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Ein Volk in Waffen cover

Ein Volk in Waffen

Chapter 31: 29. Am Scherenfernrohr.
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About This Book

The author recounts a firsthand journey to the German front during the opening phase of the war, describing visits to the Great Headquarters, meetings with senior commanders, and the daily reality of soldiers in trenches. Eyewitness scenes include bombardments, artillery and aeronautical operations, field hospitals in churches, wounded and prisoners, military justice, and life at the front including rail and telephone services. The narrative alternates tactical reportage with reflections on unity, sacrifice, alleged enemy accusations of barbarity, and the wider political stakes the war poses, aiming to present disciplined, observed detail rather than hearsay.

Roter-Kreuz-Wagen bei Rouvroy.

Er tut seine Pflicht, er darf nicht nachgeben. Die Nervenspannung kann er nicht überwinden, denn er ist ein Mensch. Aber er kehrt nicht um, bevor er seinen Auftrag ausgeführt und erfahren hat, was er wissen will. Seine Aufmerksamkeit ist aufs höchste angespannt, er sieht und hört alles, nichts entgeht ihm. Er bemerkt auch schon auf weite Entfernung den französischen Aeroplan, der auf ihn lossteuert. Aber er ändert seinen Kurs nicht. Sie kommen sich immer näher. Keiner denkt daran, auszuweichen. Ein Zuschauer muß sich sagen, sie gehen einer unvermeidlichen Katastrophe entgegen, sie gehen ins Verderben. Aber so weit setzen sie ihren Flug doch nicht fort, denn bei einem Zusammenstoß stürzen sie beide herunter und finden den Tod, und das betrachtet man auf beiden Seiten als unnütz und unpraktisch. Der eine weicht daher rechtzeitig aus. Der Franzose ist oft mit einem Maschinengewehr bewaffnet, das für seinen deutschen Kollegen bestimmt ist. Daher geht der Deutsche mit Hilfe eines hastigen Griffs im rechten Augenblick entweder unter oder über seinen Gegner hinweg. Kommt er unter ihn, so wird das Maschinengewehr, das nicht nach unten schießen kann, unschädlich. Steht er über seinem Gegner, dann erhält er einen Schutz durch den leichtgepanzerten Boden des Aeroplans. Die Hauptsache ist, daß er nicht in derselben Ebene wie der andere bleibt. Aber es kann sein, daß auch der Franzose aufsteigt, und daß ein Wettstreit entsteht, sich in der Höhe zu überbieten. Oft umkreisen sie sich lange wie ein paar spielende Eintagsfliegen, nähern sich einander, trennen sich, verfolgen und schießen, weichen aber immer einem Zusammenstoß aus. Es ist eine unbeschreibliche Spannung, und unterdes donnern unten die Kanonen und belauern die Soldaten sich in ihren Schützengräben.

Sanitätskraftwagen in Sedan.
Verwundetentransport in Sedan.

Wenn alles normal geht, kann der Flieger drei Stunden in der Luft bleiben. Hat er seine Aufgabe ausgeführt, so fliegt er nach der deutschen Seite zurück, hält den Motor an und gleitet in vier Minuten, die jedoch unendlich lang erscheinen, herab. Er geht im Gleitflug herunter und kann unter gewissen Verhältnissen landen, ohne wieder den Motor in Gang zu setzen. Mit einem Gefühl des Behagens setzt er die Füße wieder auf das feste Land. Wirkliche Ruhe hat er jedoch selten, denn gerade die Fliegerstationen werden von feindlichen Bombenwerfern gern aufgesucht.

Die französischen Flieger steigen oft ohne Beobachter auf, um mehr Bomben mitnehmen zu können. Ist der Apparat mit zwei Personen belastet, so können nur drei Bomben mitgenommen werden, sonst sechs oder mehr. Eine Bombe wiegt 10 Kilogramm und ist einen halben Meter hoch. Die Treffsicherheit richtet sich nach der Übung. Die meisten Bomben richten keinen Schaden an. Am häufigsten werden Pferde getroffen. Als ich in Bapaume war, flog ein Flieger über ein Biwak in der Nähe. Fünf Mann hielten es für ratsam, unter einem schwer belasteten Bagagewagen Schutz zu suchen. Aber der Wagen wurde getroffen, und von den Leuten fanden sich nur noch Fetzen vor, als Hilfe anlangte.

Ich habe schon früher von der unerhört wichtigen Rolle gesprochen, die die Flugmaschinen in diesem Krieg gespielt haben, und daß sie während der ersten Monate des Kriegs immer mehr verfeinert und vervollkommnet worden sind. Mein Gewährsmann in Bapaume glaubte behaupten zu können, daß derjenige, der die besten Flugmaschinen und die geschicktesten Flieger hat, in einem Stellungskrieg gewinnt, einem wirklichen Festungskrieg, wie er jetzt an der Westfront ausgefochten wird.


26. Deutsches Sanitätswesen im Felde.

Ich habe mich bei meinem Besuch an der Front oft bei den Verwundeten aufgehalten und werde auch weiter noch manchmal auf sie zurückkommen. Es ist daher vielleicht an der Zeit, einen kurzen Überblick über System und Organisation des deutschen Sanitätswesens im Felde zu geben.

Geographisch hat man zwischen zwei großen Gebieten zu unterscheiden, dem Operationsgebiet, in dem die kämpfenden Armeen sich befinden, und dem Etappengebiet, durch das die Verbindung mit der Heimat hergestellt wird.

Jede Truppe hat ihr Truppensanitätspersonal; seine Aufgabe ist es, für ihr Wohlbefinden zu sorgen, ihre Hygiene zu beaufsichtigen, sie vor verdorbenen Nahrungsmitteln zu bewahren, das Brunnenwasser zu untersuchen usw. So ist es Sache des Regiments-, Bataillons- und Abteilungsarztes, sowohl die allgemeine Gesundheitspflege zu überwachen, als auch die erste Hilfe im Felde zu leisten. Wenn die Truppe in den Kampf geht, ist es Pflicht des Truppenarztes, einen Truppenverbandplatz auszuwählen und einzurichten.

Jedes Armeekorps hat drei Sanitätskompagnien, und diese richten unmittelbar hinter der Feuerlinie die drei sogenannten Hauptverbandplätze ein. Jede der drei Sanitätskompagnien verfügt über acht oder neun Ärzte, eine große Anzahl Krankenträger, Sanitätssoldaten, Apotheker usw., alle unter der Bezeichnung »Sanitätspersonal« zusammengefaßt. Jede Sanitätskompagnie hat acht zweispännige Krankenwagen, die mit Arzneimitteln, Bahren und Verbandzeug versehen sind.

Jedes Armeekorps hat zwölf Feldlazarette, die an geeigneten Stellen hinter der Front eingerichtet werden. Sie müssen an möglichst geschützte Orte gelegt werden und sind darauf eingerichtet, auch wenn die Front vorrückt, dort zu bleiben. Von den Truppenverbandplätzen und den Hauptverbandplätzen kommen die Verwundeten in das nächste fertige Feldlazarett.

Dieses hat seine eigenen Wagen und eine vollständige Lazarettausrüstung, als da sind Matratzen oder leere Säcke, die mit Stroh gefüllt werden können, Kissen, Decken und Laken, Hemden und andere notwendige Krankenkleidung, Porzellangeschirr und vieles andere. In den Feldlazaretten werden die ersten chirurgischen Eingriffe vorgenommen mit Ausnahme von solchen, die sofort und unter freiem Himmel geschehen müssen, z. B. die Stillung von Blutungen aus offenen Wunden. In den Feldlazaretten ist das Personal durch und durch militärisch, da gibt es keine Schwestern und überhaupt keine Freiwilligen.

An der Spitze des Sanitätswesens jedes Armeekorps steht der Korpsarzt; er ist Chef der Truppenärzte, der Sanitätskompagnien und Feldlazarette. Zur Seite hat er einen beratenden Chirurgen, gewöhnlich einen Universitätsprofessor oder Dozenten, der auch die Feldlazarette inspiziert.

Der Korpsarzt verfügt auch über einen beratenden Hygieniker, dies ist gewöhnlich ebenfalls ein Universitätslehrer, der alle verdächtigen Fälle von ansteckenden Krankheiten zu prüfen und alle notwendigen Vorsichtsmaßregeln gegen den Ausbruch epidemischer Krankheiten zu treffen hat. Er führt ein bakteriologisches Laboratorium mit sich und muß jeden einzelnen Fall von Typhus, Ruhr, Dysenterie und ähnlichen Krankheiten untersuchen, nachforschen, woher der Kranke gekommen ist, ihn isolieren und den Ansteckungsherd auszurotten versuchen. In gewissen Fällen kann er die Einrichtung eines Epidemiekrankenhauses im Etappenbereich anordnen. Ein solches ist z. B. in Attigny bei Vouziers.

Die Leichtverwundeten, die sich nicht an das Feldlazarett zu wenden brauchen, wandern an einen sogenannten »Leichtverwundeten-Sammelplatz« und begeben sich von dort an einen Etappenort und weiterhin zu Fuß oder in leeren Güterwagen nach Hause. Sobald ihre Wunden geheilt sind, kehren sie zu ihrem Regiment zurück.

Das Feldlazarett wird nach einiger Zeit durch eine Kriegslazarettabteilung abgelöst, die nur aus Personal, Arzt, Sanitätssoldaten und freiwilligen Assistenten besteht. Jedes Armeekorps verfügt über eine solche Abteilung von etwa dreißig Ärzten und der entsprechenden Anzahl übrigen Personals.

Das Feldlazarett wird so durch das Vorrücken der Truppen in ein Kriegslazarett verwandelt, oder mit andern Worten: wenn das Feldlazarett mit den Truppen vorrückt, wird sein Platz von der Kriegslazarettabteilung eingenommen. Geht das Vorrücken, wie bei meinem Besuch, langsam, so tritt keine Veränderung ein, und das Personal hat verhältnismäßig wenig zu tun.

Die Kriegslazarette liegen gewöhnlich in kleinen Dörfern, oft dreißig oder vierzig Kilometer von der Eisenbahn. Ihre Aufgabe ist, die Schwerverwundeten weiter zu behandeln, die das Feldlazarett verlassen haben, und sie dann nach den Etappenlazaretten zu befördern und nach Orten wie Sedan, die in regelmäßiger Eisenbahnverbindung mit der Heimat stehen. Der Transport der Verwundeten geschieht nicht nur zu Fuß und in leeren Lastwagen, sondern auch durch Kraftwagen der Krankentransportabteilung, unter denen man Omnibusse aus allen möglichen Städten findet, sowie Lastwagen mit Namen bekannter Fabriken und Geschäfte. Sie können bis zu zehn Betten mit sich führen, und kommen Leichtverwundete in Frage, so kann ein einziges Auto fünfzig Mann befördern, aber dann sitzen sie auch dicht zusammengepfercht und sogar auf dem Dach. Sie fahren nur nach den Etappenorten; von da geht es auf Eisenbahnen, Kanälen oder Flüssen weiter.

Die ganze Etappenlinie entlang sind an geeigneten Punkten Verband-, Verpflegungs- und Erfrischungsstationen eingerichtet, wo Schwestern, Krankenwärter und Ärzte von Wagen zu Wagen gehen, um die Patienten zu untersuchen und diejenigen herauszufinden, die nicht mehr weiter können. Daheim werden die Verwundeten in die Lazarette geschickt oder in Häuser, die im Krieg in Lazarette umgewandelt sind. Viele dürfen auch direkt in ihre Heimat fahren. Von der Front bis in die Heimat gilt der Hauptgrundsatz: Platz, Platz, Platz! Deswegen beeilt man sich soviel wie möglich, die Verwundeten loszuwerden, um für neue Scharen Raum zu bekommen. Jeder Sanitätswagen, der zum Train gehört, ist genau in Fächer und Schubkästen eingeteilt, so daß jedes Ding seinen bestimmten Platz hat und leicht zu finden ist. Ebenso mustergiltig und genau ist schon in Friedenszeiten die Zusammensetzung und Ausrüstung der Lazarettzüge bestimmt. Die eisernen Krankenbettstellen stehen bereit; man hat nur die Bänke und Gestelle aus den Wagen dritter Klasse herauszunehmen und dafür die eisernen Bettstellen festzuschrauben. Man weiß, wie viele Matratzen, Kissen und Decken für jeden Wagen gebraucht werden. In den Verband- und Apothekerwagen ist alles so genau geordnet, daß der Arzt seine Jodtinktur, sein Chinin, sein Stück Heftpflaster oder seine Sicherheitsnadel mit verbundenen Augen finden könnte. Alles ist nach einem Schema eingerichtet. Wenn ein Anfänger sich nicht sofort zurechtfindet, so braucht er nur den gedruckten Schlüssel zu benutzen, der für die Tausende von deutschen Lazarettzügen gilt. Man hat über die minutiöse Gründlichkeit der Deutschen in allen Dingen gespöttelt und hat sie Pedanten genannt. Nun zeigt sich, wozu diese Pedanterie gut ist! Alles geht wie ein Uhrwerk, und niemand braucht zu suchen oder zu fragen. Und diese in Friedenszeiten geschaffene Ordnung herrscht überall! Deshalb ziehen die Deutschen nicht in den Krieg wie schlaftrunkene und aufgestörte Träumer, sondern als auf alles vorbereitete und ausgebildete Kämpfer, sei es, daß ihre Pflicht sie in Reih' und Glied oder an den Operationstisch ruft.

Die deutschen Soldaten haben ein wahres Grauen davor, in die Hand französischer Ärzte zu fallen, sie sterben lieber! Wenn Gefangene und Verwundete nach Kriegsschluß ausgetauscht werden, werden unparteiische Richter in der medizinischen Welt urteilen können, auf welcher Seite die sorgsamere Pflege und die größere Menschenliebe zu finden waren. In mehr als einer Beziehung hat dieser Krieg die Ohnmacht und Nichtigkeit aller Konferenzen und Übereinkünfte in Genf, Haag und andern Orten mit Namen von einem jetzt leeren und trügerischen Klang dargelegt.


27. Leben an der Front.

Am 1. Oktober machte ich in Gesellschaft des prächtigen Chefs einer Feldfliegerabteilung, Hauptmann H. von Chamier-Glisczinski, einen Ausflug an die Front. Er holte mich in seinem Auto ab, und in wahnsinniger Fahrt ging es nach Somme Py im Südwesten. Vorher hielten wir jedoch eine Weile bei einer Flugstation, wo der Hauptmann dienstlich zu tun hatte. Während wir dort standen, kam eine Taube in herrlichem Gleitflug herabgeschwebt. Sie kam in größter Eile, wie es schien, und ihre hellen, leichten Flügel hoben sich scharf von dem hellblauen Himmel ab. Sie kam gerade auf uns zu, und man hatte das Gefühl, einen Schritt beiseite treten zu müssen, um nicht von der einen Flügelspitze getroffen zu werden. Als sie dem Erdboden nahe war, schien sie wieder aufsteigen zu wollen. Aber diese Bewegung geschah nur, um den Stoß bei der Landung zu mildern, dann rollte sie ein Stück und hielt auf der Wiese.

Der Flieger und sein Kamerad begleiteten uns auf der weiteren Fahrt. Und wieder entrollte sich vor uns das Bild des bunten Soldatenlebens unmittelbar hinter der Front, wie ich es so oft schon gesehen hatte. Es war heute nicht so schwer, vorwärtszukommen, denn jetzt am Tage hielten sich die meisten Truppen still und versteckt. Hier und da brannten kleine Feuer im Schatten der Bäume; man kochte und trank seinen Kaffee, rauchte seine Pfeife und sonnte sich auf umgestürzten Getreidegarben. Die Proviantwagen mit ihren weißen und gelben Plandächern waren oft mit Laub bedeckt, um den französischen Fliegern nicht allzusehr in die Augen zu stechen. In Somme Py war wenig zu sehen. Fast das ganze Dorf war niedergebrannt und zerstört; nur rauchgeschwärzte, nackte Mauern standen da. Unsere Fahrt ging weiter, und nun sahen wir die gutversteckten Feldküchen, die Sanitätskompagnien mit ihren Wagen, Ärzten und Krankenträgern, sowie die sogenannte Gefechtsbagage, d. h. alles, was die in den Schützenlinien liegenden Soldaten an Munition, Werkzeugen, Kleidern, Proviant und anderm brauchen.

Da, wo links von der Straße vier Feldhaubitzen aufgestellt waren, ließ Hauptmann Chamier halten und das Auto im Schatten eines Baumes unterstellen, denn von hier aus war es nicht ratsam, weiterzufahren, da das Automobil die Aufmerksamkeit der französischen Beobachter auf sich ziehen konnte. Wir stiegen daher aus und machten eine kleine Runde um die Batterie, die eben bei der Arbeit war. Die Haubitzen wurden gerade für die nächste Salve geladen, und ich benutzte die Gelegenheit, ein Bild davon zu skizzieren. Die Batterie war gut maskiert und mit kleinen Wällen von Erdschollen, Steinen und Sandsäcken eingefaßt; jede Kanone außerdem mit einer Schutzplatte versehen, die wenigstens für Schrapnells und Gewehrkugeln undurchdringlich sein muß. Das Feuer war auf das 4050 Meter entfernte Dorf Souain gerichtet; es war schon so gut wie zusammengeschossen, und was noch übrig war, stand in Flammen. Von dem Beobachtungsstand aus, auf den wir uns später begaben, konnte man mit scharfen Fernrohren die Wirkung der Granaten beobachten. Wenn ein Haus getroffen ist, steigt eine dunkle Säule von Gasen, Staub und Erde auf, und bald verraten Flammen und Rauch, daß die Granaten das Haus oder mehrere angezündet haben. Wer an diese Dinge nicht gewöhnt ist, betrachtet sie unwillkürlich mit einem gewissen Respekt. Vermutlich steigt der Respekt sogar mit der Gewohnheit. Die Offiziere scheinen vollkommen gleichgültig, aber das ist, glaube ich, meist nur Selbstbeherrschung; der Führer darf der Mannschaft seine Gefühle nicht verraten, er muß vollkommen ruhig sein oder scheinen. Aber es muß auch die stärksten Nerven angreifen, lange im Feuer zu liegen. Diese Batterie hier war achtzehn Tage auf demselben Platz, ohne von französischen Fliegern entdeckt worden zu sein.

Die Granate ist mit Pikrin gefüllt, einem Sprengstoff, der noch viel stärker ist als Dynamit. Beim Auftreffen explodiert die Ladung und verursacht eine furchtbare Verwüstung. Der Geschoßzylinder zerspringt dabei in messerscharfe Scherben und verursacht böse, schwer zu heilende Wunden. Der Zünder des Schrapnells wird dagegen auf Zeit eingestellt, so daß er z. B. neunzehn Sekunden nach Abfeuerung des Schusses, je nach der Entfernung, das Geschoß zur Explosion bringt. Auch sein Zylinder ist mit Pikrin gefüllt und dazu noch mit etwa vierhundert kleinen, runden Bleikugeln, die in einem schweifförmigen Strahl oder in einem Kegel sich über das Ziel verstreuen.

Von der Batterie aus wanderten wir zu Fuß durch die Allee und hielten uns getrennt und im Schatten der Bäume. Einen sicheren Schutz bot die Allee nicht, denn sie war hier und da unterbrochen. Wir gingen fünfhundert Meter südlich bis zu dem Beobachtungsstand, von dem aus das Feuer telephonisch geleitet wurde und die vorderste französische Front beobachtet werden konnte. Der Platz hieß Ferme- —. Das erste, was ich sah, war etwas Baumähnliches, das sich über das umgebende Gebüsch erhob. Es war ein Mast von der Stärke und Höhe einer Telegraphenstange; eine Stiege führte hinauf zu einer kleinen Plattform und dem Sitz für einen Beobachter, der nebst seinem Fernrohr unter Laubzweigen verborgen war.

Am Ziel angelangt, wurden wir von nicht weniger als drei Obersten empfangen, von denen jedoch zwei nur zufällige Gäste waren, und von einigen Offizieren. Einer der Obersten namens Fischer, Brigadekommandeur der Feldartillerie, ein heiterer, gemütlicher Herr, hatte gleich mir Asien bereist.

Die Offiziere wohnten hier Tag und Nacht und hatten sich unter der Erde häuslich eingerichtet, da der Platz von dem französischen Feuer bestrichen wurde. Eine Treppe führte in eine Grottenwohnung von zwei kleinen, dunklen Zimmern hinab, die von einer Petroleumlampe erleuchtet und von einem kleinen, eisernen Kamin erwärmt wurden, der jetzt munter brannte. Auf einem Wandtisch lagen Toilettesachen, Fernrohre, Karten, Instrumente und Revolver in lustiger Unordnung. Im Schlafzimmer waren die Betten auf dem Erdboden dicht nebeneinander ausgebreitet. Man darf nicht allzu empfindliche Nerven haben, wenn man dort unten schlafen soll. Aber doch war es wenigstens ein Zufluchtsort, wenn der Platz starkem Feuer ausgesetzt war; gegen Granaten sei er zwar nicht ganz geschützt, sagte man mir, wohl aber gegen Schrapnells. Auch ihre Mahlzeiten nahmen die Offiziere gewöhnlich hier ein, um in Ruhe essen zu können.


28. Die Feld-Telephonstation.

Einige Schritte davon entfernt besuchten wir die Telephonstation, die in dem gemauerten Keller eines im übrigen zusammengeschossenen Hauses eingerichtet war. An den Wänden dieser unterirdischen Kammer war eine ganze Reihe Telephonapparate befestigt; davor saßen einige Offiziere und Soldaten auf Wandbänken. Solange ich unten war, klingelte es ununterbrochen in mehreren Telephonen zu gleicher Zeit. Personal mußte also immer da sein, um zu antworten. Die Station stand mit der ganzen vierten Armee durch ihr Oberkommando in Verbindung, ebenso mit dem Großen Hauptquartier. Ja, man konnte sogar jede Verbindung mit Deutschland erhalten, obgleich natürlich Privatgespräche nicht zugelassen waren. Zwei junge Flieger, Graf Rambaldi und Leutnant Bürger, waren eben von einer Erkundung der französischen Stellungen zurückgekehrt und berichteten ungemein klar und sicher über das, was sie gesehen hatten. Rambaldi stand lange, den Telephonhörer in der einen, seine Karte mit den eingezeichneten Beobachtungen in der andern Hand, und sprach mit einem Offizier des Oberkommandos, der das gleiche Kartenblatt vor sich hatte und sicher auch Bleistift und Notizbuch. Der Rapporteur sagte z. B.: »550 Meter nordwestlich von X. sah ich eine Artilleriestellung von wahrscheinlich nur zwei Kanonen. Auf der Straße, die westlich davon nach Y. führt, war eine stillstehende Kolonne von acht Wagen; konnte nicht unterscheiden, ob Munitions- oder Proviantkolonne. Die Batterie, die gestern in dem Tal südlich von Z. stand, ist heute verlegt worden; wohin? ist im Augenblick nicht festzustellen.«

Durch solche Erkundungen bekommt das Oberkommando viel Wichtiges zu wissen und richtet das Artilleriefeuer darnach ein. Die deutsche Batterie, die die französische bei dem Dorfe Z. beschossen hat, stellt natürlich das Feuer ein, sobald bekannt wird, daß das Ziel die Lage geändert hat, was immer während der Nacht geschieht. Die Geschütze einer französischen Batterie stehen gewöhnlich weit voneinander, teils, um die Gefahr zu vermindern, teils auch, um sie leichter vor Fliegern verbergen zu können.

Von dem Beobachtungsplatz aus waren es etwa zwei Kilometer bis zu den vordersten deutschen Schützengräben, die dreihundert bis fünfhundert Meter von den französischen entfernt liegen, ja, zuweilen tausend Meter. Hier liegen nun die feindlichen Soldaten und belauern einander. Es ist ein Hundeleben in diesen Gräben! Steckt man die Nase über den Rand hinaus, ist man des Todes. Gestern vormittag 10 Uhr sah man eine Schar französische Soldaten aus einem nahen Wald herausschleichen, um sich vorsichtig dem Schützengraben zu nähern. Zwei Salven Schrapnells wurden auf sie abgegeben. Hundertundfünfzig Mann blieben liegen, die übrigen zogen sich zurück. Sie bezahlen mit derselben Münze, sobald sie Gelegenheit dazu haben, und ihre Artillerie steht auf der Höhe, ebenso ihre Zielsicherheit. Ihre Munition soll dagegen weniger gut sein; gestern krepierten von sechsunddreißig Granaten nur sieben, alle übrigen waren sogenannte »Blindgänger«.

Die deutschen Soldaten bewahren sich mitten in Todesgefahr ihre gute Laune und setzen zuweilen spaßeshalber einen herrenlosen Helm auf einen Stock und halten ihn in nickender Bewegung über den Rand des Schützengrabens. Sofort wird er das Ziel des feindlichen Feuers, und die Soldaten wetten, wie viele Treffer es geben wird!

Übertriebene Reinlichkeit kann in diesen Gräben nicht herrschen, wenn man auch das Menschenmögliche tut, um allen Schmutz zu entfernen. In dieser Gegend hatte sich zwischen den beiden Fronten ein Übereinkommen ergeben, daß bei gewissen Gelegenheiten die Soldaten den Graben unbehelligt verlassen konnten, aber nur immer ein Mann, unbewaffnet und in der Richtung auf den feindlichen Schützengraben zu. Der Soldat brauchte bloß einen Spaten über den Grabenrand zu heben und ihn dreimal auf und ab zu schwingen. Nach diesem Signal konnte er ruhig seine Promenade antreten und wieder an seinen Platz zurückkehren. Einmal hatten sich zwei weidende Kühe zwischen zwei in kurzem Abstand voneinander verlaufende Schützengräben verirrt. In der geheimen Zeichensprache der Soldaten kam die Übereinkunft zustande, ein französischer Soldat sollte die eine, ein deutscher die andere Kuh melken! So geschah es, und dann kehrte jeder ruhig in seinen Graben zurück. Das beweist, daß auch die französischen Soldaten ihren guten Humor nicht verloren haben.

Die Schützengräben stehen gleichfalls in telephonischer Verbindung mit der Beobachtungsstation. Einer unserer Freunde fragte mich, ob ich hören wollte, wie sich die Bewohner des am weitesten vorgeschobenen Schützengrabens gerade jetzt befänden. Natürlich wollte ich das! Ich bekam den einen Hörer in die Hand und wurde zunächst nach allen Regeln der Höflichkeit dem Major vorgestellt, der im Schützengraben auf den Anruf antwortete. »Wie geht es, Herr Major?« — »Danke, gut.« — »Haben Sie etwas Besonders zu berichten?« — »Ja, heute nacht wurden einige Schüsse gewechselt, aber ohne Verluste.« — »Wie ist die Stimmung bei der Mannschaft?« — »Vortrefflich, wie gewöhnlich.« — »Haben Sie die acht Maschinengewehre bekommen, die Ihnen gestern nacht geschickt werden sollten?« — »Ja, sie sind da und schon aufgestellt, aber für eines fehlt der Panzerschutz. Wir behelfen uns bis auf weiteres mit Erdschutz.« — »Haben Sie sonst noch Wünsche?« — »Danke, nein, alles in Ordnung.«

Der Major sprach ruhig und sicher, aber man hörte doch einen Unterton von Ernst in seinen Antworten.


29. Am Scherenfernrohr.

Der über der Erde liegende Teil des Beobachtungsplatzes war eine gemütliche Laube im Gebüsch, und hierhin kamen von Zeit zu Zeit Boten auf Zweirädern gefahren. Wohlgeschützt und versteckt stand ein Scherenfernrohr auf seinem Dreifuß, ein anderes auf der Landstraße vor der Laube. Durch solch ein Fernrohr sieht man so gut wie alles bis an den Rand des Horizonts, und die vertikale Stellung der Tuben ermöglicht es, daß der Kopf des Beobachters bei der Arbeit ganz im Schutz eines Eisenschilds oder einer Mauer bleiben kann. Von unserm hochgelegenen Platz aus hatten wir eine vortreffliche Aussicht über den ganzen Bereich der nächsten Schützengräben. Oberst Fischer erklärte mir alles. Er stellte den Horizontalfaden des Fadenkreuzes auf den deutschen Schützengraben ein, und dieser wurde ganz deutlich als eine etwas ungerade dunkle Linie sichtbar. Man sah sogar, wie ein Mann aus dem Graben herausstieg, wahrscheinlich nachdem er dreimal mit dem Spaten gewinkt hatte! Dann wurde das Haarkreuz auf den französischen Schützengraben eingestellt, der etwas schwächer sichtbar wurde, aber doch vollkommen deutlich.

Noch weiter südlich, 3550 Meter von unserm Beobachtungsplatz, sah man das brennende Dorf Souain und die Wäldchen, in denen man gut versteckte Artilleriestellungen vermutete; in Ostsüdost, d. h. links von uns, deutlich eine Batterie von vier Geschützen, und diesseits von dieser eine jetzt aufgegebene Artilleriestellung.

Plötzlich rief der Oberst: »Deckung!« Eine französische Flugmaschine, ein Blériot, näherte sich. Man stellte sich schleunigst unter die Bäume, um seiner Aufmerksamkeit zu entgehen. Einige Ordonnanzpferde, die in einem Hohlweg standen, wurden an einen sicheren Platz gebracht. Der Flieger kam näher. Schwach, aber deutlich hörte man das Surren seines Motors. Er segelte gerade über unsere Köpfe hinweg. Wird er eine Bombe werfen oder uns mit Pfeilen überschütten? Es wäre ein guter Fang für ihn, einen Beobachtungsstand zu zerstören, von dem aus das Feuer geleitet wird und an dem alle Telephondrähte der Gegend zusammenlaufen. Ein Zivilkundschafter kann ihn ja signalisiert haben. Aber der Flieger zog vorüber, es erfolgte keine Explosion, und mit einem Gefühl der Erleichterung sah man ihn verschwinden. Er suchte ein anderes Ziel für seine Bomben.

Obgleich es mit großer Gefahr verbunden war, gingen wir noch zweihundert Meter in der Richtung auf die Schützengräben vor. Das Gelände senkte sich hier langsam. Wir verfolgten die Straße in zerstreuter Ordnung und im Schatten der Bäume, und wo Gebüsch war, hielten wir uns darin. Glücklich kamen wir bis zur ersten Linie der Reservetruppen für die Schützengräben. In diesen wechselt die Mannschaft jeden Morgen um 6 Uhr. Die Leute können sich also jeden zweiten Tag ausruhen. Sie haben sich in die Erde eingegraben, und ihre Wohnungen sind mit Stangen, Zweigen und Heu gedeckt. Sie waren am Morgen aus dem Schützengraben gekommen und sollten nun bis Mittag schlafen. Dann wird exerziert, und bei Dunkelheit kommen die Feldküchen mit ihren dampfenden Kochtöpfen. Es gab eine ganze Reihe solcher Reservelager an der Nordseite des Gebüschs.

Niemand riet uns, von hier aus den Weg fortzusetzen, denn dann wären wir unfehlbar von französischen Beobachtern gesehen und mit mörderischem Feuer bedeckt worden. Ausgerechnet eine Feldküche, die sich hier doch nur in der Nacht bewegt, war dieser Tage von einer Granate getroffen worden und hatte vier Mann verloren. Und jetzt hatten wir Tageslicht und offenes Gelände vor uns. Vor kurzem erst waren die deutschen Soldaten bei Einbruch der Dunkelheit plötzlich aus einem nahegelegenen Schützengraben herausgestürmt und hatten einen Bajonettangriff unternommen. Der Angriff war zurückgeschlagen worden und mehrere Deutsche auf dem Platze geblieben. Die Leichtverwundeten wurden in französische Gefangenschaft geführt. Drei Mann waren so schwer verwundet, daß sie für verloren galten und liegen bleiben mußten. Die nächsten französischen Soldaten hatten aber Mitleid mit den armen Verwundeten und brachten ihnen jede Nacht Speise und Wasser, auch Zigaretten. Eines Tags kam ein mutiger deutscher Arzt mit einigen Krankenträgern in die deutschen Schützengräben. Sie führten eine Flagge des Roten Kreuzes mit sich. Erst knallten einige feindliche Schüsse; als aber die Franzosen erkannten, was die Absicht war, wurde es lautlos still; niemand wollte das Rettungswerk stören.

Bei einer andern Reservekompagnie, wo wir uns eine Weile mit den Feldgrauen unterhielten, war vor einiger Zeit ein Leutnant Johannes gefallen. Rings um sein Grab stand eine ganze Batterie von Granaten wie ein Bataillon Kegel, das Kreuz war der König! Auch junge Fichten waren um den Grabhügel des Leutnants gepflanzt.

Nachdem wir uns ein paar Stunden bei diesen liebenswürdigen, fröhlichen und tapferen Männern aufgehalten hatten, traten wir den Rückweg nach der Fliegerstation an, wo die diensthabende Wache dem Hauptmann Rapport erstatten mußte. Sie äußerte dabei: »Es ist gut, daß die Herren nicht vor einer Viertelstunde gekommen sind, da kam ein Flieger über die Station und warf eine Bombe ab, die hier gleich in der Nähe krepierte, aber ohne Schaden anzurichten.« Zur Erinnerung daran erhielt ich einen Bombensplitter, den man lieber in der Tasche fühlt als im Körper!


30. Feldgottesdienst.

Sonntagmorgen in Vouziers (4. Oktober). Schon früh um 5 weckte mich ein Franziskanerbruder, den ich im dortigen Lazarett des Professors Zinser kennen gelernt hatte. Ich kleidete mich schnell an und in Begleitung eines katholischen Soldaten, der von Behr bediente, wanderten wir nach dem Altenheim, in dessen Kapelle der Geburtstag des heiligen Franziskus mit Messe und Gesang gefeiert werden sollte. Es war noch nicht Tag, der Mond schien nicht, die Nacht herrschte noch auf der Erde, ein feuchter Nebel schwebte über Vouziers, und das Steinpflaster der Straßen war naß. Hier und da brannte ein elektrisches Licht, einsam gegen die Dunkelheit kämpfend. Ab und zu hörte man eilige Schritte; es waren die Mönche, die zur Messe eilten, und vor einem Haus mit irgendeiner militärischen Bestimmung ging eine Nachtwache auf und ab, sonst war die Straße lautlos still.

Am Ziel angelangt, treten wir in einen kleinen Garten ein, an den der Säulengang des Heims angrenzt, und sind bald darauf in der Kapelle. Diese ist schon mit Zuhörern gefüllt. Da sitzen Elisabethschwestern aus Essen in ihren weißen Schleiern und Vincentiusschwestern aus Hildesheim in ihren schwarzen Schleiern, die Franziskanermönche haben ihre Plätze eingenommen, und auf den Emporen sitzen mehrere Soldaten. Ihnen schließe ich mich an.

Die Heiligenbilder am Altar werden von hohen Lichtern erleuchtet, die eben angezündet werden; aber die beiden Kandelaber werden noch nicht benutzt. Es ist draußen noch so dunkel, daß die gemalten Fenster nicht zur Geltung kommen, da sie nur von innen beleuchtet werden. Man erkennt kaum die Züge der Jungfrau Maria und der heiligen Helena.

Ein Bruder in weißem, goldgesticktem Ornat, umgeben von vier ebenso prächtig gekleideten dienenden Brüdern, tritt an den Altar heran. Sie tragen an langen, feinen Ketten Weihrauchkessel, auf deren glühende Kohlen einer von ihnen ein wohlriechendes Pulver streut, und leichte, blaue Wolken steigen bis zu meinem Platz auf dem Chor empor.

Nun beginnt das lateinische Altargebet. Ein Priester singt, und die Versammelten antworten mit dem immer wiederkehrenden Refrain: »Per omnia saecula saeculorum. Amen.« »Oremus« erklingt es vom Altar, und aus der Versammlung »Per omnia saecula saeculorum. Amen.«

Dann folgt die Predigt. Der Redner knüpft seine Betrachtungen an das Leben des heiligen Franziskus. Von der ganzen Erde steigen heute Gebete zu ihm auf. Die Versammelten können sein Andenken nicht besser feiern als dadurch, daß sie ihre Pflichten im Dienst der Menschenliebe erfüllen und die Qualen der Verwundeten lindern.

Die Chorfenster bekommen Farbe. Es tagt draußen. Die Gemeinde singt ein deutsches Lied zu Ehren des heiligen Franziskus. Ein Bruder tritt an den Altar heran und klingelt ein paarmal mit einem kleinen Glöckchen. Ich kann meine Augen nicht von diesen Brüdern und Schwestern abwenden, die von den Schlachtfeldern und Lazaretten gekommen sind, und deren Gedanken sich nun so friedlich um den Namen des großen Heiligen sammeln. Wie sind sie davon ergriffen, wie andächtig machen sie das Zeichen des Kreuzes. Auf einem stimmungsvollen Gemälde im Chor gegenüber schaut der Gekreuzigte von der Höhe seines Leidens auf die knienden Gestalten herab. »Per omnia saecula saeculorum.« — »Dominus vobiscum.« — »Gratias agimus Domino, Deo nostro.« — »Unus est Deus, unus est Dominus.« Und das Glöckchen läutet wieder, und der Weihrauchkessel schwingt in seinen Ketten, und es ist, als träten die Jungfrau und die heilige Helena aus den Wolken um den Altar hervor und kämen uns allen näher!

Die dienenden Brüder grüßen sich, indem sie sich gegenseitig die Hände auf Schultern und Haupt legen. Das Abendmahl wird an die Gemeinde ausgeteilt, und wieder erklingt der stete Refrain »Per omnia saecula saeculorum«. Und man denkt an all die Tapferen, die draußen in den Schützengräben sterben, und an die Blüte männlicher Jugend zweier edlen Nationen, die dem Granatfeuer geopfert wird. Vielleicht waren die Gedanken der Nonnen und Mönche stärker ergriffen von den unruhigen Ereignissen, die jetzt die Welt erschütterten, als von dem Frieden, der den Namen des heiligen Franziskus umschwebte. Sie gedachten all der Soldaten, die in ihrem Beisein gestorben sind. Es ist schwer, zu sterben, wenn man jung und stark ist und das ganze Leben noch vor sich hat! Aber ewige Ehre verdienen die Männer, die sich fürs Vaterland opfern, und ihr Andenken soll lebendig bleiben »per omnia saecula saeculorum«.

Mörser.
(Vgl. Seite 103.)
Unterirdische Hütten zur Deckung der Ersatztruppen.
(Vgl. Seite 104.)

Nun werden die Kandelaber auf dem Altartisch angezündet, aber draußen hat jetzt der Tag gesiegt, und das Gesicht der heiligen Helena erstrahlt hell und rein vor aller Augen. Ihre Lippen umspielt ein Lächeln voller Milde und Güte und sie, die Freundin der Wehrlosen und Leidenden, scheint mit Freude so viel würdige Schwestern und Brüder um sich zu sehen, die ihre besten Kräfte den verwundeten und sterbenden Soldaten weihen.

Der Gottesdienst war zu Ende, und mein Franziskanerbruder führte mich in den Säulengang, wo die Schwestern Kaffee mit feinem Weizenbrot und Marmelade boten. Hier verbrachten wir bis zum Abschied eine angenehme Stunde.

½10 Uhr fand der protestantische Feldgottesdienst statt. Das Gotteshaus war eine Straßenecke unter freiem Himmel, ein sichrerer Platz als das offene Feld vor der Stadt, wo eine große Menschenmasse immer ein dankbares Ziel für die Bomben der französischen Flieger abgäbe. Einige hundert Soldaten und etwa fünfzig Offiziere waren zur Stelle. Ein Oktett der Regimentsmusik blies einen Choral — wir kannten ihn nur zu gut: »Ein' feste Burg ist unser Gott« — und die Kriegsleute stimmten mit starken, frischen Stimmen ein.

Dann trat auf der untersten Stufe einer Steintreppe der junge Pastor Marguth aus Hessen hervor. Er trug einen schwarzen Rock und um den Arm eine weißviolette Binde wie alle Geistlichen der Feldarmee. Er sprach im Anschluß an den Römerbrief über die Kraft des Evangeliums, und kam damit auf die welthistorischen Ereignisse, die aller Gedanken erfüllten. Er sprach von der unwiderstehlichen Kraft eines Volkes, das in solchen Zeiten einen Herrscher hat, der in Wahrheit ein Führer ist. Der Kaiser habe alles getan, um den Krieg zu vermeiden; er habe den Frieden gewollt, aber da er zum Krieg gezwungen worden sei, habe er auch gewußt, wo sein Platz sei, und was das Volk von ihm verlangen konnte. Und im Vertrauen auf dieses Volk habe er nicht gezaudert, für Deutschlands Existenz und Zukunft loszuschlagen.

Pastor Marguth sprach vom Pflichtgefühl des Volkes als der vornehmsten Bedingung des Siegs. Das Volk wisse, was es zu tun habe, wenn die Pflicht es ruft. »Wir müssen Gott danken für seine Gnade, daß er uns jetzt in der Stunde unserer Heimsuchung in unserer schwersten aber auch größten Zeit so einig und stark gemacht hat.« Und zuletzt sprach er von der Ausdauer der Soldaten und von ihrer Entschlossenheit, sich erst mit dem letzten Mann und dem letzten Pferd zu ergeben.

Es war eine einfache Beredsamkeit ohne Redeblüten, ohne Phrasen; der Geistliche sprach freimütig mit froher Zuversicht und unerschütterlicher Siegesgewißheit, und die deutschen Worte weckten ein klingendes Echo an den französischen Häusern. »Vater unser, der du bist im Himmel ... Der Herr segne euch und behüte euch ...« Schließlich wurde wieder ein Choral gesungen, mit so brausender Kraft, als sei es am Tag vor dem siegreichen Einzug durch das Brandenburger Tor. Hier standen nun diese breitschultrigen, kraftvollen und jugendfrischen Germanen, und unter den Helmen flammten Augenpaare, die vielleicht morgen in den Schützengräben erlöschen sollten! Es überlief mich kalt, als ich den Choralgesang erschallen hörte und dachte, diese Männer verstehen die Kunst, zu sterben! Aber ihr Volk wird nie sterben, und es ist schade um die Mächte, die sich zu ihrem eigenen Untergang vereinigt haben. Wieviel Blut muß noch fließen, bis sie einsehen, daß ihr Ziel, Deutschlands Vernichtung, unerreichbar ist!

Die Feldprediger sind ein Geschlecht für sich. Immer froh, munter, aufopfernd und freimütig. Sie sind die Seelsorger der Soldaten, den Lebenden predigend, die Sterbenden tröstend und erquickend. Die Konfession spielt keine Rolle mehr. Protestantische und katholische Priester verkehren wie Brüder. Alle haben einen Gott, und alle haben ein Ziel: die Wohlfahrt des Vaterlandes. Oft sieht man Priester zu Pferde dahergesprengt kommen, das Kreuz um den Hals, den schwarzen Filzhut auf dem Kopf, die weißviolette Binde am linken Arm des Feldrocks. Nicht selten sind sie mit dem Eisernen Kreuz geschmückt. Dann haben sie wohl mitten im Granatfeuer von der Auferstehung und dem Leben gesprochen oder mit unerschütterlicher Ruhe gepredigt, während feindliche Flieger über ihnen schwebten. Ja, vielleicht sind sie Sonnabend nachts in Kälte und Regen zwischen Büschen und Gras hindurchgekrochen, um an die Schützengräben zu gelangen und ihren Bewohnern am Sonntag Gottes Wort zu verkünden.

Am Abend desselben Tages wurde in der Kirche zu Cernay Gottesdienst abgehalten. Man hatte an Licht sparen müssen, und auf dem Altar brannten nur ein paar Talgkerzen. Aber es war Vollmond und klares Wetter, und der Mondschein sickerte durch die Fenster herein und erleuchtete das Schiff und die Säulen und die wetterharten Männer, die aus ihren Schützengräben oder von ihren Troßwagen gekommen waren. Von Zeit zu Zeit schlugen französische Granaten in die Stadt ein, und es donnerte und krachte von Explosionen und einstürzenden Häusern. Aber der Priester ließ sich nicht stören. Er schien den Krieg draußen nicht zu merken, sondern sprach, ohne mit der Stimme zu zittern, vom Frieden in Gott und von den Pflichten gegen das Vaterland. Die Soldaten hörten mit unerschütterlicher Ruhe zu, und als der Choralgesang schließlich verklang und die Lichter ausgelöscht wurden, zerstreute sich die Schar in den Gassen, die eigentümlich erleuchtet waren vom Mondschein und vom Feuer der brennenden Häuser. —


31. Nach Belgien.

Nachdem ich lange genug bei den prächtigen Offizieren von Herzog Albrechts Armee verweilt hatte, begann ich mich nach neuen Erlebnissen zu sehnen, und am Vormittag des 8. Oktober entschloß ich mich, zunächst nach Sedan zurückzukehren. Da um diese Zeit kein Militärzug abging, benutzte ich auf den Rat des Stationskommandanten, Oberstleutnant Böhlau, den Postautobus, in dessen Innern zwei Artillerieleutnants Müller und Fuchs und meine Wenigkeit hinter den hochaufgestapelten Briefsäcken noch eben Platz fanden. In Sedan nahm mich Oberstabsarzt Dr. Fröhlich, mit dem ich schon vorher, in Sedan selbst und in Vouziers, zusammengewesen war, in einem Lazarettzug mit dreihundert Patienten, den er nach Breslau zu führen hatte, bis nach Libramont mit. Dort fragte ich den Stationsvorsteher, ob er mir nach Namur weiterhelfen könnte.

»Nicht ganz bis dahin, aber bis Jemelle. Und sind Sie erst dort, so wird sich wohl leicht eine Gelegenheit zur Weiterfahrt finden.«

»Schön, und wann geht der Zug?«

»Im nächsten Augenblick, aber es ist kein Zug, nur vier zusammengesetzte Lokomotiven, die aus Jemelle requiriert wurden.«

Ich hatte schon manches Beförderungsmittel benutzt, von den Kamelen in Takla-makan angefangen bis zu den Rikschas in Kyoto. Aber auf einer Lokomotive war ich noch nie gefahren, und schon deswegen nahm ich den Vorschlag mit größtem Dank an.

So verabschiedete ich mich denn von Dr. Fröhlich und wurde mit meinem Gepäck von laternentragenden Landsturmleuten über einige Schienenstränge bis zu den vier Lokomotiven geleitet. Auf der ersten nahm ich Platz; sie hatte den Tender vorn, und ich hatte daher freie Aussicht über die Landschaft, die sich nach und nach vor meinen Blicken aufrollte. Aber kühl und zugig war es, eine dünne Schicht dichten Reiffrostes deckte das Land, und diesen weißen Schein verstärkte noch der Mond, der hoch und kalt über der durchfurchten Erde schwebte.

Lokomotivführer und Heizer waren kräftig gebaute, unerschütterlich ruhige Männer. Ihre rußigen Gesichter verrieten keine Bewegung, keine Unruhe, aber immer hielten sie den Blick fest auf die Bahn gerichtet, bereit, die Maschine anzuhalten, sobald sich etwas Verdächtiges zeigen sollte. Überanstrengt waren sie auch nicht, aber in der letzten Zeit hatten sie auch leichteren Dienst gehabt als früher, wo sie oft achtundvierzig Stunden, ja manchmal sechzig Stunden ununterbrochen tätig waren! Die Schüsse der Franktireurs hatten aufgehört, und man konnte mit einem Gefühl von Sicherheit fahren, was aber Vorsicht nicht unnötig machte.

Die Nacht ist lautlos still. Wir begegnen langen Militärzügen, die wunderlich aussehen in der ungewohnten Perspektive; und auf den Bahnhöfen in Hatrival und Mirwart stehen endlose, leere Güterzüge. Langsam wird es Tag. Gärten und Wälder erhalten Form, und die Laubkronen der Bäume heben sich immer deutlicher vom Himmel und von dem weißen Felde ab. Wir fahren über eine Brücke, die gesprengt, aber von den Pionieren wieder hergestellt worden ist. Die Landschaft ist unendlich schön, wellig und hier und da mit Wald geschmückt. Der Lokomotivführer stellt mir einen kleinen, dreibeinigen Stuhl hin, und als der Heizer den Ofen öffnet, um Kohlen nachzulegen, lächelt er, als ich die Gelegenheit wahrnehme, meine Hände zu wärmen.

Forrières! Nun geht die Sonne auf und mit glitzerndem Gold färbt sie Bäume, Äcker und Wiesen, Häuser und Wagen und die Landsturmleute, die nicht mehr mit aufgeschlagenen Kragen zu gehen brauchen.

Wir sind in Jemelle und steigen aus. Ich danke für gute Reisegesellschaft; ein Trinkgeld wird nicht angenommen. Auf dem Bahnsteig erscheint ein Unteroffizier und fragt, wer ich bin. Er bekommt meinen Ausweis zu sehen und bittet mich, im Zimmer des Stationsvorstehers zu warten, bis dieser kommt, es ist ja erst ½7 Uhr. Drinnen prasselt ein freundlicher Ofen, vor dem ich mich in einen Lehnstuhl niederlasse und sofort einschlafe.

Nach einer Weile kommt Hauptmann Haaf, der Stationsvorsteher, und weckt mich, sehr erstaunt darüber, einen wildfremden Menschen im Besitz seiner Amtsstube zu finden! Aber die Bekanntschaft ist bald gemacht.

»Wann geht ein Zug nach Namur?« frage ich.

»½12 geht ein kleiner Zug Proviantwagen; wenn Sie den benutzen wollen, lasse ich gern einen Personenwagen anhängen.«

»Natürlich, das paßt ausgezeichnet.« Und dann geleitet mich der Hauptmann nach einem in der Nähe gelegenen belgischen Restaurant, in dem ein paar muntere, gesprächige Frauen ein erstklassiges Frühstück auftischen. Währenddem berichtet der Hauptmann, daß man immerhin noch nicht ganz sicher vor Franktireurs sei. Vor einigen Tagen war ein Büchsenschuß auf das Stationsgebäude in Jemelle abgefeuert worden. Man hatte den Schützen ergriffen und vor das Kriegsgericht gestellt; wie es ihm ergangen war, wußte man noch nicht. In der Gegend von Houyet hatte vor kurzem eine Bande Zivilisten einige Deutsche überfallen, und eine Strafexpedition von hundertunddreißig Mann war gegen sie ausgesandt worden.

Die Abfahrtsstunde schlägt, und der Zug fährt durch hügeliges Land mit wohlhabenden Dörfern und auf den Wiesen weidenden Herden. An den Krieg erinnert nichts als die Landsturmleute, die an der Bahn Wacht halten, die Eisenbahntruppen, die hier und da arbeiten, und die Militärzüge, die an den Stationen halten. Auch bei Marloie stand einer, und wir hielten unmittelbar neben ihm. In einem der Wagen saßen Schwestern vom Roten Kreuz, und der Zufall wollte es, daß mein Fenster gerade ihnen gegenüberlag. Einige Schwestern schlummerten, aneinander gelehnt, andere lasen, die übrigen strickten. Durch das geöffnete Fenster sah eine der Schwestern heraus. Sie sah lieblich aus in ihrer hellen Tracht mit dem roten Kreuz am Arm.

»Woher kommen Sie und wohin gehen Sie?« fragte ich.

»Wir sind von Berlin«, antwortete sie, »und sollen nach Sedan.«

»Aber in Sedan ist ja kaum noch ein Verwundeter, die meisten sind nach Deutschland gebracht worden.«

»Das haben wir gehört, aber es werden wohl bald neue von der Front kommen. Woher kommen Sie selber?«

»Aus der Gegend südlich von Sedan.«

»Sind Sie Deutscher?«

»Nein, Schwede.« Es war nicht zu umgehen, ich mußte mich der jungen Dame und ihren Mitschwestern vorstellen. Die Unterhaltung war bald im besten Gang, und wir waren halbwegs miteinander bekannt geworden, als mein Zug sachte weiterfuhr. Ich konnte ihnen bloß Glück zu ihrer menschenfreundlichen Arbeit wünschen und erhielt aus ihrem Fenster freundliche Abschiedswinke. Damit war diese kleine Idylle zu Ende.

Auf der Strecke zwischen Aye und Hogne machten einige Leute der Kasseler Eisenbahntruppen Zeichen, daß sie aufsteigen wollten. Der Zug fuhr langsamer, sie sprangen auf das Trittbrett und fuhren mit Gepäck und Gewehren mit.

Die kleine Stadt Ciney kann sich eines besonders prächtigen Stationsgebäudes rühmen, wo der Verkehr lebhafter ist als sonst. Zuweilen begegnen uns kolossale leere Züge. In den Güterwagen liegen Stroh und Bänke bunt durcheinander. Vielleicht haben sie Truppen nach Antwerpen befördert. Oft sieht man bei den Stationen und zwischen den solid gebauten Steinhäusern der Dörfer gemütliche, gutgepflegte Küchengärten. In einiger Entfernung von der Bahn erblicken wir schließlich das Fort Naninnes mit der deutschen Flagge, und dann fahren wir über die Maas auf einer neuen Brücke, von der man eine Aussicht auf die alte hat, die in den ersten Kriegstagen gesprengt wurde. Und damit sind wir in dem bezaubernden, schön gelegenen Städtchen Namur angelangt.


32. Die 42-cm-Mörser vor Namur.

Um die etwa nötigen Aufklärungen zu erhalten, wandte ich mich an einen Hauptmann, einen großen Herrn mit schneeweißem Haar und Bart. Es stellte sich heraus, das es kein Geringerer war als der Professor emeritus Dr. B. Lepsius, der trotz seines hohen Alters mit in den Krieg gezogen war, ein guter Freund des berühmten schwedischen Physikers Professor Svante Arrhenius; er hat während meines kurzen Aufenthalts in Namur wie ein Vater für mich gesorgt.

Nachdem meine Sachen in einem Hotel am Bahnhof untergebracht waren, machte ich einen Besuch beim Gouverneur, General von Hirschberg, der nichts dagegen einzuwenden hatte, daß ich eines der Forts besichtigte. Außer Professor Lepsius begleitete mich Major Friederich vom Generalstab.

Wir fuhren an die Nordfront und waren bald beim Fort Marchovelette angelangt, jetzt Fort Nr. I genannt. Die Deutschen haben alle die Stadt umgebenden Forts mit römischen Ziffern bezeichnet. Der erste Eindruck vom Fort Nr. I ist der, daß die Verwüstung geringer gewesen ist als bei dem Fort in Port Arthur, wo General Kondratenko fiel; denn dieses Fort glich, als ich es vor sechs Jahren besuchte, einem einzigen Schutthaufen. Betrachtet man aber Nr. I genauer, so erstaunt man über die unheimliche Wirkung der neuen deutschen schweren Artillerie. Das Fort hat die Form eines Dreiecks mit einer Spitze nach Nordosten. Sein Glacis ist mit Stacheldrahtnetzen bedeckt, die zwischen Eisenpfeilern von einem Meter Höhe ausgespannt sind. Das Netz ist dicht und sein Gürtel etwa dreißig oder vierzig Meter breit. Innerhalb dieses Gürtels ist der Graben, der nach außen von der Kontereskarpe, nach innen von der Eskarpe begrenzt wird. Noch einen Schritt weiter nach innen folgt ein Wall oder ein kleinerer Graben für Infanteriestellungen und zuletzt der Kern des Forts mit den Panzertürmen.

In einer Entfernung von zehn oder fünfzehn Metern vor dem Stacheldrahtnetz sah man das Loch, das ein 42-cm-Geschoß in den Erdboden gegraben hatte; es maß etwa dreißig Meter im Umkreis und war etwa acht Meter tief. An den fast senkrechten Betonwänden der Eskarpe und Kontereskarpe sah man die Spuren von gewöhnlichen Granaten, die strahlenförmig von der Explosionsstelle sich ausbreitende Löcher hinterlassen hatten. Hier lagen auch Splitter von Sprengbomben verschiedenen Kalibers. Ein Splitter eines 42-cm-Geschosses war so schwer, daß man ihn nur mit Aufgebot seiner ganzen Kraft bewegen konnte! Dafür wiegt aber auch ein solches Geschoß in ganzer Gestalt mehrere hundert Kilo! Ein kleiner Splitter, den ich mitnahm, zeigte, daß sich die Masse um ein Viertel ihrer ursprünglichen Dicke ausgedehnt hatte.

Alles, was diese Riesenmörser betrifft, wird geheim gehalten. So viel aber erfährt man doch, daß diese unerhört schweren Geschosse mehrere Kilometer hoch geschleudert werden und meilenweit vom Ausgangspunkt entfernt einschlagen! Man schießt sich mit den großen Mörsern sehr sorgfältig ein und muß doch darauf gefaßt sein, daß ein Schuß oder ein paar ihre Wirkung verfehlen. Man stellt aber den Schuß mit einer solchen Sicherheit ein, daß die Fehlerquelle nur gering ist. Bevor man die Schüsse abgibt, werden die genauesten Berechnungen und Beobachtungen angestellt. Während des Einschießens sind Beobachter in geeignet gelegenen Wäldchen vor der Front aufgestellt, die telephonisch mit der Bedienung verbunden sind und melden, in welchem Verhältnis zum Ziel der Aufschlag erfolgt. Wenn ein Ding von der Größe dieser Geschosse aus einer Höhe von einigen Kilometern herabkommt, kann ja kein von Menschenhänden errichteter Bau widerstehen!

Im Fort Nr. I konnte man auch die Wirkung der Geschosse sehen. Ein Schuß hatte den ringförmigen Panzer der Kuppel des größten Panzerturms getroffen, war durch diesen wohl einen halben Meter dicken Panzer hindurchgegangen wie durch Butter und hatte dann noch fünf Meter Beton durchschlagen. Durch einen sinnreichen Mechanismus ist das Geschoß so eingerichtet, daß es erst ein paar Sekunden nach dem Auftreffen explodiert. Es hat, wie die Deutschen sagen, einen Zünder mit Verzögerung. Daher ist seine Wirkung so furchtbar.

Kruppsche Ingenieure waren zurzeit damit beschäftigt, die Forts von Namur und Lüttich wieder instand zu setzen, und bedeutende Arbeitermassen hatten vollauf damit zu tun. Durch die Instandsetzung der eroberten Befestigungen verstärken die Deutschen ihre strategische Stellung und können große Truppenkontingente freimachen und in andere Gegenden schicken.

Welche Wirkung diese schwere Artillerie auf die Besatzung der beschossenen Forts ausübt, kann man aus der Tatsache ermessen, daß in einem Fort siebzig Prozent der Verteidiger fielen und dreißig Prozent schwer verwundet wurden. Unter den Verwundeten war in einem solchen Falle der tapfere General Leman, der in der Gefangenschaft seinen Degen wieder erhielt. In einem andern Fort fand man vierzig unverwundete, aber tote Soldaten. Sie waren offenbar durch die Gase der Geschosse getötet oder im Betonstaub erstickt, der aufs unheimlichste aufwirbelt und überall eindringt. Der Luftdruck hatte auch viele gegen die Kasemattenwände geschleudert; sie wurden mit zerschmetterter Hirnschale aufgefunden.

Eine der Lehren, die man aus dem jetzigen Kriege ziehen zu können meint, ist die, daß auch die modernsten Festungen mit den vorzüglichsten Panzertürmen gegenüber einer Artillerie vom Kaliber der großen deutschen Mörser ohnmächtig sind. Gerade der Umstand, daß die Geschosse erst explodieren, wenn sie in die Kasematte eingedrungen sind, bewirkt, daß die Zerstörung aller Beschreibung spottet. Die Geschosse wirken erst von oben nach unten durch das Einschlagen selber, und dann von unten nach oben durch die Explosion. Die 42-cm-Mörser werden in ihre Stellungen auf Eisenbahnschienen befördert, die jedesmal besonders gelegt werden.


33. »Vandalismus.«

Vom Fort Nr. I fuhren wir in die Stadt zurück, deren schönste Partien am Zusammenfluß der Sambre und Maas gelegen sind. Südlich von der Sambre windet sich eine unendlich malerische Straße zur Zitadelle hinauf. Von dem prächtigen Grand Hotel Namur-Citadelle, das auf der Höhe thronte, ist nur noch das Skelett von eisernen Balken und Ziegelmauern vorhanden. Der Hotelwirt war ein Deutscher, und die Belgier hatten ihn im Verdacht, daß er beim Anmarsch der Deutschen seinen Landsleuten Lichtsignale gäbe. Deshalb steckten sie das Gebäude in Brand. Aber die Aussicht ist noch vorhanden, und sie ist großartig, besonders auf das Maastal mit seinen zahllosen Villen und Schlössern, in denen reiche Belgier wohnen oder wohl besser gewohnt haben; denn die meisten sind infolge der deutschen Okkupation weggezogen.

Die Stadt Namur selbst wurde von den Verheerungen des Kriegs nur wenig betroffen. Das Rathaus ist eine Ruine, ebenso mehrere Häuser in der Nachbarschaft; im ganzen sind aber nur etwa zwanzig Häuser zusammengeschossen. Man hat die Deutschen wegen der Zerstörung menschlicher Wohnungen, Kirchen, öffentlicher Gebäude und Gegenstände von kunsthistorischem Wert getadelt. Solche Verluste sind ja an und für sich beklagenswert, aber weder der Angreifer noch der Verteidiger nehmen die geringste Rücksicht darauf, wenn es zu siegen oder zu sterben gilt! Hegt der anrückende Feind, der eine Stadt erobern will, den Verdacht, daß der Kirchturm der Stadt als Beobachtungsposten benutzt wird, so schießt er den Kirchturm zusammen. Als die Belgier den Verdacht gefaßt hatten, daß von Schloß Marche-les-Dames der Herzogin von Arenberg bei Namur, berühmt wegen seiner kostbaren Kunstschätze, Signale gegeben würden, steckten sie es in Brand. Wenn es gilt, das Vorrücken eines Invasionsheeres aufzuhalten oder seine Verbindungslinien abzuschneiden, scheut der Verteidiger keine Opfer, wenn auch er selbst in erster Linie den materiellen Verlust erleidet. Unter den unzähligen Brücken, die die Belgier in ihrem eigenen Lande gesprengt haben, um den Deutschen den Weg zu verlegen, sind viele, die für die Deutschen nicht die geringste Bedeutung hatten. Hierdurch haben sich die Belgier selbst dreifach Schaden zugefügt: sie haben die Brücken verloren, sie haben die Aufräumungsarbeit zu leisten und, wenn der Krieg zu Ende ist, eine neue Brücke zu bauen — alles das wird durch eine einzige Bohrpatrone verursacht.

Wie oft schafft nicht ein Kriegsheer bei der Verteidigung des eigenen Landes mehr Verwüstung als das Invasionsheer! Das Sprengen von Brücken ist an und für sich ein Vandalismus, aber vollkommen berechtigt, wenn man dadurch strategische Vorteile gewinnen kann. Die Verwüstung, die die Deutschen bei ihrem Vordringen angerichtet haben, war teils unfreiwillig, teils durch die Haltung der Zivilbevölkerung erzwungen; aber niemals erfolgte sie aus Zerstörungswut und Vandalismus. Entgegengesetzte Behauptungen gehen darauf aus, in der Öffentlichkeit falsche Vorstellungen zu erwecken, und man kann sicher sein, daß feindliche Heere, wenn es ihnen gelänge, in Deutschland einzudringen, dieses Reich mindestens ebenso verwüsten würden, wie jetzt die Gegenden verwüstet sind, in denen deutsche Heere stehen.

In der ersten Zeit nach der Einnahme Namurs mußten nach Einbruch der Dunkelheit alle Fenster nach der Straße hinaus erleuchtet bleiben, während die Straßen selbst im Dunkel lagen. Wer auf der Straße ging, war daher nicht zu sehen; wer aber aus einem Fenster schoß, wäre sofort ertappt worden. Alle Haustüren mußten zunächst unverschlossen bleiben. Nach einiger Zeit wünschten aber die Einwohner aus Furcht vor den Soldaten ihre Haustüren schließen zu dürfen, und der Wunsch wurde bewilligt.

Bei meinem Besuch, also am 8. Oktober, machte Namur einen belebten Eindruck. Noch ½8 Uhr abends waren die meisten Geschäfte offen und auf den Straßen viel Verkehr. Sogar junge Damen, die anfangs nicht auszugehen gewagt hatten, zeigten sich wieder. Aber noch durfte niemand ohne besonderen Ausweis nach 9 Uhr abends außer dem Hause sein. Die vielen Uniformen, Militärautos und Transporte verwandelten Namur in eine deutsche Garnisonstadt. Aber Namur war auch noch etwas anderes; das bewiesen die weißen Fahnen an vielen Fenstern, namentlich in den Hauptstraßen; sie bedeuteten: wir, die wir in diesem Hause wohnen, finden uns in die neue Ordnung der Dinge. Wer durch Belgien reist, muß sein Herz verhärten, denn jeder Schritt erinnert daran, welches Unglück es sein muß, die Freiheit im eigenen Lande verloren zu haben. Und man denkt mit Schrecken daran, wie man selbst bei gleichem Unglück fühlen würde. Ein Strafgericht geht jetzt über Europa. Wehe den Völkern, die nicht beizeiten ihr Haus besorgt haben und sich auf Vereinbarungen und papierne Erklärungen verlassen; denn nur die Macht gibt den Ausschlag, und nur der Starke und Wachsame flößt Respekt ein nach allen Seiten!


34. Generalgouverneur Exzellenz von der Goltz.

Am Nachmittag des 9. Oktober fuhr ich mit einem Militärauto nach Brüssel, in der Absicht, vor dem Einbruch der Dunkelheit wieder in Namur zu sein. Der Weg führte mich über das Schlachtfeld von Waterloo. Ich besuchte das dortige Schlachtenpanorama und den kolossalen Löwen, den die niederländische Regierung aus eroberten französischen Kanonen hat gießen und dort auf einem Hügel hat aufstellen lassen.

Dämmerung senkt sich auf diese blutgetränkte grüne Erde herab, der Wind weht über die Felder und Hügel, wo das Echo der alten Kanonen und das Gerassel der Harnische und Steigbügel, gekreuzter Lanzen und harter Säbelhiebe vor fast hundert Jahren verklang. Eine feierliche Stimmung ergreift den Beschauer dieses Schlachtfeldes, auf dem mehrere Völker ihren Toten Denkmäler errichtet haben. Nun halten deutsche Soldaten bei Waterloo und seinen Denkmälern Wacht. Still! Hört man nicht den Kanonendonner vor Antwerpen? Wir lauschen; nein, alles ist still. Meine Chauffeure, die mit oben bei dem armen gefangenen Löwen stehen, können nicht begreifen, was vorgefallen ist. Seit ein paar Wochen konnte man täglich die Kanonade hören, versichern sie, und nun ist es plötzlich still! Man sieht nicht einmal im Norden den Feuerschein brennender Häuser. Sind Wind und Nebel daran schuld? Meine Begleiter glauben gehört zu haben, in der vorigen Nacht seien fünfzehnhundert Schüsse auf die unglückliche Stadt abgefeuert worden; die Verwüstung dort müsse schrecklich sein. Nun ja, denke ich, auch eine Artillerie wie die deutsche wird Zeit brauchen, um einen Platz wie Antwerpen einzunehmen, der nach englischen und französischen Angaben die stärkste Festung der Welt und absolut uneinnehmbar ist.

Die Nacht war hereingebrochen, als wir Brüssel erreichten, aber die Straßen waren erleuchtet, und die Fenster der Geschäfte und Restaurants strahlten in hellem Glanz. Viele Spaziergänger waren unterwegs, aber fahren sah man nur deutsche Offiziere und Soldaten.

An der Ecke der Rue de la Loi wurden wir von zwei Wachtposten angehalten. Ich zeigte meinen Ausweis, sie gaben den Weg frei, und wir fuhren weiter bis zum Palast der Ministerien. »Wo wohnt der Gouverneur?« fragte ich meinen Chauffeur. »Wir sind sofort da«, war die Antwort. Er hielt vor dem Ministère des Sciences et des Arts. Am Torweg standen starke Wachtposten. Man führte mich über einen Hof und in einen langen Korridor mit deutschen Türschildern. Auf einem stand der Name des Leutnants Massebus; gerade den suchte ich, denn er war einer der Adjutanten. Er teilte mir mit, der Generalgouverneur sei den ganzen Tag vor Antwerpen gewesen, werde aber sicher gegen 9 Uhr zurückkommen; ich möchte dann meinen Besuch erneuern.

Ich fuhr daher nach dem Palast-Hotel, dessen vierhundert Zimmer zum größten Teil von deutschen Offizieren bewohnt wurden. Zur festgesetzten Zeit befand ich mich wieder im Empfangsraum des Generalgouverneurs. Dort warteten mehrere Offiziere. Unter ihnen machte ich die Bekanntschaft eines Mannes, dessen Namen ich schon hatte nennen hören, des Hauptmanns Dreger, der Ingenieur bei Krupp ist und einer von denen, die die 42-cm-Mörser konstruiert haben. Dies war nun ein Thema, über das man nicht sprechen durfte, dafür erzählte aber Hauptmann Dreger, daß er im Oktober 1908 eine Woche nach mir nach Bombay gekommen sei, und daß er mich dann buchstäblich über Colombo, Penang, Singapore, Hongkong und Schanghai verfolgt habe, immer in einem Abstand von kaum einer Woche.

»Wer ist jetzt drin?« fragte ich.

»Frau Martha Koch aus Aleppo«, antwortete ein Adjutant. »Sie hat mit Mann und Kindern dreißig Jahre in Aleppo gewohnt, und der Generalgouverneur gehört seit der Zeit seines türkischen Aufenthalts zu den alten Freunden der Familie. Nun ist sie hierher gekommen, um dem Roten Kreuz ihre Dienste anzubieten.«

Ein Offizier, der mit dem Generalgouverneur unterwegs gewesen war, schüttelte den Kopf und sagte: »Wir wundern uns jeden Tag, daß er noch lebt, er setzt sich den schlimmsten Gefahren aus. Neulich flog eine Granate einige Meter über seinen Kopf weg, und er lächelte nur.« Ein anderer Offizier warf ein: »Ja, er scheint an der Gefahr sein Vergnügen zu haben, gefährdete Plätze ziehen ihn besonders an, man möchte fast glauben, daß er den Tod sucht. Das wäre ein schöner Abschluß eines glänzenden Lebenslaufs. Aber die Kugeln weichen ihm aus, während sie die, die in seiner Nähe sind, nicht schonen. Ja, er geht so weit, daß er sich bis an die Schützengräben heranschleicht, sich dort niederlegt und mit den Soldaten scherzt. Natürlich wirkt seine Gegenwart auf sie im höchsten Grad anfeuernd. Eines Tags ging er in Begleitung eines Soldaten bis an einen feindlichen Schützengraben heran, der freilich lange still gelegen hatte, von dem man aber doch nicht wissen konnte, ob er Besatzung enthielt oder nicht. Glücklicherweise war er leer. Als Exzellenz zurückkehrte, machten wir ihm Vorwürfe wegen seiner Unvorsichtigkeit. »Aber es war ja niemand drin«, antwortete er ganz ruhig. — »Aber es hätten sich doch Schützen versteckt halten können.« — »Freilich; dann wäre ich wahrscheinlich nicht hingegangen.«

Wie wir gerade von Exzellenz von der Goltz sprachen, trat er selbst aus seinem Zimmer heraus und forderte mich auf, ihm zu folgen. Ich kannte ihn von der Berliner Deutsch-Asiatischen Gesellschaft her, wo ich unter seinem Vorsitz über meine letzte Reise gesprochen hatte. Er empfing mich auch wie einen alten Bekannten.

Der Generalgouverneur von Belgien, Feldmarschall Freiherr von der Goltz, seinerzeit Pascha in türkischen Diensten, steht im zweiundsiebzigsten Lebensjahr, hat aber noch Tatkraft und Energie wie ein junger Mann und fühlt sich im Felde so recht in seinem Element. Kräftig gebaut und stämmig, ist er klein von Gestalt, hat freundliche und lustig blinzelnde Augen hinter einer Brille und erinnert mehr an einen Professor als an einen General. Tatsächlich ist er auch ein sehr gelehrter Mann, der viele kriegsgeschichtliche Arbeiten von großem Wert herausgegeben hat, nicht zum wenigsten über den Deutsch-Französischen Krieg, an dem er teilnahm.

Als wir allein waren, berichtete er mir die große Neuigkeit, daß Antwerpen am selben Tag gefallen und die deutschen Truppen nachmittag 3 Uhr eingezogen seien! Kein Wunder also, daß wir bei Waterloo nichts von einer Kanonade gehört hatten. Ich nahm mir sofort die Freiheit, zu fragen, ob es erlaubt sei, Antwerpen möglichst bald zu besuchen, da es interessant und lehrreich sein könne, zu sehen, wie sich eine neu eroberte Großstadt ausnimmt. Ja, natürlich! Ich könnte alles sehen, was ich wünschte; ich möge nur am folgenden Morgen gleich nach 7 Uhr wiederkommen, dann würde ich erfahren, ob ich schon ohne allzu große Gefahr nach Antwerpen fahren könnte.