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Emma und Bertha oder die Zwillingsschwestern / Eine unterhaltende Erzählung für die Jugend cover

Emma und Bertha oder die Zwillingsschwestern / Eine unterhaltende Erzählung für die Jugend

Chapter 2: Einleitung.
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About This Book

The narrative centers on two twin sisters, Emma and Bertha, who, despite their striking physical resemblance, exhibit contrasting personalities. Emma is gentle, thoughtful, and reserved, while Bertha is lively, impulsive, and adventurous. Their differing temperaments lead to various interactions and experiences as they grow up together, often resulting in amusing misunderstandings. The story explores themes of sibling relationships, individuality, and the joys and challenges of childhood play. As the sisters navigate their lives, they learn valuable lessons about their unique traits and the importance of understanding one another.

The Project Gutenberg eBook of Emma und Bertha oder die Zwillingsschwestern

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Title: Emma und Bertha oder die Zwillingsschwestern

Author: Caroline Reinhold

Release date: February 14, 2015 [eBook #48253]
Most recently updated: October 24, 2024

Language: German

Credits: Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned
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project.)

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK EMMA UND BERTHA ODER DIE ZWILLINGSSCHWESTERN ***

Emma und Bertha
oder
die Zwillingsschwestern.


Eine unterhaltende Erzählung
für die Jugend.


Mit 4 illum. Kupfern.

Nürnberg,
bei Bauer und Raspe
1834.

Einleitung.

Frau v. Falkensee, die Gattin eines, durch viele im Krieg erhaltenen Wunden, dienstuntauglichen Majors, war schon Mutter eines Knabens; und nach 4 Jahren lagen 2 Zwillingstöchterchen in der Wiege, deren Aehnlichkeit selbst oft den mütterlichen Scharfblick täuschte, so daß Jene Emma für Bertha, und Bertha für Emma hielt, besonders wenn beide im süßen Schlummer lagen; denn, sobald sie die Augen aufschlugen, so zeichnete Emma der sanfte, Bertha der lebhafte Blick; Erstere eine gewiße Ruhe und Stille, diese ein unverkennbares Feuer in den Bewegungen des kleinen Körperchens aus. Auch die Stimme der Kinder war verschieden; Bertha schrie kräftig, wenn ihr Etwas mangelte; in Emma's Tönen lag dann eine klagende Wehmuth.

Diese Kennzeichen waren nun wohl der Mutter und den Hausgenossen durch immerwährendes Zusammenseyn mit den Kleinen an ihnen bemerkbar; Fremde aber mußten sie verwechseln, dies war nicht anders möglich. Selbst mit zunehmenden Jahren verminderte sich der Schwestern äussere Aehnlichkeit nicht, sondern sie blieben sich in Gesicht und Haar, in Wuchs und Größe vollkommen gleich und auch der Anzug wurde für Beide stets überein gewählt, wie man dies bei Zwillingsgeschwistern gewöhnlich zu thun pflegt. – Jedoch sehr verschieden war ihr inneres Wesen. Emma sanft, verständig, mild und fleißig, äusserte mitunter einen furchtsamen, empfindlichen und verschlossenen Charakter, Bertha war flatterhaft, leichtsinnig und vorwitzig, aufbrausend und ausgelassen, dabei offen und ehrlich und äusserst gutmüthig. Ob sie gleich Emma innig liebte, so hielt sie sich doch auch nicht ungerne zu ihrem muntern Brüderchen und zu dessen Gespielen, wenn er welche bei sich hatte. Es bedurfte dann nicht viel Bittens von seiner Seite, so half sie seine kleine Compagnie vollzählig machen, nahm eine Flinte auf die Schulter, oder den hölzernen Säbel in die Hand, und marschirte mit den Knaben in die Wette nach dem Takt der Trommel, auf welcher ein Tambour an der Spitze der kriegerischen Schaar wirbelte. Wenn Fränzchen alleine war, so ersezte Bertha ihm die Freude, ließ sich gutwillig als Pferdchen gebrauchen, oder stellte den Kutscher vor, wie es eben Jenem beliebte, es einzurichten. Bei Emma hingegen kostete es mehr, sie zu einem ähnlichen Spiel zu bewegen; und nur wenn Franz ihr mit wehmüthiger Stimme und Geberde versicherte, daß sie ihm durch einen Abschlag seines Gesuchs recht wehe thun und seine ganze Freude verderben würde, entschloß sie sich, gemeinschaftliche Sache mit ihm und Bertha zu machen. Die Geschwister, ihre Neigung kennend, theilten ihr dann immer eine stillere Rolle zu, und suchten ihr auf alle Weise ihre Gefälligkeit durch Nachgiebigkeit zu vergelten. Am liebsten spielte Emma alleine mit ihren Puppen und Küchengeschirr, und konnte sich damit Tage lang vergnügt beschäftigen. Bertha dagegen mochte nicht lange still sitzen, und hatte immer muthwillige Streiche im Kopf, die sie nicht selten ausführte, und Schwester Emma in fatale Verlegenheiten brachte, oder auch ein Lob einärndete, das dieser gebührte, indem beide gar häufig mit einander verwechselt wurden.

Wie nun dieser Irrthum bei kleinern und größern Begebenheiten Statt fand, bis zur Zeit, wo beide Schwestern erwachsen, durch die Entscheidung ihres fernern Schicksals getrennt wurden; wie Emma und Bertha ihren Charakter durchgängig äusserten, die gemachten Erfahrungen aber zu ihrer Vervollkommnung benützten, – dies sollen meine lieben jungen Leser und Leserinnen im vorliegenden Büchlein vernehmen; und daß für sie die Erzählungen eine Quelle angenehmer und nüzlicher Unterhaltung werden mögen, ist herzlicher Wunsch

der Verfasserin.

Die Zauberlaterne.

Franzens zehnter Geburtstag nahte, und er hatte die Erlaubniß erhalten, mehrere Freunde dazu bitten zu dürfen. Er versprach sich unendliches Vergnügen davon, und eine feierliche Einladung war auch schon von ihm an die Schwestern ergangen, der muntern Versammlung bei zu wohnen. Bertha hatte unbedingt zugesagt, und jubelte, mit Franzen darin wetteifernd, – bei der frohen Aussicht auf jenen Tag, der sich von Früh bis Abend durch seine angenehmen Ereignisse auszeichnen würde. Besonders wurden für die Abendstunden, in welchen der Gespielenkreis sich versammelte, viele schöne Pläne zum gemeinschaftlichen Zeitvertreib entworfen, und Bertha half dem Bruder emsig, unter seinen Spielkram Alles hervor zu suchen, was zu jenem Zweck tauglich war. Manches bedurfte einer Verbesserung und Wiederherstellung, und Franz der kleine Tausendkünstler unternahm selbst hie und da eine derselben mit Erfolg, wegen anderer schickte er die sanfte Emma als Fürsprecherin zur Mutter, und diese willfahrte der schmeichelnden Bitte, und setzte das verdorbene Spielzeug mit eigener Hand, oder durch fremde Hülfe in bessern Zustand. Zu seiner Freude fand er aber seine Zauberlaterne ganz unversehrt, und von dieser Unterhaltung versprach er sich besonders viel Spaß. Er besah mit den Schwestern die zwölf, auf Glas gemalten Vorstellungen, welche theils Begebenheiten aus der biblischen, theils aus der Weltgeschichte, theils auch aus dem Kinderleben enthielten, und sah sie schon im Geist auf dem weißen, an der Wand aufgespannten Tuch in vergrößerter Gestalt, und in heller Beleuchtung erscheinen. Es war an keinem ein kleiner Schade zu sehen, und Franz packte sie wieder vorsichtig in das, dazu bestimmte Kästchen wobei er äusserte: er wolle noch diesen Abend einen Versuch mit der Zauberlaterne machen, um sie dann recht geübt zum Vergnügen seiner Freunde benützen zu können. Zu dem Ende stellte er sie nicht wieder in den Spielschrank, sondern trug sie in das Kinderzimmer. Herr Werthlieb, der Lehrer hatte unsern Franz in der Nachmittagsstunde diesmal eine so große Aufgabe ertheilt, daß dieser den größten Theil des Abends auf dessen Stube bleiben und arbeiten mußte. Dies war Bertha noch unangenehmer als dem Knaben selbst, denn sie hatte sich schon sehr auf die Probe mit der Zauberlaterne gefreut; und als Franz immer nicht kommen wollte, schlich sie sich mit einem brennenden Wachsstock ins benannte Stübchen, nahm die Laterne aus dem Kasten, zündete das Lämpchen an, und hing eine weiße Schürze von der Magd an ein paar Schrauben, die sich in der Wand befanden. Ihre Hast und Unbedachtsamkeit, mit der sie Alles unternahm, brachte auch hier vielen Schaden; der Oelinhalt des Lämpchens wurde zur Hälfte in die Laterne geschüttet, und auch der Boden etwas damit befleckt, und als Bertha zwei der schönsten Vorstellungen – es war der verlorne Sohn, wie er reuig zum Vater zurückkehrt, und von diesem zärtlich begrüßt wird, und dann ein spielender Kinderkreis, wo Knaben und Mädchen sich auf schuldlose Weise vergnügen – als Jene nun die beiden Gläser ungeschickter Weise hinein schob, erhielt das erste einen tüchtigen Sprung, beim zweiten blieben Bertha die Stücke in den Händen. Erschrocken packte sie eilig alles zusammen, löschte die Lampe aus, und machte sich aus dem Staube. Als nun Franz vom Lehrer entlassen war, wollte er ohne Aufschub das erwähnte Vorhaben ausführen – aber welch eine Entdeckung mußte er machen! Er schlug einen gewaltigen Lärm auf, und verlangte von der eintretenden Magd zu wissen, wer im Zimmer gewesen, und das Unheil angestellt habe. Anna hatte Bertha nur noch ein wenig im Entfliehen erblickt, und war gerade nicht gut auf Emma zu sprechen, weil ihr diese einen verdienten Tadel sehr übel genommen hatte; ohne also sich zu bedenken, nannte sie Leztere, da sie auch in der Schnelligkeit die Schwestern nicht unterscheiden konnte. Mit den zerbrochenen Gläsern in der Hand, und mit nassen Augen rannte Franz ins Wohnzimmer, und stellte Emma sehr derb und heftig zur Rede, drohte auch, sie bei der Mutter zu verklagen. Bertha kam dazu, noch ehe Jene zu ihrer Vertheidigung etwas gesagt hatte, und rief, als sie lezte Aeusserung noch hörte: »Mit Nichten Herr Bruder! Nicht Emma, sondern ich habe mir Deine Ungnade zugezogen, mich mußt du verklagen. Komm nur gleich, komm!« Bei diesen Worten ergriff sie ihn am Arm und zog ihn mit fort zu der mütterlichen Richterin, die im Speisegewölb beschäftigt war. Hier gestand sie nun offen was sie begangen hatte, verschwieg auch den verdorbenen Stubenboden nicht, und erhielt den verdienten Verweiß, mit dem Zusatz: daß sie zur Strafe bei Franzens Geburtstagsfeier ausgeschlossen seyn sollte. Dieser Ausspruch kostete ihr viele Thränen, jedoch sie wagte nicht, dagegen Etwas einzuwenden. Emma aber von Bertha's Ehrlichkeit gerührt, ließ mit Bitten nicht nach, bis Mutter und Bruder dieser verzieh, und Frau von Falkensee, welche auch ihres Töchterchens Aufrichtigkeit im Stillen erfreute, nahm ihr strenges Verbot mit der Bedingung zurück: daß Bertha an Franzen's Festabend die Schranken mädchenhafter Schicklichkeit nicht übertreten dürfe; ausserdem sogleich auf ihr Zimmer verwiesen würde; sie versprach es, und Emma hielt ein wachsames Auge über das Schwesterlein, damit durch dasselbe keine Störung des allgemeinen Vergnügens erfolgte.

Der ungerechte Verdacht.

Nach einiger Zeit erging an Emma und Bertha eine Einladung zu Frau Rutland welche auch zwei Töchterchen in fast gleichem Alter besaß, und diesen einmal eine große Mädchengesellschaft einladen wollte. Sie entschloß sich selten dazu, denn bis zur Uebertreibung an Reinlichkeit und Ordnung gewöhnt, war ihr schon deshalb eine Versammlung fremder Kinder in ihrem Hause etwas Aengstliches, und die ihrigen standen unter so strenger Zucht, daß die Armen ihre Kindlichkeit beinahe dabei einbüßten. Sie mußten sich immer wie Erwachsene betragen, und dies verlangte denn auch Frau Rutland von fremden jungen Leuten. Als daher obige Aufforderung erschien, erschraken Emma und Bertha, statt daß sie sich freuten, und hätten jene gerne abgewiesen; allein der Major, welcher mit Frau Rutland hie und da zusammen kam, und auf ziemlich freundschaftlichem Fuße mit ihr stand, gab seine Einwilligung nicht dazu, sondern ermahnte vielmehr seine Töchterchen, sich ja recht bescheiden und anständig zu betragen. Es war das erstemal, daß Emma und Bertha zu Frau Rutland kamen, und sie mußten, wie schon gar oft, auch nun von dieser, und von einer Verwandten derselben, die bei ihr war, viele Aeusserung des Erstaunens über die ausserordentliche Aehnlichkeit, die bei ihnen Statt fand, anhören. Indessen ging es Anfangs recht gut. Die Bewirthung war trefflich, die Behandlung freundlich, und nach genoßenem Thee wurden am Tisch mehrere Kreisspiele vorgenommen. Emma fiel es nicht schwer, der älterlichen Ermahnung eingedenk, still und ruhig sich zu benehmen, aber Bertha hatte gerade wieder an jenem Abend eine recht ausgelassene Laune; sie mußte ihrem unwiderstehlichen innern Drang folgen, und wenigstens ihre Nachbarin immer ein wenig insgeheim necken; bald versteckte sie ihr dies und Jenes beim Spiel, bald versuchte sie, dieselbe wenn sie ernsthaft seyn wollte, zum Lachen zu bewegen, bald suchte sie des Käzchen, das im Zimmer war, habhaft zu werden, und brachte es dem, neben ihr sizenden Dorchen, welche es nicht leiden mochte, ein wenig nahe – kurz sie konnte nicht ruhen, obgleich ihr Emma einmal übers anderemal einen strafenden Blick zu warf. –

Eine, Frau Rutland recht zur Unzeit kommende Aufforderung, nöthigte diese, noch am nämlichen Abend mit ihrer Baase auszugehen, und nur die Magd blieb zur Aufsicht über die kleine Mädchen-Versammlung; doch weder diese konnte ihr Ansehen behaupten, noch auch die Töchter vom Hause dem allgemeinen Verlangen sich kräftig genug widersetzen, kurz – es wurden, gegen Frau Rutlands Verbot, nun wildere Spiele vorgenommen. Es kam: wie gefällt dir dein Nachbar, Kämerchen vermiethen, blinde Kuh u. d. gl. zum Vorschein; und der Abend verstrich vollends der lieben anwesenden Jugend recht angenehm.

Allein der folgende Tag verbitterte die genoßene Freude, wenigstens bei unsern Zwillingsschwesterchen. Es erschien nämlich Frau Rutland in dem Hause der Majorin, und wünschte diese zu sprechen; sie war aber mit Bertha ausgegangen, um den Töchterchen einen neuen Strohhut zu kaufen. Emma empfing Jene mit aller der Artigkeit, die Frau Rutland von einem 3jährigen Mädchen erwarten konnte; demohngeachtet wurde sie von derselben so heftig angelassen, daß die Arme gewaltig erschrack, und sich ganz verbleichte. Die leidenschaftliche Frau kehrte sich jedoch nicht daran, sondern versicherte der Zitternden: daß sie zum ersten und leztenmal in ihrem Hause gewesen sey, und daß sie nur gekommen wäre, um einen Ersatz für den Schaden, den ihr Emma gestern angerichtet habe, zu verlangen. Nach der Aussage der Magd hätte nämlich durch sie im wilden Spiel, der Spiegel im Zimmer einen Sprung erhalten, »und dann habe ich wohl gesehen,« – fuhr Frau Rutland mit gesteigerten Zorn fort – »wie du unartiges Mädchen beim Theetrinken mit deiner Nachbarin immer unnützes Zeug triebst, so daß Jene, einmal von dir gestossen, ihre Tasse, halb auf den schönen Teppich verschüttete, und diesen dadurch verdarb. Für beides muß ich nun entschädigt werden.« – Emma brach in Thränen aus, und wußte sich nicht zu helfen; reinigte sie sich von dem Verdacht, so mußte Bertha darunter leiden, doch schmerzte es sie bitter, ganz unschuldig von Frau Rutland mit so harten Vorwürfen belastet zu werden. Indem schellte die Klingel; Emma flog zur Thüre hinaus, sie hoffte auf der Mutter Rückkehr, und wirklich nicht vergebens. Frau v. Falkensee erschien, und Bertha wollte jubelnd der Schwester das neue Strohhütchen zeigen; blieb aber, gleich einer Bildsäule, vor ihr stehen; als sie Thränen über ihre Wange perlen sah. Emma konnte nicht verhehlen was sie schmerzte; da stürmte, noch während sie, von Schluchzen öfters gehemmt, erzählte, Bertha ins Zimmer, und rief, indem lachender Unwille ihre Wangen mit einer Purpurglut übergoß: »Hören sie, Emma saß nicht neben Dorchen Wider, sie haben ihr Unrecht gethan, ich war Dorchens Nachbarin, und erinnere mich wohl, daß diese ihre Tasse verschüttet hat, ich bin Schuld, wenn der Teppich dadurch verdorben wurde. Von dem Sprung im Spiegel weiß ich aber nichts, doch Emma ist behutsamer als ich; wenn die Magd sahe, daß eine von uns beiden an den Spiegel stieß, so war ich es in meiner Unbedachtsamkeit; sie haben Emma vollkommen Unrecht gethan, hören sie wohl!« Frau v. Falkensee vernahm Bertha's starke Stimme vor dem Zimmer, und eilte hinein die heftige Kleine zur Ruhe zu verweisen. Während sie jedoch mit Frau Rutland sich benehmen wollte, eilte Bertha an ihre Komode, nahm ihre Sparbüchse heraus, näherte sich damit Jener und sagte im sanfteren Ton – denn schon war ihre Hitze vorüber: »Liebe Frau Rutland, nehmen Sie hier Alles was ich vermag, es reicht doch wenigstens hin, ein neues Spiegelglas zu kaufen, und wegen dem Flecken auf dem Teppich, will ich Hrn. Werthlieb um sein Mittel, befleckte Sachen zu reinigen bitten; gewiß der Schade wird auch wieder zu verbessern seyn.« – Dann fiel sie Emma, die noch immer sehr bewegt in einer Ecke stand, mit nassem Blick um den Hals und bat schmeichelnd: »Vergieb Herzensschwesterchen, daß ich dir durch meine Unarten diese unverdiente Kränkung zuzog, ich will gewiß besonnener werden.« Frau Rutland wurde durch Alles was sie sah und hörte, ganz betreten; die Majorin aber gebot den Kindern, sich zu entfernen. Als diese gehorchten, äusserte sie nun ihre gerechte Empfindlichkeit über Frau Rutlands schonungsloses Betragen gegen Emma, ohne Bertha rechtfertigen zu wollen, und erbot sich zu den verlangten Schadenersatz. Jene aber, durch Bertha's Schwesterliebe, welche leider bei ihren Töchterchen nicht zu finden war, wunderbar ergriffen, wollte nun nichts mehr von einer Entschädigung wissen, sondern suchte jezt selbst die Verzeihung der Baronin zu erhalten, und entfernte sich bald möglichst. Bertha behielt nun zwar ihr kleines Vermögen, aber einer strengen Rüge der Mutter konnte sie nicht entgehen, welche sie im Gefühl ihres Unrechts demüthig hinnahm, und Besserung gelobte; wirklich nahm sie sich künftig in fremden Umgebungen weit mehr zusammen, um bei einer möglichen Verwechslung Emma wenigstens nimmer zu schaden.

Die Prüfung.

Herr Werthlieb, Falkensee's Hauslehrer erhielt eine Pfarre, und mußte seiner neuen Bestimmung folgen. Der Major fand vor der Hand keinen jungen Mann, welcher ihm Jenen ersezt hätte, so beschloß er, seine Kinder die öffentlichen Anstalten, die sich in seinem Wohnort befanden, besuchen zu lassen. Franz kam in eine lateinische Schule, und die Töchter erhielten in einem Mädchen-Institut Unterricht. Schon war ihnen daselbst ein Jahr verflossen, die Prüfung nahte, und Emma und Bertha sahen ihr mit gespannter Erwartung entgegen. Leider konnten die Aeltern nicht gegenwärtig seyn, denn der Major fühlte sich unwohl, und die Gattin fesselte seine Pflege an das Haus; aber im Geiste waren sie ihren Kindern immer nahe, und während Emma etwas ängstlich und schüchtern, Bertha aber mit einem gewißen Freimuth die Prüfung bestanden, besprachen sich Vater und Mutter über der Töchter geistige Vorzüge und Mängel. Ersterer sagte: »Emma bringt gewiß ein gutes Zeugniß mit nach Hause; denn sie ist wacker und fleißig. Aber Bertha wird uns, wie ich befürchte nicht auf solche Weise erfreuen; ihr Leichtsinn und ihre Flatterhaftigkeit sind zu groß.« Die Baronin erwiederte: »Deine Besorgniß ist nicht ungegründet, lieber Ernst; und es ist Schade um das Mädchen, denn ein gutes Gedächtnis, das ihr der Himmel verlieh, macht ihr das Lernen leicht;« Jener versezte: »das ist es eben, worauf sich der kleine Leichtfuß verläßt, und weshalb die Arbeit immer verschoben, und dann zulezt nur flüchtig vorgenommen wird.« »Vollkommen vertheidigen kann ich Bertha nicht;« fügte die Mutter bei; »aber zu ihrer Ehre muß ich dir versichern daß sie sich schon viel gebessert hat, und deswegen erwarte ich wirklich keinen allzuschlimmen Ausspruch der Lehrer und Lehrerinnen.« – Nach ein paar Stunden erschienen die Geprüften; beide etwas kleinlaut und verstimmt, und die Aeltern massen sie mit forschendem Blick.

»Nun, wie gings?« fragte endlich der Vater, da die Mädchen immer noch schweigend Hüte und Handschuhe, nebst der Büchermappe mit ihrem ganzen Inhalt auf die nahstehende Komode legten.

»Ich habe ein Diplom erhalten;« versezte Bertha ganz demüthig. »Nun – und darüber bist Du nicht mehr erfreut?« entgegnete Jener erstaunt. Das Mädchen erwiederte: »Ach ich verdiene es nicht, und Emma, die weit fleißiger war als ich, ist leer ausgegangen, dies schmerzt mich bitter.« – Emma verhielt sich ganz stille, aber man bemerkte es deutlich, daß sie über die erlittene Zurücksetzung sehr empfindlich schien; Bertha aber nahm erst auf ein wiederholtes Verlangen der Aeltern das Ehrenzeugnis aus der Mappe, und reichte es hocherröthend, und mit gesenktem Blick dem Vater hin. Es war eine zierlich vergoldete Karte, auf welcher die Worte standen: »dem ausgezeichneten Fleiß und sittlichen Betragen.« Der Major strich ihr die Wange und sagte: »das ist brav, das habe ich nicht von dir vermuthet!« Bertha erwiederte: »Gewiß ist es wieder ein, durch unsere Aehnlichkeit veranlaßter Irrthum; Emma bewieß sich immer tadellos; ich hingegen« – sie schwieg und ihr Blick wurde feucht; »da kein Name auf der Karte steht,« versezte der Major, »so wäre jener Fall möglich, indessen versicherte mir erst vorhin die Mutter: daß meine Bertha sich bessert; vielleicht daß dieses Zeugniß eine Aufmunterung deines Eifers seyn soll.« »Nein, nein!« fiel ihm das Mädchen in die Rede. »Das Diplom gehört nicht mir sondern Emma, und ich behalte es auch nicht.« »Und Du sagst gar nichts dazu?« fragte Frau v. Falkensee Emma, die immer noch verstimmt am Fenster stand, und mit ihrem Schürzenband spielte. »Was soll ich sagen« – versezte sie verdrüßlich – »Bertha war die Glückliche die das Diplom erhielt, so soll sie es auch von mir aus bleiben.« »Pfui Mädchen!« nahm der Vater das Wort, »das ist keine Sprache, welche einer guten Schwester geziemt; und nun erst verdient Bertha in meinen Augen wirklich jene Auszeichnung vor dir; inzwischen wird die liebe Mutter, da meine Unpäßlichkeit mich daran hindert, der Wahrheit auf den Grund zu kommen suchen, und die Aeltern werden dann Alles auszugleichen wissen.«

So war es auch, Frau v. Falkensee begab sich zu der Vorsteherin des Instituts, und erzählte ihr den ganzen Vorgang, verschwieg auch Bertha's redliches und schwesterliches Benehmen nicht, welches derselben die Liebe Jener im hohen Grade gewann; auch erfreute sie die Majorin durch die wiederholte Versicherung: daß sie jezt viel weniger Ursache finde, mit Bertha unzufrieden zu seyn, als ehemals, daß jedoch Emma das Diplom sich rühmlich erworben habe, und der Lehrer bei der Austheilung durch die täuschende Aehnlichkeit der Schwestern, irre geleitet worden wäre.

Bertha hatte jedoch diesen Ausspruch nicht abgewartet, sondern schon vorher das Ehrenzeugniß in Emma's Komodschublade gelegt, und als es diese fand, und nicht annehmen wollte, die Schwester mit Thränen gebeten, dasselbe zu behalten. Diese ungeheuchelte Gutmüthigkeit brach Emma's kleinen Trotz. Sie fiel Bertha um den Hals, und sagte schluchzend: »Mit all' meinen hochgeprießenen Tugenden bin ich bei weitem nicht so gut wie du, vergieb mir Schwesterchen ich will künftig gewiß meine Empfindlichkeit besser beherrschen.« –

Der Major wohnte, von den Kindern unbemerkt, im Nebenzimmer, dessen Thüre offen stand, ihrer Unterredung bei; und als nun die Mutter den obigen Bescheid mit nach Hause brachte, theilte ihr Jener seine gemachte Erfahrung mit, und beide kamen darinnen überein: Emma's Besitznahme des Diplom's zu Bestättigen, und Bertha zur Belohnung ihres Benehmens und zur Aufmunterung ihres begonnenen Lerneifers, mit einem neuen Schreibbuch, das einen, mit sinnvollen Bildern gezierten Umschlag hatte, und mit einer fein lackirten Federbüchse, zu beschenken.

Die schönste Puppe.

Die muntere Bertha war der Liebling der reichen Banquier Krause, und ihres einzigen Töchterchens Malwina, welche, eben so lebhaft wie Jene, die stillere Emma weniger liebte, als ihr lustiges Schwesterchen. Bertha wurde auch öfters zu ihr eingeladen, als Emma, und die beiden Freundinnen unterhielten sich köstlich mit einander, obgleich auch manches schlimme Stückchen von ihnen zum Vorschein kam, da sie sich gegenseitig zu muthwilligen Streichen aufforderten, und verleiteten. Frau Krause jedoch, gleich edel als verständig, hielt treue Aufsicht über die Kinder, wenn sie beisammen waren, und verhütete dadurch, daß ihre Munterkeit, nicht in Ausgelassenheit ausartete, und der Muthwille der Kleinen, der nie bösartig, oder unanständig sich äusserte, wurde von ihr nur sanft gerügt, nur leise im Zaum gehalten. Auch vermochte sie es nicht über sich, Emma durch gänzliche Zurücksetzung zu kränken; sie würdigte den Werth des sanften Kindes, gab ihr unverkennbare Beweise ihres Wohlwollens, und Malwina mußte sie immer dazwischen auf ihr Geheiß auch einladen. Aber Bertha's offene Gutmüthigkeit sprach sie doch besonders an, und diese war Tagelang in ihrem Hause; wo im Winter den Mädchen mitunter gestattet wurde, in dem großen Hofraum Schlitten zu fahren, was ein köstliches Vergnügen für sie war; und im Sommer durften sie Frau Krause auf allen Spaziergängen begleiten, und sich auf Wiesen und Fluren nach Herzenslust tummeln. Aber auch das Puppenspiel wurde von ihnen nicht vernachläßigt, nur trieben sie es auf andere Weise als Emma. Dieser gefiel es, die Puppen neben sich hinzusetzen, Speisen für sie zu kochen, und sie damit zu bewirthen, oder wohl gar auch dieselben als Schülerinnen, und sich als ihre Lehrerin zu betrachten, und Unterricht ihnen zu ertheilen. Die flüchtige Bertha aber, und ihre ihr nüzliche Freundin Malwina, fanden an diesem Allen wenig Freude; ihre Unterhaltung war: die Puppen recht oft an und aus zu kleiden, sie, in ihrer Vorstellung, da und dort hin mit zunehmen, und sie blieben also auch in den Winterabenden mit denselben nicht lange ruhig sitzen; indessen wußte sich Bertha nichts hübscheres als eine schön gepuzte Puppe. Als nun ihr 8ter Geburtstag herbei kam, so theilte Malwina, die Jene unbeschreiblich liebte, der Mutter den innigen Wunsch mit, Bertha zum Angebind eine ausgezeichnet schöne Puppe geben zu dürfen. Frau Krause war nicht dagegen, nur äusserte sie, daß Emma dann auch eine erhalten müsse; es wäre eben so gut ihr Geburtstag, und sie dürfte durch Vernachlässigung nicht gekränkt werden. Malwina war es zufrieden, aber sie bat sich aus, daß sie für ihre Bertha die schönste Puppe aussuchen dürfe.

Mit diesem Vorhaben machten sich Mutter und Tochter auf den Weg, jene einzukaufen, und erreichten vollkommen ihren Zweck. Sie fanden 2 Puppen, beinahe sich so ähnlich wie die lebenden Zwillingsschwestern, und nur dadurch unterschieden: daß die eine mit einem Uehrchen geschmückt war, die andere aber nicht, ferner trug jene einen Hut von Seide, diese von einem geringern Zeug, und um den Leib hatte erstere ein Samtband mit einer niedlichen Schnalle, die zweite nur einen mit dem Kleid ähnlichen Gürtel, der eine Schleife bildete. Der übrige Anzug der beiden Puppen war überein; die Kleider aus einem bunten Sommerzeug verfertigt, die Krägen aus feinem weißen Battist, mit schmalen Spizchen besezt, die Füßchen mit netten schwarzen Schuhen und gewebten Strümpfchen bekleidet; jede hielt ein zartgeflochtenes Arbeitskörbchen mit einem blauseidenem Sack versehen, in der Hand. Malwina war über diesen Kauf so sehr erfreut, als sollten die Puppen ihr Eigenthum werden; allein leider konnte das gute Mädchen nicht den Genuß haben, das Entzücken der Freundinnen beim Empfang des schönen Angebinds zu theilen; ja sie durfte auch nicht hoffen, diese bald zu sehen, und von ihnen zu hören, wie die gepuzten Abgesandten ihre neuen Gebieterinnen befriedigt hatten.

Den Abend vor dem ersehnten Geburtstag fühlte sich die arme Malwina unwohl, und schon am folgenden Morgen machte die Mutter die Entdeckung, daß ihr Töchterchen von den Masern befallen worden sey; die Krankheit schien gutartig zu werden, dem ohngeachtet trennte sie dieselbe von Emma und Bertha, da beide jene noch nicht gehabt hatten.

Malwinens Betrübniß darüber war groß, und besonders an dem wichtigen Tag, von dem sie sich so viele Freuden versprochen hatte. Die zärtliche Mutter bot Alles auf, durch andere Erheiterungsmittel Malwinen die Entbehrung weniger fühlbar zu machen, doch diese konnte sie nicht recht verschmerzen; besonders war es ihr eine große Sorge, daß die Magd, welche jezt den Freundinnen das Angebinde bringen mußte, doch ja die Schwestern nicht verwechseln, und der geliebten Bertha die schönste Puppe übergeben möchte. Sie ließ Christinen vor ihr Bett kommen und fragte sie wiederholt und dringend, ob sie Bertha von Emma unterscheiden würde, jene mußte ihr genau angeben, woran sie dieselbe erkenne und ihr feierlich versprechen, ihr und nicht Emma die Puppe mit der Uhr einzuhändigen. Christina aber hatte ein weites Gewissen, sie vergaß ihre Pflicht und ihr Versprechen, und folgte, als sie auf die Strasse kam, der Einladung einer Bekannten, die auf der, eben Stattfindenden Messe ein neues Kleid sich kaufen wollte, und ging mit dieser; eine zweite Bekannte, die ihr begegnete, beauftragte sie, statt ihrer die Puppen zu Falkensee's zu tragen, und mit ihrer Freundin Angelegenheit zu sehr beschäftigt, nannte sie der Ueberbringerin jenes Angebinds wohl die Namen Emma und Bertha, und bezeichnete auch die Puppe, welche leztere erhalten sollte; allein Alles geschah eilig und oberflächlich, und als die fremde Magd in das Haus des Majors kam, wußte sie keinen Bescheid mehr. Indessen lag ihr eine pünktliche Ausrichtung ihres Auftrags auch nicht sehr am Herzen, und als sie Emma auf dem Vorplatz fand, glaubte sie, dieser gehöre die schönste Puppe, übergab ihr, ohne weiter sich zu bedenken, dieselbe in Malwinens Name, und Bertha, welche nun auch herzu kam, die Andere. Diese lieben Gäste fanden bei den Mädchen die freundlichste, fröhlichste Aufnahme, und der Unterschied zwischen beiden wurde anfangs gar nicht beachtet, ja man fühlte sich nur in ihrem Besitz, und durch den Beweis des liebevollen Andenken der kranken Freundin jubelnd glüklich. Nach und nach begann eine genauere Musterung des Anzugs der Puppen, und nun fiel es so wohl Emma als Bertha auf, daß die Puppe der Erstern mehr Vorzüge hatte, und daß Jener dieselbe gehören solle. »Ich glaube immer, die schönste Puppe ist dir bestimmt Bertha;« sagte Emma. »Du bist ja Malwinens beste Freundin, also wird sie dir auch das schönste Geschenk zugedacht haben.« Bertha versezte: »Nicht doch Schwesterchen! ich hörte es wohl, daß die Magd ausdrücklich nach deinem Namen fragte, und dann, als sie diesen vernahm, Dir deine Puppe einhändigte. Laß mich's gestehen, ich dachte anfangs wie du: es sey wieder eine, durch unsere Aehnlichkeit entstandene Verwechslung, allein nun glaube ich es nicht mehr; denn Frau Krause ist dir liebe Emma auch recht aufrichtig zu gethan, und wird dafür halten, daß bei meinen besonnenen Schwesterchen die schönste Puppe besser aufgehoben sey, als bei der flüchtigen Bertha; daher behalte sie in Ruhe, und laß mich nur zuweilen mit spielen, ich will sie dir gewiß nicht verderben. Besonders muß das zierliche Uehrchen recht in Obacht genommen werden. Sieh nur Emma wie allerliebst dies ist! auch die Gürtelschnalle dürfte ich nicht nach meiner sonstigen Weise oft auf- und zuschnallen, der feine Stachel würde bald abbrechen. Ach könnte nur Malwina unsere Freude an den schönen Puppen mit genießen!« So schwazte Bertha noch eine Weile fort, ohne die geringste Misgunst über den Vorzug, den die Schwester erhielt zu zeigen.

Nach mehreren Wochen, als Malwina glücklich hergestellt, und die Gefahr der Ansteckung vorüber war, wurde sogleich Bertha zu ihr eingeladen und Jene konnte es kaum erwarten von ihr zu hören: ob sie doch die schönste Puppe erhalten habe. Bertha's Erzählung überzeugte Malwina vom Gegentheil und tief betrübt darüber, bat sie die Freundin: Schwester Emma zu einem Tausch zu bewegen. Allein dazu verstand sich Bertha durchaus nicht. Sie sprach: »Emma verdient das Schönste; sie geht bedachtsamer damit um als ich, und hält ihre Puppe gewaltig in Ehren. Wie könnte ich ihr die Freude rauben! Auch ist sie die Gefälligkeit selbst, und schlägt mir nie die Bitte ab, wenn ich die Puppe ein wenig haben, und mich an dem Anblick des netten Uehrchens ergözen will. Daher soll sie auch ihr Eigenthum bleiben.« Frau Krause, welche diese Aeusserung mit angehört hatte, nahm sich im Stillen vor, noch ein kleines Uehrchen zu bekommen zu suchen, und als es ihr gelang, mußte Malwine insgeheim Bertha's Puppe damit schmücken, und ihre Mutter versezte, als die Kleine sie wieder sah, und ihr für jenes Geschenk dankte: »auf solche Weise wird uneigennützige Schwesterliebe belohnt, wenigstens von mir.« Dabei drückte sie dem guten Mädchen einen herzlichen Kuß auf die Lippen, und Bertha stand wieder eine Stufe höher in ihrem Herzen.

Das Gartenbeet.

Es war aber auch eine seltene Liebe und Treue, welche Bertha an Emma kettete, und um keinen Preis hätte sie das geringste Lob, welches sie, ihrer Aehnlichkeit, wegen, statt Jener erhielt, sich zugeeignet. Schon bei Veranlassung des Diplom's überzeugten sich meine lieben Leserinnen davon, doch kann auch folgende Erzählung zum Beweiß dienen:

An der Wohnung des Major's befand sich ein kleiner Garten, welcher der Familie manche Genüsse bot; besonders lag er der Baronin sehr am Herzen, und so viel sie Zeit erübrigen konnte, widmete sie dieselbe der Pflege ihres Gärtchens. Doch mußte auch zuweilen ein Gärtner Nachhülfe leisten, und einmal nahm das Unkraut so sehr überhand, daß jener mit Schmerzen von Frau v. Falkensee erwartet wurde, um gründlich dem Uebel zu steuern.

Emma welche der Mutter die Wünsche aus den Augen zu lesen verstand, sagte zu Bertha, als Meister Niklas erschien: »Höre Schwesterchen! ich glaube, Mutter würde sich sehr freuen, wenn wir heute nach geendigter Schule statt zu spielen, dem Gärtner Unkraut jäten hälfen. Meinst du nicht auch.«

Bertha fiel ihr mit ungestümer Zärtlichkeit um den Hals und rief: »Ja, ja! das wollen wir thun. Du bist eben meine gescheite Emma, die immer kluge Einfälle hat. Mütterchen wird sich gewiß darüber freuen, und der Gärtner unsere fleißigen Händchen spüren; ich will mich nicht dabei umsehen.« – Wirklich glaubte man Anfangs, Bertha würde die meisten Beete vom Unkraut reinigen, so eifrig war sie daran; allein es dauerte nicht lange. Bald wurden die Hände loß; sie überschaute knieend diese und jene vergraßte Stelle, und sagte klagend und gähnend: – »mein Himmel wie viel Unkraut! Es graußt Einem vor der entsezlichen Aufgabe.« Dann sah sie einen bunten Schmetterling fliegen, und nun mußte sie sich schnell erheben und jenen verfolgen; dabei kam sie in die Nähe der Schauckel, schwang sich auf das Brettchen, das an 2 Seile befestigt war, und schob sich mit ihm in Bewegung; auch wurde hie und da ein Beerchen von der Hümbeer-Hecke gepflückt, oder auf dem Rand der Fontaine künstlicher Weise herum spaziert, – kurz unsere Bertha war überall zu sehen, nur nicht beim Unkraut jäten. Emma hingegen half stille und beharlich dem ehrlichen Niklas, und förderte wirklich seine Arbeit um ein Großes.

Als er den folgenden Tag wieder kam, war Bertha im Zimmer bei der Mutter; der Gärtner hielt sie für Emma und sagte zur Majorin: »O gnädige Frau! gestern sollten sie zu Hause gewesen seyn, und das fleißige Töchterchen hier gesehen haben. Die half mir jäten, daß es eine Lust war, und sie hat mir für heute auch wieder ihren Beistand versprochen, nicht war Kind?« – Frau v. Falkensee streichelte Bertha's Wange und sagte: »Ei wie höre ich so Gutes von dir, das ist brav; aber meine Emma, – hat diese nicht auch geholfen?« Der Gärtner zuckte die Achsel und versezte: »könnte nicht rühmen, der Fleiß war nicht heftig.« Da konnte Bertha nicht länger schweigen; hoch erröthend fiel sie der Mutter um den Hals und flüsterte: »Niklas irrt, Emma war die Fleißige, und sie verdient das Lob; ich aber hatte die Arbeit bald satt, und versprach auch für heute nichts; indessen sollst du dennoch mit mir zufrieden seyn.« Sie flog in den Garten, wo sie Emma schon wieder beschäftigt fand, und arbeitete nun mit ihr in die Wette, so daß Meister Niklas am Abend nicht wußte, welcher von beiden Schwestern er den Preis, der in einem, von der Mutter geflochtenen Blumenkranz bestand, zu erkennen sollte. Doch Bertha entschied, daß er Emma gebühre, weil sie ihn schon Tags zuvor durch ihren Fleiß verdient habe.

Die kleine Heldin.

Emma erhielt wegen ihrer Furchtsamkeit manchen Verweiß, oder wurde vom Bruder Franz tüchtig geneckt, allein es war Alles vergeblich; die Kleine hätte sich nicht bewegen lassen, im Dunkeln ohne Licht aus dem Zimmer, geschweige weiter zu gehen. Auch konnte sie ein beißender Hund, eine Heerde Kühe, Schweine oder Gänse, welche ihr irgendwo entgegen kam, in Angst versezen. Bertha aber war gewaltig muthvoll, übernahm daher jeden Auftrag statt des Schwesterchens, wenn am Abend in der Küche, oder da und dort, Etwas geholt werden sollte; auch ging sie unerschrocken ihres Wegs, wenn Emma bei einer Begegnung, wie sie oben erwähnt wurde, zitterte und bebte. Die zwei folgenden Beispiele werden meine lieben Leserinnen die Eigenthümlichkeit der beiden Schwestern in dieser Hinsicht schildern.

Einst befanden sie sich bei einer Freundin der Majorin, welche Besuch von entfernten Verwandten erhalten, und Frau v. Falkensee mit ihren Töchtern eingeladen hatte. Erstere war schon anderwärts versagt, Emma und Bertha aber folgten dem Ruf, und brachten einen vergnügten Abend bei Jener zu; denn unter den Freunden befand sich auch ein wundernettes Mädchen, im Alter der beiden Schwestern, mit welcher sie sich besonders gut unterhielten; auch waren ausserdem, noch mehrere Gespielen versamelt. Nachdem schon viel Gutes genossen, und schon Mancherlei gespielt worden war, kam die Reihe an das beliebte – Sträußchen binden. Bekanntlich muß dasjenige Glied der Gesellschaft, das den Strauß erhält, bis die Blumen dazu gewählt sind, sich aus dem Zimmer entfernen, um dann unbefangen bestimmen zu können, was sie mit jenen Blumen, welche jede eine Person vorstellt, beginnen will. Mußte nun Emma auf den Vorplaz wandern, so bat sie immer ein Licht mit hinaus nehmen zu dürfen, hielt sich dennoch in der Nähe des Zimmers, und ihr Herzchen pochte gewaltig; ja sehnsüchtig harrte sie auf den Ruf: »herein!« und folgte ihm eilig und froh. Ausser Emma ging jedes von der Gesellschaft im Dunkeln hinaus, und besonders Bertha spazirte dann immer ohne Furcht den großen Vorplaz auf und ab, und war oft von der Zimmerthüre so weit entfernt, daß jener Ruf ein paarmal wiederholt werden mußte, bis sie ihn hörte. Als sie sich wieder einmal aussen befand, vernahm sie von der Seite her eine leise, wehklagende Stimme; entschlossen ging das 8jährige Mädchen dem Schalle nach, mußte über einen langen Gang im finstern tappen, und kam endlich an eine Thüre, die nur zugelehnt war, aber aus deren Spalte der Ton und ein Lichtstrahl hervor ging, Bertha riß Jene auf, da lag eine Weibsperson auf dem Boden, mit blutender Hand, halb ohnmächtig; der Leuchter mit dem Lichte neben ihr, und ein Hühnchen flatterte ängstlich hin und her. Es war die Köchin vom Hause, welche in diesem Kämmerchen das Huhn töten sollte und wollte; ungeschickt aber mit dem Messer in die Hand fuhr, und bewußtlos niederstürzte. Bertha hob das Licht auf, flog ins Wohnzimmer, verkündete was geschehen war, und bat flehentlich um schleunige Hülfe für die arme Magd. Sie wurde auch dieser sogleich zu Theil und Bertha wegen ihres furchtlosen Betragens sehr gelobt; indem ja, wäre sie nicht beherzt dem klagenden Tone gefolgt, Rosine noch länger in dem hülflosen Zustand geblieben seyn, und sich noch mehr verblutet haben würde. Nun aber war sie schon wieder erholt, als die Gesellschaft aus einander ging, und sie ließ es sich nicht nehmen, Emma und Bertha mit der Laterne nach Hause zu begleiten. Dabei konnte sie nicht aufhören, ihrer kleinen Wohlthäterin zu danken, verwechselte indessen immerwährend beide Schwestern. Bertha ließ dies nicht nur geschehen, sondern bat auch heimlich aber dringend die Schwester: den Ruhm auf sich ruhen zu lassen, indem die Aeltern die größte Freude darüber fühlen würden, wenn sie glauben dürften, daß Emma von ihrer Furcht geheilt sey. Ja als Rosina Frau v. Falkensee die ganze Begebenheit erzählte, Emma lobpreisend erhob, und die Mutter erstaunt aber erfreut zuhörte, da zupfte Bertha das Schwesterchen immer insgeheim am Arm, um zu verhindern, daß diese widerspräche. Allein jezt kam auch Franz nach Hause und hörte ungläubig Rosinens wiederholte Schilderung des stattgefundenen Ereignißes zu. Dann sagte er lachend zur Mutter, während er forschend beide Schwesterchen betrachtete: »Siehst du denn nicht lieb Mütterlein, wie Bertha Emma immer zuwinkt, daß sie das Lob, das ihr nicht gehört, für sich behalten soll? sprich Häschen« – fuhr er zu lezterer gewendet fort – »sprich ehrlich, verdienst Du es?« »Nein, nein!« rief Emma. »Aber Ihr laßt mich ja nicht zu Worte kommen. Ich mag keinen erborgten Ruhm, und diesen könnte ich mir auch um keinen Preis erwerben. Hu! mich schauderts, wenn ich bedenke, was Bertha sah, hörte und that.« »Und doch Emma,« versezte Frau v. Falkensee – »und doch mußt du deine Furcht bemeistern, es koste was es wolle. Sie ist deine Quälerin, und würde Dich überdies hindern, in einem ähnlichen Fall die Pflicht der Menschenliebe auszuüben, und dir ein so lohnendes Bewußtseyn zu verschaffen, wie gewiß Bertha jezt besizt.« – Diese, besorgt, daß das Schwesterchen durch der Mutter ernste Ermahnung gekränkt seyn könnte, sezte, dasselbe liebkosend im schmeichelnden beschwichtigenden Tone hinzu! »Ja ja liebe Emma, nach und nach wird's schon gehen, nicht wahr? halte dich nur« – raunte sie ihr ins Ohr – »halte Dich nur an mich, wenn wir im Finstern sind, ich lasse Dir kein Leid widerfahren.« Die Mutter jedoch fügte bei: »Halte Dich lieber an den guten, allgegenwärtigen Gott, welcher fromme Kinder auch im Dunkeln beschüzt, und versprich mir: an Deiner Besserung zu arbeiten.« Mit gesenktem Blick reichte Emma der Mutter die Hand; Bertha aber schlug halb böse, halb lachend den leichtfertigen Bruder, der mit allerlei losen Reden »vom Hasenherz, und von dem mächtigen schwesterlichen Schutz,« die Mädchen neckte, auf das spottende Mäulchen; welchem Schlag bald ein herzlicher Kuß von ihr zur Vergütung folgte.

Bald darauf erhielten beide Schwestern die älterliche Erlaubniß ein Stündchen ums Thor gehen zu dürfen. Es war ein schöner Herbst-Nachmittag, der blaue Himmel hatte kein Wölkchen, die Luft wehte mild, ja die Strahlen der Sonne brannten noch heiß dem Wandelnden auf den Rüken, und aus den schönen Gärten, die vor der Stadt lagen, trug ein sanfter Wind die köstlichen Gerüche der Reseda, der bunten Wicke, und der Herbsthyazinthe den Vorübergehenden zu. Auch Emma und Bertha labten sich daran, und fühlten sich dadurch noch mehr angezogen, hier durch ein schwarzes Gitterthor, dort durch die Spalte einer Dielenwand, oder über eine, schon etwas entlaubte Hecke in jene Gärten zu schauen. Zulezt kamen sie an ein offenes Thor, und das 2jährige Kind des Gärtners lief aus und ein, sezte sich endlich mitten im Fahrweg, faßte in ein Nöpfchen den lockern Sand ein, den es wieder ausgoß, und lange auf diese Weise spielte. Emma und Bertha jedoch traten in den Garten, baten die Gärtnerin, die ihnen entgegen kam, um die Genehmigung ein wenig in jenem herum spazieren zu dürfen, erfreuten sich nun, als es ihnen gestattet wurde, über die schönen Parthien und Anlagen die sie antrafen, und mit lüsternem Blick stunden sie lange vor einem Basquet manigfach blühender Gyranien, welches ein Heckchen von Monatrosen umgab, von denen eine Menge Knospen entfaltet waren, und einen recht schönen Anblick gewährten. »O wer sich hier ein Sträußchen pflücken dürfte!« sagte Emma sehnsüchtig, denn sie war eine sehr große Blumenfreundin. Bertha aber zog sie nach einer Weile hinweg, und meinte: »je länger man das hübsche Beetchen betrachtet, je mehr wünscht man sich, mit seinen Blüthen bereichern zu dürfen: Auch ist gewiß die Stunde schon verflossen, die uns zum Spaziergang zugestanden war, wir wollen also nach Hause wandeln, komm Emma und folge auch einmal deiner Bertha, die sonst immer dein gehorsames Schwesterchen ist.« »Könnte die ausserordentliche Folgsamkeit eben nicht besonders rühmen;« wandte jene ein; »doch du hast diesmal Recht; wir haben uns gewiß schon verspätet.« Eilig schritten die Mädchen den Gang hinauf dem Gartenthore zu, das noch immer offen stand, denn es saß das kleine Bärbchen fortwährend auf der Straße, und spielte nun mit 2 Gefäßen, indem sie aus einem in das andere den Sand laufen ließ. Doch als gerade die Schwestern aus dem Garten traten, hörten sie den schnellen Hufschlag eines Pferdes, und sahen am Ende der Strasse einen Schimmel ohne Reiter im vollen Lauf daher sprengen. Emma nahm ängstlich rufend Reisaus, und lief wieder in den Garten hinein; Bertha hingegen zog das Kind schnell in die Höhe, und ein wenig auf die Seite, dann lief sie mit ihrem aufgespannten Sonnenschirmchen gegen das Pferd, um dieses zum umwenden zu bewegen. Wirklich erreichte sie ihre Absicht, und den Leuten welche dem ausgerissenen Thier nach eilten, wurde es nun leichter, dasselbe aufzufangen. Auf Emma's Schreien, war unterdessen die Gärtnerin herzugesprungen, und zitterte am ganzen Leibe, als sie von Jener im Vorüberrennen vernahm, in welcher Gefahr sich ihr Kind befinde. Doch als sie es zwar weinend, aber gerettet fand, und Bertha, dasselbe mit freundlichen Worten beschwichtigend, bei ihm erblickte, da brach sie in Dank und Freudenäusserungen aus, und rühmte des wackern Fräulchens Muth und Entschlossenheit. Diese aber suchte nun Emma auf, welche sich ganz am Ende des Gartens, hinter ein Gewächshaus verkrochen hatte, und sagte lächelnd: »Nun wahrhaftig Du hast ein sicheres Pläzchen gewählt; hieher wäre freilich der Schimmel nicht gallopirt, aber hätte ichs auch so gemacht, so würde vielleicht jezt das arme Bärbchen von jenem zertretten worden seyn.« Emma konnte sich ihr albernes Betragen nicht abläugnen, und schämte sich dessen wohl, doch sie vermochte es nicht über sich, sich anzuklagen, und schweigend kehrten beide Schwestern zur Stadt zurück.

Bertha hatte Emma viel zu lieb, um sich auf ihre Kosten mit ihrer That zu rühmen; sie verschwieg sie, und verschmerzte auch den Verweiß, den beide über ihr langes Ausbleiben von der Mutter erhielten, ob sie gleich in der erlebten Begebenheit einen großen Entschuldigungsgrund hätte anführen können.

Am folgenden Tag erschien die erwähnte Gärtnerin, und händigte Emma, diese für Bertha haltend, die gerade auf dem Vorplaz war, ein Körbchen köstlicher Pflaumen und einen großen Strauß Monatrosen und Gyranien ein; welches Geschenk sie mit den Worten begleitete: »Der Lebensretterin meines Bärbchens gehört dieß Alles. O könnte ich nur noch mehr geben; aber vergessen werde ich es in meinem Leben nicht, was Sie gethan haben. Ich vernahm gestern wohl in einiger Entfernung Ihr Gespräch mit dem Schwesterchen und Ihren Wunsch von diesen Blumen welche pflücken zu können, allein ich konnte in dem Augenblick nicht von meiner Arbeit weg, und gleich darauf folgte ja die Begebenheit, die mich fast zum Tod erschreckte.« »Welche Begebenheit denn? und was soll dies Alles bedeuten?« fragte Frau v. Falkensee, die dazu gekommen war. Nun mußte Emma beichten, und es geschah mit glührothen Wangen und niedergeschlagenen Blicken. Die Mutter schüttelte misfällig den Kopf, und nahm vor der Hand das ganze Geschenk in Beschlag, freundlich der Geberin dankend. Als nun Bertha, die mit Franz, einen Auftrag des Vaters auszurichten weggegangen war, nach Haus kam; übergab ihr die Mutter obiges Geschenk, und sagte: »Du hast es verdient Bertha, es ist Dein;« und verbot Emma daran Theil nehmen zu lassen, um sie für das Verschweigen des Ereignisses zu strafen. Doch Jene ließ mit Thränen und Bitten nicht nach, bis Frau v. Falkensee den strengen Urtheilsspruch zurück nahm, worauf dann Bertha fröhlich und redlich Alles mit der Schwester theilte.

Die Kirmes zu Moosdorf.

Werthlieb war Geistlicher auf dem Lande geworden, und das Dorf in dem er lebte, lag in einer wunderlieblichen Gegend; besonders gab es in derselben viele Weinberge, welche dieses Jahr eine sehr reiche Lese versprachen. Die Kirmes, oder Kirchweih jenes Orts fiel auch im Herbst, und man versprach sich daher in Moosdorf zu dieser Zeit eine ganze Kette von Lustbarkeiten.

Werthlieb war mit dem Falkensee'schen Hause im herzlichsten Verhältniß geblieben, denn er vergaß es nie, welche würdige und freundliche Behandlung er daselbst genoß, und der Major und seine Gattin erinnerten sich immer dankbar, an die Verdienste, die sich Ersterer um ihre Kinder, namentlich um Franz erworben hatte; denn daß derselbe in eine, für sein Alter hohe Classe aufgenommen wurde, und hier einen der ersten Pläze behauptete, und das er und seine Schwesterchen Sinn für manches Gute in sich trugen, das schrieben mit Recht die Aeltern dem Beispiel, und den Lehren des wackern Werthliebs zu. Man nahm also fortwährend aufrichtig Theil an dem gegenseitigen Geschick, wechselte zuweilen Briefe, und selbst die Kinderchen legten von Zeit zu Zeit einige schriftliche Zeilen, an ihren geliebten ehemaligen Lehrer, dem Schreiben der Aeltern bei. An seinem lezten Geburtstag aber hatte Jener von Bertha und Emma einen seidnen Geldbeutel, und von Franz eine hübsche Zeichnung und einen schön geschriebenen Glückwunsch erhalten. Der Pastor, hoch erfreut darüber, wollte seinen Lieblingen thätig die Dankbarkeit, die er fühlte, beweisen, und lud Emma und Bertha zur nächsten Kirmesfeier, Franz jedoch in seinen, spätereintretenden Schulfeiertagen zur Weinlese ein. Welch einen Jubel veranlaßte dies bei den Geschwistern; sie träumten wachend und schlafend von dem bevorstehenden Vergnügen, denn sie waren noch nicht weiter, als in die nächste Umgegend der Stadt gekommen. Die Reise nach Moosdorf also, die ohngefähr 4 Stunden betrug, erschien ihnen ungeheuer groß und wichtig; und Emma versprach der Mutter ein getreues Tagebuch zu halten. Werthlieb hatte verheißen, seine kleinen Freundinnen selbst zu holen, und beide waren sehr geschäftig, all ihre Habseligkeiten bereit zu halten, um dann gleich abreisen zu können.

Den Abschied aus dem älterlichem Haus, so wie den Aufenthalt in Moosdorf, und der Kinder dort gemachten Erfahrungen soll uns die, jezt 10jährige Emma in ihrem Tagebuch selbst erzählen.

Emma's Tagebuch.

Den 10ten September Morgens 9 Uhr.

Gestern war ich von der Reise, und von Allem was ich erlebt hatte, so ermüdet, und so schläfrig, daß ich mein, der Mutter gegebenes Versprechen, alle Abend in mein Tagebuch zu schreiben, unmöglich erfüllen konnte. Es soll jezt geschehen, während Schwesterchen Bertha noch tüchtig schnarcht. Aber sie hat sich auch gestern mit Schullehrers Suschen recht abgetummelt. Ich hätte das nicht gekannt; ach trotz aller Liebe, die wir hier erfahren, quält mich das Heimweh! – Schon wieder muß ich weinen, und das Herz ist mir recht schwer. – O Ihr guten Aeltern! – Wenn Ihr nur da wäret! oder doch wenigstens mein munteres Fränzchen; mit seinen Schnacken würde er mich erheitern.

So leichtfertig er oft ist, so ging ihm gestern der Abschied von uns doch recht nahe; ich merkte es wohl, ob er es gleich verbergen wollte; und der guten Mutter Auge schwamm ebenfalls in Thränen als ich weinend an ihrem Halse hing. Der Vater aber war standhaft, und meinte: eine so kurze Entfernung und Trennung wäre nicht der Thränen werth, und wir gingen ja frohen Tagen entgegen. Er hat freilich Recht der liebe Vater, allein es ist die erste Trennung von ihm und lieb Mütterlein; und noch nie legte ich mich zu Bette, ohne Jene vorher noch oftmals geherzt und geküßt zu haben. Da dies gestern Abend nicht geschehen konnte, so weinte ich mich, ehe ich einschlief, recht satt. Auch jezt will es mir nicht zu Sinne, daß ich meinen lieben Aeltern, Bruder Franz, und unserer ehrlichen Anna keinen guten Morgen wünschen kann. – Wenn nur Bertha die Langschläferin aufwachte! die Frau Pastorin wird bald zum Frühstück klingeln; dann geht mirs wieder besser, denn so wohl gestern auf der Reise vergaß ich mich durch all das Neue, was ich sah, als auch hier; so lange wir unter unserer lieben Hauswirthin waren. Beide, so wie Rosalie, die Schwester der Frau Pfarrerin sind gar freundlich und gut; und das nette kleine Dingelchen in der Wiege macht mir auch recht viel Spaß. Ich werde mir es heute öfters ausbitten, Luischen auf den Schoos nehmen zu dürfen. Eine solche lebendige Puppe wäre mir lieber, als alle die welche ich besitze. Aber wie schön die Aussicht von unserm Schlafstübchen hinaus ins Freie ist! Ach die köstlichen reich beladenen Weinberge! – ich muß wirklich ein Bischen näher ans Fenster treten, und mich an ihren Anblick ergözen. Herr Pfarrer hat uns auch für heute einen weiten Spaziergang versprochen. Wie freue – Nun da schellts! Geschwind muß ich die faule Bertha weken. –

Den 12ten Abends 10 Uhr.

Ei ei! Wieder ist der gestrige Abende verflossen, und ich habe nicht die erlebten Tagsbegebenheiten aufgezeichnet. Ungesäumt will ich es jezt thun; sonst würde mein gutes Mütterchen mit Recht schmälen, wenn sie von ihrer Emma ein unvollständiges Tagebuch erhielte und ich kann viel, recht viel erzählen.

Zuerst von dem wunderschönen Spaziergang, den wir vorgestern mit unserm theuern Pastor machten. Er führte uns durchs hübsche, reinliche Dörfchen, am Wirthshaus vorüber, wo eben der hohe Maienbaum unter einem großen Zulauf der Dorfsjugend aufgerichtet, und als er stund, von jener umtanzt wurde. Sie scheuten sich dabei nicht vor der Gegenwart ihres Pastors; hatten es aber auch nicht nöthig, den er war gar liebreich, und ermunterte sie selbst zur schuldlosen Fröhlichkeit; Schwester Bertha und ich mußten uns gleichfalls auf sein Geheiß ein wenig im Kreise Drehen. Dann ging es weiter; immer an Weinbergen fort, bis wir bei dem anlangten, welcher das Eigenthum des Herrn Pfarrers ist. Er und Rosalie – Frau Werthlieb blieb bei ihrem Luischen zu Hause – führten uns nun an die besten Weinstöcke, und wir durften nach Herzenslust Trauben abschneiden und sie verzehren, auch einige in unserm Körbchen mitnehmen, um unter Wegs uns damit zu laben. Dann verließen wir den Weinberg, und schlenderten über einen frischen Wiesgrund, den ein klarer Bach, von Erlen umpflanzt, munter durchströmte, welcher wie Silber glänzte, wenn die Sonne darauf schien. Nach einer Weile erreichten wir eine Mühle; deren Besitzer sehr wohlhabend sind, und eine große Freude äusserten, über die Ehre, die ihnen durch den Besuch des Herrn Pastors und der Jungfer Schwester zu Theil würde. Die Müllerin wollte uns Kaffe machen, und Gebackenes vorsezen; unser lieber Begleiter verbat es sich aber, und nun kam eine Schale herrliches Obst, gutes schwarzes Hausbrod, und frische Butter auf den Tisch. Wir thaten uns gütlich damit, und dann wurde uns die Einrichtung des Mühlwerks gezeigt. Ich habe nun wohl Alles genau betrachtet, und recht aufmerksam der Erklärung zugehört, aber, du lieber Himmel zum niederschreiben würde ich eine lange Zeit brauchen, das kann ich nicht. Mütterchen soll es mündlich von mir hören, was ich mir gemerkt habe.

Mit der sinkenden Sonne kamen wir von unserm Spaziergang nach Hause, und den Abend über spielten Pfarrers mit uns, nämlich: »Weil und warum; Hast Du deine Lektion gut gelernt, und Salz schneiden« da gab es vielen Spaß. Bertha war beim zweiten Spiel immer gleich mit ihrem – Ja oder Nein – bei der Hand, und mußte viele Pfänder geben. Ich nahm mich wohl recht in Acht, doch kam ich auch nicht ungerupft durch. Dabei, so wie überhaupt seit wir hier sind, verwechselt uns Schwestern die gute Pfarrerin immerwährend, bald heiße ich bei ihr Bertha, bald Emma, und Rosalie wird auch zuweilen irre, noch mehr die Magd im Hause, und die andern Leute die aus und ein gehen; ich streite mich nicht darüber ab, denn Schwesterchen Bertha beträgt sich recht gut, warum sollte ich nicht für sie gelten wollen? – Doch wieder zu meiner Erzählung zurück. Gestern war der erste berühmte Kirmestag; den ich jezt beschreiben will; allein wo fange ich an? Ich möchte gleich Alles zu Papier bringen; aber nein, hübsch in der Ordnung Emma! sonst wird Mütterchen böse, wenn sie ein Quodlibet lesen muß. Also früh in die Kirche – o weh! ich mußte schon einigemal recht gähnen, der Schlaf kommt mit Macht, ich kann ihm nicht widerstehen.

Den 13ten Morgens 8 Uhr. – Gescheuder ists, ich nehme die Morgenstunde bei meinem Tagebuch zu Hülfe; am Abend ist wenig Kluges mit mir anzufangen; daher will ich lieber jezt meine Erzählung fortsetzen: Am Sonntag also ging es in die Kirche; sie war mit vielen jungen Birken, mit Kränzen und Blumengewinden geschmückt, und der Herr Pfarrer predigte recht schön davon, wie man sich im Gotteshaus betragen soll. Ich habe mir manches gemerkt, und will z. B. gewiß nimmer in der Kirche meine Augen so viel herum spazieren lassen, wie es zuweilen geschah. Am Schluß der Predigt bat Herr Werthlieb so rührend für einen kranken und armen Mann im Dorfe, daß mir die Thränen über die Wangen liefen, und ich gleich wußte, was ich thun wollte. Nach der Predigt wandelten wir Schwestern mit Amtmanns Lotte und Schullehrers Suschen auf den, mit feinen Kieß und rothen Sand bestreuten großen Tanzplan, der auch mit Birken umpflanzt war, um welche sich Blumengewinde schlangen. Die Eßglocke rief uns endlich nach Hause, wo es ein herrliches Mittagsmahl gab; Gänsebraten, Schinken, Bratwürste, Obst und köstliche Weintrauben, auch Wein, zu Ehren der Kirchweih. Nachmittag kam Besuch aus der Gegend; meist Geistliche mit ihren Familien; wir lernten sehr artige Kinder kennen, Knaben und Mädchen, und ich dachte oft an Bruder Franz, der gewiß auch recht vergnügt gewesen wäre; doch er kann jene in der Weinlese besuchen. Nach dem Kaffe trinken begaben wir uns Alle auf den Tanzplan, wo schon 2 Geiger und ein Schalmeibläser lustig mussicirten. Nun wurde frisch getanzt, und Herr Werthlieb hatte seine größte Freude an unserm Vergnügen; auch die Dorfsjugend tanzte mit, betrug sich aber so gesittet, daß man sich ihrer nicht zu schämen brauchte. Nach einem Stündchen gebot unser lieber Herr Pfarrer, daß wir nicht mehr tanzen, sondern in einem nahstehenden Gartenhäuschen uns langsam abkühlen sollten. Dann besahen wir die aufgeschlagenen Buden, wo hübsche Sachen zu finden waren, und Bertha kaufte sich von dem Geld, das die guten Aeltern einer Jeden von uns mitgaben, nette Herzen von Perlenmutter in die Ohrringe, und allerliebstes kleines Geschirr von feinem Porzellan. Gerne hätte ich mir auch eines gekauft, und Bertha bat, zürnte, und bot Alles auf, um mich dazu zu bewegen; allein es half nichts, ich blieb standhaft. Warum? – ach, soll ich es denn erzählen. Ei wohl! ließt doch dieses Tagebuch niemand als mein Mütterchen, und dieser darf und will ich nichts verschweigen. In der Dämmerung schlich ich mich nämlich in das, von Herrn Pastor bezeichnetes Häuschen zu dem armen Mann, und brachte ihm mein Geld. Ach Gott! welch Elend traf ich hier! Ein noch nicht betagter Mann lag abgezehrt, gleich einem Todtengerippe auf einem elenden Bette, die Frau und 2 Kinderchen von ohngefähr 4 und 7 Jahren saßen betrübt in einer Ecke, jene spann Wolle, der Knabe nagte an einer harten Rinde Brod, und das Mädchen verbarg ihr Köpfchen in den Rock der Mutter, und schluchzte leise, wahrscheinlich aus Hunger. Denn die Gaben, welche die Gemeinde, nach der Aufforderung ihres Seelsorgers, gebracht hatte, und die in Geld bestanden, wurden zur Belohnung des Arztes aufgespart, nach dem in die nächste Stadt geschickt worden war. Ich hatte mir vorgenommen, all mein Geld her zugeben; nun drückte ich aber nur 3 viergroschen Stück der Frau in die Hand, und lief unter dem Versprechen, bald wieder zu kommen hinweg. Mein Vorsatz war, Küchen- und Spielzeug für die armen Kinder zu kaufen, und ihnen zu bringen, doch o weh, die Krämer hatten schon eingepackt, es war nichts mehr zu bekommen, betrübt schlich ich nach Hause; da begegnete mir die alte Liese, welche im Pfarrhaus mancherlei Dienste thut; dieser klagte ich mein Leid und erhielt von ihr den Trost: daß die Buden am folgenden Tag wieder aufgeschlagen würden, wo ich dann mein gutes Werk, wie sie sagte, vollenden könnte. So war es auch, und die Freude, welche Paul und Gretchen über meine kleinen Geschenke hatten, machte mich glücklicher, als alle Herrlichkeiten, die ich mir selbst gekauft hätte. Der Mutter rannen die Thränen über die eingefallenen Wangen, als sie ihre Kinderchen so vergnügt sah, und selbst der kranke Mann lächelte auf seinem Schmerzenslager; und reichte mir die knöcherne Hand. Ach ich war so innig froh, so selig, daß ich es nicht beschreiben kann; und daß ich die Freude so still in mir hatte, daß Niemand davon wußte, als ich, das war mir doppelt lieb; – aber oft versezte ich mich mit meinen Gedanken in die ärmliche Hütte, und dann fand mich Bertha und die Andern zerstreut und einsilbig, und erstere zankte mich darüber recht ordentlich aus, wenn mir das gesellschaftliche Gewühl lästig wurde, und ich mich ein wenig absonderte; denn gestern ging es im Haus und im Dorfe noch recht lustig zu, es wurde geschmaußt und getanzt; und wieder andere Freunde der Pfarrleute erschienen schon zu Mittag, weshalb abermals viel mehr Gerichte auf den Tisch kamen als gewöhnlich. Es gelang mir, von meinem Teller Eines und das Andere unbemerkt wegzunehmen, und dies trug ich meinen Armen Abends wieder zu.

Den 13ten Abends 9 Uhr. Die alte Plaudertasche die Lies' die mir gestern Abend wieder begegnete, als ich nach Clausens Hütte ging, hat gewiß dem Herrn Pfarrer Alles geschäftig hinter bracht, was sie von mir wußte, aber wieder mich mit Bertha verwechselte; denn heute bemerkte ich von ihm und seiner Frau, sowie von Rosalien eine ausgezeichnete Freundlichkeit gegen Jene. Auch sprach Herr Werthlieb ein paarmal mit großem Ruhm von der stillen Wohlthätigkeit, sah dabei lächelnd und bedeutend auf Bertha, und streichelte ihr die Wange. Sie aber schaute ihn mit großen Augen an, und wußte nicht, wie sie das nehmen sollte. Was soll ich nun thun, soll ich Schwesterchen die Sache erklären oder schweigen? – Diese Frage beschäftigte mich heute immer, und da ich nicht mit mir einig werden konnte, und überdies ein ununterbrochener Regen uns ins Zimmer bannte, war ich oft ganz verstimmt. Rosalie benahm sich aber recht gütig gegen uns, lehrte uns viele künstliche Sachen aus Karten ausschneiden und zusammenlegen, zeigte und erklärte uns köstliche Bilderbücher aus ihres Bruders Bibliothek, und erzählte uns auch einige schöne Geschichten, dazwischen tändelte und schäckerte ich mit dem kleinen dicken Luischen, und so verstrich der heutige Tag. Morgen aber – ja Morgen geht es wieder in die liebe Heimath und so vergnügt ich auch in Moosdorf war, so freue ich mich doch unbeschreiblich die guten Aeltern und Bruder Franz wieder zu sehen. Wenn ich nur wüßte, ob ich schweigen, oder Bertha aus dem Traum helfen soll; – nein, ich will ihr die gute Meinung, welche Pfarrers von ihr hegen, gönnen und – stille seyn. –

Die Entdeckung.

Wirklich hatte Emma den Sieg über sich gewonnen, den Ruhm, welchen Bertha, ohne es zu wissen und zu verdienen, sich bei Werthliebs erworben hatte, durch keine Erklärung ihr zu entziehen; doch ein Zufall stellte die Sache ins wahre Licht. Emma hatte am lezten Morgen noch einen kurzen Besuch in Clausens ärmlichen Häuschen abgestattet, und dessen Bewohnern versprochen: ihnen durch Franz, wenn dieser zur Weinlese nach Moosdorf kommen würde, einen Beweiß ihres Andenkens zu schicken; die dankbare Rührung der Leute, mit der sie von dem guten Mädchen Abschied nahmen, bewegte Emma selbst so sehr, daß sie sich der Thränen nicht enthalten konnte. Noch unter der Thüre trocknete sie sich die Augen, und wollte dann das Sacktuch in ihr Körbchen schieben, indem kam ein Hund aus einem Seitengäßchen bellend auf sie zugesprungen, und unsere furchtsame Emma lief wie ein gejagtes Reh dem Pfarrhause zu. In Schrecken hatte sie das Sacktuch fallen lassen, Liese, die nahe – bei Clausen wohnte, dasselbe gefunden, und der Frau Pastorin mit der dazu gehörigen Erläuterung gebracht. Emma's Name, der ins Sacktuch gezeichnet war, sagte Jener nun, daß nicht Bertha, sondern ihre Schwester die kleine Wohlthäterin der armen Leute war, und sie theilte ihrem Manne, so wie Rosalien die Entdeckung mit. Der Pastor vermochte es nicht, Emma sein Wohlgefallen, so wohl über ihre Mildthätigkeit, als auch über ihr anspruchloses edelmüthiges Verschweigen ihrer Handlungsweise vorzuenthalten; aber er nahm sie dabei alleine mit in sein Gärtchen, um ohne Zeugen ihr sein Lob zu ertheilen; denn er wollte weder ihre Bescheidenheit verletzen, noch Bertha wehe thun; Ja er bat Emma: das Schwesterchen nun ganz in Unbekanntschaft mit der Sache zu lassen, »denn« fügte er hinzu; »an deiner Stelle liebe Emma, hätte ich Bertha den Antheil an der schönen That gegönnt. Ihr macht es auch Freude, Armen Gutes zu thun, vereint hättet ihr die Wohlthat noch vergrößern können; und so verschloßen gegen eine Schwester zu seyn, ist nicht recht. Jezt kannst Du nur deinen, gegen Bertha begangenen Fehler dadurch mindern, daß Du die Begebenheit als ein Geheimniß so lange bewahrst, bis Du einmal in einer vertrauten Stunde der guten Schwester Verzeihung wegen deiner Verschlossenheit nach suchen, und ihr dann Alles aufrichtig erzählen kannst und wirst.« Diese Rüge, so sanft sie war, wollte Emma auf das erhaltene Lob gar nicht behagen; aber sie trug für Werthlieb zu viel kindliche Ehrfurcht und Liebe im Herzen, als daß sie ihm ihre Empfindlichkeit gezeigt hätte, auch mußte sie sich sagen, daß er Recht habe. Nach kurzem Nachdenken entschloß sie sich Moosdorf nicht zu verlassen, ohne den Vorwurf, den sie sich selbst zu machen hatte, von sich weggewälzt zu haben. Stillschweigend war sie mit dem Pastor noch ein paar Gänge im Garten auf und nieder geschritten, dann ergriff sie seine Hand, führte sie an ihre Lippen und sagte: »Ich will auf der Stelle mein Unrecht wieder gut machen, schicken Sie mir Bertha, ich werde ihr Alles gestehen.« Werthlieb versprach es mit einem herzlichen Kuß, und bald hatten sich die Schwestern unter sich verständigt, denn Bertha konnte nicht zürnen; aber sie untersuchte den Inhalt ihres Geldbeutelchens, fand noch 2 Groschen darin, kaufte Brod, und brachte es, von Emma hingeleitet den Armen. Mit innerer Zufriedenheit verließen nun beide Schwestern Moosdorf, und schieden mit Dankesthränen von der freundlichen Pfarrerin und von Rosalien. Der Pfarrherr aber hatte den Aeltern versprochen, die geliebten Töchterchen wieder selbst zurückzubringen, und so hielt er auch Wort. Groß war die Freude des Wiedersehens in der Familie Falkensee, und noch an demselben Abend übergab Emma, ehe sie sich schlafen legte, der theuern Mutter das versprochene Tagebuch.