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Eine Reise nach Freiland

Chapter 2: Vorwort.
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About This Book

Ein Ich-Erzähler berichtet von seiner Entscheidung, in eine geplante Siedlung im ostafrikanischen Hochland auszuwandern, und führt Lesende durch die entstehenden Siedlungsformen, wirtschaftlichen und sozialen Institutionen, die individuelle Selbstbestimmung mit dem vollen Ertrag der eigenen Arbeit verbinden sollen. Das Werk schildert Landschaften, Siedlungsaufbau und praktische Organisation, erläutert Finanz-, Eigentums- und Arbeitsregelungen und antwortet auf fachliche Einwände durch eine kritische Figur, deren Argumente aus zeitgenössischen Rezensionen übernommen und systematisch entkräftet werden. Ziel ist, Lesende zur praktischen Mitwirkung und finanziellen Unterstützung des Projekts zu gewinnen.

The Project Gutenberg eBook of Eine Reise nach Freiland

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Title: Eine Reise nach Freiland

Author: Theodor Hertzka

Release date: September 26, 2017 [eBook #55633]
Most recently updated: October 23, 2024

Language: German

Credits: Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed
Proofreading Team at http://www.pgdp.net

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK EINE REISE NACH FREILAND ***

Eine
Reise nach Freiland.

Von
Theodor Hertzka.

Leipzig
Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.

Vorwort.

Zunächst das Geständnis, daß dieses Büchlein eine Tendenzschrift im schlimmsten Sinne des Wortes ist. Unter dem Deckmantel der Unterhaltung und Belehrung will sie den Leser nicht bloß für eine bestimmte Meinung, sondern geradezu für bestimmte Handlungen gewinnen, sie hat es nicht bloß auf seinen Geist und sein Herz, sondern auf seine Entschlüsse und seinen Geldbeutel abgesehen.

Wohl dürften die meisten — an diese Stelle angelangt — mit überlegenem Lächeln sich sagen, der allzu gewissenhafte Autor hätte diese Warnung sparen können; die Gemüter sowie die Geldbeutel seien heutzutage viel zu gut verwahrt, als daß es noch so aufdringlicher Tendenz leichthin gelingen könnte, sich ihrer zu bemächtigen. Wenn ich hinzufüge, daß das Unternehmen, zu welchem ich thatkräftige Mitwirkung durch diese Schrift gewinnen will, nicht mehr und nicht weniger ist, als die Schaffung eines Gemeinwesens der socialen Freiheit und Gerechtigkeit, d. i. eines solchen, welches jedermann den vollen und ganzen Ertrag der eigenen Arbeit bei unbedingter Wahrung seines freien Selbstbestimmungsrechtes gewährleisten soll, dann wird wahrscheinlich besagtes überlegene Lächeln eine leise Beimischung von Mitleid erhalten, und wenn ich vollends gestehe, daß dieses Eldorado in den Hochlanden Afrikas just unter dem Äquator geplant ist, so dürfte es wohl wenige geben, welche die Zumutung, sie könnten derart überspannte Phantasien ernsthaft nehmen, nicht als beleidigenden Zweifel in ihre Bildung, in ihren gesunden Menschenverstand, ja in ihre Zurechnungsfähigkeit auffassen würden. Der Autor möge nur ruhig sein, so höre ich sie ausrufen; Utopien dieser Art liest man — falls sie unterhaltend geschrieben sind — um sich über eine müßige Stunde hinwegzuhelfen, und damit holla!

Aber der verständige Leser irrt! Ich spreche aus Erfahrung! Dieses Büchlein ist nämlich nicht das erste, das ich zu gleichem Zwecke geschrieben. Vor vier Jahren veröffentlichte ich „Freiland, ein sociales Zukunftsbild“, von welchem er vielleicht dunkle Kunde bereits vernommen. Nun denn, die bisher erschienenen neun deutschen und zahlreichen fremdsprachlichen Auflagen dieses Werkes verlockten tausende und abertausende von Männern und Frauen aus allen Teilen der bewohnten Erde und aus allen Ständen, vom reichsunmittelbaren Fürsten bis zum einfachen Arbeiter zu dem Entschlusse, auszuführen, was in ihm geschildert ist; in achtundzwanzig Städten Europas und Amerikas haben sich Vereine zum Zwecke der freiländischen Propaganda gebildet, Gelder wurden zur Verfügung gestellt, eine Vereinszeitschrift[1] gegründet, an der ostafrikanischen Küste sind der Gesellschaft zur Anlage von Etappenstationen geeignete Ländereien geschenkt worden und alle Vorbereitungen zu praktischer Inangriffnahme des großen Werkes sind im Zuge.

Und die Erklärung dieses seltsamen Unterfangens, die Traumgebilde eines Buches zu verwirklichen? Sie liegt darin, daß dieses Traumgebilde den Stempel höchster innerer Wahrhaftigkeit trägt, daß es buchstäblich verwirklicht werden kann, sofern sich nur eine genügende Anzahl thatkräftiger, von Mitteln nicht allzusehr entblößter Menschen in diesem Entschlusse zusammenfindet und daß damit vollbracht wäre, was Jahrtausende hindurch den edelsten Geistern unseres Geschlechts als Ziel all ihres Denkens, Kämpfens und Leidens vorgeschwebt. Der Verfasser von „Freiland“ maßt sich nicht an, weiser, scharfsinniger oder mutiger zu sein als diese großen Vorfahren, indem er zur That machen will, was jene bloß ersehnten; aber er zeigt, daß und warum nunmehr möglich, ja notwendig geworden, was im bisherigen Verlaufe der menschlichen Entwickelungsgeschichte unmöglich gewesen. „Freiland“, so behauptet er, ist nichts anderes, als das Schlußkapitel jenes großen Erlösungswerkes, an welchem die Menschenfreunde aller Generationen mitgearbeitet.

Für diese erlösende That neue Helfer zu gewinnen, das ist die ausschließliche Absicht auch des vorliegenden Büchleins. Der Leser wird darin nach Freiland geführt, als ob es schon bestände, in der Erwartung, daß die Einrichtungen, die ihm dort vor das geistige Auge treten, den Entschluß in ihm erwecken, das Seinige zu möglichst rascher und großartiger Verwirklichung dieses Gemeinwesens der Freiheit und Gerechtigkeit beizutragen. In welcher Weise diese Verwirklichung vor sich gehen soll, oder vielleicht schon vor sich geht — denn möglicher-, ja wahrscheinlicherweise sind die ersten freiländischen Pioniere bereits unterwegs, wenn die „Reise nach Freiland“ die Presse verläßt —, muß in meinem oben erwähnten früheren Werke[2] nachgelesen werden; nur so viel sei hier nochmals versichert, daß der äußere Schauplatz wie die innere Begründung der im nachfolgenden geschilderten, überaus einfachen Begebenheiten in allen Stücken der nüchternsten Wahrheit entspricht. Die Alpenlandschaften des Kenia sind thatsächlich jenes irdische Paradies, als welches sie sich hier dargestellt finden, und die Menschen, die ich handelnd und redend auftreten lasse, sie handeln und reden zwar einstweilen nur in meiner Phantasie, aber alles, was sie thun und was sie sprechen, folgt den Gesetzen der nüchternsten Notwendigkeit. Freiland ist zur Stunde, wo ich dies schreibe, noch nicht gegründet; aber wenn es gegründet sein wird, kann in ihm nichts wesentlich anderes geschehen als was die „Reise nach Freiland“ ihren Lesern erzählt.

Und zum Schlusse noch eines.

Ich habe in meiner Geschichte einen Professor der Nationalökonomie als Kritiker der freiländischen Einrichtungen auftreten und seine Bemängelungen durch meine Freiländer widerlegen lassen. Es könnte nun scheinen, als ob in dieser Figur ein Popanz vorgeführt würde, der möglichst durchsichtige Irrtümer eigens zu dem Zwecke vorzubringen habe, um der freiländischen Sache zu wohlfeilen Siegen zu verhelfen; dem ist jedoch nicht so. Zwar die Person besagten Professors lebt nur in der Vorstellung des Verfassers, dagegen ist alles, was er sagt, wörtlich in den gegen „Freiland“ gerichteten gelehrten Kritiken zu lesen. In der Vorrede zu meinem erwähnten früheren Buche hatte ich nämlich in Anbetracht des Umstandes, daß selbiges in erzählender Form ein Bild der wirklichen socialen Zukunft zu bieten den Anspruch erhebe, die fachmännische Kritik aufgefordert, es in allen seinen Teilen der strengsten Prüfung zu unterziehen. Dieser Aufforderung wurde denn von seiten meiner Fachgenossen in ausgiebigstem Maße entsprochen; zahllose Artikel in den großen Tagesblättern, in gelehrten Fachzeitungen und Broschüren haben sich mit „Freiland“ teils zustimmend, teils tadelnd beschäftigt, und was ich nun meinem Professor Tenax in den Mund lege ist nichts anderes, als eine Blütenlese aus den gegnerischen Recensionen. Dabei darf ich versichern, daß es nicht die schlechtesten, sondern die besten Argumente der Gegner sind, die sich hier behandelt finden; ich habe nichts übergangen, was irgend durch das persönliche Gewicht des Kritikers oder durch den leisesten Anschein innerer Berechtigung Anspruch auf Berücksichtigung haben mochte, und ebenso nichts aufgenommen, was nicht unter dem einen dieser beiden Gesichtspunkte Beachtung erforderte. Ich habe nichts erdichtet und nichts verschwiegen, und wenn der unbefangene Leser finden sollte, daß die Angriffe, die mein Professor Tenax gegen die freiländische Sache richtet, durchaus danach angethan sind, deren Unanfechtbarkeit erst recht in helles Licht zu setzen, so wird dies ein Erfolg sein, den ich nicht mir, sondern meinen Kritikern verdanke.

Wien, 1893.

Theodor Hertzka.


[1] „Freiland, Organ der Freilandvereine“, Wien VIII., Lange Gasse 53.

[2] „Freiland, ein sociales Zukunftsbild“ von Theodor Hertzka. Erste vollständige Ausgabe bei Duncker und Humblot, Leipzig; die folgenden Ausgaben bei E. Pierson, Dresden und Leipzig.

Erstes Kapitel.
Warum ich auswanderte.

Jetzt hält mich nichts mehr; mein Entschluß steht fest; ich ziehe nach Freiland!

Warum? — Meine guten Freunde sagen, weil ich ein überspannter Phantast sei, ja, ich vermute, daß es, wenn ich nicht dabei bin, kürzer und einfacher heißt: „weil er ein Narr ist.“

Ob sie nicht vielleicht recht haben?

Wenn in allen Stücken anders denken, als alle andern, närrisch sein heißt, dann bin ich ein Narr. Denn ich denke wirklich in allen, zum mindesten in allen wichtigen Stücken anders, als meine Bekannten und Freunde, deren ich, da ich reich bin, eine erstaunlich große Zahl besitze. Und sie alle halten mich für glücklich, beweisen mir täglich mit unwiderleglichen Gründen, daß ich es sei, während ich — und das ist eben meine fixe Idee — mich tief unglücklich fühle. Nicht etwa, daß ich den Spleen hätte; bewahre! Ich bin voll Lebensdrang und von Natur aus heiteren Gemütes; dabei jung, gesund und wie schon gesagt, reich, besitze ein angenehmes Äußere und meine Erfolge in der „Gesellschaft“ lassen so wenig zu wünschen übrig, daß ich bis vor wenigen Stunden der vielbeneidete Bräutigam eines der schönsten, gebildetsten und liebenswürdigsten Mädchen aus einer der ersten Familien unserer Stadt war.

Wenn der scharfsinnige Leser hier die Schlußfolgerung zieht, daß ich zur Stunde, wo ich dieses schreibe, nicht mehr Bräutigam dieser schönen, gebildeten und liebenswürdigen Dame aus vornehmem Hause sei, so hat er richtig geraten; wenn er aber weiter kombinieren sollte, daß vielleicht dieser Verlust mich in so weltschmerzelnde Stimmung versetze, so irrt er. Mein Weltschmerz trägt die Schuld, daß ich meine Braut verlor, aber der Abschied, den mir meine Braut gab, ist ganz und gar unschuldig an meinem Weltschmerz. Im Gegenteil; ich darf behaupten, daß ich mich ruhiger, hoffnungsvoller fühle, seitdem mich mein zukünftig gewesener Schwiegervater für einen unverbesserlichen Faselanten erklärte, der sich hinfort seine Tochter aus dem Kopfe schlagen möge, und diese Tochter, unter Thränen, aber deshalb nicht minder entschieden, ihm Zustimmung genickt hatte. Aber auch gegen die Auffassung muß ich mich verwahren, als ob mir meine Braut gleichgültig gewesen, es sich zwischen ihr und mir wohl gar um eine bloße Konvenienzehe gehandelt, bei welcher gesellschaftliche Stellung und Vermögen die Hauptsache, die Personen bloßes Beiwerk gewesen. Zwar auf der andern Seite — darüber gab ich mich keinen Augenblick einer Täuschung hin — waren meine äußeren Glücksumstände wohl stets das ausschlaggebende; meiner Braut und ihrer ganzen Familie wäre es sicherlich nicht beigefallen, an eine Verbindung mit mir zu denken, auch wenn ich tausendfach klüger, hübscher, gelehrter wäre, als thatsächlich der Fall, dabei aber nicht genügendes Vermögen besäße; indessen gerade der Anlaß des Bruches beweist, daß ihnen denn doch auch meine persönlichen Eigenschaften nicht ganz gleichgültig erschienen, denn nur um diese, nicht um meine Glücksumstände hatte es sich bei der Lösungskatastrophe gehandelt. Und was vollends meine Gefühle betrifft, so kann ich mit gutem Gewissen versichern, daß dieselben stets nur den persönlichen Tugenden und Reizen meiner Verlobten galten. Für „ewig“ hatte ich meine Liebe selber niemals gehalten; doch wer mir gestern gesagt hätte, daß ich auf dieses schönheitstrahlende Geschöpf verzichten könnte, ohne in gelinde Verzweiflung zu verfallen, den hätte ich für einen schwarzen Verläumder erklärt. Aber Thatsache ist eben, daß mich der Bruch dieses Verlöbnisses wunderbar gleichgültig läßt, ja daß ich eine sonderbare Genugthuung und Beruhigung darob empfinde. Mir ist zu Mute, als ob ich einer Fessel ledig wäre, als ob ich meinem ureigensten Selbst wiedergegeben sei und jetzt erst thun könne und müsse, was ich längst hätte thun sollen und eigentlich, ohne mir selbst klar darüber geworden zu sein, längst gewollt.

Doch mit all dem habe ich immer noch nicht gesagt, worin mein Unglück, oder das, was ich dafür halte, zu suchen sei. Es ist — fast schäme ich mich, es zu gestehen — das Elend anderer Leute. Ich leide, weil Menschen, die mich offenbar gar nichts angehen, hungern und frieren, in Not und Entwürdigung schmachten. Ich werde den Gedanken nicht los, daß es meine Pflicht wäre, ihnen irgendwie zu helfen, trotzdem sie durchaus keinen andern Anspruch auf mein Mitgefühl besitzen, als die Thatsache, von einem menschlichen Weibe geboren zu sein, gleich mir. Und das ist nicht etwa ein kühler, nüchterner Gedanke, der durch die Vorstellung, daß sich diesen Elenden eben nicht helfen lasse, leicht zum Schweigen zu bringen wäre, sondern ein brennendes, stürmisches Begehren, welches allen Einschläferungsversuchen standhält. Der leckerste Bissen wird mir vergällt, wenn ich, indem ich ihn zum Munde führe, zufällig daran denke, daß Mitmenschen, die durchaus für meinesgleichen zu halten ich mir nun einmal in den Kopf gesetzt habe, Mangel am Notwendigsten leiden, während ich prasse. Meine krankhafte Phantasie gaukelt mir in solchen Momenten allerlei aberwitzige Vorstellungen von hohläugigen, verschmachtenden Männern, Weibern und Kindern vor, und gesellt sich dazu noch die Einbildung, daß diese Ärmsten vielleicht gerade diejenigen sind, die den Schweiß ihres Angesichtes und das Mark ihrer Knochen daransetzen mußten, dasjenige hervorzubringen, was zu genießen ich mich anschicke, so wird mir, als röche ich diesen Schweiß, als schmecke meine Zunge das Mark — und mit dem behaglichen Genießen ist es natürlich vorbei. Ähnlich ergeht es mir mit all den guten und schönen Dingen, die ich mir kraft meines Reichtums verschaffen kann, und deren sich andere, normal veranlagte Menschen harmlos erfreuen; mir grinst aus ihnen allen die Marter um ihr Recht am Leben betrogener Mitmenschen entgegen.

Und wenn es dabei noch sein Bewenden hätte! Aber der Quälgeist in meinem Gemüte macht mich verantwortlich für die Laster und Verbrechen anderer. „Jener Dieb, den sie heute eingefangen,“ so raunt er mir zu, „hätte sich niemals gegen die Gesetze vergangen, wenn ihm diese die Möglichkeit ließen, sich und die Seinen ehrlich zu ernähren; du aber bist es, der Vorteil aus diesen Gesetzen zieht. Der Raubmörder, den sie morgen henken werden, er hat seine That aus Not begangen; du mit den deinen, ihr schuft seine Not! Das Mädchen dort an der Straßenecke, das seinen Leib um Geld feil hält, es wäre glückliche Gattin und Mutter, hättet ihr den Mann, der sie liebte, nicht gehindert, eine Familie zu gründen!“

Und so erfolgreich waren diese unablässigen Einflüsterungen, daß der Dämon mich endlich dahin brachte, Redensarten wie: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ oder: „Was du nicht willst, daß man dir thu’, das füg’ auch keinem andern zu,“ buchstäblich zu nehmen und mich mit dem Gedanken ihrer Ausübung zu beschäftigen, als ob nicht jeder Gebildete wüßte, daß sie nur da sind, damit empfindsame Gemüter sich an der Erhabenheit ihres Inhaltes erbauen, nicht aber, damit man danach handle. Wohin kämen wir, wollten wir unsern Nächsten wirklich lieben wie uns selbst? Wir leben im Zeitalter der Humanität und leisten an Nächstenliebe ohnehin das Menschenmögliche; aber: „wie sich selbst“, das hieße ja: „wie ein Wesen derselben Art, desselben Rechts an das Leben, wie wir, also nicht wie unsere Haustiere, die wir ausnützen, als bloße Mittel zu unseren Zwecken behandeln.“ Oder: „Andern nicht zufügen, was man nicht wolle, das einem selber geschehe!“ Kann ich wollen, daß andere mich zum Tragen ihrer Lasten gebrauchen? Sicherlich nicht. Also dürfte ich auch andere nicht zum Tragen meiner Lasten gebrauchen?

Zum Entsetzen all meiner wohlgesinnten Freunde schrecke ich selbst vor dieser äußersten Konsequenz nicht zurück. Die erprobtesten Vernunftgründe scheitern an meiner Verblendung. Das möge dem Ideale der Gerechtigkeit entsprechen — so wird mir vorgehalten —, wenn wir aber allesamt an der Last dieser Welt gleichmäßig mitzutragen hätten, dann wäre das unvermeidliche Ergebnis, daß wir allesamt hart beladene, arme Teufel blieben, was nicht bloß ein schlechter Tausch für die Wenigen wäre, die in der angenehmen Lage sind, ihre Last den Vielen aufzubürden, sondern schließlich auch für diese Vielen selbst. Denn allgemeine Armut bedeute ja Stillstand der Kultur, Barbarei; die Kultur aber sei es, was uns die Mittel zu Erleichterung der Lasten des Lebens an die Hand gebe, mit andern Worten, der ausgebeutete Arbeiter der Kulturwelt sei immer noch besser daran, als der Wilde.

Und was antworte ich auf diesen grundgelehrten, von tiefster Einsicht in den Zusammenhang aller Dinge Zeugnis ablegenden Vorhalt? Bin ich gerührt vom Opfermute jener Edlen, die sich lediglich im Interesse des Kulturfortschrittes dazu hergeben, zu genießen, was das Ergebnis der Arbeit anderer ist? Keineswegs. Ich frage mit teuflischem Hohne, wozu wir denn all die herrlichen Erfindungen der Neuzeit, auf die wir so stolz sind, gemacht hätten, wenn nicht dazu, den Elementen jene Last aufzuerlegen, die wir gestützt allein auf die eigene Kraft allerdings nicht ohne Schaden für die Kultur gerecht verteilen könnten? Ob wir den Wolken ihren Blitz, der Unterwelt ihr Feuer bloß deshalb geraubt, damit aus zahllosen Schloten möglichst dichter Kohlendampf als süßer Opferduft gen Himmel steige? Ob das vielleicht der Weihrauch sei, mit dem wir unserem Götzen „Mammon“ räucherten? Denn einen andern Zweck unseres sogenannten Fortschritts vermochte ich bisher nicht zu entdecken. Keines arbeitenden Menschen Plage sei zur Stunde durch die Riesen „Dampf“ und „Elektrizität“ erleichtert worden, ja das Elend von Millionen werde nur desto ingrimmiger und bitterer, je höher unsere Kunst wachse, Überfluß zu erzeugen. Und ob denn die Menschheit wirklich so blödsinnig geworden sei, das alles für selbstverständlich und unabänderlich zu halten, eine Gedankenlosigkeit, von welcher frühere Jahrhunderte und Jahrtausende frei gewesen. Zwar, daß Elend und Knechtschaft notwendig seien, habe man vor Zeiten ebenso geglaubt als gegenwärtig, aber man habe wenigstens gewußt, warum man das glaubte und auch recht klare Vorstellungen darüber genährt, was geschehen müßte, damit Elend und Knechtschaft überwunden würden. Schon Plato und Aristoteles hätten gelehrt, daß die Knechtschaft in dem Unvermögen begründet sei, Reichtum und Muße für alle zu erzeugen. „Wenn das Weberschiffchen ohne Weber läuft und der Pflug ohne Stier sich bewegt, dann werden alle Menschen frei und gleich sein —“ erklärte Aristoteles. Und ganz im gleichen Sinne, nur viel bestimmter noch, habe sich zwei Jahrtausende nach dem großen Griechen Bacon von Verulam, der Begründer der modernen Naturwissenschaften, ausgesprochen. Er habe prophetischen Blicks die Zeit kommen sehen, wo die Elemente alle grobe aufreibende Arbeit für den Menschen verrichten würden, und als selbstverständliche Folge davon vorhergesagt, daß Knechtschaft und Elend aus der Welt verschwinden. Nun denn, diese Zeit sei gekommen, das Weberschiffchen bewege sich ohne den Weber, der Pflug ohne den Stier, die Elemente seien bereit, alle grobe aufreibende Arbeit für den Menschen zu verrichten; das Geschlecht aber, das all das erlebt und das dreimal selig zu preisen wäre, wenn es zu nützen wüßte, was ihm zu teil geworden, es verschließe seine Augen gegen die einzig vernünftige Bedeutung des unermeßlichen Heils, glaube noch immer der Knechtschaft zu bedürfen und verurteile sich damit selber zum Elend.

Nur freilich, wie man es anzustellen habe, um die Menschheit dieses Heils teilhaftig werden zu lassen, darüber hatte ich, trotz meines Dämons, lange Zeit keinerlei klare Vorstellung. Daß die kommunistischen und anarchistischen Weltverbesserungspläne nichts taugten, begriff ich. Die einen hätten die Erde in ein großes Zwangsarbeitshaus verwandelt, die zweiten unmittelbar der Barbarei überantwortet. Ich wollte weder die Freiheit noch die Ordnung missen — wie beide zu vereinbaren wären, wußte ich nicht, so felsenfest auch meine Überzeugung war, daß es geschehen müsse und daher geschehen werde.

Da erstand Freiland, der Weg der Freiheit und Ordnung war gefunden und mächtig drängte es mich, ihn zu betreten. Aber mein Wille war nicht stark genug, um die Bande zu zerreißen, die mich hier festhielten. Ich hätte eine alte Mutter und als diese gestorben war, eine reizende Braut zurücklassen müssen; zu beidem fand ich nicht den Mut und nicht die Kraft. Jetzt aber bin ich frei, frei wie der Vogel in der Luft, und das ist folgendermaßen gekommen. Man erwarte hier keine hochromantische Verwickelung; alles, was sich begab, ist so alltäglich als möglich, und was für mein Verlöbnis zur trennenden Katastrophe geworden, würde die meisten in meiner Lage sehr gleichgültig gelassen haben. Doch zur Sache.

Nach all dem, was ich dem Leser schon gebeichtet, wird er es erklärlich finden, daß es meinem Geschmacke nicht entsprach, als vornehmer Müßiggänger zu leben, wie mir mein Reichtum ermöglicht hätte. Nicht daß ich mir einbildete, durch welche Thätigkeit immer innerhalb des Rahmens der bestehenden Gesellschaft das Unrecht, welches deren Unterlage ist, gutmachen oder auch nur mildern zu können. Ich wollte arbeiten, ernstlich arbeiten lediglich aus dem Grunde, weil mir der Müßiggang verächtlich erschien. Ich wählte daher einen Beruf und zwar den eines Ingenieurs und bewarb mich nach beendigten Studien um eine entsprechende Stellung. Meiner Verlobten und deren Eltern war das nicht recht, denn sie meinten, daß für einen jungen Mann meines Reichtums und meines gesellschaftlichen Ranges, wenn er schon durchaus „arbeiten“ wolle, ein anderer Beruf passender gewesen wäre. Indessen, da ich auf meinen Willen bestand, ließ man mich gewähren. Aber die Anstellung verzögerte sich; es verstrichen zwei Jahre und immer noch kam das erwartete Dekret nicht. Da mengte sich der Vater meiner Braut in die Sache: Sicherlich hätte ich — als unpraktischer Idealist, der ich nun einmal sei — alles so verkehrt als möglich angefaßt, da andernfalls ganz und gar unbegreiflich wäre, daß man einen Mann von meinen „Konnexionen“ so lange auf eine so bescheidene Stelle warten lasse. Darauf antwortete ich, daß meine Konnexionen mit meinem Anstellungsgesuche nichts zu thun hätten. Der Amtsvorstand, mit dem ich in der Sache verkehrte, kenne mich nicht näher, und da mein Familienname zu den häufig vorkommenden gehört, so vermute der gute Mann offenbar nicht im entferntesten, daß es der vornehme, reiche N. sei, der ihm die Ehre anthun wolle, unter seiner Leitung Pläne zu zeichnen und Maschinen zu konstruieren.

Dieses Gespräch hatte vorgestern stattgefunden. Heute morgens brachte mir ein Amtsdiener mein Bestallungsdekret ins Haus. Freudig überrascht eilte ich in die Anstalt, um dem Direktor meine Dankesvisite abzustatten. Er empfing mich mit freundschaftlichen Vorwürfen darüber, daß ich gleichsam inkognito mich um ein Amt beworben und entschuldigte sich geradezu, mich so lange warten gelassen zu haben. „Hätte Ihr zukünftiger Schwiegerpapa mich nicht mit seinem Besuche beehrt,“ meinte er schmunzelnd, „so wüßte ich heute noch nicht, wer Sie sind.“

Mich ärgerte das nicht wenig. Ich hatte mir geschmeichelt, durch meine Zeugnisse, die Beweise meines Fleißes und meiner Kenntnisse, etwas erlangen zu können und sah mich nun durch meine „Konnexionen“ ins Amt gebracht. Allein die Sache war einmal geschehen und so machte ich denn leidlich gute Miene zum bösen Spiel. Ich verabschiedete mich unter den üblichen Höflichkeitsphrasen und hatte nur die Absicht, meinem schwiegerväterlichen Freunde einige Vorwürfe wegen seiner unerbetenen Einmischung zu machen. Allein es sollte anders kommen.

Im Begriffe fortzugehen, stieß ich im Wartezimmer des Direktors auf einen Kollegen, den ich schon wiederholt hier getroffen und der, wie ich wußte, gleichfalls auf Anstellung wartete — nur, zum Unterschiede von mir, nicht seit zwei, sondern schon seit vier Jahren. Ich erzählte ihm, daß ich soeben eine Stelle erhalten hätte und bezeichnete dieselbe auf Befragen genauer. Da verfärbte sich der Mann plötzlich und wäre, hätte ich ihn nicht rasch aufgefangen, zu Boden gesunken. Peinlicher Ahnungen voll forschte ich nach der Ursache dieses auffallenden Benehmens und erfuhr denn, daß die mir zuteil gewordene Stelle gerade diejenige sei, auf die man ihn seit Jahr und Tag vertröstete. Nun wußte ich, daß der Bedauernswerte früher einmal schon Angestellter des nämlichen Instituts gewesen, seinen Dienst auch zu voller Zufriedenheit versehen und nur deshalb entlassen worden war, weil die Abteilung, in welcher er beschäftigt gewesen, aufgelöst wurde. Dabei war der Mann verheiratet, Vater von vier Kindern und während der langen Wartezeit allgemach ins tiefste Elend geraten. Die letzte Habe war bereits gepfändet und die Familie stand unmittelbar vor dem Hungertode. Das alles erzählte er mir, mühsam die Worte hervorwürgend, und in seinen Augen flimmerte es seltsam unheimlich, wie von Gedanken an Rasiermesser, Kohlendunst oder sonstige Mittel des Selbstmordes.

Mein Entschluß war sofort gefaßt. Ich ersuchte den Ärmsten, mich zu erwarten und ließ mich neuerlich beim Direktor melden. Diesem erklärte ich in kurzen, dürren Worten, was ich erfahren, gab ihm mein Dekret zurück und forderte ihn auf, die Anstellung dem älteren, besser berechtigten Bewerber zuzuwenden. Er lachte mich aus. „Wenn Sie es nicht werden, so giebt es andere Aspiranten in Fülle, die Ihrem Schützling vorangehen. Ich selbst bedauere den armen Teufel, aber was soll ich machen? Nicht weniger als sieben Bewerber um dieselbe Stelle werden von unterschiedlichen einflußreichen Persönlichkeiten protegiert und sie ist nur aus dem Grunde bisher nicht vergeben worden, weil diese verschiedenen Einflüsse sich gegenseitig die Wage hielten. Ihre Konnexionen gehen denen aller anderen entschieden vor; dies hat dem Schwanken ein Ende gemacht. Sie blicken mich verächtlich und zornsprühend an? Ja, vermuten Sie denn, daß mir Protektionskinder lieber sind als verdiente Kollegen? Bin ich denn der Herr hier? Hänge ich nicht selber ab von jenen Einflüssen, die bei dieser Anstellung spielen? Ließe ich mir beifallen, gegen diese Gönnerschaften anzukämpfen, sie würden sehr bald mich selber hinwegfegen. Glauben Sie mir, junger Freund, mit den Wölfen muß man heulen, und wer es nicht ertragen kann, Hammer zu sein, der wird sich gar bald als Ambos finden, auf den die anderen loshämmern. Wenn Sie das nicht einsehen, taugen Sie nicht für unsere Verhältnisse, und ich kann Ihnen nur den Rat geben, uns möglichst bald den Rücken zu wenden.“

Ich erklärte dem weltklugen Geschäftsmann, dem ich im übrigen nicht unrecht geben konnte, er möge es mit der Stelle halten wie er wolle und könne, ich für meinen Teil verzichte endgültig auf dieselbe. Meinem Mitbewerber erzählte ich draußen, was vorgefallen und händigte ihm eine Summe ein, genügend groß, um ihn und seine Familie für längere Zeit vor Not zu bewahren, gab ihm aber den wohlgemeinten Rat mit auf den Weg, sein Bündel zu schnüren und nach Freiland auszuwandern.

Eine halbe Stunde später hatte ich eine Auseinandersetzung mit dem Vater meiner Verlobten. Ich wollte ihm seine unberufene Einmischung vorhalten; kaum aber hatte er erfahren was geschehen, als er den Spieß umkehrte und mich mit den heftigsten Vorwürfen überschüttete. Ich sei ein durchaus unzurechnungsfähiger, für den „Ernst des Lebens“ schlechthin unbrauchbarer Mensch; längst schon habe er es bereut, seine Einwilligung zur Vermählung seines Kindes mit solchem Faselanten erteilt zu haben; nunmehr aber wäre seine Langmut zu Ende; ich möge mich zum T..... scheren und meine Menschenfreundlichkeit anderswo an den Mann bringen.

Der Engel, dem ich mich hatte verbinden wollen, war Zeuge dieser Scene. Einen Augenblick lang hoffte ich, die Erwählte meines Herzens für mich Partei nehmen zu sehen. Es geschah nicht; im Gegenteil, sie stand auf Seite des Vaters und versuchte bloß schüchtern, auf mildernde Umstände für mich zu plaidieren. Ich sei noch jung, meinte sie, eine augenblickliche Gefühlswallung habe mich wohl übermannt und man dürfe die Hoffnung nicht aufgeben, daß ich, durch Schaden klug geworden, hinkünftig derlei Thorheiten unterlassen würde. Als ich aber erklärte, mit gutem Vorbedachte gehandelt zu haben, als ich hinzufügte, ich müßte mich verachten, wenn ich jemals anders handeln könnte, da kehrte sie mir geringschätzig den Rücken.

Als sie sah, daß ich mich, ohne Buße zu thun, zum Abschied anschicke, machte sie zwar noch einen Versuch, mich unter Thränen und Beschwörungen festzuhalten. Aber der Kehrreim all ihrer Bitten war immer und immer wieder, ich möge doch endlich ein „vernünftiger Mensch“ werden, aufhören, mich um fremder Leute Angelegenheiten zu kümmern. Der Zauber, der mich an das anmutige Geschöpf bis dahin gebunden, war gründlich zerstört; ich erkannte, daß es eine gemütlose Puppe gewesen, der ich gehuldigt. Was ich anfangs als Opfer meiner Überzeugungstreue angesehen — der Bruch mit ihr — das nahm, je mehr sie sprach und weinte, mehr und mehr die Gestalt einer Belohnung an. Ich sah, meine Handlungsweise hatte mich davor bewahrt, Opfer eines Irrtums zu werden, den ich bei Auswahl meiner zukünftigen Gattin begangen. Das merkte endlich der Gegenstand meiner einstigen Zärtlichkeit selber; ich erhielt unter zornigen Worten meinen Abschied.

So ist das letzte Band, das mich festhielt, gerissen. Meine Angelegenheiten hier werden in wenigen Tagen geordnet sein und dann auf nach Freiland!

Zweites Kapitel.
Die Reise.

Ich wählte für die Reise nach Freiland ein freiländisches Schiff. Es flößte mir zwar einiges Bedenken ein, daß auf den Riesendampfern, welche dieser Staat seit einer Reihe von Jahren zwischen der ostafrikanischen Küste und den Haupthafenplätzen Europas wie Amerikas laufen läßt, keinerlei Klassenunterschiede bestehen, denn da diese Schiffe in der Regel von mehr als tausend Auswanderern benutzt werden, so hegte ich hinsichtlich der Bequemlichkeit dieser gleichförmigen Unterkunft einige Zweifel und ich war einen Augenblick lang versucht, die Seereise mit den französischen Messageries maritimes oder mit der englischen P. & O. Company zu machen. Indessen, schließlich überwog der Wunsch, das freiländische Wesen so früh als möglich kennen zu lernen, und so meldete ich mich denn bei der nächsten freiländischen Agentur für den am 2. Mai von Triest abgehenden Dampfer „Urania“ an.

Ich hatte diese Wahl nicht zu bereuen. Wir waren unser nicht weniger als 1160 Passagiere, aber die freiländischen Schiffe sind so eingerichtet, daß alle Mitfahrenden in zwar kleinen, aber netten, bequem ausgestatteten Kabinen gesonderte Unterkunft finden. Tagsüber nehmen gewaltige, luftige Speise- und Gesellschaftssäle die Reisenden auf, für die Nacht hat jedermann und jede Familie gesonderte Schlafräume. Da insbesondere während der Fahrt durch das rote Meer die Hitze mitunter sehr groß ist, so wird durch kräftige Ventilationsapparate, die allen Räumen des Schiffes frische Luft zuführen, für ausreichende Abkühlung gesorgt. Die Verpflegung ist einfach, aber vortrefflich, die Reinlichkeit über jedes Lob erhaben.

Die Erlebnisse der Seefahrt will ich übergehen. Am 8. Mai passierten wir den Suezkanal, am 19. desselben Monats warf die „Urania“ in der Reede von Lamu Anker.

Dieser Ort, noch vor sieben Jahren, als Freiland gegründet wurde, ein unansehnliches Arabernest, ist jetzt eine große, mit allen Behelfen des modernen Verkehrs ausgestattete Handelsstadt. Die Engländer, die hier herrschen, haben die Vorteile, die ihnen das freiländische Hinterland gewährt, trefflich auszunutzen verstanden.

Die Einwanderung nach Freiland, die mit verschwindenden Ausnahmen die Richtung über Lamu und die Tanamündung nimmt, hat im Vorjahre die Ziffer von 500000 Seelen nahezu erreicht und ist in stetem Wachstum begriffen; der Warenhandel betrug im selben Jahre 92 Millionen Pfund Sterling in der Ausfuhr und ebenso viel in der Einfuhr. Dieser Handel ruht zwar in den Händen des freiländischen Gemeinwesens, aber die Engländer und die ganze Küstenbevölkerung haben selbstverständlich kolossale Vorteile davon, wie sich am rapiden Wachstum Lamus und dem sichtlichen Wohlstande der dortigen Bevölkerung deutlich zeigt.

Der größere Teil von uns Einwanderern stieg in Lamu ans Land, wo große, Freiland gehörige Hotels uns aufnahmen. Bloß ein kleiner Teil — nicht ganz zweihundert — bestiegen sofort in der Reede einen kleinen Dampfer, der, das Vorgebirge von Ras-Schaga umschiffend, durch die Bay von Ungama direkt in die Tanamündung einläuft. Diese direkte Einfahrt in den Strom, der auch uns später als Weg in die neue Heimat diente, ist mitunter, wenn der Wind nicht gerade günstig weht, nicht ungefährlich, denn der Tana bildet an seiner Mündung eine Barre, die früher beinahe ganz unpassierbar war und auch jetzt, nachdem Baggerungen vorgenommen worden sind, der Schiffahrt ernstliche Hindernisse bereitet. Man muß die Brandung passieren, die dabei in recht häßlicher Weise über Deck zu spülen pflegt, wird aus diesem Anlasse jedenfalls gehörig hin- und hergeworfen, und das ist, insbesondere wenn man gerade eine siebzehntägige Seereise glücklich hinter sich hat, nicht jedermanns Sache.

Die Mehrzahl, und darunter auch ich, zog es — wie gesagt — vor, die Tanabarre auf dem Landwege zu umgehen. Lamu liegt auf einer Insel, vom Festlande durch einen schmalen Kanal getrennt. Dieser Kanal bildet Lamu gegenüber eine tief in das Land hineinreichende Bucht und vom äußersten Endpunkte dieser Bucht, wo die Ortschaft Mkonumbi liegt, haben die Engländer eine Eisenbahn an den untern Tana gebaut, die wir dann benutzten.

In Engatana, wo wir den Tana erreichten, nahmen uns freiländische Flußdampfer auf, und zwar standen zu diesem Behufe für die signalisierten neunhundert Passagiere fünf Dampfschiffe bereit. Der Tana ist ein mächtiger Strom, so breit und tief als der Rhein bei Köln oder die Donau bei Wien, und ich konnte daher nicht begreifen, warum man es nicht vorzieht, größere Schiffe zu bauen. Später, als wir nach vierzehnstündiger Bergfahrt Odaboruruwa erreichten, wurde mir das Rätsel gelöst. Der Tana teilt sich von da ab in zahlreiche Arme, die so mannigfaltig verschlungen und gewunden sind, daß größere und insbesondere längere Schiffe leicht steckenbleiben könnten; deshalb zieht es die freiländische Verwaltung vor, kleinere Schiffe gehen zu lassen, die dafür den Vorzug haben, die Reisenden, ohne daß ein Umsteigen nötig wäre, bis Hargazzo befördern zu können, wo die Stromschnellen und Katarakte beginnen und alle Schiffahrt ein Ende hat.

Auch die zwanzig Stunden dauernde Stromreise auf dem Tana, von Engatana bis Hargazzo, will ich kurz übergehen. Bis Odaboruruwa war die Fahrt ziemlich einförmig. Die Ufer des herrlichen Stromes sind auf beiden Seiten von Gebüschen und Waldungen eingesäumt, die das Hinterland dem Blicke vollständig entziehen. Häufig zwar sind diese Uferwaldungen von üppigen, mitten in denselben eingebetteten Ansiedelungen, sei es der schwarzen Ureinwohner, sei es weißer Einwanderer, unterbrochen; aber diese Ansiedelungen gleichen mit ihren netten, von Bananen beschatteten Häuschen, mit ihren üppigen Feldern und Obsthainen einander so sehr, daß sie schon nach wenigen Stunden die Aufmerksamkeit nicht mehr erregen. Ganz anders wird die Scenerie von Odaboruruwa an. Hier bieten die zahllosen Inseln und die Krümmungen des Flußlaufes stets neue und entzückende Ansichten, dabei beginnt der Fluß, der von da ab äußerst fischreich ist, eine überaus belebte Tierwelt zu zeigen. Flamingos und anderes Wassergevögel besetzt zu Myriaden alle seichten Uferstellen; die Flußpferde sind an einzelnen Plätzen so zahlreich und dichtgedrängt, daß es fast scheint, als würden sie den Schiffslauf aufhalten; doch sind die ungeschlachten Gesellen stets, bevor sie der Dampfer erreicht, untertauchend verschwunden, um mit einer Behendigkeit, die man ihnen gar nicht zutrauen sollte, erst in weiter Entfernung wieder aufzutauchen. Nicht so eilig haben es in der Regel die Krokodile, die gleichfalls in großer Zahl an allen sonnigen Uferbänken lagern und im Vertrauen auf ihren Panzer die Dampfschiffe unbesorgt herannahen lassen.

Nach Mitternacht erreichten wir Hargazzo, die Umschlagstation zwischen Tanaschiffahrt und freiländischer Eisenbahn. Hier haben die Freiländer ihre erste Ansiedelung gegründet, die jedoch noch außerhalb ihres eigentlichen Gebietes liegt. Sie ist dazu bestimmt, den Reisenden Unterkunft zu bieten, und eine großartige Land- und Gartenwirtschaft dient dazu, die für den Empfang der zahllosen, täglich wechselnden Ankömmlinge erforderlichen Bedarfsartikel an Ort und Stelle zu erzeugen. Die Fruchtbarkeit ist hier eine außerordentliche, alle Vorstellungen überflügelnde. Die oberhalb dieses Ortes beginnenden Stromschnellen ermöglichen die reichliche Bewässerung des fetten Humusbodens, die glühende äquatoriale Sonne — denn Hargazzo liegt bloß einen halben Breitegrad südlich vom Äquator — bringt jegliche Frucht in fabelhaft kurzer Zeit zu üppigster Reife, so daß einhundertzwanzig- bis einhundertfünfzigfache Ernte vom gesäeten Korn hier zweimal im Jahre die Regel ist.

Ich habe mich in Hargazzo nur einen Tag lang aufgehalten und muß erklären, daß ich trotz der äquatorialen Lage und trotzdem die Seehöhe des Ortes nicht ganz dreihundert Meter ist, von absonderlicher Hitze wenig bemerkte. Die Gegend beginnt hier schon gebirgig zu werden, kühle, schattige Thäler verlaufen sich bis unmittelbar an den Fluß und da es in der Nachbarschaft keine Sümpfe giebt, so halte ich den Ort auch für durchaus gesund. Trotzdem betrachten die Freiländer Hargazzo nicht als dauernden Ansiedelungspunkt. Die Bewohner verweilen hier immer nur kurze Zeit und werden längstens nach Jahresfrist durch Ersatzmänner abgelöst. Die Freiländer haben nämlich die Erfahrung gemacht, daß die, wenn auch nicht übermäßige, so doch andauernde Hitze, die überall im äquatorialen Tieflande herrscht, den meisten Europäern auf die Länge der Zeit nicht zuträglich sei. Einige Monate, ja selbst Jahre hindurch erträgt man sie ohne Beschwerde, dann aber stellt sich leicht Appetitlosigkeit in Verbindung mit lästigen Leberleiden ein. Und da die Freiländer es nicht nötig haben, ihre Gesundheit zu gefährden, um reichlichen Lebensunterhalt zu finden, so vermeiden sie es, einen der Ihren auch nur der entfernten Möglichkeit solcher Gefahren auszusetzen.

Nach eintägigem Aufenthalte dampfte ich mit der freiländischen Eisenbahn nordwestwärts dem Kenia zu. Der Ausdruck „dampfen“ ist jedoch hier bloß figürlich zu nehmen, denn diese Linie wird nicht durch Dampf, sondern durch Elektrizität betrieben. Die Stromschnellen und Katarakte des Tana liefern hierfür, wie für eine Menge anderer Verkehrs- und Industrieanlagen Freilands, die elektrische Kraft. Um das begreiflich zu finden, muß man wissen, daß der Strom von Hargazzo bis Kikuja eine ununterbrochene Kette von Schnellen und Wasserfällen bildet, deren Großartigkeit in der ganzen übrigen Welt nicht ihresgleichen hat. Der Tana besitzt auf dieser rund 200 Kilometer langen Strecke ein Gefäll von über 5000 Fuß und einzelne der Katarakte haben eine Fallhöhe von 300 Fuß. Es ist also hier eine motorische Energie von vielen Millionen Pferdekräften verfügbar und trotzdem Freiland bisher schon für die 21/2 Millionen seiner derzeitigen Einwohnerzahl diese Kraftquelle recht ausgiebig angezapft hat, so ist für fernere Zwecke noch immer genug vorhanden.

Also der Tana war es, der, auch nachdem wir ihn verlassen, unsere Beförderung weiter besorgte. Die Schwerkraft, die sich in seinen Wässern auf ihrem Wege vom Kenia zum Thale gleichsam aufgestapelt hatte, dient nun dazu, in Elektrizität verwandelt uns bergauf durch alle Windungen der mächtigen Gebirgswelt, in die wir jetzt eintraten, dem Kenia entgegenzuheben.

Unser Zug brauchte für die 280 Kilometer der Tana-Keniabahn zwölf Stunden. Vom Schlusse des nächsten Jahres ab, wenn die bereits im Bau begriffene neue Tana-Keniastrecke vollendet sein wird, dürften für den gleichen Weg vier Stunden genügen. Die derzeit noch im Betriebe befindliche Linie ist ein provisorischer Bau, den Freiland im zweiten Jahre seines Bestandes in Angriff genommen und vollendet hatte. Es giebt da eine Menge sehr scharfer Krümmungen und steiler Steigungen; die Brücken und Viadukte sind zum Teil aus Holz gezimmert, was alles notwendig macht, daß langsam gefahren werde.

Die großartige Romantik der Hochgebirgswelt, in welche wir bald nach Hargazzo eindrangen, spottet jeder Beschreibung. Die Bergriesen, an deren Fuß und Seite der Zug emporkletterte, haben bis zu 12000 Fuß Höhe; ihre Lehnen sind teils von undurchdringlichem, majestätischem Urwalde bestanden, teils von parkartigen Wiesen bedeckt, teils aber starren sie uns in unheimlicher, wilder Schroffheit entgegen. Die Mittagsrast hielten wir in einem Thale, dessen lachende Lieblichkeit an die schönsten Landschaften der oberitalienischen Alpenwelt erinnert; eine Stunde später rollte der Zug durch eine Felsenwildnis von schauriger Öde, in welcher kein Grashalm, kein Tier die Starrheit des Todes unterbrach. Und abermals eine Stunde später durchmaßen wir ein üppiges breites Flußthal, welches von ungezählten Schaaren friedlich weidender Antilopen, Zebras und Büffel, Rhinocerosse und Elefanten gleichsam erfüllt schien.

Alles bis dahin Gesehene trat jedoch weit in den Hintergrund, als um die vierte Nachmittagsstunde der Zug den Kamm des zwischen Tana und Kenia gelagerten Gebirgsstockes erklommen hatte und nun die Gletscherwelt des Kenia sich urplötzlich unseren entzückten Blicken darbot. Zugleich machte die bis dahin herrschend gewesene ziemlich drückende Schwüle einer erfrischenden Kühle Platz, hervorgerufen offenbar durch die vom Kenia herabwehenden Brisen. Wir hatten die Hochebene von Freiland erreicht und liefen um fünf Uhr nachmittags in die erste freiländische Station, Washington geheißen, ein.

Mit der Schilderung auch dieses Ortes will ich mich nicht aufhalten. Um acht Uhr abends langten wir in Edenthal, der Hauptstadt Freilands, an. Der Bahnhof und alle Straßen, die ich auf dem Wege nach dem Gasthofe durchfuhr, waren mit elektrischen Bogenlampen taghell erleuchtet. Von Häusern sah ich auf dieser ersten Fahrt durch Edenthal so gut wie nichts, denn die Straßen sind von mehrfachen Palmenalleen eingesäumt, die Häuser selber liegen allesamt inmitten üppiger Gärten, so daß alles, was man von ihnen wahrnehmen konnte, das Blinken einzelner beleuchteter Fenster war. Desto deutlicher sagte mir mein Ohr, daß Edenthal keine ausgestorbene Stadt sei. Aus zahlreichen Gärten, an denen ich vorüberfuhr, tönte mir Musik, Becherklang und fröhliches Lachen entgegen.

Ich war übrigens zu müde und erschöpft von der Reise, um die Versuchung zu spüren, irgend wie an der allgemeinen Fröhlichkeit heute schon teilnehmen zu wollen. Der Omnibus, den ich am Bahnhof mit sieben anderen meiner Reisegefährten bestiegen, setzte uns nach einviertelstündiger Fahrt vor einem jener großen Gasthöfe ab, die von besonderen freiländischen Gesellschaften unterhalten werden.

Nachdem ich ein einfaches Mahl genommen, suchte ich mein Bett auf und trotz der fieberhaften Erwartung, mit welcher ich dem nächsten Tage entgegensah, umfing mich alsbald tiefer, erquickender Schlaf.

Drittes Kapitel.
Wo Freiland liegt und was Freiland ist.

Nachdem mir der gütige Leser bereitwillig bis in die Hauptstadt von Freiland gefolgt ist, wird es an der Zeit sein, ihm etwas ausführlicher zu sagen, wo sich diese Stadt und dieses Land befinden, was es mit ihnen für eine Bewandtnis hat und was ich eigentlich hier suche. Ich habe bisher vorausgesetzt, daß er das alles so gut weiß, wie ich selber. Und in der That hat seit sieben Jahren Freiland und die von ihm vertretene Sache der wirtschaftlichen Gerechtigkeit viel von sich reden gemacht; aber wenn ich es bei Lichte besehe, so schreibe ich denn doch gerade für diejenigen, die all das noch nicht oder wenigstens nicht ganz genau wissen, und es ist daher durchaus notwendig, zur Klarlegung des äußerlichen und innerlichen Schauplatzes der sich in den folgenden Kapiteln abspielenden, im übrigen höchst einfachen Begebenheiten zu schreiten.

Also Freiland ist ein socialer Freistaat, der vor sieben Jahren von ein paar tausend Enthusiasten auf den Hochlanden des Kenia begründet wurde. Verfolgt man auf der Karte von Afrika die Ostküste vom Kap Guardafuy nach Süden zu genau bis zum Äquator und geht dann der durch diesen gebildeten Linie westwärts ins Innere des Kontinents nach, so wird man in der Luftlinie nicht ganz 500 Kilometer von der Küste des indischen Oceans entfernt den Kenia finden, einen Berg, der zu den großartigsten und merkwürdigsten des ganzen Erdballs zählen würde, auch wenn die Freiländer nicht auf den Gedanken geraten wären, sich an seinem Fuße anzusiedeln. Es ist das kein vereinzelter Gipfel, sondern ein gewaltiger Gebirgsstock, dessen centrale Spitze nahezu 6000 Meter hoch in die Region des ewigen Eises und Schnees hineinragt. Das eigentümliche des Kenia aber ist, daß er sich, unähnlich dem etwa 500 Kilometer weiter südlich gelegenen, ihm an Mächtigkeit im übrigen ähnlichen Kilimandscharo, nicht unmittelbar aus der Tiefebene erhebt, sondern rings um sich her, viele Hunderte Kilometer weit nach allen Seiten, ein 1200 bis 2200 Meter über dem Meeresspiegel sich erhebendes Hochplateau vorgelagert hat. Und dieses Hochplateau, unterbrochen von zahlreichen mehr oder minder mächtigen hochromantischen Gebirgszügen und bewässert von mannigfaltigen, teils dem Kenia selber, teils den Riesen der Vorberge entspringenden Flüssen, Strömen und Seen, bildet das Gebiet von Freiland.

Soviel über die Geographie meiner nunmehrigen Heimat. Über ihre politische und sociale Verfassung will ich einstweilen nur soviel sagen, daß durch dieselbe verwirklicht worden ist, was seit dritthalb Jahrtausenden das Ideal der Menschheit gewesen, nämlich die vollkommene, sich auch auf das wirtschaftliche Leben erstreckende Gleichberechtigung. Die Freiländer sind keine Kommunisten, sie gehen nicht von der Ansicht aus, daß alle Menschen schlechthin gleich seien, anerkennen vielmehr deren Verschiedenheit nach Fähigkeiten sowohl als nach Bedürfnissen; aber sie halten alle Menschen für gleichberechtigt, und unter Gleichberechtigung verstehen sie nicht bloß die allen Menschen gleichmäßig zuerkannte Befugnis, Abgeordnete zu wählen, Steuern zu zahlen, eingesperrt zu werden und sich für das Vaterland totschießen zu lassen, sondern auch das allen gleichmäßig zu sichernde Recht, zu leben. Sie behaupten, daß demjenigen, der auf den guten Willen anderer angewiesen ist, um die eigenen Kräfte zur Fristung seines Lebens gebrauchen zu können, alle anderen noch so freigebig erteilten Freiheiten nicht das geringste nützen, daß er vielmehr ein Knecht desjenigen bleiben muß, von dessen gutem Willen seine Existenz abhängt.

Aber die Freiländer haben sich des ferneren nicht begnügt, dieses Recht auf das Leben im Prinzipe zu verkünden; sie sind weiter gegangen und haben jedermann auch jene Mittel gesichert, die notwendig sind, um dieses gute angeborene Menschenrecht praktisch auszuüben. Nicht etwa in der Weise, daß jedermann von Gesamtheitswegen mit dem, was er zur Fristung seines Lebens braucht, versehen würde; sie denken nicht daran, die Gesamtheit für den einzelnen sorgen zu lassen, meinen vielmehr, daß es jedermanns Sache sei, für sich selber zu sorgen. „Jedem das Seine“, ist ihr Wahlspruch, ganz ähnlich dem Wahlspruche der bürgerlichen Welt, mit dem Unterschiede aber, daß dieses jedermann gebührende Seinige nach freiländischer Auffassung das ist, was jedermann selber hervorbringt, während es nach bürgerlicher Auffassung dasjenige ist, was sich jedermann auf welche Weise immer anzueignen vermag, sofern er nur dabei die über Mord, Raub, Diebstahl und Betrug geltenden Satzungen nicht verletzt.

Des ferneren aber glauben die Freiländer beileibe nicht, daß zur Einrichtung der menschlichen Wirtschaft auf diesen soeben entwickelten Grundsätzen eine besonders künstliche Organisation vonnöten sei. Auch in diesem entscheidenden Punkte haben sie mit den früheren Socialisten oder Kommunisten nichts gemein, halten sich vielmehr an den Grundsatz der bürgerlichen Welt, daß sich durch das freie Spiel der wirtschaftlichen Kräfte die möglichste Harmonie aller wirtschaftlichen Interessen ganz von selber einstelle. Um Vorsorge dafür zu treffen, daß alle Bedürfnisse der Gesamtheit in der denkbar vollkommensten Weise befriedigt werden, sei nichts anderes notwendig — so sagen sie — als jeden einzelnen möglichst ungestört unter der Triebfeder der ihm angeborenen natürlichen wirtschaftlichen Beweggründe handeln zu lassen. Die Meinung, es könne irgendwie notwendig sein, von Staatswegen dafür zu sorgen, daß jene Dinge erzeugt werden, deren man gerade bedürfe, laufe auf dasselbe hinaus, als ob man es für notwendig hielte, das Wasser eines Flusses in Fässern und Tonnen thalab zu befördern, aus Angst, daß es andernfalls bergauf fließen würde. Wo jedem gehöre, was er erzeuge, und wo ein freier Markt bestehe, auf welchem die eigenen Erzeugnisse gegen die Güter des eigenen Bedarfs umgetauscht werden, dort verstehe es sich ganz von selbst, daß jedermann erzeugen werde, was dem allgemeinen Bedarfe entspricht, weil er ja nur unter dieser Voraussetzung den eigentlichen Zweck seiner Thätigkeit erreichen könne, der in nichts anderem besteht als in der Absicht, bei möglichst geringer Plage die eigenen Bedürfnisse möglichst reichlich zu befriedigen. Das könne aber jedermann nur, wenn er solche Dinge verfertige, wie sie dem Bedarfe entsprechen, und den Eigennutz der Arbeitenden frei gewähren lassen, sei daher die beste Methode, die Produktion in einer dem allgemeinen Wohle entsprechenden Weise zu organisieren.

Man sieht, das ist Punkt für Punkt die Lehre, welche schon vor anderthalb Jahrhunderten Adam Smith verkündet hat und deren Richtigkeit nicht erst bewiesen zu werden braucht. Seltsam ist nur, daß man bisher von der Meinung ausging, diese zur höchsten wirtschaftlichen Harmonie führende Wirkung des freiwaltenden Eigennutzes habe zur Voraussetzung, daß nicht alle, sondern bloß einige wenige Menschen thun und lassen können, was ihnen ihr Eigeninteresse vorschreibt. Die große Mehrzahl — so glaubte man — müsse gezwungen sein zu thun, nicht was ihr selbst, sondern was anderen nützt, dann erst sei sicher, daß geschehen werde, was allen nützlich ist. In Freiland nimmt man die Lehre Smiths buchstäblich; man räumt die der freien Bethätigung des Eigeninteresses entgegenstehenden Hindernisse für alle hinweg und hält sich daraufhin erst recht überzeugt, daß der Erfolg dem Interesse aller entsprechen werde.

Künstliche Maßnahmen und Einrichtungen welcher Art immer zu gedeihlicher Fortführung der Arbeit erachten die Freiländer schon aus dem Grunde für überflüssig, weil sie behaupten, daß die bei ihnen geltenden wirtschaftlichen und socialen Satzungen durchaus der menschlichen Natur entsprechen, ein vollkommen natürlicher Zustand der Dinge sich aber am besten aus sich selber heraus erhalte und fortentwickle. Bekanntlich sagt das nämliche auch der bürgerliche Liberalismus; auch er erklärt, der wirtschaftliche und sociale Zustand, wie er ihn aufrecht erhalten wolle, entspreche der menschlichen Natur. Und auch er zieht daraus die Schlußfolgerung, daß seine Wirtschaft am besten gedeihen und sich entwickeln würde, wenn man sie ohne jeden gewaltsamen Eingriff sich selber überließe. Auf welcher Seite die Wahrheit liegt, ist — für mich zum mindesten — klar wie das Sonnenlicht. Ich glaube, es entspricht der menschlichen Natur, zu arbeiten, damit man selber, nicht aber damit andere genießen, was man hervorgebracht hat, und nicht dem geringsten Zweifel unterliegt es in meinen Augen, daß die bürgerliche Wirtschaft sich auch nicht einen Tag lang erhalten könnte, überließe man sie sich selber, d. h. entzöge man ihr den Schutz der Staatsgewalt. Sich den in der bürgerlichen Welt geltenden socialen Satzungen zu fügen, dazu müssen neun Zehnteile aller Menschen gewaltsam gezwungen werden, denn diese Satzungen widersprechen ihren wichtigsten, ureigensten Interessen. Die freiländische Wirtschaft dagegen bedarf eines solchen Schutzes zu ihrem Fortbestande wirklich nicht, weil in ihr die Interessen aller gleichmäßig gewahrt sind. Um hier die Ordnung zu stören, müßten einzelne die Macht besitzen, ihren Willen den anderen aufzuerlegen; diese Macht aber besitzen sie eben infolge der vorweg hergestellten wirklichen Gleichberechtigung aller, nicht, sie kann ihnen niemals zuteil werden, so lange die freiländischen Einrichtungen fortbestehen, denn niemals, so lange dies der Fall ist, kann es geschehen, daß irgend ein Freiländer abhängig wird vom guten Willen oder von der Laune eines Nebenmenschen. Es kann geschehen und geschieht auch in Freiland jederzeit, daß der eine, weil er geschickter, fleißiger oder sparsamer ist als der andere, reicher wird als dieser; aber diesen seinen höheren Reichtum kann er stets bloß dazu benutzen, mehr zu genießen als dieser, niemals aber dazu, sich dessen Kräfte dienstbar zu machen. Denn auch der ungeschickteste, nachlässigste, sorgloseste Freiländer ist in der Verwertung seiner Arbeitskraft auf die Mittel anderer nicht angewiesen, da alles, wessen er zu diesem Behufe bedarf — nämlich Boden und Kapital — ihm unter allen Bedingungen zu uneingeschränkter, freier Verfügung steht.

Dies die Grundzüge der freiländischen Einrichtungen. Man sieht, dieselben laufen dem Wesen nach auf nichts anderes hinaus, als auf die Verwirklichung gerade jener Prinzipien, welche die bürgerliche Gesellschaft stets als die ihrigen verkündet, niemals aber befolgt hat. Freiland ist die endliche Bewahrheitung all dessen, was die Kulturwelt sich bisher selber vorgelogen; es thut gar nichts anderes, als was stets gethan zu haben, der moderne Liberalismus von sich selbst behauptet.

Es verkündet die Gleichberechtigung — das thut die bürgerliche Welt auch; aber Freiland macht die Gleichberechtigung zur Wahrheit, die bürgerliche Welt lügt sie bloß; was sie verwirklicht, ist die Ausbeutung.

Es verkündet die Freiheit — die bürgerliche Welt desgleichen; aber die Freiheit Freilands ist Wahrheit, die der bürgerlichen Welt eine Lüge mit dem richtigen Namen „Knechtschaft“.

Es verkündet den Eigennutz als Triebfeder der Arbeit — genau so die bürgerliche Welt; aber in Wahrheit kennt bloß Freiland Arbeit zu eigenem Nutzen des Arbeitenden, während die bürgerliche Welt den Eigennutz als Triebfeder ihrer Arbeit erlügt; was sie kennt, ist Arbeit zu fremdem Nutzen, oder Nutzen aus fremder Arbeit.

Die Art und Weise, wie alle diese Prinzipien in Freiland ihre praktische Durchführung finden, wird sich aus dem nachfolgenden ergeben; schaden jedoch kann es nicht, wenn ich zu vorläufiger Orientierung das freiländische Grundgesetz hier im Wortlaute wiedergebe. Dasselbe besteht bloß aus fünf Absätzen, welche lauten:

1. Jeder Bewohner Freilands hat das gleiche unveräußerliche Anrecht auf den gesamten Boden und auf die von der Gesamtheit beigestellten Produktionsmittel.

2. Frauen, Kinder, Greise und Arbeitsunfähige haben Anspruch auf auskömmlichen, der Höhe des allgemeinen Reichtums billig entsprechenden Unterhalt.

3. Niemand kann, sofern er nicht in die Rechtssphäre eines andern greift, in der Bethätigung seines freien individuellen Willens gehindert werden.

4. Die öffentlichen Angelegenheiten werden nach den Entschließungen aller volljährigen (mehr als zwanzigjährigen) Bewohner Freilands ohne Unterschied des Geschlechts verwaltet, die sämtlich in allen, das gemeine Wesen betreffenden Angelegenheiten das gleiche aktive und passive Stimm- und Wahlrecht besitzen.

5. Die beschließende sowohl als die ausübende Gewalt ist nach Geschäftszweigen geteilt und zwar in der Weise, daß die Gesamtheit der Stimmberechtigten für die hauptsächlichen öffentlichen Geschäftszweige gesonderte Vertreter wählt, die gesondert ihre Beschlüsse fassen und das Gebaren der den fraglichen Geschäftszweigen vorstehenden Verwaltungsorgane überwachen.

Viertes Kapitel.
Wer mir in Freiland die Stiefel putzte und wie es dort in den Straßen aussieht. Das Eigentum an Wohnhäusern.

Die Sonne stand schon ziemlich hoch, als ich am ersten Morgen meines Aufenthaltes in Edenthal erwachte. Trotzdem war es noch recht kühl, und erfrischend wehte die balsamische Luft zum offenen Fenster herein, so daß ich die behagliche Wärme der mir am Abend durch ihre Dichte und Schwere aufgefallenen Bettdecken wohlig empfand. Edenthal liegt gerade unter dem Äquator, es sollte mich nicht wundern, wenn derselbe mathematisch genau just durch mein Zimmer hindurchzieht; man wäre also versucht zu meinen, daß es hier stets gleichförmig heiß sein müsse und daß besondere Verwahrungen gegen die Nachtkühle zu den denkbar überflüssigsten Dingen gehören. Dem ist jedoch nicht so; ein in der Nähe des Bettes angebrachtes Minimal- und Maximalthermometer zeigte, daß die Temperatur des Nachts bis auf 9 Grad Celsius gesunken war und auch jetzt — es war bereits acht Uhr morgens — erst 16 Grad Celsius erreicht hatte.

Den Sonnenaufgang, der in diesen Breiten jahraus jahrein pünktlich um sechs Uhr stattfindet, hatte ich also um zwei Stunden verschlafen. Das ärgerte mich, denn ich war ungeduldig, die Stadt und mehr noch die Einrichtungen Freilands kennen zu lernen, und so beschloß ich denn, rasch aufzustehen.

Der Drücker einer elektrischen Klingel zu meinen Häupten deutete darauf hin, daß hier — was mich allerdings Wunder nahm — auf Wunsch Bedienung zu haben sei. Wenige Sekunden, nachdem ich geklingelt hatte, betrat ein Mann das Gemach, der sich in seiner Kleidung sowohl als in seinem übrigen Auftreten in nichts von jenen anderen Freiländern unterschied, die ich auf der Reise bis dahin zu sehen Gelegenheit hatte. Er fragte in höflichem, aber sichergeschäftlichem Tone nach meinem Begehren.

„Sie entschuldigen“ — so leitete ich die Konversation ein — „daß ich Sie zu mir bemüht habe. Ich weiß sehr wohl, daß hier in Freiland Gleichheit herrscht, daß es keine Herren und Diener giebt; aber diese Klingel hier verlockte mich, von ihr Gebrauch zu machen, und so bitte ich Sie denn, mir unerfahrenem Fremdling zu erklären, erstens, wozu es in freiländischen Hotelzimmern Klingeln giebt, und zweitens, wo ich die zum Reinigen meiner Kleider erforderlichen Utensilien erhalten kann.“

„Ihre Vermutung bezüglich der Klingel hat Sie nicht getäuscht,“ war die lächelnd abgegebene Entgegnung. „Ich bin einer der sechs Hoteldiener, die abwechselnd hier Tag und Nacht zur Verfügung unserer Gäste stehen. Dagegen mache ich Sie darauf aufmerksam, daß Sie, um die Kleider gereinigt zu erhalten, hinkünftig besser thun werden, dieselben schon am Abend an den zu diesem Behufe vor Ihrer Thür angebrachten Haken zu hängen. Denn jedes Läuten kostet Geld, nebenbei bemerkt, genau halb so viel, als die Benutzung des Zimmers für einen ganzen Tag, d. i. fünfundzwanzig Pfennig, während, wenn Sie die soeben angedeutete Vorsicht gebrauchen, Ihre Kleider und Ihr Schuhwerk ohne weiteres von den Kleiderreinigern abgeholt und zeitig morgens an der gleichen Stelle hinterlegt werden. Auch das kostet fünfundzwanzig Pfennig täglich, aber Sie ersparen doch die unnütze Ausgabe für mich.“

„Also Sie sind eine Art Kellner und es giebt hier außerdem noch Hausknechte zum Putzen der Kleider und Stiefel? Wie vereinbart sich das mit der freiländischen Gleichheit? Und warum kostet das einmalige citieren Ihrer Person so viel, wie der doch jedenfalls anstrengendere Dienst des Hausknechtes, und beides zusammen so viel wie der Tagespreis dieses ganzen so nett eingerichteten Zimmers?“ konnte ich mich nun nicht enthalten zu fragen.

„Die Gleichheit, wie wir sie in Freiland verstehen, leidet nicht im geringsten darunter, wenn ich und meine Kollegen von der ‚Gesellschaft für persönliche Dienstleistungen‘ uns zur Befriedigung Ihrer Wünsche zur Verfügung halten und wenn andere Kollegen von derselben Gesellschaft Ihre Kleider reinigen. Wir sind eben Geschäftsleute, Arbeiter, die in solcher Weise ihren Erwerb suchen. Wird Ihre persönliche Würde Schaden nehmen, wenn Sie morgen für uns Kleider oder Stiefel verfertigen, Häuser bauen oder Bücher schreiben? Jeder leistet eben, was er kann und was am besten seinem Nutzen entspricht, und einen Unterschied kennen wir nur insoweit, als schwierige, unangenehme oder besondere Fähigkeiten erfordernde Arbeiten besser entschädigt werden müssen als leichte, angenehmere, alltägliche. Ich z. B. könnte ebensogut auch als Gärtner oder als Schreiber in irgend einem Bureau meinen Verdienst suchen; aber in der Gärtnerei würde ich, weil dort die Arbeit leicht und angenehm zugleich ist, bloß dreieinhalb Mark stündlich erwerben, die sitzende Lebensweise in einem Bureau gefällt mir nicht, und so habe ich denn mein derzeitiges Geschäft gewählt, wo ich nahezu fünf Mark stündlich verdiene, ausreichende Bewegung mache, was mir sehr dienlich ist und mitunter recht interessante Bekanntschaften anknüpfen kann, was meinen Neigungen gleichfalls in hohem Grade zusagt. Dabei halte ich mich für einen Gentleman und alle meine Mitbürger halten mich dafür; hätte ich nur sonst das Zeug dazu, so würde sich wegen meiner Beschäftigung niemand in Freiland besinnen, mir seine Stimme für ein Abgeordnetenmandat zu geben, wenn ich mich darum bewürbe. Genau das nämliche gilt natürlich von meinen Kollegen aus der Kleiderreinigungsbranche; niemand fällt es auch nur im Traume ein, zwischen ihrer Arbeit und derjenigen eines beliebigen anderen irgend welchen Unterschied zu machen. Wohin kämen wir auch, wenn dies geschähe? Gezwungen kann man hier zu keiner Arbeit werden, es steht einem jeden von uns die Wahl zwischen allen Berufen frei, insofern man zu deren Ausübung geeignet ist; würde nun irgend welchen besonderen Dienstleistungen auch nur der geringste Makel in der öffentlichen Meinung anhaften, so würde sich natürlich niemand finden, sie auszuüben. Dann wären z. B. Sie genötigt, Ihre Kleider selber zu reinigen, Ihr Zimmer selber aufzuräumen u. s. w., während Sie vielleicht ein Gelehrter sind, dessen Zeit weit ersprießlicher mit anderen Gedanken, oder ein Geschäftsmann, dessen Zeit weit nützlicher mit anderen Verrichtungen ausgefüllt ist.

„Was aber die Preise unserer Dienstleistungen anlangt, so richten sich diese, wie die Preise aller Dinge in Freiland, nach dem erforderlichen Arbeitsaufwande. Es ist wahr, die Erledigung eines kleinen Auftrages, den Sie mir etwa erteilen mögen, kostet scheinbar weniger Zeit als das umständliche und gewissenhafte Reinigen Ihrer Kleider, aber das ist eben nur scheinbar so. Ich mit meinen engeren Kollegen muß mich für jeden Ihrer zufälligen Wünsche jederzeit bereit halten, selbst nachtsüber, da es ja immerhin möglich ist, daß Sie aus irgend einem Grunde, z. B. wegen eines plötzlichen Unwohlseins, auch des Nachts unser dringend bedürfen; deshalb sind für dieses Hotel sechs Aufwärter angestellt, die abwechselnd Tag und Nacht Dienst haben, und Sie werden es nur gerecht finden, daß uns auch die Wartezeit vergütet werden muß. Das Kleiderreinigen dagegen kann zu bestimmten Stunden für alle Hotelbesucher gleichzeitig vollbracht werden, und da dabei sehr sinnreiche Maschinen Verwendung finden, so ist der Zeitaufwand für die damit beschäftigten Arbeiter verhältnismäßig gering. Und die Zimmermiete vollends ist ja nichts anderes als jene Summe, die erforderlich ist, um die Herstellungskosten des Zimmers während der ganzen Dauer seiner Benutzbarkeit abzutragen. Fünfzig Pfennig täglich machen, wenn man dreihundert Miettage im Jahre rechnet, einhundertundfünfzig Mark jährlich: das genügt reichlich, um das hineingesteckte Kapital bis zum Zeitpunkt seiner Abnutzung abzutragen und etwa erforderliche Reparaturen und Neuanschaffungen zu decken.“

Ich kann nicht verschweigen, daß mir die Sicherheit, auch in Freiland meine Stiefel nicht selber putzen zu müssen, trotz aller meiner Begeisterung für Gleichberechtigung einen kleinen Stein vom Herzen wälzte. Zwar hatte ich das auch während der ganzen Reise nicht nötig gehabt, auf dem Schiffe so wenig als in Lamu und in Hargazzo; aber ich hatte mir das eben damit erklärt, daß außerhalb Freilands das freiländische Wesen auch von der freiländischen Verwaltung selber noch nicht in aller Reinheit gehandhabt werde. Diese Meinung wurde insbesondere dadurch bestärkt, daß es in Lamu und Hargazzo Neger waren, die ich mit der Bedienung der Reisenden beschäftigt fand. Und ich hatte mir eingebildet, daß diese Neger von den Freiländern zu Hantierungen benutzt oder doch zugelassen würden, denen sie sich selber nicht unterziehen wollen. Dies erwies sich nun als Irrtum und ich will nebenbei bemerken, daß die schwarzen Diener in Lamu und Hargazzo ebenso zu einer Association vereinigt und ganz nach denselben Grundsätzen organisiert sind, wie ihre kaukasischen Berufsgenossen in Freiland.

Nachdem ich mich angekleidet und im Hotelsaale mein Frühstück eingenommen hatte, welches aber nicht von der Hotelgesellschaft selber, sondern von der Edenthaler Speisenassociation hergestellt wird — die Hotelgesellschaft besorgt bloß Bau und Einrichtung der Gebäude und beschränkt sich im übrigen auf die Beaufsichtigung des ganzen Betriebes — betrat ich die Straßen der Stadt.

Es war jetzt — die Uhr zeigte nahezu die zehnte Stunde — schon ziemlich warm, 22 Grad Celsius im Schatten. Ich will hier gleich bemerken, daß die Hitze in der Regel um ein Uhr ihren Höhepunkt erreicht; an diesem ersten Tage, gegen Ende des zu den minder heißen Monaten des Jahres zählenden Mai, betrug das Temperaturmaximum 28 Grad Celsius; das überhaupt vorkommende Jahresmaximum ist 33 Grad Celsius, also eine ganz respektable Hitze, die jedoch nur selten eintritt, keineswegs häufiger, wie in Europa mit vielleicht alleiniger Ausnahme von England, Norwegen und des nördlichen Rußland. Von jener Qual für Mensch und Tier, die im gemäßigten Europa heiße Sommertage in der Regel mit sich bringen, weiß man jedoch hier unter dem Äquator in 1700 Meter Seehöhe nichts, und zwar aus verschiedenen Gründen. Erstens ist die Luft so rein und dünn, daß jenes Gefühl des beängstigenden Druckes, welches in unseren Breiten große Hitze zumeist hervorbringt, gar nicht entstehen kann; zum zweiten wehen hier in Edenthal gerade während der heißen Tagesstunden stets die erfrischenden Brisen vom Kenia herab; drittens aber und hauptsächlich weiß man sich hier vortrefflich gegen die Sonnenhitze zu schützen. In den Mittagsstunden arbeitet niemand im Freien und auch in den gedeckten, kühlen und luftigen Werkstätten werden um diese Tageszeit nur wenige Betriebe im Gang erhalten. Von zwölf Uhr vormittags bis drei Uhr nachmittags speisen, baden, lesen und ruhen die Freiländer. Auch die Straßen sind in diesen Stunden minder lebhaft besucht, trotzdem hier die überall vorhandenen mehrfachen Palmenreihen mit ihren tiefen, kühlen Schatten jede wirkliche Belästigung durch die Hitze fernhalten.

Diese prachtvollen Alleen und die wunderlieblichen Gärten, welche sie auf beiden Seiten einsäumen, verleihen ganz Edenthal sein charakteristisches Gepräge. Jede freiländische Familie bewohnt ihr eigenes Wohnhaus und jedes derselben ist von einem 1000 Quadratmeter großen Garten umgeben. Diese Häuschen sind Privateigentum der Bewohner und dienen, gleich den dazu gehörigen Gärtchen, zu deren Privatgebrauch. Die Freiländer anerkennen zwar im allgemeinen keinerlei Grundeigentum, gehen vielmehr von der Anschauung aus, daß der Boden jedermann zur beliebigen Verfügung anheimgegeben sein müsse, was im buchstäblichsten und weitesten Sinne des Wortes so zu verstehen ist, daß jeder Freiländer jeden ihm beliebigen Boden jederzeit bearbeiten dürfe. Aber das bezieht sich eben nur auf Boden, der zur Bearbeitung, nicht aber auf jenen, der zum Bewohnen bestimmt ist. Daß es jedermann gestattet ist, seine Arbeitskraft wo immer zu verwerten, schließt nach freiländischer Auffassung nicht aus, daß jedermann das Recht beanspruchen dürfe, ein Stückchen Erde, wo er ungestört von anderen seinen Wohnsitz aufschlagen könne, für sich allein zu beanspruchen. Auch die Tiere besitzen ja ihre Höhlen und Nester für sich, teilen diese mit niemand und wissen trotzdem nichts von Grundeigentum. Der Unterschied zwischen ursprünglichem Naturrecht und freiländischem Recht in dieser Beziehung besteht bloß darin, daß sich die Tiere nach Laune und Zufall ihre Wohnstätten wählen, während die Freiländer übereingekommen sind, hinsichtlich des Ausmaßes und der Anordnung der zur Anlage ihrer Wohnsitze dienenden Bodenflächen eine feste Ordnung aufzustellen, eine Art Baupolizei, deren Handhabung Sache ihrer Behörden ist. Die Baubehörde hat zu bestimmen, welcher Boden zu bebauen sei und welcher nicht, sie parzelliert die Bauflächen, sorgt für Anlegung von Straßen, Kanälen u. dergl. und überwacht insbesondere, daß auf keiner Bauparzelle mehr als ein Wohnhaus entstehe. Es ist zwar niemand verboten, auf brachliegendem Boden auch ohne ausdrückliche Zustimmung der Baubehörde sein Wohnhaus zu errichten, aber er hat es sich dann nur selber zuzuschreiben, wenn vielleicht späterhin andere Leute denselben Boden zu anderen Zwecken benutzen wollen, woran sie zu hindern er, auf sich allein angewiesen — und das wäre er natürlich in diesem Falle — weder das Recht noch die Macht besitzt. Um sich dagegen zu schützen und um Anspruch auf volle Entschädigung für den Fall zu erlangen, daß der zu einem Wohnhause ausersehene Boden vielleicht nachträglich zu anderen Zwecken in Anspruch genommen wird, muß die Zustimmung der in dieser Frage durch die Baubehörde vertretenen Gesamtheit eingeholt werden, d. h. man muß zu seinen Bauzwecken entweder solche Grundflächen benutzen, die von vornherein durch die Baubehörde zu diesem Behufe vermessen und angewiesen sind, oder man muß doch die Genehmigung dieser Behörde einholen, wenn man irgendwo bauen will. Eine Abgabe für die Benutzung des Baugrundes wird nicht erhoben.

Endlich ist zu bemerken, daß das ausschließliche Benutzungsrecht bloß unter der Voraussetzung gilt, daß der Baugrund eben nur zur Errichtung der eigenen Wohnstätte benutzt werde. Wer sich etwa ein Geschäft aus dem Bauen und Vermieten von Häusern machen wollte, den würde niemand daran hindern, aber der von ihm zu solchem Zwecke benutzte Boden fiele damit ganz von selber wieder der allgemeinen Benutzung anheim, ja, da er zu derartigen Bauzwecken die Zustimmung der Baubehörden nicht erhalten hätte, so besäße er auch gar keinen Ersatzanspruch für den von ihm gemachten Bauaufwand, wenn andere Leute sothanen Boden benutzen wollten. Natürlich giebt es in Freiland keine Miethäuser im Privatbesitz. Gesellschaften, welche das Vermieten von Wohnräumen zu ihrem Geschäfte gemacht haben, sind allerdings vorhanden; da aber jedermann jederzeit das Recht hat, diesen wie allen anderen freiländischen Gesellschaften beizutreten, so gilt für den von diesen bebauten Boden genau dasselbe, wie von anderem Boden in Freiland: er kann von jedem benutzt werden, der dazu Lust hat.

Doch darüber näheres später. Hervorheben will ich hier nur noch, daß es keinem Freiländer einfällt, sein Wohnhaus, etwa in der Weise der Hinterwäldler in Nordamerika, selber zu bauen. Das läßt er durch Baugesellschaften besorgen, die er dafür und zwar je auf Wunsch entweder auf einmal oder in Jahresraten bezahlt, welch letztere aber — nebenbei bemerkt — in diesem Falle vom Käufer nicht den Baugesellschaften, sondern dem Staate geschuldet sind, indem die Baugesellschaften, wie alle freiländischen Associationen, ihr Betriebskapital vom Staate vorgestreckt erhalten. Natürlich gehören die käuflich erworbenen Häuschen jedem zu freiem Eigentum. Er kann sie verkaufen, verschenken, vertauschen, vererben, ganz nach seinem Belieben.