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Eine Mutter / Roman im Anschluß an »die Colonie« cover

Eine Mutter / Roman im Anschluß an »die Colonie«

Chapter 36: 34. Schluß.
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About This Book

A provincial-town narrative centers on a comic actor who shares a cramped flat with his orderly sister and niece; their contrasting rooms and routines set the stage for a wider portrait of the local theatre world. Market days, rehearsals, backstage intrigues and performances bring in patrons, officers and local elites, while episodes trace artistic ambitions, professional rivalries, romantic encounters, reviews and journeys that shape the actors' fortunes. Interwoven scenes alternate domestic detail with theatrical spectacle to explore loyalty, social pretension, the precariousness of artistic life and the shifting character of good fortune.

32.
Paula.

Der Fuhrknecht betrachtete erstaunt das Silbergeld, das ihm Jeremias in die Hand drückte, war aber auch rasch erbötig, den reichen Lohn mit so leichter Mühe zu verdienen, und trank nur eben noch vorsichtig sein Glas aus, daß ihm indessen niemand Fremdes darüber kam. Dann führte er den kleinen Mann ohne Weiteres über die Straße hinüber in das kaum hundert Schritt entfernte Haus, wo die Kranke, der Aussage der Wirthin nach, jetzt untergebracht sein sollte.

»Aber hier wohnt sie doch nicht?« rief Jeremias ordentlich erschreckt aus, als ihn der Fuhrknecht auf eine Hütte zuführte, die eher einem Stall, als einer menschlichen Wohnung glich, »das ist ja doch gar nicht möglich!«

»Wenn es die ist, die Sie suchen und die Ihr Mann hier hat sitzen lassen,« brummte der Bursche, der schon Angst hatte, daß er das Geld wieder herausgeben müsse – »gewiß. Gehen Sie doch nur erst einmal hinein.«

Jeremias, doch wahrlich mit manchem Außergewöhnlichen auf seinen langen Reisen und Irrfahrten vertraut, schauderte, als er den kalten, schmutzigen, niedern Raum betrat; sein Führer schien aber hier bekannt, und an ihm vorbeigleitend, öffnete er die Zimmerthür und rief einer dort sitzenden, widerlich häßlichen Frau etwas auf Böhmisch zu.

Diese nickte nur und deutete auf eine andere Thür, und als Jeremias, wirklich zitternd vor Furcht, die Gesuchte in diesem entsetzlichen Aufenthalt zu finden, vorwärts trat, stieß sein Führer eine andere niedere Thür auf, die zu einer kaum zehn Fuß im Quadrat haltenden Kammer führte.

Dort stand ein Bett – wenn ein erbärmliches Holzgestell mit Stroh darauf so genannt werden kann, und auf demselben, mit einer einzigen dünnen, noch überdies zerrissenen wollenen Decke überworfen, lag eine schmächtige weibliche Gestalt. Nur ein ungewisses Licht fiel durch ein fensterartiges Loch im Dach in den öden Raum, der nicht einmal geheizt werden konnte, und neben dem Lager stand ein zerbrochener irdener Krug mit Wasser, wahrscheinlich als einzige Labung.

»Großer, allmächtiger Gott,« rief Jeremias, »das hier, die Jammergestalt, ist doch nicht die Comtesse Monford?«

Wie er den Namen nannte, hob die Kranke den Kopf, und ein wachsbleiches Gesicht, mit unnatürlich großen, dunkeln Augen, starrte ihn an. Er kannte es nicht – aber die Hand, welche die Decke zurückschob, war zart und fein, und die Finger daran so dünn, daß es fast aussah, als ob sie bei der geringsten Anstrengung abbrechen müßten.

Jeremias stand sprachlos vor Entsetzen, aber der kleine praktische Mann hielt sich auch nicht lange bei unnützen Gefühlsäußerungen auf. Ordentlich krampfhaft faßte er den Mann, der ihn hierher geführt, am Arm, und zog ihn wieder hinaus vor die Thür und dem Wirthshause zu.

»Nun, ist sie's nicht?« rief dieser.

»Ja, ja – kommt – kommt nur mit« – – er mußte Jemanden haben, der für ihn sprach, und athemlos betrat er wieder die dumpfe, dunstige Wirthsstube.

Hier aber war indeß der Wirth selber zurückgekehrt, der ein ziemlich gutes Deutsch sprach, und Jeremias hatte das kaum ausgefunden, als er auf ihn einstürmte.

»Habt Ihr ein gutes Zimmer hier im Hause?«

»Ja, Herr!«

»Was geheizt werden kann?«

»Ja, Herr!«

»Habt Ihr ein gutes, warmes Bett?«

»Ist auch zu beschaffen; es stehen zwei drin!«

»Wollt Ihr mir das Zimmer für einen guten Preis vermiethen?«

»Warum nicht – wenn Ihr baar Geld zahlt?«

»Hier ist Geld – ist es geheizt?«

»Nein, Herr, was sollen wir ein Zimmer heizen, in dem Niemand wohnt.«

»Könnt Ihr es gleich heizen, aber rasch?«

»Gewiß,« rief der Wirth, der staunend die Anzahl Silberstücke betrachtete, die ihm Jeremias in Todesangst in die Hand gedrückt, und dann rief er in böhmischer Sprache seiner Frau ein paar Worte zu, die rasch zum Ofen humpelte, dort einen. Arm voll trockenes Holz nahm und das Zimmer damit verließ.

»Und kann Eure Frau eine gute, kräftige Suppe kochen, mit einem Huhn darin und Eiern?«

»Eier haben wir jetzt nicht, Herr,« sagte der Mann, »aber ein Huhn ist da, und die Suppe soll bald fertig sein.«

»Rasch nur, rasch,« rief Jeremias, »ich bezahle Alles!« Und wie ein Pfeil schoß er aus der Thür hinaus, griff draußen im Schlitten alles von wollenen Decken auf, was er fassen konnte, und rannte damit in das gegenüber liegende Haus.

Der Fuhrknecht, der wohl gemerkt hatte, daß hier Geld zu verdienen war, denn der kleine Fremde warf mit den Silberstücken nur so um sich, hatte ihm dabei geholfen, und dort breitete er Alles, was er mitgebracht, über die Kranke aus, um sie nur erst einmal zu erwärmen.

Das besorgt, ordnete er mit Hülfe seines Dolmetschers die aufgelaufene Rechnung der Kranken – nur wenige Gulden für den Aufenthalt, und schickte diesen dann fort, um Leute herbeizuholen, welche die Kranke mit ihrem Bett in das für sie bereite Zimmer tragen konnten, sobald es nur durchwärmt war.

Was läßt sich mit dem Geld nicht Alles machen! Die Wirthin feuerte ein, daß der Ofen knisterte; die Betten wurden durchwärmt, eine gute, nahrhafte Suppe bereitet, und die Träger, denen Jeremias indessen an Branntwein geben ließ, was sie trinken wollten, warteten geduldig, bis der kleine wunderliche Fremde ihnen befehlen würde, das Bett mit der Kranken aufzugreifen und in das Wirthshaus herüberzutragen.

Jeremias dachte dabei an Alles. Auch ein paar Mädchen hatte er indes besorgt, welche die Kranke von ihrem Strohlager in das warme und weiche Bett legen sollten, und als er Alles nun bereit hatte, ging er mit ihnen hinüber, um sie abzuholen.

Die arme Kranke, die unter den vielen wollenen Decken zum ersten Mal wieder nach langer Zeit mochte warm geworden sein, hatte diese über ihren Kopf gezogen, und erst als sie die fremden Stimmen um sich hörte und fühlte, daß ihr Bett selber angefaßt wurde, warf sie erschrocken die Decke von ihrem Gesicht zurück.

»Um Gottes willen, was wollt Ihr mit mir? – oh, laßt mich ruhig sterben.«

»Freunde sind da, gnädige Frau,« antwortete aber Jeremias, dem die Rührung fast die Stimme erstickte – »Ihre Sorge und Noth hat aufgehört, wir bringen Sie in ein anderes Haus, wo Sie ordentliche Pflege finden sollen.«

Paula starrte ihn noch immer ängstlich an, auf ein Zeichen von Jeremias hoben aber die vier Männer das Bett rasch empor, und ehe sie noch Einspruch thun konnte, war es gedreht und im andern Zimmer und durch dieses hin auf die Straße gebracht. Dort liefen Neugierige zusammen. Die arme junge Frau hüllte sich erschreckt wieder in ihre Decken ein, und wenige Minuten später befand sie sich im andern Hause.

Hier freilich mußte sie den Frauen überlassen werden, denn das unbeholfene Gestell ließ sich nicht die schmale Treppe hinaufschaffen. Aber diese wußten auch vortrefflich damit umzugehen, und mit Hülfe der Decken und eines Stuhles trugen sie die Arme rasch und leicht hinauf und legten sie in das für sie schon hergerichtete durchwärmte Bett. Das in Ordnung und der Wirthin noch einmal die Suppe auf die Seele bindend, beorderte Jeremias die Pferde wieder, um so rasch als möglich zur Stadt zu fahren. Er versprach aber noch an dem Abend mit einem Arzte zurückzukehren, und eine Viertelstunde später glitt der Schlitten unter fröhlichem Schellengeklingel nach Podiebrad hinüber.

Jeremias that aber nichts halb. Von dort nahm er nicht allein den besten Arzt mit, der aufzutreiben war, sondern auch eine gute und tüchtige Krankenpflegerin, und schickte zugleich ein Telegramm nach Haßburg, das nur die Worte enthielt: »Graf Rottack, Haßburg. Kommen Sie – gefunden – krank – elend. Prag, Schwarzes Roß. Jeremias.«

Mit dem Doctor und der Wärterin kehrte er noch an demselben Abend nach dem Dorf zurück, und erst als er Alles gethan, was in seinen Kräften stand und was überhaupt vor der Hand nur möglicher Weise zu thun war, fuhr er wieder nach Prag zurück, um dort Rottack's Ankunft, der jedenfalls den nächsten Zug benutzte, zu erwarten. Der mochte dann bestimmen, was weiter geschehen solle.

Wie Jeremias aber nach Prag zurückkehrte, fand er schon ein antwortendes Telegramm vor.

»Ich komme mit dem nächsten Zug; wenn wir weiter fahren müssen, seien Sie am Bahnhof.«

Dadurch wurde allerdings die wenigste Zeit versäumt, und Jeremias behielt auch in der That kaum Raum genug, um etwas zu genießen und gleich darauf wieder nach dem Bahnhof hinaus zu fahren; denn wenn Graf Rottack den ersten Abendzug benutzt hatte, konnte er zu Mittag recht gut in Prag eintreffen.

Und er kam in der That, aber nicht allein, denn Helene hatte es sich nicht nehmen lassen, ihn zu begleiten, und Jeremias, als er sie am Coupéfenster entdeckte, rief ordentlich erschreckt aus: »Oh Du mein Gott, die Frau Gräfin!«

Rottack ließ ihm aber keine lange Zeit, sich zu besinnen. »Mein lieber Jeremias,« rief er, herausspringend und ihm herzlich die Hand schüttelnd, »wie dankbar sind wir Ihnen! Aber wo ist die Unglückliche – hier?«

»Noch zwei Stunden zu fahren, Herr Graf.«

»Lösen Sie rasch Billets, daß wir den Zug nicht versäumen.«

Das war bald geschehen und das Gepäck umgeschrieben. Jeremias stieg mit ein und hatte nun Zeit genug, ihnen unterwegs all' die Einzelheiten zu erzählen und was bis jetzt geschehen war. Helene zerfloß dabei fast in Thränen; aber sie eilten ja doch auch nun zur Rettung herbei, und in peinlicher Ungeduld zählte sie die Minuten, die sie noch von ihrem Ziele trennten.

Schon von der nächsten Station unterwegs telegraphirten sie wegen eines großen, bequemen Schlittens oder zwei kleinerer, die am Bahnhof bereit stehen sollten, und Helene nahm sich hier wirklich kaum Zeit, etwas zu genießen, als sie selber schon weiter drängte.

Etwa um zwei Uhr erreichten sie Podiebrad, und es war noch heller Tag, als sie endlich das kleine, erbärmliche Dorf vor sich liegen sahen. – Und dort lag Paula?

Helene saß bleich und die Hände gefaltet in ihrem Schlitten und sah zitternd auf die kleinen erbärmlichen Hütten, die ihre Armuth und ihr Elend nur zu deutlich verriethen. Und vor einer von diesen – es war wenigstens eine der größten – hielt jetzt das Fuhrwerk. Ein anderer Schlitten stand schon vor der Thür; es war der des wieder herüber gekommenen Arztes, der ihnen unten in der Wirthsstube entgegentrat.

Er stattete den Fremden einen kurzen Bericht über den Zustand der Kranken ab, der leider Helenens gehegte Furcht bestätigte. Ihr Zustand war in der That bedenklich. Nach einem falschen Wochenbett der Kälte und dem Mangel preisgegeben, wahrscheinlich noch von geistiger Aufregung gequält, hatte die Arme ein bösartiges Fieber ergriffen, und möglich, daß treue Pflege die Gefahr, in der sie schwebe, noch abwenden könne; aber man möge sich auf das Schlimmste wenigstens gefaßt machen.

Helenen liefen, während er sprach, die hellen Thränen an den Wangen nieder; aber sie unterbrach ihn mit keinem Wort, und erst als er geendet hatte, sagte sie leise und bittend: »Darf ich zu ihr?«

»Sie hat gestern Abend wieder viel phantasirt,« meinte der Arzt, »ist aber heute ruhiger, und wenn Sie nicht selber fürchten sie zu stark aufzuregen...«

»Aber eine Wärterin muß sie ja doch haben!«

»Der Herr dort hat schon gestern eine recht brave Person dazu besorgt,« sagte der Arzt, »und es ist wirklich Alles geschehen, was jetzt noch, nachdem der richtige Zeitpunkt längst versäumt worden, nur irgend geschehen konnte. Möglich aber auch, daß es die Kranke wesentlich beruhigt, wenn sie ein befreundetes Gesicht an ihrem Lager sieht, dem Herrn würde ich aber entschieden abrathen...«

»Ich gehe allein,« rief Helene; »haben Sie auch keine Furcht, Herr Doctor, daß ich sie aufregen werde. Ich bin ruhig – gewiß, ich bin ruhig,« setzte sie rasch hinzu, als der Arzt wie zweifelnd mit dem Kopf schüttelte; »ich werde sicher kein Wort sagen, was sie nur im Geringsten erregen könnte. Aber das arme, verlassene Kind muß doch erfahren, daß Freunde in der Nähe sind, die über sie wachen, und dieses Gefühl wird ja dann auch gewiß zu ihrer Beruhigung mit beitragen.«

»So gehen Sie, gnädige Frau,« sagte der Arzt freundlich, »ich verlasse mich ganz auf Sie, und bringen Sie der armen Dame, was ihr bisher so ganz gefehlt hat: Trost.«

Helene legte Hut und Mantel ab; ihre Glieder zitterten so, daß sie sich kaum aufrecht halten konnte. Sie mußte sich erst sammeln, erst wieder Fassung erlangen. Aber ihr starker Geist überwand das bald.

»Ich bin schon ruhig, Felix,« sagte sie, unter Thränen lächelnd, als ihr Gatte zu ihr trat und ihr freundlich zureden wollte. »Fürchte auch nicht, daß mich oben eine solche Schwäche übermannen wird. Du kennst mich ja, vertraue mir nur, und jetzt,« rief sie, indem sie mit ihrem Tuch die letzten Thränenspuren entfernte, »laß mich gehen.«

Damit wandte sie sich entschlossen ab, schritt der Thür zu und die kleine, enge Treppe hinauf. Nur der Arzt begleitete sie, und Rottack und Jeremias blieben unten in der dumpfigen, wüsten Wirthsstube allein mit ihren peinlichen Gedanken zurück.

Helene hatte sich auch nicht zu viel zugetraut. Sie fühlte recht gut, wie viel gerade jetzt von ihrer Haltung, der Kranken gegenüber, abhing, und leise und geräuschlos wohl, aber mit festen Schritten stieg sie hinauf und öffnete selber die Thür, welche zu der armen Verlassenen führte.

Ein Glück, daß ihr der Anblick erspart worden, wie Jeremias sie gefunden, denn so ärmlich das Zimmer auch aussehen mochte, so war es doch reinlich gehalten und durchwärmt, und das Bett dabei so gut, als es nur in einer so geringen Schenke sein konnte.

Die Wärterin saß am Bett, als Helene eintrat, und stand schüchtern auf, die Kranke aber lag, die Augen geschlossen, das bleiche, abgehagerte Antlitz der Thür zugedreht, als ob sie schliefe.

Helenen zog sich das Herz zusammen. Allmächtiger Gott, wie sah die Arme aus? – Wohin war das fröhliche Lächeln der sonst so lieben Lippen verschwunden, wohin das Roth der Wangen, das schelmische Grübchen im Kinn? Und als sie die großen, dunkeln Augen aufschlug und erstaunt, fast erschreckt die Eintretende anstarrte, da hätte Helene ihr um den Hals fliegen und an ihrem Herzen den Gram ausweinen mögen, der ihr die Seele zusammenschnürte. Aber sie bezwang sich.

»Meine liebe Paula,« sagte sie, indem sie mit lautlosem Schritt dem Bett zuglitt und die herabhangende, fast durchsichtige Hand erfaßte, »mein liebes, süßes Herz, wie geht es Dir?«

Paula antwortete ihr nicht. Mit immer wachsendem Staunen betrachtete sie die bekannten Züge, lauschte sie den zärtlichen, liebevollen Lauten.

»Kennst Du mich nicht mehr, Paula?«

»Doch, doch,« flüsterte die Kranke, »Du bist der Engel, den ich herbeigesehnt und der mich dorthin führen soll, wo kein Schmerz und Kummer, kein Haß, keine Falschheit mehr ist – oh, ich danke Dir, Gott, danke Dir recht aus voller Seele, daß meine Leiden jetzt ein Ende nehmen! Oh, wie leicht wird mir, wie wohl, wie froh, oh nimm mich zu Dir! Dein armes, armes Kind – oh laß mich scheiden!«

Sie fiel zurück, Todtenblässe deckte ihre Züge, sie war ohnmächtig geworden.

Helene sprach kein Wort, nur ihr Tuch tauchte sie in kaltes Wasser und legte es der Kranken um die Schläfe, hielt ihr ein mitgebrachtes Flacon unter die Nase und that Alles still und geräuschlos, um sie in's Leben zurückzurufen.

Der Arzt hatte sie dabei unterstützt.

»Es wird vorübergehen,« flüsterte er leise, »bleiben Sie stark, gnädige Frau – vielleicht geht doch noch Alles gut.«

Nach einer langen Weile schlug Paula die Augen wieder auf. Helene war über sie gebeugt und ihre Blicke begegneten sich.

»So hab ich nicht geträumt,« sagte Paula leise, »der Engel ist bei mir geblieben.«

»Meine Paula, mein süßes, liebes Herz, kennst Du mich denn nicht mehr? Kennst Du Deine Helene nicht?«

»Helene? Helene Rottack?« flüsterte die Kranke. »Aber – wie kommen Sie denn hierher, Frau Gräfin? Wie ist mir denn? Bin ich denn nicht...«

»Ich habe Dich gesucht und gefunden, Herz!« rief Helene, die nur mit Gewalt die vorquellenden Thränen zurückdrängen mußte. »Jetzt bleib' ich bei Dir, ich gehe nicht wieder von Dir fort, bis Du auf's Neue wohl und gesund und kräftig bist. Darf ich bei Dir bleiben?«

»Bei mir?« flüsterte Paula, während ihr Blick scheu im Zimmer umherflog. »Bei mir, der Ausgestoßenen, die ihren Bruder und Vater gemordet hat? Bei mir?« Und dabei suchte sie Helenens Hand von sich fortzudrücken. »Geh, geh fort, daß Dich nicht auch der Fluch trifft, der auf mir ruht!«

»Aber was sprichst Du, Paula?«

»Ich weiß Alles,« flüsterte die Arme, »in den Zeitungen stand es, die ich draußen gelesen – Alles – Alles! Oh, daß ich gestorben wäre, um nicht das – das zu ertragen!«

»Hüten Sie die Kranke vor Aufregung!« flüsterte der Arzt.

»Nicht Alles ist wahr, was in den Zeitungen steht, mein Herz,« suchte Helene sie zu beruhigen; »Dein Vater ist wohl krank, aber er lebt.«

»Er lebt – ja,« sagte Paula düster – »aber wie? Oh, Helene, und Du hast Dich nicht von mir gewandt, wo mich Alles, Alles verlassen?«

»Nie, nie, mein armes Kind,« rief die junge Gräfin, »ich bleibe bei Dir; Du darfst mich nicht von Dir weisen; es wird noch Alles gut werden – hoffe nur, Paula!«

»Alles gut werden? Ja,« sagte die Arme leise, »wenn ich im Grabe liege – oh, daß ich ausruhen könnte von all' dem Herzeleid!«

Sie lag wieder still und ruhig. Helene suchte sie zu trösten, aber sie antwortete nicht mehr, bis ihr Geist auf's Neue an zu wandern begann und wilde, erschreckende Bilder vor die Seele heraufbeschwor. Sie jammerte dabei nach ihrem Kinde, das man ihr weggenommen hätte, und wollte von ihrem Lager aufspringen, so daß sie nur mit Mühe gehalten werden konnte; dann lag sie wieder halbe Stunden lang still und wie todt.

Der Arzt schüttelte den Kopf, die Erregung war zuviel für die Kranke gewesen; aber mit eines Engels Geduld saß Helene an ihrem Lager die ganze Nacht hindurch, und kein Schlaf kam in ihre Augen.

Rottack und Jeremias, da der Arzt gegen Abend wieder nach der Stadt zurück mußte, wo er auch ein paar gefährlich kranke Patienten hatte, verbrachten die Nacht ebenfalls in trauriger Weise in der Wirthsstube selber, und noch dazu in einem furchtbaren Tabaksdunst, da sich heute eine Menge von Neugierigen eingefunden hatte, um die Fremden zu sehen, die gekommen wären, die kranke Frau abzuholen.

Für heute ließ sich aber nichts mehr daran ändern, morgen konnte vielleicht eher Rath geschafft werden. Beide waren ja auch überdies an Beschwerden gewöhnt, und auf Stühlen und Bänken richteten sie sich ein, so gut es eben gehen wollte.

Gegen Morgen endlich war die Kranke eingeschlafen, und Helene warf sich ebenfalls in ihren Kleidern auf das noch im Zimmer befindliche Bett, um ein klein wenig zu ruhen, während jetzt die Wärterin an dem Lager der Kranken wachte.

Paula schlief lange und sanft, und als sie endlich erwachte und die treue Freundin zu ihr trat, schlang sie ihren Arm um deren Nacken, zog sie zu sich nieder und weinte still.

»Meine liebe, liebe Paula, Du darfst Dich nicht wieder aufregen, der Arzt hat es streng verboten.«

»Und womit habe ich das verdient, Frau Gräfin,« flüsterte Paula, »daß Sie mir in mein Elend gefolgt sind?«

»Oh, nicht den kalten Titel, Paula, nicht das fremde Sie,« rief Helene bewegt, »nenne mich Helene, nenne mich Schwester, denn Gott ist mein Zeuge, ich will Dir von jetzt an eine Schwester sein!«

»Meine liebe, gute Helene – und Du bist mir nicht böse?«

»Ich Dir böse, Herz, wo ich mein eigen Leben für Dich hingeben könnte?«

Paula schüttelte leise mit dem Kopf und schloß die Augen wieder, und Helene rührte sich nicht weiter, um ihr volle und ungestörte Ruhe zu lassen.

So lag sie zwei volle Stunden in einer Art von Halbschlaf, aus dem sie erst durch den zurückkehrenden Arzt wieder geweckt wurde.

Trotz der furchtbaren Aufregung des vergangenen Abends fand er die Kranke aber heute bedeutend besser. Der Puls ging ruhiger und das Auge war klarer.

Sie hatte jetzt Helenens Hand gefaßt, die sie, ohne ein Wort zu sprechen, festhielt, als ob sie Furcht hätte, daß sie ihr wieder entzogen werden könnte. Helene hielt mit einer rührenden Geduld bei ihr aus, streichelte ihre Wange, küßte ihre Stirn und behandelte sie wie ein krankes Kind, das nur durch Liebkosungen beschwichtigt sein will.

Rottack fragte den Arzt, ob er einen Transport der Kranken nach der nächsten Stadt wenigstens für möglich halte; davon wollte dieser aber nichts wissen, auf keinen Fall für die Folgen stehen, und er unterblieb deshalb. Der Arzt sorgte aber doch dafür, daß die beiden Herren wenigstens ein Quartier und ein paar Betten bei dem Geistlichen bekommen konnten, der sie in liebenswürdiger Weise aufnahm und nicht einmal darin nachließ, als er erfuhr, daß sie »Ketzer« wären. Er selber hatte schon die arme kranke Frau besucht und ihr auch in der That wenigstens das nothdürftige Unterkommen bei den armen Leuten besorgt, und freute sich jetzt aufrichtig, daß ihr die nöthige Hülfe geworden war.

So vergingen vierzehn volle Tage, in denen das Befinden der Kranken herüber und hinüber schwankte. Mit heftigen Anfällen ausbrechender Phantasien wechselten Tage der Ruhe – aber die Anfälle wurden seltener und schwächer, und der junge, kräftige Körper Paula's überwand endlich die furchtbare Mißhandlung, die er erlitten hatte und der er fast unterlegen wäre.

Wie sich aber ihre Nerven kräftigten, schloß sie sich so viel inniger an Helene an, die wieder ihrerseits keine Mühe und Aufopferung scheute, wo es der Pflege des geliebten Schützlings galt.

Nach vier Wochen etwa gestand endlich der Arzt die Möglichkeit zu, die Kranke nicht allein in die nächste Stadt, sondern auch gleich nach Prag transportiren zu können, wo sie doch bessere Pflege und Bequemlichkeit fand, und wenn auch noch jede nur mögliche Vorsicht gebraucht werden mußte hoffte er doch, daß die Reise ohne Gefahr für sie ablaufen würde.

Jeremias wäre schon längst gern fort, denn es drängte ihn nach Hause, aber er wußte auch nicht, in wie weit er doch noch hier sich nützlich machen könne, und seine natürliche Gutmüthigkeit ließ ihn eben nicht. In der ganzen Zeit aber erwähnte Keines von Allen ein Wort über die Vergangenheit. Jedes schien die Berührung derselben zu fürchten, und jede Andeutung selber wurde vermieden. Was hätte es auch geholfen, Paula selber hatte leider schon aus den geschwätzigen Zeitungen das Unglück ihres Hauses erfahren, denn was wird, besonders bei einem stillen politischen Zustand, lieber verbreitet, als Verbrechen und Unfälle. Was ihr aber selbst geschehen, Du guter Gott, es lag zu klar und deutlich vor Aller Augen, und wo es noch einer Ergänzung bedurft hätte, konnte Niemand die besser als Jeremias nach dem geben, was er in Prag über Handor und seine Begleiterin gehört.

Ihre Verbindlichkeiten hier waren jetzt bald abgemacht und geordnet. Das Wetter hatte sich auch gebessert; der Frühling zog siegreich in das Land, und Schnee und Eis schmolz vor seinem warmen Hauch und die Haselbüsche trugen schon ihre Schäfchen. Schneeglöckchen und Himmelsschlüssel fingen an auszukeimen und die Saaten deckte frisches Grün.

Jeremias fuhr selber nach der Stadt hinüber und besorgte einen guten und verschlossenen Wagen. Fest in Tücher und Decken eingepackt, wurde dann die Kranke dort hinein gehoben und hinüber geschafft, und mit dem Schnellzug erreichten sie Prag in kurzer Zeit.

Paula hatte nicht einmal gefragt, wohin man sie führe, denn wenn sich ihr Körper auch unter der guten und sorgsamen Pflege auffällig kräftigte und erholte, ihr Geist blieb noch immer gedrückt, und scheu und zitternd schmiegte sie sich an Helene an, wenn ihr Fremde nahten. Selbst vor Rottack hatte sie im Anfang Furcht, und nur auf Jeremias' Züge, so flüchtig sie ihn bei jenem ersten furchtbaren Begegnen gesehen, schien sie sich zu erinnern und bot ihm die Hand, als er zum ersten Mal zu ihr in's Zimmer trat.

Rottacks selber aber waren noch unschlüssig, wohin sie Paula führen sollten. Nach Haßburg? – jeder Versuch, mit der stolzen, hartherzigen Gräfin von Monford anzuknüpfen, war vergebens gewesen – und sie hier allein lassen?

Rottack selber wollte Haßburg wieder verlassen, sobald er dort seine Angelegenheiten nur einigermaßen ordnen konnte, aber das war nicht in zwei oder drei Tagen abgemacht und verlangte vielleicht eben so viele Wochen, und so lange konnte er die noch immer kranke Paula nicht mit seiner Frau allein lassen. Es war deshalb das Beste, er nahm sie, bis er seine Übersiedelung selber geordnet hatte, mit nach Haßburg in sein eigenes Haus. Niemand brauchte deshalb zu wissen, wen er beherberge. Die Hoffnung, sie mit ihren Eltern auszusöhnen, hatte er freilich längst aufgegeben; aber er war fest entschlossen, Paula nicht mehr von sich zu lassen, und da seiner armen Helene die Liebe der Mutter versagt worden, so hoffte er, daß sie in der Liebe der Schwester ihren Frieden wiederfinden würde.

Jeremias hatte sich übrigens jetzt dahin entschieden, voraus zu reisen, denn hier in Prag konnte er ja doch nichts mehr nützen, und es drängte ihn, seine eigenen Angelegenheiten daheim in Ordnung zu bringen.

Vorher mußte er aber noch eine Pflicht der Dankbarkeit abmachen, zu der ihn Rottack selbst drängte. Diesem hatte er nämlich gesagt, daß er einzig und allein durch den Souffleur, Mauser – der Graf mußte sich ja doch an den Türken erinnern, der so unbändig schrie – auf die Spur gekommen sei, und Rottack zwang ihm nun unter jeder Bedingung zehn Louisd'or auf, die er dem Manne für seine Kunde geben sollte.

Daß es Mauser sehr gut brauchen konnte, wußte Jeremias, das war in seinem ganzen Wesen unverkennbar, und verdient hatte er es auch, denn ohne ihn wäre die ganze Reise umsonst gewesen und die arme Paula wahrscheinlich in Noth und Elend »verdorben und gestorben«. Jeremias suchte ihn deshalb auf, und wenn er auch das bezeichnete Haus mit Leichtigkeit fand, hatte es doch seine Schwierigkeiten, bis er die fünf steilen Treppen emporkletterte, über denen der Souffleur – noch immer in dem nämlichen ungewaschenen Schlafrock und mit demselben Fez auf, thronte.

Mauser erhob übrigens, als er ihn erblickte, ein solches Freudengeschrei, daß die Leute aus der Etage unter ihm herausstürzten, weil sie glaubten, es wäre Jemandem ein Unglück begegnet.

Jeremias mußte jetzt erzählen, aber er that das nur in aller Kürze, denn er selber war mit seiner Zeit gedrängt; wie er aber zuletzt, im Namen des Grafen Rottack, die zehn Louisd'or aus der Tasche nahm und auf den Tisch legte, stand der Souffleur starr vor Schreck und Staunen. Er wollte es erst gar nicht glauben, daß sie sein Eigenthum sein sollten, blos dafür, daß er einen Abend mit »Stelzhammer gekneipt«. Als es ihm dieser aber wieder und wieder versicherte und er sie in die Hand genommen und gewogen, und wieder auf den Tisch gelegt und sich noch einmal hatte bestätigen lassen, daß das fortan sein Eigenthum sei, da kannte seine Ausgelassenheit keine Grenzen.

Wie ein Rasender sprang er in der Stube herum, den Fez schleuderte er in die Ecke, ein Pantoffel flog da, einer dorthin, und das Haus dröhnte von seinen Jubelrufen, die dem Kriegsgeheul der Indianer nicht unähnlich waren.

Jeremias beruhigte ihn nur mit der größten Mühe, und als er sich endlich zufrieden gab, wollte er absolut in seine Kleider fahren, um mit seinem kleinen Wohlthäter, heute natürlich auf eigene Kosten, auszuprobiren, wo der beste Wein sei. Jeremias wußte aber recht gut, daß er ihn dann den ganzen Tag nicht wieder los würde, versprach ihm deshalb, wenn er es irgend möglich machen könne, in einer Stunde etwa wieder herauf zu kommen und ihn abzuholen, und eilte dann in das Hotel zurück, um von Rottacks Abschied zu nehmen.

In derselben Zeit, in der Mauser oben in seinem Zimmer fertig angezogen und mit einem schmählichen Durst saß und auf ihn wartete, fuhr Jeremias auf den Bahnhof hinaus und eine halbe Stunde später gen Haßburg.

33.
Die Werbung.

Jeremias hatte schon von dem böhmischen Dorf aus, wie er nur etwa die ungefähre Zeit seiner Rückkehr bestimmen konnte, nach Hause geschrieben, und lauter Jubel empfing ihn hier, denn Rebe war in der Zeit nicht müßig gewesen.

Director Krüger hatte seinen Contract contrasignirt, und wie er selber der Liebling des Publikums geworden, besserten sich auch seine pecuniären Verhältnisse.

In den vergangenen Monaten, wo er fast noch sparsamer gelebt als je, kaufte er von der jetzt ziemlich hohen Gage nach und nach, was er in der Wirthschaft brauchte. Jettchen's Aussteuer war ja schon von dem Vater reichlich bedacht worden, und Alles jetzt bereit, um die Trauung in der nächsten Zeit zu vollziehen. An demselben Sonntag, an dem Jeremias von seiner Reise zurückkehrte, wurden sie zum ersten Mal aufgeboten, und Jettchen fühlte sich selig in dem Gedanken, nun bald nicht mehr allein zu stehen und dem Geliebten ganz anzugehören.

So eifrig das Jeremias früher auch selber betrieben hatte, so niedergeschlagen zeigte er sich aber jetzt. Sein ganzer Humor schien ihn verlassen zu haben, und wenn er sich auch fast noch herzlicher und theilnehmender gegen Alle benahm, als bisher, so lag doch jedenfalls etwas auf seiner Seele, das er Niemandem anvertrauen mochte.

Anfangs drang Pfeffer in ihn, ihm zu sagen, was ihn drücke. Geldsorgen konnten das nicht sein, denn er schleppte Geschenke nach Geschenken für Jettchen in's Haus – aber was dann? Jeremias wich indeß allen Fragen aus, und man mußte ihn endlich seinen Weg gehen lassen.

So war die Zeit immer mehr herangerückt. Es war Freitag geworden, am Sonntag wurden die Brautleute zum letzten Mal aufgeboten und Montag sollte die Hochzeit sein.

Jeremias hatte bei Pfeffers zu Mittag gegessen, aber fast kein Wort dabei gesprochen. Nach dem Essen saß er auf dem Stuhl am Fenster, und Jettchen war gerade hinausgegangen, um den Kaffee herein zu holen.

»Was siehst Du mich so sonderbar an, Jeremias?« sagte Auguste. »Ich weiß gar nicht, wie Du heute bist.«

»Ich freue mich,« erwiderte der kleine Mann, aber mit ganz wehmüthiger Stimme, »daß es Dir wieder so gut geht, Auguste. Du hast Dich in der Zeit, wo wir in Böhmen steckten, merkwürdig erholt.«

»Wenn wir nur erst einmal herausbekommen könnten, was Sie in Böhmen gemacht haben,« rief Fräulein Bassini.

»Wahrscheinlich,« meinte Pfeffer, »wird's nicht die ganze Stadt wissen sollen, und deshalb erfährst Du's nicht.«

»Als ob ich nicht schweigen könnte!«

»So lange Du nichts weißt, gewiß. Aber 's ist wahr, die Guste hat sich merkwürdig in der Zeit erholt; das dank' ihr aber der Teufel, keine Sorgen mehr, gute Pflege – das schlägt an!«

Jeremias nickte freundlich. »Ja,« sagte er, »und ich kann Euch jetzt mit gutem Gewissen verlassen, denn für das Jettchen ist ja auch gesorgt.«

»Verlassen?« rief die Frau rasch. »Und willst Du wirklich wieder fort?«

»Ich muß, Auguste,« sagte der kleine Mann traurig. »Sieh, ich habe noch so viel da drüben zu besorgen, eine Menge Land, Colonien, die jetzt in fremden Händen sind und verwahrlost werden, wenn man nicht den Leuten dann und wann auf die Finger sieht. Auch Geld hab' ich noch drüben ausstehen, was ich nicht gern einbüßen möchte, und von dem Verkauf des Hotels weiß ich auch nicht einmal, ob die Raten alle richtig eingezahlt sind.«

»Hm,« brummte Pfeffer und schritt, den blauen Qualm ausblasend, in der Stube nachdenkend auf und ab. Aber Auguste sagte kein Wort; sie sah still und traurig vor sich nieder und seufzte tief auf.

»Und wann willst Du wieder fort, Jeremias?« fragte sie endlich so leise, daß er die Worte kaum verstehen konnte.

»Gleich nach der Hochzeit,« lautete die Antwort; »der Dampfer geht, glaub' ich, am Dreizehnten oder Fünfzehnten, und ich möchte noch ein paar Tage in Bordeaux bleiben, um dort Manches einzukaufen.«

»Der Vater will fort?« rief Jettchen erschreckt, die eben den Kaffee gebracht und die letzten Worte gehört hatte. »Um Gottes willen, nein, Vater, Du darfst uns jetzt nicht wieder verlassen!«

»Es muß sein, liebes Herz,« sagte der kleine Mann gerührt, während sie ihre Arme um ihn schlang, »es muß sein; gern thu' ich's ja auch nicht, das darfst Du mir wohl glauben, und ich – ich komme auch wohl bald wieder zurück, sobald ich mich losmachen kann drüben. Wo ist denn der Rebe eigentlich hin?«

»Er hatte etwas wegen seines Anzuges für morgen zu bestellen,« sagte Fräulein Bassini; »er muß gleich wiederkommen.«

»Und wie traurig wird Horatius sein,« sagte Jettchen, »wenn Du uns so bald wieder verläßt und Dich gar nicht mehr an unserem Glücke freust! Jetzt ist mir der ganze frohe Tag verdorben, denn ich werde ja doch nur immer an den Abschied denken.«

»Ich wollte Euch eigentlich gar nichts davon sagen,« bemerkte Jeremias kleinlaut, »bis dicht vor dem Abschied, aber es ging doch nicht an; es ist doch noch so Manches zu besprechen, und da – da bleibt's immer besser, man weiß es eine Weile vorher, daß man sich danach richten kann.«

»Und kannst Du die Geschichte da drüben denn gar nicht durch jemand Anders besorgen lassen?« fragte Pfeffer noch einmal, indem er vor ihm stehen blieb. »Du sagtest doch früher, Du hättest einen zuverlässigen Mann drüben.«

»Es geht nicht, Kinder, es muß sein,« schüttelte Jeremias mit dem Kopf; »'s thut mir selber leid genug, aber läßt sich eben nicht ändern, und, Du lieber Gott, das junge Volk braucht mich ja auch nicht mehr, die haben jetzt genug mit einander zu thun.«

»Und wir Alten?« sagte Pfeffer.

»Na, ich – ich hab' Euch ja doch jetzt einmal wieder gesehen und weiß, daß es Euch gut geht, und alles Andere – aber da kommt Rebe,« unterbrach er sich rasch, indem er seinen Hut nahm; »sagt's ihm nachher, wenn ich weg bin, ich möchte die Geschichte nicht noch einmal durcharbeiten. »Nun, wo haben Sie gesteckt, Rebe?« fragte er diesen, als er vor der Thür an ihm vorbei wollte. »Jettchen hat sich schon gesorgt, daß der Kaffee kalt würde.«

»Sie wollen fort?«

»Ich komme nachher wieder.«

»Dann gehen Sie doch einmal bei Rottacks vorbei, Herr Stelzhammer. Er begegnete mir vorhin auf der Straße und bat mich, Ihnen das auszurichten.«

»Sie sind zurück?«

»Seit heute früh. Eben ist auch die Nachricht eingetroffen, daß in dieser Nacht der alte Graf Monford gestorben sei; da draußen ist's jetzt recht öde geworden.«

»Du lieber Gott,« seufzte Jeremias, »also doch noch! Ja, da will ich gleich zu Rottacks gehen.«

Und Rebe freundlich zunickend, schritt er an ihm vorüber aus der Thür und die Treppe hinab.

Es war ihm recht weh und weich zu Sinn, aber die Anderen durften ja doch nichts davon merken, und sich tüchtig zusammennehmend, schritt er den kurzen Weg hinüber nach Rottack's Haus, wo er auf das Herzlichste begrüßt wurde. Er fand dort auch zu seiner Freude, daß sich Paula wieder so weit erholt hatte, um die Reise ungefährdet fortsetzen zu können. Nicht einmal die Dienerschaft im Hause wußte aber, wer die junge Fremde sei, die krank und verschleiert angekommen, und jede Möglichkeit eines Ausplauderns war dadurch abgeschnitten.

Jeremias wunderte sich freilich manchmal im Stillen, weshalb gerade Rottacks ein so aufopferndes Interesse an der jungen unglücklichen Comtesse nahmen, aber seine eigenen Pläne beschäftigten ihn doch auch zu sehr, um lange darüber nachzudenken, und danach gefragt hätte er überdies nie; was kümmerte das auch ihn, und er hatte Rottacks viel zu lieb, als ihnen einen andern Beweggrund zuzuschreiben, wie aufopfernde Freundschaft.

Dem jungen Grafen Rottack – Helene war bei der Kranken in ihrem eigenen Zimmer – entging aber dagegen nicht die auffallend gedrückte Stimmung seines kleinen Freundes, denn eine solche augenscheinliche Schwermuth war er nicht an ihm gewohnt. Er fragte ihn deshalb direct um die Ursache, und Jeremias gestand ihm denn nach einigem Zögern endlich mit einem gewaltsam heraufgezwungenen Humor, daß er wieder nach »Brumsilien« zurück wolle, um dort nach seinem Eigenthum zu sehen, und daß es ihm schwer werde, jetzt von hier fortzugehen.

»Aber haben Sie mir denn nicht selber gesagt,« fragte der junge Graf, »daß Ihnen Rohrland in Santa Clara Alles besorgt und daß Sie dem das Ganze übergeben hätten? Auf Rohrland können Sie sich doch fest verlassen.«

»Felsenfest,« bestätigte Jeremias, »besser als auf mich selber.«

»Und weshalb da die Reise, wenn Sie nicht gern gehen?«

»Herr Graf,« sagte Jeremias entschlossen und sah sich vorher wie scheu im Zimmer um, ob sie auch ganz allein wären, »ich – ich will Ihnen reinen Wein einschenken; ich muß Jemanden haben, mit dem ich einmal offen sprechen kann, es drückt mir sonst wahrhaftig das Herz ab.«

»Und daß Sie Keinen haben, Jeremias, der wärmeren Antheil an Ihnen nimmt, wissen Sie doch,« sagte der junge Graf herzlich. »Kann ich Ihnen mit etwas helfen, so reden Sie frei. Haben Sie vielleicht zu viel Ausgaben gehabt und brauchen Sie Geld? Heraus mit der Sprache, offen und ehrlich! Ich bin reich, und wo ich Ihnen helfen kann...«

Jeremias schüttelte den Kopf. »Das wär's nicht,« sagte er mit einer komischen Verlegenheit, »Geld wär' da, und wie ich zurückkam, fand ich sogar wieder einen Wechsel von Rohrland vor; ich habe mehr als ich brauche, oder doch vollkommen genug.«

»Aber was, um Gottes willen, kann Sie sonst so niederdrücken? Ihr Lieblingswunsch, die Verheirathung Ihrer Tochter mit dem jungen Rebe, ist seiner Verwirklichung nahe, Ihre Frau hat sich, wie Sie mir selber sagen, vollkommen wieder erholt und ist gesund, an Geld fehlt es Ihnen auch nicht – also an was sonst? Heraus mit der Sprache, Jeremias; Sie haben uns mit wahrer Aufopferung beigestanden, machen Sie mir jetzt auch die Freude, daß ich Ihnen helfen kann.«

Er hatte ihm dabei eine Cigarrenkiste und einen Stuhl hingeschoben, und Jeremias, sich immer noch verlegen beider bedienend, sagte: »Ja, sehen Sie, Herr Graf, das ist allerdings eine wunderliche Geschichte; es fehlt mir eigentlich an gar nichts, als – an der Hauptsache.«

»An der Hauptsache?«

»Sobald Jettchen geheirathet hat,« fuhr Jeremias fort, »so zieht selbstverständlich die Mutter zu den Kindern, und auch Pfeffer hat sich oben in dem Hause Stübchen und Kammer mit einer reizenden Aussicht gemiethet. Soll ich mich dann mutterseelenallein hier irgendwo als Junggeselle einquartieren und auf meine alten Tage da verloren sitzen?«

»Ja, aber weshalb ziehen Sie denn nicht zu Ihren Kindern?«

»Ich?« rief Jeremias ordentlich erschrocken. »Ja, aber das geht ja doch gerade nicht. Von meiner Frau bin ich geschieden, und so lange sie krank, elend und in Noth war, konnte kein Mensch etwas Übles darin sehen, wenn ich in dem Hause aus und ein ging. Jetzt aber, wo sie wieder rüstig und gesund ist und mir mein früheres nichtsnutziges Betragen vollständig vergeben hat, darf ich nicht in ein und dasselbe Haus mit ihr ziehen. Denken Sie nur, was die Leute darüber reden würden, und wo sie über Schauspieler oder was mit ihnen zusammenhängt losziehen können, thun sie's ja doch nur gar zu gern. So aber als Fremder hier zu wohnen, wo man eine Familie im Orte hat, das – hielt ich auf die Länge der Zeit nicht aus, und da ist's besser, ich gehe bei Zeiten.«

Die Unterhaltung zwischen Rottack und Jeremias stockte eine Weile, weil Letzterer schwieg; dann aber fragte Graf Rottack: »Also in Brasilien haben Sie wirklich nichts Wichtiges zu thun, nichts wenigstens, was Ihnen nicht Rohrland eben so gut besorgen könnte?«

»Gar nichts,« schüttelte Jeremias mit dem Kopf; »das war nur eine Ausrede, denn sagen kann ich's ihnen ja doch nicht.«

»Und Ihre Frau ist Ihnen wieder gut?«

»Es ist ein wahrer Engel von einer Frau, und ich fühle erst jetzt, was ich für ein Esel gewesen bin.«

»Dann erklären Sie mir aber auch Eins: weshalb lassen Sie sich nicht wieder mit Ihrer Frau trauen?«

»Hurrjeh,« rief Jeremias, von seinem Sitz emporfahrend, »das geht ja aber doch nicht; wir sind ja geschieden!«

»Aber lieber, bester Freund,« lachte Rottack, »warum geht denn das nicht? Ich kenne verschiedene Beispiele, daß sich früher geschiedene Gatten wieder haben trauen lassen. Sie sind ja Beide frei und unabhängig, und wer in aller Welt will Sie daran hindern oder könnte es Ihnen, wenn Sie Ihre Frau noch lieben, verdenken?«

»Und Sie glauben wirklich?« rief Jeremias, ganz verstört von all' den Gedanken, die ihm jetzt durch den Kopf schossen.

»Glauben – was soll ich glauben?« sagte der junge Graf. »Die Sache ist außer aller Frage. Sie erwerben sich dadurch ein Recht, für die Frau, der Sie einst ewige Treue versprochen und dann ein bischen gewissenlos durchgingen, auch in ihrem Alter zu sorgen und das, was sie gelitten, wieder an ihr gut zu machen; und seien Sie überzeugt, daß man es Ihnen überall sogar hoch anrechnen und Sie deshalb schätzen und lieben wird.«

»Ach, mein bester Herr Graf,« sagte Jeremias, indem er wieder in seinen Stuhl zurücksank, »das ist ja schon seit langen Monden mein Lieblingswunsch gewesen, schon wie Auguste noch krank war, um sie aller Sorge für das Kind zu entheben; aber – ich habe nie geglaubt, daß es möglich wäre, und dann – wenn ich es mir manchmal so dachte, fehlte es mir immer an der Courage, es ihr zu sagen.«

»Fehlt es Ihnen noch daran?« lächelte Rottack.

»Ja,« sagte Jeremias kleinlaut; »ich brächt's nicht über die Lippen.«

»Soll ich dann Ihren Freiwerber machen?«

»Sie – Sie wollten?«

»Und warum nicht? Trüg' ich doch nur dazu bei, einer braven Frau ihren braven Mann wiederzugeben, und wie glücklich werden die Ihrigen sein, wenn Sie sich nicht wieder von ihnen trennen wollen.«

»Ach Gott, ja, und ich auch,« seufzte Jeremias; »es war immer mein Lieblingswunsch gewesen, aber nur ganz im Stillen, mich an dem nämlichen Tag mit meiner seligen Frau – ach, Unsinn, das Wort kommt mir immer auf die Zunge – mit meiner geschiedenen Frau wieder trauen zu lassen, an welchem Jettchen Hochzeit machte.«

»Das wäre allerdings ein wenig rasch,« lachte Rottack, »und möchte Schwierigkeiten machen. Ihre Papiere haben Sie?«

»Alles in musterhafter Ordnung.«

»Brasilianischer Bürger dazu, hm, wir wollen einmal sehen. Aber erst müssen wir doch wohl mit Ihrer Frau sprechen.«

»Und Sie wollten das wirklich thun?«

»Hören Sie einmal, Jeremias,« sagte Graf Rottack, indem er aufstand und seinen Hut nahm. »Bleiben Sie einmal da sitzen. Das Sprüchwort sagt freilich: Gut Werk will Weile haben. Aber ich denke, ein gutes Werk kann man nicht zu bald thun. Da stehen die Cigarren, in den Caraffen dort auf dem Buffet steht Portwein und Sherry, wenn Sie in der Zeit einer Stärkung bedürfen sollten. In einer halben Stunde bringe ich Ihnen Antwort.«

»Ich trinke Ihnen indessen den ganzen Portwein aus,« sagte Jeremias.

Rottack lachte, nickte ihm zu und verließ das Haus. – –

Bei Pfeffers saß die Familie indessen noch in einer recht wehmüthigen Stimmung beisammen, denn Jeremias' eben angekündigter und so nahe bevorstehender Abschied lag Allen auf der Seele. Pfeffer selber ging mit immer größeren Schritten auf und ab und dampfte immer stärker; Fräulein Bassini strickte, als ob der Strumpf noch heute fertig werden müßte, und Rebe stand niedergeschlagen am Fenster, während Jettchen der Mutter Hand in der ihrigen hielt und ihr mit leisen Worten Trost zuflüsterte.

Da klopfte es an die Thür, und auf das etwas erstaunte »Herein!« Pfeffer's trat Graf Rottack in's Zimmer.

»Störe ich?«

»Herr Graf!« rief Pfeffer in einiger Verlegenheit, daß er schon wieder in seinem alten Schlafrock ertappt wurde. »Sie entschuldigen einen Augenblick!«

»Bitte, lassen Sie sich nicht stören!« rief Rottack. »Es ist eine Familienangelegenheit, in der ich komme. Verehrte Frau, ich freue mich herzlich, Sie dieses Mal so wohl und munter anzutreffen; Sie haben sich wirklich in der kurzen Zeit merkwürdig erholt. Mein liebes Fräulein, wenn auch verspätet, doch nicht minder herzlich ist mein Glückwunsch – oder eigentlich sollte man besonders Ihnen Glück wünschen, Herr Rebe, denn ich glaube, Sie sind am meisten zu beneiden. Ah, auch eine alte Bekannte, Fräulein Bassini, wenn ich nicht irre – aber bitte, wollen denn die Damen nicht Platz behalten? Und was für betrübte Gesichter sehe ich hier? Thränen in den Augen, mein Fräulein? Das schickt sich aber nicht für eine Braut!«

Fräulein Bassini, die, als der Graf eintrat, rasch ihren etwas sehr mitgenommenen Strickstrumpf bei Seite geschoben hatte und dann auf und nieder geknixt war, bis er sie anredete, rief jetzt: »Ach, Herr Graf, wenn Sie dem Jeremias nur zureden wollten, daß er nicht wieder nach Brasilien ginge!«

»Und sind Sie darüber so traurig?«

Die Frauen seufzten tief auf, als sich die Thür wieder öffnete und Pfeffer, der rasch hinausgefahren war, ohne Pfeife und in seinem unvermeidlichen langen braunen Rock erschien.

»Nun, Herr Graf, womit können wir Ihnen dienen?«

»Wir sprachen gerade über Jeremias' Abreise nach Brasilien,« sagte Graf Rottack lächelnd, »und da die Damen hier nicht damit einverstanden scheinen, kann ich Ihnen vielleicht einen Vorschlag zur Güte machen.«

»Sie?« rief Auguste rasch. »Oh, wenn Sie das über ihn vermöchten, Herr Graf, daß er hier bei uns bliebe! Ich weiß, er hält außerordentlich viel auf Sie.«

»Aber doch wohl nicht so viel, verehrte Frau,« lächelte der junge Graf, indem er den ihm von Rebe gebotenen Stuhl dankend nahm, »daß ich mehr über ihn vermöchte, als Sie, wenn Sie ihn schon darum gebeten haben.«

»Aber er sagt, er müsse zurück,« klagte Henriette, »seine Geschäfte und Ländereien zwängen ihn dazu.«

»Das ließe sich doch vielleicht arrangiren,« meinte Rottack. – »Ich danke, ich schnupfe nicht.« Und Pfeffer schob seine Dose ordentlich erschreckt wieder in die Tasche. – »Darüber hab' ich mit ihm gesprochen. Er kann mit leichter Mühe Alles brieflich abmachen; aber« – und sein Blick haftete dabei fest auf der Frau – »eine andere Sorge liegt ihm am Herzen, die er nicht den Muth hat auszusprechen.«

»Nicht den Muth?« rief Pfeffer. »Was in aller Welt kann das aber denn nur sein?«

»Er hat kein Logis in Haßburg,« sagte Rottack, wieder den Blick der Frau suchend.

»Kein Logis?« schrie Pfeffer. »Na, so schlage doch Gott den Deu – Bitte um Entschuldigung! Das geht über die Möglichkeit! Kein Logis?«

»Aber ich begreife den Vater nicht,« sagte auch Henriette; »das kann ihm doch unmöglich Sorge machen.«

»Er muß rein verrückt geworden sein!« rief Fräulein Bassini. »Ich wollte ihm genug Wohnungen in der Stadt verschaffen, um ein ganzes Regiment einzuquartieren.«

Rottack sah still und lächelnd vor sich nieder. »Und glauben Sie auch, verehrte Frau,« sagte er endlich, indem er zu Augusten aufsah, »daß ich ihm das zusagen darf?«

Ein paar Thränen glänzten in den Augen der Frau, ihre Wangen glühten, aber sie sagte leise: »Wenn er will – ich glaube es gewiß.«

»Ich danke Ihnen in seinem Namen!« rief Rottack, indem er aufsprang und ihr die Hand reichte. »Also werden wir von Ihrer Güte Gebrauch machen, mein gnädiges Fräulein.«

»Von meiner Güte?« rief Fräulein Bassini. »Ja, ich verstehe aber kein Wort davon!«

Henriette hatte ihre Mutter rasch und erstaunt angesehen; hohes Roth färbte auch ihre Wangen, aber jubelnd warf sie sich an der Mutter Brust, während Rebe auf Rottack zuging, seine Hand ergriff und sie herzlich schüttelte.

»Ja, aber Fürchtegott,« rief Fräulein Bassini, »begreifst Du etwas?«

»Und darf ich den Ausreißer herschicken?« fragte der junge Graf.

»Schicken Sie ihn,« sagte die Frau leise, »es kann ja Alles – Alles wieder gut werden!«

Rottack ging. Als aber kaum eine Viertelstunde später Jeremias zu ihnen in's Zimmer trat, als ihm Henriette schon an der Thür um den Hals fiel, und der kleine Mann, der vor Rührung kein Wort über die Lippen bringen konnte, auf seine verlassene Frau zuging und ihr die Hand entgegenstreckte, da lehnte sie die thränenbenetzte Wange an seine Brust und flüsterte bewegt: »Ich danke Dir für Deine treue Liebe, Jeremias!«

Und glücklichere Menschen waren wohl kaum an dem Tage in Haßburg versammelt, als in dem kleinen Raum, der diese hier umschloß.

Indessen aber war Rottack thätig. Er hatte in Haßburg in dem Ober-Bürgermeister der Stadt einen Jugendfreund und Studiengenossen seines Vaters gefunden und war mit ihm bekannt geworden. Diesem legte er die Sache vor und befürwortete eine rasche oder vielmehr augenblickliche Erledigung derselben, um es Jeremias zu ermöglichen, seinen Lieblingswunsch zu erfüllen und die Erneuerung seiner Trauung mit den Kindern zusammen zu feiern.

Es ging leichter, als er geglaubt hatte. Jeremias, als brasilianischer Bürger, brauchte keinen Heimathschein. Zufällig, traf es sich, daß heut Abend noch Rathssitzung war, wo das Gesuch vorgelegt werden konnte. Mit dem Geistlichen, einem liebenswürdigen und aufgeklärten Manne, ließ sich ebenfalls reden, von dem dreimaligen Aufgebot konnte dispensirt und dasselbe gleich morgen erlassen werden. Rottack erbot sich dabei, jede nur verlangte Bürgschaft zu leisten. Das Einzige, was Jeremias zu thun hatte, war, seine Papiere noch heut Abend vor sechs Uhr in des Bürgermeisters Haus zu bringen. Alles Andere ließ sich arrangiren.

Der alte Herr hatte auch in der That nicht zu viel versprochen. Wo der gute Wille ist, geht Alles; nur der nöthigen und nicht zu vermeidenden Form muß genügt werden, und am nächsten Montag machte Graf Rottack selber in der menschengedrängten Kirche, da Alle einer so merkwürdigen Trauung beiwohnen wollten, Jeremias' Brautführer.

Als der Zug fröhlicher Menschen aus der Kirche kam, begegneten sie dem großen, schwarz verhangenen und mit silbernen Stickereien bedeckten Leichenwagen der Stadt, der den alten Grafen Monford zu seiner letzten Ruhestätte führte. Nur ein einziger Wagen folgte, in dem die Gräfin, das Haupt mit einem dichten schwarzen Schleier bedeckt, saß.

Der alte Graf hatte es so, noch kurz vor seinem Tode, wo er wieder zur Besinnung kam, verlangt. Niemand weiter sollte ihm folgen, auch keine Leichenrede gehalten und bei dem Einsenken in die Gruft nur von vier Männerstimmen Mendelssohn's herrliches »Auf Wiedersehen« gesungen werden.

Rottack überlief ein ganz eigenes, eisiges Gefühl. Wie wunderbar zeigte sich hier die schwankende Laune des Glücks, denn das, was seinen Freunden hier Heil und Segen brachte, warf dort ein altes, edles Haus in Trümmer.

Und wie einsam, wie verlassen die arme Frau in ihrer Staatscarrosse saß – aber hatte sie es anders gewollt? Starr und eisern war sie ihre Bahn gewandelt, und jetzt bedeckte der Schleier freilich ihr Antlitz, aber Rottack war fest überzeugt, daß diese Züge unter dem Schleier auch ihre kalte Unerbittlichkeit gewahrt hatten und keine Thräne ihre Wange netzte.

Oh, hätte er die arme Gräfin weinen sehen!

34.
Schluß.

Die Hochzeit – die Beerdigung war vorüber, und während dort in der Stadt frohe, glückliche Menschen der Zukunft entgegen jubelten, fuhr die Trauer-Equipage, mit welcher die Gräfin allein ihrem Gatten das letzte Geleit gegeben, in das Schloß zurück, und die in schwarze Wolle vom Kopf bis zu Füßen gekleidete Frau – der Schleier aber noch immer das Gesicht verhüllend – schritt langsam, wie die Ahnfrau ihres Hauses, die Stufen hinauf, die in ihr Zimmer führten.

Sie hatte heute noch nichts gegessen. Der alte Haushofmeister brachte ihr selber auf einem großen silbernen Präsentirbrett einen Imbiß hinaus.

Sie schüttelte den Kopf und winkte mit der Hand, daß es fortgenommen würde.

So verbrachte sie den ganzen Tag. Sie saß in ihrem Stuhl am Fenster und blickte auf das vor ihr ausgebreitete Thal hinaus; sie sprach nicht, sie rührte sich nicht, und nur wenn sich ihr Jemand nahen wollte, winkte sie ihn fort. So saß sie die ganze Nacht, nur erst am nächsten Morgen warf sie sich, halb angekleidet, auf ihr Lager, und ihre Kammerfrau gerieth schon in Angst und Sorge, als sie um zwölf Uhr Mittags ihr Zimmer noch nicht wieder geöffnet hatte und Todtenstille darin herrschte. Aber sie brauchte nichts zu fürchten, die Gräfin lebte und war gesund, und was auch ihr Geist leiden mochte, ihr Körper unterlag dem Druck nicht.

Es war Nachmittag, als der Haushofmeister durch die Kammerfrau um die Kofferschlüssel bitten ließ, da die Frau Gräfin neulich bestimmt habe, daß sie gleich nach der Beisetzung ihres Gatten Haßburg verlassen wolle. Sie ließ ihm wieder sagen, es habe noch Zeit; sie sei noch nicht entschlossen, wann sie abreisen werde.

Er wollte selbst zu ihr, aber die Thür war wieder verschlossen, und erst gegen Abend wurde er beordert, der Frau das Diner hinauf zu schaffen.

Einer der Diener deckte den Tisch, der alte Haushofmeister bediente sie selber. Während sie aß, wurde kein Wort gesprochen. Als er abräumen wollte, sagte die Gräfin:

»Ihr habt mich heute nach den Kofferschlüsseln fragen lassen?«

»Ja, gnädige Frau Gräfin...«

»Dort liegen sie auf dem Tisch.«

»Wann gedenken Sie abzureisen?«

»Wahrscheinlich Ende der Woche – ich weiß es noch nicht. Ihr könnt Eure Sachen immer zurecht machen. Ich werde nur meine Kammerfrau und Euch mitnehmen, Hußmann.«

Der Haushofmeister erwiderte nichts – er hatte die Hände eben an einen der Präsentirteller gelegt, um ihn vom Tisch zu nehmen. Er blieb in der Stellung – endlich sagte er leise:

»Frau Gräfin, ich werde Sie bitten müssen, mich diesmal zu entschuldigen.«

»Zu entschuldigen? Weshalb?« sagte die Frau, deren Gedanken indessen schon weit abgeschweift gewesen.

»Von dem Mitreisen zu entschuldigen, Frau Gräfin,« sagte der alte Mann leise, aber entschlossen.

»Ihr wollt mich auch verlassen, Hußmann?« rief die Gräfin ordentlich erschreckt.

»Ich bin jetzt neunundvierzig Jahre in Ew. Gnaden Dienst, schon bei dem hochseligen Herrn Vater, dann bei Ihnen – ich werde alt, Frau Gräfin, ich kann meinem Dienst nicht mehr so vorstehen, wie ich wohl möchte, und – das Reisen vertrage ich gar nicht mehr. Ich könnte Ihnen unterwegs krank werden, und da ist's viel besser, ich – bitte Sie in Zeiten um meine Entlassung.«

Die Gräfin antwortete ihm nicht – still und regungslos, den Kopf in die Hand gestützt, saß sie am Tisch und starrte vor sich nieder. Der Haushofmeister stand noch immer in ehrfurchtsvoller Stellung neben ihr, eine Erwiderung erwartend.

Endlich winkte ihm die Herrin leise mit der Hand. »Es ist gut, Hußmann,« sagte sie, »ich will es mir überlegen. Ihr habt Euren freien Willen – geht jetzt, laßt mich allein, mir ist nicht recht wohl, ich muß Ruhe haben – geht doch nur!«

Sie sah auf, aber sie war schon allein. Der Haushofmeister hatte das Zimmer so geräuschlos verlassen, daß sie sein Gehen gar nicht bemerkt.

Wie die Stunden dahin schlichen und die Tage in dem öden Haus, und wie unheimlich selbst die Pracht das Ganze machte! Sammt, Silber, Seide und Marmor schienen des Elends ordentlich zu spotten, das jetzt heimisch in diesen Räumen geworden, und wie Schatten glitten die wenigen zurückbehaltenen Diener über die weichen Teppiche der Stuben, durch die kein Lichtstrahl mehr fiel, so dicht waren die Gardinen verhangen – wie ein Schatten selbst schlich die düstere Gestalt der Gräfin mit todbleichem Antlitz in den Sälen umher, die ihre einzige Heimath bildeten und doch keine Heimath mehr boten.

Eine Woche mochte fast nach der Beisetzung des Grafen vergangen sein. Die Gräfin hatte ihre Koffer noch nicht packen lassen, der alte Haushofmeister aber den erbetenen Abschied erhalten. Seine Familie lebte hier in Haßburg, und die Gräfin bat ihn nur, die Aufsicht über das Schloß in ihrer Abwesenheit so lange zu übernehmen, bis sie einen andern zuverlässigen Mann gefunden habe. Der Alte blieb also indessen als Castellan des Schlosses zurück. – Aber noch immer wurden keine Anstalten zum Reisen gemacht, wenn auch das Silbergeschirr und andere werthvolle Sachen schon lange gepackt und in die Stadt geschafft waren.

Da fuhr ein Wagen vor – seit lange der erste wieder vor dem öden Platz. Die Gräfin hatte ihn gehört und dem Geräusch, emporfahrend, gelauscht – dann fiel sie wieder in ihre alte Stellung zurück.

Ein Diener trat in's Zimmer und überreichte ihr eine Karte.

»Herr Graf Rottack wünscht der Frau Gräfin seinen Abschiedsbesuch zu machen – die Frau Gräfin Rottack ließe sich entschuldigen, sie fühle sich nicht wohl.«

Gräfin Monford zuckte zusammen, als sie den Namen hörte – wie unschlüssig hielt sie die Karte in der Hand, aber unwillkürlich fast machte der Arm eine abwehrende Bewegung.«

»Ich kann nicht – jetzt nicht – ich fühle mich nicht wohl.«

»Der Herr Graf sagte mir,« berichtete der Diener, »daß die gräfliche Familie morgen Haßburg verlassen würde.«

Die Gräfin blieb regungslos mehrere Secunden, aber wieder winkte sie abwehrend mit der Hand.

Der Diener verließ das Zimmer, und gleich darauf rollte der Wagen wieder fort; in ihren Stuhl aber sank die Gräfin und deckte ihr Antlitz mit den Händen. – –

Graf Rottack kehrte in seinem Cabriolet, das er selber fuhr, nach Hause zurück. Schon vorher hatte er von Jeremias' jetzt glücklicher Familie Abschied genommen, alle anderen Abschiedsbesuche waren ebenfalls gemacht, und es band ihn nichts mehr an Haßburg, da er die Aufsicht über sein Haus, bis er zurückkehrte, seinem kleinen brasilianischen Freund übergeben.

Er war sehr langsam gefahren und sah ernst und niedergeschlagen aus. Seine arme Helene! Wie hatte sie die Zeit ihres Aufenthalts in Haßburg, wie der Mutter Liebe ersehnt, und wie trüb', wie furchtbar mußte sich da Alles gerade in dieser Zeit gestalten! Aber er brauchte sich selber keine Vorwürfe zu machen. Er hatte gethan, was in seinen Kräften stand, und kein mögliches Mittel unversucht gelassen, um das eiserne Herz der Frau zu erweichen. Es war Alles umsonst gewesen; nicht einmal die unglückliche Paula durfte es wagen, ihr zu nahen, wenigstens jetzt noch nicht, denn ihr Körper war so geschwächt, daß er die kalte Zurückstoßung der Mutter nicht ertragen hätte. So mußte es denn der Alles lindernden Zeit überlassen bleiben, auch diese Wunde zu heilen, auch diese starre Brust zur Sühnung zu stimmen, und für Helene und Paula hoffte jetzt Rottack in einem fremden Land – wenn nicht Vergessen des Unabänderlichen, doch Zerstreuung zu finden. Beide waren ja noch jung, und eine schöne Natur, fremde Scenen und Bilder würden gewiß nicht ihren Eindruck auf ihre Herzen verfehlen.

Nur jetzt fort von hier – der letzte Versuch war gemacht, das Letzte abgeschüttelt, und er konnte die Zeit der Abreise kaum erwarten.

Es dämmerte schon, als er in seine Wohnung zurückkehrte. Paula und Helene saßen, seiner harrend, im Salon, der aber auch freilich schon die Spuren bevorstehender Abreise zeigte.

»Und hast Du sie gesprochen?« rief ihm Helene mit bebender Stimme entgegen, als er den Saal betrat, und auch Paula's Blick hing angstvoll an seinen Zügen.

Felix schüttelte langsam den Kopf. »Nein,« sagte er leise – »es ist umsonst. In ihrem Herzen ist kein verwundbarer Punkt, und so stolz und unerbittlich sie im Glück war, so kalt und so verschlossen hat das Unglück sie erhalten. So, fort denn mit allen Plänen und Hoffnungen, Kinder! Morgen früh ziehen wir hinaus in die weite Welt, und draußen im Sonnenlicht und der freien, herrlichen Natur mag ein neues Leben seine Pforten für Euch öffnen.«

»Und wollen Sie die arme Waise mit sich nehmen, Graf Rottack?« sagte Paula gerührt – »oh, womit habe ich das verdient?«

»Meine liebe Paula,« lächelte Felix, »Helene hat Sie als Schwester adoptirt, und da müssen Sie es sich schon gefallen lassen, mir auch eine freundliche und liebevolle Schwägerin zu sein – aber als solche gehören Sie doch jedenfalls mit zur Familie.«

»Und was wäre ohne Sie aus mir geworden?«

»Die Zeit ist vorbei, meine beste Paula,« rief Felix, »bannen Sie die trüben Gedanken. Das Leben hat noch manchen sonnigen Tag für Sie!«

»Für mich?« sagte Paula, traurig mit dem Kopf schüttelnd, »der Bruder und Vater todt – von der Mutter verstoßen – nur trübe Schatten liegen auf meiner Bahn. Aber Gott lohne Euch Beiden tausendfach die Liebe, die Ihr mir entgegenbrachtet, und je unerklärlicher es mir ist, daß Ihr das arme, verlassene Mädchen an Eure Herzen ziehen konntet, so viel mehr Dank schulde ich Euch dafür.«

»Meine Paula, meine Schwester,« rief Helene, und schloß sie in ihre Arme. Rottack aber, der diese Scene um jeden Preis abzukürzen wünschte, weil er fürchtete, daß die noch immer nicht vollkommen Genesene sich zu sehr aufregen möchte, rief dazwischen:

»Nun muß ich Sie aber darauf aufmerksam machen, meine Damen, daß der Zug morgen früh um halb zehn Uhr geht und Damen gewöhnlich eine Masse von zu packenden Gegenständen bis zum letzten Augenblick aufheben. Ich bitte Sie dringend, hiervon diesmal eine Ausnahme, und heut Abend wo möglich noch Alles fertig zu machen, was irgend fertig gemacht werden kann.«

»Ja, Herz,« sagte Helene, »Felix hat Recht – komm, ich helfe Dir, daß sich unser gestrenger Herr und Gebieter morgen nicht zu beklagen hat, oder uns vorwerfen kann, wir wären lässig gewesen. Komm, Paula, und nun nicht mehr weinen,« fuhr sie fort, der Trauernden die Thränen mit ihrem eigenen Tuch von den Augen wischend, »Du mußt hübsch folgen und brav sein,« und ihren Arm um sie schlagend, führte sie die Schwester in ihr Zimmer hinüber.

Felix blieb allein im Saale. Er hatte sich eine Cigarre angezündet und ging eine Weile sinnend auf und ab. Es war indessen völlig dunkel geworden, aber er klingelte noch nicht nach Licht – er merkte es gar nicht. Mit seinen Gedanken war er wieder in Brasilien. Wie wunderbar sich Alles gestaltet hatte – heute gerade wieder der Jahrestag seines Abschieds von Santa Clara, wo er zu jener Frau in's Zimmer trat und sie zwang, ihm das Couvert für Helene zu geben! Welche Hoffnungen hatten sich daran geknüpft – wie hatte Helene die Zeit herbeigesehnt, in der sie ihrer Mutter in die Arme fliegen könne, und jetzt? Alles vorbei. Wieder standen, wie damals, die Koffer gepackt, aber nicht mehr der Heimath strebten sie entgegen, die Heimath gerade wollten sie eben fliehen.

Der Diener kam mit Licht, und Rottack erschrak ordentlich, als der helle Glanz sein Auge traf; aber er duldete es und warf sich, die Gedanken abschüttelnd, in einen Fauteuil, um die den Nachmittag eingetroffenen Zeitungen zu durchfliegen.

Eine Stunde mochte er so gesessen haben, als Helene zurückkehrte und, ihren Arm um ihn legend, seine Stirn küßte.

»Ist Paula ruhiger?«

»Ja, Felix; sie hat sich erst drüben noch einmal ordentlich ausgeweint, denn auf Deinen heutigen Besuch schien sie doch noch im Stillen wohl eine letzte Hoffnung aufgebaut zu haben. Jetzt ist es vorbei und überstanden, und sie sehnt sich nun selber weg von Haßburg mit seinen furchtbaren Erinnerungen.«

»Wunderbar,« sagte Felix, »wie fast Alles, was mit dieser entsetzlichen Katastrophe zusammenhing, todt und dahin ist. Da lese ich eben in der Zeitung, daß Hubert, Graf von Bolten, vor wenigen Tagen in Österreich beim Zureiten eines wilden, störrischen Pferdes von diesem abgeschleudert, geschleift und todt nach Hause getragen wurde.«

»Es war ein wilder, übermüthiger Mensch.«

»Jetzt ist er ruhig,« sagte Felix leise – »aber wo ist Paula? Laß sie nicht so lange allein, Herz – ihre trüben Gedanken kommen wieder. Denke, was das arme Kind verloren hat!«

»Was ich verloren habe,« flüsterte Helene, die Stirn auf des Gatten Haupt lehnend.

Draußen im Vorsaal hatte einer der Diener eben das Theegeschirr herausgebracht und auf einen Tisch gestellt, um es der Herrschaft hinein zu tragen, als sich die Hausthür öffnete und eine schwarz gekleidete Dame, das Gesicht verschleiert, eintrat.

»Ist Deine Herrschaft zu Hause?«

»Ja, gnädige Frau,« sagte der Diener, über die plötzliche, eigenthümliche Erscheinung fast erschreckt, »wen habe ich die Ehre zu melden?«

»Niemanden,« sagte die hohe, stattliche Frau, aber mit fast tonloser Stimme, »ich werde mich selber melden.«

»Bitte um Verzeihung, ich...« wollte der Diener einwenden, aber eine gebietende Bewegung der verschleierten Dame, die ihm wie eine Erscheinung vorkam, scheuchte ihn zurück, und diese schritt jetzt selbst auf die Thür zu und öffnete sie.

»Meine Helene,« rief Felix, das Antlitz zu der Gattin emporhebend und ihrem Kuß begegnend, »mein liebes, süßes Herz, vertraue auf die Zeit, die auch Dir das Verlorene bringen kann!«

Die Thür öffnete sich, eine schwarz gekleidete Gestalt stand auf der Schwelle. Felix hatte das Geräusch gehört und wandte den Kopf dorthin. Er fuhr überrascht in seinem Stuhl empor. Eine Dame – unangemeldet Abends in seinem Zimmer?

»Was ist das?« flüsterte Helene.

Die Fremde schlug den Schleier zurück, und ein bleiches Antlitz starrte daraus hervor.

»Gräfin Monford!« schrie Felix, von seinem Stuhl emporspringend.

»Meine Mutter!« flüsterte Helene und mußte sich an der Stuhllehne anhalten, um nicht umzusinken.

Die Gräfin sprach kein Wort. Schweigend drückte sie die Thür hinter sich in's Schloß und trat dem Tisch näher. Dort blieb sie stehen; aber jede Spur von Stolz war aus den bleichen Zügen gewichen, in die der Gram seine tiefen Furchen gegraben, und die rechte Hand langsam gegen die Tochter ausstreckend, sagte sie mit leiser, kaum hörbarer Stimme: »Helene!«

»Meine Mutter!« wiederholte Helene; aber nur wie ein Hauch quollen die Worte über ihre Lippen. Sie rührte sich nicht, keine Bewegung machte sie, dem Anruf zu begegnen.

»Helene, kennst Du Deine Mutter nicht mehr?« sagte die Gräfin aber so weich, so bittend.

Felix sah staunend seine Frau an; aber sie rührte sich nicht. Ihre ganze Gestalt bebte, ihr Antlitz war fast noch bleicher geworden, als das der Mutter; aber während sie krampfhaft die Lehne des neben ihr stehenden Stuhls gefaßt hielt, sagte sie mit fester Stimme:

»Und wo ist Deine Tochter Paula, Mutter?«

Die Gräfin barg ihr Antlitz in den Händen und stand regungslos; aber plötzlich fuhr sie empor: