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Ein Volk in Waffen cover

Ein Volk in Waffen

Chapter 52: 51. Heimwärts.
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About This Book

The author recounts a firsthand journey to the German front during the opening phase of the war, describing visits to the Great Headquarters, meetings with senior commanders, and the daily reality of soldiers in trenches. Eyewitness scenes include bombardments, artillery and aeronautical operations, field hospitals in churches, wounded and prisoners, military justice, and life at the front including rail and telephone services. The narrative alternates tactical reportage with reflections on unity, sacrifice, alleged enemy accusations of barbarity, and the wider political stakes the war poses, aiming to present disciplined, observed detail rather than hearsay.

[*] Dieses Zitat ist Professor Steffens Buch »Krieg und Kultur« entnommen, das ich aufs wärmste jedem empfehle, der in die sozial-psychologischen Irrgänge des Weltkriegs eindringen will.

Großbritannien hat bald hundertundfünfzig Jahre glänzend seine Mission erfüllt, Indiens Vormund zu sein; einem andern Volk würde diese Riesenaufgabe kaum so gelingen. Indische Truppen haben mit Ehren gegen ihre Nachbarn gekämpft und dazu beigetragen, die Ordnung unter 300 Millionen aufrechtzuerhalten. Aber niemals ist es einer englischen Regierung eingefallen — »vor dem jetzigen Liberal Government« —, farbige Heiden gegen christliche Europäer zu verwenden! Das ist ein Verbrechen an Kultur, Zivilisation und Christentum. Und wenn die englischen Missionare es billigen, dann sind sie Heuchler und schlechte Verkündiger des Evangeliums. Indiens englische Herren verachten mit Recht alle ehelichen Verbindungen zwischen Weißen und Hindus; die Kinder aus solchen Ehen werden wie Maulesel betrachtet, oft auch so genannt; sie sind weder Pferd noch Esel, sie sind halfcast. In Kalkutta haben sie ihr eigenes Viertel und dürfen in keinem andern Stadtteil wohnen. Aber — wenn es sich darum handelt, die »deutschen Barbaren« niederzuwerfen, dann ist eine Verbindung mit dem bronzefarbenen Volk Indiens für den Engländer gut genug!

Ist es ein des zwanzigsten Jahrhunderts würdiger Fortschritt in Kultur und Zivilisation, daß man die ahnungslosen Inder Hunderte von Meilen über Meer und Land schleppt, um sie auf den Schlachtfeldern Europas gegen die ersten Soldaten der Welt, die deutsche Armee, ins Feuer zu treiben? Wenn diese Frage mit Ja! beantwortet werden kann, bleibe ich doch unerschütterlich bei meiner Auffassung, daß eine solche Handlungsweise der Gipfel der Grausamkeit ist! Grausam nicht gegen die deutschen Soldaten, denn ich weiß, was für Empfindungen die indischen Gegner ihnen einflößen: Verachtung und Mitleid! Auch geht es nicht recht vorwärts mit der »Räumung der Berliner Straßen«, und die Linden von Sanssouci werden wohl kaum über den Kriegerstämmen von den Abhängen des Himalaja rauschen.

Was mögen diese indischen Truppen von ihren weißen Herren denken! Das wird die Zukunft zeigen. Wer etwas von dem Land der tausend Sagen gesehen hat, wer über die Kämme des Himalaja geritten ist, wer im Mondschein beim Tadsch Mahal träumte, wer den heiligen Ganges in grauen Ringen leise an den Kais von Benares vorübergleiten sah, wer entzückt war von dem Zug der Elefanten unter den Mangobäumen in Dekkan, mit einem Wort, wer Indien liebt und die Ordnung und Sicherheit bewundert, die unter der englischen Verwaltung dort herrscht, der bedarf keiner starken Phantasie, um zu begreifen, mit welchen Gedanken die indischen Soldaten zurückkehren werden, und mit welchen Gefühlen ihre Familien und Landsleute in den kleinen engen Hütten an den Abhängen des Himalaja ihren Berichten lauschen werden. Er kann nur mit Schaudern daran denken, denn er muß sich sagen, daß hier im Namen der Zivilisation ein Verbrechen an Zivilisation und Christentum begangen wird.

Die Frage läßt sich nicht unterdrücken: werden diese indischen Kontingente wirklich gebraucht? Reichen die weißen Millionen Großbritanniens, Kanadas und Australiens nicht zu, von Franzosen, Belgiern, Russen, Serben, Montenegrinern, Portugiesen, Japanern, Turkos und Senegalnegern nicht zu reden? Es scheint wirklich so. In der »Times« vom 5. September liest man in den fettesten Lettern die Überschrift: The need for more men. (Mangel an Leuten.) Schon damals brauchte man mehr Leute, um die »Kultur« der »deutschen Barbaren« auszurotten! Das englische Volk muß mit besonderen Mitteln dazu erzogen werden, Anlaß und Zweck des Kriegs zu begreifen! Sonst bleiben die Engländer zu Hause und spielen Fußball und Cricket.

Und wie steht es nun um diese neue Volkserziehung? Darüber unterrichtet uns die englische Presse täglich. Sie ist eine systematische Lüge! Die verhängnisvolle Wirklichkeit, die England langsam einer Katastrophe zuführt, muß durch eine strenge Preß- und Telegrammzensur verheimlicht werden. Von Hindenburgs Siegen hat das englische Volk keine Ahnung. Die Entwicklung der deutschen Operationen in Polen wird in ein siegreiches Vorrücken der Russen auf Berlin umgedeutet! Über den deutschen Kaiser verbreitet man die schändlichsten Verleumdungen! Die Germanen sind Barbaren, die zerschmettert werden müssen, und an diesem preiswürdigen Unternehmen müssen die zivilisierten Völker Serbiens, Senegambiens und Portugals teilnehmen! England führt den Krieg durch konsequente Fälschung der Wahrheit, die in der englischen Presse so selten ist wie in der deutschen die Lüge.

Aber glaubt denn das Volk wirklich alles, was in den englischen Zeitungen steht? Ja, ganz blind! Davon habe ich mich durch Briefe aus England überzeugen können. Ein mir zugeschickter Aufruf, der von vielen Gelehrten — darunter mehrere Träger des Nobelpreises! — unterzeichnet ist, schließt mit den Worten: »Wir beklagen tief, daß unter dem unheilvollen Einfluß eines militärischen Systems und seiner zügellosen Eroberungsträume der Staat, den wir einmal geehrt haben, jetzt als Europas gemeinsamer Feind und Feind aller Völker, die die Rechte der Nationen achten, entlarvt ist. Wir müssen den Krieg, in den wir uns eingelassen haben, zu Ende führen. Für uns wie für Belgien ist er ein Verteidigungskrieg, der für Freiheit und Frieden durchgekämpft wird.«

Die alte Geschichte vom Splitter und Balken! Ist denn Englands Weltmeerherrschaft kein militärisches System? Läßt sich ein ausgedehnterer Militarismus denken als der, der seine Werbungen über fünf Kontinente ausdehnt? Der sogar nach dem Strohhalm greift, den das republikanische Portugal darreicht, und in den Zeitungen The need for more men annonciert?

Was war denn der Burenkrieg? Vielleicht eine Äußerung derselben humanen »Fürsorge für die kleinen Staaten«, die jetzt England eine Lanze für Belgiens Selbständigkeit brechen läßt?

Es wäre nutzlos, jetzt, wo es zu spät ist, ergründen zu wollen, wie sich der große Krieg würde entwickelt haben, wenn England ruhig geblieben wäre. So viel aber ist sicher, daß Belgien dann seine Selbständigkeit nicht länger eingebüßt hätte als bis zum Friedensschluß. Der Krieg wäre dann auch nicht zu einem Weltkrieg angewachsen wie jetzt — zu der größten und tragischsten Katastrophe, die je das Menschengeschlecht heimgesucht hat. Keine Nation hat je eine größere, weltumfassendere Verantwortung getroffen als England! Und man kann die Männer nur tief beklagen, die vor Gegenwart und Nachwelt diese erdrückende Verantwortung werden zu tragen haben.


51. Heimwärts.

Am 4. November war die Zeit meines Aufenthalts an der Front abgelaufen, und ein Auto brachte mich nach Metz. Nie habe ich einen vornehmeren Chauffeur gehabt als diesmal, denn der Herzog Adolf Friedrich selbst hatte am Steuer Platz genommen. Es war die wildeste Fahrt, die ich je mitmachte. Der Herzog lenkte mit verblüffender Ruhe und Kaltblütigkeit; wo es auf freier Chaussee geradeaus ging, legten wir 90 bis 100 Kilometer in der Stunde zurück. Zuweilen konnte man kaum Atem holen, aber herrlich war es doch, mit solcher Schnelligkeit das Land zu durchfliegen. Um 9 Uhr 20 morgens waren wir abgefahren, und bald nach Einbruch der Dunkelheit langten wir in Metz an.

Von den mannigfachen Abenteuern meiner Rückfahrt kann ich in diesem Büchlein, das ja nur einen kleinen Teil meiner Erlebnisse an der deutschen Front wiedergibt, nicht weiter erzählen. Auch meinen Aufenthalt in Metz, meinen letzten Besuch an der Front bei Blamont, meine Heimfahrt über Ludwigshafen und Mannheim, meine »Verhaftung« in Heidelberg als Spion und die köstliche Gestalt, die diese harmlose Episode in der französischen und englischen Presse annahm, meinen Besuch bei der Großherzogin Luise von Baden und im Lazarett zu Karlsruhe, meinen schließlichen Aufenthalt in Berlin — alles dies werden meine Leser in meinem großen Buche geschildert finden, in dem ich weit ausführlicher über meine Eindrücke an der deutschen Front, die zu den stärksten meines Lebens gehören, Rechenschaft ablege.

Nur eine Anekdote sei hier noch mitgeteilt, da sie ein treffliches Gegenstück zu Tommy Atkins und seiner französischen Wirtin bildet. Gewisse Zeitungen hatten behauptet, die Deutschen behandelten ihre Kriegsgefangenen grausam und unmenschlich. In dem großen Gefangenenlager in Döberitz bei Berlin, das ich mit Erlaubnis des stellvertretenden Generalstabs gründlich besichtigen durfte, hatte ich Gelegenheit festzustellen, daß diese Behauptung ebenso eine Lüge ist wie alles andere, was augenblicklich zur kriegerischen »Erziehung« des englischen Volkes von seiner Regierung in die Welt hinausposaunt wird. Das Döberitzer Lager enthielt 4000 Russen, 4000 Engländer und einige hundert Franzosen, Belgier und Turkos; Exemplare des übrigen ethnologischen Farbenkastens waren leider nicht da.

Die jetzige Freundschaft zwischen Engländern und Russen bewährt sich im Gefangenenlager keineswegs. Tommy betrachtet Ivan als einen verlausten Wilden, und Ivan sieht in Tommy einen aufgeblasenen Renommisten, mit dem die anspruchslosen Gäste des Samovars nicht verkehren.

Im Krankenhaus in Döberitz ging ein Tommy auf und ab. Er sah bleich aus, war aber Rekonvaleszent.

»How are you getting on?« fragte ich. — Keine Antwort.

»I hope you will become a little bit of all right, by and by«, begann ich von neuem. Tommy sah mich nur lächelnd an.

»Ist er taub oder blöd?« fragte ich den Arzt, der uns begleitete.

»Nein, er ist — Russe«, antwortete der Arzt lachend.

Wie dieser Russe in Tommys Uniform geraten war, blieb ein ungelöstes Rätsel! —

Wahrlich, es wird einem wunderlich zumute, wenn jetzt, wo es die Vernichtung Deutschlands gilt, Tommy Atkins und Ivan Ivanowitsch sich einreden, gute Freunde zu sein! Ist die Gefahr einer russischen Invasion in Indien, die einsichtige Engländer wie Lord Curzon, der bedeutendste Vizekönig, den Indien bisher hatte, seit vielen Jahren prophezeien, weniger drohend geworden?

Gewiß, es gibt für Rußland einen andern Ausweg nach dem Meere, und zwar nach Westen — und meine schwedischen Landsleute sollten das nicht vergessen!

Gott schütze mein Vaterland!


Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig.

Werke von Sven Hedin.

Der Name Sven Hedin ist ein Programm, ein Kennwort für Reiselust und Forscherdurst, für Wagemut und Unerschrockenheit (Schlesische Ztg.). Hedins Verdienst ragt über die Fachwissenschaft riesengroß empor; er lehrt uns, neue Teile der Erde mit den Augen des Kulturmenschen sehen. Mit um so größerer Freude bekennen wir das, als er selbst erklärt hat, daß die Wurzeln seiner Wissenschaft in deutschem Boden stecken (Konservative Monatsschrift). Von allen Forschungsreisenden der Gegenwart steht er uns menschlich am nächsten, denn es gibt keinen andern, der sich so unbefangen und vielseitig zeigt (Neue Hamburger Ztg.). Seine Erzählerkunst ist von einer zwingenden Objektivität; er berichtet die gefahrvollsten Abenteuer, die merkwürdigsten Wunder mit solcher Selbstverständlichkeit, daß man den schweren Ernst seiner Aufgabe oft verschwinden sieht. Es gibt wohl in der heutigen Reiseliteratur wenig Werke, die wissenschaftlich so bedeutsam und dabei als reine Unterhaltungsmittel so plastisch und fortreißend sind (Berliner Tageblatt). Er versteht es meisterhaft, im leichten Plauderton seine wissenschaftlichen Ergebnisse mitzuteilen, so daß man belehrt wird, ohne es zu merken (Vorwärts). An Hedin am meisten zu schätzen ist jedoch die geradezu geniale Art, wie er uns all die fremden Menschen, die entweder die wechselvollen Schicksale seiner Reisen teilten oder ihm auch nur flüchtig begegneten, vertraut und lebendig macht. Diese lebensvolle Menschenschilderung bildet unbedingt den Gipfelpunkt seines schriftstellerischen Könnens (Rud. Greinz im Deutschen Literaturspiegel). Wohl kein Geograph unserer Tage versteht es wie Hedin, die Resultate großer wissenschaftlicher Fragen mit dem liebevollen Auge des edlen Menschen zu sehen und zu schildern (Echo der Gegenwart). Zu alledem kommt noch, daß Hedin nicht nur ein Meister der geographischen Wissenschaft, eine auch in ihrer reinen Menschlichkeit interessante und fesselnde Persönlichkeit und glänzender Darsteller, sondern auch ein virtuoser Zeichner und Aquarellist ist und seine Werke nicht nur mit vortrefflichen Photographien, sondern auch mit einer Menge individuell gesehener Figuren- und Landschaftsbilder schmücken konnte (Düsseldorfer Ztg.). — Hedins Werke sind:

Durch Asiens Wüsten. (107 Abb., 2 farbige Tafeln, 5 Karten) Gebunden 10 M.

Im Herzen von Asien. (407 Abbildungen, 5 Karten) 2 Bände, gebunden 20 M.

Transhimalaja. (397 Abbildungen, 10 Karten) 2 Bände, geb. 20 M. Ergänzungsband geb. 10 M.

Zu Land nach Indien. (308 Abb., 6 Taf., 15 Panoramen, 2 Karten) 2 Bde. geb. 20 M.

Als Volks- und Jugendbücher besonders zu empfehlen:

Abenteuer in Tibet. (137 Abbildungen, 8 farbige Tafeln, 4 Karten) Gebunden 8 M.

Von Pol zu Pol. Vom Nordpol zum Äquator. ◇◇◇◇ Rund um Asien. ◇◇◇◇ Durch Amerika zum Südpol. Jeder Band einzeln käuflich, gebunden 3 M.

Durch den Weltkrieg 1914–15 gewinnt schließlich Hedins politische Broschüre:

Ein Warnungsruf. (Geheftet 50 ₰) die Bedeutung einer scharfsinnigen Prophezeiung.

Verlag F. A. Brockhaus, Leipzig.

Anmerkungen zur Transkription

Inkonsistenzen wurden beibehalten, wenn beide Schreibweisen gebräuchlich waren, wie:
  • anderen -- andern
  • Anschlagstafel -- Anschlagtafel
  • Aufenthaltes -- Aufenthalts
  • dunkeln -- dunklen
  • inneren -- innern
  • Invasionsheeres -- Invasionsheers
  • Kompagnien -- Kompanien
  • Krieges -- Kriegs
  • mustergiltig -- mustergültig
  • offener -- offner
  • Schrittes -- Schritts
  • sicheren -- sichern
  • sonnenverbrannte -- sonnverbrannte
  • Tadsch Mahal -- Tadsch-Mahal
  • Tapferen -- Tapfern
  • Überrumpelungsversuch -- Überrumplungsversuch
  • unserem -- unserm
  • Volkes -- Volks
  • wagerecht -- wagrecht
Interpunktion wurde ohne Erwähnung korrigiert. Im Text wurden folgende Änderungen vorgenommen:
  • S. 4 "Baiern" in "Bayern" geändert.
  • S. 73 "Mamers" in "Mamer" geändert.
  • S. 134 "Tète" in "Tête" geändert.
  • S. 138 "Freiherr von Hoeningen" in "Freiherr von Hoyningen" geändert.
  • S. 145 "Helmholz" in "Helmholtz" geändert.
  • S. 151 "Digue du Mer" in "Digue de Mer" geändert.
  • S. 151/152 "Sten-Stentorstimme" in "Stentorstimme" geändert.
  • S. 179 "General Göben" in "General Goeben" geändert.
  • S. 179 "Guadelupe" in "Guadeloupe" geändert.
  • S. 185 "verbrännten" in "verbrennten" geändert.
  • S. 186 "Ghurkas" in "Gurkhas" geändert.
  • S. 188 "In den Times" in "In der Times" geändert.