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Ein Volk in Waffen

Chapter 15: 12. Madame Desserrey.
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About This Book

The author recounts a firsthand journey to the German front during the opening phase of the war, describing visits to the Great Headquarters, meetings with senior commanders, and the daily reality of soldiers in trenches. Eyewitness scenes include bombardments, artillery and aeronautical operations, field hospitals in churches, wounded and prisoners, military justice, and life at the front including rail and telephone services. The narrative alternates tactical reportage with reflections on unity, sacrifice, alleged enemy accusations of barbarity, and the wider political stakes the war poses, aiming to present disciplined, observed detail rather than hearsay.

Schloß in Stenay, Hauptquartier des deutschen Kronprinzen.
(Vgl. Seite 37.)
Französische Gefangene.
Das zerstörte Dun an der Maas.
(Vgl. Seite 41.)

Auf dem Tisch in der Kanzlei standen Zigarren und Zigaretten und ein brennendes Licht. Hier wurde die Unterhaltung lebhaft fortgesetzt, in Ernst und Scherz, Erzählungen von Kriegsgreueln und lustige Anekdoten wechselten ab, bis der Kaiser sich verabschiedete, mir eine glückliche und lehrreiche Reise wünschte und in seine Zimmer hinaufging, wo gewiß ganze Berge von Papieren und Briefen, Rapporten und Telegrammen ihn erwarteten.

Alles Gerede, daß der Kaiser unter dem Krieg gealtert sei, daß der Krieg mit all seiner Mühe und Unruhe seine Kräfte und seine Gesundheit verzehrt habe, ist Dichtung. Sein Haar ist nicht stärker ergraut als vor dem Krieg, sein Gesicht hat Farbe, und er ist so wenig abgezehrt und mager, daß er im Gegenteil von Leben und Kraft strotzt. Ein Mann von Kaiser Wilhelms Art ist in seinem Element, wenn die Macht der Verhältnisse ihn zwingt, alles was er besitzt und vor allem sich selbst zum Nutzen und zur Ehre seines Reiches einzusetzen.


8. Zur fünften Armee.

Der neue Begleiter, den mir General Moltke für die Fahrt in das Hauptquartier des Kronprinzen gegeben hatte, hieß Hans von Gwinner und war ein Sohn des großen Bank- und Bagdadbahndirektors in Berlin; lebhaft und energisch lenkte er selbst sein Automobil. Bald saß ich an seiner Seite, während der uns begleitende Soldat im Wagen Platz nahm.

In strömendem Regen ging es aus der Stadt hinaus. Der Weg war schlüpfrig, aber wir fuhren mit rasender Geschwindigkeit. Wir waren spät aufgebrochen und wollten noch vor Anbruch der Nacht ans Ziel kommen; sonst war man nicht sicher vor Franktireurs. Bei der fünften Armee hatte man neulich einen Trupp Franktireurs gefangen genommen und ohne Pardon erschossen.

Unser Weg führt nach Westen. Bei Redingen überschreiten wir die Grenze von Französisch-Lothringen. »Karabiner laden«, ruft der Leutnant hastig dem Soldaten zu. Ich sehe mich unwillkürlich um, vermag aber nichts Ungewöhnliches zu bemerken; es war auch nur eine Vorsichtsmaßregel, aber der Befehl klang eigentümlich, als ich ihn zum erstenmal hörte. Im ersten französischen Ort, Longlaville, sah man zahlreiche Spuren von deutschen Granaten, aber die Fabriken und ihre hohen Essen waren geschont. Auch in der Mitte und an den Seiten der Landstraße hatten die Granaten gewaltige Löcher gerissen, und so mancher Baum war von einem Kanonenschuß gefällt. Von einigen Häusern ist nicht viel mehr übrig als die Mauern; von andern hat ein Streifschuß nur das Dach weggerissen. Die Bahn an der Außenseite der Landstraße ist übel zugerichtet, und hier und da sind ihre Schienen wie Stahldraht aufgewickelt. Auf den Kirchtürmen ist oft das Dach abgedeckt, eine besondere Vorliebe der Franzosen, um offenen Spielraum für die Maschinengewehre und Beobachtungspunkte für die Offiziere zu schaffen, die die deutschen Artilleriestellungen und die Wirkung des französischen Feuers erkunden sollen.

»Wo geht der Weg nach Longwy?« fragt Gwinner. — »Geradeaus.« Die Antworten sind stets höflich, wenn auch die Wut im Herzen klopft. Eins der beiden detachierten Forts von Longwy bleibt rechts liegen, und bald darauf sind wir in der kleinen Fabrikstadt, die in einem Tal gelegen und rings von Höhen umgeben ist. Auf einer dieser Höhen liegt die Festung Longwy, die gleich zu Anfang des Kriegs nach äußerst heftiger Beschießung von den Deutschen mit Leichtigkeit eingenommen wurde. Tot und verlassen sah die Stadt keineswegs aus, denn ein großer Teil der Einwohner war zurückgekehrt, nachdem der Krieg weiter nach Westen vorgerückt war, und das Leben fing wieder an so gut wie es ging in seine alten Bahnen zurückzukehren.

Vor der Stadt standen die nackten, schwarzen Mauern eines ausgebrannten Hauses; aus seinen Fenstern hatte man auf deutsche Truppen geschossen, die deswegen nach Kriegssitte das Gebäude in Brand steckten. Überall, wohin man sich wendet, Spuren des Kriegs: auf den Äckern und an den Grabenrändern fortgeworfene französische Tornister und Uniformstücke; im Straßengraben ein umgestürztes Automobil, rücksichtslos beiseite geschoben, um nicht den Verkehr zu stören; ein Stück weiter ein Motorlastwagen. Hier Trümmer von Gewehren und Munitionswagen, dort halbmondförmige Wälle zum Schutz für Feldkanonen. Ein Grab mit Holzkreuz, dann wieder eins — eine ganze Reihe von Gräbern — Soldatengräber! In der Mitte der Straße ein paar mit Regenwasser gefüllte Granatlöcher; sie können gefährlich werden, wenn man sie in der Schnelligkeit für seichte Pfützen hält; aber Gwinner kennt diese Straße schon. Rechts und links vom Wege tiefe, schmale Schützengräben mit kleinen Wällen als Brustwehr und Gewehrstütze. Die Soldaten sind jetzt fort, und stumm liegen diese Äcker, auf denen vor einem Monat 300000 Mann gekämpft haben! Auf manchem Feld wurde die Ernte von deutschen Truppen geborgen. An den Grabenrändern, in Wäldchen und Gebüschen sieht man niedrige, aus Zweigen und Ästen gebaute Hütten, in denen die französischen Soldaten vor Regen und Kälte Schutz suchten. Die deutsche Infanterie dagegen hat Zelte, und jeder Soldat trägt auf seinem Tornister eine Zeltbahn.

Unser Weg führt durch ein Stück Wald. Die Franzosen wissen ihre Stellungen in waldigem Gelände sehr geschickt zu halten. Sie verstecken Maschinengewehre in den Baumkronen. Von Flüssen durchzogene Täler und Waldgegenden betrachten daher die Deutschen als schwer zu erobern. Auf offenerem Gelände wie im mittleren und südlichen Frankreich läßt sich leichter im Sturm vorgehen.

Die Hauptstraße von Longwy sieht trostlos aus. Eine lange Strecke weit kein Haus mehr, nur Ruinen, Schutthaufen, nackte Mauern mit gähnenden Fensteröffnungen. Nur an den Brücken schultern deutsche Wachtposten ihr Gewehr, sonst kein Mensch! Die Stadt Noërs ist niedergebrannt und ihr Kirchturm zusammengeschossen, da ein Maschinengewehr von dem Platz aus gesungen hat, wo sonst die Glocken zum Abendgebet rufen. Aber nirgends Leichen, keine gefallenen Soldaten, keine toten Pferde; alle sind von den Deutschen begraben worden, damit sie nicht die Luft verpesten und Seuchen hervorrufen. Doch an die Heimsuchungen des Krieges erinnert noch genug. Längs einer Hecke eine Reihe Strohhütten, weiterhin umgeworfene Wagen, mit denen die Franzosen versuchten, die vortreffliche, zu beiden Seiten mit Bäumen bepflanzte Chaussee zu sperren. Nebenher läuft die Telegraphenlinie, die von den Verteidigern zerstört, dann aber wieder von deutschen Telegraphenarbeitern instand gesetzt wurde. —

In Marville wird der Verkehr lebhafter. Gleich neben der Straße auf einem Felde hat eine Proviantkolonne ihre mit bogenförmigen Zeltdächern versehenen Wagen im Viereck aufgestellt. Sie rasten, und die Leute haben ihre Lagerfeuer für die Nacht angezündet. Um die Wagenburg stehen Wachtposten.

Eine Strecke weiter hat wieder eine Proviantkolonne von einfacheren Wagen haltgemacht. Sie dürfen des Verkehrs wegen nicht auf der Straße halten; auch ist es leichter, eine gesammelte Kolonne zu bewachen und wenn nötig zu verteidigen. Hier überholen wir einen Motoromnibus mit Feldpost für die fünfte Armee; er donnert mit gewaltigem Lärm auf der harten Chaussee einher. Nun wird die Straße wieder von einer Proviantkolonne eingeengt, die noch in Bewegung ist. Da müssen wir langsamer fahren, damit die Pferde der eskortierenden Reiter nicht scheu werden und mit dem Auto zusammenstoßen. —

Schon haben wir Montmédy erreicht, dessen kleine Festung sich ergeben hat, ehe sie beschossen wurde. Bevor aber die Besatzung abzog, sprengte sie den Eisenbahntunnel, der durch den Berg führt. Die Deutschen gingen deshalb sofort daran, eine neue Eisenbahn um den Berg herum zu legen; mit diesem Bau waren französische Gefangene noch beschäftigt. Ein wunderlicher Anblick, diese Soldaten in ihren blauen und roten Uniformen arbeiten zu sehen, bewacht von deutschen Soldaten in feldgrauer Uniform und mit geschultertem Gewehr.

Gegen Abend klärt sich das Wetter auf, und die Sonne geht rot unter wie eine glühende Kugel. Ihre letzten Strahlen treffen einen Transport französischer Gefangener, die müde und gebeugt nach Montmédy wandern, bewacht von deutschen Soldaten.

Nun wird vor uns das Maastal sichtbar und die kleine Stadt Stenay.


9. Beim Kronprinzen.

Wir halten vor dem Haus des Armeeoberkommandos. Hier traf ich einen meiner Freunde aus dem Großen Hauptquartier, den Landrat und Reichstagsabgeordneten Freiherrn von Maltzahn, der zu den persönlichen Freunden des Kronprinzen gehört. Er teilte mir mit, daß ich erwartet werde und mich beeilen müsse, um bis zum Abendessen um acht Uhr fertig zu sein. Wir fuhren also bis zu dem kleinen französischen Schloß, wo der Kronprinz Quartier genommen hatte.

Militärisch uniformierte Lakaien nahmen meine Bagage in Empfang und führten mich in mein Zimmer im ersten Stock, neben den Privatgemächern des Kronprinzen. Bald darauf klopfte der diensthabende Hofmarschall Kammerherr von Behr, ein freundlicher junger Mann von feinem und ansprechendem Aussehen, an meine Tür, um mich zum Abendessen zu holen. Wir gingen durch das obere Vestibül auf die Treppe hinaus und wurden von deren Absatz aus Zeuge einer schönen Zeremonie: Im Hausflur stand eine Anzahl Offiziere in einer Reihe, ihnen gegenüber etwa zwanzig Soldaten. Dann erschien der Kronprinz, groß, schlank, aufrecht, in weißem Waffenrock mit dem Eisernen Kreuz erster und zweiter Klasse und trat sichern Schrittes zwischen beide Reihen. Ein Herr des Gefolges trug ihm eine Schachtel mit Eisernen Kreuzen nach. Der Kronprinz nahm eins und überreichte es dem nächsten Offizier, dankte ihm für die Dienste, die er Kaiser und Reich geleistet habe, und gratulierte mit kräftigem Handschlag dem neu ernannten Ritter. Nachdem die Offiziere ihre Orden für bewiesene Tapferkeit erhalten hatten, kam die Reihe an die Soldaten; das Zeremoniell war dabei dasselbe wie bei den Offizieren.

Nachdem die Ritter des Eisernen Kreuzes fort waren, gingen wir ins Vestibül hinab. Hier kam mir der Kronprinz entgegen und hieß mich in seinem Quartier und auf dem Kriegsschauplatz herzlich willkommen. Bei dem Essen waren folgende Herren zugegen: der Chef des Stabs der fünften Armee, Exzellenz Generalleutnant Schmidt von Knobelsdorf, Kammerherr von Behr, Generaloberarzt Professor Widenmann, die Majore von der Planitz, Müller und Heymann, Leutnant von Zobeltitz und einige Mitglieder des Stabs, die von der Arbeit im Felde später zurückkehrten und am Ende des Tisches Platz nahmen.

Was man beim deutschen Kronprinzen ißt? Nun, hier ist der Speisezettel: Kohlsuppe, Pfefferfleisch mit Kartoffeln, Entenbraten mit Salat, Früchte, Wein, Kaffee und Zigarren. Und wovon spricht man an seinem Tisch? Nun, das ist kaum möglich zu erzählen, denn wir bewegten uns so gut wie über die ganze Erde. Der Kronprinz begann, wie der Kaiser, mit Tibet, und von da aus hatten wir ja bloß einen Katzensprung über den Himalaja bis zu den Palmen im Hugli-Delta, zu den Pagoden in Benares, zum silbernen Mond über dem Tadsch-Mahal, den Tigern in den Dschungeln und dem kristallklaren Widerhall der indischen Wogen an den Klippen von Malabar Point bei Bombay. Wir sprachen von alten, unvergeßlichen Erinnerungen, von gemeinsamen Freunden, die zu Feinden geworden. Und wir sprachen vom Krieg und seinen Greueln und von den furchtbaren Opfern, die er fordert. »Das hilft nichts,« sagte der Kronprinz, »das Vaterland fordert alles von uns, und wir wollen, wir müssen siegen, wenn auch die ganze Welt gegen uns zu Felde zieht.« —

»Ist es nicht wunderlich, daß hier eine so große Ruhe herrscht? Wir leben ja heute abend wie im tiefsten Frieden, und doch haben wir bloß ein paar Stunden Wegs bis zu den Feuerlinien!« sagt mein erlauchter Wirt, nachdem er einen kurzen, präzisen und befriedigenden Rapport angehört hat, den ein eingetretener Offizier mit lauter Stimme vortrug.

»Ja, Kaiserliche Hoheit, ich hatte mir das Oberkommando einer Armee wie einen summenden Bienenkorb vorgestellt und finde nun in Wirklichkeit nicht einen Schimmer von Unruhe oder Nervosität, überall nur Ruhe und Sicherheit. Was ich aber am liebsten sehen möchte, das wäre eine Schlacht, denn ich vermute, daß ich mir ebenso wie die meisten andern Laien eine ganz falsche Vorstellung davon mache.«

Der Kronprinz lächelt und antwortet: »Ja, Schlachtenmaler wie Neuville und Detaille haben in unsern Tagen wenig Gelegenheit, ihre Kunst anzuwenden. Von den Kämpfenden sieht man nicht viel, da sie sich im Gelände und in den Schützengräben verborgen halten, und es ist gefährlich, einem Bajonettangriff zu nahe zu kommen, wenn man nicht dienstlich dort zu tun hat. Im großen und ganzen wächst der Abstand zwischen den Kämpfenden mit der Vervollkommnung der Feuerwaffen. Wer die beste Artillerie hat, hat die beste Aussicht, zu siegen. Für uns ist die feldgraue Uniform ein großer Vorteil, wir verschwinden im Gelände, während die grellfarbigen Uniformen der Franzosen auf weite Entfernung hin sichtbar sind. Eine Schlacht zu sehen ist fast unmöglich, nicht einmal der Heerführer, der sie leitet, sieht viel davon. Seine Leitung geschieht durch Rapporte, Ordonnanzen und Telephon. Als Zuschauer auf einer Anhöhe in der Nähe Aufstellung zu nehmen ist nicht anzuraten. Man kann da ziemlich sicher sein, daß man für einen Beobachter gehalten wird, der das Artilleriefeuer leitet und deshalb das Ziel der feindlichen Schrapnells ist. Sie werden jedoch bei Ihrem Besuch hier Gelegenheit bekommen, so viel zu sehen, wie überhaupt gesehen werden kann.«

Wie die Stimmung beim Kronprinzen von Deutschland war! Fröhlich, jugendfrisch und ungezwungen. Man merkte nichts von höfischer Steifheit, sogar der General, der sonst die strengste Disziplin aufrechterhielt, war von dem herrschenden kameradschaftlichen Geiste angesteckt. Eine Folge der gewaltigen Arbeitslast, die auf ihm ruhte, war jedoch, daß er für gewöhnlich später als die andern zu Tisch kam. Das Abendessen und das Zusammensein nachher zog sich bis gegen 11 Uhr hin. Das waren die einzigen Stunden, wo man sich in Ruhe traf, denn tagsüber waren alle bei ihren Arbeiten, und der Kronprinz übernahm dann an den dazu geeigneten Orten an der Front die Oberleitung.


10. Hinter der Feuerlinie.

21. September. Frühzeitig wird geweckt, denn um sieben Uhr war Frühstück, bei dem sich alles um den Kronprinzen versammelte. Dann bat mich der Kronprinz, ihn in das Haus des Generalstabs zu begleiten, wo ein »Feldzugsplan« für mich entworfen werden solle. Der General hielt es für das Richtigste, daß ich erst einmal das Artilleriefeuer bei Septsarges sähe. Drei Offiziere erhielten entsprechende Aufträge. Major Matthiaß war Leiter der Fahrt, ein Soldat Automobilführer.

Das Auto ist fertig und wir nehmen Platz. Mit rasender Geschwindigkeit fahren wir nach Süden, und ich will nicht leugnen, daß sich meiner jetzt eine steigende Spannung bemächtigte. Denn das hier war kein Manöver, sondern der Krieg selbst, der größte Krieg, der jemals auf Erden ausgefochten wurde, und wir waren an der Westfront, den Franzosen gegenüber, die mit Recht als die besten Soldaten unter Deutschlands Widersachern angesehen wurden. Von Minute zu Minute näherten wir uns der Feuerlinie, und wenn das Auto an den Kurven die Geschwindigkeit verlangsamte, hörte man die Kanonade immer deutlicher, diese dumpfen schweren Schüsse, von denen die Erde erzitterte. —

Die Straße ist voll von Proviantkolonnen, die nach Süden ziehen, von unzähligen Bagagewagen, die leer nach Norden fahren, um bei irgendeiner Eisenbahnstation neuen Proviant zu holen; von frischen Truppen, jungen, kräftigen Soldaten, die direkt aus Deutschland kommen. Aber fröhlich und guter Dinge sind sie alle; sie singen lustige Soldatenweisen, rauchen ihre Pfeifen und ihre Zigarren, lachen und schwatzen, als zögen sie hinaus zu einem ländlichen Volksfest. In Wirklichkeit aber ziehen sie hinaus, um die Lücken zu füllen, die das Feuer der Franzosen in die Reihen ihrer Kameraden gerissen hat. Sie sind Ersatztruppen, aber ich finde kein einziges Gesicht, das ein Vorgefühl des nahen Todes verrät. Den Kanonendonner hören sie deutlicher als wir, denn das Surren des Automobils übertönt alle anderen Laute. Aber sie scheinen an der dumpfen Musik Gefallen zu finden, und doch ist ihr Platz weit vor den Artilleriestellungen!

Wir rasen durch Dun. Man kann kaum von mehr als einer Straße in dieser kleinen, schön gelegenen Stadt an der Maas reden. Aber wie furchtbar ist sie verwüstet! Ein wehmutsvoller Trost, daß ihre Häuser von der eigenen Artillerie der Franzosen zusammengeschossen wurden, um den Deutschen den Aufenthalt in Dun so ungemütlich wie möglich zu machen. Dun ist jetzt Etappenort mit Etappenkommandantur, Etappenlazarett, Etappenmagazin und großem Lager von Waffen und Munition. Bis hierher reicht die Eisenbahn unter preußischem Betrieb; hier werden auch die Vorräte aus den Eisenbahnwagen umgeladen und vom Troß weiterbefördert.

Nun merkt man, daß wir uns dem Feuer nähern. Die ganze Straße wimmelt von Militär. Hier eine Schar Verwundeter, Kopf, Hand oder Arm verbunden; dort eine Munitionskolonne, eine endlose Reihe Wagen, sie sind voll beladen mit grober Munition, Granaten für die 21-cm-Mörser bei Septsarges und seine Nachbardörfer an der Front. Jedes Gespann von sechs Pferden samt dem zweiteiligen Munitionswagen erfordert sechs Soldaten. Drei reiten auf den linksgehenden Sattelpferden, zwei sitzen auf dem Bock der vorderen Wagenhälfte und einer nach rückwärts gewendet auf der hinteren Wagenhälfte. Sie haben Mauserpistolen links im Gürtel, die Säbel der Reiter sind links am Sattel befestigt. Was tut es, daß die Uniformen der Leute so schmutzig sind wie der Lehm und der Schlamm des Feldes; das ganze Gespann ist doch höchst malerisch mit seinen starken, schweren Geräten, seinen Deichseln, Lederriemen, Seilen und seinem ganzen Geschirr. Ein Reiter singt, ein anderer pfeift, ein dritter schreit ein widerspenstiges Nebenpferd an; hinten auf einem Wagen sitzen ein paar und drehen Zigaretten, bei der rumpelnden Bewegung des Wagens gar nicht so einfach. Zuletzt kommt die Feldküche der Mannschaft mit Proviant und einigen Bündeln Holz. Und immer klingt es in unsern Ohren, dies ewige »Tramp, Tramp«, wenn die Kolonnen vorbeiziehen, ein niemals versiegender Strom von Kriegern, Pferden, Proviant und Munition.

Endlich haben wir die Spitze der großen Kolonne erreicht. Hier reiten ein paar Offiziere, der Kolonnenführer und seine nächsten Leute. Sie grüßen. Kaum haben wir sie verlassen, da sind wir schon am Ende einer neuen Munitionskolonne; ihre Wagen sind mit je drei Soldaten bemannt und von vier Pferden gezogen, von denen nur das vordere linke beritten ist.

An den Straßenseiten fallen zahllose große, tiefe Löcher auf. Hier hat das Feuer ordentlich gehaust. Das sehen wir nur allzu gut, sobald wir wieder an die Maas herunterkommen, da, wo das Dorf Vilosnes so schlimm mitgenommen wurde. Aber mitten in der Verwüstung blüht das Soldatenleben: da halten Proviantkolonnen mit unzähligen Wagen, rasten große Abteilungen von Ersatztruppen, die sich ungeniert auf dem nassen Erdboden rings um ihre Gewehrpyramiden herum ausgestreckt haben, reiten Feldgendarmen in grünen Uniformen und werden die gefallenen Bagagepferde ersetzt, denn in Vilosnes haben die Deutschen ein Pferdedepot eingerichtet.

Nun donnern die Kanonen mächtig, und wir haben nicht mehr weit bis zu den deutschen Batterien. Noch ist keine Gefahr. Die unzähligen Granatlöcher um uns stammen nicht aus den letzten Tagen. Seitdem hier die Granaten fielen, sind die Deutschen weiter vorgerückt. Aber wir sind unmittelbar hinter den Feuerlinien; deshalb häufen sich hier alle Vorräte, die zur Ernährung von Menschen nötig sind, sowie Pferde, Kanonen und Gewehre. Mitten im Schlamm der Äcker, Felder und Wiesen haben die Proviantkolonnen und Feldlazarette ihre Biwaks. Nirgendwo auch nur ein handgroßer Fleck, wo man einen trockenen Schlafplatz für die Nacht herrichten könnte! Vermutlich schlafen die Leute auf den Wagen, soweit der Raum reicht. Abgehärtet und frisch wie sie sind, klagen sie nicht, sie singen nur.


11. Im Schrapnellfeuer.

Beim Dorf Dannevoux, das voller Ersatztruppen ist, kommen wir dem Feuer noch näher.

Sechs Kilometer weiter liegt Septsarges. Der Weg dorthin ist schon im Schußbereich der französischen Batterien, und von Zeit zu Zeit schlagen Granaten neben ihm ein. Aber wir fahren noch im Schutz einer schwachen Geländewelle im Süden, und es ist ein Glück, daß eine Panne uns zum Halten zwingt, während wir noch in Deckung sind; denn ein kleines Stück weiter vorn wird man von den französischen Beobachtungsposten gesehen und zieht dann mit aller Wahrscheinlichkeit das Feuer auf sich; die französische Artillerie ist so eifrig, daß sie ihre Munition auf einen einzigen Menschen verschwendet.

Das Auto ist wieder in Ordnung. »Schnell über die Höhe!« kommandiert Major Matthiaß. Leichter gesagt als getan, denn der Landweg ist schmal und ein vollständiges Moorbad, worin schwere Wagen bodenlos tiefe Furchen hinterlassen haben. Links im Süden werden zwei französische Fesselballons sichtbar; ein keineswegs behagliches Gefühl, denn sie stehen mit den Batterien unter ihnen in telephonischer Verbindung. Es wirkt auch gerade nicht ermunternd, am Wegrand Holzkreuze auf frischen Gräbern zu sehen. Dort im Graben ein totes Pferd — der Granatlöcher sind schon so viele, daß wir ihnen keine Aufmerksamkeit mehr schenken — neben der Straße eine Kolonne, die Hafer für die Pferde der Mörserbatterie gebracht hat. Schon sind wir in nächster Nähe der ersten Batterien mit je vier dieser gewaltigen Brummer. Zwischen zwei solchen Stellungen fahren wir während des Feuerns durch. »Laden!« kommandiert ein Hauptmann — »Fertig zum Feuer!« — gleich darauf »Feuer!« — alle vier Schüsse gehen fast gleichzeitig los. Blitzschnell fährt ein Feuerbüschel aus der Mündung. Ein Schuß erdröhnt, daß man sich die Ohren zuhält und das Land ringsum erzittert, und dann hört man das eigentümliche, unheimliche Pfeifen, wenn die Projektile in die französischen Stellungen hinübersausen. Jeder Mörser hat einen Schutzschild; bei den Kanonen findet die Bedienung in Erdhöhlen Deckung, falls das Feuer der Franzosen der Batterie allzu hart zusetzen sollte.

In Septsarges standen auch die Feldküchen bereit mit ihren rauchenden Schornsteinen. Tagsüber wird das Essen gekocht, und sobald es dunkel ist, fahren die Feldküchen in die Nähe der Schützengräben, wobei sie immer soviel als möglich im Gelände Deckung suchen. Die Mannschaften in den Schützengräben wissen, wo die Küchen zu finden sind, und begeben sich im Schutz der Dunkelheit dahin, um sich ihre Blechtöpfe mit siedender Fleischbrühe füllen zu lassen.

Im Dorf erkundigten wir uns bei ein paar Offizieren nach dem Stand der Dinge und fuhren dann bis zu einem geschützten Platz, wo wir unsern Wagen verließen. Darauf gingen wir weiter hinauf nach Süden, wobei wir die nächste Mörserbatterie links und eine Position von Feldartillerie rechts hatten. Auch die Mannschaften der Feldartillerie hatten sich neben den Kanonen Erdhöhlen gegraben und mit Zweigen, Stroh und Laub gedeckt, um sich vor französischen Fliegern zu verbergen. Vom Automobil aus gingen wir etwa achthundert Meter auf das französische Feuer zu. Die Schützengräben sind zwei ziemlich parallel laufende, einige hundert Meter voneinander entfernte Linien. Hinter ihnen sind die Artilleriestellungen, ebenfalls in zwei fast parallelen Linien. Wir bewegten uns also jetzt zwischen den deutschen Artilleriestellungen und den deutschen Schützengräben, d. h. in dem Gebiet, das das Ziel der französischen Artillerie war. Wir beobachteten daher alle Vorsichtsmaßregeln, die sich aus dem Gelände ergaben. Unser Ziel war ein Beobachtungsstand oben auf der Anhöhe, wo ein paar Artillerieoffiziere unbeweglich wie Bildsäulen bei ihren auf Holzstativen ruhenden Scherenfernrohren standen. Sie leiteten das Feuer der Mörserbatterie und meldeten mittels Telephon, wo die Granaten einschlugen, ob die Schüsse zu niedrig oder zu hoch gingen, zu weit rechts oder zu weit links vom Ziel, das nach den Meldungen der Patrouillen und Flieger festgelegt wird.

Unten gingen wir noch einigermaßen sicher, da wir nicht von der französischen Front aus gesehen werden konnten. »Achten Sie auf die Telephondrähte!« rief Matthiaß, der an der Spitze ging, als wir einige Leitungen im Grase überschritten. Nun erreichten wir etwa die Mitte des Abhangs, wo uns die Franzosen von mehreren Punkten aus sehen konnten, und stiegen dann in einen langen Laufgraben hinab, der bis in die Nähe des Beobachtungspostens führte. Der Graben war wenig mehr als einen Meter tief und wir mußten stark gebückt gehen, um nicht gesehen zu werden. Infolge der Abschüssigkeit des Terrains war zwar das meiste Wasser abgelaufen, was aber noch vorhanden war, genügte, um den Boden des Grabens in einen graubraunen Lehmbrei zu verwandeln, worin man mit schweren Sohlen ausglitt und bis zur Mitte des Schienbeins einsank.

Die Beobachter stehen oben in ihren Mänteln auf der Spitze des Hügels, eine niedrige, kurze Brustwehr vor sich. Im allgemeinen ist man auf solch einem Punkt nicht gerade willkommen, denn man kann die Aufmerksamkeit der Franzosen wecken und die Beobachter in Lebensgefahr bringen. Sie grüßten denn auch nur kurz und fuhren fort, das französische Feuer zu beobachten, unbeweglich wie Bildsäulen. Wir gingen den letzten Abschnitt im Gänsemarsch, damit es wenigstens von den gerade gegenüberliegenden Batterien aus scheinen sollte, als käme bloß ein Mann und wir nicht zerstreut auf der Spitze des Hügels mehr Bewegung verursachten. Auf den Hacken sitzend, beobachteten wir das Land im Süden in der Richtung nach Malancourt und orientierten uns so gut es ging. Der Major erklärte gerade, welche Höhen, Wälder, Dörfer und Chausseen von den Deutschen genommen worden waren und wo die französischen Stellungen begannen, als ein Schrapnell in unserer unmittelbaren Nähe explodierte, gleich links von uns. »Deckung!« rief Major Matthiaß und warf sich der Länge nach hinter der Brustwehr nieder. Wir waren kaum seinem Beispiel gefolgt, als drei neue Schrapnells in etwas weiterer Entfernung niedergingen. Offenbar hatte uns der französische Beobachter doch gesehen und das Feuer einer Batterie gerade auf uns einstellen lassen. Wir hielten es daher für das klügste, einen sichreren Platz aufzusuchen. Zunächst gingen wir wieder zu der Mörserbatterie hinab. Während der nächste Schuß geladen wurde, entwarf ich die beigefügte, sehr unvollkommene Skizze, aber es verlangt wohl niemand, daß man Geistesgegenwart und Kaltblütigkeit zu ausführlichen Zeichnungen hat, wenn man jeden Augenblick mit Schrapnells überschüttet werden kann. Das Bild zeigt das Mörserrohr, gesenkt zum Laden, rechts auf einer Trage ruht ein Geschoß.


12. Madame Desserrey.

Es war noch hell, als ich nach Stenay zurückkam. Am Eingang des Schlosses saß der Kronprinz und ruhte sich aus; er war eben vom Tagesdienst zurückgekehrt. Später machte ich noch einen Spaziergang durch die Stadt. Bei den Maasbrücken wurde ich von den Wachtposten angehalten, die mich bestimmt aber höflich aufforderten, meinen Ausweis vorzuzeigen. Es ist ja nicht weiter verwunderlich, daß ich ihnen verdächtig vorkam, da ich ein Skizzenbuch unter dem Arm trug. Bloß einer von ihnen, ein ehrenwerter Landwehrmann, erklärte querköpfig, mein Ausweis sei nicht genügend. »Also der Generalstabschef General Moltke imponiert Ihnen nicht?« »Nein, der Ausweis muß von der fünften Armee abgestempelt sein«, antwortete er. Ein paar Kameraden von ihm retteten die Situation, nachdem sie den Ausweis gelesen und versichert hatten, daß General Moltke ihnen genüge.

Nach einem kurzen Besuch im Lazarett, das in einer französischen Artilleriekaserne eingerichtet war, kehrte ich um und blieb erstaunt am Eingang eines Ladens stehen, in dem Soldaten aus und ein gingen. Da ich hörte, wie ein paar Soldaten verzweifelte Anstrengungen machten, sich mit den Inhaberinnen des Ladens zu verständigen, erbot ich mich zum Dolmetsch. Es war ein Geschäft für Damenartikel, Weißwaren, Schnürleiber, Spitzen, Taschentücher, Strümpfe, Parfüms, Seife und andere nützliche Toilettengegenstände. Die Inhaberin, Frau Desserrey, war seit drei Jahren Witwe und lebte mit ihren drei Kindern und einer Schwester von diesem kleinen Geschäft. Die Soldaten im Laden wollten Hemden kaufen, und Madame Desserrey wollte ihnen begreiflich machen, daß sie ihnen alles, was sie verlangten, nähen wolle, wenn sie ihr den Stoff dazu schafften. Mit diesem Bescheid waren die Soldaten zufrieden, kauften ein paar Schachteln Seife und zogen ihrer Wege. Ich fragte Madame Desserrey, ob der Krieg sie nicht ruiniert habe, doch hatte sie bisher noch keinen Verlust gehabt; sie hoffte, über den Herbst und Winter hinwegzukommen und bald den Krieg beendet zu sehen.

»Und wie finden Sie die deutschen Soldaten?« fragte ich.

»Sie haben mir und den Meinen nicht das geringste getan, sind immer höflich und nehmen sich nichts heraus. Was sie von meinem Lager brauchen konnten, haben sie gekauft und ehrlich bezahlt; ich könnte ein großes Geschäft machen, wenn ich nur neue Waren aus Luxemburg erhielte. Ich und noch drei andere sind die einzigen, die hier ihre Läden offenhalten; alle übrigen haben geschlossen und sind beim Herannahen der Deutschen geflohen.«

Im Laden standen zwei Strickmaschinen, daran saßen die achtzehnjährige Blanche Desserrey und ihre vierzehnjährige Schwester und strickten Strümpfe für die deutschen Soldaten, während ihr elfjähriger Bruder draußen auf der Treppe saß und dem Soldatenleben zusah. Fräulein Blanche war bezaubernd, sah aber leidend aus und hatte einen wehmütigen Zug in ihren schwarzen Augen und einen Hoffnungsanker an ihrer Brosche. Ich fragte sie, ob sie viele Freunde draußen im Krieg habe. Ja, antwortete sie und sie sehne sich nach ihren Freunden, die aus der Stadt geflüchtet seien. »Wie entsetzlich ist nicht dieser Krieg!« rief sie, »welches Unglück für alle!« Dann fragte sie, ob man auch heute an der Front hart kämpfe; sie hatte den Kanonendonner am frühen Morgen gehört. Ja, man kämpfte erbittert, Deutsche und Franzosen, und mancher tapfere und vielversprechende junge Mann starb für sein Vaterland. Fräulein Blanche nähte nicht nur für Soldaten, sie träumte auch die schönsten Träume, und ihr Herz war rein und ohne Falsch; sie war liebenswürdig und konnte obendrein lachen inmitten aller Einquartierungssorgen und beim Strümpfestricken, ja man merkte, daß sie die Freude zu den vergänglichsten Dingen in dieser Welt zählte. Die deutschen Soldaten, die hereinkamen, betrachteten sie mit Interesse und begegneten ihr achtungsvoll. Sie selbst versicherte, sie habe nie Anlaß gehabt, sich über ihr Benehmen zu beklagen; sie ahnte aber nicht, daß sie auch den Stärksten mit einem Blick ihrer Augen entwaffnen konnte.

»Soyez comme l'oiseau,
Penché pour un instant
Sur les rameaux trop frêles,
Il sent plier la branche,
Mais il chante pourtant,
Sachant qu'il a des ailes.«

Blanche Desserrey hätte die Heldin eines rührenden Romans abgeben können!

Ich für meinen Teil hatte keine Zeit für Romane. Als ich auf die Straße hinaustrat, schlug die Uhr des Kirchturms ihre sechs alten französischen Schläge, und ich begab mich auf mein Zimmer, um einige Aufzeichnungen zu machen. Plötzlich klopfte es. »Herein!« rief ich mit Korporalstimme. Und herein trat der Kronprinz, mit einem großen Buche unter dem Arm. Ich bat meinen hohen Gast, auf dem Sofa Platz zu nehmen; dort saßen wir denn und plauderten, bis es Zeit wurde, sich für das späte Mittagessen zurechtzumachen.

Brummer im Feuer bei Septsarges.
(Vgl. Seite 46.)

Das Buch aber, das der Kronprinz gebracht hatte und das er mich bat, als Andenken zu behalten, hieß »Deutschland in Waffen« und enthielt, neben Beiträgen aus verschiedenen Federn, eine Reihe von hervorragend gut ausgeführten und wiedergegebenen farbigen Darstellungen der verschiedenen deutschen Truppengattungen im Dienst, im Manöver und im Krieg und der deutschen Kriegsflotte auf hoher See. Der Kronprinz selbst hat das Werk unter dem Beistand hervorragender Meister herausgegeben.

General Feldmarschall von Haeseler.             General von Mudra am Scherenfernrohr.
Bei Eclisfontaine.
(Vgl. Seite 57.)

13. Morgengrauen.

22. September. Während des Essens machte mir der Kronprinz den Vorschlag, den Major Matthiaß zu begleiten, den der Dienst nach Eclisfontaine rief. Von dort aus sollte der Sturm auf Varennes und die umliegenden Dörfer unternommen werden, die die Deutschen schon einmal in Besitz gehabt, dann aber aus taktischen Gründen wieder geräumt hatten.

½4 Uhr wurde ich geweckt. Ich zündete mein Licht an, öffnete das Fenster und sah in die Nacht hinaus. Es war pechdunkel, nur einige Sterne schimmerten durch die Baumkronen des Parks hindurch — lautlose Stille, nur der langsame Schritt der Wachen war zu vernehmen.

Um 4 Uhr saß ich einsam beim Frühstück. Ein Soldat begleitete mich mit einer Laterne zur Wohnung des Majors Matthiaß, wo das Automobil mit einem jungen Leutnant und einem Soldaten wartete. Wir nahmen, in Pelze gehüllt, Platz und rollten zur Stadt hinaus. Vor uns her die hellen Lichtbündel des Scheinwerfers; in so früher Morgenstunde reichten sie aber nicht weit. Dichter Nebel lagerte auf der Erde. Wir fuhren daher behutsam, schon weil die Straße jetzt voll wandernder Kolonnen war. Der Verkehr auf der Etappenlinie funktionierte auch während der Nacht. Nimmt denn dieser ewige Zug niemals ein Ende? Wahrhaftig, Deutschland scheint unerschöpflich an lebender Kraft und Material.

In dem Nebel erscheinen die Bäume wie Spukgestalten, die Posten stehen. Noch seltsamer nehmen sich in dieser ungewöhnlichen, malerischen Beleuchtung die Kolonnen aus. Die Reiter, den Mantel über den Schultern, sitzen auf geduldigen, schnaufenden Pferden und träumen; einer nach dem andern taucht aus dem Nebel auf, je nachdem das Licht der Scheinwerfer auf sie fällt. Ein Pferd scheut vor dem Licht und vor dem Surren der Maschine, sein Reiter schreckt aus seinen Träumen empor; er schüttelt sich, setzt sich im Sattel wieder zurecht, und der Zug geht weiter. Neue Reiter tauchen auf, immer einer nach dem andern, unzählige Pferdehufe trappeln die Straße daher, und die Räder der schweren Bagagewagen knirschen und ächzen in dem Morast, der sich an ihnen festsaugt und in unförmigen Klumpen wieder herunterfällt.

Da wird neben der Straße ein rotgelber Schein sichtbar. Wir kommen näher — er wird stärker und farbiger: es ist das Lagerfeuer eines Biwaks, von dem sich müde Soldatengestalten als scharfe Silhouetten abheben. Sie kochen etwas über dem Feuer, vielleicht Kaffee oder Tee, und mancher von ihnen raucht schon seine erste Pfeife. Ebenso dunkel und nebelverhüllt wie die Nacht, die sich noch um sie ausbreitet, ist das Geschick, das sie heute erwartet! Es liegt in der Luft, daß heute etwas bevorsteht, ein neuer Kampf an der Front. Aber für die Soldaten ist das nichts Neues, nichts Ungewöhnliches oder Aufregendes. Für sie ist es das tägliche Brot, denn an der Front wird immerfort gekämpft, und das Schicksal ruft sie hinaus in das Feuer. Vielleicht ist es ihnen bestimmt, gerade heute zu fallen und die Anzahl der Gräber und Holzkreuze an den Straßengräben zu vermehren. Vielleicht war diese dunkle Nacht die letzte in ihrem Leben! Zum letztenmal haben sie wenigstens gut geschlafen; das Biwakfeuer verbreitete eine freundliche und behagliche Wärme.

Neue Feuer werden sichtbar; um alle bewegen sich Gruppen von Soldaten, Soldaten und immer wieder Soldaten. An einer Stelle müssen wir eine Weile halten, da wir mit dem ungebärdigen Pferd eines Reiters zusammengeraten sind. Hier hören wir die kriegerischen Stimmen der Nacht von allen Seiten: das Knarren der Wagen, das Klirren der Waffen, das Getrampel der Pferde, die Unterhaltung der Mannschaften und die strengen Kommandorufe der Führer. Es sind Truppen, die an die Front marschieren.


14. Die »Brummer« bei Eclisfontaine.

Um ½7 ist Eclisfontaine erreicht. Der Nebel hängt in Fetzen und Draperien, bald leichter, bald dichter, ist aber hartnäckig und trotzt noch immer der aufgehenden Sonne. Es ist heute ein bedeutungsvoller Tag für die Deutschen; sie wollen angreifen und nach Varennes vorrücken. Nur der Nebel hindert sie, und es geht schon auf 8. Die Infanterie soll schon im Vorrücken sein und an der äußersten Front in heftigem Kampf stehen. Die Artillerie muß noch warten, ehe sie ihre Stellungen vorschieben kann. Doch von den Plätzen, wo die Batterien jetzt stehen, beginnen sie ihren Morgengesang. Die Schüsse fallen aus verschiedenen Richtungen immer häufiger. Ganz nahe dem Dorf sind Feldhaubitzen und schwere Mörser. Die Schüsse, die schwächer und dumpfer klingen, kommen von französischer Seite. Manchmal hört man vier und sechs Schüsse fast zu gleicher Zeit; dann vergeht eine Pause bis zur nächsten Salve.

Ein Offizier begleitet mich die Chaussee entlang durch das Dorf. In einem kleinen Haus laufen alle Drähte des Feldtelephons zusammen; hier sitzt ein halbes Dutzend Offiziere an einem langen Tisch, Telephonhörer am Ohr und Karten vor sich. Hier sammeln sich von der Front die Meldungen über den Verlauf der Schlacht, über Veränderungen der französischen und deutschen Stellungen und über die daraus sich ergebenden Wünsche und Bedürfnisse.

Mit Freund Matthiaß gehe ich ein Stück weiter nach Südwesten bis zu dem Punkt, von wo aus die Generalität die deutschen Operationen leitet. Das Gelände steigt bis zu diesem Punkt langsam an; er hat eine dominierende Lage und erlaubt einen vortrefflichen Ausblick über das ganze Gebiet, auf dem der Kampf tobt. Hier steht der kommandierende General von Mudra; in seiner Gesellschaft auch der 78jährige Feldmarschall von Haeseler, der jetzt kein Kommando hat, aber dem Wunsch nicht widerstehen konnte, in der Nähe seines alten Korps zu sein, dort, wo es für Deutschlands Ehre kämpft. Von mehreren Offizieren umgeben, standen die beiden Generäle den ganzen Tag mitten auf der Landstraße. Unmittelbar neben der Straße stand auf seinem Holzstativ ein Scherenfernrohr, und an diesem Fernrohr ein Hauptmann, der unablässig seine Beobachtungen meldete. Von Zeit zu Zeit trat der kommandierende General selbst ans Fernrohr.

Der Ort, auf dem wir standen, war nicht ganz ungefährlich. Ein Soldat in der Nähe der Telephonstation erhielt eine Gewehrkugel in den Rücken, eigentümlicherweise ohne verwundet zu werden; er fiel nur infolge des Stoßes oder vielleicht vor Schreck um. Die Kugel, die aus weiter Entfernung kam, hatte ihre Kraft eingebüßt. Ein anderer wurde leicht verwundet, ebenfalls von einer Gewehrkugel. Drei Schrapnells explodierten ganz in unserer Nähe, aber in allzu großer Höhe, um lebensgefährlich zu sein.

Von einem Punkt in der Nähe von Eclisfontaine hatte man eine vortreffliche Aussicht nach Südwest in der Richtung auf Varennes. Hier saß, wohlbeleibt und jovial, auf einem Stuhl mitten auf der Landstraße der Divisionsgeneral Graf Pfeil. Seitdem der Nebel fast spurlos verschwunden war, traten auch die Umrisse des Argonner Waldes hervor. In einer Entfernung von drei Kilometern nach Varennes zu steigt das Gelände zu einem flachen Kamm an, der ein paar deutsche Feldartilleriebatterien schützt, die von hier aus mit bloßem Auge leicht sichtbar sind. Gleich links von diesen Stellungen geht die deutsche Infanterie vor. Durchs Fernglas sieht man die Soldaten in stark gebückter Stellung vorrücken, um solange als möglich von der Höhe geschützt zu sein, die die Kanonen deckt. Wahrscheinlich haben aber die Franzosen die Infanterie schon gesichtet; unaufhörlich explodieren Schrapnells über ihren Linien; ein weißes Wölkchen nach dem andern taucht auf, und aus seiner Mitte schießt ein Blitz hervor. Einmal zählten wir acht solcher Wölkchen, die gleichzeitig über den Soldaten schwebten und sie mit einem Regen von Bleikugeln überschütteten. Zuweilen schlagen in ihrer Nähe auch Granaten ein, leicht erkennbar an den dunkelgrauen Säulen von Erde, Lehm und Pulver, die entstehen, sobald sie auftreffen.

Gleich südlich von der Höhe im Südwesten und durch diese unsern Blicken entzogen, liegen starke Kräfte der deutschen Infanterie in langen Schützengräben. Diesseits der Batterien sieht man im Gelände zwei halbmondförmige dunkle Flecke, die sich im Fernrohr in Soldaten auflösen; sie sitzen und liegen, haben aber Gewehr und Bajonett zur Hand, um die Kanonen gegen einen Überrumplungsversuch zu schützen. Die Kanonen sind in die Erde eingegraben, durch Erdwälle gedeckt und nach der Feuerseite zu stark maskiert. Heute morgen war noch keine französische Infanterie und Kavallerie zu sehen; auf der feindlichen Seite kämpfte bloß Artillerie, die nach Aussage der deutschen Offiziere vortrefflich schoß; nur waren die Geschosse oft sogenannte Blindgänger, die nicht explodieren.

Plötzlich donnert es um uns von allen Seiten, auch von hinten; eine Batterie von vier 21-cm-Mörsern ist bis zum Dorfe vorgerückt und steht nur hundert Meter von uns entfernt. Der Boden zittert bei jedem Schuß. Die vier Schüsse fallen rasch hintereinander, nur ein paar Sekunden Pause ist zwischen ihnen. Dann hört man eine halbe Minute oder länger über sich ein zischendes, singendes Pfeifen und sieht unwillkürlich nach oben. Doch sieht man die Geschosse nur, wenn man hinter dem Mörser möglichst in der Verlängerung der Flugbahnfläche steht. Die vier Geschosse fahren gemeinsam durch die Luft und singen den gleichen Gesang in gleich hohem Ton. Zuweilen scheint er zu ersterben, aber nach einer Weile ist er wieder deutlich vernehmbar; das kommt vielleicht von der Windrichtung. Die Mörsergeschosse brauchen ein paar Minuten bis zum Ziel; der Höhepunkt ihrer Flugbahn liegt Tausende von Metern über der Erde — eine schwindelerregende Reise für diese zentnerschweren Geschosse. Die Geschosse der Feldkanonen, die gewöhnlich auf nur drei Kilometer Entfernung eingestellt werden, kommen in einer halben Minute ans Ziel.

Die vier »Brummer« der Batterie warfen ein ums andere Mal ihre schweren Granaten zu den Franzosen hinüber; jeder Schuß sollte wer weiß wie vielen Menschen den Tod bringen. Doch schien ihre Hauptaufgabe zu sein, den Gegner aus Varennes zu vertreiben, das nur sechs Kilometer südwestlich von Eclisfontaine liegt.

Am Abend fragte ich einen der Beobachter, was das heutige Feuer wohl koste. Er machte schnell eine Berechnung für 24 Batterien Feldhaubitzen und 8 Batterien schwere Kanonen und Mörser; die Durchschnittskosten für jeden Schuß berechnete er auf 50 Mark, die Anzahl der Schüsse auf zwölftausend; das macht 600000 Mark für einen einzigen Tag und für einen ganz kleinen Teil der deutschen Front! Andere aber meinten, die Berechnung sei in jeder Beziehung zu hoch. Auf alle Fälle verbraucht die Artillerie ungeheure Summen in einem Krieg wie diesem, wo sie die Hauptwaffe ist. —


15. Verhör französischer Gefangener.

Zwei deutsche Soldaten mit geladenem Gewehr und aufgepflanztem Bajonett eskortieren französische Gefangene nach Eclisfontaine. Die meisten sehen gleichgültig aus, und ihr Blick verrät nur den einen Gedanken: Nun ist alles verloren, nun ist es aus mit uns! Andere sehen tief niedergeschlagen aus und haben geweint. Die Kraft ihrer Arme ist Frankreich entzogen, jetzt, wo sie am meisten gebraucht werden.

Ich war gerade in Gesellschaft des Brigadegenerals Bernhard, als die Franzosen in ihren blauen Waffenröcken und den weiten roten Pumphosen daherkamen; die Uniformen waren abgerissen und schmutzig, kein Wunder, wenn man Tage und Nächte im Schützengraben gelegen hat. General Bernhard trat zu ihnen und kommandierte Halt; dann ließ er sie einen Halbkreis bilden und begann, sich mit mehreren zu unterhalten. Einer war in Auxerre ausgehoben und am elften Mobilisierungstag über Bar-le-Duc nach Varennes transportiert worden, wo er seitdem gestanden hatte. Man macht ein Verzeichnis der Gefangenen und gewinnt so wertvolle Auskünfte über die Zusammensetzung der feindlichen Truppen, über Regimenter, Brigaden und Armeekorps und ihre Stellung an der Front. Der General fragte auch die Gefangenen, wie es mit ihrer Verpflegung stünde; die Antworten lauteten sehr ungleich. Die meisten waren zufrieden; nur einige behaupteten, sie hätten in der letzten Woche nur zweimal warmes Essen bekommen, da sie zufällig weit entfernt von der nächsten Feldküche gestanden hätten.

Schließlich wurde an die Gefangenen die Frage gerichtet, ob sie Tagebücher hätten, und acht oder neun antworteten: Ja! Die Bücher wurden dem General übergeben, der sie behielt. Auch dadurch gewinnt man wichtige Aufschlüsse über die feindlichen Truppenbewegungen, oft aus scheinbar bedeutungslosen Aufzeichnungen, die nur der Fachmann zu deuten weiß. General Bernhard las uns später aus einem dieser Tagebücher das letzte Stück vor, das der Gefangene tags vorher geschrieben hatte. Da stand u. a.: »Die Preußen beschießen Varennes. Sie schießen gut, heute nacht traf eine ihrer Granaten den General X., als er sich eben niedergelegt hatte.« General Bernhard sagte, die französischen Gefangenen benähmen sich immer höflich und aufmerksam und beantworteten alle Fragen korrekt und wahrheitsgetreu. In den meisten Fällen redeten sie ihn »mon général« an und bewiesen damit, daß sie über die deutschen Rangabzeichen orientiert waren, auch bei der gleichmachenden Felduniform. Und der General sprach zu den Gefangenen ohne jede Spur militärischer Strenge und ohne die Überhebung, die Rang und Macht leicht einflößen können.

Während des Verhörs wandte sich ein französischer Unteroffizier mit blondem Vollbart an mich und fragte: »Was wird man mit uns tun?« Ich antwortete: »Man wird Ihnen warme Suppe und Brot geben, und Verwundete werden ärztlicher Hilfe überantwortet.« Der Mann sah mich fragend und erstaunt an, offenbar im Zweifel, ob das wirklich wahr wäre. Dann wies er auf einen seiner Kameraden, der einen blutenden Streifschuß am Nacken hatte. Ein deutscher Leutnant übergab ihn sofort einem Sanitätssoldaten.

So bekam ich auch jetzt in unmittelbarer Nähe des Schlachtfeldes eine Bestätigung dessen, was ich früher im Lazarett gesehen hatte: daß die französischen Gefangenen bei den Deutschen eine in jeder Hinsicht humane und wohlwollende Behandlung erfahren, und ich will im Namen der Wahrheit feierlich erklären, daß die gegenteiligen Behauptungen gewisser feindlicher Blätter niedrige Lüge und schändliche Verleumdung sind. Wenn einmal der Tag des Friedens kommt und die französischen Gefangenen nach Hause zurückkehren, werden sie selbst dafür Zeugnis ablegen können. Vielleicht werden einige von ihnen sich auch an Eclisfontaine erinnern.

Später kamen neue Scharen von Franzosen. Sie waren beim Bajonettangriff der Deutschen gefangen genommen worden. Einer war am 5. August aus Konstantinopel heimgerufen worden, ein anderer berichtete, er sei Reservist, und es beginne an Leuten zu mangeln. Mit ihnen unterhielt sich der Feldmarschall und sein vortrefflicher Adjutant Rechberg, der ein beneidenswert gutes Französisch sprach.

In einer Gruppe waffenloser Franzosen befand sich auch ein Hauptmann. Er hatte einen Schuß durch den Schenkel, hinkte stark und stützte sich auf zwei Soldaten; er hatte ein vornehmes und offenes Aussehen. Als seine Schar verhört werden sollte, wurde ihm ein Stuhl angeboten, denn er sah sehr bleich aus.

»Schmerzt die Wunde sehr, mon capitaine?« fragte ein deutscher Offizier.

»Nein, gar nicht, sie ist ganz unbedeutend«, antwortete er.

»Haben Sie im Kampf große Verluste erlitten?«

»Keine besonderen, wir können alle Lücken ausfüllen.«

»Sie sehen müde aus, es ist Ihnen sicher in der letzten Zeit schlecht gegangen?«

»Nein, durchaus nicht, ich habe keine Not gelitten.«

»Es tut Ihnen leid, unter den Gefangenen zu sein?«

»Ja«, antwortete er schwer und bestimmt und ohne aufzusehen.

Er gehörte nicht zu denen, die die Gefangennahme demoralisiert. Als das Verhör geschlossen war, grüßte er und verschwand mit seiner blauroten Schar an der nächsten Straßenkrümmung.


16. Sturm auf Varennes.

Nach und nach merkt auch der Uneingeweihte gewisse Veränderungen in der Situation. Die Artilleristen reiten mit ihren prächtigen Gespannen zu den zwei Batterien im Südwesten mit dem Argonner Wald im Hintergrund. Eine Munitionskolonne folgt ihnen. Die Kanonen haben eine Weile geschwiegen; jetzt wird aufgeprotzt, die Pferde vorgespannt, die Munition in die Wagen gepackt, die Bedienung springt auf ihre Plätze, die Reiter in die Sättel, und als alles fertig ist, rollen die Batterien in einem schönen Bogen in voller Fahrt davon und verschwinden bald hinter der Anhöhe. Westlich davon sieht man neue Schützenlinien in südwestlicher Richtung zum Sturm vorgehen. Man hört deutlich das unbehagliche schnarrende Geräusch der Maschinengewehre bei der Infanterie. Die Angreifer haben Gelände gewonnen und rücken in neue Stellungen vor.

Ich gehe zum Beobachtungsplatz zurück. Der alte Feldmarschall, der schon 1870 mitgekämpft hat und nun das Recht hätte, müde zu sein, hat sich endlich bewegen lassen, auf einem Rohrstuhl Platz zu nehmen. Da sitzt er nun, lebt in seinen Erinnerungen auf und kann die Augen nicht vom Kampf und von den weißen Schrapnellwolken abwenden. Sein Blick ist streng und ernst, sein Gesicht von tiefen, scharfen Falten und Runzeln gefurcht, sein graues Haar hängt um ihn wie eine Mähne. Er scheint am liebsten mit sich allein zu sein, aber wenn man ihn anredet, ist er voller Leben. In stattlicher, militärischer Haltung steht General von Mudra an seinem Scherenfernrohr und beobachtet. Den roten Kragen auf dem sonst hellblaugrauen Mantel hat er in die Höhe geschlagen, in der Hand hält er eine Karte der Gegend, links trägt er eine Feldtasche mit Karten, Aufzeichnungen, Feder, Zirkeln und dergleichen.

Eine dritte Batterie deutsche Feldartillerie ist vorgerückt und hat sich eine neue Stellung gesucht. Und eine dritte Linie Infanterie folgt den beiden ersten und stürmt in der Richtung auf Varennes. Die Mannschaften springen mit gesenktem Bajonett in stark zerstreuter Ordnung, um dem feindlichen Feuer ein weniger kompaktes Ziel zu geben, und verschwinden hinter der nächsten Anhöhe — Gewehrfeuer knallt im Tal, begleitet vom Geknatter der Maschinengewehre — nach ein paar Minuten laute Hurrarufe: eine neue feindliche Stellung ist genommen!

Die kleine Aktion, die nur ein Glied in einer Kette ist, verursacht lebhafte Bewegung in Eclisfontaine. Zuerst fahren die Wagen des Feldlazaretts in voller Fahrt dahin, wo der Kampf stattgefunden hat; dann ziehen einige Kompanien Infanterie vorüber, um die Lücken auszufüllen. Kleine Patrouillen von Ulanen mit wagrecht gehaltenen Lanzen reiten im Galopp nach Varennes. Schließlich fährt die Feldküche vorüber mit rauchenden Schornsteinen; die Köche sitzen auf den Küchenwagen.

Auf den Abhängen südlich sieht man kleine Gruppen von acht oder zehn Mann mit Bahren und einem Schäferhund, der verstreute und vergessene Verwundete in den Gräben und Furchen suchen muß. Sobald er einen Verwundeten gefunden hat, bleibt er stehen und ruft durch Bellen die Sanitätssoldaten mit der Bahre herbei.

Das Artilleriefeuer der Franzosen hat nachgelassen, da sie ihre Stellungen in dem Maße, wie die Deutschen vorrückten, weiter zurückverlegen mußten.

Varennes, die kleine Stadt, in der Ludwig XVI. am 22. Juni 1791 erkannt und gefangen genommen wurde, um nach Paris zurückgeführt zu werden, steht nun in hellen Flammen, und eine braungelbe Rauchsäule steigt aus seinen brennenden Häusern empor. Auch Cheppy brennt und weiterhin Bourcuilles. Der Kirchturm von Cheppy reckt seine trotzige Spitze aus dem Gewölk von Rauch und Funken empor.

Westlich liegt das weite Tal, das von der Aire durchflossen wird, einem Nebenfluß der Aisne. Varennes liegt an der Aire, die im Osten den berühmten Argonner Wald begrenzt. Nach Süden zu durch das Tal stürmen württembergische Truppen; ein Teil ihres rechten Flügels zieht durch die Ausläufer des Argonner Waldes. Man erkennt ihr Vorrücken ganz deutlich durch das Scherenfernrohr, das jederzeit zu meiner Verfügung steht. Um aber die kleinen weißen mörderischen Buketts zu sehen, die entstehen, wenn die Schrapnells gerade über den Württembergern explodieren, dazu braucht man kein Fernrohr. Das Feuer wird von deutschen Schrapnells erwidert, die in weiterer Entfernung und mehr nach links sichtbar werden.

Eine Munitionskolonne, die hinter der flachen Anhöhe südlich Schutz gefunden hat, erhält Befehl, vorzurücken. Der nächste Weg wäre, nach Südwesten die Chaussee zu verfolgen, auf der ich mich den ganzen Tag aufgehalten habe. Aber dieser Weg ist gefährlich; die dunkle Linie der Kolonne wäre von den neuen französischen Stellungen aus sichtbar und würde ein vortreffliches Ziel geben, außerdem das Feuer auf die deutsche Oberleitung lenken. Die Kolonne hatte sich eben auf der Chaussee in Bewegung gesetzt, als ihr Führer den Befehl erhielt, hinter den großen Mörsern zu fahren. Die Kolonne führte leichte Munition für Gewehre und Maschinengewehre. Dahin, wo Munition gebraucht wird, fahren sie erst in der Nacht. Doch tritt selten oder nie Patronenmangel ein, da die Patronentaschen der Verwundeten und Gefallenen von ihren noch kampffähigen Kameraden geleert werden.

Eine Batterie leichte Haubitzen wird jetzt im Norden der Chaussee sichtbar. Ihre Gespanne schwenken mit ihren Feldstücken in schönem Bogen nach Süden. In Westsüdwest springen sechs Granaten in einer Entfernung von zwei Kilometern. Sie waren für die dort kurz vorher vorrückenden Württemberger bestimmt. Aber jetzt ist keine Seele mehr auf dem Platz, außer vielleicht einem zurückgebliebenen Sanitätssoldaten.

Um 6 Uhr zählte ich acht brennende Dörfer, von denen jedoch eins links vom Argonner Wald und im Operationsbereich des benachbarten Armeekorps lag. Wie viel verwüstete Häuser, wie viel vernichtetes Privateigentum! Zwar wird die Bevölkerung sich und ihre transportfähige Habe rechtzeitig in Sicherheit gebracht haben; aber wie mag es in den tausend Wohnungen aussehen, wenn die Menschen zurückkehren! Kann man ohne tiefes Mitgefühl mit den unschuldigen Leuten sein, die am meisten unter dem Krieg zu leiden haben? Und ist man ein Feind Frankreichs, wenn man eine Ententepolitik verurteilt, die so namenloses Unglück über die nordöstlichen Provinzen der Republik gebracht hat? Wer mit eigenen Augen all diese Folgen des Krieges, Kummer, Armut und Vernichtung sah, müßte sich selbst verachten, wenn er nicht laut die Politik verurteilte, die allein an all diesem Unglück Schuld trägt!

»Aber warum rückt nicht auch die Armeeleitung vor?« fragte ich, nachdem die Truppen sechs oder sieben Kilometer vor der letzten Linie Stellung genommen hatten.

»Weil man die Telegraphen- und Telephonleitungen nicht sofort verlängern und das ganze System von Verbindungen mit der neuen Frontlinie ändern kann.«

Am folgenden Tag wurde Varennes genommen und damit die ganze Maschinerie ein Stück weiter nach Südwesten vorgeschoben.

Aber nun begann der heutige Tag zur Neige zu gehen; die Sonne näherte sich den Wipfeln des Argonner Waldes. Ein lehrreicher Tag für mich! Von der Tätigkeit an der deutschen Front hatte ich eine klare Vorstellung bekommen, von den Franzosen aber nichts anderes gesehen als ihr Feuer und die Gefangenen. Ich hatte die unglaublich sichere und ruhige Leitung des deutschen Oberkommandos bewundert. Es war wie ein Spiel, das unter gewissen Voraussetzungen gewonnen werden mußte. Und wenn all diese Voraussetzungen im voraus gegeben und bekannt waren, dann hegte niemand den geringsten Zweifel am Ausgang. Und die Voraussetzungen waren: ausgezeichnetes Menschenmaterial, wirkliche Ritter ohne Furcht und Tadel, ein Volk, das in Friedenszeiten willig ist, genug und mehr als genug für die Verteidigung des Reiches zu opfern und, wenn der Krieg ausbricht, bereit ist, auch das Leben zu opfern zur Verteidigung der Heimat für seine Freiheit und seine Ehre, eine Ausbildung, die genügend lang ist, um die einzelnen Soldaten und die großen Truppenverbände unwiderstehlich zu machen, und ein Material, bei dessen Anschaffung man weder geschachert noch kompromisselt hat. Der Ausgang des Tageskampfes erweckte daher keine Verwunderung. Man hörte keine Glückwünsche, keinen Jubel — man sprach davon wie von der natürlichsten Sache der Welt!


17. Das Feldlazarett in der Kirche zu Romagne.

Auf der Rückfahrt nach Stenay müssen wir gerade vor dem Feldlazarett halten. Der Stabsarzt steht auf der Straße und gibt seine Befehle über Behandlung und Verteilung der neu angekommenen Verwundeten. Ich werde ihm vorgestellt, und er will mich nicht loslassen, ehe ich das Feldlazarett gesehen habe. »An die Front kommen, den Krieg studieren und das Lazarett in Romagne nicht sehen, nein, Herr Doktor, das geht nicht! Sie haben den ganzen Tag gesehen, wie die Verwundeten von der Feuerlinie hereinkommen, nachdem sie ihre erste provisorische Pflege auf dem Schlachtfeld erhielten. Sie haben den Hauptsammelplatz bei Eclisfontaine gesehen. Nun müssen Sie auch die dritte Etappe sehen, das Feldlazarett hier.«

Und damit führte mich der Stabsarzt in die kleine, schöne, alte katholische Kirche. Die Sonne war untergegangen, und Dämmerung breitete sich über Frankreich. Es war dunkel in der Kirche, aber noch waren die kostbaren gemalten Fenster zu unterscheiden, und vorn am Altar brannte ein einsamer Leuchter, der die Dunkelheit eher vermehrte als verminderte. Achtzig verwundete Deutsche lagen hier. Die Kirchenbänke waren paarweise zusammengestellt, so daß sie mit den Rückenlehnen geräumige Kisten bildeten, die mit Stroh gefüllt waren. In jedem solchen Bett lag ein schwer verwundeter Soldat. Die Bänke reichten aber nicht für alle. Die übrigen lagen an den Wänden auf aufgeschüttetem Stroh. Jeder hatte seine Decke, und der Zwischenraum zwischen den Lagern war so groß, daß Arzt und Sanitätssoldaten ungehindert an jedes Bett herantreten konnten. Sobald es der Zustand der Patienten erlaubt, werden sie weiter nach Deutschland geschickt, um neuen Verwundeten Platz zu machen. Nur die lebensgefährlich Verletzten, die den Transport nicht ertragen, bleiben da, um in Frieden zu sterben oder, wenn möglich, zu Krüppeln geheilt zu werden.

Am Altar, im Schein des Leuchters, waren mehrere junge Ärzte mit einem eben angekommenen Patienten beschäftigt, der sich einer Operation unterziehen mußte. Ein Licht wurde herbeigeschafft, und der Stabsarzt führte mich von Bett zu Bett und berichtete unermüdlich über die verschiedenen Fälle. Die Pforten der Kirche waren geschlossen; von draußen hörte man das Gerassel der Kolonnen und das Trappeln der Pferde. Aber eine seltsame, fast unheimliche Stille herrschte hier im Innern; man fühlte, daß hier ein Kampf zwischen Leben und Tod ausgefochten wurde. Schwere Atemzüge, aber keine Klagen, ab und zu ein Seufzer, aber kein Jammern. Keiner zeigte sich schwächer als der andere, keiner störte die Ruhe der Kameraden. Die meisten schliefen oder schienen zu schlafen, todmüde von den Kämpfen des Tages.

Wir schreiten von einem Bett zum andern und flüstern, um nicht die Schlafenden zu wecken und nicht die feierliche Stimmung zu stören. Achtzig Helden, die heute mit Freuden ihr Blut für ihr Land geopfert haben! Noch schlummern sie unter den Eisernen Kreuzen — bald werden viele von ihnen unter den Holzkreuzen auf dem Kirchhof zu Romagne schlummern. Hier einer, der einen Schuß durch das empfindlichste Organ des Unterleibes erhalten hat. Er ist so bleich wie seine sonnenverbrannte, in den Schützengräben verwitterte Haut es zuläßt, und sein Puls ist am Verlöschen, aber seine Augen stehen offen, und sein Blick wandert weit von der Erde in unbekannte Länder. Andere Bilder sieht er jetzt als vor kurzem in den Schützengräben. Welch himmelweiter Unterschied! Nach der Unruhe draußen an der Front versinkt er schon in die große lange Ruhe. Mitten unter seinen Kameraden kam er mir so einsam und verlassen vor, und ich mußte der Verwandten daheim denken, die noch hofften und nun bald weinen sollten. »Er lebt nicht bis zum Sonnenaufgang?« fragte ich den Stabsarzt. »Nein, er beginnt schon zu erkalten.«

Ein Schulgebäude in unmittelbarer Nähe der Kirche war ebenfalls Feldlazarett. In allen Zimmern, wo sonst französische Kinder Liberté, Egalité, Fraternité lernen, lagen nun verwundete Deutsche. Ein Schulzimmer war zum provisorischen Operationssaal geworden. Im Feld muß man sich helfen, so gut man kann. Und man leistet das denkbar Mögliche mit dem, was gerade zu Gebote steht. Ein paar junge Chirurgen standen, weiß gekleidet, an einer auf hohen Böcken stehenden Tischplatte, auf die ein lebensfrischer, schöner junger Soldat gelegt wurde. Beide Füße waren ihm durchschossen, aber er war noch froh und munter und rief seelenruhig: »Schneiden Sie mich nicht.« Eine barmherzige Schwester, die einzige, die so nahe an der Front war, denn sonst herrscht im Operationsbereich des Feldheers ausschließlich militärische Organisation, löste den ersten Verband, der mit dem ausgetretenen Blut zu einer festen Masse zusammengebacken war. Es tat weh, als der Verband abgerissen und die Wunde entblößt wurde. Aber der Soldat biß die Zähne zusammen und gab keinen Laut von sich. Das linke Bein war über dem Fußgelenk zerschmettert; selbst ein Laie konnte erkennen, daß es eine sehr schlimme Wunde war. Im Augenblick konnte nichts getan werden; er bekam eine Schiene und einen neuen Verband und dankte herzlich dafür, daß man so gut zu ihm war. Dann wurde er von zwei Sanitätssoldaten in ein freies Bett getragen und schien entschlossen, nur zu schlafen und alles zu vergessen. »Wird er seine Füße behalten?« fragte ich den Arzt. »Bei dem einen ist keine Gefahr, aber der andere, den wir eben verbunden haben — nun, in drei Tagen werden wir sehen. Ich werde schon mein Bestes tun —« und er schüttelte den Kopf.

Die verwundeten französischen Gefangenen waren auf Strohlagern in einem Vorratsraum untergebracht; hier sollten sie die erste Pflege erhalten und dann in ein Lazarett gebracht werden. Sie waren gerade dabei, Brot und eine nahrhafte warme Suppe zu essen. Und sie aßen mit glänzendem Appetit und waren allem Anschein nach guten Muts; ein paar waren geradezu lustig und lachten über ihre Scherze. Auf meine Frage nach ihrem Befinden antworteten sie: »Wenn es uns die letzten vierzehn Tage so gut gegangen wäre wie jetzt, dann wäre es uns gar nicht schlecht gegangen.«

Draußen auf der Straße stand eine große Schar verwundeter Deutscher und Franzosen, die Pflege suchten. An der Front wurde immer noch gekämpft, neue Scharen von Verwundeten waren im Lauf der Nacht zu erwarten, die Ärzte kamen nicht zur Ruhe. Die Franzosen standen in einem Haufen für sich. Ich trat an einen von ihnen heran; er hatte den ganzen Kopf verbunden; man sah wenig mehr als Augen und Nase. Auf meine Frage, wo er verwundet sei, zeigte er mit der linken Hand auf die linke Scheitelhälfte und dann auf die Unterseite des rechten Unterkiefers. Ich fragte den Stabsarzt, ob es möglich sei, daß der Mann stehen und gehen, sehen und hören könne, nachdem ihm ein Schuß senkrecht durch den Kopf gegangen war. Er antwortete, man habe den Verwundeten noch nicht untersucht, aber es kämen die merkwürdigsten Verwundungen vor. Die Kugeln schlagen in den armen Menschenleibern, die oft die erstaunlichsten Prüfungen bestehen müssen, die seltsamsten Wege ein.

Die Franzosen, versicherte der Stabsarzt, seien bewundernswert geduldig. Sie könnten wer weiß wie lange warten, ohne ein Wort oder eine Miene der Ungeduld. Wenn der Arzt einen Franzosen behandeln wolle, sei es obendrein fast Regel, daß der Verwundete sage: »Meine Kameraden brauchen die Hilfe nötiger; ich kann warten.« Oder: »Behandeln Sie bitte erst den Mann da — er ist Familienvater, und seine Frau lebt in kümmerlichen Verhältnissen.« Das gleiche Urteil habe ich auch von andern deutschen Ärzten gehört.