WeRead Powered by ReaderPub
Ein treuer Diener seines Herrn cover

Ein treuer Diener seines Herrn

Chapter 1: EIN TREUER DIENER SEINES HERRN
Open in WeRead

Explore more books like this:

About This Book

A five-act tragedy centers on a faithful courtier whose unwavering loyalty collides with court politics, family tensions, and popular unrest as the king prepares to depart with his army to uphold the realm's rights. Action alternates between intimate domestic scenes and public councils, revealing strained bonds among the monarch, his queen and child, a duke, advisers, and the steward with his wife. Through confrontations, counsel, and moral dilemmas, the drama examines duty, conscience, and the human cost of obedience, showing how personal fidelity can be tested and transformed by political necessity and conflicting loyalties.

The Project Gutenberg eBook of Ein treuer Diener seines Herrn

This ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.

Title: Ein treuer Diener seines Herrn

Author: Franz Grillparzer

Release date: October 1, 2005 [eBook #9058]
Most recently updated: January 2, 2021

Language: German

Credits: Produced by Mike Pullen and Delphine Lettau

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK EIN TREUER DIENER SEINES HERRN ***

Produced by Mike Pullen and Delphine Lettau.

This Etext is in German.

This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE.
That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/.

Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE" zur Verfügung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar.

EIN TREUER DIENER SEINES HERRN

von

FRANZ GRILLPARZER

Trauerspiel in fünf Aufzügen

Personen:
König Andreas von Ungarn
Gertrude, seine Gemahlin
Bela, beider Kind
Herzog Otto von Meran, der Königin Bruder
Bancbanus
Erny, seine Frau
Graf Simon, Bruder des Bancbanus
Graf Peter, Ernys Bruder
Der Hauptmann des königlichen Schlosses
Zwei Edelleute von Herzog Ottos Gefolge
Mehrere Hauptleute
Ein königlicher Kämmerer
Ein Arzt
Eine Kammerfrau der Königin
Ernys Kammerfrau
Zwei Diener des Bancbanus
Zwei Diener der Königin
Ein Soldat

Erster Aufzug

Saal in Bancbanus' Hause. Hohe Bogenfenster, altertümliches, unscheinbares Geräte schicklich verteilt. Lichter auf dem Tische. Vor Tagesanbruch.

Bancbanus im Vorgrunde am Tische stehend. Zwei Diener sind beschäftigt ihn anzukleiden. Der eine hält den Kalpak, der andere kniet, die Sporne befestigend.

Von der Straße herauf (tönt unter Geschrei, Gelächter und Händeklatschen).

Bancbanus! Ho, Bancbanus!

Bancbanus.
Der Sporn da drückt!

Erster Diener.
Ach Herr!

Bancbanus.
Bei toll und unklug!
Du ziehst ja fester an! Laß nach! laß nach!

Erster Diener.
Man weiß kaum, was man tut!

Bancbanus.
So schlimmer denn!

Erster Diener.
Der Lärm—

Bancbanus.
Was nur?

Erster Diener.
Dort unten auf der Straße—

Bancbanus.
Was kümmert dich die Straße? Sieh du hier!
Ein jeder treibe, was ihm selber obliegt,
Die andern mögen nur ein Gleiches tun.

Gesang (zur Zitherbegleitung auf der Straße).
Alter Mann
Der jungen Frau,
Ist er klug,
Nimmt's nicht genau!

Viele Stimmen (unter Lärm und Gelächter).
Bancbanus! Ho Bancbanus!

Erster Diener (die Faust vor die Stirn gedrückt).
Daß Gift und Pest!

Bancbanus (der mittlerweile den Gürtel umgebunden hat).
Den Säbel nun!

Erster Diener.
Ach Herr!
Ihr wolltet?

Bancbanus.
Was?

Erster Diener (den Säbel halb ausgezogen).
Den Säbel aus der Scheide,
Das Tor geöffnet, wir da hinter Euch,
Hineingesprengt ins höhnende Gelichter,
Und—hui!—wo waren sie?

Bancbanus.
Bist du so kriegrisch?
Ich will dir einen Platz im Heere suchen!
Hier wohnt der Frieden; ich bin nur sein Mietsmann,
Sein Lehensmann, sein Gast.
Verhüte Gott, daß er mich lärmend finde,
Und Miet' und Wohnung mir auf Unzeit künde!
Die Narrenteidung laß, und gib den Säbel.
(Er gürtet ihn um.)
Der Ungar trägt im Frieden auch den Stahl,
Zückt er ihn gleich nicht ohne herbe Wahl;
Wie denn der Ehemann den Reifen, den er trägt,
Auch in der Fremde nicht vom Finger legt.
Der Säbel an der Hüfte soll nur kunden,
Daß Ungar und Gefahr wie Mann und Frau verbunden.
Nu, nu, laß nur und geh!

Erster Diener.
Ach Herr, mein Herr!
Sie werfen Sand und Steine nach dem Fenster!

Bancbanus.
So mach es auf; die Scheiben kosten Geld;
Sind sie geöffnet, schaden keine Würfe.
Den Kalpak reiche du, ich muß aufs Schloß.
Der König will mit Tagesanbruch fort.
Was ist die Glocke?

Zweiter Diener.
Vier Uhr!

Bancbanus.
Hohe Zeit.
Sieh du nach meiner Frau.

Erster Diener (am Fenster).
Dort stehen sie!

Bancbanus.
Laß stehn! laß stehn!

Erster Diener.
Der Prinz inmitten drin.

Bancbanus.
Was Prinz?

Erster Diener.
Ich hab's gesehn!

Bancbanus (mit halb gezücktem Säbel).
Gesehen, Schuft?
Hätt' ich's gesehn mit diesen meinen Augen,
Weit eher glaubt' ich, daß ich wachend träume,
Als Übles von dem Schwager meines Herrn!
Geh fort!—Muß ich hier toben wie ein Fant,
Scheltwort' ausstoßen—und—bei toll und unklug!—
Ein Rat des Königs!—Nu, ein feiner Rat!
Ei wollt' ich doch, du wärst auf Farkahegy.
Zwölf Steine über dir!—Ei, dies und das!
Geh sag ich, geh! Ich will nicht weiter sprechen.

(Dienerin kommt mit einem Becher.)

Was bringst nun du?

Dienerin.
Den Frühtrunk, gnäd'ger Herr!

Bancbanus.
Setz immer hin!—Ist meine Frau schon wach?

Dienerin.
Ja wohl!

Bancbanus.
Jawohl?—Warum denn kommt sie nicht?
Ja wohl ist zweimal ja; wenn zweimal wach denn,
So sollte sie doch mindstens einmal kommen!
Ja wohl! Gott segne mir die Redensarten!
Ein andermal sprich. Ja! Nun also denn!
Warum nur kommt sie nicht?

Dienerin.
Ich sollte fragen,
Ob Ihr erlaubt?

Bancbanus.
Ich gebe mich gefangen!
Die Torheit, merk ich, steckt, wie Fieber, an.
Ob ich erlaube, frägt sie? Guter Gott!
Soll ich erlauben, und hab nie verwehrt!
(Erny erscheint an der Türe.)
Ei, Erny, grüß dich Gott! Was ficht dich an?
Läßt du durch Kämmrer mich um Einlaß bitten?
Ich bin ein Feind von Neuerungen, Kind!
Mach mir nichts Neues, bitt ich dich gar sehr!

Erny (nach vorn kommend).
So zürnt Ihr nicht?

Bancbanus.
Warum denn?—Ja, dort unten?
Die Straße, Kind, ist jedermanns Gemeingut.
Wir haben sie nicht herbestellt, wir können,
Genaugenommen, ihnen's auch nicht wehren.
Ob's gleich nicht artig ist, so früh am Tage
Die Schläfer schon zu stören durch Gesang.

Erny.
Doch wißt Ihr denn auch, wer?—

Bancbanus.
Ich mag's nicht wissen.

Erny.
Gertrude sagt,—der Prinz—

Bancbanus.
Nu, sei's darum!
Der gute Herr hat Muße, laß ihn schwärmen!

Gesang (auf der Straße).
Schön Erny, lieb und gut,
Verschläfst dein junges Blut,
Vermählest ohne Scheu
Dem Winter deinen Mai.

Viele Stimmen.
Bancbanus! Ho Bancbanus!

Bancbanus (der während des Gesanges den Becher ergriffen und
getrunken hat).
Der Mittlere singt falsch, und hält nicht Takt.
Daß Gott! Ein schlechtes Lied verdirbt die reinste Kehle!

Erny.
Ha, Scham und Schmach!

Bancbanus.
Für wen? Mein liebes Kind!
Nur eine Schmach weiß ich auf dieser Erde,
Und die heißt: unrecht tun!

Erny.
Allein, die Worte!
Des argen Liedes Worte, die sie sangen.

Bancbanus.
Ich achtete nicht drauf und rate dir ein Gleiches.
Der Vorzug ist's der Worte vor den Taten,
Sie schäd'gen nur, wenn man sich ihnen leiht.
Nun laß von anderm uns, von Nöt'germ sprechen.
Der König zieht nach Halisch mit dem Heer,
Des Reiches alte Rechte zu bewahren;
Mit Tagesanbruch will er heute fort,
Ich bin beschieden, samt den andern Räten,
Zu hören noch sein königlich Gebot.
Ich geh aufs Schloß.

Erny.
Wie? jetzt?

Bancbanus.
Warum denn nicht?

Erny.
Jetzt, da das Haus von jenen tollen Haufen
Umlagert steht?

Bancbanus.
Mein Kind, gib dich zufrieden!
Die lauten Kläffer scheu ich nicht zumeist!
Ich geh in meines Königs Dienst und Auftrag;
Und dann: hätt' ich dies Haupt an sechzig Jahre
Aufrecht getragen unter Sturm und Sonne,
Damit ein junger Fant sich mutig fühlte,
Zu mehr, als drauß zu lärmen vor der Tür?
(Auf die Brust schlagend.)
Sei ruhig, Kind, mein Wächter geht mit mir.
Ich also will nach Hofe. Du indes,
Wenn's anders dir gefällt, zieh dich zurück
Ins Innere des Hauses, hörst du wohl?
Verlischt das Licht hier, und ermangelt Antwort,
So wird der Poltrer seines Polterns satt
Und geht zuletzt von selbst. Willst du, mein Kind?

Erny.
Wie gern!

Bancbanus.
Nun denn, leb wohl! Noch einen Kuß!
Doch nein! So aufgeregt, das hieße rauben,
Komm ich zurück, so gibst du ihn wohl selbst!

Erny (in seine Arme eilend).
Mein Gatte!

Geschrei (auf der Gasse).
Bancbanus! Ho Bancbanus!

Bancbanus. Lärmet, lärmt nur zu! (Die Hand auf Ernys Herz legend.) Wenn's ruhig hier, (auf seine eigne Brust) ist hier auch alles Ruh'.

(Geht ab. Die Diener folgen.)

Erny (bleibt in horchender Stellung, nach der Türe gekehrt, stehen).
Er geht.—Nun sind sie still! Horch!—Es war nichts!

Kammerfrau (die ein Licht ergriffen hat).
Beliebt's Euch, gnäd'ge Frau?

Erny.
Ja so!—ich komme!
(Zum Gehen gewendet.)
Sonst war der Prinz doch artig, scheu vielmehr.
Was sah er wohl an mir, das ihm zu solchem
Tolldreistem, frevlem Treiben gab den Mut?
Komm, komm, wir wollen noch ein Stündchen schlafen!

(Geht ab, die Kammerfrau mit dem Lichte voran.)

* * * * *

Straße vor Bancbanus' Hause.

Otto von Meran, und Edelleute von seinem Gefolge. Sie halten zum
Teile musikalische Instrumente.

Erster Begleiter.
Das Licht verschwindet oben in der Kammer.

Otto.
Beachtet man so wenig unser Tun?
Schlag einer an das Tor, und jubelt laut!
Ich will ihn reizen, will! und gält's das Ärgste!

Erster Begleiter (am Tore horchend).
Der Riegel klirrt, man dreht den Schlüssel, Herr!
Der Feind tut einen Ausfall, wie es scheint.

Otto.
Zieht euch zurück, und harret, was geschieht.

(Sie ziehen sich zurück.—Das Tor wird geöffnet. Bancbanus tritt heraus, vor ihm ein Diener mit einer Fackel.)

Bancbanus (zum Pförtner).
Verschließ das Tor genau und öffne niemand,
Bis ich zurückgekehrt. Hörst du?—Nun gut!

(Das Tor wird geschlossen.)

Erster Begleiter (leise).
Es ist Bancbanus selbst!

Zweiter Begleiter.
Er geht nach Hofe.

Otto.
Gebt ihm noch einen Ärger auf den Weg!

Erster Begleiter (laut).
Der Dachs fährt aus dem Bau!

Otto.
Windhunde vor!

Erster Begleiter.
Melamp!

Zweiter Begleiter.
Garzaun!

Erster Begleiter.
Baff, baff!

Zweiter Begleiter.
Bau, bau!

Diener.
Seht Ihr?
Im Finstern stehen sie!

Bancbanus.
Was kümmert's dich?
Geh mit dem Licht voran, und leuchte! Fort!

(Quer über die Bühne gehend, ab.)

Otto (nach vorn kommend).
Er ist nicht aufzubringen, nicht zu ärgern,
Was ich beginn, er spottet meiner Wut!
Ich will ihm nach, ich will ihn stehen heißen,
Ihm lachen in sein glotzend Angesicht;
Ihr werdet sehn, die hochgekniffnen Brauen,
Sie senken sich um keines Haares Breite;
Die Falten alle seiner Lederhaut,
Sie bleiben, wie sie Zeit und Stumpfheit bogen.
Ich zupf ihn an dem Bart, er merkt es nicht!
Ich ras und tob, er aber fragt: Was nun?
Setzt mich nach Frankreich, bringt nach Welschland mich!
Der Mann, der Bruder, der mein Liebchen hütet,
Er mische Gift, er sende Mörder aus!
Den Todesdolch in der durchstoßnen Brust,
Will sterbend ich ihm sagen: wohlgetan!
Doch dieser Gleichmut foltert, martert mich!
Bringt Licht! ich will mein Toben sehn!

Erster Begleiter.
Allein
Bedenkt, erlauchter Herr!

Otto.
Bedenken? was?

Erster Begleiter.
Die Nachbarschaft!

Otto.
Ich lache dieser Tröpfe!
Ist meine Schwester Königin im Land,
Daß ich viel fragen soll nach Brauch und Sitte?
Ich wollt' ihn ärgern; seht, das war der Punkt!
Ihn, der die Jagd mir hemmt, die Lust verdirbt.
Was kümmert mich sein Weib mit ihrem blonden Haar?
Nicht einmal blond, aus Gelb und Fahl gemischt;
Mit ihrem Antlitz, weiß und weiß und weiß,
Kaum auf den Wangen rötlich überstrahlt.
Schön ist sie wohl!—Wenn dieses blaue Auge,
So ernst und schroff, und doch so feurig auch,
Wenn's je—Ich sage dir, ich hab's gesehn,
Wie sie im vollen Kreis des ganzen Hofes
Die teilnahmsvollen Augen, blau und groß,
Nach mir hin richtete, minutenlang,
In starrer, wohlgefälliger Betrachtung.
Von mir ertappt, von meinem Blick begegnet,
Zog sie den ihren nicht verstohlen ab;
Nein noch verweilend, wie ein kühner Feind,
Der nicht den Rücken kehrt, und langsam weicht,
Ertrug sie die Begegnung, und erst spät,
Willkürlich, nicht gezwungen, kehrte sie
Von mir den frost'gen Strahl. Es war nicht Liebe,
Ich geb es zu; doch Wohlgefallen war's.
Allein, was kümmert's mich? Was frag ich viel
Nach ihr und ihrem Blick? Noch andre Weiber,
Und schönre Weiber gibt's, und minder spröde,
Mich reizt es nicht, zu schmelzen diesen Schnee,
Zu Eis gedämmt in ihres Mannes Gletschern;
Den Mann zu ärgern gilt's, der meiner Werbung
Durch seine Sicherheit zu spotten scheint.
Was sonst sich gibt, als Zutat nehm ich's hin;
Reicht mir die Zither! Noch den letzten Sturm.

(Der Hauptmann des königlichen Schlosses tritt auf, von einem Diener begleitet.)

Hauptmann (zum Herzog).
Wo weilt der Herzog Otto von Meran?
Ist er zugegen?

Otto.
Nein!

Hauptmann (zum Gefolge gewendet).
Man sagte doch—

(Ottos Begleiter weisen schweigend auf ihren Herrn.)

Hauptmann (zu Otto zurückkehrend).
Verzeiht, ich kannt Euch nicht, die Schatten trügen!

Otto.
Ich muß doch selber wissen, wo ich bin!
Der Herzog ist nicht hier; er will nicht hier sein!

Hauptmann.
Doch sendet mich die Kön'gin, Eure Schwester.

Otto.
O Schwesterliebe, lästig schon als Liebe!
Was will sie denn, die Schwester, stets besorgt?

Hauptmann (halb leise).
Sie läßt Euch bitten, eilig heimzukehren.
Der König will zur Stunde fort. Sie hofft
Ihn noch ein Weilchen aufzuhalten, und
Das Äußerste, das Letzte zu versuchen,
Um ihren Wunsch, sich Euch, solang er fern,
Beizugesellen in des Reichs Geschäften,
Beim Abschied zu erlangen. Zwar sie zweifelt.
Doch sollt Ihr heim, damit, wenn's doch gelänge,
Ihr Euch beflissen zeigt, durch kluge Worte
Befestiget den Eindruck, den sie hofft.

Otto.
Nun denn, es sei! Es ist ihr Lieblingswunsch;
Sie fügt sich gerne sonst auch meinen Wünschen.
Obgleich mich selbst erborgte Herrschaft,
Geteilte Herrschaft nimmermehr erfreut.
Kommt! die Belagerung ist aufgehoben!
Der Feind erhole sich, und träum indessen
Von seinem, der zuletzt wohl unser Sieg.

(Alle ab.)

* * * * *

Saal in der königlichen Burg.

König Andreas, völlig gerüstet, tritt aus der Seitentüre links. Die Königin, im Nachtkleide, folgt, ihn zurückhaltend. Ein Kämmerer, der des Königs Helm trägt, öffnet die Türe.

Gertrude.
Ich bitt Euch, weilt noch länger, mein Gemahl!

König.
Geliebtes Weib, du weißt, es drängt die Pflicht.

Gertrude.
Doch drängt auch Liebe, jeden, der sie fühlt.

König.
Schon eine Stunde gab dir der Gemahl,
Der König darf dir keine zweite geben.
Der Tag bricht an, das Heer erwartet mich.
(Zum Kämmerer.)
Ruft meine Räte, ruft den ganzen Hof,
Daß sie vernehmen ihres Königs Willen.

Gertrude (zum König).
Halt noch!—Verzeiht! Es ist die Gattin nicht,
Es ist das Reich, das noch zwei Worte fordert.
(Zum Kämmerer.)
Verweilt im Vorgemach, bis man Euch ruft.

(Der König winkt gewährend. Der Kämmerer geht ab.)

Gertrude.
Ich weiß, Ihr ruft den Hofhalt und die Räte,
Um für die Zeit, da Ihr vom Lande fern,
Zu ordnen die Regierung, das Geschäft.
Den ersten Platz im Staate nun, ich weiß es,
Weil Eure Lieb' ich kenn, und ihr's verspracht,
Bestimmt Ihr mir, der Mutter Eurer Kinder,
Der treusten Hüterin von ihrem Erbe.
Insoweit dank ich Euch und bin zufrieden.
Doch ist noch eins, das mich mit Sorg' erfüllt.

König.
Und was, Gertrude, sprich!

Gertrude.
Ihr habt erklärt,
Ob nun mit Recht, mit Unrecht, stell ich hin,
Daß manches sich ergibt im Kreis des Herrschers,
Das rasch persönliches, selbsteignes Walten,
Zutun und Fassen fordert und bedingt
Und eines Männerarms bedarf.

König.
So ist's.

Gertrude.
Den Mann nun, der vollziehe, was beschlossen,
Erübrigt noch zu nennen, zu bestimmen.

König.
Auch dafür ist gesorgt!

Gertrude.
O stille! still!
Sprecht keinen Namen aus, der, ausgesprochen,
Zu Schlüssen stempelt prüfende Gedanken,
Und Euch zu halten nötigt das Gesagte;
Nicht weil es gut, nein, weil Ihr es gesagt.
Wenn Ihr mich liebt, wenn ich Euch jemals wert,
So gebt den Herzog, meinen Bruder, mir
Als Mitgenoß des fürstlichen Geschäfts.
Ich seh es, Eure Stirne runzelt sich.
Ihr liebt ihn nicht! Schon oft hab ich's bemerkt,
Mit Schmerz, mit tiefem Kummer es bemerkt,
Ihr liebt ihn nicht!

König.
Ich liebe, was ich achte.

Gertrude.
So achtet Ihr ihn nicht? Wer darf das sagen?
O glaubt nicht, was der Neid von ihm berichtet,
Die Scheelsucht, die nur lobt, was klein wie sie.
Der Schwester glaubt, die ich ihn kenn und liebe;
Die ich ihn liebe, ja! denn wahrlich, Herr,
Die Liebe nur erkennt und ist gerecht.
Ihr gebt ihm Fehler. Sei's! doch schaut um Euch,
Wo lebt der Mann hier Landes, ihm vergleichbar?
Sprech ich zuerst von seines Äußern Gaben?
Wie sie so herrlich sind, unübertroffen,
Und alle dienstbar seinem kühnen Geist.
Sein blitzend Aug', es blitzt auch auf die Feinde,
Der frische Mund macht Überredung süß,
Die Heldenbrust, der Glieder kräft'ger Bau
Verkündet ihn als Herrn und als Gebieter.
Glaubt Ihr, ein Meuter wagte zu bestehn,
Mit dem Gefühl der Schuld in seiner Brust,
Vor eines solchen Blick?—Fürwahr, fürwahr!
Des Geistes hohe Gaben acht ich alle,
Doch erst, wenn so des Äußern Trefflichkeiten,
Herolden gleich, vor ihnen her trommeten,
Dann ziehn sie ein als Könige der Welt.

König.
Du bist begeistert!

Gertrude.
Ja, ich bin's, und weh mir,
Wenn ich's nicht wäre, wo es Würd'ges gilt.
Sagt selbst, ist nicht mein Bruder tapfer, klug,
Entschlossen und verschwiegen, listig, kühn,
Kein Zaudrer?

König.
Ja.

Gertrude.
Was fehlt ihm also?

König.
Sitte!

Gertrude.
Nun, er ist jung, viel geht der Jugend hin,
Und viel erreicht sie selbst durch ihre Fehler.
Er ist geschäftlos, gebt ihm ein Geschäft!
Und dann was tut er auch? Er schwärmt, er liebt.
In Frankreich achtet man den Jüngling wenig,
Der nicht bei Weibern gilt, im Zwist der Minne
Den Geist vorübend schärft für ernstern Zwist.

König.
So üb' er sich in Frankreich, wo man's duldet,
Und abgeklärt, sei er willkommen mir.
Von andern Völkern borgt das Schlimme nicht,
Wer weiß, ob euch erreichbar ist ihr Gutes?
Der Franke mag durch manche hohe Gaben
Den Leichtsinn adeln, dem er gern sich gibt;
Mein Land bewohnt ein einfach stilles Volk,
Zu jeder Art des Guten rasch und tüchtig,
Doch Sitte hält ihr unverrückbar Maß
Streng zwischen allzuwenig, und zuviel,
Und bannt den spröden, überscharfen Sinn.
So ist, so muß es sein, so soll es bleiben!

(Geht gegen die Mitteltüre zu.)

Gertrude.
Hört nur noch eins.—Ihr nanntet oft mich stolz,
Ein kühnes Weib, vergleichbar einem Mann.
Ich war's, ich bin's! Und doch—seht mich hier knien.
(Sie kniet.)
Gebt meinen Bruder mir als Reichsgehilfen!
Gönnt ihm den Namen nur! Ich will ihn hüten,
Er soll nichts tun, um was ich nicht gewußt.
Wie einem Vogel man die Flügel schneidet,
Nun hüpft er frei, und dünkt sich frei, und ist's nicht.
So will ich halten ihn, mit Liebe füttern,
Und er soll Dank mir zwitschern, und gedeihn.
Gönnt ihm den Namen nur, daß er sich fühle,
Zufrieden sei, zum erstenmal zufrieden.

(Der König hat sie aufgehoben.)

Ihr seht mich schwach; ich schäme mich, und doch
Kann ich nur wiederholen: Tut's, o tut's!

König.
Macht mich der Bruder eifersüchtig nicht?

Gertrude.
Nicht so! Ich liebe dich, weiß Gott, wie innig!
Doch war die Zeit, da ich dich noch nicht kannte.
Erst nach durchlebter Jugend fand ich dich,
Und seitdem wandelt auch mein Geist mit dir.
Doch er, an seiner Wiege stand ich schon,
Er war die Puppe, die ich tändelnd schmückte;
Mein Vaterland, der Eltern stilles Haus,
Mein erst Gefühl, die Kindheit lebt in ihm.
Ich grollte stets, daß ich ein Mädchen war,
Ein Knabe wünscht' ich mir zu sein, wie Otto.
Er wuchs heran, in ihm war ich ein Jüngling,
In ihm ging ich zur Jagd, bestieg das Roß,
In ihm lockt' ich des Burgwarts blöde Töchter.—
Ihr wißt, wie ich die Zucht als Weib gehalten,
Doch tat mir's wohl, in seinem kecken Tun
Traumweis zu überfliegen jene Schranken,
In die ein enger Kreis die Weiber bannt.
Er ist mein Ich, er ist der Mann Gertrude,
Ich bitt Euch, trennt mich nicht von meinem Selbst!
Soll er mein Helfer sein, wir wollen leben
Wie drei Geschwister, Euer Volk das dritte!
Soll er?

König.
Was machst du, Weib, aus mir?

Gertrude.
Soll er?

König.
Nun wohl, ich will ihn sprechen.

Gertrude.
Dank, o Dank!

König.
Du dankst zu früh! Nur einen Teil der Macht,
Das Heer vielleicht, soll er indes verwalten,
Und unter Aufsicht.

Gertrude.
Unter mir! das Ganze.

König (mit dem Fuße stampfend).
Hollah!

(Der Kämmerer tritt ein.)

Ruft meinen Schwager, Herzog Otto!
Ihr zögert?—

Kämmerer.
Herr!

Gertrude (gegen den Kämmerer, der indes Gebärden gemacht hat).
Mein Bruder ist nicht wohl.

König (zum Kämmerer).
Bei deinem Kopf! Wo ist der Herzog Otto?

Kämmerer.
Herr, nicht daheim!

König.
Seit wann?

Kämmerer.
Die ganze Nacht.

König (zu Gertruden).
Ihr seht, der Reichsverweser hat Geschäfte,
Wir wollen sie nicht lästig noch vermehren.
(Er öffnet selbst die Mitteltüre.)
Herein, wer noch im Vorsaal! Herrn und Räte!
Laßt uns besorgen, was noch weiter obliegt.

Kämmerer (zur Königin).
Erlauchte Frau—

Gertrude.
Daß du verdammt wärst!
(Sie zerreißt ihr Schnupftuch.)

(Die Großen und Räte sind indes mit Verbeugungen eingetreten. Darunter
Bancbanus, die Grafen Simon und Peter. Sie ordnen sich im Mittelgrunde.
Der König steht vorn am Tische rechts. Die Königin ihm gegenüber auf der
linken Seite.)

König.
Edle Herrn!
Die Pflicht ruft mich aus eurer Mitte fort.
Galizien, das Ungarns altes Anrecht,
Durch Erb' und Unterwerfung uns zu Dienst,
Man sucht durch Trug und schlaugelegte Ränke
Es abzuziehn von der beschwornen Pflicht.
Mein Heer erwartet mich, daß wir versuchen,
Was die Gewalt vermag im Dienst des Rechts.
Ich scheide, lebet wohl. Damit indes—

(Herzog Otto kommt, sich durch die Versammlung durchdrängend, die er mit den Augen mustert.)

Otto.
Wie? Keine Frauen hier? Nur Bärte, Bärte?
Ah, Schwester!

Gertrude.
Sieh, Unsel'ger! Dort der König!

Otto.
Nun schön! Ich dacht', Ihr wärt schon abgereist!
(Geht auf ihn zu.)

König.
Beliebt's Euch, tretet dorthin, Herr! Wir haben
Noch ein'ge Kleinigkeiten abzutun.
Nicht hier! Ich bitt Euch, dort! Wir werden eilen!

(Otto geht quer über die Bühne und stellt sich in die Nähe der Königin.)

Nun denn. Solang ich fort, vom Lande fern,
Wird meine Frau hier, eure Königin,
Vertreten meine Statt. Ihr gebt die Ehren,
Sonst mir gezollt. Sie wird im Rate sitzen,
Vollziehn mit Unterfert'gung das Geschäft.
Sie teilt Belohnung, leiht im Lehenhof;
Was Gnade gibt, empfängt man nur durch sie.
In Sachen bloß des Rechts, und was noch sonst
Des kühlern Blicks bedarf, und dies Papier benennt,
Stell ich an ihre Seite zum Genossen,
Der auch im Rate sitzt, und ohne den
Nichts von dem übrigen auch wird verhandelt;
Der stets den Vortrag führt, und mir berichtet,
Wo sich in Wichtigem die Meinung teilt
(Pause, in der er die Räte fixiert.)

Gertrude (zu Otto).
Unglücklicher, warum kamst du so spät?

König.
Zu alledem zum Reichsgehilf ernenn ich—
Tritt vor Bancbanus! Hier!—Ernenn ich dich!
Sei du ihr Aug' und Ohr, sei Hand und Arm,
Sie wird der Geist sein, der durch dich gebietet.
Stets warst du treuer Diener deines Herrn,
Du wirst's auch hierin sein.

Bancbanus.
Ach Herr, bedenkt!

König.
Es ist bedacht!

Bancbanus.
Ich bin ein schwacher Mann!

König.
So minder wohl verlockt dich die Gewalt!

Bancbanus.
Bin alt!

König.
Ist Herrschen denn ein Knabenspielwerk?
Ich hab's gesagt, und reif erwogen auch;
Dein Weigern zeigt mir, daß ich recht gewählt.
Wo ist mein Sohn? bringt meinen Sohn zum Abschied!
Hier, dies Papier bezeichnet deinen Kreis;
Wie vorwärts nicht, so rückwärts nicht gefußt!
Denn, was du darfst, ist dem gleich, was du mußt.
Kannst du den Herzog hier im Heere brauchen,
So tu's; wenn nicht, ich stell es dir anheim.
Geh hin, und küß die Hand der Königin,
Sei ihr zu Dienst, und bitt um ihre Gnade.
Wo ist mein Sohn?

Bancbanus (sich der Königin nähernd).
Erlauchte Frau, erlaubt!

Gertrude (ihre Hand heftig zurückziehend).
Tolldreist und Tor!

König.
Was ist? Gertrude, wie?
Verweigerst du die Hand dem Manne, dem—
Gott und Gericht! Ist das der volle Dank?
Beginnt der Unfried, eh' ich noch geschieden?
Gib deine Schrift! Bancbanus, gib die Vollmacht!
Vor weiterm will ich wohl mein Land bewahren!
Die Königinnen saßen sonst am Kunkel,
Solang ihr Mann im Feld. Bancbanus, gib!
Ich will Euch Grenzen setzen, daß Ihr's wahrnehmt,
Und wärt Ihr blind vor Hochmut und vor Grimm!

Gertrude.
Hier meine Hand! Ich werd Euch gnädig sein,
Wenn Ihr's verdient.

König.
Geh hin, Bancban, geh hin!
Was? Seh ich recht? Wohl eine Träne gar?

Bancbanus.
Ich sagt Euch's, Herr! Ich tauge nicht dafür!

König.
Du taugst, mein Freund, nur du! Küß ihre Hand.
Ob heftig zwar, ist sie gerecht und klug.

(Man hat den kleinen Bela gebracht. Bancbanus küßt die Hand der Königin.)

Und nun, lebt wohl! Gertrude, teures Weib!
Bela, mein Sohn! Mein gutes, liebes Kind!
Lebt wohl, ihr alle! alle meine Freunde!
(Zu Bancbanus.)
Vor andern aber wend ich mich zu dir,
Dem ich mein Haus vertraue, Weib und Kind.
Als ich dich wählte, dacht' ich Ruhe mir,
In Feld und Stadt, in Schloß und Hütten Ruhe.
Die fordr' ich nun von dir. Kehr ich zurück,
Und finde sie gestört, die fromme Ruhe;—
Nicht strafen werd ich dich, nur dich vermeiden,
Und stirbst du, setzen auf dein ruhmlos Grab:
Er war ein Greis, und konnte sich nicht zügeln;
Er war ein Ungar, und vergaß der Treu;
Er war ein Mann, und hat nicht Wort gehalten!
Doch wird's nicht kommen so, ich weiß, ich weiß!
Lebt alle wohl, und Gott sei über euch!
(Er geht.)

Alle (drängen sich um ihn, indem sie rufen):
Heil auf den Weg!
Glück zu!
Kehrt siegreich wieder!

Zweiter Aufzug

Saal im königlichen Schlosse. Im Hintergrunde führt eine große, zu Anfang geschlossene Pforte nach den äußern Galerien. Rechts, im Vorgrunde, ein erhöhter Lehnsessel, im Halbkreise herum mehrere Stühle. Seitentüren. Zunächst der Türe rechts ein bedeckter Tisch.

Die Königin sitzt, von den Räten umgeben, Bancbanus, Schriften in der Hand, steht, und trägt vor.

Bancbanus.
Obgleich die Kinder zweiter Ehe nun
Dagegen Einspruch tun, so sagt ein Blatt,
Vollzogen vom Testator eigenhändig,
Ein rechtsbeständig, kräftig Kodizill—
Wo steckt es nur?
(Seinen Nachbar anblickend.)
Ihr Schwager? Seid so freundlich,
Und haltet mir die Schriften, daß ich suche.
(Er gibt Graf Petern einen Teil seiner Schriften und sucht in den übrigen.
—Herzog Otto tritt zur Türe linker Hand ein.)

Otto.
Noch nicht geendigt?

Königin.
Eben.—
(Zu den Räten.)
Gut für heute!
Die Sitzung, edle Herrn, ist aufgehoben!

(Die Räte stehen auf, die Königin tritt zu ihrem Bruder.)

Bancbanus (noch immer suchend).
Mein Schreiber hat's verschoben. Daß dich doch!

Königin.
Wie er mich langweilt nur, der alte Tor!
Glück auf, Ihr Herrn! wir sehen uns demnächst.

Sie entläßt mit einer Kopfneigung die Räte, diese gehen.—Königin zu Otto.)

Ich merke festlich Treiben hier im Schloß,
Was schafft man?

Bancbanus.
Seht! Da hab ich's doch gefunden.
Kraft dieses Dokuments—Wo sind die Räte?

Königin.
Sie gingen, so geduldig nicht, als ich,
Im Schloßhof wohl nach Eurer Schrift zu suchen!

(Otto lacht laut auf.)

Bancbanus (die Schrift emporhaltend).
Hier ist die Schrift!—Nu, nu, im nächsten Rat
Erwägt man—

Königin.
Sprach ich denn nicht schon: gewährt?

Bancbanus.
Gewährt! gewährt! Lag diese Schrift nicht vor,
So war nichts zu gewähren!
(Er steckt die Schrift wieder unter die Papiere.)
Liege du!
Zu seiner Zeit kommt noch das Wort an dich.

Königin.
Was also sind die Festlichkeiten, die—?

Otto.
Kommst du mit mir, so sollst du selber sehn!

(Königin gibt ihm den Arm.)

Bancbanus.
Vorerst nur eines noch!

Königin.
Das nenn ich lästig!

Bancbanus.
Der Fall ist lästig, ja, und dringend auch.
Landfahrer haben, höchst verdächtig Volk,
Bei Bihar sich gezeigt. Es wird nun nötig,
Zweihundert—

Otto.
Säcke!

Bancbanus.
Wie?—Es wird nun nötig,
Zweihundert—

Otto.
Säcke!

Bancbanus.
Reiter, gnäd'ger Herr,
Dahin zu senden. Wenn Eu'r Gnaden Bruder,
Der Herzog, nun nach Tätigkeit verlangt,
So könnte man der Reiter Führung ihm—

Otto.
Sehr gnädig, in der Tat!

Königin.
Das ist zuviel!
Ihr schmeichelt, wie das Tierchen in der Fabel.
Mein Bruder soll zweihundert Reiter führen?
Schickt Euren Schwager—Euren—was weiß ich?!

Bancbanus.
Wie Ihr befehlt.—

Königin.
Und schweigt für jetzt, ich bitte!
Wem also gelten jene Festlichkeiten,
Die man bereitet, seh ich, rings im Schloß?

Otto.
Ich wollte früher schon dir alles melden,
Doch diese Herrn—(Zu Bancbanus.) Beliebt's Euch, Platz zu nehmen?
Wie, oder dünkt Euch ein Spaziergang besser
In freier Luft? Wir haben schönes Wetter.

Bancbanus.
Ich bleibe noch, ich bin noch nicht zu Ende.

Königin.
Wie also? sprich!

Otto.
Du weißt, wir feiern heute
Das Wiegenfest des Kleinen, deines Sohns.
Die Herren sind, die Fraun bei ihm versammelt
Und binden ihn mit kleinen Gaben an.
Da hab ich denn gewagt, in deinen Zimmern
Dem Feste zu bereiten noch ein Fest.
Die Meinung war, dich erst zu überraschen,
Doch liebst du, weiß ich, Überraschung nicht.
Drum sieh, ach, und verzeih!

(Er hat die Seitentüre rechts geöffnet, die Königin sieht hinein.)

Königin.
Du guter Bruder!

Otto.
Nun hier noch.

(Er klatscht in die Hände, die Seitentüre links öffnet sich. Der kleine
Bela läuft herein, mit kindischen Gaben schimmernd behangen. Hinter ihm
Herren und Damen, darunter Erny.)

Bela.
Mutter! Mutter!

Königin (zu ihm niedergekauert und ihn küssend).
O mein Kind!
(Ihrem Bruder die Hand drückend.)
Was soll ich sagen? (Zum Kinde.) Und so reich beschenkt!
Habt Dank, Ihr Herrn! Ihr edlen Frauen, Dank!
Für alles, was Ihr unserm Sohne gönnt.
Wir stünden tiefer noch in Eurer Schuld,
Wenn unser Bruder, Herzog Otto hier,
Nicht der Vergeltung Pflicht auf sich genommen.
Nehmt teil denn an dem Feste, an den Freuden,
Die er für uns, die er für Euch ersann.
Es ist zwar noch am Tag, allein wir wollen
Mit Lust den freud'gen Abend führen ein.
Graf Iwan, Dank!—Ei, Gräfin Erny, gönnt Ihr
Uns auch einmal die schöne Gegenwart?
Wir rauben stündlich Euren Gatten Euch,
Und nicht zu seiner Freude, fürcht ich fast;
Er findet uns zu schülerhaft, zu leicht.
(Zu Otto halblaut.)
Du arger Schalk! das Fest galt also mir?
Ich denk du gabst dir's selbst und deinen Wünschen!

Otto.
Ihr zürnt doch nicht?

Königin.
Was Scherz ist, tadl' ich nicht.
Nun auf! ein jedes wähle den Gefährten,
Dem es bei Tanz und Tisch die Rechte gönnt.—
Nicht so!—Nein, das Verbundne laßt uns trennen!
Des Gatten, des Geliebten Recht erlischt
Beim frohen Fest, das Fremdes soll verbinden.
Ich selbst, da es der Königin nicht ziemt,
Im Scherz auch einen Mann als Freund zu grüßen,
(Zu Erny.)
Erwähle, Gräfin, Euch mir zum Gefährten,
Wenn nicht vielmehr zum Manne mich für Euch.
Gebt mir die Hand! die Rechte!
(Ernys Hand in ihre beide lassend.)
Glaubt, ich lieb Euch!
Mein schönes Kind, ich lieb Euch, weiß es Gott!
Wir tanzen nicht, wir wandeln durch die Gäste,
Und wenn der Hausfrau rings besorgte Pflicht
Mich von Euch ruft, so soll mein teurer Bruder
Vertreten meine Statt. Dann tanzt Ihr wohl
Ein Schrittchen, oder zwei. Seid Ihr's zufrieden?
Mein frommes Kind, ich lieb Euch wahrlich sehr!
Nun fort!

(Die Gäste, die sich paarweise in Ordnung gestellt haben, setzen sich in Bewegung. Königin zu Bancbanus, der noch immer im Vorgrunde rechts steht.)

Was aber machen wir mit Euch?

(Während des Vorigen ist die Türe der Galerie geöffnet worden. Diese ist mit Leuten aller Art angefüllt, die zum Teil Bittschriften halten.)

Wer sind die Leute da?

Bancbanus.
Eu'r hoher Gatte
Empfing um diese Stunde die Suppliken,
Bittschriften aller Art.

Königin.
Tut's denn statt mir!
Ihr liebt die Feste nicht. Weiß Gott, ich fürchte,
Ihr tadelt mir den Tanz, das Mahl, die Gäste.
Bleibt hier, und hört, was jene dort begehren.
Hier ist ein Tisch, Papier und Feder hier.
Für eines jeden Unterhaltung sorg ich.
Eu'r Weibchen soll indes Euch nicht vermissen,
So viel traut mir nur zu! Beliebt's, Ihr Herrn?

(Sie geht mit Erny an der Reihe der Gäste vorüber in die Seitentüre rechts ab, die Gäste folgen.)

Bancbanus (zu einigen Dienern, die zurückgeblieben sind).
Rückt mir den Tisch ein wenig seitwärts! So!
Du läßt die Leute vor! Du übernimmst
Die Schriften, die sie reichen, legst sie hierher!
Die Feder ist wohl stumpf?
(Hält sie vors Auge.)
Nu, nu, sie geht!
Nur Ordnung sag ich euch!
(Zum ersten Supplikanten.)
Was also willst du?
(Er entfaltet die Bittschrift.)
Jan Farkas. Ei mit deiner alten Bitte?
Hat dich der König nicht schon abgewiesen?
Nun glaubst du wohl, weil er vom Lande fern?
Der König ist noch da, hier, siehst du, steht er,
Und drinnen—
(Auf das Zimmer der Königin zeigend, vor sich hin.)
Nu, weiß Gott, drin hüpft und tanzt er.
(Laut.)
Nichts da! Geh fort! Laß Bessern deine Stelle!
(Ein Zweiter tritt vor.)
Die Erbschaftssache! Nu, wir wollen sehn.
Im heut'gen Rat kam's noch nicht zur Entscheidung,
Im nächsten wird's geschehn. Glück auf, mein Freund!

(Hofleute gehen vorüber in die Zimmer der Königin. Sie zeigen mit dem Finger auf Bancbanus, und flüstern sich in die Ohren.—Bancbanus zu einem Dritten.)

Entschäd'gung, weil der Prinz auf letzter Jagd
Die Saat verwüstet.—Er? Der Prinz allein?
Die ganze Saat? Wohl nur des Prinzen Jäger?
Weshalb denn schreibst du: Er? Wo bleibt die Achtung,
Verwünschtes Volk, für eurer Fürstin Bruder?
Man wird den Schaden schätzen und vergüten.
Ich bin ermüdet; bringt mir einen Stuhl!

(Ein Stuhl wird gebracht. Er setzt sich.—Ein Edelmann vom Gefolge des Prinzen, eine Dame führend, aus dem Seitenzimmer links: ein Kämmerer öffnet.)

Edelmann (zur Dame).
Ihr müßt zum Fest, die Königin nimmt's übel.
Sei's auch, daß Ihr nicht wohl, so tanzt denn nicht,
Doch kommen müßt Ihr; es geht glänzend her.
Was ist denn hier? Gehört das mit zum Fest?

(Der Kämmerer spricht leise zu ihm, wobei er lachend auf Bancbanus weist.)

Bancbanus (zu andern Bittwerbern).
Was kniet ihr? Auf! Der König duldet's nicht,
Und ich soll knieen sehn von meines Gleichen?
Ich bin ein Untertan, wie andre. Auf!

Edelmann (lachend).
Nu, das ist lustig! Laßt uns denn hinein!
(Zu Bancbanus im Vorbeigehn.)
Seid Ihr der Pförtner, Herr, des heut'gen Fests?
Was zahlt man Eintritt?

Bancbanus.
Klugheit nicht;
Ihr bliebt sonst haußen wohl!

(Edelmann und Dame ab.)

Verwünschtes Volk!
(Die Bittschrift in der Hand.)
Ich sehe wohl, warum ihr erst gekniet.
Die Bitt' ist unstatthaft. Seht doch! Zehn Goldstück
Für jede Lieferung! Nicht acht, nicht fünf!

Ein Diener (reißt die Seitentüre rechts auf und schreit).
He, Wasser und Zitronen!

Zweiter Diener (zur entgegengesetzten Seite hereinkommend,
schreit ebenso).
Hier!

Bancbanus.
Nu, nu!
Ein wenig sacht!

Erster Diener.
Hier sitzt er. Blitz! Derweile
Setzt Herzog Otto seinem Weibchen zu.
Laß ihn uns schrauben!—Edler Herr, befehlt Ihr
Ein wenig Wasser zu höchstnöt'ger Kühlung?

Bancbanus.
Ja, ja, mein Sohn, gib her!

(Er nimmt das Glas. Die beiden Diener platzen in Lachen aus und laufen davon.)

Was soll denn das?

(Die Grafen Simon und Peter stürzen erhitzt aus den Zimmern der
Königin.)

Peter.
Es ist zuviel!

Simon.
Bancbanus, du noch hier?

Bancbanus.
Wo anders sonst?

Simon.
Fühlst du denn nicht? O sag ihm's,
Sag ihm's, ich bitte dich! Mich würgt der Zorn.

Peter.
Fühlt Ihr denn nicht, daß Ihr der Spott des Hofes?

Bancbanus.
Der Spott? Warum?

Peter.
Daß draußen vor der Tür—

Bancbanus.
Ich übe, was mein Amt. Ei spottet nur!
(Nach rückwärts gekehrt.)
Die Fordrung ist zu hoch, mein guter Freund!
Acht Taler sind genug. Das, Schreiber, schreibe!

Simon.
Bancban, auf Tod und Leben, höre mich!
Heiß diese Leute gehn!
(Auf die Bittwerber zeigend.)

Bancbanus.
Du scherzest wohl?

Simon.
Nun denn, auf die Gefahr, daß sie uns alle hören!
(Halblaut.)
Indes du hier den Pförtner spielst des Festes—
So nannten sie dich drin und lachten! lachten!—
Umschwärmt der Prinz dein Weib.

Bancbanus.
Ich kann's nicht ändern!
Kann ihn nicht ändern, wollt' ich's noch so gern.

Peter.
Er tanzt mit ihr.

Bancbanus.
Zum Tanz ward sie geladen.

Peter.
Drückt ihr die Hand.

Bancbanus.
Er kriegt den Druck nicht wieder,
Dafür bin ich dir gut.

Simon.
Bist du so zahm?
Hab Mitleid mindestens mit deinem Weibe.
Sie fühlt die Schmach, der Scheelsucht Spötterblicke,
Kaum hält des Hofes Brauch sie noch beim Feste;
Doch Unwill' glüht in ihrem Angesicht.

Bancbanus.
Doch Unwill' glüht in ihrem Angesicht.
Das sagst du selbst, und willst: ich soll sie hüten?
Tanz zu! tanz, Erny, zu! Du wahrst dein selbst!
(Er kehrt zu den Bittschriften zurück.)

Simon.
Nun denn, so dulde, was du dulden willst.
Ich kehre heim.

Peter.
Und ich zum Tanz zurück.
Und wagt er's, seiner Frechheit Raum zu geben
Durch leiseste Berührung nur der Hand,
So straf ich auf der Tat sein ruchlos Werben
Und Blut soll ihres Tanzes Estrich färben.

(Die Hand am Säbel, durch die Seitentüre rechts ab. Graf Simon geht auf der entgegengesetzten Seite.—Herzog Otto aus der Seitentüre links mit einem Begleiter.)

Otto (im Auftreten zu Graf Simon).
Ist Gräfin Erny hier?

Simon.
Seht selbst! und seht Euch vor! (Ab.)

Otto.
Unhöflich Tier! Wo aber ist sie hin?
Ihr Gatte hier? Mit eins war sie verschwunden.
(Zu seinem Begleiter.)
Sagt' ich dir nicht, du sollst auf jeden Schritt?—
Komm und vollführe! was ich sonst gebot.
(Im Vorübergehen.)
Bancban, ist Eure Gattin schon nach Hause?

Bancbanus.
Ich weiß es nicht.

Otto.
Nu, nu, es soll sich weisen.
(In den Tanzsaal ab.)

Bancbanus.
Hier ist es allzulaut. Kommt, folget mir,
Im Vorsaal draußen, auf den innern Gängen
Macht leichter das und ruhiger sich ab.
Die Königin verzeiht wohl solchen Wechsel.

(Er faßt die auf dem Tische liegenden Papiere zusammen. Erny, erhitzt und schwer atmend, kommt, sich unter den Supplikanten wegdrängend, durch die Mittelpforte.)

Erny.
Hier, endlich hier! Nun, Gott sei tausend Dank!

Bancbanus.
Je, Kind, was kommt dir an? Vom Tanz erhitzt.
Du gingst wohl durch den Schloßhof? Herr und Gott,
Es kann dein Tod sein, schneidend weht die Luft.
Du böses Kind, was machst du mir für Sorge!

Erny.
Nun ist es gut! Weil nur bei dir! O gut!
(Sie setzt sich in den Stuhl.)

Bancbanus.
Zu luftig ist es hier. Zurück zum Tanz!
Ein Reihen oder zwei erwärmt dich wieder.

Erny (aufspringend).
Zum Tanz? Ich weiche nicht von deiner Seite!
So drück ich mich in deine Nähe, so.
Trotz sei geboten, wer von hier mich trennt!

Bancbanus.
Und dennoch muß es sein. Sieh hier, Geschäfte.

Erny.
Ich geh mit dir, ich falte dir die Blätter,
Ich streue Sand, wie ich wohl oft getan;
Doch nicht in jenen Saal mehr. Nein! fürwahr!

Bancbanus.
Was war denn?

Erny.
Nichts. Doch geh ich nicht von dir.

Bancbanus.
Bancbanus' Weib steht gut in seiner Nähe,
Des Reichsverwesers Frau gehört zum Fest.

Erny.
Gib sie zurück denn, dieses Amtes Bürde,
Sei Ernys Gatte bloß, mit ihr beglückt.

Bancbanus.
Was fällt dir ein? Weil du nicht gern beim Fest,
Soll ich von Hof, Unfrieden herrschen lassen,
Verwirrung rings im Land? Ich hab's versprochen,
Dem König angelobt bei seinem Scheiden,
Den Frieden zu bewahren hier, die Ruh',
Und werd es halten, trifft was immer zu.
Dem Dienste folg ich, folg dem Feste du!

(Die Stiegen herauf tönt Geräusch von Stimmen und Schwertergeklirre.)

Was ist? Horch!—Schwerterklang!?
(Zu einem Diener, der hereinstürzt.)
Mein Freund, was gibt's?

Diener.
Herr, Eures Bruders Diener, und des Prinzen,
Sie streiten, sie sind handgemein, man ficht.

Bancbanus.
Die Diener meines Bruders? Wer gab Anlaß?

Diener.
Des Prinzen Leute reizten sie durch Spott.

Bancbanus.
Gleichviel! Wo ist mein Schwert?

Erny.
Ich will mit Euch,
Ihr wagt Euch sonst.

Bancbanus.
Bist du nicht klug? Bleib hier.

(Ein Kämmerer kommt aus dem Zimmer der Königin.)

Kämmerer (zu Erny).
Die Königin verlangt nach Euer Gnaden.

Bancbanus.
Hörst du? Geh hin! Ich schlicht indes die Fehde.
(Zu den Supplikanten.)
Ihr harret auf der Treppe, bis die Ruh',
Neu hergestellt, uns Muße gibt zur Rede.

(Er geht, die übrigen folgen.)

Erny.
Er geht.—Wo ist der Kämmrer, der mich rief
Zur Königin?—Gleichviel! Ich will nur hin!
Was kann der Prinz auch tun? Ich war wohl töricht!
Zurück zum Fest und ihm ins Aug' geblickt!
Du aber Gott, du gib mir Mut und Kraft,
Der Unbill zu begegnen mit Verachtung!
Gib, daß kein Wort, kein Wink, kein Laut
Bestät'ge was er meint und was er hofft!—
Doch erst das Haar geordnet und die Kleider,
Verraten möchten sie mein kindisch Zagen,
Des wär' er froh, allein da harre du!
(Im Vorgrunde stehend, und die Locken an den Fingern aufwickelnd.)
Sie glauben, weil ich selten sprech und wenig,
Ich könne mich nicht wahren, nicht verteid'gen.
Mein Vater sprach wohl oft: sie hat's im Nacken!
Ich hab es auch. Ihr sollt noch wahrlich sehn!
(Sie betrachtet noch ihre Schuhe.)
Nun ist es gut. Der Schuh sitzt fein genug!
Nun ist es gut! nun will ich nur hinein!

(Otto, der, während der letzten Worte, durch die Seitentüre rechts, leise eingetreten ist, nähert sich jetzt von hinten, ihre beiden Arme mit dem Äußersten der Finger berührend.)

Otto.
Verstärkt Ihr noch die Macht so vieler Reize?
O schmückt Euch nicht! wir sind schon wund genug!

Erny (links nach dem Vordergrunde zurückweichend).
O Gott! Er selbst!

Otto.
Ich bin's, und hochbeglückt,
Daß die Gelegenheit, so oft gesucht,
Und nie gefunden, günstig dar sich beut.

Erny.
So glaubt Ihr? Laßt mich! Ich will fort!

Otto.
O bleibt!

Erny.
Der Königin Befehl—

Otto (vorkommend).
Er ist erdichtet,
Von mir erdichtet. So wie jener Streit,
Der Euren Gatten in dem Schloßhof hält,
Auf mein Geheiß sich, auf mein Wort entspann.
Ich wollt' Euch sprechen, und ich tu's, beim Himmel!
Es komme was da will! Der Ort ist günstig:
Das Fest hat aus der Nähe sich gezogen,
In fernen Zimmern dampft das frohe Mahl.
Wir sind allein, und doch, die Türen offen,
(Auf die offene Pforte des Hintergrundes zeigend.)
Der kleinste Ruf führt Zofen her und Diener,
Ihr seid so sicher gegen jede Kühnheit,
Als nur am eignen Herd.

Erny.
Und dennoch fort!

Otto.
Auch das! Hier ist mein Arm! Kommt mit zum Fest!
Doch glaubt Ihr, mir dadurch Euch zu entziehn,
So irrt Ihr, Gräfin, sehr. Ihr kennt mich nicht.
Doch wer mich kennt, der weiß, in Hofes Mitte,
Am offnen Markt, heiß ich Euch Rede stehn,
Und leg Euch vor dieselben Fragen, die—
Nichts mehr, als dies,—ich hier Euch stellen wollte.
Doch ist's Euch nicht genehm, gut, wir verschieben's!

Erny.
O Übermaß des sträflichsten Erkühnens!

Otto.
Ihr seid was eitel, merk ich, gute Gräfin.
Ihr glaubt mich wohl verliebt? Mag sein! Vielleicht!
Vielleicht auch nicht! Ich bin nicht so erregbar.
Ein Menschenkenner bin ich, Menschenforscher,
Zumal auf Fraun geht meine Wißbegier.
Die tausend Formen zu erspähn, die Krümmen,
In denen sich das eins und eine birgt,
Das eine: Heuchelei. Pfui, feige Schwäche!
Bin ich nicht gut, so wollt' ich's auch nicht scheinen!
Ihr aber scheinet Tauben, fromme Tauben,
Und seid's in einem nur, in ew'ger Glut.

Erny.
Das anzuhören ziemt mir nicht.

Otto (aus dem Wege weichend).
O ja;
Die eine läßt sich trauen einem Greise,
Mit grauem Bart und Haar, ein schlottrig Scheusal,
Voll Launen, abgeschmackt, zum Tollhaus reif;
Doch ehrt und liebt sie ihn.

Erny.
Sie ehrt und liebt ihn!

Otto.
Wenn je und dann sie schielt nach hübschen Jungen,
Minutenlang mit ihrem Blick verweilt,
Je, Neugier! Ei, zum Sehn ward uns das Auge!
Wie? Oder auch schon Menschenforscherin,
Auflauernd der Entwicklung des Geschlechts,
Und vom Gefühl gewendet zum Erkennen?

Erny.
Ich weiß, Ihr wollt beleid'gen und erniedern;
Was sonst Ihr meint, weiß und versteh ich nicht.

Otto.
Ihr blicktet nie nach andern, ei, ich weiß!
Ihr wart auch jene nicht, wie, oder doch?
Die, als man ihr beim Tanz die Hand—

Erny.
Ihr lügt!

Otto.
Verteidigt nicht, bevor man noch beschuldigt!
Die, als man ihr beim Tanz die Hand gedrückt,
Den Druck zurückegab. Ich fühlt' es, ja!

Erny.
So mögen diese Finger denn verdorren,
Und Feuer sie bestrafen, lohe Glut,
Wenn absichtslos sie und dem Willen fremd
Euch andres kündeten, als Haß und Abscheu!

Otto.
Als Haß und Abscheu. Gut! (Mit starker Stimme.) So gebt zurück denn
Die Haare, die Ihr stahlt von meinen Haaren!
Ich war nicht lang an diesen Hof gekommen,
Da sandt' ich zum Geschenk sie meiner Schwester,
In Kleinod sie zu fassen und Geschmeid.
Ihr aber glaubtet Euch allein und stahlt
Vom Putztisch Euch ein Pröbchen. War's nicht so?

Erny.
O Gott! Mein Gott!

Otto.
Das also wirkte!
O Heuchelei, du abscheuwürd'ges Laster,
Und doch in Euch so schön, wie all das Eure!
Laßt mich Euch danken für die schöne Sünde.
O alle Tugend gleicht ihr nicht an Reiz.
(Er kniet.)

Erny.
Mein Prinz!—O glaubt!—Doch steht vom Boden auf!
Daß jene Locke, kaum in meiner Hand—
Steht auf, ich bitt Euch!—daß ich sie verbrannt;
Daß ich—o Gott! mein Gott!—Steht auf!—Man kommt!
Soll ich mit Tränen Euch im Auge bitten?
(Mit dem Fuße auftretend.)
Ich will nicht, sag ich Euch. Ich duld es nicht!

Otto.
Ich soll Euch hören, und Ihr selbst verweigert's?

Erny.
Ich will Euch hören, nur steht auf vom Boden!

Otto (aufstehend).
Es sei! Doch auf Bedingung! Seht, Ihr schuldet
Mir die Geschichte jener Locke; ich
Hab eine Frage noch an Euch zu stellen.
Gönnt zu geheimer Unterredung mir
Ein Viertelstündchen, wo und wann Ihr wollt.

Erny.
Geheimes ich und Ihr?

Otto.
Geheim um Euretwillen!
Bringt Zof' und Diener mit, mir gilt das gleich!
Verwahrt Euch, wie Ihr wollt. Nur laßt mich fragen!
Mir ist's um meine Zweifel nur zu tun.
Seht Ihr denn übrall Liebe, eitles Volk?
Doch sprechen muß ich Euch, muß Antwort haben!
Und wollt Ihr anders nicht, so sei es hier.
Noch einmal knieend bitt ich Euch darum.
(Er beugt das Knie.)

Erny.
Halt ein! Ich will!

Otto.
Ihr gönnt mir ein Gespräch
Und wo? und wann?

Erny.
O nirgends, ach, und nie!

Otto.
Ich seh, es macht Euch Müh', davon zu sprechen.
Hier ist Papier und Feder, ich will gehn.
Zwei Zeilen, die Ihr schreibt, mit Zeit und Ort,
Genügen mir. Wenn heim die Gäste kehren,
Nah im Getümmel ich mich Euch des Aufbruchs,
Und lese, was Ihr schriebt; mein Heil, mein Glück.
Bis dahin lebet wohl! O meine Wünsche!
(In die Seitentüre rechts ab.)

Erny.
Weh mir! Was ist geschehn? Gerechter Gott!
Wenn in den ersten Tagen, da er kam,
Er fromm mir schien und gut—O pfui, pfui, pfui!
Erbärmliches Gefühl, du bleibst mir fremd!
Und sagen will ich's ihm!
Doch hier, und jetzt
Dem Rasenden, in Mitte seines Hofs?
Und sprech ich nicht, so kehrt er tobend wieder,
Kniet, droht, beschimpft. Ich will ihm schreiben, ja!
Er hat's begehrt, und ich, ich will es tun,
Will schreiben ihm, ihn sprechen ohne Zeugen,
Und hören soll er ein verzweifelnd Herz!
(Sie eilt zum Tische.)
Und doch, es ist nicht gut, es ist nicht recht!
Woher sonst dieses Zittern, diese Angst?
Ist niemand hier? Mir kommt ein Schwindel an
Horch!—Stimmen—Menschen—Wo verberg ich mich?

(Sie hat das vor ihr liegende Blatt rasch gefaltet in den Busen gesteckt, und steht zitternd, zwischen Tisch und Mauer gedrängt, da.—Bancbanus kommt.)

Bancbanus.
Der Streit ist abgetan. So schnell geschlichtet,
Als er begann. Fast scheint mir's angelegt,
Absichtlich angelegt, die Ruh' zu stören.
(Auf ein Geräusch wendet er sich um.)
Doch wer ist dort?—Ha, Erny, du? Und bleich
Und zitternd? Kind, was war? Was ist geschehn?
(Er will sie anfassen, sie weicht zurück.)
Fliehst du vor mir? Ha, du bist krank. Nur Hilfe!
Ist niemand hier?

Erny.
O still! Ich bin nicht krank!

Bancbanus.
Nicht krank? Und Todesblässe deckt die Wangen,
Aufzuckend fiebert eisig jedes Glied?
Laß uns nach Hause, komm!

(Er greift nach ihrer Hand; sie eilt an ihm vorüber, dem Vorgrunde zu.)

Erny.
Ich kann's nicht tragen! Glühend brennt das Blatt,
Das frevle Blatt auf meinem schuld'gen Busen.
(Sie wirft das Blatt von sich.)
Nur fort! Nur fort!
(Zu Bancban, der es aufgehoben hat.)
Vernicht, zerreiß, vertilg es!
Und niemand ahne, niemand, was es birgt!

Bancbanus (es entfaltend).
Was birgt es denn? Sieh, es ist leer?

Erny.
Ha, leer?
Der Hölle Züge sind drauf eingegraben.

Bancbanus.
Mag sein!
Doch lesbar nur für Gott, und für die Brust,
Die es gedacht, obgleich sie's nicht geschrieben!
Hier ist dein Blatt! Nimm es zurück!

Erny.
Ich nicht!
Bancban, auf diesem Blatt wollt' ich dem Prinzen schreiben!

Bancbanus.
Verhüt es Gott!

Erny.
Und kamst du nicht, ich tat's!

Bancbanus.
Die Königin mag wohl in Sorgen sein
Ob jenes Streits; den Ausgang meld ich ihr.

Erny.
Und lässest du mich so allein? Bancbanus,
Willst du dein Weib nicht strafen und nicht hüten?

Bancbanus.
Bestrafen? Hüten? Ei, sag du nur selbst,
Wie fang ich's an? Führ ich dich tobend heim?
Versperre dich ins innerste Gemach
Mit Schloß und Riegel, unter Tor und Gitter,
Verschreib ich Stumme mir aus Mohrenland,
Verschnittne, die mein Weib allsehend hüten.
Und nachts, die Diebslaterne in der Hand,
Schleich ich mich hin, und forsche, ob's noch schließt?
Die Ehre einer Frau ist eine ehrne Mauer,
Wer sie durchgräbt, der spaltet Quadern auch.

Erny.
O hart, zu hart, Bancban, mein Gatte!

Bancbanus.
Ich bin wohl alt genug, und du bist jung,
Ich lebensmüd und ernst, du heiter blühend,
Was gibt ein Recht mir, also dich zu quälen?
Weil du's versprachst? Ei, was verspricht der Mensch!
Weil's so die Sitte will? Wer frägt nach Sitte.
Wenn nicht in deiner Brust ein still Behagen,
Das Flüstern einer Stimme lebt, die spricht:
Der Mann ist gut, auf Rechttun steht sein Sinn,
Er liebt, wie keiner mich, und wie zu keinem
Fühl ich zu ihm Vertraun. Wenn's so nicht spricht,
Dann Gott mit dir, und mit uns allen, Erny,
Dann schreib dem Prinzen nur!

Erny.
Mann! Gatte! Vater!

Bancbanus.
Ich weiß wohl, was sie sagen: Seht den Alten,
Er freit' ein junges Weib. Er täuscht, man zwingt sie.
Sag, Erny, selbst, wardst du getäuscht, gezwungen?
Von wem? und wann? Als Nemaret, dein Vater,
Im Tod zusammenfügte unsre Hände,
Der blühnden Tochter und des Jugendfreundes,
Dem Schutz dich anvertrauend eines Gatten,
Wer zögerte, dein rasches Wort zu nehmen?
Wer schob die Heirat auf? Wer bat, beschwor dich,
Dein Alter zu bedenken, und das seine?
Allein du wolltest, und er fügte sich,
Weiß Gott, wie gern. Wenn's nun dich reut—

Erny.
Bancban!
So lag der Prinz vor mir auf seinen Knien,
So werf ich mich vor dich hin, ach, und schwöre.

Bancbanus.
Was fällt dir ein? Du knien vor mir, und schwören?
Dein Wort sei ja! und nein! weißt du dich schuldlos,
Tritt hin vor mich und sag: Ich bin's! Hörst du?
Ich bin's, bin schuldlos!—und sieh mir ins Auge!
Nichts da! Den Blick nicht auf den Boden! Hier,
Auf mich dein Aug'!—Ja so, es schwimmt in Tränen?!
—Mißhandeln, Kind, mißhandeln wollt' ich nicht!
Senk nur die Stirne, leg sie an dies Herz,
Und was du weißt, das flüstre leis ihm zu,
Es wird dich hören, wie es dir verzeiht.

Erny.
Verzeihn? O bittres Wort!

Bancbanus.
Nu Kind, wer weiß,
Vielleicht dich bitten selbst, daß du verzeihst,
Was Törichtes ich sprach.—Es ist mein Fehler,
Mein alter Fehler: stets der Mund voran!

Erny (aufgerichtet).
Bancban! Vor allem wisse! Kein Gedanke
Von Unrecht kam in meinen armen Sinn,
Nur daß, o Gott! mein Gott!

Bancbanus.
Schämst du dich, Kind?
Das ist dir nütz! Schäm dich an meiner Brust!
So recht, den Kopf im Winkel eingeduckt,
Die Augen zu, recht wie der Vogel Strauß.
Und so laß sprechen uns.—Du guter Gott!
Ich möchte singen, jubeln, jauchzen, schrein,
Daß sie mir blieb, daß ich sie nicht verlor.
Nun also denn: Der Prinz war hier?