3.
Das Rendezvous.
Mild und erwärmend lag die Nachmittagssonne auf dem schönen Land und warf einen ordentlich magischen Schein über die rothblinkenden Stämme eines Tannenwaldes, der, dunkel und dicht gedrängt, die nächste Hügelkette deckte, und über das breite, wohlgepflegte Wiesenthal, das sich am Fuße desselben hinzog. Ein kleiner, schmaler Fluß schlängelte sich hindurch, helle Weidenbäume mit ihrem graugrünen Laube faßten ihn ein, während einzelne hochstämmige Erlen mit den knotigen, oft behackten Stämmen dazwischen standen und malerische Gruppen bildeten. Der Fluß aber sprang murmelnd und rasch zwischen ihnen hin und warf die Sonnenstrahlen wie spielend in blitzenden Lichtern zurück.
Seitwärts aber erhob sich ein kleiner, sorgfältig mit Blüthenbüschen bepflanzter Hügel, aus dessen Strauch- und Baumwerk, von einzelnen schlanken italienischen Pappeln überragt, die Mauern eines stattlichen Schlosses oder Herrenhauses hervorleuchteten, während rechts durch einen tiefen Einschnitt der Hügelkette die Ziegeldächer von Haßburg und der eine Thurm des Domes sichtbar wurden.
In dem Wiesenthale selber, bald dicht am Ufer des kleinen Flusses, bald mitten darin, lagen zerstreute Gruppen von Birken, knorrigen Eichen, Linden und Blutbuchen, als ob sie der Zufall dort hätte keimen lassen. In der That aber waren sie künstlich angelegt und gepflegt, und dienten auch nur dazu, um der ganzen Gegend etwas Parkähnliches zu geben, ohne ihr jedoch den Charakter ihrer ursprünglichen Natürlichkeit zu nehmen.
Der ganze District war auch in der That nur ein erweiterter Theil des unmittelbar an das Schloß stoßenden Gartens, und ein schmaler, aber gut gehaltener und mit Kies überstreuter Fahr- und Reitweg lief, den Windungen des Wassers folgend, auf das Schloß zu. Das Ganze wurde durch einen leichten, grün angestrichenen Drahtzaun eingeschlossen, der aber von Weitem gar nicht sichtbar war und dadurch dem Parke nur noch mehr das Ansehen einer freien Landschaft ließ.
Menschen waren nirgends zu erkennen, nur unten am Fluß, wo das Hochwasser die Uferbank so ausgewaschen hatte, daß die das Erdreich zusammenhaltenden Wurzeln einer uralten Erle fast eine Art von Dach bildeten, kauerte ein Mensch neben einem hier durch die Strömung gewühlten Wasserloch und angelte.
Ob er ein Recht dazu hatte? Es schien kaum so, denn Alles verrieth weit eher, daß er sich hier auf verbotenem Grund oder doch jedenfalls bei einer verbotenen Beschäftigung befand. Er benutzte eine höchst sinnreich so gefertigte Angelruthe, daß sie, wenn er sie zusammenschob, genau in seinen alten Eichstock paßte und durch die unten angeschraubte Zwinge dann vollkommen abgeschlossen und versteckt wurde, und hatte dabei eine alte, abgenutzte, lederne Jagdtasche umgehängt, in welcher auch jedenfalls sein übriges Angelgeräth stak, denn draußen war nichts weiter davon zu bemerken.
Der ganze Bursche sah überhaupt alt und abgenutzt aus. Er trug einen fadenscheinigen, grauen Rock mit fettigem Kragen, alte lederne Gamaschen und derbe Schuhe, auf dem Kopfe eine abgegriffene, graue Mütze, und eine baumwollene Weste, wie sie die ärmsten Bauern zu tragen pflegen. Er schien dabei auch nicht mehr jung; das unter der Mütze hervorquellende Haar war, wenn nicht ganz weiß, doch stark gesprenkelt. Nur der kleine, struppige Schnurrbart, der nicht zu seinem Vortheil Spuren von Schnupftabak zeigte, war völlig weiß, was sich leider nicht von seiner Wäsche sagen ließ, und trotzdem sah der Mensch aus, als ob er schon einmal bessere Tage gesehen hätte, mochte er jetzt auch noch so arg heruntergekommen sein. Seine Stirn war hoch und gewölbt, und das kleine, graue, lebendige Auge konnte, wenn es nicht scheu umherblickte, oft recht trotzig unter den buschigen Brauen hervorleuchten.
In seiner, ob nun hier erlaubten oder verbotenen Kunst schien er übrigens gar nicht so ungeschickt, denn in der kurzen dort verbrachten Zeit hatte er schon zwei mehr als halbpfündige Forellen aus dem fischreichen Strom herausgeworfen, ihnen dann augenblicklich mit einem alten, abgenutzten, aber haarscharfen Genickfänger den Kopf durchstochen und sie, also abgeschlachtet, in seinen Ranzen geschoben.
Übrigens zeigte er wenig Furcht bei seiner Beschäftigung, so versteckt er sie auch trieb; er qualmte aus einer kleinen, kurzen Pfeife mit einem Maserkopf und einer Spitze, die jedem andern Menschen das Rauchen hätte für Lebenszeit verleiden können, und hob nur selten einmal und nur dann, wenn er wieder einen Fisch gefangen, den Kopf, um über den Wiesenrand in den Park hinaus zu sehen. Aber er hatte auch einen Wächter.
Oben unter der Erle saß ein kleiner Spitz, so alt und ruppig und grau gesprenkelt wie sein Herr, ein Auge geschlossen, als ob er auf der Seite schliefe, während das andere aufmerksam bald da, bald dort hinüberflog, und so regungslos, als ob er zu den Wurzeln, zwischen denen er kauerte, gehörte. Der alte Fischer war auch völlig unbesorgt, denn er wußte recht gut, daß ihm das kleine pfiffige Thier das Nahen irgend eines Menschen augenblicklich anzeigen würde – war es doch darauf dressirt.
Übrigens hatte der Alte ein Recht, sich hier im Park aufzuhalten, denn sein angebliches Geschäft war, die Maulwürfe aus den Wiesen wegzufangen, worin er eine ganz besondere Geschicklichkeit besaß. Auch in der Gegend, in welcher er seit etwa drei Jahren sein Wesen trieb, war er bekannt genug, und das Volk nannte ihn kurzweg den »Maulwurfsfänger«. Sodann führte er auch Gift für Ratten und Mäuse bei sich, wußte Mittel gegen jedes andere Ungeziefer, und die Bauern in der Umgegend ließen es sich außerdem nicht nehmen, daß er »mehr verstehe, als Brod essen«, das heißt, daß er auch mit übernatürlichen Dingen Gemeinschaft pflege und in einer Anzahl von »schwarzen Künsten« erfahren sei, die er, wenn er wolle, sowohl zum Nutzen wie zum Schaden seiner Mitmenschen benutzen könne.
Der gräfliche Revierförster, welcher den Maulwurfsfänger vielleicht schon deshalb haßte, weil ihn dieser immer spöttisch »Herr College« nannte, kam der Sache jedenfalls näher, wenn er den Menschen für einen ganz durchtriebenen Burschen hielt, der sich eben so wenig ein Gewissen daraus gemacht hätte, eine Schlinge für einen Maulwurf wie für einen Hasen oder für ein Reh zu legen; wenigstens hatte er schon einige von diesen angetroffen, ohne aber je dem Thäter auf die Spur zu kommen. War es der »alte Fritz«, wie der Bursche in der Nachbarschaft allgemein mit seinem Vornamen hieß, wirklich gewesen, so wußte er es viel zu schlau anzustellen, als sich von einem der Beamten erwischen zu lassen, und da man ihm in der That keine ungesetzliche Handlung nachweisen konnte, gab Graf Monford, dem diese Besitzung gehörte, auch dem Drängen seines Försters nicht nach, dem verdächtigen Gesellen das Betreten des herrschaftlichen Bodens zu verbieten. Er solle nur ordentlich aufpassen, erwiderte er stets dem Förster, und wenn er ihn je einmal ertappe, sei es noch immer Zeit ihn fortzujagen, früher nicht.
Eine Stunde mochte der Mann etwa so unter der alten Erle gesessen und geangelt haben, und hatte eben wieder einen starken Fisch herausgebracht, als der Spitz oben leise knurrte.
»Bravo, mein Hundchen,« lachte der Alte vor sich hin, »und gerade zur rechten Zeit, denn dem Platz hier muß ich doch jetzt ein paar Tage Ruhe geben.«
Mit diesen Worten schlachtete er seine zappelnde Beute ab, schob sie zu den Übrigen in den Ranzen, vertilgte dann rasch soviel als möglich alle Spuren, die da unten seine Beschäftigung hätten verrathen können, und richtete sich vorsichtig in die Höhe. Er brauchte auch nicht lange umher zu suchen, von welcher Seite Jemand nahe, denn der Kopf seines klugen Hundes gab ihm dafür die genaue Richtung an, und dort hinüber sehend, erkannte er bald, daß er von diesem Störenfried nichts zu fürchten habe.
Es war ein sehr elegant, fast etwas auffällig gekleideter Herr, eine Persönlichkeit wie aus einem Modejournal herausgeschnitten, mit sorgfältig gepflegten Locken, kleinem, sehr zierlichem Schnurrbart, Glanzstiefeln, kurz Allem, was dazu gehört. Was sich aber nicht gehörte, war, daß er nicht auf dem Wege her, wo die Thür lag, sondern quer über die Wiese kam, also jedenfalls über den Drahtzaun gestiegen sein mußte. Eben so wenig schien er auf einem gleichgültigen Spaziergang begriffen, sondern weit eher Jemanden zu suchen oder zu erwarten. Dem schlauen Maulwurfsfänger konnte es wenigstens nicht entgehen, daß er sich vorsichtig nach allen Seiten umsah und seine Richtung so über die Wiese nahm, um fortwährend durch die Büsche und Baumgruppen gegen einen Blick von den oberen Schloßfenstern gedeckt zu bleiben.
»Spitz, komm 'runter,« flüsterte der Alte jetzt seinem Hunde zu, denn er hatte seinen Plan geändert, das Versteck zu verlassen, und schien vor der Hand einmal abwarten zu wollen, was der fremde Herr hier im Schilde führe. Möglich auch, daß er selber nicht von ihm gesehen zu werden und deshalb nur noch seine Zeit abzupassen wünschte, um ihn erst hinter die eine oder die andere Baumgruppe zu lassen – und doch war wohl hier nur sehr wenig Gefahr vorhanden, daß der feine Stutzer ihn verrathen oder selbst nur ahnen konnte, was er da getrieben.
Der Spitz gehorchte übrigens augenblicklich. Wie ein Fuchs drückte er sich auf den Boden und kroch dicht an den Wurzeln der Erle hin bis hinter den Stamm, von wo er auf das unmittelbare Flußufer hinabsprang. Hier allerdings schnüffelte er erst einmal nach den, wenn auch vertilgten Blutspuren der abgeschlachteten Fische hin; dann drehte er sich ein paar Mal im Sande herum, bis er die richtige Stellung gefunden hatte, und legte sich zusammengerollt ruhig nieder. Er wußte, daß seine Dienste vor der Hand nicht weiter in Anspruch genommen wurden.
Der Maulwurfsfänger hatte indessen, ohne weitere Notiz von seinem Hund zu nehmen – das Kinn auf die zusammengestellten Fäuste gestützt – die Bewegungen des Nahenden über die Uferbank hin eine ganze Weile beobachtet. Er wußte dabei recht gut, daß er selber nicht gesehen werden konnte, denn seine graue Mütze und sein graues Haar verschwanden auf die Entfernung völlig in der Erdfarbe des Bodens. Plötzlich aber stahl sich ein grimmes Lächeln über seine Züge, denn vom Schloß herunter entdeckte er durch die Büsche ein lichtes Frauenkleid, das mit dem Besuche augenscheinlich in Zusammenhang stand.
Der Alte hatte nun allerdings vortreffliche Augen, schien sich aber hier doch nicht allein auf diese verlassen zu wollen, sondern griff in die Brusttasche und holte von dort ein kleines Teleskop hervor, das er auseinander zog und auf die nahende Dame richtete. Nur wenige Secunden sah er aber aufmerksam hindurch, als er auch schon leise vor sich hin pfiff und dann lachend murmelte:
»Sieh, sieh, sieh, Comtesse Paula, auch schon auf der Jagd, und noch dazu, wie es scheint, auf verbotenem Wilddiebstahl – was man doch nicht Alles erlebt, wenn man alt wird! Und wer zum Henker ist denn nur der feine Herr, der nicht offen in's Schloß kommen darf, sondern hinten herum über die Zäune steigen muß, um von der verbotenen Frucht zu naschen? Hm, das Gesicht kenne ich nicht,« setzte er leise hinzu, als er das Glas dort hinüber gerichtet hatte. »Geschniegelt und gebügelt genug sieht er aus, um da oben hinein in die Gesellschaft zu passen, mit goldenen Ketten und Ringen und allem möglichen Firlefanz; wird ihm aber wohl am Besten fehlen, am alten Adel. Ja, mein Schatz, da mußt Du Dir freilich die Graupen nach der jungen Gräfin Monford vergehen lassen, oder...«
Er brach kurz ab, drehte sich um, kauerte sich wieder am Wasser nieder und starrte wie in alte Erinnerungen versunken auf die blitzende Fläche, aber ein höhnisches, ordentlich unheimliches Lächeln zuckte um seine Lippen.
»Puh,« sagte er endlich und blies den Qualm seiner Pfeife in einer dichten Wolke von sich, »es giebt nichts Neues mehr auf der Welt, Alles schon da gewesen, Alles; wird ordentlich langweilig, hier oben noch länger herum zu trampen. Komm, Spitz, wir wollen machen, daß wir nach Hause kommen, was geht's uns Beide an?«
Damit schob er seine Angelruthe wieder sorgfältig zusammen und schraubte die Zwinge fest. Der Spitz hatte sich aufgerichtet und benutzte die ihm gegönnte freie Zeit, um sich erst hier unten am Wasser noch ein paar übrige Flöhe abzukratzen. Sein Herr sah indessen noch einmal über die Uferbank, ohne jedoch das Teleskop mehr zu Hülfe zu nehmen.
Die jungen Leute hatten sich richtig gefunden; die Dame lehnte im Arm des Fremden, das Haupt an seiner Brust, und während er sie mit dem rechten Arm unterstützte, führte er sie auf einem der kleinen Pfade hin, die sich durch die verschiedenen Baumgruppen schlängelten. Dort drinnen ließ sich von hier aus nicht einmal mehr das lichte Kleid der Dame erkennen, und der Maulwurfsfänger faßte ohne Weiteres seinen daran schon gewöhnten Hund auf, hob ihn in die Höhe, warf ihn auf die Uferbank und kletterte ihm dann selber nach, um in die Stadt, wo er seine Wohnung hatte, zurückzukehren.
Er hielt aber dabei eben so wenig den Pfad, wie der junge Herr vorher, sondern schlenderte, von dem Hunde gefolgt, der Schwanz und Ohren hängen ließ, als ob er nicht Drei zählen könnte, quer über die Wiese, und zwar gerade dem Bosquet zu, in welchem die beiden Liebenden verschwunden waren. Er that das aber nicht etwa aus Neugierde, sondern sein nächster Weg lag gerade dort hindurch, und er hielt sich auch nicht einmal mehr im Gehen auf. Nur den Blick warf er, auch mehr aus alter Gewohnheit, suchend umher; aber von dem Pärchen war nichts mehr zu erkennen, und bald darauf betrat er wieder die Wiese, die ihn unten am Schloßberg hin zu dem Hauptfahrweg führte.
Kurz vorher, ehe er diesen erreichte, bemerkte er die gräfliche Equipage, welche aus der Stadt heraufgefahren kam. Er blieb oben auf dem etwas höheren Rasenrand stehen und zog, während wieder das alte spöttische Lächeln um seine Lippen zuckte, mit fast übertriebener Ehrfurcht die Mütze vor den Herrschaften.
Der Graf, ohne mehr als einen flüchtigen Blick nach ihm hinüber zu werfen, dankte durch ein leises Kopfnicken; die Gräfin beachtete ihn gar nicht.
»Ganz unterthänigster und gehorsamster Diener, meine verehrten gräflichen Herrschaften,« spottete indeß der Maulwurfsfänger hinter ihnen her und hielt noch immer die abgezogene Mütze in der Hand; »wünsche eine recht angenehme Fahrt und besonders viel Glück zu dem neuen geheimnißvollen Schwiegersohn des edlen, unbefleckten gräflichen Stammbaumes! Hahahahaha,« lachte er dann toll und lustig auf, indem er die Mütze wieder auf den Kopf stülpte, »ob es denn nicht rein zum Todtschießen ist, wenn man die hochnasige Grethe da im Wagen sitzen sieht und dann zurückdenkt, wie – hei, lustig, Maulwurfsfänger, Kammerjäger! heute wollen wir da unten auch eine gräfliche Mahlzeit halten, zur Erinnerung an die alten Zeiten, und auf die Gesundheit des fidelen Brautpaares eine Flasche guten Weins leeren; habe so lange keinen gekostet – hurrah!«
Damit faßte er seinen durch die Fische beschwerten Ranzen mit der linken Hand, sprang auf den Fahrweg und verfolgte von jetzt an rasch seinen Weg nach Haßburg hinab. –
»Und so lange habe ich Deine süßen, lieben Augen nicht küssen dürfen, meine Paula,« klagte indessen der junge Mann, den der Maulwurfsfänger in den Park hatte schleichen sehen, indem er das junge, schüchterne Mädchen an sich zog und wieder und wieder ihre Stirn und Augen küßte.
»Ach, Rudolph,« seufzte Paula, die immer noch scheu den Blick umherwarf, ob sie nicht von irgend einem Lauscher bemerkt werden könnten, »nur auf Minuten war ich im Stande, mich wegzustehlen, denn Du glaubst nicht, wie mich diese alte, häßliche Gouvernante, die sie jetzt meine Gesellschafterin nennen, quält und peinigt. Eine schöne Gesellschafterin, nicht einmal Raum, an Dich zu denken, läßt sie mir den langen Tag mit ihren ewigen Gesprächen und Büchern, mit ihrer Musik und ihren alten, langweiligen Classikern.«
»Mein armes, armes Kind!« rief Rudolph feurig aus; »aber die Zeit wird ja auch kommen, wo wir uns vor der Welt angehören dürfen, Deine Eltern...«
»Ach, Rudolph,« seufzte das arme Mädchen unter Thränen, »hoffe nicht auf die; nur eine Andeutung machte ich neulich, daß ich glaubte, ich könne auch mit einem Manne glücklich werden, der von geringerem Stande sei, als ich, und meine Mutter gerieth außer sich – ich fürchte Alles!«
»Und ich fürchte nichts,« rief der junge Mann, eigentlich mit etwas zu viel Pathos, »nichts, als die Grenzen Deiner Liebe; laß auch Hindernisse wie Gebirge zwischen uns treten, ich will sie für Treppen nehmen und darüber hin in Louisens Arme fliegen!«
»In Louisens?« sagte das junge Mädchen erschreckt.
»In Deine, mein Herz,« lächelte ihr Geliebter; »kennst Du die wunderbar schöne Stelle aus Kabale und Liebe denn nicht?«
»Ach, Rudolph, mir ist das Herz so schwer; was kann ich gegen den Willen der Eltern thun?«
»Ha, laß doch sehen,« declamirte Rudolph weiter, »ob ihr Adelsbrief älter ist, als der Riß zum unendlichen Weltall; wer kann den Bund zweier Herzen lösen oder die Töne eines Accords auseinander reißen!«
»Aber Du weißt nicht, Rudolph, wie entsetzlich streng die Eltern sein können, wo es, wie sie glauben, die Ehre ihres Hauses gilt; mein Wort verhallt da ohne Klang.«
»So flieh mit mir, Geliebte,« drängte Jener; »was nützt uns Glanz und Pracht, wenn unsere Herzen verbluten? Meine Kunst ernährt uns, wohin wir den Fuß wenden. Dem Namen Handor jauchzt die ganze Künstlerwelt entgegen, und frei und glücklich leben wir den Musen, der Liebe...«
»Ach, Rudolph, ich soll die Mutter, soll den Vater verlassen?«
»Du sollst Vater und Mutter verlassen und dem Manne folgen, gebietet Dir selber die heilige Schrift.«
»Mein armer Vater!«
»Er wird seine Härte bereuen, wenn er sieht, welche ruhmvolle Laufbahn Du gewählt, und erweicht, gerührt Dich an sein Herz zurückrufen.«
»Er wird mir fluchen!«
»Gut, so bleib,« sagte Rudolph resignirt, indem er den Arm wie abwehrend gegen sie ausstreckte, »bleib Deine Lebenszeit ein Sclave jener alternden Vorurtheile und Formen; folge der Hand, die Dich erbarmungslos zur Schlachtbank führt – Dein Rudolph kann entsagen –
Und wie verzweifelnd barg er das Antlitz in den Händen.
»Rudolph, Rudolph, oh, nicht so, Du weißt ja, daß Du mir das Herz mit solchen Reden brichst; thu es nicht, thu es nicht!«
»Aber welcher Ausgang bleibt mir, als der Tod? Du weißt, daß ich nicht ohne Dich leben kann, weißt, daß ich verderben und untergehen müßte, wenn nicht Dein reines Herz mich an dieses Leben fesselt! Aber was kümmert das Dich,« setzte er bitter hinzu, »Du folgst Deinem Vater, Deiner Mutter; der arme Rudolph mag zu Grunde gehen, er ist ja doch nur ein Schauspieler.«
»Und habe ich das um Dich verdient, Rudolph?« sagte Paula mit leisem Vorwurf im Ton, während sie ihr schmerzbewegtes Antlitz zu ihm emporhob. »Habe ich Dir nicht wieder und wieder bewiesen, wie meine ganze Seele nur an Dir hängt, wie ich kein Glück, keine Seligkeit auf dieser Welt kenne, als nur Dich?«
»Und doch willst Du mir entsagen,« erwiderte der junge Mann schmerzvoll, »doch hältst Du es für möglich, daß Du entsagen kannst, während mir schon bei dem bloßen Gedanken daran das Blut zu Eis gerinnt, und meine Pulse aufhören zu schlagen?«
»Laß mir Zeit zum Denken, Rudolph,« bat das arme Kind, »habe Nachsicht mit meiner Schwäche, wenn ich einen Augenblick schwanken und zaudern konnte. Sieh, noch ist es ja auch nicht so weit, noch ist es ja möglich, daß ich der Eltern Herz zum Besten wende; ich will es wenigstens versuchen, ich will Alles thun, was in meinen Kräften steht, um einen Schritt zu vermeiden, der ja doch mein ganzes künftiges Leben, selbst an Deiner Seite, mit einem Vorwurf belasten müßte.«
»Und wenn Alles fehlschlägt?«
»Ich bin Dein, Rudolph, Dein für alle Zeiten,« rief Paula, »Gott sei mir gnädig, aber ich kann nicht anders; was da auch kommen möge, welche Prüfung mir der Himmel auch auferlegt, ich fühle es, daß die Liebe zu Dir stärker ist als alles Andere!«
»Mein Mädchen, mein süßes Leben,« rief Handor, »jetzt bricht auf's Neue ein Strahl der Hoffnung in mein zerrissenes Herz; aber sie werden Dich zwingen wollen!«
»Der Gewalt setz' ich Gewalt entgegen,« rief Paula leidenschaftlich, »treiben sie mich zum Äußersten, so fallen die Folgen auch auf ihr Haupt zurück; Gott hätte diese Liebe zu Dir nicht in mein Herz gelegt, Rudolph, wenn sie nicht göttlich wäre, und seiner Weisung will ich folgen. Aber ich muß jetzt fort.«
klagte Rudolph, Göthe's »Faust« citirend.
»Ich darf nicht länger bleiben,« sagte Paula, »ja, ich fürchte, daß meine Eltern schon zurück sind und nach mir gefragt haben.«
»Und wann sehe ich Dich wieder?«
Paula zögerte einen Augenblick mit der Antwort. »Wir dürfen nicht so oft zusammen kommen,« sagte sie endlich. »Du glaubst nicht, wie viel Augen uns bewachen. Aber es ist doch vielleicht nöthig, daß ich Dir morgen Nachricht gebe; so sei denn morgen Abend – morgen Abend ist kein Theater, nicht wahr?«
»Nein, mein Herz, ich habe den Tag und Abend frei.«
»Gut denn, so sei morgen Abend an der bewußten Stelle neben dem alten Wartthurm. Es ist möglich, daß ich selber Zeit finde, einen Moment dorthin zu kommen, wo nicht, findest Du einen Zettel an dem bestimmten Platz.«
»Tausend Dank, mein süßes Leben!« rief Rudolph leidenschaftlich, indem er sie umschlang und wieder und wieder küßte. Sie gab sich seinen Liebkosungen auch für wenige Secunden hin, dann aber machte sie sich leise von ihm los.
»Lebe wohl, Rudolph, lebe wohl!« rief sie ihm zu, drückte noch einen Kuß auf seine Lippen und floh dann wie ein gescheuchtes Reh den Busch entlang, um erst weiter oben den Pfad wieder zu erreichen, von wo sie nachher langsam, wie von einem Spaziergang kommend, nach dem Schloß zurückkehren konnte.
»Himmlisches Mädchen,« sagte Rudolph, der stehen geblieben war und ihr mit einem behaglichen Lächeln nachgesehen hatte, »lauter Feuer und Gluth, eine lebendige Julia! Und der Alte? Bah, er wird eine Weile wüthen und Rache schnauben, daß die Comtesse mit einem Komödianten durchgegangen, und zuletzt bleibt es immer die alte Geschichte. Was will er denn machen? Es ist die einzige Tochter, und wenn ihm der Schwiegersohn auch gerade nicht genehm sein mag, muß er doch schon gute Miene zum bösen Spiel machen – der alte adelsstolze Narr der.«
Und sich erst vergnügt und selbstzufrieden die Hände reibend – von seiner vorigen Verzweiflung war keine Spur mehr zu entdecken –, griff er seinen kleinen Spazierstock wieder vom Boden auf, schlenderte langsam nach dem nächsten Weg hinaus, blieb hier noch einmal stehen, um sich erst mit seinem Taschentuch die in dem trocknen Laub und Sand staubig gewordenen Glanzstiefeln zu säubern, und schlug dann dieselbe Richtung wieder ein, von der er vorher gekommen und wo er mit einem kleinen Umweg das Schloß und dessen nächste Umgebung vermied, um von dort ungesehen in die Stadt zurückzukehren.
4.
Die gräfliche Familie.
Die Equipage des Grafen Monford fuhr indessen langsam den sogenannten »Schloßberg« hinauf, denn der Graf hielt außerordentlich auf seine Pferde und litt nie, daß sie nutzlos angestrengt wurden, strafte auch nichts härter, als einen Verstoß gegen die darüber erlassenen Befehle. Der leichte Wagen knirschte über den hier reichlich ausgestreuten Kies, und der Weg zog sich bis zur Treppe des Herrenhauses durch einen wahren Flor von in voller Blüthe stehendem Hollunder, Goldregen, Akazien und Schneeballen hin, während die Front des ganzen Gebäudes mit allen nur erdenklichen Topfgewächsen so reich geschmückt war, daß selbst die breite, kunstvoll gearbeitete Marmortreppe, die zu dem Gartensalon und Empfangszimmer hinauf führte, einem vollblühenden Garten glich und den Duft ihrer Blumen durch die geöffneten Fenster in alle Räume des Schlosses sandte.
Und alle Räume waren so reich als geschmackvoll ausgestattet, denn Graf Monford besaß ein bedeutendes Vermögen und hatte auf seinen weiten Reisen gelernt, sich die Bequemlichkeiten und den Luxus aller Himmelsstriche anzueignen, ohne dabei sein Haus zu überladen. Die kostbarsten Gemälde, die herrlichsten Statuen und Statuetten schmückten die Zimmer, aber wo sie standen, schien es auch, als ob sie fehlen würden, wenn man sie weggenommen hätte.
Eine zahlreiche Dienerschaft füllte dabei das Haus – Graf Monford hatte früher auf von seinem Vater ererbten Besitzungen in Westindien gelebt und sich daran gewöhnt, eine Masse von Dienstleuten um sich zu haben – und herrliche Pferde standen in den Ställen, die sich, mit weiten Rasengründen für die Fohlen, eine ganze Strecke in den Park hineinzogen.
Als er ausgestiegen war, blieb er auch noch eine Weile (während seine Gemahlin nach oben ging, um Toilette zum Diner zu machen, und der Bediente eine Anzahl aus der Stadt mitgebrachter Pakete aus dem Wagen nahm) auf der Treppe stehen, um indessen seine beiden Goldfüchse zu betrachten, die, ungeduldig über den Aufenthalt, die schönen Köpfe auf und nieder warfen.
»Der Soliman scheut noch immer,« sagte er dabei, während sein prüfender Blick über die Thiere glitt und den Kutscher besorgt machte, daß er etwas Ungehöriges daran entdecke, – »daß wir ihm das gar nicht abgewöhnen können.«
»Er ist lammfromm geworden, Herr Graf,« erwiderte aber der Mann, indem er mit dem Ende der Peitsche langsam eine Stechfliege vom Halse des besprochenen Thieres zu entfernen suchte – »aber die fremden Beester jetzt in der Stadt, da scheut beinahe jedes Pferd.«
Der Graf nickte und betrat dann den mit feinen indischen Matten belegten Marmorboden des untern Saales, während der Kutscher, da Alles aus dem Wagen entfernt war, leise mit der Zunge schnalzte und nach den Stallgebäuden hinüberfuhr.
Im Salon war Graf Monford sonst gewöhnt, daß ihm seine Tochter entgegenkam. Er traf heute nur ihre Gesellschafterin, Mademoiselle Beautemps, eine ausgetrocknete Französin, sehr elegant gekleidet, aber mit einem etwas verbissenen Zug um die dünnen Lippen und sehr steifer, selbstbewußter Haltung.
»Wo ist Paula, Mademoiselle?«
»Ich war eben im Begriff, sie zu suchen, Herr Graf,« erwiderte die Dame. »Sie ist in den Park spazieren gegangen, ohne mir ein Wort davon zu sagen.«
»Das wäre freilich unverantwortlich,« entgegnete Graf Monford, während es wie ein leises, halb spöttisches Lächeln um seine Lippen zuckte, »besonders wenn man bedenkt, daß das Kind erst siebzehn Jahre alt ist und wahrscheinlich im nächsten Jahre heirathen wird. Hat sie ihre Kammerjungfer mit?«
»Sie ist vollständig allein gegangen.«
»Vollständig allein? So – nun, sie weiß, daß wir um fünf Uhr diniren, und wird zur rechten Zeit zurück sein.«
»Aber nicht einmal Zeit behalten, ihre Toilette zu machen. Wenn mir der Herr Graf erlauben...«
»Sie werden sie dann verfehlen und ebenfalls das Diner versäumen. Sie wird schon kommen« – und damit schritt er in sein Zimmer hinüber, das zu ebener Erde lag.
Mademoiselle Beautemps biß sich auf die Lippen, antwortete aber nur, sich ihrer Stellung und Würde bewußt, durch eine sehr förmliche Verbeugung, die der alte Herr nicht einmal bemerkte, und trat dann auf die Treppe hinaus, um die Ankunft ihres ungehorsamen Zöglings mit anscheinender Geduld, bei der sie aber in innerlichem Ärger fortwährend in raschem Tacte die Marmorplatten mit dem Fuß schlug, zu erwarten.
Ein Reiter kam den Weg heraufgesprengt, hielt an der Treppe, sprang aus dem Sattel, warf die Zügel seines warm gewordenen Thieres dem ihm folgenden Reitknecht zu, und war dann in wenigen Sätzen oben bei der Gouvernante.
»Ah, guten Morgen, Mademoiselle – Karl, reib das Pferd gut ab, und daß dann der Fingal gesattelt wird – ich reite nach dem Diner gleich wieder in die Stadt zurück. – Wo ist Paula, Mademoiselle?«
»Thut mir leid, Ihnen keine Auskunft geben zu können, Herr Graf,« sagte die Dame achselzuckend; »die Comtesse scheint die Zügel der Regierung selber in die Hand nehmen zu wollen.«
»Durchgebrannt?« lachte der junge Mann, indem er seine Handschuhe auszog und in den Reitrock steckte. »Die Eltern sind aber zu Hause, wie ich sehe,« setzte er mit einem Blick auf die Wagenspuren hinzu, »und wahrhaftig, gleich fünf Uhr – alle Wetter, da habe ich keine Zeit mehr zu verlieren!« und rasch sprang er in das Haus und in sein eigenes Zimmer hinauf.
Mademoiselle Beautemps hatte wenigstens die Genugthuung, nicht länger auf die Folter gespannt zu sein, denn in diesem Augenblick kam auch die Comtesse aus dem Park herauf. Sie mußte scharf gegangen sein, denn sie sah erregt aus.
»Aber, Comtesse, ich bitte Sie um Gottes willen, wo haben Sie gesteckt? Kann man denn nicht auf einen Augenblick den Rücken wenden!«
»Sind die Eltern schon da?«
»Schon lange, es wird gleich servirt werden. Und wie sehen Sie aus! Mit der Frisur können Sie gar nicht bei Tafel erscheinen! Wo waren Sie?«
»Im Park. Ist George auch schon da?«
»Alle – es wird den Augenblick dinirt. Ich muß wirklich in Zukunft bitten...«
Paula ließ sie gar nicht ausreden. An ihr vorüber huschte sie durch den Saal in ihr eigenes kleines Boudoir, wo Bertha, ihre Kammerjungfer, sie schon erwartete, und als Mademoiselle Beautemps, damit nicht zufrieden, sich das Wort abgeschnitten zu sehen, ihr dahin folgen wollte, um ihre Ermahnung und Strafpredigt zu beenden, hatte die sorgsame Zofe schon den Riegel vorgeschoben. Es wurde Niemand mehr eingelassen.
Paula brauchte aber für ihre Toilette außerordentlich wenig Zeit; das volle, herrliche Haar fiel fast von selbst in seine natürlichen Locken, und noch ehe die Gräfin Mutter den Speisesaal betrat, wo in diesem Augenblick gerade die Suppe aufgetragen wurde, war sie dort.
Ihr Bruder stand schon am Fenster und blätterte in einem Haufen von Zeitungen.
»Ah, da bist Du ja!« rief er ihr entgegen. »Sag', Schatz,« flüsterte er dann, »hat Dir Papa schon etwas mitgetheilt?«
»Mir, George?« fragte Paula erstaunt – »was soll er mir mitgetheilt haben? Ich weiß von nichts!«
»Nun, dann kommt es noch,« lächelte George, ihr freundlich zunickend. »Apropos, Paula, gehst Du Dienstag mit in's Theater? Die Räuber werden gegeben. Handor ist famos als Karl Moor.«
»Ich weiß es nicht,« sagte Paula erröthend, »wenn es Papa erlaubt...«
»Hoffentlich nicht, Comtesse,« bemerkte hier die Gesellschafterin, die gerade zur rechten Zeit in den Saal getreten war, um die Frage zu hören; »denn mit meiner Zustimmung besuchen Sie das Theater nicht so oft. Es ist ein Tempel des Lasters, in dem junge Mädchen eigentlich gar nichts zu suchen haben.«
»Mademoiselle!« wollte George gereizt ausfahren, als sich die Thür öffnete und die Eltern erschienen. Die Unterhaltung war damit abgebrochen.
»George – ah, da bist Du ja, Paula! Hast Du einen Spaziergang gemacht, mein Kind?«
»Mein lieber Vater...«
»Schon gut, Du bist ja noch zur rechten Zeit eingetroffen. Höre, George, Du hast Deinen Rappen wieder tüchtig warm geritten. Wenn Du meinem Rath folgst, schonst Du das Pferd.«
»Ich hatte mich verspätet, Papa, und ließ ihn nur ein wenig austraben. Heute Nachmittag nehme ich den Weißfuß.«
»Du willst wieder fort?«
»Ich habe mich zu einer Partie Whist bei Boltens engagirt und vorher noch Einiges zu besorgen.«
»Setzen wir uns.«
Das Diner wurde gewöhnlich schweigend verzehrt, da es Graf Monford nicht liebte, sich in Gegenwart der Diener zu unterhalten. Nur vollkommen gleichgültige Dinge durften besprochen werden, und selbst diese so kurz als möglich, und doch hätte George gar zu gern schon während der Tafel von dem Theater angefangen, das er leidenschaftlich gern besuchte. Aber es ging eben nicht, denn er wußte im Voraus, daß er entweder keine Antwort oder gar einen Verweis bekommen hätte.
George war das treue Abbild seiner Schwester, nur etwa zwei oder drei Jahre älter als sie, aber mit denselben edlen und offenen Zügen, denselben kastanienbraunen Augen, aber fast schon ein wenig zu selbstständig für seine Jahre, wozu denn freilich die Erziehung im elterlichen Hause Vieles beigetragen.
Als junger Bursche und noch unter einem Hofmeister wurde er mit eiserner, nachsichtsloser Strenge bis zu dem Augenblick behandelt, wo er zur Universität abging, und dort plötzlich und mit einem Schlag sein eigener, freier Herr war. Natürlich wußte er die ihm so rasch und unerwartet gekommene Freiheit nicht immer nur zu gebrauchen, sondern mißbrauchte sie auch nicht selten.
Dazu kam, daß Graf und Gräfin Monford sich Jahre lang auf Reisen befanden, wo denn die Kinder auch nur auf fremde Menschen angewiesen blieben und ihre Eltern nicht einmal zu sehen bekamen, und mit der ganzen vorangegangenen Erziehung konnte es kaum anders geschehen, als daß sich beide Theile mehr und mehr entfremdet werden mußten.
Graf und Gräfin Monford hatten in der That keine Kosten und Mühen gescheut, um ihre Kinder Alles lernen zu lassen, was sie in ihren Bereich bringen konnten, aber sie machten ein sehr großes Haus, und nur zu oft ist es ja in solchen »großen Häusern« leider der Fall, daß die gesellschaftlichen Pflichten den elterlichen vorgezogen werden oder, wie man sich einredet, vorgezogen werden müssen. Man hat Rücksichten zu nehmen (wie die Entschuldigungen heißen), überdies zuverlässige Leute daheim, denen man die Kinder recht gut anvertrauen kann. Eine Gesellschaft jagt dann die andere, einmal daheim oder auch außer dem Hause, von allen aber sind die Kinder ausgeschlossen, und ihre kurze Jugendzeit vergeht, ohne daß sie sich erinnern, der Mutter mehr als ein- oder zweimal auf dem Schooß gesessen zu haben.
Aber ein Kind will nicht allein Pflege – die kann ihm jeder gemiethete und gute Dienstbote geben – es will auch Liebe, und wenn ihm die entzogen wird, so wächst es auch wohl ohne sie frisch und kräftig auf, aber in seinem Herzen bleibt ein leerer, öder Raum, den es sich selber dann oft mit verderblichen Stoffen füllt. Unter der Obhut Fremder aufgewachsen, hatten sie allerdings vor den Eltern, denen sie erst herangewachsen näher traten, eine gewaltige Ehrfurcht gehabt, aber sie kannten kein anderes Gefühl und hielten diese Ehrfurcht für Liebe, während die Eltern stolz, recht stolz auf ihre Kinder waren und auch diesen Stolz für Liebe nahmen. So täuschten sich beide Theile über ihre Gefühle, und auch die Welt, und doch waren beide Kinder von Herzen seelensgut und brav, und auch die Eltern fest überzeugt, Alles für sie gethan zu haben, was in ihren Kräften stand, um vollen Anspruch auf ihre Dankbarkeit zu haben.
Die Liebe aber, die den beiden Geschwistern durch ihre Eltern mehr unbewußt als absichtlich entzogen worden, brachten sie dafür einander selber in desto reicherem Maße zu. Mit unendlicher Zärtlichkeit hingen beide an einander, ob auch ihre Charaktere noch so verschieden sein mochten.
Paula, von zartem Körperbau, mit vieler Phantasie begabt, neigte mehr zur Schwärmerei. Sie las viel und, leider, unter Anleitung der Französin, nicht immer recht passende Bücher; sie liebte dabei leidenschaftlich das Theater und konnte sich durch irgend ein gegebenes Schau- oder Trauerspiel so aufregen lassen, daß sie halbe Nächte lang ihre Kissen mit Thränen netzte. Unglücklicher Weise fand sie dabei in der Familie, der sie, während die Eltern auf Reisen gewesen, zur Obhut übergeben worden, nur zu viel Nahrung, denn diese hatte ein kleines Liebhabertheater in ihrer eigenen Wohnung errichtet, verkehrte viel mit Künstlern und fachte dadurch den Funken, der in Paula's Herzen glimmte, zur lichten Flamme an.
Das Technische in der Aufführung bei den kleinen, dort gegebenen Stücken hatte man nämlich nicht gut bewältigen können oder es auch vielleicht für zu mühsam gehalten. Ein geschickter Leiter wurde für nothwendig erachtet, und dort hatte Paula Handor kennen lernen.
George seinerseits war nichts weniger als ein Schwärmer und hing viel mehr dem Realistischen an. Er liebte wohl auch das Theater, weil es ihm Unterhaltung bot, ohne daß er sich aber sonst auch nur mit einer Faser seines Herzens dazu hingezogen fühlte. Weit mehr beschäftigten ihn die seinem Stande auch angemesseneren ritterlichen Übungen. Er war ein perfecter, tollkühner Reiter, ein eifriger und für sein Alter recht guter Jäger, besonders ein sicherer Schütze, und wenn er nebenbei auch etwas Musik und Malerei trieb und mit Vergnügen ein gutes Buch las, hatte er doch keinen rechten Trieb dafür. Er verstand etwas von Jedem, ohne es in irgend einer Sache zur Vollkommenheit zu bringen, und da er das selber fühlte, verlor er auch bald die Lust daran.
Auch an dem Liebhaber-Theater hatte er sich anfangs mit großer Lust betheiligt und vielen Eifer dabei gezeigt, aber es ermüdete ihn doch bald, wie er denn nie lange an einer Sache Vergnügen fand, und als Ende März die Auerhahnbalz begann, gab er es vollständig auf und fuhr lieber Nachts hinauf in den Wald, um Morgens um zwei oder drei Uhr an Ort und Stelle auf dem Balzplatz zu sein.
Durch das Liebhaber-Theater war er aber selber mit einigen Künstlern bekannt geworden. Deren freies, offenes Wesen sagte ihm zu, denn im Umgang mit ihnen brauchte er sich keinen Zwang anzuthun, und sein leicht empfänglicher Geist fand, was ihm in seinen gewöhnlichen Kreisen gründlich fehlte: Anregung und Befriedigung. Mit einem Worte, er fühlte sich unter den Künstlern und in ihrem freien Verkehr wohler und behaglicher, als in den steifen, aber allerdings sehr vornehmen Gesellschaften, in denen er sonst heimisch war oder doch heimisch sein sollte.
Auch zu Hause war ihm der lästige Formenzwang zu unbequem. Er hatte oft davon gehört und gelesen, was für ein mächtiger Zauber in dem einen kleinen Worte »daheim« liege und wie die eigene Heimath uns das Liebste und Theuerste auf der Welt sein sollte; aber mitgefühlt hatte er das noch nie und hielt es, mit anderen Überschwänglichkeiten, für eine Licenz der Dichter, die vollkommen berechtigt wären, sich irgend einen Punkt der Welt zu einem kleinen Paradiese auszumalen, ob sie dazu nun ein beliebiges Feenreich oder eine menschliche Wohnung wählten.
Viel Ruhe hatte er deshalb auch zu Hause nicht, ja, er plauderte wohl gern einmal ein halb Stündchen mit der Schwester und wußte, daß er die gehörigen Formen der Tischzeit einhalten mußte, wenn er nicht eben draußen auf der Jagd war oder eine andere Einladung angenommen und sich daheim formell abgemeldet hatte – sonst fesselte ihn nichts an das Vaterhaus.
Die Tafel war beendet und der Kaffee im Nebenzimmer servirt worden. Dorthin folgte er den Eltern, und seinen Arm um Paula's Taille legend, drückte er einen Kuß auf ihre Wange.
»Aber was hast Du nur, George?«
»Nichts, mein Herz,« lächelte der Bruder, »ausgenommen so viel zu thun, daß ich kaum weiß, wo ich anfangen soll.«
»Du?«
George nickte ihr zu und wollte das Zimmer verlassen.
»Du willst wieder fort, George?« sagte die Mutter.
»Ja, Mama – heut Abend sehen wir uns doch bei Boltens; nicht wahr, Ihr kommt auch hin?«
»Ich weiß es noch nicht, mein Sohn,« erwiderte die Gräfin – »ich habe etwas Kopfschmerz – aber vielleicht doch.«
»Du bist gar nicht mehr zu Hause, George,« bemerkte der Vater, »man bekommt Dich wirklich nur noch beim Essen zu sehen.«
»Ja, bester Vater,« lachte George, »ich habe jetzt drei Pferde zuzureiten, und das kann ich doch nicht hier im Park thun. Der Fingal macht mir am meisten zu schaffen.«
»Aber es ist ein vortreffliches Pferd,« nickte der Vater, »Du hast da einen guten Kauf gemacht, halte ihn nur auch gut.«
»Wie meinen Augapfel, Papa,« lachte der junge Mann. »Also auf Wiedersehen in der Stadt!« und war im nächsten Augenblick verschwunden.
Paula blieb mit ihren Eltern allein im Zimmer, denn Mademoiselle Beautemps trank keinen Kaffee und benutzte diese kurze Zeit stets, um in ihrem Zimmer ein Viertelstündchen Siesta zu halten, worin sie Paula niemals störte. Sie wollte jetzt ebenfalls das kleine, freundliche Gemach verlassen, als der Vater, der mit auf den Rücken gelegten Händen auf und ab gegangen war, leise sagte:
»Paula!«
»Mein Vater!«
»Ich und Deine Mutter möchten ein paar Worte mit Dir reden.«
»Mit mir, Vater?«
»Ja, mein Kind,« sagte der alte Herr, indem er vor ihr stehen blieb, ihr leise mit der rechten Hand das Kinn emporhob und freundlich fortfuhr: »Sieh, mein Schatz, Du bist nun schon vor zwei Monaten siebzehn Jahre alt geworden und – eben kein Kind mehr...«
»Mademoiselle Beautemps betrachtet mich aber noch als ein solches,« sagte fast unbewußt Paula, denn ein schmerzhaftes, gleichsam eisiges Gefühl schnürte ihr in dem Augenblick beinahe die Brust zusammen. Sie ahnte, was folgen würde.
»Mademoiselle Beautemps...« sagte der Vater rasch, brach aber kurz ab, hustete und lächelte still vor sich hin. »Nun, Du wirst nicht mehr lange mit ihr geplagt werden, Kind,« fügte er dann mit trockenem Humor hinzu, »und was ich eben jetzt mit Dir reden wollte – das heißt ich und Deine Mutter –, soll gerade dazu dienen, Dich von ihr frei zu machen.«
»Mein lieber Vater!« flüsterte Paula und warf einen Blick nach der Mutter hinüber, die am Fenster stand, mit einer kleinen Scheere ein paar abgeblühte Rosen von einem Stock schnitt und die Blätter hinausstreute.
»Verstehst Du, was ich meine?«
»Nein, mein Vater,« hauchte das junge Mädchen.
»Und doch siehst Du beinahe so aus, als ob Du es verständest,« lächelte der alte Herr. »Aber ich will mich kurz fassen, mein Kind, denn große Umschweife sind unter uns ja doch nicht nöthig. Ich frage Dich also geradeheraus, mein Herz, hast Du noch nicht daran gedacht, Dir einen Lebensgefährten auszusuchen?«
»Mein lieber, lieber Vater!«
»Aber, George,« sagte die Gräfin kopfschüttelnd, »Du fällst doch auch wohl da ein klein wenig zu sehr mit der Thür in's Haus. Das ist kaum eine discrete Frage für ein junges Mädchen, die das überhaupt auch wohl ihren Eltern überlassen wird.«
»Ich weiß nun gerade nicht,« lächelte der alte Herr, »ob Paula damit so recht einverstanden sein würde. Aber eben weil ich glaube, daß sich unsere Gedanken auf halbem Wege begegnen, habe ich so direct gefragt, denn ich bin überzeugt, ich schieße nicht weit vorbei, wenn ich vermuthe, daß Du den jungen Grafen Bolten gern hast – wie, Schatz? Er ist wenigstens auf allen Bällen Dein unermüdlicher Tänzer, und das Vielliebchen, das Du neulich mit ihm gegessen – nun, Du brauchst nicht bis hinter die Ohren roth zu werden, meine Puppe – wir sind Alle nicht besser gewesen, als wir jung waren.«
Über Paula's Stirn und Wangen hatte sich allerdings im ersten Augenblick tiefe Röthe ergossen, im nächsten Moment aber schon schoß das Blut wie in einem Strom zum Herzen zurück und ließ ihr Antlitz todtenbleich, während sie leise, aber fest sagte: »Du irrst Dich, Vater, – ich liebe den jungen Grafen nicht.«
»Nicht?«
»Du liebst ihn nicht?« wiederholte aber auch die Mutter und drehte sich rasch und wie erstaunt der Tochter zu. »Und das sagt das Mädchen mit einer solchen Bestimmtheit, als ob damit die ganze Sache abgemacht und beseitigt wäre.«
»Der Vater hat mich gefragt, Mama, und er verlangt ja doch Wahrheit von mir.«
»Das allerdings, mein Herz,« sagte der alte Herr ruhig, während sein Blick forschend an dem Antlitz der Tochter hing, »die verlangt er in der That – aber kannst Du mir einen Grund angeben?«
»Und wäre es Liebe, Vater, wenn man einen Grund dafür nennen könnte?«
»Hm,« sagte der alte Herr, dadurch selber in Verlegenheit gebracht, »Du scheinst Nutzen aus Deiner Lectüre gezogen zu haben, mein Töchterchen. Die Sache ist denn aber doch zu ernsthafter Natur, um ihr durch ein Wortspiel auszuweichen; so höre denn, was ich Dir darüber zu sagen habe. Über die Familie Bolten selber brauchte ich kein Wort zu verlieren; wir haben sie Alle gern und sind lange, lange Jahre damit befreundet – wie geachtet und geschätzt sie im ganzen Lande sind, weißt Du außerdem, und unser alter Name braucht sich wahrlich nicht zu schämen, neben dem ihrigen genannt zu werden. Hubert ist dabei ein junger, liebenswürdiger Mensch, talentvoll, gutmüthig, ein bischen aufbrausend zwar, aber das wird sich mit den Jahren geben, und außerdem der einzige Sohn. Daß er Dich gern hatte, habe ich – und ich muß gestehen, zu meiner Freude – schon seit längerer Zeit bemerkt; daß Du ihm nicht abgeneigt warst, konnte Jeder sehen, der Euch ein paar Mal zusammen beobachtet hat. Dazu kommt, mein liebes Kind, daß uns Beide, Deine Mutter und mich, diese Verbindung mit dem Bolten'schen Hause glücklich machen würde, und ich bin überzeugt, daß alles dies zusammen genommen, wenn Du es Dir überlegst, Deinen Entschluß bestimmen muß. Ich brauche Dir nur noch zu sagen, daß heute Morgen, als wir in der Stadt waren, der alte Graf bei mir förmlich um Dich für seinen Sohn angehalten hat, und ich hoffe, wir können ihm heut Abend eine gute Antwort mit hineinnehmen – wie, mein Schatz?«
»Mein lieber Vater, ich – ich bin noch so jung!«
»Darin hast Du Recht, und das habe ich meinem Freunde Bolten selbst entgegnet; er sieht das auch vollkommen ein, und Du sollst nicht gedrängt werden. Wir haben deshalb Beide ausgemacht, daß die Trauung nicht früher als an Deinem achtzehnten Geburtstage stattfindet; um uns aber das Glück unserer Kinder zu sichern, wollen wir die Verlobung am nächsten Freitag hier bei uns feiern, wozu uns Deine gütige Mama einen kleinen Ball arrangiren wird – bist Du damit einverstanden?«
»Dränge sie nicht zu sehr, George,« sagte jetzt die Mutter freundlicher, als sie bis dahin gesprochen. »Ihr Männer seid Euch darin doch alle gleich, das folgt Schlag auf Schlag, und da soll das arme Kind auf jede Frage auch augenblicklich antworten! Versteht sich, wird sie wollen, aber Du siehst doch, daß sie jetzt bald roth, bald blaß wird – laß ihr doch nur Zeit, erst Athem zu holen!«
»Meine liebe, liebe Mutter!« rief Paula und warf sich, von ihren Gefühlen überwältigt, an der Mutter Brust.
»Aber, ma fille!« sagte sie, sich rasch und erschreckt losmachend – »komm, mein Herz, komm, wozu diese Aufregung – Du weißt, Kind, wie das immer meine Nerven angreift, und mein Kopf schmerzt mich überhaupt heute.«
»Aber ich liebe ihn nicht, Mama!« bat Paula in Todesangst. »Der junge Graf ist ein braver, lieber Mensch, aber – aber...«
»Aber, mein Kind?« fragte die Mutter streng.
»Er – er paßt nicht für mich – er – hat für nichts Sinn, als für seine Pferde und Gewehre – er haßt Musik und Bücher – er...«
»Lauter Verbrechen, nicht wahr?« lächelte die Mutter spöttisch – »und kann er deshalb nicht ein guter Ehemann werden?«
»Und soll das Herz denn gar keine Stimme haben, Mama?« flüsterte das arme, gequälte Mädchen – »soll denn nur immer todter Rang und Reichthum Verbindungen schließen und Menschen auf ewig an einander ketten, die sich ohne diese nie gefunden oder nur gesucht hätten?«
»Todter Rang und Reichthum, meine Tochter?« sagte der Vater ernst – »ich glaube, Du solltest uns dankbar dafür sein, daß wir Dir die Dir gebührenden Vorrechte auch erhalten und verwahren, Du wirst doch nicht glauben, daß ich Dich je unter Deinem Stande verheirathen würde?«
»Willst Du mich nicht glücklich sehen, Papa?« fragte Paula herzlich.
»Gewiß, mein Kind, das ist mein heißester Wunsch,« erwiderte der Vater, »aber eben deshalb muß ich jetzt über Dich wachen, daß Dich Dein leicht erregtes Herz nicht zu einem Schritt hinführt, den Du später schwer bereuen und dann sicher unglücklich dadurch werden würdest. Aber wie ich Dir schulde, für Dein Glück zu sorgen, so schuldest Du auch uns, die Ehre unseres Hauses aufrecht zu erhalten, und wer Dir dabei am besten rathen kann, sind denn doch wohl Deine Eltern selber.«
»Und wenn ich vorher wüßte, daß ich unglücklich werden würde?«
»Paula,« sagte der Vater ernst, »ich bitte Dich, nur jetzt, wo es sich um Deine ganze Zukunft handelt, Deine überspannten Romane und phantastischen Ideen aus dem Spiel zu lassen! Du hast uns schon neulich einmal so eine Andeutung gemacht, daß Du Dich an der Seite des ärmsten Mannes glücklich fühlen könntest, wenn »Eure Seelen«, wie Du Dich beliebtest auszudrücken, mit einander harmonirten. Es ist der alte Unsinn mit »eine Hütte und ihr Herz«, der so lange stichhaltig bleibt, bis das Herz eben in die Hütte hineinziehen soll und die Räumlichkeit dann überall zu beengt findet. Glaube mir, mein Kind, solche Ideen sehen sehr hübsch auf dem Papier aus und lassen sich vortrefflich bei einer warmen, mondhellen Nacht durchschwärmen, aber sie gleichen jenen wunderbar schillernden Quallen, die an der Oberfläche der See herumschwimmen und von Weitem einen prachtvollen Anblick gewähren, nimmt man sie aber in die Hand, so bleibt nichts übrig, als eine graue, schlammige Blase, die man mit Ekel wieder von sich wirft. »Gleich und Gleich gesellt sich gern!« ist ein altes, gutes und wahres Sprüchwort, und wir finden das in der Natur bestätigt, wohin wir blicken. Ein Adler könnte sich da eben so wenig daran gewöhnen, einen Bund für das Leben mit einem Truthahn zu schließen und von Körnern und Kartoffelschalen zu leben, weil ihre Seelen vielleicht sympathisiren – es geht eben nicht, und die Grafentochter würde sich elend und unglücklich fühlen, wenn sie aus der gewohnten Sphäre niedersteigen und in einer Hütte leben sollte. Das sind eben jugendliche Träume, die ich auch nicht zu hoch anschlage und deshalb gern verzeihe. Nun sei aber vernünftig, mein Töchterchen, Du bist alt genug dazu. Wir haben eine Wahl für Dich getroffen, die Dein Herz nur mit Freude und Dankbarkeit gegen uns erfüllen kann, also füge Dich dem; denn Du weißt auch, daß Deine Eltern nie ihre Einwilligung zu einer Verbindung unter Deinem Range geben würden, solltest Du wirklich je thöricht genug sein, selber an etwas Derartiges ernsthaft zu denken.«
»Mein Vater...«
»Laß nur sein, mein Kind – ich wußte ja, daß mein gutes Töchterchen nicht den Lieblingsplan ihrer Eltern kreuzen würde; also werde ich das Weitere schon selber mit Boltens in Ordnung bringen. Du darfst Dir indessen immer Deinen Ballstaat zurecht machen,« setzte er lächelnd hinzu, indem er ihr leise das Kinn emporhob und einen Kuß auf ihre Stirn drückte, »und daß wir nachher ein recht munteres, fröhliches Bräutchen haben, davon bin ich überzeugt...«
Ein Diener öffnete in diesem Augenblick die Thür und meldete, in steifer Haltung an der Schwelle stellen bleibend: »Baronesse von Halldorf läßt fragen, ob es der gnädigen Herrschaft genehm wäre...«
»Wird uns sehr angenehm sein,« sagte die Gräfin, die froh war, einen Vorwand gefunden zu haben, das Gespräch abzubrechen – »aber, Schatz, Du hast ganz rothe Augen bekommen – geh auf Dein Zimmer und bade sie ein wenig mit Rosenwasser, wir erwarten Dich dann unten.«
Der Besuch mußte empfangen werden, und die arme Paula, das Herz zum Brechen schwer, zog sich auf ihr Zimmer zurück, schob den Riegel hinter sich vor und sank auf das Sopha.
»Kein Mitleid mit den Gefühlen ihres eigenen Kindes,« flüsterte sie dabei – »keine Frage selber danach, ob dieses Herz schon gewählt, schon entschieden haben könnte – nichts, nichts als der leere, hohle Schein, als Stand und Rang und Reichthum – oh, ich bin recht, recht unglücklich!« und still weinend barg sie ihr Antlitz in den Händen.
5.
Paradies und Hölle.
In der Schloßgasse zu Haßburg – denn die alte Stadt, welche in längstvergangenen Zeiten einmal der Sitz eines Erzbischofs gewesen, hatte die verschiedenen Benennungen aus ihrer Glanzperiode noch getreulich aufbewahrt – stand ein nicht sehr großes, aber wunderlich verziertes Gebäude. Es war massiv, aus dunkelgrauem, halbverwittertem Sandstein aufgeführt und mit einer wahren Verschwendung von Steinhauerarbeit bis unter den Giebel hinauf bedeckt.
Was die zahllosen Gruppen, Bilder und Arabesken daran alle bedeuten sollten, wäre wohl schwer zu entziffern gewesen – möglich, daß selbst die Urheber derselben keine rechte Idee davon gehabt. Deutlich erkennbar war aber noch eine ordentliche Legion von dicken, pausbackigen Engeln mit Posaunen und sonstigen Instrumenten, die jeden nur einigermaßen benutzbaren Raum ausfüllten und den obern Theil des Hauses vollständig bedeckten, während zwei sehr durch die Zeit und Sturm und Wetter mißhandelte Riesen, die zwischen Drachenköpfen und Ungeheuerschwänzen ihren Platz behaupteten, das Portal zu tragen schienen.
Und bunt und prächtig genug mußte das Haus ausgesehen haben, als es aus der Hand des Künstlers frisch hervorging. Noch jetzt ließen sich nämlich an einigen geschützten und tiefer liegenden Stellen Spuren von früherer Vergoldung und Malerei erkennen, mit denen besonders die Instrumente der Engel geglänzt und geschimmert haben mochten.
An eine Renovation dieser geschwundenen Pracht hatte freilich Niemand gedacht. Das Haus gerieth in die Hände einer Familie, die seine Lage für eine Wirthschaft passend fand, da es dem Theater schräg gegenüber und auch in der Nähe des Domes wie des Rathhauses stand, und der neue Eigenthümer, mit einer unbestimmten Ahnung, daß die vielen Engel wohl eine Andeutung der künftigen Seligkeit selber sein könnten, nannte seine Wirthschaft drinnen nach den Sinnbildern draußen »Zum Paradies«.
Der Mann verdiente viel Geld damit, und als er älter und ihm das Geräusch und die eigene Unbequemlichkeit eines solchen Lebens zu groß wurde, ließ er die Wirthschaft eingehen, den obern Stock zu Familienwohnungen einrichten und behielt nur die unteren Räumlichkeiten mit den Kellern für sich, in welchen er eine ganz vortreffliche Weinstube etablirte.
Der alte Trauvest war von jeher ein ausgezeichneter Weinkenner gewesen und hatte immer etwas auf ein gutes Getränk gehalten. Seine Weinstube bekam deshalb bald einen Namen und die in Haßburg ansässigen »Künstler«, lustiges, luftiges Volk, das solche Plätze immer am besten aufzustöbern weiß, erwählte den Ort zu seiner Künstlerkneipe, wozu ihnen der Wirth, damit sie nicht mit dem gewöhnlichen trocknen Pfahlbürger und Stammgast Einen Tisch zu besetzen brauchten, ein kleines besonderes Käfterchen hübsch einrichten und sogar mit Eichenholz austäfeln ließ. Der und Jener »stiftete« dann auch noch bald einen alten, wunderlich geschnitzten Schrank, bald ein paar antike Sessel, hundertjährige Pocale und Deckelkrüge, alte Waffen und Rüstungen, kurz, was in der Art aufzutreiben war, hinein, so daß sich der kleine, malerisch geschmückte Raum bald in ein ordentliches Raritäten-Cabinet verwandelte.
Das Haus wurde zuletzt wirklich dadurch berühmt, und kein Fremder besuchte Haßburg, der sich nicht bemüht hätte, auch die Künstlerkneipe im »Paradies«, die das lustige Völkchen dem Namen des Gebäudes gerade entgegen »Die Hölle« taufte, kennen zu lernen.
Zu den Künstlern: Maler, Bildhauer und Schriftsteller, die sich in Haßburg aufhielten, fühlten sich aber auch die Schauspieler hingezogen. Der gute Wein hatte sie schon lange in das »Paradies« geführt, die bessere Gesellschaft lockte sie aus dem »Paradies« in die »Hölle«, und von den Künstlern wurden sie, als einer freien Kunst angehörend, auch mit offenen Armen empfangen.
Der Schauspieler ist überhaupt der beste Gesellschafter in der Welt und steht ja auch mit allen anderen Künstlern in nächster und innigster Beziehung. Wie der Maler, muß er Charaktere studiren, um sie wahr und treu, nicht auf der Leinwand, sondern im wirklich lebendigen Bild wiederzugeben. Mit dem Dichter muß er fühlen, empfinden und sich begeistern, und alles das in rasch wechselnden Gestalten, Schlag auf Schlag, und Triumph oder Niederlage bringt ihm schon der nächste Augenblick, der nächste Abend.
Alle anderen Künstler schaffen nicht allein für ihre Zeit, nein, sie haben die Hoffnung, daß auch noch spätere Geschlechter sich ihrer Werke freuen mögen und ihr Name noch genannt wird, wenn sie schon selbst dahingegangen. Nicht so der Schauspieler, der, nur auf den augenblicklichen Erfolg angewiesen, auch nur für diesen wirkt und schafft. Der Beifall des Publikums, das ihn selber hört und sieht, ist seine Belohnung; dieser strebt er nach, und ist ihm die gesichert, dann geht er freudig und vertrauensvoll an's nächste Werk.
Dieser Erfolg des Augenblickes übt aber auch natürlich auf sein ganzes Leben entschiedenen Einfluß, denn er verwächst mit ihm und theilt sich seinem ganzen Charakter mit; die Vergangenheit existirt nicht für ihn, was anders ist sie auch, als eine abgespielte Komödie – und die Zukunft? Eine neue brillante Rolle kann ihm die rosig genug gestalten, weshalb sich jetzt schon Sorgen darüber machen? Noch läuft sein Contract, das Publikum liebt ihn, oder – hat sich an ihn gewöhnt, und was die sonstigen kleinen Leiden und Ärgernisse betrifft, die nun einmal als Salz und Würze unseres ganzen Lebens dienen müssen, ei, die hat er reichlich in vermutheten Intriguen der Intendanz oder der eigenen Collegen, oder in boshaften Recensionen eines nicht gehörig honorirten Theaterkritikers – was will er mehr?
Leichtes Blut schwimmt oben, leichtes Blut gehört zu seiner ganzen Existenz, und gerade dieser, in den meisten Fällen liebenswürdige leichte Sinn läßt ihn das Leben an seiner lichten Seite fassen und ihm Alles abgewinnen, was eben daraus zu gewinnen ist.
Gute und vielbeschäftigte Schauspieler und Schauspielerinnen – während Sänger und Sängerinnen – mit wenigen Ausnahmen – nur ihre Noten studiren und sich verwünscht wenig um Text, Sujet oder Charakter ihrer Rolle kümmern – müssen auch gebildete Menschen sein, und sind es fast stets. Sie haben dabei die Form des Umganges vollständig in ihrer Gewalt, sie müssen verstehen, sich in allen Kreisen des Lebens zu bewegen, und verstehen es, und mit einem gewissen Instinct, der sie alles Steife und Langweilige vermeiden läßt, bringen sie bald Leben in jeden Cirkel, den sie besuchen.
Es ist mit Einem Wort ein frohes, glückliches Völkchen, und wer in ihrer Mitte nicht warm wird und seinen im gewöhnlichen Leben noch ängstlich gepflegten Zopf auf kurze Zeit vergißt, den kann man ruhig aufgeben. Er ist für die Gesellschaft verloren und paßt nur noch für »Gesellschaften«.
Es läßt sich denken, daß auch in der »Hölle« ein munterer Ton herrschte, wie denn auch vor Allem hier die Regel galt, nichts, und wäre es der bitterste Scherz gewesen, übel zu nehmen. Schon über der Thür stand auch auf einer großen, schwarzen Tafel mit dicken, goldenen, altdeutschen Buchstaben der etwas ungelenke Vers: