätte.

Da wiederhole ich mir selbst den kleinen Reim, und wieder fühle ich mich unendlich stolz, unendlich glücklich.

Als es endlich Nacht wird, will ich versuchen, was diese neue Gabe vermag; und ich beginne ganz getrost, ein Poem zu verfassen. Ich liege bis zum Morgen wach und binde und knüpfe Wort an Wort. Ich füge Verszeile an Verszeile und habe bis zum Morgen eine Menge Strophen fertig.

Aber das Gedicht ist nicht das Merkwürdige für mich. Das Merkwürdige ist, daß ich die Gabe habe, zu reimen, daß ich zu den Auserwählten gehöre.

In den nächsten Jahren schreibe ich zur Zeit und zur Unzeit, früh und spät, Tag und Nacht Verse. Der größte Teil von diesen Dichtungen ist vernichtet; und das wenige, was übrig blieb, ist recht schwach.

Von dieser ganzen Schriftstellerei gibt es nur ein kleines Stückchen, an dem ich meine Freude habe, und das ich mir zuweilen selbst wiederhole, wenn ich unter dem Dunkel der Bäume stehe und das Licht der Abendsonne über Flur und Tal lodern sehe:

Wie dunkel ist es doch unter der Linde
Wie ängstlich still wehen die Winde.

Die Aufnahmeprüfung

Ich bin dreiundzwanzig Jahre alt und befinde mich wieder in Stockholm, in demselben freundlichen Heim, das mich aufnahm, als ich ein neunjähriges Kind war. Ich bin in die Hauptstadt gekommen, um Aufnahme in dem Höheren Lehrerinnenseminar zu finden. Ich habe die Prüfung gemacht; gestern war der letzte Tag, und nun sitze ich da und warte darauf, zu hören, ob ich durchgekommen sei, ob ich in die Anstalt aufgenommen würde.

Das ist ein langer Tag. Es ist fast unmöglich, ihn zu Ende zu bringen. Wir sind beinahe eine ganze Woche geprüft worden, und das war nicht so schlimm, wie ich befürchtet hatte. Es waren Tage voll starker Spannung, aber es ist doch immer etwas vorgegangen. Es war Kampf und Wettbewerb, und bisweilen ist es sogar ganz lustig gewesen. Die Prüfer waren äußerst wohlwollend und haben keine übertriebnen Ansprüche gestellt. Im großen und ganzen glaube ich, daß ich bei den Prüfungen ganz gut bestanden habe. Aber unglücklicherweise genügt es nicht, wenn man gut besteht, — man muß es auch noch besser machen als viele andre.

Nicht mehr als fünfundzwanzig Schülerinnen können jedes Jahr ins Seminar eintreten; und es sind neunundvierzig, die Aufnahme suchen. Darin liegt das Schreckliche. Wir sind in kleinen Gruppen von drei und drei geprüft worden; und darum weiß ich nicht, wie die andern die Probe bestanden haben. Aber ich denke mir, daß diese andern in ordentliche Schulen in Städten gegangen sein würden. Sie hätten nicht ihr ganzes Leben lang auf dem Lande gewohnt und ihre ganze freie Zeit dazu verwendet, unnütze Verse zu schreiben. Es sei nur natürlich, wenn sie alle viel besser beschlagen wären als ich.

Dieses ganze letzte Jahr habe ich in Stockholm verbracht und habe einen Kurs absolviert, mich für diese Aufnahmeprüfung vorzubereiten. Aber es ist ja nur ein Jahr, in dem ich ordentlich studiert habe. Die andern haben große achtklassige Schulen durchgemacht ...

Wir sollen unser Schicksal erst spät am Nachmittag erfahren. Zu denen, die die Prüfung nicht bestanden haben, kommt ein Diener mit einem Brief, der ihnen mitteilt, daß sie in diesem Jahre nicht in das Seminar aufgenommen werden könnten. Bin ich hingegen glücklich durch, so bekomme ich keinen Brief, gar keine Nachricht. Dann kann ich am nächsten Morgen ganz ruhig zum Seminar hinaufwandern und meine Studien beginnen. Aber noch ist es mitten am Tage. Es müssen noch viele Stunden hingehen, ehe ich ernstlich den Diener mit dem gefürchteten Brief erwarten kann.

Die Verwandten haben Mitleid mit mir; aber was können sie tun, mir zu helfen! Es gibt nichts, was meine Unruhe zerstreuen könnte. Wir sitzen da und plaudern, aber ich kann nicht recht folgen. Die Gedanken kehren immer zu der Frage zurück, ob ich nicht die mathematische Aufgabe ganz falsch gelöst, und ob ich bei der mündlichen Prüfung im Schwedischen nicht am Ende sehr schlecht bestanden hätte.

Ich hoffe und bete, daß ich durchkomme, nicht weil ich genug weiß und kann, sondern weil ich es nötiger brauche als irgendeine andre.

Davon bin ich ganz überzeugt. Es ist nicht möglich, daß irgendeine von allen denen, die Aufnahme suchen, diese drei Jahre kostenlosen Unterricht, die das Seminar bietet, ebenso notwendig brauchte wie ich. Wenn es mir jetzt mißlingt, dann ist es aus mit mir, dann muß ich mir eine kleine Gouvernantenstelle mit ein paar hundert Kronen Lohn suchen, oder ich muß auch nach Hause zurückfahren und in der Wirtschaft mitarbeiten. Ich muß etwas lernen, sonst kann ich das Ziel meines Lebens nicht erreichen. Ich bin jetzt nicht mehr so kindisch. Ich glaube nicht, daß man etwas werden kann, wenn man nur umhergeht und wünscht und träumt. Ich weiß, daß ich Kenntnisse brauche, um Schriftstellerin werden zu können.

Ich weiß auch, daß ich Kenntnisse brauche, um leben zu können. Wir sind daheim in letzter Zeit so arm geworden. Ich weiß, daß ich es lernen muß, mir selbst mein Brot zu verdienen, wenn ich nicht ins Elend kommen soll.

Alle die andern, die Aufnahme suchen, handeln wohl kaum dem Willen ihres Vaters zuwider, sie haben sich sicherlich nicht die Erlaubnis erzwingen müssen, von daheim fortzufahren. Bei ihnen zu Hause hat man vielleicht nicht mehr den alten Aberglauben, daß ein Mädchen es nicht nötig habe, etwas Ordentliches zu können. Und wenn es ihnen heute schlecht ergeht, so dürfen sie es vielleicht nächstes Jahr noch einmal versuchen. Aber ich darf das nicht. Wenn es mir jetzt mißlingt, bekomme ich niemals die Erlaubnis von Vater, es noch einmal zu versuchen.

Die andern sind vielleicht nicht so arm wie ich. Sie können vielleicht von andrer Seite Unterstützung für das Studium finden. Aber für mich ist das unmöglich. Vater kann mir kein Geld geben; und wohl größtenteils deshalb hat er soviel Einwände dagegen, daß ich in die Welt hinausziehe. Aber komme ich nur in das Seminar, dann habe ich eine gesicherte Laufbahn vor mir, dann macht es nicht soviel, daß ich kein Geld habe, dann leiht man mir vielleicht etwas, so daß ich mich während der Kurse in Stockholm erhalten kann. Wenn ich aber nicht hineinkomme, — wer sollte mir dann helfen wollen!

Wie langsam die Zeit an diesem Tage vergeht! Ich weiß rein nicht, womit ich mich beschäftigen soll. Ich wage nicht auszugehen; denn man denke: wenn der Brief käme, während ich fort bin! Ich kann mich auch nicht hinsetzen und lesen. Die Prüfung ist zu Ende, es kann mir nichts mehr helfen, was ich auch studiere. Es bleib mir nichts übrig, als still zu sitzen und zu warten.

Mein ganzes früheres Lebenlang habe ich gewartet, aber in andrer Weise. Ich habe darauf gewartet, entdeckt zu werden, gewartet, daß jemand komme und meine Schauspiele, meine Romane, meine Verse lese und sie außerordentlich schön und genial finde. Jedesmal, wenn ich sie einem zeigte, habe ich gehofft, daß dieses Wunder geschehen würde.

Und einmal war es auch sehr nahe daran. Bei einem unserer Nachbarn fand eine Hochzeit statt, und ich war Brautjungfer. Beim Mittagessen brachte einer der Brautführer ein Gedicht auf die Kranzeljungfern zum Vortrag, und ich hielt die Rede auf die Brautführer, auch in Versen. Wir hatten natürlich alle beide großen Erfolg. Man hat ja immer Erfolg, wenn man Gelegenheitsverse vorträgt.

Aber ein Weilchen nach dem Mittagessen kam Mutter zu mir und sagte, daß Eva Fryxell mit mir sprechen wollte.

Eva Fryxell war die Tochter des großen Historikers Anders Fryxell, der Probst in der Nachbargemeinde war. Sie war selbst Schriftstellerin und dazu eine hochgebildete Dame. Sie pflegte die Winter in Stockholm zu verbringen, wo sie in den literarischen Kreisen jener Zeit verkehrte.

Sie hatte mich die Verse sprechen hören, und nun wollte sie mit mir reden.

Sie fragte mich, ob ich zu schriftstellern pflegte, und ob ich schon viele Gedichte geschrieben hätte. Sie forderte mich auf, ihr meine besten Sachen zu schicken. Sie wolle versuchen, sie in einer Zeitung unterzubringen.

Sie war sehr freundlich, und sie machte mich sehr, sehr glücklich.

Aber dann verging der ganze Herbst, der ganze Winter, ohne daß ich etwas von ihr hörte. Endlich im Frühling kam ein großer Brief von Eva Fryxell. Sie schickte mir alle meine Gedichte zurück: keine Zeitschrift hätte sie annehmen wollen. Aber sie schrieb nicht nur davon. Sie schrieb, ich müsse es so einrichten, daß ich in die Welt hinauskomme. Ich müsse arbeiten, etwas lernen, sonst könne nie etwas aus mir werden.

Und wohl hauptsächlich auf ihre Ratschläge hin hatte ich mich vor einem Jahre von daheim losgerissen. Das ganze letzte Jahr hatte ich kaum eine Zeile gedichtet, sondern nur studiert, nur gearbeitet, all das nachzuholen, was mir fehlte.

Und die Liebe zu den Studien war in mir erwacht. Ich sehnte mich nach diesen drei Jahren auf dem Seminar, nach diesen drei Jahren der starken intensiven Arbeit und des Fortschreitens.

Ab und zu klingelt es draußen, dann schrecke ich auf und frage mich, ob das der Diener mit dem furchtbaren Brief sei. Man hat mir gesagt, er könne nicht vor fünf Uhr nachmittag kommen, aber — wer weiß! — es wäre ja möglich, daß die Entscheidung in diesem Jahre früher fiele.

Die Hoffnung sinkt mit jedem Augenblick. Natürlich wüßten alle die andern mehr als ich. Und natürlich hätte ich oft unrichtig geantwortet, wenn ich es auch selber nicht bemerkt hätte.

Es schlägt drei Uhr. Noch zwei Stunden, ehe man ernstlich eine Entscheidung erwarten kann ...! Da läutet es wieder.

Die kommt, ist eine Verwandte und Kollegin von mir. Sie will auch heuer in das Seminar eintreten; so wie ich; und wir sind bei der Prüfung in derselben Gruppe gewesen.

Sie kommt ganz glücklich und atemlos, um zu berichten, daß wir alle beide durchgekommen sind, sie und ich. Sie hat es von wohlunterrichteter Seite. Sie will nicht sagen, woher sie es weiß, aber sicher sei es. Ich solle es niemand sagen, — sie sei eben nur geschwind heraufgelaufen, damit ich mich nicht länger beunruhigte.

Ich weiß nicht, was ich sage oder tue. Ich weiß nicht, ob ich ihr danke. Ich stürze nur fort, ans äußerste Ende der Wohnung, um allein zu sein.

Es ist nun ganz vorbei mit meiner Selbstbeherrschung. Ich zittre und bebe und kann mich nicht stillhalten. Und die Tränen stürzen mir aus den Augen.

Ich fühle, daß ich das Ärgste überwunden habe. Ich bin nicht mehr hilflos und abhängig. Ich habe eine Laufbahn vor mir. Ich werde imstande sein, mir selbst mein Brot zu verdienen. Ich werde selbst über mein Tun und Lassen bestimmen. Künftighin hängt es von mir allein ab, ob ich das erreichen werde, was ich erreichen will.

»Sie wird all ihr Lebtag arbeiten und sich plagen müssen,« hatte Tante Wennervik gesagt, und ich freue mich darüber und hoffe, daß es eintreffe.

Die zweite Prophezeiung

Es ist im Grand Hotel in Jerusalem, an einem Märzabend des Jahres neunzehnhundert. Ich bin von unserm syrischen Dragoman aus meinem Zimmer gerufen worden, einen Gast zu empfangen. Aber dieser Gast kann nicht in mein Zimmer geführt werden, auch nicht in den großen Empfangssalon. Jemil, der Dragoman, glaubt ihn nicht weiter führen zu dürfen als bis in die Vorhalle des Hotels; und ich muß mich dorthin begeben, ihn zu begrüßen.

Das ist auch nicht zu verwundern, denn mein Gast hat kein einnehmendes Aussehen. Es ist ein alter Neger von einer furchtbar häßlichen Rasse. Mit seinen wulstigen Lippen, den langen Affenarmen, seinem großen plumpen Körper, seiner groben, rindenähnlichen Haut, seinen starken, angeschwollnen Muskeln macht er den Eindruck, als gehöre er jener Menschenwelt an, die vor der Sintflut da war. Und dieser abstoßende Mensch ist nicht in etwas gehüllt, was man Kleider nennen könnte. Er ist in lange, schmutzigweiße Tücher gerollt und gewickelt. Die Füße sind nackt, und über den Kopf hängt ihm ein Zipfel desselben Tuches, das um den Körper geschlungen ist.

Vor einigen Tagen hat Jemil mich und meine Reisegenossin, Frau Sophie Elkan, durch die ehrwürdige alte Moschee El Aksa in Jerusalem geführt, und wir wunderten uns damals, in der Fensternische eines Seitenganges eine schmutzige, zerfetzte Decke ausgebreitet zu sehen. Jemil erklärte uns, daß sich in dieser Fensternische ein Wahrsager aufzuhalten pflege, der den Besuchern Aufklärungen über ihre künftigen Schicksale gebe. Ich bedauerte, daß er nicht auf seinem Platze war. Ich hätte mir gerne von einem richtigen Wahrsager prophezeien lassen, in einem Tempel, der auf demselben Grund errichtet war wie der Salomos.

Und nun hat der Dragoman den Wahrsager aufgesucht und ihn in das Hotel gebracht, damit ich mir wirklich in Jerusalem prophezeien lassen könne.

Es ist nicht so feierlich, sich in der Vorhalle des Hotels wahrsagen zu lassen, wo Diener und Reisende hinaus- und hereinströmen, als es in El Aksa gewesen wäre; aber ich habe keine Wahl. Wir gehen alle drei zu einem Tisch, der in einer Ecke steht. Der Wahrsager zieht einen Beutel hervor, den er unter seinen Tüchern verborgen gehalten hat, knüpft ihn auf und schüttet eine ziemlich dicke Lage grauweißen Sand auf den Tisch, zweifelsohne eine Art Meersand, denn ich sehe, daß eine Menge zerbrochne Muscheln darin sind.

Während ich so stehe und die Vorbereitungen betrachte, muß ich unwillkürlich an die alte Tante Wennervik und ihre Wahrsagekunst denken; und ich bin gespannt, ob dieser schmutzige Neger sich ihr überlegen zeigen werde.

Sowie der Sand ausgebreitet ist, sagt der Wahrsager ein paar Worte auf Arabisch, die der Dragoman ins Englische übersetzt.

»Er bittet die Lady, an etwas zu denken, worüber sie Aufklärung wünscht. Die Lady soll nicht sagen, woran sie denkt, sondern es nur eine Zeitlang in Gedanken festhalten, dann wird sie Antwort bekommen.«

Einen Augenblick stehe ich verdutzt da. Liegt nicht eine unüberbrückbare Kluft zwischen mir und diesem Negerwahrsager? Wir haben in verschiednen Welten gelebt, sind auf verschiednen Pfaden gewandelt. Was sollte ich denken können, das innerhalb seiner Gedankensphäre läge! Während meines ganzen Aufenthalts in Jerusalem habe ich nur an eine einzige Sache gedacht. Ich habe die ganze Reise hierher in das Morgenland einzig und allein unternommen, um schwedische Bauern zu besuchen, die hierher ausgewandert sind und gemeinsam mit einigen Amerikanern eine Kolonie gegründet haben. Ich habe sie hier draußen sehen wollen, um ein Buch über sie zu schreiben.

Und ich bin mehrere Male bei ihnen gewesen, habe an ihrem Tisch gegessen, ihre Schulen besucht, sie in ihren Werkstätten und Küchen arbeiten sehen, ich bin in ihren selbstverfertigten Wagen gefahren, bin auf Teppichen gegangen und habe auf Stühlen gesessen, die sie selbst gemacht haben. Ich habe sie von ihrer Lehre sprechen hören. Ich habe nichts an ihnen gefunden, was nicht gut, ehrlich und aufrichtig gewesen wäre.

Ich war so froh, als ich hier draußen im Morgenlande ihre guten, schwedischen Gesichter erblickte und ihre treuherzigen, schwedischen Worte hörte, daß mir die Tränen in die Augen traten. Ich habe ihrem schönen Gottesdienste beigewohnt, ich habe sie ihre Abschiedslieder an uns, ihre schwedischen Gäste, singen hören. Ich habe sie einig, glücklich, geduldig gefunden, und ich brenne vor Sehnsucht, ein Buch über sie zu schreiben.

Aber zugleich läßt mich vieles befürchten, daß ich nie imstande sein würde, dieses Buch zu schreiben. Jeden Tag kommen mir neue Zweifel und Besorgnisse. Nicht nur, daß der Stoff für meine Kräfte zu schwer ist, — noch eine Menge andre Dinge machen mir Angst. Ich gehe in einem Zweifel, einer Unentschlossenheit umher, die beinahe qualvoll geworden ist.

Es handelt sich für mich um etwas Ernstes. Diese ganze lange Reise wäre vergebens gewesen, wenn ich dieses Buch nicht schreiben könnte. Zeit, Mühe und Geld nutzlos vergeudet ... Das ist kein Spaß.

Mich selbst frage ich alle Tage: Wird daraus ein Buch werden können? Wird es je geschrieben werden? Wird irgendein Mensch es lesen wollen?

Aber kann man diesem Neger solche Frage stellen? Hat solch ein Urzeitwesen je ein Buch gesehen? Hat es eine Ahnung davon, was überhaupt ein Roman ist?

Aber da es ja doch nichts andres gibt, was ich in diesem Augenblick wissen wollte, entschließe ich mich, einen Versuch zu machen. Und ich hefte meinen Gedanken auf dieses: »Wird es mir gelingen, ein Buch über die Schweden hier draußen in Jerusalem zu schreiben?«

Der Wahrsager erhebt seine Hand über den Sand, den er vor sich ausgebreitet hat. Er streckt einen dicken Zeigefinger aus, an dem ein Nagel sitzt, der einer Tierkralle gleicht, und macht einige Linien und Löcher, die er dann sehr eingehend betrachtet. Es dauert ziemlich lange, bevor er zu sprechen anfängt. Aber plötzlich wendet er sich an den Dragoman und spricht eine Menge unverständliche Worte.

»Er sagt, daß die Lady an etwas denkt, was sie auf ein Papier schreiben will,« übersetzt Jemil. »Er bittet die Lady, sich nicht zu beunruhigen. Was sie zu tun gedenkt, wird ihr gelingen.«

Ich bin wirklich ein wenig erstaunt. Das sieht aus, als könnte er Gedanken lesen, dieser schmutzige alte Neger.

Er betrachtet mich abwartend, und ich bitte den Dragoman, ihm zu erklären, daß er eine richtige Antwort gegeben habe, und daß ich sehr zufrieden sei.

Sogleich fährt er über den Sand, so daß er wieder ganz glatt daliegt, und bittet mich dann, noch eine stumme Frage zu stellen.

Diesmal besinne ich mich nicht lange. Wir wollen Jerusalem am nächsten Tage verlassen, um nach Nazareth, Tiberius, Damaskus zu reisen. Ich frage nur: »Werden wir eine gute Reise haben? Werden wir alles sehen, was wir zu sehen wünschen?«

Es dauert nicht lange, so beginnt der Wahrsager wieder zu sprechen. Aber er gibt keine Antwort auf meine Frage, sondern bittet mich, ihm meine Hände zu zeigen, meine beiden Hände.

Ich strecke die Hände mit den Handflächen nach oben aus. Der Wahrsager betrachtet sie, macht einen Schritt zurück und erhebt die Arme zum Himmel. Die Worte stürzen über seine Lippen. Er ist offenbar erregt.

»Was gibt es? Was sagt er?« frage ich den Dragoman.

»Er sagt, daß die Lady an einen Weg denkt, der vor ihr liegt,« antwortet dieser, »und er versichert, daß die Lady eine gute Reise haben wird. Er sagt weiter, daß diese Lady Sultan Ibrahim il Kalils und Sultan Solimans Zeichen auf ihren Händen hat. Er sagt, daß dieser Lady alles gelingen wird. Diese Lady hat einen sehr starken Stern.«

Ich bitte den Dragoman, ihm zu versichern, daß ich sehr erfreut über seine Antwort sei, und ich frage nicht weiter, sondern bezahle ihm seinen Frank. Nun ich erfahren habe, daß ich Abrahams und Salomos Zeichen in meinen Händen trage, muß ich ja wohl zufrieden sein.

Während ich in mein Zimmer zurückkehre, denke ich an Tante Wennervik und frage mich, was sie dazu sagen würde.

In demselben Augenblick ist es mir, als wenn eine harte und klare Stimme mir im traulichsten Värmländisch ins Ohr sagte:

»Das mußt du doch wissen, Kind, daß sich diese Orientalen, auch wenn sie in Fetzen gehen und häßlich wie die Affen sind, doch besser darauf verstehen, zu schmeicheln und schöne Dinge zu sagen als wir andern, namentlich wenn es sich darum handelt, ein paar Groschen zu verdienen. Aber auf meine Prophezeiung kannst du dich verlassen. Die ist nicht bezahlt. Reisen wirst du machen, Arbeit wirst du haben, und Bücher schreiben wirst du, und so richtig gesund wirst du nie. Und so wird dein Leben hingehen.«

»Ja, das ist wahr,« antworte ich, »aber du verstehst den Sinn seiner Worte nicht. Er will nur sagen, daß, wem sich in reifen Jahren seine Kindheitsträume erfüllen, das Glück der alten Weisen besitzt und von einem guten Stern geleitet wird.«