Als ich den Tod erdacht,
Sein trunkenboldisch Jauchzen
Durchgeisterte die Nacht.
Das Auge wie von Stahl,
Der Busen eine Wunde, –
So flog er kalt und fahl.
Die Seelchen flattern aus,
Das wispert, wimmert, kichert,
Und jedes sucht sein Haus.
Betäubt von Schein und Schall,
Verliert sich ohne Heimat
Im bodenlosen All.
Bald danach warf sich Engelhart aufs Bett und schlief in seinen Kleidern still und gesundend bis zum Morgen. Da erst kam das Staunen. Durch bloße Worte kannst du also entzaubert werden, durchfuhr es ihn.
Er wurde nachdenklich. Die Worte allein waren es nicht. Sie waren nur die Entschleierer, die Ausgraber des geheimnisvoll in Brunnentiefe ruhenden Bildes, die listig-vielgesichtigen Diener eines Wesens, das Brücken baut von Traum zu Traum.
Er hatte sein Ausbleiben vom Bureau brieflich entschuldigt; als er hinkam, machte ihm Herr Zittel die Mitteilung, daß er entlassen sei. Er erhielt noch einen Restbetrag von sieben Mark und zwanzig Pfennig ausbezahlt und außerdem, gnadenhalber, ein präsentables Zeugnis, damit seine Existenz nicht völlig ruiniert sei. Einer der Schreiber am Pult drehte sein Gesicht Engelhart zu; es war dies eine Art Methodist, der seine freien Stunden, hauptsächlich von sieben bis neun Uhr abends, auf christliche Nächstenliebe gestellt hatte. Er wollte ein mitleidiges Gesicht machen, grinste aber schadenfroh. Herr Zittel richtete den blauen Blick seiner Fischaugen vorwurfsvoll auf Engelhart, dann ging er ins Privatzimmer des Generalagenten, um das Zeugnis unterschreiben zu lassen. Der Methodist rückte ein Weilchen auf seinem Sessel, schließlich sprang er herab, brachte ein kleines Paketchen aus seiner Tasche zum Vorschein, hinkte auf Engelhart zu und bot ihm mit salbungsvoll flötender Stimme ein Stück zerbröckelten Lebkuchens an. Engelhart lachte gutmütig und dankte.
Traurig stand er gegen Mittag an der Karlsbrücke, sah ins Wasser und überlegte, was er jetzt beginnen sollte. Alle Posten waren sicher schon besetzt; das war immer seine feste Überzeugung im voraus, daß alle Posten schon besetzt seien. Er kam sich vor wie jemand, der bei einem Fest ungeladen und zu spät kommt, über viele Köpfe hinweg gerade noch einen Fahnenfetzen winken sieht, während die Musik nur durch verschlossene Türen zu ihm dringt.
Da legte sich eine Hand auf seine Schulter. Es war Schildknecht.
»Warum so tiefsinnig, alter Schwede?« fragte er in jenem gemütlich-heiteren Ton, der ihm stets Engelharts ganzes Herz zuwandte. Engelhart erzählte, und Schildknechts Gesicht verfinsterte sich. »Wie steht es mit den Finanzen?« fragte er. »Schulden? Wo und wieviel? Gut; jetzt lassen Sie mich mal gewähren. Wir werden ein schönes Brieflein an den Herrn Oheim nach Wien schicken, verstanden? Wir werden ihm klarmachen, daß der Herrgott ein paar Individuen erschaffen hat, deren Hinterteil sich für den Drehsessel nun einmal nicht eignet. Wir werden ihm sagen, daß es einige Pflanzen gibt, die rasch ins Blühen kommen und rasch ins Welken, und wieder andre, bei denen die Sache langsam geht, je langsamer, je süßer die Früchte werden. Wir werden ihm zu verstehen geben, daß der satte Magen ein guter Moralist und der hungrige ein Behälter von Sünden ist. Und nun Kopf hoch, lieber Sohn.«
»Was ist aber dabei gewonnen, selbst wenn er ein paar Taler schickt?« entgegnete Engelhart; »was dann, wenn das Geld verzehrt ist?«
»Zuerst müssen Sie aus der verdammten Klemme kommen,« sagte Schildknecht. »Erst atmen und dann denken. Was später sein wird, dafür lassen Sie nur mich sorgen und meinen Freund, den Zufall.«
Der Brief wurde geschrieben, und in ihm versprach Engelhart, die Geldsumme, um die er den Oheim bat, am Tage seiner Mündigwerdung zurückzuerstatten; er hatte von seinem mütterlichen Vermögen noch einen Rest von etwa achthundert Mark zu erwarten. Michael Herz schickte den erbetenen Betrag mit einigen wohlwollenden, aber kühlen Zeilen. »Ich hoffe, daß Du Deine bedrückte Lage, in welche Du durch eigne Schuld und eignen Entschluß geraten bist, nun etwas erleichtern kannst.« Von Zurückzahlung keine Silbe. Aber hätte Engelhart hinter den Zeilen zu lesen verstanden, hätte er nicht immer nur bei solchen Menschen Feinheit und Adel vorausgesetzt, um die er sich geistig mühen mußte und die ihn geistig nahmen, so hätte er sein Gelöbnis wohl bewahrt. Es war ihm dort nicht mehr um Treu und Glauben zu tun, er meinte, dort habe er ohnehin ausgespielt und ein Vorteil sei ein Vorteil.
Wenige Tage später erhielt Engelhart auch einen Brief seines Vaters. Herr Ratgeber wußte noch nicht, daß Engelhart ohne Posten sei, deshalb empfand dieser keine Freude, als ihm der Vater mitteilte, er werde sich in der kommenden Woche in Nürnberg aufhalten, wo er geschäftlich zu tun habe. Herr Ratgeber schrieb, daß er über Engelharts Treiben nur Ungünstiges vernehme, er beklagte sich bitter über die Nachlässigkeit des Sohnes, der ihn monatelang ohne Brief lasse und sich nur an ihn wende, wenn er etwas brauche. »Deine Stiefmutter hat recht, wenn sie Dich einen kalten Selbstsüchtling nennt,« hieß es weiter, »schon lange bereitet mir Deine Undankbarkeit Kummer. Und was ist mit Deinem Fortkommen? Wahrlich, ich verstehe Dich nicht. Nun wirst Du einundzwanzig Jahre alt, in zwei Monaten bist Du großjährig, alle Deine früheren Kameraden haben schon glänzende Stellungen und Du mußt Schreiberdienste leisten für einen Hundelohn. Wozu habe ich Dich eine teure Schule besuchen lassen, wozu sind alle Deine Gaben? Für nichts zeigst Du Lust und Liebe, wie ein kleines Kind stehst Du im praktischen Leben, und wenn ich bedenke, daß Du mir schon behilflich sein könntest, mein schweres Los zu erleichtern, dann frißt es mir ins Herz, Dich so mißraten zu sehen. Sieh doch zu, daß Du bei einer Bank unterkommst, suche meinen Bruder oder Deinen Vormund auf, vielleicht geben sie Dir Empfehlungen, so wie bis jetzt kann und darf es nicht weitergehen.«
Zum Schluß kamen noch einige versöhnliche Sätze, als fühle Herr Ratgeber, daß er die Kluft zwischen sich und dem Sohne nicht erweitern dürfe, aber Engelhart blieb ungerührt. Er las das Schreiben seines Vaters Schildknecht vor, und bei dem Wort »Undankbarkeit« zuckte dieser zusammen.
»Wenn nur die Herren Väter einsehen wollten, daß das weitaus größere Vergnügen auf ihrer Seite war,« knurrte er. »Immer soll das Kinderkriegen auch zugleich ein Zinsengeschäft sein.«
Solche Worte von den Lippen des Freundes erkälteten Engelharts Gemüt noch mehr gegen den Vater. Er antwortete nicht auf den wohlgemeinten Brief. »Ich habe niemals zu Hause Entgegenkommen oder Verständnis gefunden,« sagte er zu Schildknecht, wie um sich vor sich selbst zu rechtfertigen. Er war Tor genug, zu glauben, vom Verständnis sei alles Glück abhängig; er selbst wollte verstanden werden, aber er bequemte sich nicht dazu, auch seinerseits zu verstehen, wenigstens dort, wo es sich um jenes nach seiner Ansicht niedrige Vegetieren handelte, das sogenannte praktische Leben. Als sein Vater in die Stadt kam und er durch eine Postkarte davon Nachricht erhielt, versteckte er sich. Nur zum Schlafen kam er spät am Abend heim, zweimal fand er einen Zettel seines Vaters auf dem Tische liegen, das erstemal standen fragende und befremdete, das zweitemal abgerissene, empörte Worte darauf. Engelhart hörte nicht und fühlte nicht. Den ganzen Tag über hielt er sich in Schildknechts Hause auf.
Frau Schildknecht hatte ihn zuerst kühl, beinahe feindselig behandelt, denn sein Umgang mit Justin schien diesen noch mehr aus der Bahn zu reißen als alle früheren Eskapaden und Freundschaften. Als sie Engelharts Appetit bei den Mahlzeiten sah, versöhnte sie sich mit ihm. »Sie sind auch ein wacker verprügeltes Männlein,« sagte sie und schaute ihm tief, beinahe finster in die Augen. Das Haus war die reinste Katzenmenagerie. Um die Dämmerstunde öffnete Frau Schildknecht die Tür und zwei schwarze Katzen und ein gelber Kater marschierten lautlos herein. Justin Schildknecht sah in jeder Katze etwas wie ein mystisches Wesen und schrieb ihr dämonische Klugheit zu. Er erzählte von einem Kater, der, merkwürdig begabt, ihm auf Schritt und Tritt durch die Gassen gefolgt war, dem leisesten Lockruf gehorchend; als er auf die Akademie gezogen, sei das Tier verschwunden und nie wieder zum Vorschein gekommen. Eines Nachts war Engelhart Zeuge, wie Schildknecht mit mehreren betrunkenen Burschen anband, weil diese nach einer Katze mit Steinen warfen. Er war wie außer sich und schlug mit der Kraft von dreien die ganze Gesellschaft in die Flucht. Dann legte er das halbtote Tier in seinen Arm, sprach ihm zärtlich Trost zu und trug es nach Hause.
Tag um Tag wurde Engelharts Zusammenleben mit Schildknecht inniger, alle andern Menschen erschienen ihm fremd, und wo immer er auch sonst Anschluß und Annäherung gesucht hatte, nichts blieb von diesen Beziehungen übrig, er zerbrach jede Fessel, vergaß jede Rücksicht außer dieser einen, die nun sein innerstes Leben ausmachte. Da er sich überdies von Justin Schildknecht eifersüchtig bewacht sah, bis auf Blicke, bis auf Gedanken, fand er sich doppelt verpflichtet und doppelt ergeben. Höher flogen ja seine kühnsten Wünsche nicht, als sich mit der ganzen Person einzusetzen für ein wahres Gefühl der Freundschaft, nur so erschien er sich geborgen, nur darin erblickte er Möglichkeiten des Gedeihens. Er erschloß mit Inbrunst sein Herz. Keine Hoffnung, keine Furcht blieb geheim. Über jede fern von dem Freund verbrachte Stunde legte er Rechenschaft ab. Nichts hatte Gewicht, was nicht Schildknecht billigen konnte, nichts wurde Erlebnis, was er nicht mit ihm erlebte. Was auch in der Welt geschah, große und kleine Dinge, schließlich kam es nur darauf an, wie es ihnen beiden dienen konnte. Ihm schien, man könne nicht zugrunde gehen, wenn man durch ein gleichgestimmtes Herz gehalten würde. Auch kannte er nicht mehr das Gefühl der Einsamkeit, das ihn vordem so oft gequält. Ein Tag voll Bangigkeit zählte nicht, denn er verhieß doch ein beseligendes Gespräch mit dem Freund, und über all das Drohende und Bedrängende sprechen zu können, das bedeutete soviel als es beseitigen. Sie wanderten in mondhellen Nächten durch die winkligen Gassen, über die Brücken und auf die Burg, oder saßen bei schlechtem Wetter in einer Kneipe; Schildknecht erzählte von seiner Vergangenheit, und dabei wurde ihm alles zum Märchen, ebenso wie Engelhart alles zum Märchen wurde, wenn er von der Zukunft sprach. Leider besaß keiner von ihnen die rechte Geduld, dem andern zuzuhören, es ging ihnen wie zwei Hungrigen, die aus derselben Schüssel essen und bei allem Wohlwollen füreinander doch nach den größten Bissen schnappen. Wie einfach wurde das Getriebe der Welt in solchen Stunden! Auf dieser Seite der Haß, auf der andern die Liebe, hier der Untergang und dort das Gelingen, Gut und Böse geteilt wie Licht und Finsternis, es kam gar nicht zum Exempel, denn alle Größen standen ausgerechnet da, und die Zauberformel hieß: Zugreifen!
Solange er mit Engelhart allein war, fühlte sich Justin Schildknecht ruhig und frei gestimmt. Er war, wie auch Engelhart, ein sehr mäßiger Mensch, trank nie, nur im Tabakrauchen waren sie beide ausschweifend. Wenn sich nun ein dritter zu ihnen gesellte, was hier und da vorkam, denn Schildknecht hatte zahlreiche Bekannte in der Stadt, dann machte er den Eindruck eines Betrunkenen, und Engelhart selbst erschrak über sein scheues, zerflattertes, geschwätziges und gefährliches Wesen. Schildknecht traute keinem, er hatte an jedem seine Erfahrungen gemacht, er wollte niemand in sein Inneres blicken lassen, darum verkleidete, verstellte, versteckte er sich. Er war immer ein klein wenig Komödiant, nicht völlig aufgelöst in sein Schicksal oder seine Stimmung, stets ein bißchen von außen nach sich selber schielend. Nach und nach zogen sich alle von ihm zurück, auch Leute, die ihm wohlwollten. Er hatte ganz aufgehört zu arbeiten, und seine Verhältnisse wurden drückend. Der Mutter gegenüber hatte er ein schlechtes Gewissen und mied tagelang das Haus, nächtigte in Engelharts Wohnung. »Es wird ein schlechtes Ende nehmen,« sagte Frau Schildknecht. Ihr sibyllenhaftes Wesen wühlte Justin tief auf. Mutter und Sohn konnten nicht eine Viertelstunde nebeneinander weilen, ohne daß es zu heftigem Wortwechsel kam, und je maßloser sich Justin benahm, je stiller und eisiger wurde die Frau, gleichsam leuchtend von furchtbarer Voraussicht. Bei alledem wunderte sich Justin, daß sie sich Engelhart gegenüber sanft und freundlich zeigte, und hielt es ihr sehr zugute. Er liebte und verehrte sie, aber eigentlich nur in Gedanken, er sah in ihr eine wunderliche und geheimnisvolle Person, den dunkeln Kräften der Natur verwandt, denen der Sterbliche unbewußt widerstrebt.
Indessen hatten die Eltern seiner Verlobten von dem Lotterleben Kunde erlangt und sich unter Aufgebot von allerlei Spionen Gewißheit verschafft. Sie untersagten der Tochter jeden Verkehr mit dem pflichtvergessenen Mann. In atemloser Erbitterung verbrachte Schildknecht die darauffolgende Zeit. Zudem gab es andre Schwierigkeiten materieller Art, die ihn ruhelos machten. Seine letzte Betäubung waren die Pläne, die er mit Engelhart schmiedete. Er selbst glaubte eigentlich nicht mehr an sich, aber Engelhart glaubte an sich, fest, naiv und froh; das war tröstlich, das war der Grund, weshalb Schildknecht oft wie in Bewunderung zu dem jüngeren Genossen emporsah.
Eines Nachmittags um die Dämmerstunde kamen sie beide vor Schildknechts Haus und mußten dreimal läuten, ehe geöffnet ward. Oben im Wohnzimmer gewahrten sie die Umrisse einer Gestalt, die sich aus kniender Stellung erhob, und ehe Justin noch ein Streichholz in Brand gesteckt, trat seine Mutter zu ihm und sagte: »Mach dich gefaßt, es gibt ein Gewitter.« Schildknecht zündete die Lampe an; das Zylinderglas zitterte in seiner Hand, als er seine Braut im Zimmer sah, und er fragte rauh: »Was habt ihr denn miteinander?« Frau Schildknecht nahm eine offene Kassette, die mit Schmucksachen gefüllt war, vom Tisch, klappte sie zu und trug sie in den Nebenraum. Die unschuldigen Augen des jungen Mädchens leuchteten vor Angst. Justin schlug seine Faust mit solcher Gewalt auf die Lehne eines Stuhls, daß der Knöchel des Mittelfingers zu bluten begann. Dabei schrie er: »Ich will wissen, ich will wissen!« Wieder trat Frau Schildknecht auf ihn zu und flüsterte. Er zuckte zusammen, packte sie an der Schulter und mit einem heiseren Aufbrüllen riß er sie herum. Sie strauchelte und stürzte mit der Stirn gegen die Ofenkante. Das junge Mädchen hielt die Arme flehend ausgestreckt, dann wurde ihr Antlitz flammend rot, sie griff nach ihrem Mantel und ging. Justin ließ sich auf das Sofa fallen und begrub das Gesicht zwischen den Armen. Frau Schildknecht warf Engelhart einen sonderbaren triumphierenden Blick zu, dann seufzte sie und zog die Vorhänge über dem Fenster zusammen. Engelhart empfand plötzlich Grauen vor Schildknecht, er spürte etwas Fremdes und Unüberwindliches zwischen sich und ihm; es war, als ob eine Hand sein Haupt umspannte, den Kopf in eine bestimmte Richtung drehte und ihn so zwang, beständig auf den beleuchtetsten Fleck des Raumes zu starren.
Nach diesem Vorfall entstand in Schildknecht der Entschluß, die Stadt zu verlassen und sein Leben zu ändern. Er setzte sich mit mehreren ausländischen Firmen in Verbindung, sein Name war nicht unbekannt, seine Arbeiten empfahlen sich von selbst, schließlich konnte er unter den Angeboten wählen und entschied sich für eine Stellung in der Schweiz. Am dritten Januar sollte er reisen. Er gab Engelhart das feste Versprechen, auch für ihn dort zu wirken, er wollte einen erträglichen Posten für ihn suchen und so, auf gesünderer Grundlage als bis jetzt, an der großen geistigen Zukunft gemeinsam weiterbauen; ohne Sicherheit des Brotes gebe es keine Entfaltung der Idee, meinte Schildknecht.
Als die Eltern der Braut von Schildknechts Vorhaben vernahmen und sahen, daß es damit ernst war, lenkten sie ein und am Silvesterabend fand eine Art Versöhnung statt mit darauffolgendem Familienessen, von welchem sich nur Justins Mutter fernhielt. Sie ließ sich von dem Schmerz nichts merken, den ihr Justins Wanderplan verursachte.
Den selben Silvesterabend verbrachte Engelhart bei entfernt Verwandten, einer Tochter von Iduna Hopf, die an einen Kaufmann in der Stadt verheiratet und die ihm sehr freundlich gesinnt war. Er trank ein paar Glas Punsch über die Besinnung, und als er gegen zwei Uhr morgens die Gesellschaft verließ, tanzten die Häuser auf der Straße. Er war noch nicht ganz betrunken, aber es war ihm ungeheuer selig zumute, so daß er an jeder Ecke stehen blieb und eine Weile in sich hineinkicherte, bevor er weiterging. In solcher Verfassung nach Hause zu wandeln und sich ins Bett zu legen, erschien untunlich, daher schlug er die Richtung nach dem Egydienplatz ein und stand alsbald vor Schildknechts Hause. Der Platz lag verödet. Es fiel Schnee, der im Laternenlicht aufblitzte wie Silberstickerei. In der Mitte des Platzes stand die Kirche gleich einer riesigen schwarzen Faust mit erhobenem Daumen. Aus den umliegenden Straßen drang das Geschrei der Neujahrsrufer in die Stille. Engelhart stand eine Weile glücklich lächelnd, dann stimmte er ein Liedchen an. Das Familienfest mußte schon zu Ende sein, denn aus Schildknechts Kammer funkelte Licht und nun wurde auch das Fenster geöffnet, Schildknechts lachendes Gesicht erschien und es entspann sich ein kleines metaphysisches Zwiegespräch, in dessen Verlauf der schon Schlafensbereite droben die Ansicht vertrat, daß es gut sei, noch ein wenig das neue Jahr im Freien zu genießen, da es doch wahrscheinlich nur in frischem Zustand genießbar und morgen schon der Tag der Trennung sei. Sie gingen über den Markt zum Haller Tor. In der Nähe des Henkerstegs sahen sie plötzlich eine gegen die Schwerkraft kämpfende Gestalt und erkannten Barbeck: zerrauft, beschneit, beschmutzt, ohne Hut und ohne die ironisch-gemessene Miene, die ihn sonst auszeichnete und ihm ein so weltüberlegenes Ansehen gab. Hinter ihm her schwankte ein höchst verwahrlostes Frauenzimmer, die ihm abwechselnd Schimpfnamen und Koseworte zurief; bisweilen packte sie ihn beim Rockschoß, diese Berührung elektrisierte den Mann und erweckte wieder sein bürgerliches Gefühl; er kehrte sich gegen die Verfolgerin und drohte würdevoll und betrübt mit der Polizei. Da gewahrte er Schildknecht und Engelhart, und beide beobachteten, wie er sich mit aller Kraft zusammennahm, sich gegen einen Baum lehnte, seine Börse zog, in der Halbfinsternis nach einem Geldstück fischte und dieses der Frauensperson mit den mild hingeseufzten Worten reichte: »Sie hungert, die Arme.« Dann ging er, ernüchtert, eine Strecke Wegs mit den Freunden und zwischen Glucksen, Lachen und Schläfrigkeit schimpfte er auf die zunehmende Unzucht und im Anschluß daran auf das moderne Geisteswesen, und indem er Engelhart mit höhnischem Lächeln auf die Schulter klopfte und ihn gewohntermaßen mit »Jüngling« anredete, empfahl er ihm Kritik und warnte ihn vor schlechter Gesellschaft. Schließlich fiel ihm ein, daß er die Abwesenheit seines Hutes erklären müsse, und sich verabschiedend behauptete er, er gehe jetzt des Nachts ohne Hut, weil er dies für die Gesundheit förderlicher halte.
Schildknecht war nach und nach ernst geworden. Dem wunderlichen Manne nachblickend und Engelhart unter den Arm fassend, sagte er: »Das ist der Feind, der wahre Erbfeind; an ihm verblutet die Kraft des Volkes. Ihm werden Sie noch oft im Leben begegnen, alter Freund, er wird Ihnen, was Sie auch leisten, immer wieder erklären, daß Sie es anders machen müssen und daß irgendwer es schon längst besser gemacht hat, und er wird Sie nicht immer so gleichgültig lassen wie jetzt, er wird Ihnen manchmal die Blutadern öffnen und sich freuen, wenn der rote Saft zu Boden fließt. Es gibt Geschicktere wie den, die sich besser verstecken und von denen keiner erfährt, wo sie ihre schmutzigen Stunden zubringen, und die sich hüten, ihre Kopfbedeckung dabei zu verlieren. Geben Sie wohl acht und gewöhnen Sie sich beizeiten an die Physiognomie des Mannes; er ist der heimliche Dieb, der jeder Brust das Teuerste entwendet.«
Am zweiten Januar reiste Schildknecht. Als Engelhart nun allein war, wurde ihm doch bang vor seiner Lage. Das Geld des Oheims war schon verbraucht, er machte nun Schulden, die am Termin seiner Volljährigkeit bezahlt werden mußten. Außerdem entwöhnte er sich von aller Arbeit, durchwachte nach wie vor die Nächte, schlief bis in den Mittag und müßiggängerte dann herum, ohne Ziel und oft auch ohne Lust. Bei den gesitteten und ordentlichen Menschen seiner Bekanntschaft machte er sich dadurch vollends zum Gegenstand der Verachtung, was ihn keineswegs gleichgültig ließ, denn er bewahrte in seinem Innern eine versteckte Liebe für das Bürgerliche, eine gewisse Zärtlichkeit für die behaglichen Häuser und Stuben und friedlich umgrenzten Gemüter. So schwankte er einsam unter den Menschen umher, den Kopf angefüllt mit nebelhaft verschwommenen Idealen. Sein Nichtstun war noch ohne innere Frucht und stachelte ihn daher nicht selten zu unwürdigem Zeitvertreib, zu Billard- und Kartenspiel mit einem erstbesten. Der Abscheu vor sich selbst trieb ihn dann wieder hinab in eine dunkle Traumestiefe, und indem er sich zu vergessen suchte, wurde die gestaltlose Sehnsucht in seiner Seele chaotischer. Was er las, das las er allzu beziehentlich, er litt an allem, am Schönen wie am Häßlichen, die Wurzeln seines Wesens waren vergiftet von einem Ehrgeiz, der nicht aus noch ein wußte, er besaß keinen Maßstab, weder für die Dinge noch für sich selbst, sein Geist anerkannte kein übernommenes Gebot und wußte eigen-persönliche nicht zu formen oder zu befolgen. Ihm blieb nicht einmal ein Gott, von dem er sich lösen oder mit dem er hadern konnte, nicht einmal an seinen Zweifeln hatte er einen Anhalt, wär’s auch nur der, den ein Kampfspiel und seine Erschöpfungen geben, denn alles, kaum gefaßt, zerfloß wieder, hatte nicht Hang und Bestand, jedes Wort, jeder Begriff löste sich in ungreifbare Teilchen auf, ihm ward nur eines in seltenen Stunden geschenkt, ein Bild, das aus der Dunkelheit emporschwamm, fester umrissen und tiefer gegründet als alle Wirklichkeit und deutlicher als die Sprache zu sein vermag, feurig aus Leiden geboren und zur Freude strebend, und demgegenüber wurden allerdings höchste Pflichten kategorisch, dies knüpfte ihn an die Zeit und an die Menschheit, hielt seine Sinne in Bereitschaft, sein Gefühl in Bewegung und behütete ihn vor innerer Verlotterung.
Es waren schlimme Wochen. Schildknecht schrieb nicht hoffnungsvoll. Seine Briefe sprachen an durch Geist und einen Ton freier Paradoxie, aber der Grimm über die Gebundenheit eines Lohnarbeiterdaseins knirschte aus jeder Zeile. Engelhart, der die Gesellschaft Schildknechts hart entbehrte, sah ein, daß er sich in diesem Fall nicht auf den Freund verlassen dürfe, und er nahm sich einstweilen vor, bald einen Entschluß zu fassen. Als er zufällig auf der Straße Herrn Zittel traf, fragte ihn dieser nach seinen Lebensumständen aus. Er antwortete zuerst mit prahlerischer Sorglosigkeit, als sei er im Begriff, eine Millionenerbschaft anzutreten, gab aber schließlich zu, daß er zwar nicht gerade einen neuen Posten suche, jedoch nicht abgeneigt wäre, bei günstigen Bedingungen zuzugreifen. Herr Zittel durchschaute das kindische Spiel und sagte, er könne Engelhart vielleicht dienlich sein, er solle ihm seine Photographie und eine Abschrift des Zeugnisses senden. Immerhin kann ich mich ja photographieren lassen, dachte Engelhart gnädig, und eines Morgens scheitelte er säuberlich sein Haar, steckte ein Veilchensträußchen ins Knopfloch und ging, zum erstenmal in seinem Leben, mit klopfendem Herzen zum Photographen. Sein Gesicht im Spiegel kannte er zur Genüge, es auf dem Papier zu sehen, reizte ihn plötzlich über die Maßen.
Mittlerweile hatte er nach mancherlei Formalitäten die Reste seines Vermögens erhalten und obwohl er beinahe die Hälfte zur Begleichung der Schulden sofort aufbrauchte, erschien er sich doch als ein Krösus. Frau Schildknecht, die er oft besuchte und der er von seiner veränderten Lage in seligem Übermut erzählte, tippte mit der Fingerspitze auf seine Stirn und meinte, da drinnen sei anscheinend wenig Verstand, doch sei er der reichste arme Mann, der ihr je untergekommen. Zu seinem Schrecken nahm er wahr, daß das Geld schneller verschwand als Wasser aus einem zerlöcherten Tiegel. Bisweilen suchte ihn einer von den Kumpanen Peter Palms auf – Geld hat einen durchdringenden Geruch – und redete ihm so lange um den Bart, bis er gutmütig ein Goldstück gab. An einem stürmischen Frühlingstag begegnete er vor der Stadtmauer Amöna Siebert. Sie sah fahl und vernachlässigt aus, gleichsam gewürgt vom Unglück, von früherer Schönheit waren nur noch traurige Spuren in ihrem Antlitz. Engelhart, entsetzt über die Geschwindigkeit eines solchen Verfalls, ging ein Stück Wegs mit ihr; es rührte ihn die mühsame Schelmerei ihres Lächelns und ihre fieberisch kalte Hand. Zuerst wagte er nicht, ihr Hilfe anzubieten, als sie dann wie zufällig vor einem Wurstladen stehen blieb und geistesabwesend auf die appetitlich ausgelegten Fleischwaren starrte, fragte er leise und schüchtern, ob sie Geld wolle, und steckte ihr hastig ein Papierchen in die Hand, worauf er wie ein Verbrecher davonlief.
Er verstand nicht das Geld; er war töricht genug, es zu mißachten; er wußte nicht, daß Geld auch edel sein kann; er hatte nur einfache Bedürfnisse, aber diese befriedigte er unbedenklich, ohne zu überlegen; manchmal gelüstete es ihn, den vornehmen Herrn zu spielen, dann machte er eine sinnlose Ausgabe, die einem vornehmen Herrn nie eingefallen wäre; unter anderm kaufte er ganze Stöße von teuerstem Schreibpapier, als ob er ein Papiergeschäft einrichten wolle. Als endlich sein enormer Reichtum bis auf etwa hundert Mark zusammengeschmolzen war, kam er zur Besinnung. Schon eine Woche zuvor hatte ihm Herr Zittel mitgeteilt, daß im Bureau der Gesellschaft »Minerva« im breisgauischen Freiburg ein Posten offen sei, mit neunzig Mark im Monat dotiert, er möge sich ohne Verzug dorthin wenden, und zwar solle er an den Generalagenten, Herrn Lutterott, persönlich schreiben. Er solle den Brief sorgfältig stilisieren, denn Herr Lutterott sei ein Mann von feinsten Umgangsformen, Reserveoffizier, und halte viel von Äußerlichkeiten. In der Angst, daß es schon zu spät sein könnte, setzte sich Engelhart, trotzdem schon Mitternacht vorüber war, gleich hin und verfaßte eine meisterliche Epistel, der es weder an Amtsschnörkeln noch an einer gewissen fachmännischen Eleganz gebrach; sein Konterfei legte er ohne besonderen Hinweis bei. Der Erfolg blieb nicht aus. Herr Lutterott antwortete, die Stelle sei zwar schon vergeben, aber an einen Unwürdigen, dem er die Tür zu weisen genötigt sei. Er nehme die Offerte an, Engelhart solle sich am fünfzehnten April in seinem Bureau einfinden, die Reisekosten würden nach dreimonatlicher zufriedenstellender Dienstleistung zur Hälfte ersetzt. Aus diesem Schreiben spürte Engelhart ahnungsvoll eine widerwärtige Geschraubtheit heraus, doch er war froh, dem gefährlichen Herumtreiben entrissen zu sein, und außerdem ging die Fahrt gen Süden, wenn auch nicht zu Schildknecht selbst, so doch in seine größere Nähe.
Am Tag vor seiner Reise spazierte Engelhart am Kanal entlang nach Fürth. Dort machte er seinem Vormund einen Abschiedsbesuch und hörte bei dieser Gelegenheit, daß Tante Lina Curius wahnsinnig und in eine Irrenanstalt verbracht worden sei, während Peter Salomon im Verein mit der Kroner das Haus behüte, noch immer darauf warte, daß sein Bauplatz ihn zum Millionär mache und sich inzwischen von Michael Herz ernähren lasse. Auch zu Iduna Hopf ging er, die noch immer in dem alten Haus mit den knarrenden Stiegen wohnte, jetzt einsam, da ihr Mann gestorben war; sie sah alt und müde aus. Überhaupt waren so viele gestorben und hingegangen in den wenigen Jahren, alte und junge: der Vetter Zederholz, das Fräulein Holländer, der alte Herschkamm, der Doktor Federlein, der epileptische Lechner. Auf der Königstraße gewahrte Engelhart plötzlich ein Gesicht, das ihm bekannt, ja vertraut erschien: es war Ludwig Raimund, sein erster Gespiele und Kamerad. Auch er erkannte Engelhart und sprach ihn freudig an; er war Chemiker geworden und war in der großen Anilinfabrik draußen bei Doos angestellt. Seltsam dies Wiedererkennen, wie sich die Züge des Kindes bewahrt, doch nur in der allgemeinen Linie des Antlitzes, während alle Flächen sich gedehnt hatten, die eine zur Leblosigkeit erstarrt, die andre von verborgenen Leidenschaften und unedeln Trieben verwüstet war. Erst schien er Engelhart noch ganz der alte, noch ebenso heiter und graziös, doch bald bemerkte er eine Art gnädiger Herablassung an Raimund wie bei einem Vornehmen, der dem Geringeren gegenüber seine Vornehmheit taktvoll verbirgt, auch eine gewisse ängstliche Unsicherheit wie bei einem, der angepumpt zu werden fürchtet und sich innerlich eine Ausrede zurechtlegt. Sie sprachen über dies und jenes, Raimund hatte lauter fertige Urteile, die meisten Fragen waren für ihn endgültig erledigt, und wenn noch irgendwo ein Zweifel in ihm steckte, so zuckte er die Achseln, als wollte er sagen: was mich betrifft, ich habe ein festes Einkommen, mit dem übrigen wird man schon fertig. Schließlich gingen sie in eine Bierstube, wo noch fünf oder sechs frühere Schulkameraden saßen und Karten spielten. Es waren lauter wohlbestallte Leute, die ihre Sorglosigkeit wie ein Plakat an der Stirn trugen; ihre Gesichter waren aufgeschwemmt, frühverlebt, sie witzelten, sie spöttelten, und in ihrem Gebaren lag gleichfalls das schamlose Geständnis, daß sie nichts andres schätzten als das feste Einkommen. Wenn Engelhart etwas sagte, blinzelten sie mißtrauisch mit den Lidern, dann musterten sie heimlich schielend seinen Anzug und seine schlecht sitzende Krawatte. Am herzlichsten benahmen sie sich, als er sich verabschiedete.
Er ging gegen die Altstadt und befand sich auf einmal in stiller Gasse vor dem Tor des Friedhofs, in welchem seiner Mutter Grab war. Er öffnete die Pforte, schritt hinein und wanderte eine Weile sinnend zwischen den uralten Steinen umher. In welchem Teil des Friedhofs das Grab lag, wußte er nicht mehr, und er hätte leicht vergeblich suchen mögen, wäre nicht ein eigentümliches Hinziehen gewesen, das er nie in solcher Stärke an sich beobachtet hatte. Endlich stand er vor dem rötlichen Sandstein, auf dem in halbverwaschenen Goldlettern der Name von Frau Agathe Ratgeber leuchtete. Das Grab war vernachlässigt, der Hügel ganz platt, keine Blume wuchs, nur Gras. Ringsum in solcher Nähe, daß es wie das Gedränge auf einem Jahrmarkt wirkte, standen andre verwitterte Steine, zudem herrschte nicht einmal Frieden, denn draußen vor der Mauer erschallte das lebhafte Gehämmer der Goldschläger und auf der andern Seite, hügelabwärts in der Ebene, keuchte und klapperte eine Dampfmühle. Doch war es eigen, daß ihn diese Geräusche mit besonderer Macht in seine Jugend zurückzogen. Traurige Jugend. Wie furchtbar die Stunde, als er drüben im Leichenhaus gesessen und schwarze Gestalten wisperten um ihn herum. Damals konnte er noch keine Empfindung dafür haben, daß sie mit kaum zweiunddreißig Jahren davonging; die Mutter ist für ein Kind alterslos. Freilich, das Leben hätte ihr noch bitterböse Geschenke gemacht, und doch! Leben, nur leben! Was gäbe es sonst. Irgendeine äußere Stimme rief: »Bete!« Er begriff nicht, wie man in solchen Augenblicken beten könne, alles, was an Wort und Ausdruck streifte, war erstickt, er spürte nur ein warmes Aufkochen des Blutes vom Herzen aus durch den Körper, und er konnte den Begriff des Todes nur umfassen, indem er das Leben doppelt inbrünstig fühlte. Wozu beten? sich selbst ausweichen? die wahre Andacht abweisen? Bevor er ging, riß er einen Grashalm ab und bewahrte ihn auf mit dem Gedanken: vielleicht ist er aus dem Saft ihres Auges gebaut.
Seines Vaters dachte er nicht; dieser lebte ja noch.
An einem Mittwoch Abend kam er in Freiburg an. Seine Brust wurde von Traurigkeit umschnürt, als er durch die Straßen der unbekannten Stadt ging. Es regnete und er besaß keinen Schirm; für hundert Überflüssigkeiten hatte er Geld ausgegeben, aber das Notwendige anzuschaffen, hatte er sich nie entschließen können. Er trat also unter ein Tor und ließ die fremden Menschen an sich vorüberwandeln.
Die Generalagentur der »Minerva« lag im ersten Stock eines villenartigen Hauses vor der Stadt; im Erdgeschoß befand sich eine kleine Weinwirtschaft. Dunkelblauer Himmel strahlte über den Häusern, als Engelhart am Morgen hinauswanderte, dunkelbewaldete Berge schienen auf allen Seiten die Flucht der Straßen zu begrenzen. Der Flieder stand schon blühend, seine Düfte flossen in Wellen durch die Gitter der zahlreichen Gärten. Hoffnungsvoll gestimmt, voll Lust und Ernst zur Arbeit, trat Engelhart vor Herrn Lutterott und war nicht unzufrieden, als er erfuhr, daß er der einzige Beamte des Bureaus sein würde.
Herr Lutterott war ein Vierziger, klein, feist, geschniegelt und gebügelt, mit einem Leutnantsschnurrbart und leutnantsmäßig schnarrender Stimme. Er empfing den neuen Untergebenen mit korrekter, jedoch etwas düsterer Höflichkeit und würdigte ihn einer längeren Ansprache, die den Eindruck des Auswendiggelernten machte. Die erste Hälfte jedes Satzes klang militärisch schroff und abgerissen, dann machte er eine Pause, in der er andächtig seine rosigen Fingernägel betrachtete, um mit pathetischen Wendungen und salbungsvoll ausladenden Gesten fortzufahren. Er verbreitete sich über die Pflichten eines Beamten; er verlange Pflichttreue und Sittlichkeit, sagte er. Bei dem Worte Sittlichkeit schloß er die Augen wie zum Schlafe. Er sagte, Engelharts Photographie habe ihm gefallen, es habe ihn erfreut, ein ehrliches Gesicht zu sehen, was ihm aber mißfallen habe und was er dringendst abzustellen bitte, das seien die Haare, die seit mindestens zwei Monaten nicht kurzgeschnitten sein konnten; das erinnere ja beinahe an einen Schauspieler oder Maler oder ähnliches Gelichter. Zum Schluß gab er Engelhart eine Wohnungsadresse, bestellte ihn für den Nachmittag und entließ ihn mit hoheitsvoller Kühle.
An diesem Tag, am Freitag und Samstag, gingen die Dinge nicht uneben. Herr Lutterott zeigte zwar stets das Benehmen eines regierenden Fürsten, und manchmal kribbelte es Engelhart in den Fingern, wenn der Mann mit müd-verachtungsvollen Blicken seine Befehle gab, aber vor dem Fenster, an dem er arbeitete, war ein Garten, und weiter draußen sah er Wiesen und darüber den hochwipfligen Wald. Leider mußte er Herrn Lutterott gleich um Vorschuß bitten, da alles Geld für die Reise aufgegangen war, und dies machte die übelste Wirkung; Herr Lutterott fuhr mit dem Zeigefinger zwischen Kragen und Hals umher und sagte mit leise wimmernder Stimme: »Es ist nicht korrekt, es ist nicht korrekt.« Am Sonntagmorgen nun kam er aus Eifer ins Bureau, obwohl dies nicht zu den »Pflichten« gehörte; um zehn Uhr erschien Herr Lutterott, aufs feinste herausgeputzt, im Salonrock und mit gestreifter Hose, eine Diamantnadel in der Krawatte, das Haar pomadisiert und bis zum Nacken gescheitelt. In seinem Privatzimmer empfing er einen alten Herrn im Zylinder, und Engelhart hörte ihn untertänig räuspern und säuseln, um halb elf kam er heraus, wieder ganz Fürst, und sagte kurzangebunden zu Engelhart: »Sie können jetzt in die Kirche gehen.«
Verwundert blickte Engelhart empor und antwortete: »Ich danke; ich gehe nicht in die Kirche, ich bin Jude.«
Herr Lutterott schnellte herum wie gestochen. Sein Gesicht war käseweiß. »Was – Jude?« stammelte er. Aufgeregt, mit kleinen Schrittchen trippelte er vor seinem Schreibtisch hin und her, hierauf verließ er das Zimmer. Engelhart legte die Feder weg und schaute, nichts Böses vermutend, doch überaus peinlich berührt, auf das halbbeschriebene Blatt, das vor ihm lag. Nach einer Weile kam Herr Lutterott zurück. Er wischte sich mit dem blendend weißen Taschentuch die Stirn, pflanzte sich neben Engelhart auf und ließ folgende kleine Rede vom Stapel: »Ich habe selbstverständlich nicht das geringste dagegen einzuwenden, daß Sie Jude sind. Nur, verzeihen Sie, kommt mir die Sache insofern überraschend, als ich nie die Absicht gehabt hatte, mich nicht dessen versehen hatte – um es kurz zu sagen, meine religiösen und menschlichen Überzeugungen wurzeln in ganz anderm Boden, und gewisse Erfahrungen, die das Leben lehrt, haben mir recht gegeben. Immerhin, ich gebe ja zu, daß man sich irren kann, es steht zu wünschen, daß Sie die löbliche Ausnahme bilden, sprechen wir also nicht mehr davon.«
Engelhart schwieg. Ihn ekelte.
Am andern Morgen brachte Herr Lutterott eine eiserne Geldkassette zum Vorschein, in deren einzelnen Fächern sich Silber- und Nickelmünzen befanden, ungefähr an hundert Mark. Herr Lutterott sagte, dies sei die kleine Spesenkasse, und damit Engelhart sehe, daß sein Vertrauen unerschüttert sei, überlasse er sie ihm zur Verwaltung. Bei diesen Worten erbleichte Engelhart, und es wurde ihm ein wenig schwindlig. In Herrn Lutterotts Gesicht lag ein seltsamer, arglistiger Triumph, den zu verbergen er sich keine Mühe gab. Seine Augen sagten: ›Wagst du es, dich an diesem Schatz zu vergreifen, und deine Armut, deine Herkunft lassen solches vermuten, dann wehe!‹ Denselben Ausdruck des Triumphes hatten seine Augen von Stund an, wenn er Engelhart ein Versehen nachweisen konnte, einen Schreib- oder Rechenfehler, wenn er ihn auf einer Vergeßlichkeit ertappte, wenn die Akten auf einem falschen Platz lagen. Er pflegte seine Befehle lispelnden Tons zu erteilen, und wenn ihn Engelhart nicht verstanden hatte und um Wiederholung eines Wortes bat, wurde Herr Lutterott scharlachfarben im Gesicht, sprang von seinem Stuhl auf und sagte alles, Silbe für Silbe, noch einmal mit scharfer, bissiger, feindseliger Stimme, wobei sein Blick grünlich funkelte. War ein einziger Satz eines langen Briefes nicht zu seiner Zufriedenheit stilisiert, so zerriß er den ganzen Bogen, schimpfte aber nicht, sondern machte nur eine vornehm abwehrende Handbewegung und verließ das Zimmer mit einem leichten Hüsteln oder Kichern. Kamen Unteragenten oder jemand aus der reichen Klientel oder sonstige Leute, so beliebte es Herrn Lutterott, Engelhart mit einer niederträchtigen Zumutung zu demütigen, etwa, er solle dem Herrn den Rockärmel abbürsten oder er solle die Tür vor ihm öffnen, oder er schrie ihn an, wenn seine Feder kratzte, und dergleichen mehr.
Engelhart erkannte wohl, daß dies Ranküne war, aber er trug es, weil er es tragen wollte. Er biß die Zähne zusammen und dachte, stärker zu sein als der Schmerz, den er über die unendlichen Beleidigungen empfand. Einst saß er während der Mittagstunde drunten in der Weinwirtschaft, als Herr Lutterott eintrat und am Honoratiorentischchen bei einigen älteren Herren Platz nahm. Engelhart blickte nachdenklich hinüber, in seinen Gedanken stellte er sich vor, daß dieser Lutterott doch schließlich ein Mensch sei und daß es vielleicht nur der rechten Worte bedürfe, um ihn auf den Weg der Billigkeit zu verweisen. Plötzlich nahm Lutterott ein Kärtchen aus seiner Brieftasche, schrieb etwas auf, rief die Kellnerin, und diese trat zu Engelhart und reichte ihm das Geschriebene. Er las: »Es ziemt sich nicht für den Untergebenen, seinem Chef frech ins Gesicht zu stieren.« Da stand er auf, wieder schwindelte ihn, diesmal vor Zorn, aber er beherrschte sich und ging.
Alles das dauerte an vierzehn Tage. Nun besaß Engelhart kein Geld mehr zum Notwendigsten des Lebens. Er wagte nicht, Herrn Lutterott um Vorschuß zu ersuchen, endlich aber zwang ihn die leibliche Not dazu. Er hatte es bis zur letzten Stunde des Nachmittags aufgespart. Kurz vor sieben Uhr brachte er sein Anliegen vor. Herr Lutterott stutzte, betrachtete die Spitze seines Stiefels und sagte, er habe den Geldschrank schon geschlossen, Engelhart müsse sich bis zum andern Morgen gedulden. Damit entfernte er sich rasch und überließ dem jungen Mann wie alltäglich das Schließen der Räume. Engelhart, der Hunger hatte und nicht wußte, wie er ihn stillen sollte, entschloß sich in seiner Hilflosigkeit, bis zum andern Morgen ein Darlehen bei der kleinen Spesenkasse aufzunehmen, die in seiner eignen Verwaltung stand, steckte ein Zweimarkstück zu sich, ging hin und aß sich satt. Gleich in der Frühe erinnerte er Herrn Lutterott an den erbetenen Vorschuß, da er vor allem den entnommenen Betrag wieder zurücklegen wollte. Doch Herr Lutterott erwiderte, während seine Züge sich verkniffen wie bei jemand, der in die Sonne blickt: »Gern, aber vorher möchte ich Ihre Kasse revidieren.« Engelhart wurde es kalt und heiß, denn er durchschaute nun die Infamie völlig. In einem Ton, dessen Ruhe ihm selbst auffiel, sagte er, daß er zwei Mark aus der Kasse genommen. Herr Lutterott lächelte unendlich vornehm und runzelte die Stirn. Er entgegnete, er wundere sich, daß ein so aufgeweckter Kopf sich nicht klar gewesen sei über die Folgen einer Handlung, die mit dem juridischen Begriff zu bezeichnen ihm Engelhart wohl erlasse. Daß nach einem solchen Vergehen von einem weiteren Verbleiben im Dienste der »Minerva« keine Rede sein könne, verstehe sich von selbst. »Sie haben zwanzig Mark Vorschuß, hier haben Sie noch zehn Mark, mehr war Ihre Arbeit ohnehin nicht wert,« schloß Herr Lutterott seine Rede, »und somit sind Sie ein freier Mann.«
Engelhart nahm seinen Hut, starrte noch eine halbe Minute die Türklinke an und ging. Jeder andre hätte gesprochen, wäre aufgebraust, hätte versucht, seine Würde zurückzuerkämpfen, ihm waren die Lippen versiegelt; im Grunde war er mehr erstaunt als erbittert.
Jetzt sollte er die für seine Verhältnisse ziemlich hohe Miete seines Zimmers bezahlen, er sollte essen, trinken, leben, aber womit? Er schrieb an Schildknecht und berichtete ihm das Vorgefallene, freilich nur andeutend, denn all die Niedertracht, die er so geduldig geschluckt, beichten zu müssen, hätte seinen Stolz verletzt. Sonderbarerweise verspürte er auch jetzt nicht den geringsten Zorn gegen den schändlichen Mann, eine naive Wehmut umdämmerte seine Sinne, und er war neugierig, wie all dies enden würde. Stundenlang wanderte er durch die schönen Villenstraßen dieser reichen und glänzenden Stadt, las die Namenschilder an den Pforten und beschäftigte sich mit den Träumen von Wohlhabenheit, Glück und Ehre. Es erschien ihm wahrscheinlich, daß unter diesen ruhig Besitzenden einer sich befand, der ihm Beistand und liebende Hilfe gewährt hätte, nur kannte er ihn eben nicht, jedenfalls sah er sich jedes der schmucken Häuser mit Bezug auf diese Vorstellung aufmerksam an.
Schildknecht antwortete in einem langen, bestürzten, heißatmigen Brief; auch seine eigne Existenz sei dort in der löblichen Schweiz, kaum neu aufgerichtet, wieder zertrümmert worden. Durch welche Schuld, sei ihm unbekannt, doch seien die Erinnyen fühlbar hinter ihm her. Er sagte, daß er nach Engelharts Gesellschaft Begierde trage, wie wenn er seit Jahrzehnten unter Hottentotten lebte, gleichwohl dürfe er ihn nicht ermuntern, zu kommen, denn der Boden sei ihm selber glühend unter den Füßen. Wie stets, kam er in verhüllten Wendungen auf die Pläne zu sprechen, die in seinem Hirn qualmten, und auf die Zukunft, die er als goldene Verheißung hinter den Gewittern erblickte. Engelhart war erwärmt und getröstet durch dieses Schreiben voll tiefer Herzlichkeit, aber geholfen war ihm damit natürlich nicht. Schon lebte er in Schulden, schon betrachteten ihn die Leute scheu und finster, schon stieg das Wasser bis zum Hals. Von einer Stunde zur andern gebieterischer bedrängt, eilte er aufs Postamt und depeschierte mit den letzten Pfennigen an die Adresse seines Vaters, er sei am Äußersten, Unerhörtes sei vorgefallen, der Vater möge ihm fünfzig Mark senden. Diese absichtlich aufgepeitschte Sprache tat ihre Wirkung, das Geld kam, es war fast, wie wenn ein von Räubern Angefallener mechanisch die Börse zieht. Doch ein paar Stunden später erhielt Engelhart auch einen Brief des Vaters.
»Du weißt, daß ich selbst mit mir zu kämpfen habe,« schrieb Herr Ratgeber, »und daß ich mich ehrlich und rechtschaffen durchbringe. Es ist ein himmelschreiendes Unrecht von Dir, mich auf diese Weise mit Geldforderungen zu belästigen. Ein junger Mann in Deinem Alter muß verdienen, was er braucht, und wenn nicht, muß er sich nach der Decke strecken. Was ist denn vorgefallen, oder wolltest Du mich nur durch Schrecken zwingen, Dir zu helfen? Wo hast Du die achthundert Mark Deines Erbteils hingebracht? Ich schinde mich wie ein Taglöhner, nein, ein Taglöhner hat Ruhe, wenn er gearbeitet hat, ich aber nicht, meine Frau gönnt sich keinen guten Bissen, wir gönnen uns keinerlei Vergnügen, und Du kommst, um die sauer ersparten Pfennige zu holen. Dabei nagt noch der Wurm in mir über Dein monatelanges Schweigen, Dein liebloses Wesen; wahrlich, Du zeigst mir zu brutal, daß Du nur einen Vater kennst, wenn Du etwas von ihm haben willst. Aber alles will ich ertragen, wenn Du nur in ordentliche Bahnen lenkst; laß doch endlich die Ideale und werde ein praktischer, brauchbarer Mensch.«
Zum Schluß hieß es: »Es grüßt Dich Dein Dich liebender Vater«; aber dies erschien Engelhart als bloße Floskel. Er antwortete dankend, besänftigend, ausführlich, doch ohne Herzlichkeit. Er hielt den Vater für geizig und nahm das Opfer des Spargroschens als etwas Selbstverständliches hin.
Eines Morgens packte Engelhart seine Siebensachen, zahlte die rückständige Miete, verließ das Zimmer, deponierte seinen Koffer auf dem Bahnhof, und nur mit einem winzigen Bündel belastet, marschierte er aus der Stadt und in den Wald. Er wollte wandern, gleichviel wohin, er wußte auch nicht wohin, er war satt von den Menschen. Er lief an diesem Tag die Kreuz und Quer und kam, da er keines suchte, auch zu keinem Ziel. In einer Waldwirtschaft nahm er Milch und Brot zu sich und erstieg hierauf die Höhe. Er strebte zu einer vom Sonnenuntergang beleuchteten Wolke und erblickte sie dann gegenüber, gleichsam auf der andern Seite der Straße. Am Rand einer Lichtung warf er sich müde hin, wartete noch, bis die Sterne entflammt waren, dann schlief er ein und erwachte erst wieder, als die Wipfel glühten und das Firmament von karmoisinfarbenen Zickzackstreifen bedeckt war. Seine Kleider waren feucht, rasch lief er den Hang herab, bis die Nässe verdunstet war. Er trank von einer Quelle und lauschte dem langsamen Gebimmel der Kuhglocken. Unweit davon war ein Holzplatz, auf dem noch niemand arbeitete; er fand eine Hacke am Schuppen, nahm ein Scheit und drosch darauflos: es stellte Herrn Lutterott vor. Zuerst hieb er ihm die Beine ab, dann die Arme, dann den Kopf, dann zerschmetterte er das Rückgrat. So verfuhr er auch mit andern Feinden und mit den Feinden Justin Schildknechts. Es war ein erfrischendes Geschäft.
Mittags begann es zu regnen, doch Engelhart ging ruhig weiter, halb beschützt vom Laubdach der Bäume. Die Schnittfläche von den Stümpfen abgesägter Bäume leuchtete wie gelbes Feuer durch die Nebelschwaden. Bisweilen blieb er an den Stümpfen stehen, zählte die Jahresringe und dachte, wieviel vollendete Schicksale hier verhaftet seien in dem schmalen Raum zwischen Ring und Ring. An der Waldöffnung gegen einen See kam er zu dem einsamen Haus eines Schwarzwaldbauern, da fand er Aufnahme und freundliche Bewirtung. Nach Name, Zweck und Herkunft wurde nicht viel gefragt, er teilte ihre Mahlzeit am riesigen Tisch und schlief im Heu. Am nächsten Tag fuhr er auf den See hinaus, landete an einem verödeten Teil des Ufers, erkletterte die Hänge, lag stundenlang regungslos auf einer Felsplatte und kehrte am Abend zum Hause des Bauern zurück. Für das Essen zahlte er ein paar Pfennige, das Nachtlager zu berechnen weigerte sich der Bauer.
Von einem höher gelegenen Weiler kam täglich zu früher Stunde eine kleine Schar von Knaben und Mädchen herab, welche die Schule im Tal besuchten. Gegen Abend kehrten sie wieder zurück. Vom Sehen, Grüßen und kurzem Zwiegespräch an war allmählich eine Art Vertraulichkeit zwischen ihnen und Engelhart entstanden. Er sah sie morgens von fern, wenn sie den Weg herabtrippelten, schritt ihnen entgegen, wenn sie vom Dorf heraufkamen, und begleitete sie heimwärts. Wenn er sich ins Moos setzte, rasteten sie auch und lagerten sich um ihn herum. Einmal kam die Rede auf Geschichten, und er begann Geschichten zu erzählen. Die bloße neugierige Verwunderung der Kinder verwandelte sich in Zuneigung. Die drei Mädchen pflückten ihm Blumen, die Buben sagten die einfältigen Verse auf, die sie gelernt hatten. Sie hielten ihn vielleicht für einen gutmütigen Schulmeister auf Urlaub, da sie vor ihm zu glänzen suchten. Aber sein Herz lag in tiefer Ruhe bis zu der Stunde, wo eine Gesellschaft von städtischen Ausflüglern am Weg vorüberwanderte. Ihr Lachen und ihre Gespräche scheuchten ihn auf, Ehrgeiz wurde wach, der seltsame Trieb, ihnen, diesen Fremdesten, etwas zu bedeuten, vor sie hinzutreten mit den Worten: »Ich bin Engelhart Ratgeber,« worauf sie schweigend die Augen senken und antworten mußten: »Sprich zu uns, verehrter Mann.«
Da fing also die Unrast an; und drei Tage später kam er an einen hochumgitterten Garten im Tal. Es war Sonnenuntergangszeit. Nahe dem Eingangstor saß ein junges Mädchen auf einer Steinbank. Sie trug ein schimmernd weißes Gewand, lose gegürtet, und hielt ein Buch auf den Knien, in dem sie blätterte. Von dem Pfirsichbaum über ihr tropften hier und da weiße Blütenblätter ab, und einige blieben in ihrem dunkeln Haar hängen. Es war ein Bild, das Reichtum, Glück und Schönheit in sich schloß. Engelhart, von den Gebüschen halb verborgen, blieb schweigend. Das, was er liebte und begehrte, hüllte sich ihm gern in schwermutvolle Schleier, und was andre zum Kampf ermunterte, weckte ihm nur das schamhafte Gefühl der Armut. Er fürchtete dies Los, zu dem er sich geboren sah: draußen zu stehen vor der Mauer, nein, vor dem Gitter, das den Augen alles gab und der Hand nichts.
In dieser Stunde liebte er das junge Mädchen, das er gewiß kaum beachtet hätte, wenn es ihm auf der Straße begegnet wäre, mit leidenschaftlichem Schmerz; ganz in sich versunken, floh er in den Wald zurück, ging und ging, immer dem schwachen Purpurschein nach, der zwischen den Stämmen glühte, durch all die bewegten Träume hindurch dem fernen Ruf eines Kuckucks lauschend, bis er zu spät inneward, daß er sich verirrt hatte. Die Wege wurden von hastig aufschwellender Dunkelheit verschlungen, Engelhart fing an zu laufen, bis er mit der Stirn an einen Baumstamm rannte. Er tastete mit den Armen umher, er suchte mit den Augen den Himmel, vergebens; ihm war, als könne er die Finsternis befühlen wie einen schwarzen, kühlen Körper. Er blieb stehen und horchte und vernahm nichts als das Rauschen des Blutes in seinen Ohren. Nun hatte er Angst vor jedem Schritt nach vorwärts, ihm schien, als werde er langsam in einem Trichter zur Tiefe gezogen, er umklammerte einen Baum und schrie auf, da dieser sich im Kreis mit ihm bewegte. Die Finsternis zerteilte sich gleichsam in Wolken, in rotumränderte, zuckende schwarze Fetzen, die sich zu wüsten Visionen ballten und, wie von einem Orkan gepeitscht, wieder auseinander flossen. Engelhart spürte die Blässe seines Gesichts, und plötzlich erstarrten seine Glieder, als er in weiter Ferne, durch Zweige flammend, ein unheimlich gelbes Licht gewahrte. Er brauchte Minuten, um sich zu sammeln und um zu erkennen, daß es der Mond war. Vorsichtig schreitend, ging er dem Schein entgegen bis zu einer Lichtung, die mit gefällten Bäumen besät war. Erschöpft sank er hin, konnte aber die Augen nicht schließen, sondern blickte lange Zeit unaufhörlich in den milchig bestrahlten Himmel. Ihn erschreckte alles, der Gedanke an die Tiefen und Höhen, an die Nacht und an die Sterne. Es blieb zu wenig übrig für das selbstsüchtige, sich selbst suchende Herz.
Als der Tag graute, fand er nicht ohne Schwierigkeit seine Bauernhütte. Er schlief lange, und nach Tisch verkündete er seinen Entschluß, weiterzuwandern. Da man ihn fragte, wohin, entgegnete er lächelnd: nach Süden. Der Bauer und sein Knecht begleiteten ihn bis zur Landstraße hinab, eine Stunde später war er auf dem Bahnhof und nahm ein Billett nach Basel. Von dort wollte er zu Fuß weiter, um seine Börse zu schonen. Weil er jedoch am Abend in Basel ankam und nicht in die Nacht hinein marschieren konnte, war er töricht genug, in einem nahegelegenen Hotel Quartier zu nehmen, was ihn mehr Geld kostete als viele Stunden Eisenbahnfahrt. Noch dazu mußte er sich ob seines Aussehens und des fehlenden Reisegepäcks halber – den Koffer hatte er an die Adresse des Vaters geschickt – eine wegwerfende Behandlung gefallen lassen, und es nutzte ihm nichts, daß er sich bei einer gelegentlichen Zwiesprache mit dem Portier als Philosoph von Beruf bezeichnete.
Dann kam ein schöner Wandertag durch sommerlich blühendes Land unter wolkenlosem Himmel. Er nächtigte in einer Fuhrmannsschenke, und am zweiten Tag fuhr er auf dem Wagen einer Seiltänzerfamilie bis nach Baden mit. Es waren abgerackerte Leute, selbst die Kinder schienen sterbensmüde, nur der Clown war ein aufgeweckter Mensch, der sich nicht ohne Geist über die Eigentümlichkeiten verschiedener Nationen lustig machte. Am Nachmittag des dritten Tages sah Engelhart von fern den silberglänzenden Zürcher See, und er setzte sich in den Kopf, noch ans Gestade zu gelangen, bevor das Unwetter ausbrach, das schon seit Stunden am Himmel sich zusammenzog. Bald begann der schwere Regen zu fallen, die Bäume der Allee schienen sich in den schwefelgelben Blitzen wie Fackeln zu entzünden und den Flammen oben schien der Donner aus der Tiefe der Erde heraus zu antworten. Weit und breit war kein Haus, der Regen strömte wie aus Fässern, im Nu war der einsame Wandersmann schlottrig naß, auch merkte er, daß seine Stiefel zerrissen waren und Wasser fingen. Er lief über einen Wiesenweg und schloß die Augen vor den Blitzen. Nun glänzte der See nicht mehr, einem erblindeten Auge gleich dämmerte er durch den Nebel herauf. Endlich ein Garten, endlich ein Haus, und ein Wirtshaus zum Glück. Als er in den Flur stürmte, stoben zwei Mädchen kreischend auseinander. Die Wirtin kam, eine junge Frau mit schmachtenden Augen. Sie blickte zuerst unwillig auf den heruntergekommen aussehenden Gast, als sie aber sah, wie er unter den triefenden Kleidern zitterte, bot sie ihm von selbst ein Zimmer an und führte ihn in den oberen Stock. Von rascher Sympathie ergriffen, erzählte ihr Engelhart von seiner Wanderschaft, und während ihm die fremde Frau wie eine Mutter beim Auskleiden behilflich war, öffnete er zutraulich sein Herz und führte die durch lange Einsamkeit wohlgenährten Hoffnungen vor. Die Frau lächelte; sie sah, daß sie es mit keinem gewöhnlichen Landstreicher zu tun hatte; als er im Bett lag, setzte sie sich zu ihm und plauderte unbefangen über ihr Leben; sie war Witwe und ihr um vieles älterer Mann war während eines Herbststurms im See ertrunken. Die Wirtschaft ging schlecht, fuhr sie fort, Neider und Verleumder brächten ihr üble Nachrede in der Stadt, und sie wolle nun den Kram verkaufen und in die neue Welt fahren. Sie berichtete alles in einem einzigen kunterbunten Satz, und ihr Gesicht sah auch bei den bekümmertsten Worten froh und freundlich aus. Später brachte sie Essen und Wein, und dann küßte sie ihren jungen Gast und blieb bis in die späte Nacht bei ihm. In der Frühe war Engelhart entzückt, als er, die Fensterladen öffnend, den See vor sich liegen sah und dahinter die Gebirge, von grünen Kuppen an aufwärts steigend bis zu rosigen und silbernen Schneegipfeln. An der Mauer unter dem Fenster hingen die reifen Kirschen und der betaute Garten glich einem Diamantfeld. Seine Kleider waren getrocknet, er rüstete zum Aufbruch und ließ sich durch das Bitten der Frau nicht halten. Sie weigerte sich, Bezahlung von ihm zu nehmen und ließ ihn noch mit dem Boot zur Stadt hinüberfahren.
Zwei Stunden später war er in Oberstraß, in Schildknechts Wohnung. Schildknecht war nicht zu Hause. Engelhart wartete im Garten und malte sich still träumend das Gesicht des Freundes beim Wiedersehen aus. Es wurde Mittag, schließlich sagte die Vermieterin, er möge doch einmal bei Herrn Heilemann nachfragen, dies sei ein Freund von Herrn Schildknecht, bei dem er alle Tage zu Besuch sei und wohne in der Geßner-Allee. ›Ein Freund?‹ dachte Engelhart überlegen, ›nein, liebe Frau, Schildknecht hat nur einen einzigen Freund, und das bin ich.‹ Die Frau beschrieb ihm den Weg, er ging hin und erfuhr, daß die Herren in dem großen Kaffeehaus an der Bahnhofstraße seien. Als er dort eintrat, sah er Schildknecht an einem Tisch in Gesellschaft mehrerer stutzerhaft gekleideter Männer, schweigsam und finster vor sich hinbrütend. Engelhart trat von rückwärts näher und legte lächelnd beide Hände auf seine Schultern. Schildknecht zuckte zusammen, drehte sich um, sprang empor, und sein jubelnder Aufschrei, sein echtes, wildes, beinahe kindisches Lachen rührten und erschütterten Engelhart; in der Freude darüber, daß ihn der ersehnte Augenblick nicht enttäuscht hatte, vergaß er alle Sorgen. Dies eifervolle, heiter-belebte Gespräch, er genoß es als die Erfüllung eines Traumes; die Gegenwart war verdrängt, auch das Letzterlebte schien belanglos im Vergleich zu den gemeinsamen Erinnerungen.
Aber die Fragen: Wie steht’s? Wie bist Du gerüstet? Was hast du in der Tasche? Was soll’s überhaupt? waren doch, klar oder umschrieben geformt, unvermeidlich. Schildknecht sah, daß er das ganze Geschick des zärtlich vertrauenden Menschen halten und lenken sollte, das war zuviel, dem fühlte er sich nicht gewachsen. In einer schlaflosen Stunde zündete er die Kerze an, leuchtete hinab auf die Matratze, auf der Engelhart lag, und Schildknecht suchte etwas in diesem vom Schlummer trunkenen Gesicht. Seine eigne Miene trug den Ausdruck des Zweifels. Da die Lippen des Schläfers sich zu bewegen begannen, beugte er sich noch tiefer und lauschte ängstlich, wie wenn er das Geständnis eines Verrats erwarte. Plötzlich schlug Engelhart die Augen auf und erschrak, als er den im Kerzenlicht flammenden Blick des Freundes lauernd auf sich ruhen sah. Schildknecht schüttelte besorgt den Kopf und sagte mild: »Etwas haben Sie mir verborgen, lieber Ratgeber; nun sprechen Sie mal von der Leber weg.«
Engelhart antwortete nicht. Er starrte in den Lichtkreis an der Decke. Wie gewöhnlich war sein Erstaunen größer als der Trieb zu fragen. Ja, er hatte von dieser Minute an ein Geheimnis.
Zwölftes Kapitel
Nur mit Mühe ließ sich Schildknecht davon abbringen, dem famosen Herrn Lutterott einen Zorn- und Schmähbrief zu schreiben. »Solche Kerle sind jetzt das Bürgerideal,« knirschte er; »so sehen sie aus, die oben wohl gelitten und unten gefürchtet sind. O herrliches Deutschland!«
Engelhart hatte längst aufgehört, des Mannes in Groll zu gedenken. Nur daß Lutterott es gewagt hatte, ihm aus seinem Judentum eine Schuld zu machen, erfüllte ihn mit nachhaltiger Verwunderung.
»Haben Sie denn nie an persönliche Gefahren aus solcher Quelle gedacht?« fragte Schildknecht.
Engelhart verneinte; er habe sich des Judentums nie geschämt und habe auch nie Anlaß gehabt, sonderlich stolz darauf zu sein. »Ist es nicht gleichgültig, welcher Provinz der großen Menschheit der einzelne seine Herkunft zuschreibt?« fragte er.
»Gewiß,« antwortete Schildknecht. »Aber ist Ihnen denn nicht bekannt, daß Millionen von Ihren Stammes- und Herkunftsgenossen im tiefsten Jammer vegetieren, nur eben deshalb, weil sie Juden sind?«
»Ich weiß es,« sagte Engelhart; »aber der größte Teil der Menschen lebt im Jammer, und die Tatsache berührt mich mehr als der Grund.«
»Und wissen Sie nicht, daß das ganze Mittelalter vom Blut der Juden gedüngt ist?«
»Ich weiß es, aber ich sage mir, Blut ist ein guter Dünger; aus Blut wächst Leben. Mit Blut wird die Freiheit bezahlt, mit Blut wird die Erde erobert.«
»Und erinnern Sie sich nicht aus Ihren Kindertagen, daß der Christ in Ihren Augen ein Fremdling war?«
Engelhart nickte lebhaft. »Ich erinnere mich auch an Blicke, Worte und Gebärden, die mich verletzen sollten und zurückweisen wollten,« entgegnete er. »Aber es war mir nicht gegeben, daraus einen Schmerz zu machen; ich fühlte, daß es kein Problem für mich war. Ich bin vielleicht zu stolz dazu. Wenn ich im Verkehr vom Menschen zum Menschen dies als wichtig nehmen müßte, dann wären eben alle meine Wurzeln der Nahrung beraubt. Den such’ ich nicht, der deshalb an mir vorübergeht. Ich bin ein Jude, aber ich bin es nicht mehr, als wie Sie ein Christ sind. Unsre Vergangenheit liegt in den Worten, nicht unsre Zukunft.«
Schildknecht dachte eine Zeitlang nach. Dann fing er wieder an und sagte: »Es ist ein großes Kapitel. Ich für meinen Teil, ich liebe ja die Juden. Dennoch, es ist eine Verstandesliebe, mein Blut sträubt sich dagegen.«
»Auch gegen mich?« fragte Engelhart lächelnd und besorgt.
»Man soll nicht ein Gefühl zergliedern, sonst hört es auf, ganz zu sein,« antwortete Schildknecht mit niedergeschlagenen Augen. »Aber es kommt mir oft vor, als ob in unserm Verhältnis noch eine andre Macht gebieten würde als die, die Menschen sonst einander begegnen und sich finden läßt. Es kommt mir vor, als ob dabei eine Art höhere Vergeltung im Spiel wäre. Meine Vorfahren sind altsässige Nürnberger Patrizier gewesen. Es wird Ihnen ja bekannt sein, daß vor ziemlich genau vierhundert Jahren die Juden aus unsrer Stadt vertrieben wurden und zwar unter den üblichen Greueln: Erpressung, Raub und Mord. Nun ist es in unsrer Familie eine alte Tradition, und ich habe es auch einmal in einem alten Schriftstück bestätigt gefunden, daß ein gewisser Schildknecht vom Schildknechtstein, der den Juden tief verschuldet war, mit großer Leidenschaft und Tücke das Volk aufgehetzt, dann die Brunnen in seinem Haus habe vergiften lassen und schließlich mit eigner Hand an die hundert Juden erschlagen habe. Vielleicht, lieber Ratgeber, war einer oder der andre Ihrer Ältervordern unter den Erschlagenen, aber sehen Sie mich nicht so beklommen an, ich fühle mich nicht verantwortlich für den Schweinehund von damals, wenn ich auch zum Beispiel von meinem Vater weiß, daß er den Juden zwar günstig gesinnt war, jedoch nie einem die Hand reichte und es, wenn möglich, überhaupt vermied, mit Juden zu reden. Dem sei, wie ihm mag, es kommt mir immer vor, als ob der Sturm des Schicksals uns, mich und Sie, auf einem Gebirgshang zueinander getrieben habe, mich beim Heruntersteigen und Sie beim Hinaufsteigen. Als ich Sie damals im Paradieschen zum erstenmal sah, da zog’s mich zu Ihnen mit einer Mischung von Haß, Neid und Schuld. ›Möglicherweise,‹ dacht’ ich mir, ›geht es doch wieder aufwärts,‹ und ich suchte die Oberhand über Sie zu gewinnen –«
»Aber damit haben Sie mich gerettet, Liebster,« warf Engelhart ein, voll seltsamer Angst vor dem bekenntnishaften Ton Schildknechts.
Dieser ließ sich nicht irre machen und fuhr mit bleicher werdendem Gesicht fort: »Mag sein. Aber ich habe keine Sicherheit, daß Sie mir nicht, ein paar hundert Meter weiter auf dem Berg angelangt, einen Stein auf den Kopf werfen werden. Sie sind keiner von den Dankbaren. Was ist denn Freundschaft? Ein Kampf um Macht wie alles, was zwischen Menschen vorgeht; und was wahre Freundschaft ist, erkennt man erst an den Wunden, die man davongetragen hat. Doch was ich eigentlich sagen wollte, ist das: solche Menschen, die wie Sie aus der Dunkelheit eines Stammes emporgetrieben werden und in denen die stumm gewesenen Geschlechter, wie soll ich mich ausdrücken, einen Mund erhalten, die haben viel Chaos, viel flüssiges Schicksal in sich. Das Judentum sind Sie ja los, aber der Jude, der in Ihnen steckt, wird Ihnen noch viel zu schaffen machen, er wird Ihnen immer wieder Finsternis ins Gemüt pressen, auch die Lust zur Finsternis und die Lust, sich selber zu entfliehen und die Lust zu erlösen und all diesen Quark, an dem unsre Besten verbluten.«
Auf Engelhart machte dies alles tiefen Eindruck, nicht, weil es ihm so neu war, sondern weil er plötzlich seine Art und sein Blut, das Persönliche und Kreatürliche, gesetzmäßiger empfand. Dem lebendigen Geist tut es wohl, das Leben seiner niedrigen Zufälligkeiten entkleiden zu dürfen; je inniger er sich in das Auf und Ab des Menschentums verwoben sieht, je mehr muß seine Zuversicht und Ruhe wachsen. Justin Schildknecht war diese Wirkung nicht ganz willkommen, und es war, als bereue er das Gespräch. Er wünschte nicht, daß Engelhart auf sich allein gestellt sei, und vermied von nun an, über Gegenstände zu sprechen, aus denen das Selbstbewußtsein des Freundes Nahrung ziehen konnte. Sein Wohlwollen verdunkelte sich mit seinem Schicksal; furchtbar spürte er, wie man zu lieben und zu hassen vermag in einem Atemzug.
Schildknecht hatte seine Anstellung schon verloren; aus welchem Grunde, erfuhr Engelhart nicht, vermutete jedoch, daß er sich von jenem Heilemann, in dessen Gesellschaft er bis zu Engelharts Ankunft den größten Teil seiner Zeit verbracht hatte, von regelmäßiger Arbeit hatte abziehen lassen. Auch über die Person Heilemanns vermochte Engelhart nicht Klarheit zu gewinnen. Er war Vertreter einer großen deutschen Maschinenfabrik und verdiente viel Geld, lebte aber auf dem Kavaliersfuß und zog mit einem Hofstaat von armen und halbarmen Teufeln in der Stadt und in den Ausflugsorten am See herum. Schildknecht und er waren Schulkameraden; jetzt schien es, als ob Schildknecht in sonderbarer Abhängigkeit von ihm bestehe. Vielleicht, daß er Schulden bei ihm hatte machen müssen; jedenfalls benahm er sich in Heilemanns Gegenwart gedrückt und zweideutig ergeben, ein Anblick, bei dem es Engelhart jämmerlich zumute wurde, um so mehr, als er hintennach immer die Launen und das Aufschäumen des verletzten Stolzes ansehen und ertragen mußte. Es war ein nicht zu durchschauendes Spiel unterirdischer Feindseligkeit. Mit Schmerz sah Engelhart den Freund in den trüben Fluten kämpfen, aus denen er selbst durch Schildknechts Hilfe kaum gerettet war. Und diesmal bestand keine Wahrheit zwischen ihnen; Schildknecht tat alles, um die Ursachen seiner Lage zu verwischen, und gab sich den Anschein dessen, der die Gesellschaft studieren, ein Stück Leben ergründen will.
An einem der ersten Abende fand in Heilemanns Wohnung ein Gelage statt, und um die Lustbarkeit zu vermehren, beschlossen alle Teilnehmer, bei Heilemann zu nächtigen. Neun Personen schliefen in zwei kleinen Zimmern. Engelhart lag auf einem Teppich und konnte kein Auge zutun. Als er alle andern schnarchen hörte, erhob er sich und floh aus dem Wein- und Atemdunst hinaus auf einen kleinen Balkon, an dessen Gitter blühende Glyzinien hingen. Nach kurzer Weile sah er Schildknecht hinter sich stehen, der, wie er selbst, im Hemde war. Engelhart freute sich und dachte, nun könnten sie wieder einmal ein bißchen reden, aber Schildknecht machte ihm Vorwürfe über sein schweigsames und unfrohes Wesen, das in einer Gesellschaft von so harmloser Art übel vermerkt werden müsse. Engelhart nickte zu allem und gab dem Freunde recht. Doch hatte er in keiner Stunde des Lebens seine Armut tiefer bedauert als jetzt. Ähnliche Nächte wiederholten sich nicht, aber es wurden Ausflüge zu Schiff unternommen, bei denen Heilemann die Zeche zahlte. Bei einer solchen Gelegenheit wandte sich Heilemann an Schildknecht und machte ihn unwillig auf Engelharts schäbige Kopfbedeckung aufmerksam. »Ihr Freund soll sich einen Hut kaufen,« sagte er und warf ein Zehnfrankenstück über den Tisch. Das war nun allerdings zuviel für Schildknecht; er erblaßte und entfernte sich schweigend mit Engelhart. Gleichwohl merkte dieser, daß Schildknecht ihm wegen dieses Vorfalls insgeheim grollte.
Mitte Juli mußte Heilemann eine Geschäftsreise antreten, und kaum war er fort, so stob auch seine Schmarotzergarde auseinander. Nun sah sich Schildknecht gezwungen, Engelhart von seiner trostlosen Vermögenslage zu unterrichten. Sobald er offen und wahr sein durfte, kam seine gütigere Natur wieder zum Vorschein. Er sagte, es sei wesentlich, daß sie jetzt aneinander festhielten und nicht der ordinären Notdurft wegen das Freundschaftsgärtlein verdorren ließen. Er bemühte sich bei seinen Bekannten, um für Engelhart eine Stelle zu erhalten, und lief tagelang mit ihm von Geschäft zu Geschäft, aber die erhaltenen Empfehlungen waren mager, wohlwollendes Entgegenkommen trafen sie selten bei diesem herben und selbstzufriedenen Menschenschlag, die Vergeblichkeit der Mühe spiegelte sich in ihren Gesichtern wider, und der trotzige Unmut machte auch Bereitwilligere stutzig. »Sie müssen sprechen,« sagte Schildknecht zu Engelhart, »Sie müssen sich ins Licht setzen, die Leute merken ja, daß Sie keine zehn Rappen im Sack tragen, dem Bettler wirft man höchstens ein Stück Brot hin, nur wer fordert, wird gehört.«
In den ersten Tagen hatte das vorhandene Geld noch zu einem Mittagessen in einer Gastwirtschaft ausgereicht, dann kam die Stunde, wo man sich aufs Hungern einrichten mußte. Schildknecht hatte keinen Menschen in der Stadt, den er, ohne seine Empfindlichkeit aufs tiefste zu verwunden, um ein Darlehen ansprechen konnte. Und ehe er sich nach Hause wandte, wollte er das Schlimmste über sich ergehen lassen. Die Augen zu und hinein ins Wasser, war seine tägliche Redensart. Engelhart hatte sich noch einmal mit einer schüchternen Bitte an den Vater gewandt, natürlich umsonst; Herrn Ratgebers Antwort war ein einziges Händeringen, worüber sich Schildknecht weidlich lustig machte. Sie richteten nun ihr Leben so ein, daß sie bis über den Mittag hinaus im Bette lagen, sich dann mit der Umständlichkeit von Modedamen ankleideten und ins Kaffeehaus marschierten, wo sie den Nachmittag über sitzenblieben. Nur hier hatten sie, hauptsächlich durch das Ansehen, welches Heilemann genoß, ein wenig Kredit; sie tranken Tee und verzehrten zur Stillung des Appetits eine große Anzahl von Semmeln, lasen Zeitungen und Wochenschriften aus aller Welt, beobachteten und kritisierten die vor den Fenstern vorüberwandelnden Menschen, wobei diejenigen, die sattgegessen aussahen, am übelsten wegkamen. Niemals und nicht mit einem Blick ließ Schildknecht in all der Zeit Engelhart merken, daß er ihm zur Last falle, ihn fessele und das eigne Fortkommen erschwere. Eher noch schien er selbst den Freund zu halten und tat so, als wäre die ganze Pein nur ein Examen, das ihnen das Schicksal bereitet. Aber schließlich, er war in seinem Hause, er war es, der gab, und Geben macht müde und tyrannisch. Am Abend wurden tiefsinnige Gespräche ausgesponnen, und Schildknecht verstand es, zwischen zwei gesprochene Worte eine ungesagte Bitternis zu legen wie jemand, der eine Nadel auf ein Butterbrot streicht. Gegen Mitternacht gediehen die Fäden dünner, weil der Magen, wie ein Hund gegen Diebe, sein Knurren gegen das Wortgeklapper erhob, dann nahm der eine in seinem Bett, der andre auf der Matratze zu den Träumen Zuflucht.
Schildknecht träumte schwer, oft erwachte Engelhart von seinem Stöhnen und sah ihn beim Morgengrauen totenbleich liegen, mit feuchten Angstperlen auf der Stirn. Er liebte nicht das schlafende Gesicht Schildknechts, ja er fürchtete es. Einmal nun hatte Schildknecht einen angenehmen Traum und erzählte ihn: er sei am Meer gestanden und drei Schiffe, voll mit Gold beladen, seien auf ihn zugeschwommen, seien wie Vögel geradeswegs in seine Arme geflogen, und dann sei in zahllosen kleinen Fässern das Gold um ihn aufgestapelt worden, aber immer, wenn er zugreifen wollte, habe sich eine Hand auf seine Schulter gelegt, und eine Stimme sprach: »Warten, es kommt noch mehr.«
Das war der ganze Traum, und Engelhart bedauerte, daß er zu Ende war, denn er hätte gern gewußt, was Schildknecht mit seinen Reichtümern angefangen. Allmählich wurde dieser Gedanke zu einer sorgenvollen und krankhaften Vorstellung, es war etwas dabei, was ihn bezüglich seiner eignen Person beunruhigte, und da er es über Tag und Nacht nicht los werden konnte und mit sich zu Rate ging, wie er dem Freund von seinem zweifelvollen Zustand Kunde geben sollte, entsann er sich einer alten Geschichte, und mitten in einem Gespräch bat er Schildknecht ziemlich unvermittelt, ihm zuzuhören.
»Zwei edle Ritter in der Bretagne,« so begann er, »liebten einander sehr. Beide waren arm, nur besaß der eine von ihnen einen schönen Zelter. Und der andre fing eines Tags an nachzudenken und sprach bei sich: ›Mein Freund hat einen schönen Zelter; wenn ich ihn darum bäte, würde er ihn mir wohl geben?‹ Eine Zeitlang schwankte er zwischen ja und nein, endlich aber kam er zu dem Schluß, der Freund würde ihm den Zelter nicht geben. Der Ritter wurde traurig und erschien mit anderm Gesicht vor seinem Freund, doch dieser merkte nichts. Darüber wurde der Gram des Ritters immer größer, er hörte auf, mit dem Freund zu sprechen und wandte das Auge ab, wenn jener vorüberging. Der andre, der den Zelter besaß, konnte dies nicht länger ertragen und stellte ihn zur Rede, fragte, weshalb er ihn meide, weshalb er erzürnt sei. Da antwortete er: ›Weil ich dich um deinen Zelter gebeten habe und du ihn mir abgeschlagen hast, und weil ich nun sehe, daß wir zu Unrecht Freunde heißen.‹«
Schildknecht war ziemlich erstaunt über die Geschichte, und als er darüber nachzudenken begann, geriet er in eine gereizte Stimmung. Eben das hatte Engelhart gefürchtet und hatte deswegen auch die Erzählung nicht zu Ende gebracht. Natürlich hatte der Ritter, der den Zelter besaß, voll Rührung den andern umarmt und gesprochen: »Alles, was mir gehört, gehört auch dir.« Es war ihm zu banal erschienen, dies hinzuzufügen, vielleicht kam es der Wahrheit näher, wenn die beiden Ritter von nun an Feinde wurden.
Als Heilemann zurückkehrte, waren die zwei Hungersgenossen so ausgemergelt, daß selbst der kühle Genüßling erschrak und sich ernstlich bemühte, für Schildknecht einen anständigen Posten aufzutreiben. Doch sagte er ihm: »Das mit deinem Freund Ratgeber ist nichts, der taugt nicht, den mußt du loswerden,« und nach einer kurzen Beratung wurde beschlossen, daß Engelhart zu seinem Vater reisen müsse, der habe die nächste Pflicht, für ihn zu sorgen. »Hier sind zwanzig Franken,« sagte Heilemann, »damit kann er bis München durchkommen, und er soll sich nur schleunigst trollen, ist überhaupt ein unleidlicher Kumpan.«
Engelhart ahnte nichts von diesen Beschlüssen, als er am Nachmittag desselben Tages an einer Partie teilnahm, welche von Heilemann, Schildknecht und einigen andern, Damen und Herren, veranstaltet wurde. Sie fuhren mit dem Dampfer bis Meilen, wanderten noch eine Stunde am Ufer entlang und kamen gegen Abend in ein Gartenwirtshaus, wo eine Musikkapelle spielte. Inzwischen hatte sich der Himmel schwarz umzogen, die meisten Leute flüchteten auf das eben abgehende Schiff, und so blieb die kleine Gesellschaft, in der Engelhart sich befand, mit den Musikanten fast allein zurück. Heilemann ließ im Saal oben den Tisch decken und mietete die Musikanten, da nach dem Essen ein Tanzvergnügen geplant war. Während der Mahlzeit war Schildknecht sehr aufgeräumt, erzählte ein halb Dutzend seiner lustigen Geschichten und hielt dabei geflissentlich seine Augen von Engelhart fern, dem er gegenüber saß. Engelhart glaubte, es sei darum, weil er all diese Geschichten schon kannte und Schildknecht sich deshalb vor ihm geniere. Es lachten alle, nur er lachte nicht, und dies kränkte Schildknecht; am Schluß stand er hastig auf, warf die Serviette auf den Stuhl und verließ den Saal. Engelhart war ein wenig erkältet durch dies auffällige Benehmen, indessen folgte er alsbald dem Freund und traf ihn nach einigem Suchen unten an der Uferböschung, wo er auf einem Felsstück hockte und in die blitzezuckende Ferne starrte. Engelhart setzte sich zwei Schritte von ihm weg, noch dichter an das Wasser.