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Ein Volk in Waffen cover

Ein Volk in Waffen

Chapter 40: 38. Löwen.
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About This Book

The author recounts a firsthand journey to the German front during the opening phase of the war, describing visits to the Great Headquarters, meetings with senior commanders, and the daily reality of soldiers in trenches. Eyewitness scenes include bombardments, artillery and aeronautical operations, field hospitals in churches, wounded and prisoners, military justice, and life at the front including rail and telephone services. The narrative alternates tactical reportage with reflections on unity, sacrifice, alleged enemy accusations of barbarity, and the wider political stakes the war poses, aiming to present disciplined, observed detail rather than hearsay.

35. Antwerpen einen Tag nach seinem Fall.

7 Uhr morgens am 10. Oktober befand ich mich auf dem Weg zum Palast des Generalgouvernements an der Rue de la Loi. Am Eingang kamen drei junge Offiziere auf mich zu, fröhlich und guter Dinge, und begrüßten mich, als wären wir Jugendfreunde. Sie hätten, sagten sie, vom Feldmarschall den Auftrag bekommen, mich nach Antwerpen zu begleiten. »Wenn es Ihnen recht ist, fahren wir sofort, das Auto steht bereit.« Natürlich! Der Chauffeur setzte den Motor in Gang und nahm seinen Platz am Steuer ein. Neben ihm saß ein Soldat und im offenen Automobil die drei Deutschen und ich. Alle Deutschen trugen Revolver; außerdem hatten wir drei Karabiner zur Hand. Offenbar hielt man die Straße noch für unsicher und den Besuch in der eben eingenommenen Stadt mit Gefahren verbunden. Man hatte noch keine genaueren Nachrichten über die Stimmung Antwerpens während der Nacht und am frühen Morgen. »Mir ist es komplett egal, ob ich jetzt oder ein anderes Mal erschossen werde, sterben muß man ja auf alle Fälle«, sagte Leutnant Classen, der ein großer Spaßvogel und voll lustiger Einfälle und Geschichten war. Die übrigen zwei Reisekameraden waren Leutnant Dr. Hütten aus Stettin und Leutnant Dr. Walter Kes aus Steglitz. Dr. Kes war auch in Friedenszeiten aktiv und dabei Doktor der Philosophie, was sehr ungewöhnlich ist.

Sobald alles in Ordnung war, erscholl der Ruf: Los! Und vom ersten Augenblick an fuhr das Automobil mit wahnsinniger Geschwindigkeit. Ehe man noch recht wußte wie, lag die große Stadt Brüssel mit ihren in dieser frühen Morgenstunde stillen und leeren Straßen hinter uns, und wir waren draußen auf dem ebenen Lande, wo vereinzelte Häuser und Dörfer, Wäldchen und Heufeime aus dem Nebel auftauchen, der noch mit dem Morgen kämpft, aber bald von der Sonne zerstreut sein wird. Durch ein herrliches, altes Tor zwischen zwei runden Türmen sausen wir in unvorsichtig rascher Fahrt nach Mecheln hinein.

Volltreffer im Fort Koningshoyckt, Antwerpen.
Gesprengter Turm der Redoute Chemin de fer, Antwerpen.
Redoute von Antwerpen.

Wir lassen rechts die Grand' Place mit dem Rathaus und andern altertümlichen Gebäuden und der schönen Bildsäule der Margarethe von Österreich liegen, kreuzen wieder einen Kanal und gelangen auf die Antwerpener Chaussee. Hier fahren wir zwischen den bedeutenden Forts Waelhem und Ste. Cathérine, die von häßlichen Stacheldrahtnetzgürteln und Wolfsgruben umgeben sind, und vorsichtig zwischen den tiefen Löchern, die krepierende Granaten mitten in die Landstraße gerissen haben.

Zu beiden Seiten der Straße sehen wir vortreffliche Schützengräben, die die Belgier auf ihrem Rückzug nach Norden gebaut haben; in den Landstraßengräben sind schalenförmige Nischen ausgehöhlt, um gegen den Hagel des Schrapnellfeuers Schutz zu bieten. Links stehen noch weite Strecken des Landes unter Wasser, und neben der Straße liegen noch provisorische Pontons, hergestellt aus einem Gitterwerk von Balken, die auf zylinderförmigen Petroleumfässern ruhen; die Deutschen brauchten sie beim Übergang über die Wasserläufe.

Die Bewohner des Landes sind wie weggeblasen. Nur ganz selten zeigt sich noch ein verirrter Bauer oder ein Wächter, der zurückgeblieben ist, während der Sturm über das Land raste. Aber das Leben auf der großen Landstraße spottet doch jeder Beschreibung, und der Verkehr nimmt zu, je weiter wir nach Norden kommen. Es sind die alten, wohlbekannten Kolonnen, in denselben endlosen Zügen, von gleichem Aussehen und in der gleichen mustergültigen Ordnung, die wir von den südlicheren Heerstraßen her kennen. Landwehrtruppen rasten neben den Wegen und Straßen; sie haben die Gewehre zusammengestellt, an deren Bajonetten die Mützen, Leibriemen und Patronentaschen hängen. Und dort biegen mehr als vierzigjährige Landsturmleute in ganzen Regimentern nach Gent ab. Ihnen fehlt es nicht an gutem Humor und Courage, sie marschieren wie Jünglinge und singen, als ginge es zum Erntefest! An den Gewehrmündungen tragen sie Blumen, Kränze um den Hals. Nach fünftägiger ununterbrochener Eisenbahnfahrt marschieren sie nun fünfundvierzig Kilometer bis zu den Gefechtsstellungen, vielleicht um fürs Vaterland zu fallen. Deshalb singen sie. Und doch haben sie Frau und Kinder daheim gelassen. Für Freiheit und Glück kämpfen und fallen sie. Sie wissen, was es gilt. Je mehr Kinder sie dem Vaterland geschenkt haben, desto mehr haben sie zu verteidigen, und desto wichtiger ist es für sie, daß Deutschlands Freiheit und zukünftige Größe gesichert wird.

Einigen der vornehmen Villen und Schlösser an der Straße statten wir unsern Besuch ab. Teils werden sie von einem zurückgebliebenen alten Diener oder einer Dienerin bewacht, teils sind sie leer und verlassen. Nirgends ist der Besitzer selbst zurückgeblieben, worüber man sich ja auch nicht wundern kann. Die Häuser, die wir besuchten, waren völlig unberührt und zeigten keine Spur von Plünderung oder Verwüstung. Wir waren auch unter den allerersten, die nach der Eroberung die Straße daherkamen. Soldaten werden für Diebstahl oder boshafte Zerstörung streng bestraft. Solche Fälle gehören auch zu den Seltenheiten. Und wie sollten sich Ausnahmen in einer Millionenarmee vermeiden lassen! In einer Kolonne, die vielleicht aus hundert oder hundertundfünfzig Wagen und vierhundert Pferden besteht, und wo siebzig oder achtzig Mann Karabiner tragen und die Eskorte im übrigen sehr klein ist — wie soll in einer solchen Kolonne der verantwortliche Führer alles, was geschieht, kontrollieren können! Man muß auch bedenken, daß eine Hafenstadt wie Antwerpen, einer der Hauptpunkte des Welthandels, eine Masse internationales Gesindel beherbergt, das gerade in unruhigen Zeiten losgelassen wird und auf Raub ausgeht. Es wäre daher nicht zu verwundern, wenn sich nach Beendigung des Krieges Privateigentum verwüstet fände. Aber so etwas war bei meinem Besuch noch nicht geschehen, soweit ich beobachten konnte. Die Schlösser, die wir besuchten, befanden sich in dem Zustand, in dem ihre Besitzer sie verlassen hatten.

Es geht an Ruinen und nackten, beschädigten Mauern vorüber und auf einer hölzernen Pionierbrücke mit der gewöhnlichen Landsturmwache fahren wir über die Nethe, wo die alte Brücke während des Rückzugs gesprengt wurde.

Die Schützengräben liegen immer dichter nebeneinander und sind mit bewundernswerter Sorgfalt angelegt. Die unterirdischen Gänge sind oft zu kleinen Zimmern ausgebaut, mit Holz- und Erddächern versehen, die Wände mit Brettern belegt. An einer Stelle ganz nahe der Stadt sieht man quer über die Straße Spuren von Barrikaden. Sie sind wie Steinmauern aufgeführt, aber leicht zu umgehen, da Lücken in sie geschlagen sind. Oft liegen auf und neben der Straße tote Pferde. In der Nähe des innern Fortgürtels mit den Stacheldrahtnetzen begegnen wir ein paar Batterien schwerer Mörser, die in dieser Gegend nicht mehr gebraucht werden und nun wohl auf dem Weg nach dem westlichen Flandern sind. In derselben Richtung wie wir fährt eine Kolonne, die auf langen, schmalen Wagen Pontons befördert; sie sollen bald an der Schelde in Anwendung kommen.

Die Stadt selbst umgibt ein grasbewachsener Wall, den viele Tore durchbrechen, und vor dem Wall zieht sich ein fortlaufender Graben, über den Brücken führen. Von den Toren wehen die deutschen Fahnen herab. Durch das Mechelner Tor gelangen wir in den Stadtteil Berchem und fahren dann die Mechelner Chaussee nach Nordwesten. Die ganze Straße ist voll von rastenden Kolonnen und Truppen. Sie stehen offenbar bereit zu neuen Taten. Hier und da sind Häuser von Granaten getroffen und an einigen Stellen ist das Straßenpflaster von Granaten aufgerissen. In der breiten, vornehmen Avenue des Arts sind einige Bäume von Bomben zersplittert. Place de Meir, eine große, schöne Straße im Zentrum der Stadt, ist überfüllt von rastenden Munitionskolonnen und Truppen. Sie stehen froh im Sonnenschein und zeigen eine Haltung und Miene, als wäre Antwerpens Eroberung die leichteste Sache von der Welt.

Frauen und Kinder sind nicht zu sehen, und der Männer, die die Truppen betrachten, wenige. Die ganze Bevölkerung ist nach Holland geflohen, die Reichen nach England oder an die Riviera. Alle Läden sind geschlossen. An den Banken halten deutsche Soldaten Wacht. Aber die durch Waffenmacht unterdrückte Stadt ist doch wie zu einem Siegesfest geschmückt! Ganz Antwerpen flaggt mit — belgischen Fahnen! Wie ist es möglich, daß sie aushängen dürfen? Nun, die Stadt ist ja erst gestern gefallen — da flaggte man noch für die belgische Armee und die englischen Hilfstruppen! An den folgenden Tagen verschwanden nach und nach die schwarz-gelb-roten Flaggen.

Über den Häusern an der Westseite der Place de Meir wirbeln braunschwarze Rauchwolken zum Himmel empor, und wir gelangen zum Marché aux Souliers, wo ein ganzes Viertel in Flammen steht. Aber das Feuer verbreitet keinen unheimlichen Schein in dieser im Sonnenlicht gebadeten Stadt. Die Flammen schlagen nur wie gelbe, flatternde Flaggen aus den Fenstern, und von der Straße her sieht man, wie es im Innern glüht. Mehrere Häuser sind bis auf den Grund zusammengeschossen, und aus Balken und Gerümpel steigt der Rauch in dichten, schwarzen Wolken auf. Keine neugierig gaffende Menschenmenge betrachtet dies unheimliche Schauspiel. Eine Feuersbrunst mehr oder weniger ist nichts Merkwürdiges in dieser Zeit, die so reich an aufregenden Ereignissen ist. Deutsche Soldaten halten auch an den Eingängen der Straßen Wacht, an der Place Verte und Place de Meir. Und es kann ja auch nicht viel Schaulustige in einer Stadt geben, die zum größten Teil verlassen ist. »Weshalb tut man nichts, um das Feuer zu löschen?« frage ich. — »Die Wasserleitung in Waelhem ist zusammengeschossen, und das einzige, was getan werden kann, ist, zu sorgen, daß das Feuer sich nicht ausbreitet. Im Notfall müssen die benachbarten Häuser niedergerissen werden, aber es sieht so aus, als wolle das Feuer von selber verlöschen.«

Keinem Teil der inneren Stadt Antwerpen ist so übel mitgespielt worden wie dem Marché aux Souliers, doch nur den Häusern an der Nordseite der Straße. Ohne Zweifel haben nur ein paar Schüsse in diese Häuser eingeschlagen. Die Granaten zünden gewöhnlich beim Krepieren, und dann hat sich das Feuer auf die Nachbarhäuser ausgedehnt. Aber das Viertel ist von offenen Plätzen und Straßen umgeben, und so blieb das Feuer begrenzt. Freilich sind diese Straßen sehr eng. Über Marché aux Souliers wurde vordem ein langwieriger Rechtsstreit geführt zwischen den Hausbesitzern, der Kommune, die über die Fußsteige verfügt, und dem Staat, dem Eigentümer der Straße. Der Streit ging um die Erweiterung der Straße; sie war zu eng für den gerade hier sehr lebhaften Verkehr. Aber niemand wollte nachgeben. Da kam die deutsche Artillerie und machte dem Streit mit einem Schlag ein Ende. Nun ist die Straße breiter als zuvor!

Wir fahren durch die Avenue Sud, die gelb ist vom herabgefallenen Laub, aber hier sieht man kaum eine Spur des Bombardements, höchstens die Wirkung einer vereinzelten Granate. Am Südhafen fahren wir an den langen Reihen Pavillons vorüber, den Lagerhäusern und Kontoren, welche nach der Straße zu wohlbekannte Firmenschilder tragen: Hamburg-Amerika-Linie, Norddeutscher Lloyd, Compagnie Maritime Belge du Congo, Nippon Yusen Kaisha, Red Star Line, Peninsular & Oriental usw. Gewaltige Wagenparks stehen mit oder ohne Ladung auf Schienen, ein ganzer Zug ist mit Benzin belastet, ein Fund, der die deutschen Offiziere hoch erfreute. Ein anderer hat kolossale Heuhaufen hergebracht, die unter Planen aufgestapelt sind. In den Hallen fand man bedeutende Vorräte von Kolonialwaren, Hafer, Mehl, Kaffee und andern Vorräten, die requiriert und verbraucht werden sollten. In einigen Hallen standen etwa tausend Automobile aller Art, meist Last- und Droschkenautomobile; sie waren samt und sonders mit Äxten, Spießen und Hämmern zerschlagen und unbrauchbar gemacht. Sie repräsentierten einen Wert von etwa neun Millionen Mark!

Wachtposten waren noch nicht aufgestellt, der ganze Hafen lag offen da, es war fast unheimlich öde und still in den Hallen. Ein paar Dampfschiffbureaus und das des Südbahnhofs waren in bester Verfassung zurückgelassen worden. Alles Wertvolle war fort, nur Quittungen und Rechnungen lagen da, und die Röcke der Beamten hingen noch an ihren Haken, als ob ihre Besitzer an einem der nächsten Tage hätten zurückkehren wollen.

Was mehr als alles andere die Aufmerksamkeit im Hafen auf sich lenkte, waren die kolossalen Petroleumtanks, die nun ein einziges Feuer- und Rauchmeer bildeten. Das belgisch-englische Heer hatte bei seinem Aufbruch nicht versäumt, diese Vorräte anzuzünden. Kann man den Feind nicht hindern, einzudringen, so kann man ihm wenigstens den Vorteil allzu großen Gewinnes rauben. Deshalb waren die Automobile zerstört und die Petroleumvorräte in Brand gesetzt worden. Höchst eigentümlich sah es aus, wie sich die schwarzen Wolken mit ihren grauen und bräunlichen Rändern zum Himmel emporwälzten und -wirbelten. Man hörte es drinnen zischen und fauchen, und zuweilen drangen rote Flammen durch den Rauch. Ab und zu erschollen dumpfe Explosionen, und es war nicht ratsam, nahe heranzugehen. An einigen Stellen wehte noch, vom Rauch umwirbelt, die amerikanische Flagge. Nur herrenlose Kühe und Hunde streiften in dieser Gegend herum.

Gerade gegenüber dem Fort de la Tête de Flandre brannten auf dem Fluß ein paar große Leichter; sie waren offenbar verankert und hatten als Pontons für eine provisorische Brücke gedient, die das Heer der Verbündeten benutzte, als es über die Schelde zurückging und seinen Rückzug bis Gent fortsetzte. Gewisse Verteidigungsanstalten im Hafen auf dem Weg zu dieser Brücke bewiesen, daß das belgisch-englische Heer die Absicht gehabt hatte, bis aufs äußerste zu kämpfen. An einigen Stellen waren zum Beispiel unter den Hallen Barrikaden aus dicken Eisenplatten errichtet, und an einer von ihnen standen drei geschützte Kanonen, die den offneren Teil des Hafens bestrichen. Hier und da waren Stacheldrahtnetze gespannt und allem Anschein nach so eingerichtet, daß sie mit Elektrizität geladen werden konnten. Aber zum Gebrauch dieser Verteidigungsvorrichtungen war es nicht gekommen.

Auf einer Rundfahrt durch die Stadt kamen wir auch in die Rue Carel Ooms. Dort stand hinter einem eisernen Gitter eine größere Villa, in deren Park eine alte vornehme Dame, auf zwei jüngere Frauen gestützt, spazieren ging. Sonst war niemand von den reichen Bürgern der Stadt zu sehen. Ich trat ein und grüßte, und die Dame berichtete mit schlichter Würde, sie hätte es nicht über sich gebracht, Antwerpen in der Zeit seiner harten Heimsuchung zu verlassen, und bei ihren siebzig Jahren auch nicht gewagt, sich den Gefahren einer Reise auszusetzen. In ihren Park hatten fünf Granaten eingeschlagen, ihr Haus aber unbeschädigt gelassen. Doch hatte sie, wie man wohl begreifen kann, in Todesangst geschwebt. Nun ging sie zum erstenmal aus und schöpfte nach der qualvollen Stimmung der letzten Tage frische Luft. Unglücklicher waren ihre nächsten Nachbarn, denn von ihrem Haus standen nur noch die nackten Mauern. Sie selbst waren fortgereist, doch schienen ihre Diener dageblieben zu sein, denn man wollte aus der Richtung, wo die Granaten einschlugen, Hilferufe gehört haben. Schließlich erfuhr ich, die Dame sei die Witwe des berühmten belgischen Historienmalers Carel Ooms; sie bewohnte die Villa seit dem 1900 erfolgten Tod ihres Mannes, dem zu Ehren die Straße benannt worden war.

Nach einem einfachen Frühstück unternahmen wir schließlich eine Tour nach der Nordseite des Hafens und besichtigten flüchtig die Dampfer in den Hafenbassins und Docks. Ich ging an Bord eines deutschen Dampfers, »Celadon«, der auf dem Vorderdeck Spuren eines Sprengschusses zeigte. Wie ich später hörte, waren in allen diesen Fahrzeugen die Dampfkessel zerstört, damit sie nicht von den Deutschen benutzt werden konnten.

»Comte de Smet de Naeyer« war der Name eines schönen belgischen Schulschiffes mit graublauem Rumpf, weißen Masten und feinem Takelwerk. Aber an Bord war nichts von Interesse. Ich stattete auch dem großen Australiendampfer »Tasmania« einen kurzen Besuch ab. In den Offizierskajüten waren alle Schubfächer ausgezogen und alle Wertsachen fortgenommen, nur Bücher, Papiere, Rechnungen und andere wertlose Dinge fanden sich noch vor. Aber auf einem Schreibtisch in der Kajüte des Kapitäns stand das Porträt einer Frau und die Photographie einer Gruppe blühender Kinder. Im Speisesaal stand ein gedeckter Tisch mit noch nicht geleerter silberner Kaffeekanne und Tassen, sowie einer fast leeren Zigarrenkiste. Alle Passagierkajüten waren leer und verlassen. Wir wanderten durch die langen Korridore, wo unsere Schritte hohl und laut widerhallten, und blieben zuweilen stehen, um zu lauschen, ob es unsere eigenen Schritte waren, die wir hörten, oder ob uns jemand nachging. Man konnte ja in diesen Zeiten alles mögliche annehmen. Vielleicht hielten sich Flüchtlinge an Bord verborgen. Wir riefen, aber unsere Stimmen verhallten in dem leeren Schiffsrumpf, und niemand antwortete. Wir sahen in die Mannschaftskajüten hinein, aber niemand schlief mehr in diesen Kojen, die sich so oft auf den Wogen des Ozeans geschaukelt hatten. Alles gleich still, gleich stumm und verlassen. Es konnte einem an Bord dieses Gespensterschiffs, dieses fliegenden Holländers mit einer Besatzung von unsichtbaren Geistern, die uns aus allen Winkeln und Ecken anstarrten, unheimlich zumute werden. —

Die Zeit zum Aufbruch nahte heran, und wir kehrten wieder nach Brüssel zurück. Weit waren wir nicht gekommen, als wir drei Reservebataillonen begegneten. An der Spitze marschierte ein Musikkorps, und jedem Bataillon wurde eine Fahne vorangetragen. Die Soldaten hatten ihre Gewehre mit Blumensträußchen geschmückt, und ihre Gesichter strahlten wie gewöhnlich von guter Laune.

Auch diesmal besichtigte ich ein Schloß am Wege. Nie werde ich die Eindrücke vergessen, die auf mich eindrangen, als ich durch die leeren, dämmerigen Zimmer wanderte. Im Schlaf- und Gastzimmer im ersten Stock standen die Betten unverändert, wie sie von den Besitzern und Gästen des Hauses verlassen worden. Decken und Laken waren beiseite geworfen, über die Stuhllehnen hingen nachlässig die Handtücher, die Waschschüsseln standen halbvoll von benutztem Wasser, und die Seifestücke lagen in ihren Schalen festgetrocknet. In dem großen prächtigen Speisesaal im Erdgeschoß war der Tisch noch gedeckt, auf einer Schüssel lag etwa die Hälfte des zuletzt servierten Gerichts, einer Eierspeise. Etwa zehn Personen hatten an dem Essen teilgenommen. Einige Teller waren leer, andere noch bedeckt mit Resten der Mahlzeit. Messer und Gabeln — Brotstücke — Gedecke — ein paar Champagnerflaschen waren geleert, eine dritte enthielt noch einen Rest des Weins, der nun seine schäumende Frische verloren hatte. Servietten auf dem Tisch — auf den Stuhllehnen — auf dem Boden — schnell und überstürzt waren die Gäste aufgebrochen, als der Kanonendonner näher kam oder vielleicht eine Granate in der Nachbarschaft einschlug. Vielleicht hatte auch ein Bote gemeldet, die äußeren Forts seien gefallen und die Deutschen marschierten geradeswegs auf Antwerpen los. Und wer waren die Gäste, die hier am Tisch gestört wurden? Die Familie des Hauses, oder Offiziere, die auf ihrem Rückzug eine Nacht in dem verlassenen Haus zugebracht hatten?

Auf dem Heimweg konnten wir nicht so schnell dahinrasen wie am Morgen. Die Straße wimmelte von Kolonnen und Lanzenreitern, sie sollten nach Antwerpen und von dort nach Gent. Fern aus dem Westen ertönte Kanonendonner. Die Deutschen ließen sich keine Ruhe. Das uneinnehmbare Antwerpen war im Lauf weniger Tage gefallen, und sofort zogen die Eroberer weiter nach Westen. Thalatta, Thalatta! Ans Meer! England hatte den Krieg haben wollen — es sollte ihn mehr als je seit Wellingtons Tagen satt bekommen!


36. Gäste des Generalgouverneurs.

Abends um 9 waren etwa dreißig Offiziere beim Feldmarschall zur Tafel. Dort sah ich Prinz Waldemar von Preußen wieder und Hauptmann Dreger und machte die Bekanntschaft des Stabschefs Oberstleutnants Scheerenberg, sowie des Generaloberarztes Dr. Stecho, der Schwedisch sprach und viele Freunde in Schweden hatte. Dann war Bierabend in den oberen Gemächern, zu dem sich auch der Kriegsminister von Falkenhayn einfand. Der alte gesprächige von der Goltz berichtete mancherlei über Antwerpens Fall und seine Vorgeschichte, und war unerschöpflich in Anekdoten und Episoden aus den letzten Tagen.

An einem der nächsten Abende traf ich dort noch mehrere interessante Gäste. Eine hohe Erscheinung von königlich aufrechter Haltung, trat Großadmiral von Tirpitz ins Zimmer, der sich neben dem Kaiser das größte Verdienst um das Zustandekommen der deutschen Flotte erworben hat. Hohe Stirn, fröhliche, offene Augen, blonder Vollbart, sichere, männliche Haltung, ein echter Germane. Es war eine Erquickung, sich mit ihm zu unterhalten. Für solche Männer gibt es keine Unmöglichkeiten und nicht die Spur von Unruhe über den Ausgang des Kriegs.

Direktor K. F. von Siemens, der Chef von Siemens & Halske, ist auch ein ungewöhnlich kraftvoller Germanentypus und von einer Gemütsart, in der Humor und Ernst eine angenehme Mischung bilden. Die deutschen Verluste schätzte er auf 250000 Mann, der großen Mehrzahl nach Leichtverwundete, die bereits an die Front zurückgekehrt seien oder bald zurückkehren würden und vor den neuen Ankömmlingen das voraus hätten, schon im Feuer gewesen zu sein und ihre persönlichen Erfahrungen gemacht zu haben. Es fand sich, daß wir einen gemeinsamen Freund besaßen, den liebenswürdigen Sir Walter Lawrence, seinerzeit Privatsekretär Lord Curzons, als dieser Vizekönig in Indien war. Vermutlich hatten wir ihn nun beide verloren, da dieser Krieg es fertig gebracht hat, auch die festesten Freundschaftsbande zu zerreißen.

Am Tisch saß auch der fünfundsiebzig Jahre alte Geheimrat Kreidel, der Chef der Armeeintendantur. Er hatte in der letzten Zeit infolge von Überanstrengung einige Schwindelanfälle gehabt und sollte nun zur Erholung nach Deutschland zurückkehren. Dann war auch der neue Gouverneur von Antwerpen da, General der Infanterie Freiherr von Hoyningen genannt Huene, den ich schon von Karlsruhe her kannte. Der Befestigungsgeneral Bailer, sanft und liebenswürdig wie ein Dozent der Ästhetik, gehörte zu meinen besonderen Freunden. Er war so glücklich, im Lauf des Tags seinen Sohn gesehen zu haben, der als Leutnant an der Westfront stand und von dem er lange nichts gehört hatte; Leutnant Bailer hatte die lange Reise hierhin auf dem Luftwege zurückgelegt und sollte nun wieder in seinem Aeroplan zurückkehren. Im übrigen sprachen wir von Gent, das gerade nach ziemlich heftigen Kämpfen in offener Feldschlacht gefallen war. Der General wollte dort die belgischen Feldbefestigungen studieren; die Stadt selbst ist unbefestigt. Von Gent sollte das deutsche Heer nun weiter nach Brügge und Ostende. Und schließlich sprachen wir von den 300000 Freiwilligen, die eben an die Front gekommen waren, wo die jungen Studenten mit ihren munteren Scherzen die älteren Landsturmleute erfreuten, die ihnen dafür mit ihren Erfahrungen an die Hand gingen.


37. An der Schelde.

Der Generalgouverneur gab mir die Erlaubnis, noch mehrere Male nach Antwerpen zu fahren und einige Tage dort zu bleiben. Für den 11. Oktober verabredete ich daher mit Dr. Hütten, der selbst unser Auto lenkte, den nächsten Besuch. Mir lag vor allem daran, einige Aufnahmen von dem malerischen Soldatenleben zu machen, das sich in den Straßen Antwerpens abspielte. Was könnte wohl für eine Kamera verlockender sein als die Grand' Place, der kleine, vornehme Platz am Rathaus und zwischen den Giebelfassaden der alten Häuser. Mitten auf dem Platz hat man vor nicht langer Zeit eine Bronzefigur aufgestellt, eine Darstellung des Märchens von dem Jungen, der die Hand des Riesen wirft: »Handwerfen« — »Antwerpen«. In einem Haus in der Nähe wurde einer der größten Maler aller Zeiten geboren, wie auf einer Tafel über der Haustür zu lesen ist: »Geboortehuis von Antoon van Dyck, Kunstschilder 1599–1641.« van Dycks Modelle und ihre Nachkommen sind verschwunden, nun bilden deutsche Soldaten die Staffage der Grand' Place, Marinesoldaten mit Tornistern auf dem Rücken, das Gewehr über der Schulter, die Patronentasche am Leibriemen, Bajonett und Beutel an der Seite. Ein Hund läuft treu neben einem von ihnen her — man sieht immer wieder deutsche Soldaten, die sich herrenloser Hunde angenommen haben. Dort sind einige Batterien von 6-cm-Schiffskanonen — die Bedienung selbst hat sich vorgespannt an Stelle von Pferden. Vor dem Rathaus rastet eine Kompagnie Infanterie; einige Soldaten machen auf dem Steinpflaster ihr Schläfchen und benutzen die Tornister als Kopfkissen. Da stehen Proviantkolonnen mit Zeltdächern über den Wagen und Heubündeln vor den Pferden, und die Marineradfahrer sitzen auf ihren lautlos rollenden Rädern. An einem Automobil stand der große Ingenieur Hauptmann Dreger und betrachtete eine Karte, die Leutnant Dr. Hütten ihm zeigte. Aber all diese Bilder wechselten in einem fort, ein ewiges Kommen und Gehen, Fahren und Autosausen, Getrappel von Pferdehufen und Gerumpel der Artilleriewagen, dazu der Gesang der Marinetruppen, wenn sie unter den Klängen der »Wacht am Rhein« über den Platz marschierten.

Weiter zur Fähre unterhalb der Kathedrale. Dort ist das Leben noch bunter; dort herrscht unentwirrbares Gedränge. Wir lassen das Auto unter der Aufsicht unseres Soldaten zurück und schieben uns selbst zwischen Pferden und Wagen vorwärts. Auf der Straße, die zur Fähre hinabführt, bewegen sich langsam doppelte Kolonnen. Ein donnernder Kommandoruf erschallt — sie stehen; dann bewegen sie sich wiederum und bleiben wieder stehen. Belgische Polizisten in schwarzen Röcken mit silbernen Knöpfen und schwarzen Helmen, flämisch sprechend, helfen bei der Ordnung des Verkehrs. Wohin sollen die Wagen und Mannschaften? Sie werden auf den Fähren über die Schelde nach Tête de Flandre gebracht, dort beginnt die Straße nach Gent. Sie sollen an die Küste und einen Blick nach England hinüberwerfen!

Mitunter ist es nicht möglich vorwärtszukommen. Alles ist so zusammengeschoben, daß ich kaum photographieren kann. Ich will eben eine Feldküche knipsen, als ein Ulan, der auf einem Bagagewagen sitzt, mir zuruft: »Nachbar, es ist verboten, die Feldküche zu photographieren.« »Schön«, antworte ich. Unnötig war es gewiß, da ich schon Bilder von ihr hatte. Der Titel »Nachbar« war nicht übel.

Am Kai an den Brücken, die mit Rücksicht auf den bedeutenden Niveauunterschied zwischen Ebbe und Flut gebaut sind, waren die Fähren in vollem Betrieb. Über drei Pontons war ein fester, rechteckiger mit Geländer versehener Boden gelegt. Ein Dampfer nahm zwei solche Fähren ins Schlepptau, und drei Dampfer waren nun dabei, auf sechs Fähren Proviant- und Munitionswagen, Feldküchen, Feldtelegraphen, Post, Lazarette, Pferde und Soldaten hinüberzufahren. Unter den Soldaten waren auch österreichische Artilleristen, die zu den 30,5-cm-Kanonen gehörten.

»Vorwärts!« kommandiert ein Offizier am Kai. Eine Reihe Wagen fährt vor, die Pferde werden abgespannt, die Wagen von Marinesoldaten an Bord geschoben, die Pferde dann auf die Landungsbretter geführt; sie stampfen, prusten, bäumen sich zuweilen und scheuen vor dem entsetzlichen Untier von Fahrzeug. Aber an Bord müssen sie, und sobald beide Fähren voll sind, legt der Dampfer los und bugsiert sie im Handumdrehen über die Schelde nach Tête de Flandre. Dort werden die Landungsbretter ausgeworfen, die Wagen ans Land geschoben, die Pferde vorgespannt, und die Kolonnen setzen ihre Fahrt nach Gent fort.

Sobald die Ladung den Kai verlassen hatte, legte ein anderer Dampfer mit seinen zwei Pontonfähren an derselben Stelle an und nahm ein neues Kontingent an Bord. So ging das den ganzen Tag hin und her und sollte es die ganze Nacht hindurch beim Schein der elektrischen Lampen weitergehen! Und den ganzen nächsten Tag ebenso, solange noch Kolonnen über die Schelde zu befördern waren, immer mit der gleichen Schnelligkeit, Ordnung und Disziplin, die das deutsche Heer bei all seinem Tun und Lassen bis in die kleinste Einzelheit auszeichnet.

Die Fähren kehren von Tête de Flandre nicht leer zurück, denn dort haben sich unübersehbare Scharen zurückkehrender Flüchtlinge angesammelt, Männer, Frauen und Kinder mit Korbwagen, Zweirädern und kleinen Karren und mit allerhand Bündeln und Paketen, eine bunte Schar von Zivilisten, ähnlich einem Zug Auswanderer. Die meisten sind Flämen. Auch unter ihnen herrscht bemerkenswerte Ordnung. Sie trotzen nicht, sie schreien nicht, sie drängen sich nicht vor, um auf den Fähren Platz zu bekommen, sondern warten ruhig, bis die Soldaten ihnen den Weg zeigen. Zwischen Militär und Zivilisten herrschte das beste Einvernehmen, und man sah sie unter Scherzen und Lachen alles aufbieten, um sich in den verschiedenen Sprachen, Deutsch, Flämisch, Französisch durcheinander, verständlich zu machen.


38. Löwen.

Der 12. Oktober war ein strahlend schöner Tag. Die Chaussee de Louvain führte, schön gepflastert, durch dichten Buchenwald, wo kaum ein Sonnenstrahl bis zum Boden durchdrang. Man sieht in dieser Gegend keine deutschen Soldaten, es ist, als wäre nichts anderes geschehen, als daß der Herbst über dieses unglückliche Land hereingebrochen ist. Hier fahren keine Kolonnen. Die Wagen, die die Straße benutzen, sind bürgerliche Lastfuhrwerke. Die Equipagen der vornehmen Welt aber sind verschwunden, seit ihre Besitzer nach andern Ländern aufgebrochen sind.

Achtzehn Kilometer bis Löwen. Innerhalb der Stadt fährt man ein gutes Stück, bis man die ersten Ruinen erreicht. Ganz Löwen ist keineswegs zusammengeschossen, wie man sich vorgestellt hat. Kaum ein Fünftel der Stadt ist zerstört. Zwar kommen auf dieses Fünftel mehrere kostbare und unersetzliche Bauten; besonders beklagenswert ist der Verlust der Bibliothek. Inmitten dieser Verwüstung erhebt sich aber wie ein Fels im Meer das Rathaus, das stolze Kleinod aus der Zeit von 1450 mit seinen sechs schlanken Türmen in durchbrochener Arbeit. Ich ging um das Rathaus herum und konnte mit dem besten Willen keine Schramme in diesen mit verschwenderischem Reichtum geschmückten Mauern entdecken. Vielleicht findet sich irgendwo eine Ritze von einem Granatsplitter, die meiner Aufmerksamkeit entgangen ist. Dank der Treffsicherheit der deutschen Artillerie ist auch nicht ein Gesims der sechs Türme beschädigt. Der Anlaß zum Bombardement von Löwen ist bekannt. Beim Einzug in die Stadt wurden die deutschen Truppen von der Zivilbevölkerung aus den Fenstern beschossen, und da das Verbrechen nicht auf andere Weise bestraft werden konnte, wurden die Häuser in Brand geschossen. Als dann deutsche Soldaten das Feuer in den dem Rathaus benachbarten Häusern zu löschen suchten, lauerten ihnen die Franktireurs wieder mit ihren Büchsen auf! Jede andere Armee der Welt hätte ebenso gehandelt, und die Deutschen haben es selber tief beklagt, daß sie gegen ihren Willen gezwungen wurden, zu solchen Mitteln zu greifen.

Von Löwen fuhr ich nach Mecheln, eine lange Strecke den Kanal entlang, der die beiden Städte vereint und wo man plötzlich die Masten von Schuten zwischen den Bäumen der Parks und Alleen hervorlugen sieht. Nach Mecheln kamen wir gerade zu der Beerdigung eines Marinesoldaten, der auf seinem Posten gefallen war. Der Tote wurde auf einem belgischen Leichenwagen zu Grabe gefahren, hinterdrein gingen etwa hundert Soldaten aus der Armee und Flotte. Nach Hinabsenkung der Leiche wurden drei Gewehrsalven abgegeben und das Grab zugeschüttet. Auf dem kleinen Kirchhof waren viele deutsche, mit Kränzen und Helmen geschmückte Gräber und zwei Massengräber.


39. Die weiße und die schwarze Marie.

Ein trüber Tag, der 16. Oktober! Kein Zipfel zu sehen von der deutschen Reichsflagge, die schon eine ganze Woche vom Turm der Kathedrale Antwerpens, hundertdreiundzwanzig Meter über der Erde, herabwehte. An dem Eingang nach der Place Verte zu stand ein älterer Portier mit unbeschreiblich strenger Amtsmiene. Er würdigte mich kaum eines Blicks, als ich in höflichstem Ton fragte, ob die Kathedrale offen sei. »Die Kathedrale ist offen,« antwortete er, »aber nur für deutsches Militär.« Schön, mein Alter, dachte ich und zog meinen »Sesam, öffne dich« heraus, den Ausweis General Moltkes. Der Portier las das Papier und bekam von Zeile zu Zeile ein immer längeres Gesicht. Als er zu Ende war, nahm er seine Mütze ab und sagte: »Ist es wirklich wahr, da kann ich ja dem Herrn Doktor sagen, daß ich Schwede bin, geboren in Wisby, seit dreißig Jahren ansässig in Antwerpen, und Dahlgren heiße.«

Genug, die Kathedrale stand auch für mich offen, und der ehrenwerte Dahlgren führte mich umher. Nur eine einzige Granate oder besser ein einziger Granatsplitter ist in die Mauer unter dem großen Fenster über dem Eingang an der Place Verte eingeschlagen. Der Schaden ist nicht der Rede wert, er kann in einem Tag ausgebessert werden. Wäre aber diese Granate bösartig gewesen, und hätten Rubens' berühmte Gemälde, die Kreuzigung und die Kreuzabnahme, an ihren früheren Plätzen im Kreuzgang gehangen, dann hätten sie in großer Gefahr geschwebt. Man hatte sie indes vor dem Bombardement in Sicherheit gebracht, wie alle andern kostbaren Gemälde und Kunstschätze Antwerpens. Und die einzige Spur, die die Granate im Innern der Kirche hinterlassen hat, ist ein Riß in einer Säule.

Inmitten des nördlichsten Seitenschiffs steht auf einer Bahre ein Bild der heiligen Jungfrau, die prächtige bis auf die Füße reichende Kleider und eine goldene Krone trägt. Am Sonntag nach dem 15. August wird sie alljährlich in Prozession durch die Stadt getragen. Heuer aber, wo ihre Hilfe so sehr not tat, begnügte man sich damit, lange Opferlichte vor der himmlischen Königin anzuzünden. Und dieses Jahr blieb sie allen Bitten taub! Und dabei zeigt die Glasmalerei eines Fensters, wie Karl V. diesem Marienbild die Schlüssel Antwerpens übergibt. Die Schlüssel Antwerpens! Die »schwarze« Marie hatte sie jetzt im Besitz, nicht ihre weiße Namensschwester!

Schwester Martha und Dr. Hütten in Löwen.

Die Kanzel ist von van der Voort aus kernigem Eichenholz geschnitzt. Sie ist zweihundert Jahre alt, aber die Eichen waren vielleicht fünfhundertjährig, als sie ihr Holz der Verkündigung von Gottes Wort opferten. Die vier Frauengestalten, die die Kanzel selber tragen, sind bemerkenswert; sie stellen die vier Weltteile dar — Australien war damals nur mangelhaft bekannt. Drei Figuren erhalten genügend Licht, aber die mit den dicken Lippen und der platten Nase, das dunkle Afrika, der Weltteil der Schwarzen, steht in tiefem Schatten. Vier Kontinente tragen den Platz, von dem den Menschenkindern Gottes ewige Liebe gepredigt wird — ein schöner Gedanke des Künstlers. Er glaubte wahrscheinlich, die Welt werde in den kommenden Jahrhunderten vorwärtsschreiten. Nun aber verkünden fünf Weltteile das Evangelium des Kriegs und des Hasses! Die beiden Westmächte der Entente tragen die Verantwortung für den großen Totentanz. Denn sie kämpfen mit Massen zusammengeraffter Völker. Da kommen Kanadier auf ihren Schiffen aus Amerika, Turkos und Senegalneger aus Afrika; sonnverbrannte Hindus und Gurkhas aus Indien liegen frierend in den Schützengräben, und die Antipoden Australiens und Neuseelands senden Hilfstruppen. Und das Ziel dieses Weltaufgebots? Die germanische Kultur soll vom Erdboden vertilgt werden! Die Träger dieser Kultur, das Volk Luthers, Goethes, Beethovens, Helmholtz' und Röntgens, werden Barbaren und Hunnen genannt und sind eine Gefahr für die Zukunft und Zivilisation der weißen Rasse! Gurkhas und Senegalneger mußten ja wohl kommen, uns vor der Verfinsterung zu bewahren! Der Künstler, der einst die Stirn hat, das Völkeraufgebot von 1914 zu verherrlichen, sollte nicht vergessen, daß er in van der Voorts Frauengestalt mit den dicken Lippen und der platten Nase ein dankbares Motiv vorfindet.

Belgische Gefangene in Mecheln.

40. Über Gent und Brügge nach Ostende.

Während meines Aufenthaltes in Antwerpen erhielten wir fast täglich Nachrichten über das schnelle Tempo, in dem die Deutschen sich dem Meere näherten. »Gent ist genommen — Brügge genommen — unsere Truppen sind in Ostende eingerückt.« Bei meiner Rückkehr nach Brüssel sah es jedoch so aus, als ob die Verbündeten alles daran setzten, die deutschen Truppen wieder aus Ostende zu vertreiben, und ein Gerücht war im Umlauf, die Engländer bombardierten die Stadt.

Begleitet von dem liebenswürdigen Konsul Petri reiste ich am 20. Oktober mit besonderer Erlaubnis des Generalgouverneurs nach Ostende ab. Es war trübes Wetter, Regen, und schwere, schwarze Wolken hingen über dem flachen Lande.

In Gent, das völlig unbeschädigt war, übernachteten wir. Die Stadt hatte ihr gewöhnliches Aussehen, die Straßenbahnen waren in Betrieb, alle Geschäfte offen und viele Menschen unterwegs trotz des schlimmen Wetters; nur die zahlreichen deutschen Uniformen verrieten, was geschehen war.

Durch das berühmte, altertümliche Brügge mit seinen malerischen Häusern und Brücken und seinen gewaltigen Stadttoren mit den runden Türmen fuhren wir am folgenden Tag ohne Aufenthalt durch. Hinter dem Dorfe Ghistelles hielt uns an einem Kreuzweg ein Posten an, und als wir haltmachten, hörten wir in der Nähe wahnsinnigen Kanonendonner.

Der Soldat berichtete, in Middelkerke stehe ein harter Artilleriekampf, und die Deutschen hätten ihre Stellungen diesseits des langen Kanals, der Ostende mit Nieuport und Dünkirchen verbindet. Ein Geschwader von englischen Kriegsschiffen liege vor der Küste und beschieße die deutschen Stellungen, die auch von der Landseite von belgischen und französischen Truppen angegriffen würden. Aber die Straße nach Ostende, die erst nach Nordwesten und dann nach Nordnordost geht, sei ziemlich sicher. Der gefährlichste Punkt sei die Biegung jenseits des Kanals, wo der Weg seine Richtung ändert. Von Ostende kamen Munitionskolonnen, die an die Front bei Middelkerke gingen, und von der Front kamen Kolonnen mit verwundeten Soldaten, die auf dem Wege nach Ostende waren.

Wohlbehalten fuhren wir an der gefährlichen Ecke vorüber, und dann in die schöne, vornehme Stadt am Meer, die von Baedeker das Zeugnis erhält: »Ostende ist vielleicht zurzeit das eleganteste Meerbad Europas.« Wir bogen in die Strandstraße ein, wo eine endlose Reihe großer Hotels auf das Meer hinaussieht. Die meisten sind nur während der Saison geöffnet, die am 15. September schließt. Die Stadt wird da von 45000 Badegästen besucht! Aber Ostende ist auch Überfahrtsstelle zwischen dem Festland und England, und dieser Verkehr hält das ganze Jahr über an. Für Reisende, die Sturm oder Ermüdung aufhält, gibt es einfachere Hotels, aber die liegen in der Stadt.

Es war 2 Uhr. Ich war niemals in Ostende gewesen und kannte keinen von den deutschen Offizieren. Aber ich hatte meine Papiere und mußte mich bei dem Kommandanten im Hotel Littoral an der Strandstraße melden.

Das graue, düstere Meer bot einen höchst eigentümlichen Anblick, wenn man die Augen nach Westen richtete. Der Regen hatte aufgehört, die Luft sich geklärt, aber der Himmel war noch wolkenbedeckt. Genau im Westen, neun oder zehn Kilometer entfernt, erkannte man scharf und deutlich die Umrisse von dreizehn englischen Kriegsschiffen; einige von ihnen waren Kreuzer, die übrigen große Torpedoboote älterer Jahrgänge. Sie beschossen die deutschen Stellungen an der belgischen Küste und wurden selber beschossen. In einemfort änderten sie ihren Platz, um der deutschen Treffsicherheit entgegenzuarbeiten, blieben aber doch in derselben Entfernung, und ihre schwarzen Rümpfe hoben sich imponierend von dem hellen Horizont ab. Aus ihren Schornsteinen stiegen schwarze Steinkohlenrauchsäulen schräg nach links mit dem Wind, so daß der Himmel wie gestreift aussah.

Ich besuchte den Kommandanten von Ostende, Kapitän zur See Tägert. Er wohnte im zweiten Stock des Hotels Littoral. Von seinem Balkon aus beobachteten wir wieder die englischen Schiffe. Er erzählte, er und seine Kameraden von der Marine seien am selben Tag, dem 21. Oktober, morgens nach Ostende gekommen. Sie hatten sich ins Hotel Majestic begeben, das für das beste in der Stadt galt. Der Hotelwirt erklärte aber, er habe kein Zimmer frei, eine Unwahrheit, denn die Saison war längst vorüber. Vielleicht gab der Name des Hotels die Erklärung dafür, daß keine Zimmer frei waren — für deutsche Offiziere. Anstatt sich ihres Rechtes zu bedienen, durch einen Machtspruch Zimmer zu verlangen, gingen die Deutschen ganz bescheiden ins Hotel Littoral, das ihnen bis unters Dach zur Verfügung gestellt wurde. Später zeigte sich, daß der Tausch für sie ein Glück wurde. Die Landoffiziere waren weniger nachgiebig gewesen und hatten sich ohne weiteres im Hotel Majestic eingerichtet, wo Küche und Bedienung bald in vollem Gange waren.

Kapitän zur See Tägert, ein vornehmer, gewissenhafter Mann, gab Befehl, mir das letzte freie Zimmer zur Verfügung zu stellen. Ich nahm es sofort in Besitz. Vom Korridor des zweiten Stocks kam man in die Zimmer, die nach dem Meere zu lagen, und deren Türen die Namen der Marineoffiziere trugen. Die Glastüren nach außen führten auf einen Balkon mit bequemen Korbstühlen; von dort hatte man freie Aussicht übers Meer, auf das englische Geschwader und seine kriegerischen Unternehmungen.

Von meinem herrlichen Aussichtspunkt aus genoß ich einen ungewöhnlich prachtvollen Sonnenuntergang. Im Westen glühte die Sonne in einem eigentümlich hellen Ton mit einem Stich ins Gelbe. Die Wolken in ihrer Nähe waren mit goldgelben Rändern geschmückt, und der Widerschein glänzte auf dem Meere. Im übrigen war der ganze Himmel mit Wolken bedeckt, und ab und zu ging obendrein ein feiner Staubregen nieder, aber die Fensterscheiben nach der Strandpromenade glühten, als ob es in den Häusern brenne. Gerade dort, wo der blendende Sonnenglanz das Meer vergoldet, liegt das englische Geschwader. Den ganzen Tag hat es auf die deutschen Stellungen geschossen, ich sehe die Blitze der englischen Schiffskanonen und höre nach einer Weile das Donnern des Schusses. Jetzt, 5 Uhr 20 nach deutscher Zeit, donnerten die Kanonen so heftig und rasch hintereinander, daß die Fenster des Kursaals rasselten und klirrten. Eine halbe Stunde später hörte das Feuer auf. Man glaubte, das Geschwader gehe nach Norden, um Munition zu holen. Das Gold über dem Meer verblich, die Dämmerung fiel herein, und ein paar Bojen mit Blinklicht wurden sichtbar.

Im Lauf des Tages hatten sich viele Zivilisten gezeigt, gegen Abend aber verschwanden sie. Niemand durfte nach 9 oder früh vor 5 Uhr ausgehen. Die Straßen wurden nicht erleuchtet, aber viele Geschäfte hatten Licht bis 9 Uhr. An der Strandpromenade brannte nicht eine einzige Laterne, hier wanderte man in der Dunkelheit unter deutschen Soldaten. Von vielen Fenstern aber strahlte Licht aufs Meer hinaus, das galt nicht als gefährlich, da die feindlichen Schiffe auf alle Fälle genau orientiert waren. Man glaubte jedoch nicht, daß die Engländer Ostende beschießen würden, da hundert gefallene Deutsche oder mehr und die Räumung des Platzes nicht den Verlust vieler Millionen englischen Kapitals aufwiegen würden, das in der Stadt angelegt sein soll!

Ich wurde aufgefordert, mich dem Kreis der deutschen Marineoffiziere mittags und abends im Hotel Littoral anzuschließen. Als wir uns nun um 8 Uhr zum erstenmal im Speisesaal versammelten, wurde ich mit ihnen allen bekannt gemacht. Meine speziellen Freunde wurden außer dem Chef Kapitänleutnant Beß, Leutnant Haak, Stabsarzt Dr. Schönfelder und Dr. Kübler. Wir hielten die folgenden Tage gut zusammen und werden unsere gemeinsamen Erlebnisse in Ostende wohl niemals vergessen.


41. Das Bombardement von Ostende.

Freitag den 23. Oktober weckte mich Dr. Kübler, um mir eine Promenade zum Leuchtturm und dem alten Fort vorzuschlagen. Zurück fuhren wir mit der elektrischen Bahn. Im Wagen saßen Soldaten und Zivilisten. Unter jenen war ein alter Landsturmmann, der erzählte, er habe drei Söhne im Krieg, aber er habe keine Ahnung, wo sie ständen und ob sie noch lebten. »Sie mögen immerhin fallen,« sagte er, »fürs Vaterland opfert man alles.«

Auf die Strandpromenade zurückgekehrt, setzten wir uns auf eine Bank am Kursaal und betrachteten das englische Geschwader durchs Fernrohr. Die Luft war ungewöhnlich klar, das Wetter strahlend.

Kurz vor ½1 Uhr suchte mich Kapitänleutnant Beß auf. Er war eben mit Admiral von Schröder von Middelkerke zurückgekehrt und erzählte, die Straße, auf der wir gestern laubgeschmückte Wagen gesehen hatten, sei jetzt alles andere als sicher, da ein paar Granaten dort eingeschlagen hätten. Auf der Strandpromenade durfte sich jetzt das Militär nicht mehr zeigen; Beß riet mir daher ab, Middelkerke einen Besuch abzustatten; vielmehr hatte er einen andern, weniger gefährlichen Vorschlag, nämlich ein paar seiner Seekompagnien und ihre Quartiere zu besichtigen.

Anderthalb Kompagnien waren im Theater einquartiert. Davor standen sogenannte Schiffskanonen, kleine, leichte Geschütze von derselben grauen Farbe, wie sie die Panzerschiffe haben, und von 6-cm-Kaliber. Die zugehörigen Munitionswagen standen auf dem Fußsteig. Wir betraten das große, schöne Foyer. An den Wänden entlang hatte die Mannschaft ihre Betten aufgestellt, Matratzen und Kissen, die der Bürgermeister von Ostende hatte requirieren müssen. Auf den Stühlen sah man Waffen und Kleider, auf den Tischen Schüsseln und Tassen. Die Logen des ersten Ranges waren gleichfalls in Schlafplätze und Aufbewahrungsräume für Kriegsmaterial verwandelt. Den ganzen Rundgang nahmen Betten ein. In einigen Logen putzten Marinesoldaten ihre Gewehre oder brachten Kleider und Leibriemen in Ordnung.

Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, der Küche im Theater einen Besuch abzustatten. Hier hantierten dicke, joviale Marineköche in weißen Anzügen und Mützen mit aufgestreiften Ärmeln. Die Kessel brodelten, und appetitreizende Dämpfe erfüllten den Raum. Ich mußte natürlich die Gerichte kosten und erhielt eine riesige Portion Gulasch in einem tiefen Teller vorgesetzt, gekochtes Fleisch, Kartoffeln, Gemüse und Brühe — vortrefflich! So gutes Essen bekomme ich nicht im Hotel, dachte ich, und aß mich satt. Kein Wunder bei solcher Kost, wenn die deutschen Soldaten so stark, frisch und blühend sind! Läge ich längere Zeit im Felde und hätte zwischen Offiziers- und Mannschaftskost zu wählen, ich würde ohne Zaudern die letztere wählen! Sie ist gesund, kräftig und wohlschmeckend und verschont den Magen der Leute mit allem unnötigen Ballast. Der gute Gesundheitszustand in der deutschen Armee beruht zum großen Teil auf der ausgezeichneten und reichlichen Verpflegung.

Aber nun fehlten nur noch fünf Minuten an 1 Uhr, und wir mußten beim Mittagstisch der Offiziere pünktlich sein. Wir gingen durch die Rue du Cerf. An der Ecke dieser Straße und der Digue de Mer, der großen Strandstraße am Meer, ist das Hotel Littoral. Die Rue du Cerf liegt einige Meter tiefer als die Strandstraße, die auf der Dünenreihe an der Küste angelegt ist. Ihr Ende steigt zu der großen Strandstraße hinan. Oben an der Ecke des Littoral stand eine Gruppe Offiziere in lebhafter Unterhaltung. Sie zeigten nach Westen und benutzten eifrig ihre Fernrohre. Wir gingen zu ihnen, neugierig, was wohl los wäre. Das englische Geschwader lag auf seinem gewöhnlichen Platz im Westen und Westsüdwest, vielleicht uns etwas näher als sonst, sieben oder acht Kilometer entfernt.

Aber ein Torpedoboot hatte sich von den andern getrennt und fuhr in voller Fahrt auf Ostende zu, parallel mit der Küste und dem Lande so nahe wie möglich. Bald darauf sah man ein anderes Torpedoboot im Kielwasser des ersten steuern. Was wollten sie, diese Gauner? Man hörte derbe Worte. »Es ist doch stark, einem so direkt auf den Leib zu rücken! Offenbar sind sie auf Kundschaft aus, aber welche Frechheit, sie wissen doch, daß wir Ostende besetzt haben. — Aha, sie vermuten Unterseeboote und Torpedoboote im innern Hafen und wollen nun sehen, ob man etwas draußen von der Reede erkennen kann.«

Nun, ihre Absicht mochte sein was sie wollte, ich ging in mein Zimmer hinauf und machte mich zum Essen fertig. Dann trat ich auf meinen Balkon hinaus, überzeugt, die Torpedoboote seien umgekehrt oder wieder aufs Meer hinausgefahren. Aber nein, sie steuerten noch denselben Kurs wie bisher und der Schaum stand an ihren Vordersteven!

Unten vor meinem Balkon hörte ich einen Offizier mit Stentorstimme kommandieren, die Straße solle geräumt werden, kein Mensch dürfe sich vor der langen Häuserreihe blicken lassen. Nur die Wache vor dem Littoral durfte auf ihrem Posten bleiben, bis auch sie eine Minute später Deckung suchte.

Da nahm ich mein Fernrohr und eilte die Treppen hinunter. In dem eleganten, teppichbelegten Vestibül des Hotels, wo Sofas, Tische und Stühle zwischen riesigen Topfpflanzen kleine Gruppen bildeten, gingen Offiziere eilig hin und her, und man erkannte leicht, daß etwas Außergewöhnliches bevorstand. »Wird man schießen?« fragte ich Beß. »Ja, es wird geschossen«, antwortete er mit stoischer Ruhe. Durch die Glastüren des Vestibüls konnte man beobachten, was sich an der Mündung der Rue du Cerf zutrug: dort kommandierte Admiral von Schröder, dort sah man Kapitän zur See Tägert, und dort rollte die Mannschaft der Matrosenbrigade mit fieberhafter Hast die zwei 6-cm-Schiffskanonen heran und ihre Munitionswagen — andere Artillerie war zurzeit in der Stadt nicht zur Hand.

Die Straße war von Zivilisten geräumt, und kein anderes Militär als Bedienung und Leitung der Batterie hielt sich dort auf. Ich durfte daher nicht ausgehen, konnte aber doch beobachten, wie schnell und genau die beiden Kanonen gerichtet und wie sie geladen wurden: »Laden! — Fertig! — Feuer!«

Der erste Schuß erdröhnte! Das Echo hallte in der Straßenmündung wider, und die Fensterscheiben des Hotels klirrten in ihren Rahmen. Ich ging in den Speisesaal. Von dort war freie Aussicht über das Meer und auf das erste Torpedoboot. Einen Augenblick später folgte der zweite Schuß. Der erste schlug unmittelbar vor dem Torpedoboot ins Wasser ein, ohne daß sich entscheiden ließ, ob er Schaden angerichtet hatte. Auch der zweite Schuß ging ganz in der Nähe des Ziels nieder.

Im Speisesaal waren mehrere Offiziere. Ich stand zusammen mit dem Leutnant des ersten Reserve-Seebataillons Dr. Algermissen aus Colmar. Acht Fenster des großen Saals gehen aufs Meer hinaus, zwei und der Eingang auf die Rue du Cerf. An den ersteren stehen gedeckte kleine Tische, im östlichen Teil des Saals der große Tisch, an dem wir unsere Mahlzeiten einzunehmen pflegten. Die Decke wird von vier Pfeilern getragen. An dem zweiten von Westen standen Algermissen und ich.

Sofort als die beiden deutschen Schüsse abgefeuert waren, machten beide Torpedoboote kehrt, und im selben Augenblick begannen sie zu feuern. Es blitzte aus den Schiffskanonen, wie es schien, direkt auf uns zu. »Deckung!« rief Algermissen mir zu, und ich stellte mich hinter die Säule, die wie Papier fortgeflogen wäre, wenn sie eine 10-cm-Granate getroffen hätte! Einige im Saal folgten unserm Beispiel, andere aber verschmähten kaltblütig diese Vorsichtsmaßregel, die sie wohl für ungenügend hielten. Das erste Torpedoboot war etwa 1400 Meter entfernt, die Geschosse kamen also schnell genug ans Ziel. Die ersten flogen zu kurz, schlugen gerade vor dem Littoral ins Wasser, und hohe, weiße Wassersäulen stiegen von der Einschlagstelle auf. Sobald sie eingeschlagen haben, richten wir unsere Fernrohre auf das Torpedoboot, es blitzt wieder, und wir suchen Schutz, doch bloß für den Körper, nicht für den Kopf, denn man kann seine Augen von einem solchen Schauspiel nicht abwenden, man will, man muß es um jeden Preis sehen! Vergeblich aber wäre es, die Spannung zu schildern, in der man sich befindet in der Zeit zwischen dem Aufblitzen der Kanonen und dem Einschlagen der Geschosse. Wenn man fühlt und weiß, daß man selbst das Ziel des »Mantelsacks« ist, der angeflogen kommt! Es ist das keine Furcht, denn wenn mich jemand gebeten hätte, ihn an eine sichere Stelle im Innern der Stadt zu begleiten, ich wäre nicht mitgegangen. Es ist eine Mischung von atemloser Spannung, intensivem Interesse und einer Aufmerksamkeit, die sich nichts von dem entgehen lassen will, was vor sich geht. Deshalb hält man ununterbrochen das Fernrohr bald auf das Boot, bald auf die Einschlagstelle gerichtet. Ein Geschoß prallte von der Wasserfläche ab und schlug in ein Dachgesims, 58 Schritte von mir entfernt, wie ich später feststellte. Ein anderes beschrieb eine höchst merkwürdige Bahn, ich weiß nicht wie, landete aber schließlich auf der Steinpromenade am Meer und blieb an dem eisernen Geländer liegen, ohne zu krepieren. Dort lag es noch ein paar Tage, und die Wache paßte auf, daß niemand das gefährliche Ding berührte. Ein paarmal konnte ich sehen und hören, wie die Granaten aufs Wasser schlugen, abprallten, wie flache Steine über das Wasser tanzten und in die Kaimauer einschlugen. Erst der Blitz aus der englischen Kanone — dann das Einschlagen aufs Wasser — dann der Knall; bald darauf das Krachen, wenn eine Fassade getroffen war, dann das Poltern der Ziegel oder Mauerteile auf die Straße.

Das zweite Torpedoboot, das ich von meinem Platz aus nicht sehen konnte, schoß ebenso munter wie das erste. Da ich nicht sehen konnte, wann es schoß, war der Schutz, den mir der Pfeiler bot, erst recht illusorisch. Die beiden deutschen Kanonen gaben jede fünf oder sechs Schüsse ab. Ob sie Schaden anrichteten, weiß ich nicht. Alles ging zu schnell, als daß völlige Treffsicherheit hätte erreicht werden können. An der abschüssigen Straßenmündung liefen die Kanonen zu stark zurück und mußten bei jedem Schuß von neuem vorgerückt werden. Das Ganze war in zwölf Minuten vorüber. Die Boote machten fast kehrt und fuhren schleunigst nach Westen zurück, fortwährend feuernd. Sie gaben etwa dreißig Schuß ab, wie mir die deutschen Offiziere sagten. Gleichzeitig schossen sie mit Maschinengewehren. Aber der Abstand nahm zu, und schließlich hörte das Feuer auf.

»Wie kommt es, daß nicht ein einziger Schuß unser Hotel getroffen hat?« fragte ich. »Die Engländer müssen doch gesehen haben, daß die Quelle des deutschen Feuers gerade unsere Straßenecke war, und daß die Bedienung der Kanonen die einzigen lebenden Wesen auf der ganzen Strandstraße bildete.«

»Das scheint uns so, aber bei der schnellen Bewegung der Boote konnten sie wohl kaum entscheiden, woher das Feuer kam. Vielleicht hatten sie ihre Aufmerksamkeit auf den Hafen gerichtet in dem Glauben, daß wir dort Torpedoboote liegen hätten. Mehrere Schüsse gingen auch auf den Hafen.«

»Merkwürdig,« warf ein anderer ein, »daß mehrere Schüsse das Hotel Majestic getroffen und dort ein paar Offiziere getötet haben. Majestic ist ein großes, weißes Prachtgebäude, wo die Engländer vermutlich einen guten Fang zu tun glaubten.«

»Es ist sehr bezeichnend,« fügte ein dritter hinzu, »daß sie uns mit ihrem Besuch gerade um 1 Uhr beehrt haben, wo sie wußten, daß alle Offiziere bei Tisch saßen. Offenbar haben sie gedacht, sie könnten ungehindert vorüberkommen und nach ausgeführter Erkundung wieder verschwinden, ehe wir fertig wurden.«

Als alles ruhig war, setzten wir uns zu Tisch, und dann begaben Beß, Kübler und ich uns nach dem Hotel Majestic.

Im Baedeker von 1910 kommt Hotel Majestic unter dem Namen Grand Hôtel des Bains vor. Seitdem hat es seinen Namen und wahrscheinlich auch den Besitzer gewechselt. Seine schöne, weiße Fassade war von sechs Granaten, deren Einschlagstellen wir betrachteten, übel mitgenommen. Sie hatten große, klaffende Löcher in die Mauern gerissen; auf dem Fußsteig davor Haufen von Steinen, Ziegeln und Bewurf, und ein dekorativer Gipsengel mit ausgebreiteten Flügeln lag in Scherben am Boden.

Im Vestibül lagen Schränke, Tische und Stühle durcheinander. Der Speisesaal war vor einer Stunde noch einer der elegantesten von Europa gewesen: der Fußboden mit dicken, roten Brüsseler Teppichen belegt, die Wände in Weiß und Gold und mit Spiegeln dekoriert, an der Decke prachtvolle Kronleuchter — jetzt alles ein Bild grauenhafter Verwüstung! Zwei Granaten hatten gerade in den unteren Teil der langen Fensterreihe eingeschlagen, und ihre Splitter hatten klaffende Löcher in Wände und Decke gerissen. Die Gipsornamente waren heruntergefallen und lagen in Trümmern, und der Teppich verschwand fast unter ihrem dicken weißen Staub. Die Fenster waren zu Pulver zermalmt, und die Spiegelscheiben in merkwürdige Sternfiguren zersprungen, deren Scherben bei der geringsten Berührung herabzufallen drohten. Tische und Stühle in Trümmern, die Tischtücher in Fetzen. Nur an den Ecken des Saals, besonders den westlichen, standen die Tische noch auf den Beinen, aber Teller und Gläser waren zerschlagen. Füße von Rotwein- und Champagnergläsern standen noch da, die oberen Teile waren abgeschlagen.

Bei Beginn der Beschießung waren etwa fünfzig Offiziere zum Essen versammelt gewesen; an einigen Tischen hatte man schon zu essen begonnen. Die meisten hatten in der Westhälfte des Saals gesessen und waren deshalb auf wunderbare Weise gerettet worden. An einem Fenstertisch in der Osthälfte aber hatte der Marinearzt Dr. Lippe und ein Adjutant der Matrosenbrigade Platz genommen und bereits zu dinieren angefangen. Durch den unteren Teil gerade dieses Fensters hatte eine Granate ihren Weg genommen. Nach den ersten Treffern hatten sich die beiden Herren wahrscheinlich zu sehr ausgesetzt gefühlt. Dr. Lippe war deshalb aufgestanden, aber nur bis an das andere Ende des Tisches gekommen, als eine Granate hereinsauste und ihn mitten in den Rücken traf. Er wurde vollständig zerrissen! Was von ihm noch übrig war, lag vornüber, der Kopf auf den Armen, in einer Blutlache. Von der Uniform nur noch Fetzen, ein Stück des einen Beines fand man unter einem Tisch auf der andern Seite des Saals, alles übrige klebte in Form von Blutflecken und Eingeweiden an Wänden, Decke und Tischtüchern ringsum. Dr. Schönfelder, der sofort herbeigeeilt war, konnte nur die Überreste seines Kameraden in einem Tischtuch sammeln und in ein Leichenhaus bringen lassen. Der Adjutant hatte eine schwere Kopfwunde erhalten und wurde ins nächste Krankenhaus getragen.

Ein prächtiger Landsturmmann, der sich mit seinem jungen Sohn im Saal aufgehalten hatte, erzählte mir, alle andern Mittagsgäste seien mit dem Leben davongekommen, die meisten aber infolge des Luftdrucks bewußtlos zu Boden gestürzt, einige auch durch herumfliegende Splitter leicht verwundet. Die Betäubten erholten sich aber bald wieder.

Das Schicksal ist unergründlich. Weshalb mußte gerade er, der die Gefahr erkannte und einen sichereren Platz aufsuchen wollte, vom Tode erreicht werden, während wir, die wir von einem andern Hotel aus das Schauspiel beobachteten, verschont blieben? Man sagte mir später, mein Platz sei durchaus nicht sicher gewesen, denn eine Granate kann von einer Mauer im Hintergrund abprallen, und man kann daher von rückwärts durch ihre Splitter getroffen werden. In freiem Gelände hat man mehr Aussicht, unverletzt zu bleiben. Streng genommen hatten also die Artilleristen an der Straßenmündung einen besseren Platz als wir! Wir Gäste des Littoral hatten indessen keinen Anlaß, uns über die nichts weniger als gastfreie Aufnahme zu beklagen, die uns zuerst im Hotel Majestic zuteil geworden war. Wären die deutschen Marineoffiziere dort gut aufgenommen worden, dann hätte vielleicht mancher von uns das Schicksal Dr. Lippes geteilt.

In der Nacht vom 26. zum 27. Oktober kehrte ich nach Brüssel zurück.


42. Mein erster Abend in Bapaume.

Als ich am 27. Oktober im Hotel zu Brüssel mein Frühstück einnahm, kam ein stattlicher Offizier gerade auf meinen Tisch zu. Er lächelte schelmisch, ob ich ihn wohl wiedererkennen würde. Ja, natürlich, ich rief seinen Namen, ehe er noch ein Wort hervorgebracht hatte: Herzog Adolf Friedrich zu Mecklenburg! Der Herzog gehört seit mehreren Jahren zu meinen Freunden. In der geographischen Welt hat er einen berühmten Namen wegen seiner gewissenhaft vorbereiteten, meisterhaft ausgeführten und gut und unterhaltend geschilderten afrikanischen Reisen. Jetzt war er Gouverneur von Togo, befand sich aber gerade auf Urlaub in Deutschland, als der Krieg ausbrach. Unter solchen Verhältnissen in Deutschlands großer Schicksalsstunde konnte er nicht nach Afrika fahren, und da er als Leiter einer Kolonie in der Heimat kein Kommando hatte, meldete er sich bei seiner alten Truppe, dem Gardekorps, das in Bapaume lag und zur sechsten Armee gehörte, als Ordonnanzoffizier.

Wir unterhielten uns, bis er wieder zu seinem Korps zurückkehren mußte. Das Ergebnis der Unterredung war, daß ich hoch und heilig versprechen mußte, einige Tage in Bapaume sein Gast zu sein. Ich könne kommen, wann es mir passe, jederzeit. Dann nahmen wir bis auf weiteres Abschied.

Am 28. besichtigte ich mit General Bailer und Geheimrat von Lumm nochmals die Forts von Antwerpen, um photographische Aufnahmen zu machen. Am 29. sollte ich den Generalgouverneur an die Front in der Umgegend von Dixmuiden begleiten, ein Plan, dessen Ausführung die Ankunft des Königs von Sachsen, der Antwerpen sehen wollte, durchkreuzte. Ich faßte also einen kurzen Entschluß und fuhr am 30. Oktober mit einem Auto, das Herr von Siemens, der Chef der Firma Siemens & Halske, selbst lenkte, nach Bapaume.

Ich hatte mich auch dort auf der Kommandantur zu melden und wurde wie gewöhnlich mit der größten Freundlichkeit aufgenommen. Dann kam der Chef, ein alter bayrischer Oberst, der seinen Abschied genommen hatte, aber bei Kriegsausbruch wieder in Dienst getreten war. Und nun ging es aus einem andern Ton. »Was ist das dort für ein Zivilist? Was haben Sie hier zu tun? Woher kommen Sie? Sind Sie Zeitungsmensch? Ich werde schon herausbringen, was Sie für einer sind, und ob Sie die Erlaubnis haben, sich in Bapaume aufzuhalten.« Auf alle erdenkliche Weise versuchte ich, den Obersten zu beruhigen, aber er fuhr mich an wie ein richtiger Korporal. Als ich ihn ein paar Tage später wiedertraf, fragte er mich: »Können Sie mir je verzeihen, daß ich neulich so grob zu Ihnen war?« — »Mein lieber Oberst,« erwiderte ich, »ich kann Sie versichern, daß es mir ein unbezahlbares Vergnügen gewesen ist, einen bayrischen Kriegsmann in seiner vollen Kraft und Autorität zu sehen. Ich konnte ja ein Spion sein, und Sie hatten nur Ihrer Instruktion zu folgen.«

Darauf führte mich ein Unteroffizier in das Haus, wo ich wohnen sollte. Ich hatte mich kaum eingerichtet, da klopfte es an meine Tür. »Entrez!« rief ich so neutral wie möglich, und herein trat Herzog Adolf Friedrich zu Mecklenburg. Jung, froh und herzlich hielt er mir beide Hände hin und hieß mich in Bapaume willkommen. »Aber dies Zimmer ist zu klein.« — »Nein, es reicht vollkommen.« — »Schön! Wir nehmen die Mahlzeiten zusammen ein, ich bin jetzt mehrere Tage dienstfrei und werde Ihnen alles zeigen, was hierherum sehenswert ist.«

Dann plauderten wir, bis es Zeit war zum Abendessen im Offizierskasino. Als wir eintraten, waren schon alle versammelt. Am großen Tisch präsidierte Exzellenz von Plettenberg, kommandierender General des Gardekorps, Generaladjutant des Kaisers und ein alter Freund des schwedischen Generals Bildt. Ein großer, schlanker, weißhaariger Mann, ein echter Soldat, fühlte er sich nirgends so wohl wie im dichtesten Kugelregen. Er setzte sich gleich den Feldmarschällen von Haeseler und von der Goltz unbedenklich den schlimmsten Gefahren aus, er konnte mitten in der Nacht zu den vordersten Schützengräben gehen und in einer Entfernung von 200 Metern das französische Gewehrfeuer auf sich lenken — nur um zu sehen, wie es den Soldaten ging, und sich persönlich davon zu überzeugen, ob alles in bester Ordnung sei. Ein großartiger Zug nach meinem Dafürhalten; denn der Mut des Heerführers stählt den der Soldaten. General Plettenberg hatte eine frische, impulsive Art, war aber jetzt sehr ernst, wohl weil er kürzlich einen Sohn im Kriege verloren hatte. Oft schwieg er lange und saß nachdenklich am Tisch, dann aber blitzten plötzlich seine Augen, und er scherzte, wie gesundheitsgefährlich doch der Krieg sei; man schösse so fahrlässig, die Kanonen würden so unvorsichtig aufgestellt und die Granaten schlügen manchmal gerade da ein, wo sich Menschen aufhielten.

Als der General die Gesellschaft zeitig verließ, um an seine nächtliche Arbeit zu gehen, lud der Herzog ein Dutzend fröhliche Offiziere in sein Haus. Im Salon wurden die Zigarren angebrannt und schäumender Wein geschenkt. Die Stimmung war großartig. Nirgends eine Verdrießlichkeit bei diesen Männern, von denen viele noch am selben Tage dem Tod ins Angesicht geschaut hatten, aus Schützengräben oder Luftschiffen oder auf gewagten Patrouillen. Hier waren Deutschlands vornehmste Familien vertreten. Bald debattierte man in kleinen Gruppen, bald war die Unterhaltung allgemein, laut, lebhaft, munter. Als aber ein Generalstäbler geradeswegs vom Generalkommando kam und die letzten Nachrichten vom östlichen Kriegsschauplatz und von fernen Seekämpfen brachte, da wurde es still, alle hörten zu, und dann drehte sich die Unterhaltung um das ernste Wagespiel des Kriegs.

Unter den Gästen war der junge Erbprinz Friedrich von Hohenzollern, ein bartloser Held, durch verwandtschaftliche Bande mit nicht weniger als drei Königen verbunden. Er ist ein Neffe des Königs von Rumänien, außerdem mit dem unglücklichen Könige von Belgien verwandt, und endlich Schwager des Exkönigs Manuel von Portugal. Der Erbprinz war gemütlich und voll witziger Einfälle, lachte selbst aber niemals.

Ferner war unter den Anwesenden Herr Schoelvinck, der Direktor von Benz & Co. Jetzt stand er als Hauptmann im Felde. Er war einer von den vier Offizieren, die unter dem Schutz der weißen Parlamentärflagge nach Reims entsandt wurden, um über die Kapitulation der Stadt zu unterhandeln. Sie wurden gefangen genommen und als Spione angesehen, und hätten wahrscheinlich das übliche Schicksal der Spione erlitten, hätte sich der Kaiser nicht an den amerikanischen Gesandten in Paris gewandt, der ihre Freilassung erwirkte. Über die Behandlung, die sie erfuhren, werden sie, denke ich, wohl später selbst dies und jenes zu berichten haben.