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Eine Stunde hinter Mitternacht cover

Eine Stunde hinter Mitternacht

Chapter 10: Notturno.
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About This Book

A sequence of lyrical prose and short narratives moves between waking and dreaming to probe inner life and creative longing. Sensory, often maritime images — small boats, sea nights, and the return to sunlit gardens — frame meditative passages about solitude, memory, and the hunger for beauty. The writing shifts from vivid description to quiet reflection, using mythic and pastoral motifs and a lyrical cadence to evoke restorative scenes and lingering melancholic reverie.

Der Prinz verliess bald unbemerkt das Fest. Er warf einen schweren Mantel über und befahl einem vertrauten Diener, ihm zu folgen und ihm nahe zu bleiben, wohin er ginge. Ihn verdross das steife Volk der Edelleute und ihr höfisches Geschwätze. Er steckte ein Jagdmesser in den Gürtel, als handlichste Waffe für jede Not, und verliess den Palast. Der Schlosshof und die Allee und alle Anlagen bis zur Stadt waren von farbigen Laternen erleuchtet, und das trunkene Volk lärmte feiertäglich durch die Wege. Trinkbuden und Tanzplätze waren übervoll, und erhitzte Tänzer und Trinker lachten, jodelten und stritten miteinander. Der Prinz begab sich mitten in das Gedränge und hatte bald an jedem Arm ein lachendes Mädchen hängen. Er tanzte und trank und stand den Scherzworten der Zuschauenden und den Flüchen der Eifersüchtigen lachend Rede. Die Weiber wurden von den kecken Manieren und feinen Reden des Unbekannten gelockt, und seine Lippen brannten bald von vielen Küssen. Da waren Helle, Dunkle, Schlanke, Breite, Verschämte und Schamlose. Das Auge des Prinzen fand Gefallen am Gewühl der Tausende, sein verwöhntes Herz ward von dem raschen Takt der rohen Musik und vom Anblick des masslosen Pöbels erregt und schlug in volleren Wellen.

Indessen lauschte die Gesellschaft des Königs auf die leichten, zarten Weisen einer auserlesenen Musik und genoss die Lust des galanten maskierten Spiels. Es wurde wenig getanzt. Die meisten sassen auf niedern Polstersitzen oder standen und spazierten in kleineren Gesellschaften umher. Die Königin bewegte sich lebhaft und gesprächig zwischen den Gruppen. Man erkannte die Blasse, Schweigsame nicht mehr. Sie erinnerte sich der Feste ihrer Heimat, ihrer Pracht und Freiheit, und nippte häufig ohne Scheu am Weinkelch. Das leichte Fieber der Festfreude entflammte ihren sehnsüchtigen Sinn und stachelte ihr unbefriedigtes Herz, und gab ihrer fremden Schönheit einen neuen, süssen Reiz. Sie versammelte einen Hofstaat junger Edelleute um sich her, welchen der verkleidete Sänger sich zugesellte. „Siehe da, ein Landsmann!“ rief sie ihm zu. „Mir ist, ich wär’ Euch schon am Posilippo begegnet.“ Der Sänger grüsste mit einem blitzenden Blicke. „Ich kannte Euch wohl!“ antwortete er. „Solche Blumen wachsen hierlands nicht. Ich grüsse Euch vom Golf, Herrin, als der Abgesandte Eurer Heimat.“

„Meinen Dank, Landsmann! Wem aber habt Ihr Euern Schatz zu hüten gegeben, da Ihr so weite Reisen wagtet?“

„Ich habe keinen. Mein Auge ging müssig, seit mein Stern mich verliess, und ich reiste, ihn zu suchen. Mich freut, ihn so glänzend zu finden.“

„Ich sehe wohl, Guter, man versteht in Neapel noch wie vordem zu schmeicheln.“

„Schmeicheln, Herrin? Wir sind nur gewohnt, der Wahrheit weniger rauhe Gewänder anzulegen, als in Nordland Sitte ist.“

Die Königin reichte dem Höflichen einen vollen Becher. „Dies nehmt als Willkomm! Er wuchs am Vesuv.“ Damen mischten sich unter den Kreis der Königin, so dass dieser sich bald in plaudernde Paare und Doppelpaare teilte. Der Sänger aber blieb der Königin nahe und umgab ihre Sinne mit dem Netz seines flüssigen, süssen Geplauders. Er sah ihren roten Mund in häufigem Lachen glänzend, und sah ihre schneeweissen Zähne, und das sacht gerundete, reine Kinn, und glänzende Augen hinter der seidenen Larve. Zuweilen sah er hinter ihr den allein umherwandelnden Kronprinzen einen Augenblick stille stehen mit widerlichem, horchendem Kopfdrehen. Dieser erkannte den Sänger nicht und wunderte sich über die verwandelte Laune der Stiefmutter. Einmal, da sein Schatten ihr wieder über die Schulter hereinfiel, wandte sie sich rasch und unmutig zu dem Sänger. „Sagt mir doch, Landsmann, was sucht der Mönch unter den Fröhlichen?“

Der Neapolitaner schaute in das harte Gesicht des Lauschers und antwortete spöttisch: „Ihr seht ja, er ist am unrechten Ort und kann die Thüre nicht finden. Also ein Hansnarr wider Willen.“ Der Mönch ging bitter lächelnd weg, gegen den Tisch des Königs, welcher mit mehreren Alten sich abseits reichlichen Weines erfreute und des Gesprächs über die beendigten Jagden.

In einem Augenblicke, da die Spielleute ruhten, wurden auf einen Ruf des Königs die Vorhänge von allen Fenstern gezogen. Jedermann erhob sich und blickte ins Freie. Da standen die unendlichen Reihen der Baumwipfel im Schimmer der bunten Lampen, das verworrene Jauchzen des Volkes schwoll her, vom Winde in schwankende Wellen gebrochen, und verschlungene Flammen eines grossen Feuerwerks fieberten lohhell am matten, dunklen Himmel auf. Ein dünner Schleier von Dunst und Rauch hing ruhig über den hohen Bäumen, vom Feuerwerk mit breiten Flüssen roten und gelben Lichtes getränkt.

Zur selben Zeit kehrte leise der Prinz in den Saal zurück, mit verträumten Augen und schweren, lächelnden Lippen. Der Kronprinz erkannte ihn bald. Er ahnte seine verborgenen Lustbarkeiten und mass ihn mit hässlichem Hohn. Denn er hasste den weichlichen und verschwenderischen Bruder im Grunde seines herben Herzens. Eine Weile später, als der ernüchterte Prinz die Königin unter den Masken suchte, fand er sie nicht. Er fragte den zechenden Vater. Der hob kaum das verschleierte Auge vom Becher. „Such’, junger Herr“, sagte er mit rauhem Lachen. „Ihr Jungen seid da, nach den Weibern zu sehen.“

 

Die Königin lauschte indess in einem entfernten Zimmer auf die unermüdeten Scherzreden des Sängers, und auf seine italienischen Lieder. Ihr brannte die Stirn vom starken Wein der Fröhlichkeit, und ihr Herz schlug berauscht in heftigen Schlägen. Sie sass tief in einem Ruhesessel und blickte mit entrückten Augen auf die zusammengepressten Spitzen ihrer zarten Finger. Der Sänger sass auf einem höheren Stuhl ihr nahe, bewegte die Finger über den Saiten einer Guitarre und sang welsche Romanzen und plauderte, und mischte den Ernst der brennenden Leidenschaft in sein buntes Geschwätz. Das Spiel der Worte rann ohne Hindernis über die Lippen des Liederfertigen, und ihn machte das schwindelnde Wandeln auf der Grenze des Scherzes trunken. Er verfolgte die Spur seiner Reden auf ihrem erregten Gesicht und im Zucken ihrer spielenden Finger. Seine Worte legten unvermerkt die Flitterkleider des Maskenscherzes ab, sie gewannen doppelte Bedeutung, sie begannen ihre verborgene Kraft und Wärme hervorzukehren, und nur die gefährlichsten Verräter kleidete noch der hüllende Flor der galanten Komödie.

Die Königin hörte auf mit den Fingern zu spielen; sie schloss fein geäderte Lider über den heissen Augen und wiegte sich in ihrer Wärme und im halben Wissen von der Gefahr. Ihr Traum vieler sehnsüchtig durchwachter Nächte zog lebendig in lodernden Farben durch ihr Gemüt und alles, was ihr einsames Herz jemals Prächtiges und Wunderbares über die Liebe ersonnen hatte. Der Liedermeister senkte seine Stimme zu einem warmen Flüstern, er bog sich näher zu der Schauernden, er spann ihren Sinn dicht in den Schleier geflüsterter Schmeichelreden und verschwiegener Wünsche. Beiden blieb ein blasses, grausam verzogenes Antlitz verborgen, das einen Augenblick durch die sacht geöffnete Thüre spähte, und blass und grausam wieder verschwand.

Der Kronprinz stiess, in den Festsaal zurückkehrend, auf den Prinzen, welcher seine Mutter suchte. — „Die Königin erwartet dich. Dort, im blauen Zimmer. Aber schone sie; sie ist müde.“ Der Kronprinz trat wieder in den Saal. Aus der vor ihm geöffneten Flügelthüre brauste ein Strom von Musik und Gelächter dem Prinzen nach, welcher auf die Schwelle des Zimmers trat, in dem er die Mutter erwartete.

Dem Eintretenden klang der Laut erstickter Seufzer und Liebesreden entgegen, und erwiederter Küsse. Drei zu Tod erschrockene Menschen schrieen in diesem Augenblicke weh und gellend auf. Die kalte Hand des Grausens trennte mit einer Berührung drei nahe Befreundete. Der blasse Prinz riss zitternd den falschen Bart aus dem Gesicht des erstarrten Liebenden und schrak vor dem erkannten Freund in zuckendem Schmerz zurück. Noch einen Augenblick standen sich die Männer mit stieren Augen schweigend gegenüber, und leerten den Kelch der bittersten Bitternis bis auf die Neige.

Dann gewann der Prinz die Herrschaft über seine Sinne wieder. „Hol’ eine Waffe, Bettelbube!“ rief er dem Freunde zu. Seine Stimme war schrill, brechend und ohne Nachhall, wie der Ton eines springenden Trinkglases. Das Herz wendete sich in seinem Leibe um und wurde voll Galle. Die beiden Menschen, auf welche er Jahre lang alles Gute und Zärtliche seines Herzens gehäuft hatte, standen vor ihm wie Tempelräuber. Der Sänger rannte nach einem Schwerte. Der Prinz riss eines von der Wand des Ganges. Die Kämpfer klirrten wild und rasend aufeinander. Kaum dass der unsinnige Kampf begonnen hatte, fiel der Prinz mit blutendem Halse nieder. Dem Sänger rann ein roter Streif von der zerhauenen Wange. Er sah den Freund am Boden sich verblutend winden und sah über ihn die todblasse Königin gebückt. Sein Blick verwirrte sich und seine Gedanken wurden uneins, flackernd und blutig. Er ging mit dem roten Schwert in der Hand nach dem Saal, von scheuen Lakaien geflohen und angekündigt. Er trat in die Flügelthür und stiess die Schwertspitze vor sich in den Boden, mit einem lauten, wahnsinnigen Gelächter.

Im Saal entstand eine enge Stille. Dem König rann der vergossene Wein über’s ganze Gewand. Dann ward ein Lärm und eine Verwirrung ohne gleichen. Keiner rührte an den bluttriefenden Schwertträger. Verstörte Pagen, weinende und ohnmächtige Weiber, ratlose Männer, entsetzte Greise drängten sich zwischen umgestürzten Sesseln und Geräten. Krüge und Flaschen wurden umgestossen, über zerrissene Tafeltücher floss in geruhigen Bächen der edle Wein. Die Musik spielte noch eine kleine Weile fort und brach dann jäh erschrocken mitten im Liede ab. Der Kronprinz trat dem Sänger zuerst entgegen. „Was ist’s, Liedler?“

„Deinen Blonden hab’ ich erschlagen. Er liegt und mein Schatz kann ihn nimmer wecken.“ Die Diener hatten indess Waffen herbeigetragen und zahlreiche Edle stürzten gegen die Thüre. Der Kronprinz aber drängte sie zurück. „Haltet Ruhe, ihr Herren! Eilet lieber, nach dem Prinzen zu sehen.“

Der Erschlagene und die über ihn gebückte Königin wurden von einem grossen Gedränge umringt. Im Saal blieb allein der König zurück, dessen Verstand vom genossenen Wein verdunkelt war. Zu ihm trat der entstellte Sänger, sein Liebling, und trank aus seinem Becher. Der Kronprinz stand in der Thüre und betrachtete mit grausamer Neugier den Trunkenen und den Wahnsinnigen, welche in dem verlassenen Prunksaal, aus Einem Becher trinkend, sonderbar und traurig anzusehen waren, wie ein fabelhaftes Fratzenbild eines seelenkranken Malers.

In diesem Augenblick loderte das letzte Feuerwerk prachtvoll hinter allen dunklen Fenstern auf. Das Volk wälzte sich in grossen Haufen vor das still gewordene Schloss und schmückte mit seinem dankbaren Jubelgeschrei das Fest des Königs.

Gespräche mit dem Stummen.

Du lächelst? Du wiederholst deine ungesagte Frage? Was soll ich dir sagen! Dieses dunkle Zimmer, diese ungeschmückten Wände mit den Viereckspuren von Bildern, die keine Nachfolger fanden, dieses Knisterfeuer im Öflein, dieses Mondlicht auf unsern Händen und auf dem geöffneten Klavier, diese Stille und späte Stunde redet verständlicher als mein Mund von dem, was in mir zu Worte kommen möchte.

Einem Jugendkameraden müsst’ ich mich vertrauen, flüsternd und mehr mit Blicken und Geberden redend, Einem, dem schon der Name eines Hauses oder Feldes genügte, um eine ganze Geschichte zu verstehen; Einem, der mich oft mit „Weisst du noch?“ und gesummten Liedversen unterbräche.

Was weisst du, wenn ich sage: Meine Mutter? Du siehst dabei nicht ihre schwarzen Haare und ihr braunes Auge. Was denkst du, wenn ich dir sage: Die Glockenwiese? Du hörst dabei nicht das Windrauschen in den Kastanienkronen, und spürst nicht den Duft der Syringenhecke, und siehst nicht die blaue Fläche der Wiese, welche ganz mit den schwanken Glockenhäuptern der blauen Kampanula bedeckt ist. Und wenn ich dir den Namen meiner Vaterstadt sage, dessen Laut mir schon das Blut bewegt, so siehst du nicht die Türme und den herrlich überbrückten Strom, und siehst nicht den Hintergrund der Schneeberge und hörst nicht die Volkslieder unsrer Mundart, und hast nicht selber Lust und Heimweh dabei!

Lieber lass mich dir ein Märchen erzählen. Zwei Geiger hatten eine gute Freundschaft untereinander, und waren beide bettelarm. Nun geschah’s an einem schwarzen Tag, dass ihnen einfiel in die Wette zu spielen, wer von beiden der grössere Geiger wäre. Von da an wuchs ihr Ruhm; aber einer traute dem andern nimmer, denn beide hatten ihre Seelen in Neid und Ehrgeiz bis in den Grund durchlauscht und alle Tiefen ans Licht ihrer Kunst gezogen. Da spielte der Eine in einer mondhellen Nacht ein trauriges Lied. Das war so aus Nacht und Leid gezogen und so voll schwermütigen Andenkens an die eigene verstörte Freundschaft, dass es tiefer und herzbannender als irgend sonst ein Lied zu hören war. Dieses Lied vernahm der andere Geiger voll Neides, drang in die Stube des Freundes und mordete Geiger und Lied. Von dieser Nacht an ward er der erste Meister seiner Kunst. Er spielte an Fürstenhöfen und machte die Herzen der Könige zittern, denn seine Weisen drangen in den Grund der Seele, wo die Engel und Teufel der ungeborenen Gedanken und Thaten wohnen. Sein Gesicht aber wurde mager, blass und scharf, sein Herz wurde zu einem Sitz aller Ängste, alles Misstrauens und aller Bosheit, und sein Spiel bestahl und schändete täglich die unantastbarsten Innerlichkeiten seiner Seele. Eines Tages nun vermass er sich vor vielen Hörern jenes letzte Lied seines Freundes zu spielen. Da stand plötzlich der Ermordete vor ihm, das Messer in der Brust, und spielte auf seiner Geige mit, noch weher, noch mächtiger, so dass der Meister schreckblass und stieräugig vor der Menge stand. Diese sah den Ermordeten nicht und hörte nur mit einem Grausen, dass Zweie geigten. Eine Angst ging durch den grossen Saal, und als der Spieler zu Ende war, war eine Totenstille.

Du lächelst? Du wiederholst deine ungefragte Frage? Weiss ich, ob du ein Messer bei dir trägst? Habe ich nicht, während ich neben dir sitze und deine Hand halte, einen Schatz bei mir, dessen Wesen und Glanz dir noch unbekannt ist? Ein Lied, dessen Zauber zum Neid reizt? Einen Schmerz, der dich beschämen könnte? Und wie dann, wenn ich eines Tages dir ins Auge blickte und mein Lied mit dir spielte?

 

Du lächelst? Verzeih mir, Schweigsamer! Du bist das Marmorbild, dem ich spielend gern meine goldenen Ringe an die Finger lege. Wie aber, wenn du plötzlich aufhörtest zu lächeln und die steinernen Finger zusammenkrümmtest? Aber ich weiss noch ein anderes Märchen.

Einen Ritter, welcher einen einzigen Freund besass, lüstete eines Tages in die Zukunft zu sehen. Er fragte einen Zauberkundigen, den er reich beschenkte. Der Zauberkundige sah dem Ritter eine Weile ins Auge und sagte dann: „Diese Nacht, im Traum, wird dir Antwort werden.“

In der Nacht, in einem schwülen Fieberschlaf, sah der Ritter zwei Lebenslinien, Strömen zu vergleichen, neben einander laufen. Er erkannte sein Leben und das seines Freundes. Die beiden Linien verschlangen und wirrten sich, und nach einer kurzen Verknüpfung floss eine, die andere besiegend und fressend, breit und glänzend lange fort. Auf diesen Traum hatte der Ritter einen bösen Tag. Darauf beschlich er nächtens die Burg seines Freundes, ihn zu ermorden. Er kletterte auf den Wall, fiel in den Graben und brach den Hals. Der Freund betrauerte ihn lang, ward mächtig und reich und erreichte ein hohes Alter.

 

Mich wundert oft, welcher von uns das zähere Leben habe. Wenn mich nach einem grausigen Traum gelüstet, dann denke ich mir, du begännest einmal zu reden und sagtest mir plötzlich ein Wort von den vielen Worten, die du von mir gehört hast. Würde nicht die unerhoffte Rückkehr dieses Wortes mich zu Tode erschrecken? Oder du gingest von mir und trügest die Last meiner Geständnisse mit dir hinweg. Wäre mir da nicht wie einem Reichen, dessen Kleinode ein Kind durch die Raubgier einer bevölkerten Strasse trägt? So gebe ich dir täglich einen neuen Schatz zu hüten und mache dich täglich nach neuen Bürden lüstern. Weisst du aber, ob ich nicht grausam bin? Oder weisst du das besser als ich?

Oft meine ich, dass du mich besser kennen müssest, als ich selbst vermag. Oder weshalb schüttelst du das Haupt, wenn ich dir eine alte Sache wieder erzähle und ändere darin eine Farbe, einen Namen oder nur eine Geberde? Wenn du mich lügen hörtest? Wenn ein Streit zwischen uns entstände? Müsste es nicht ein Streit auf Leben und Tod sein? So weiss ich nicht, ob du meiner Langmut anheimgegeben bist, oder ich der deinigen.

 

Zuweilen, wenn dein Lächeln eine meiner Erzählungen begleitet, scheint es mir Augenblicke lang das Lächeln des Wiedererkennens zu sein. Bist du dabei gewesen, als ich dieses that und jenes zu thun unterliess? Hast du zugesehen, als ich diesen Frevel beging und jene Wohlthat übte? Ist das, was dich an mich fesselt, vielleicht die Folge einer früheren mir unbekannten Gegenwart, ein böses Gewissen, eine Mitwisserschaft, ein böses Mitgewissen? So wäre der Grund unsrer Gemeinschaft ein Spiegel- und Trostbedürfnis, die Notwendigkeit eines Mitleidenden, und vielleicht der allezeit wache Argwohn Zweier, die ein gemeinsames Verbrechen begangen haben. Also dass wir aneinander leben und aneinander zu Grunde gehen müssten?

Oder wie kommt es, dass du gerade dann immer zu mir trittst, wenn eine Lust zu Rede und Vertraulichkeit sich in mir regt, als fürchtetest du, diese möchte sich einem Dritten offenbaren? Was beschwert denn meine Erinnerung, das für Einen zu schwer zu tragen wäre!

 

In Stunden, welche schweren Träumen vorausgehen, in diesen unruhig trägen, bleigrauen, fiebernden Stunden hat mich oft eine stachelnde Begierde erfüllt, dich zu quälen, dir schmerzliche Geheimnisse zu rauben und dich stöhnen zu hören, dir den Fuss auf die Brust zu setzen oder dich eng zu würgen. Dann, wenn meine Einbildung schon dein Ächzen vernahm und Blut an deinem Halse sah, tratest du manchmal zu mir. Ich aber wurde von Angst und Mitleid ergriffen, streichelte deine Hände, nannte dich mit Schmeichelnamen und vermied es, in deine Augen zu blicken. Weshalb hatte ich Angst vor dir?

Oder weshalb liebe ich dich? Denn ich liebe dich mit der Liebe, welche jeder Verwandlung fähig ist und keine höchste Stufe kennt. Ich liebe dich wie ein gutes Haustier, ich liebe dich wie eine Schöpfung meiner Kunst, ich liebe dich wie man die Rätsel und das Schauerliche liebt. Ich liebe dich auch wie ein Glied meines Leibes, und liebe dich wie einen morgenden Tag, und wie ein Abbild meiner selbst, und wie meinen Dämon und meine Vorsehung. Wie aber liebst du mich?

An Frau Gertrud.

Im einsamsten Gemach meines Schlosses, unter der Wölbung des schmalen Fensters, sitzest du oft, Freundlichste unter meinen Toten. Über alles Zusammensein und Händehalten hinaus dauert noch deine unbegreifliche, gütige Gegenwart, wie eines Sternes, der verschollen ist und dessen Strahlen doch lange Zeiten noch zu uns reichen.

Ich kann nicht mehr zählen, wie oft ich unter dem Himmel der Vita Nuova gewandelt bin. Ich kann nicht zählen, wie oft ich verzweifelte, ein anderes Bild deiner Erscheinung zu finden.

Keine Schönheit, wenn nicht die jenes süssesten Gedichtes, ist dir zu vergleichen. Mir ist oft, als wärest du die gewesen, die einst an dem entrückten Dante vorüber ging, und wärest nur einmal noch über die Erde gewandelt, im Schatten meiner sehnsüchtigen Jugend. Dass ich dich mit leiblichen Augen gesehen habe, dass deine Hand in der meinen lag, dass dein leichter Schritt neben dem meinen über den Boden ging, ist das nicht eine Gnade der Überirdischen, ist das nicht eine segnende Hand auf meiner Stirn, ein Blick aus verklärten Augen, eine Pforte, die mir in das Reich der ewigen Schönheit geöffnet ward?

In Schlafträumen sehe ich oft deine leibliche Gestalt und sehe die feingliedrigen, weissen Finger deiner adligen Hände auf die Tasten des Flügels gelegt. Oder ich sehe dich gegen Abend stehen, die Farbenwende des erblassenden Himmels betrachtend, mit den Augen, welche von der wunderbaren Kenntnis des Schönen voll tiefen Glanzes waren. Diese Augen haben mir unzählige Künstlerträume geweckt und gerichtet. Sie sind vielleicht das Unschätzbarste, was meinem Leben gegeben wurde, denn sie sind Sterne der Schönheit und Wahrhaftigkeit, voll Güte und Strenge, unbetrüglich, richtend, bessernd und belohnend, Feinde und Rächer alles Unwerten, Unwesenhaften und Zufälligen. Sie geben Gesetze, sie prüfen, sie verurteilen, sie beglücken mit überschwenglichem Glück. Was ist Vorteil, was ist Gunst, was ist Ruhm und menschliches Lob ohne die Gewährung und das gnädige Leuchten dieser unbestechlichen Lichter!

Der Tag ist laut und grausam, für Kinder und Krieger gerecht, und alles Tagleben ist vom Ungenügen durchtränkt. Ist nicht jeder eindämmernde Abend eine Heimkehr, eine geöffnete Thür, ein Hörbarwerden alles Ewigen? Du Wunderbare hast mich gelehrt, heimzukehren und mein Ohr den Stimmen der Ewigkeit zu öffnen. Du sagtest, als schon das letzte Thor bereit war vor dir die Flügel aufzuthun, zu mir die Worte: „Lass dir die Abende heilig sein und dränge ihr Schweigen nicht aus deiner Wohnung. Auch vergiss der Sterne nicht, denn sie sind die obersten Sinnbilder der Ewigkeit.“

Und ein andermal hast du gesagt: „Denke daran, auch wenn ich dir genommen bin, Frieden mit den Frauen zu halten, denn alle Geheimnisse stehen ihnen am nächsten.“ Seither habe ich mit niemandem solche Gespräche ohne Worte gehabt, wie mit Sternen und Frauen.

 

In der Stunde, da wir unsre Freundschaft beschlossen, trat noch Einer zu uns, unsichtbar und unbegreiflich, ein Geist und Schutzgott. Mir ist, er habe unsichtbare Geberden eines Segnenden über mir gemacht, und jene Worte geredet; apparuit jam beatitudo vestra. Dieser ist seitdem bei mir geblieben und hat sich vielfältig oft an mir erwiesen, als ein Arm des Trostes, als ein Rätseldeuter, als Dritter eines Glückes. Oft war meine Hand zu Übereilungen hingeboten und er drängte sie zurück; oft war ich einer Schönheit vorübergegangen und er nötigte mich still zu stehen und zurückzublicken; oft wollte ich ein grünes Glück vom Ast brechen, und er riet mir: „Warte noch!“

Was versöhnlich und liebenswürdig ist, was holde Stimmen hat und tröstliche Bedeutungen, was selten, edel und von abgesonderter Schönheit ist, hat seitdem eine sichtbare Seite für mich und irgend einen Weg zu meinen Sinnen. Die Ströme in der Nacht reden mir deutlicher, die Sterne können nicht mehr ohne mein Mitwissen auf- und niedersteigen.

 

Dieser mein Tröster und unsichtbarer Dritter kam auch an einem Tage zu mir, da mein Herz den Takt verloren hatte und mein Auge zu erblinden schien. Er glättete meine Stirn, er lehnte zuweilen an mich und sagte mir etwas ins Ohr, er ging vorüber und drückte mir die Hand. Du aber lagest in lauter Theerosen gebettet, voller Friede, voller Verklärung, freundlich, aber ohne Lächeln. Du lagst und rührtest keine Hand, lagst und warst kalt und weiss.

Diese Stunde erschien mir als eine unergründlich schwarze Nacht. Ich stand in dichter Finsternis und wusste nicht wo ich war, ohne Nähe und Ferne, wie von erloschenen Lichtern umgeben. Ich stand unbewegt und fühlte auf allen Seiten Abgründe neben mir offen, spürte nur meine ineinander gelegten Hände hart und kalt, und glaubte an kein Morgen mehr. Da stand der Tröster neben mir, umschlang mich mit festen Armen und bog mein Haupt zurück. Da sah ich im Zenith eines unsichtbaren Himmels inmitten der vollkommenen Finsternis einzig einen hellen, milden, strahlenlosen Stern von seliger Schönheit stehen. Als ich diesen sah, musste ich eines Abendes gedenken, an dem ich mit dir im Walde ging. Ich hatte meinen Arm um dich gelegt und plötzlich zog ich dich ganz an mich her und bedeckte dein ganzes Gesicht mit schnellen, durstigen Küssen. Da erschrakest du, drängtest mich ab und sahest wie verwandelt aus. Und sagtest: „Lass, Lieber! Ich bin dir nicht zu Umarmungen gegeben. Der Tag ist nicht fern, an dem du mich mit Händen und Lippen nicht mehr erreichen wirst. Aber dann kommt die Zeit, dass ich dir näher sein werde als heute und jemals.“ Diese Nähe überfiel mich plötzlich mit unendlicher Süssigkeit, wie ein völliges Aug in Auge, wie ein Kuss ohne Ende. Was ist alle Liebkosung gegen dieses namenlose Vereinigtsein!

Auf Wanderungen durch die Orte, an denen wir beisammen waren, kam diese Wonne später noch manchmal über mich, schon lange Zeit nach deinem Tode. Einmal, als ich im Schwarzwalde bergan durch einen dunklen Forst wanderte, sah ich deine helle Gestalt von der Höhe her mir entgegen gehen. Du kamst mit deinem alten Händewinken den Berg herab, begegnetest mir und warst verschwunden, während zugleich deine Gegenwart mein Inneres süss und tief erfüllte.

Am häufigsten aber trittst du an den Himmel meiner Träume wie damals am Tag meiner grössten Finsternis, als der milde Stern der Gnade, voll seliger Schönheit.

Am einen Abende, als Musik und lautes Gespräch dich bis in die letzten Gartenwege verfolgte, fand ich dich dort auf und nieder gehend, gab dir meinen Arm und begleitete dich. Da sagtest Du: „Wenn ich nicht mehr hier sein werde und wenn du selber einmal leiser geworden bist, wird vielleicht dieser vergehende Abend und mancher, der schon vergangen ist, dir gegenwärtiger und wirklicher sein als deine eigene Hand. Dann wirst du Mitternachts irgendwo in deinem Zimmer wach sein, vielleicht weit von hier. Vor deinen Fenstern aber wird die nahe Welt zurückweichen und du wirst glauben, diesen Weg und uns beide darauf wandeln zu sehen.“

Heute nun liegt dieser Abend vor mir, in die entfernte Musik mischen sich wieder unsere leisen Stimmen, dass ich nicht weiss, ob jener Abend oder der heutige wirklich und vom irdischen Monde erleuchtet ist.

Notturno.

Mein Ross hält an, reckt den schönen Hals und wiehert in den Abend. Ich grüsse dich! Ich grüsse dich, meine Cederndunkle Zuflucht! Du Friedebringende, du Weltferne, Unberührte, mit dem schwarzen, kostbaren Gürtel!

In einem tiefen, tagebreiten Cederwald liegt ein See und eine granitene Burg verschlossen. Ein Schloss für die Ewigkeit gebaut, kolossal und quaderfest, mit ungeheuren normännischen Ecktürmen, und mit einer einzigen Thüre. Diese öffnet sich auf eine Treppe aus breiten Quaderstufen, und die Treppe führt in den schwarzen, bodenlosen See. Der eisgraue Wächter hört und erkennt mein Ross. Er tritt bedächtig durch die eherne Thüre und über die grünlichen Stufen. Er löst das Königsboot von der schweren Kette und rudert lautlos mit einem Ruder über das spiegelschwarze Wasser. Er nimmt mich auf und steuert zurück. Wir legen das Boot wieder an die Kette mit den eisernen Viereckgliedern.

Wir setzen uns auf die Schwelle der ehernen Thür. Das Wipfelflüstern wächst im Abendwind, die Dämmerung schleicht zwischen den Stämmen am Ufer hin. Der Wächter hat das Greisenhaupt auf beide harte Hände gestützt und dringt mit langen, ruhigen Blicken in den Abend. Vor uns liegen die vermoosenden Stufen und der unbewegte See, auf beiden Seiten steht die tausendjährige, hohe Wand des heiligen Waldes und schliesst gegenüber am fernen Seerande den dunklen Ring. Stunden fliegen auf unhörbaren Fittigen über uns hinweg.

Jenseits des Wassers zittert über den Wipfeln ein kleines Licht herauf, hebt sich und wächst und beginnt hell zu leuchten, und löst sich schwebend als voller Mond vom Walde los. Von unserem Sitze anhebend verbreitet sein Licht sich langsam über den See, bis die runde Wasserfläche ohne Schatten in reinem, tiefem Lichte schwimmt, unbewegt, wie ein unendlicher Spiegel. Mit unvermindertem Glanze blickt der silberne Mond aus der unergründlichen Tiefe.

Der Wächter ruht mit unverwandtem Blick auf dem langsamen Wandel des Spiegelmonds. Sein Gesicht ist traurig, und ich fühle wohl, dass er mit mir reden möchte. Ich frage ihn, und ich dämpfe schnell meine Stimme zum Flüsterton, erschrocken über ihr Hallen in dem einsamen Waldrunde. Ich frage ihn: „Du bist traurig. Woran denkst du?“

Er wendet nicht den Blick, aber er senkt ein wenig das weisse Haupt und seufzt. Und sagt: „Vor tausend Jahren sass ich hier auf dieser Thürschwelle, und blickte über den nächtigen See. Dort aber, in der Mitte des Wassers, wo jetzt der Mond sich abmalt, schwamm ein Totenkahn und brannte steilauf in lohroten Flammen. Der ganze See war rot vom Widerschein des brennenden Nachens. Und der darin lag, war mein letzter König.“

Der Greis bedeckt sein Haupt mit dem Gewand. Nach einer Weile enthüllt er sich und hat noch Tropfen im Bart. Er erzählt: „Wenige Zeit danach stiess ich den letzten Leichenkahn von dieser Treppe brennend hinaus. Lag eine übermenschlich schöne, schneeblasse Dame in purpurnen Prachtkleidern darin. Meine letzte Königin.“ Der Cederwald rauscht tieftönig auf. Aus dem bodenlosen Wasser blickt traurig der runde Mond. „Diese hab’ ich geliebt“. — —

„Seit allen vielen Jahren bewahrte ich das Schloss, und sass stille Abende lang auf meiner Treppe. Aber du weisst dies ja wohl, denn du hast mich ja mit Namen gerufen und bist der Einzige, der diese Zuflucht seit tausend Jahren betreten hat. Du hast ja auch die Schlüssel Ihrer Gemächer! Willst du eintreten?“

Wir schliessen hinter uns das Thor. Der Wächter nimmt die Fackel vom Ring und leuchtet mir die Treppen hinan. Ihr heimatliche, tausendjährige Treppen! Ihr bronzene Zierleuchter! Ihr Fliesengänge, in denen das Echo königlicher Schritte erwacht, wenn ich darüber trete! An der letzten Thüre bleibt der Wächter stehen, und bückt sich tief, und lässt mich allein. Ich trete in das alte Zimmer, ich spüre den Gruss der vergangenen Zeiten, denselben, den ich schon als ein scheuer Knabe vor vielen Jahren hier verspürte. Gemach unserer letzten Königin! Scharlachene Teppiche, löwenköpfige hohe Sessel, goldnes und edelsteinenes Frauenspielwerk. Ein heidnischer Gott, eine Kriegsbeute, steht mitten im Gemach, hat ein goldenes Stirnband umgelegt und die kleine Harfe der Königin im Arme hängen. Das ist die Harfe, welche Nächte lang mit langen Klagtönen den See und die stillen Schwäne bezauberte! Das ist die Harfe, die den Gesang des blonden Mitternachtsbuhlen begleitete!

Der rauschte in verwölkten Sturmnächten nass und blank aus dem zitternden See und trat durch die schlafenden Knechte, und kosete im dunklen scharlachenen Zimmer mit der Liebeskönigin. Der stiess das lange Schlangenschwert durch die fröhliche Brust des letzten Königs. Der küsste in einer brausenden Gewitternacht den Tod auf den roten, liebekundigen Mund der Königin.

Die ebenholzene Harfe hängt im Arm des stillen Gottes. Ich betrachte lang ihre schlanke, fremde Form mit dem perlgezähnten, smaragdäugigen Drachenkopf, und die feinen Saiten, und atme die unermesslichen Schicksale und Leidenschaften einer vergangen unvergänglichen, übermächtigen Zeit.

Das Fenster ist unverhängt; ich lege mich in das Gesimse. Treppe und See liegt unter mir. Der Wächter sitzt traurig auf seiner Stufe und sättigt sein Auge an der Seetiefe und bewahrt in seiner Eisenbrust das brandende Meer seiner unsterblichen Liebe. Wächter, See und Wald seit tausend Jahren ohne Tod und Zeit, zauberversunken, im Ring wachhaltender Jahrhunderte und darüber, ohne Tod und Zeit, der volle ruhige Mond. Jeder Atemzug ein Trunk aus dem unerschöpflichen Becher der Ewigkeit, jeder Herzschlag eine stille ungezählte Welle im Meer des Schweigens!

Nahe erscheint auf dem Wasser, wie ein leuchtender Streif, eine weisse Helle. Bleibt stehen, schlägt mit Flügeln und ist ein grosser Schwan. Der Schwan rudert langsam fort. Fort und weit in den See hinein. Dort hält er an, ist kaum noch sichtbar, hebt sich wund und stolz, und sinkt in Grund. Ein süsser, wunder Ton kreist über Schloss und See, und ich weiss nicht, ist es ein Schwanenlied oder ein erwachter Ton der schwarzen Liebesharfe. Der Wächter aber ist aufgestanden und blickt mit erhobenem Haupt entrückt und selig dem weissen Wunder nach, breitet beide Arme aus und steht noch lang, den süssen Ton im Ohr. Auch ich; und mich kühlt eine selig wohllaute Stille bis ins Herz.

Der Wächter fragt mit einem Blick herauf. Ich nicke zu, verschliesse das Gemach der Königin und steige die breite Treppe nieder. Das Boot ist schon gelöst. Ich steige ein, und der Greis taucht das lautlose Ruder tief in die schwarze Flut.

Der Traum vom Ährenfeld.

Einmal hab’ ich Dich schon geträumt, mein Traum vom Ährenfeld! Überflute mich wieder mit deinem rot und goldenen Leuchten! Tritt wieder über die Schwelle meiner Nacht und sei wieder der Vorbote eines neuen Glückes!

Siehe, er tritt hervor, aus dem verschlossenen Garten meiner Frühe, dessen Luft voll Silbers und dessen Schatten voll Zukunft ist. Ich meine das Rauschen seiner Bäume zu vernehmen und den Geruch seiner Wiesen zu spüren; mein Heimweh sättigt sich an seiner Fülle, mein Auge verwandelt sich und ruht ungebrochenen Blicks auf den Frühlingen meiner frühesten Jugend. Der Traum wird mächtig und breitet ein gelbes Ährenfeld vor mir in sonnenheller Weite aus.

Ein Ährenfeld in heller Sonne! Eine Flut gelbroter Farben, eine Fülle stetigen Lichtes, in der Tiefe rötlich verklärt, an den Rändern von Glanzwellen und rastlosen Wechselfarben lebendig! Ein endloser Anblick voll Ruhe und Genügen, ein Born des Glückes und der Schönheit, ein angehäufter Schatz alles Dessen, was urprächtig, unberührt, in sich beschlossen, und unwiederbringlich ist. Dieses alles senkt sich in mein Herz, findet alle leeren Kammern, füllt und füllt und fliesst über wie ein Strom aus einem tiefen See.

Wie vermöchte ich zu sagen, was mein kindgewordenes Herz nun erfüllt, was mein Blut so milde erwärmt und mein Auge so offen, still und glänzend macht! Erfüllt und eins mit dem Licht der Sonne und des stillen Feldes kehrt mir Auge und Herz unter die Brüder meiner Kindheit zurück, zu dem wogenden Feld, zu dem reinen Himmel, zu den geschwisterlichen Bäumen, Bächen und Winden.

Ich grüsse euch, Brüder und Schwestern! Verzeihet, was in der Fremde geschehen ist! Ich war lange Zeit krank, mein Ohr und Auge reichte nimmer zu euch, mein innerster Grund war mir fremd geworden. Das in mir, was von Ewigkeit und Muttergeschenk ist, war in Ketten gelegt, sein schweres Atmen reichte nur in den stillsten Mitternächten noch zu mir herauf. Nun atmet es befreit, und atmet mit meiner Brust, und erschliesst alles in mir der entschleierten Gegenwart.

Du leuchtendes Ährenfeld! Tränkst du mein Auge mit deiner ruhigen Klarheit, oder ist es das Licht meines Glückes, das aus meinem Auge überquellend dich glänzen macht und die Sonne entzündet? Reich und nehmend, bedürftig und austeilend, zweieins, süsser Kern eines ewigen Rätsels, so ist meine Liebe und deine. Wie bin ich befreit von allen Massen und Mittelpunkten! Wo ist noch Anfang oder Ende, wo ist noch Wille und Ziel, oder Ursprung und Brücke?

Du leuchtendes Ährenfeld, bist du nicht ein Bild meiner befreiten Seele? Du und ich, beide in flutender Helle, beide reich an Unaussprechlichem, beide einander beschenkend, und beide sich neigend unter einer süssen Last?

Hergestellt von W. Drugulin in Leipzig im Juni des Jahres 1899.

 

 

 

Anmerkungen zur Transkription

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  • ... Meine Arme nnd mein Hals waren von Rudern ...
    ... Meine Arme und mein Hals waren von Rudern ...
  • ... „Ich weiss, sagte die Schönste, das war deine ...
    ... „Ich weiss, sagte die Schönste, das war deine ...
  • ... Nein. Aber die Leier ist Ariosts. Sie lächelte. ...
    ... Nein. Aber die Leier ist Ariosts. Sie lächelte. ...
  • ... In den gewundenen Spazierwagen des äusseren ...
    ... In den gewundenen Spazierwegen des äusseren ...
  • ... sagtest Du: Wenn ich nicht mehr hier sein werde ...
    ... sagtest Du: Wenn ich nicht mehr hier sein werde ...