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Entstehung und Ausbreitung der Alchemie, mit einem Anhange cover

Entstehung und Ausbreitung der Alchemie, mit einem Anhange

Chapter 17: e) Ostanes.
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About This Book

Der Text zeichnet die Entstehung und Verbreitung des Glaubens an die Verwandlung unedler Metalle in Gold und Silber nach und untersucht seine textlichen Überlieferungen, praktischen Verfahren sowie die sozialen und psychologischen Kräfte, die ihn trotz fehlender nachweisbarer Erfolge lebendig erhielten. Er analysiert Quellen und Kommentierung und beleuchtet das Wechselspiel von mystischer Terminologie und empirischer Metallkunde, wobei Ritus, symbolische Sprache und technisches Wissen einbezogen werden. Ein Anhang behandelt ältere Metallkunde und Textvarianten; die Darstellung folgt einem interdisziplinären, quellenkritischen Zugang zur Rekonstruktion der alchemischen Entwicklung und ihres kulturellen Wirkens.

4. Pseudepigraphen der ersten Jahrhunderte: Hermes, Agathodaimon, Isis, Chimes, Ostanes, Petesis, Jamblichos, Moses, Johannes.

Die Schriften der bisher angeführten älteren, nicht genau datierbaren Alchemisten konnten den Anspruch erheben, entweder deren wirkliche (wenngleich vielfach entstellte und interpolierte) Werke zu sein, oder doch mindestens in den Hauptpunkten auf diese zurückzugehen, und so eine, zwar in den Einzelnheiten unzuverlässige und verworrene, im ganzen aber immerhin zutreffende und richtige Tradition zu wahren. Desgleichen besitzen wir, etwa von 300 n. Chr. an, die Abhandlungen einer Reihe von Autoren (mit ZOSIMOS beginnend), über deren wesentliche Echtheit kein Zweifel besteht. Betreff der Zwischenzeit dagegen ist uns nur eine Anzahl teils apokrypher, teils pseudepigraphischer Schriften erhalten, die sämtlich, gleich so vielen anderen, den verschiedensten Wissenszweigen jener Epoche zugehörigen, den Charakter des spätorientalischen und spezifisch alexandrinischen Synkretismus tragen, d. h. die absonderlichsten Vermischungen griechischer, ägyptischer, jüdischer, frühchristlicher, orientalischer, gnostischer, christlich-gnostischer und anderer Ideen und Anschauungen zeigen. In vielen überwiegen vollständig die magischen und abergläubischen Vorstellungen; zudem herrscht das Bestreben vor, Entstehung und Herkunft der Alchemie mythisch zu verschleiern und in die Tiefe von Zeiten zurückzuverlegen, zu denen noch Götter und Heroen, Engel und Dämonen, auf Erden wandelten. Da sie außerdem zum Teil nur in vielfach umgearbeiteter und abgeänderter Gestalt, zum Teil sogar nur in Form von Auszügen und Zitaten auf die Nachwelt gekommen sind, läßt der Inhalt, so Bemerkenswertes er zuweilen auch bieten mag, bestimmte Schlüsse, namentlich nach chronologischer Seite, nur ausnahmsweise zu.

a) Hermes.

HERMES, erst durch eine sehr späte Tradition ganz fälschlich als Babylonier angesprochen⁠[620], gilt den hellenistischen Schriftstellern fraglos als Ägypter und wird mit mehreren wichtigen altägyptischen Göttern identifiziert, u. a. mit PTAH, CHNUM und THOT; die einschlägigen Erklärungen mögen, so weit sie zum Verständnisse unentbehrlich erscheinen, gleich an dieser Stelle gegeben werden.

Die Bedeutung des PTAH beruhte im alten ägyptischen Reiche (beginnend um 3000 v. Chr.) darauf, daß er der Gott der Reichshauptstadt Memphis war und als solcher Besitzer der ihr benachbarten mächtigen Steinbrüche, aus denen die Arbeiter seines Tempels unter Anleitung der Priester die zur Errichtung der Pyramiden und anderer großer Bauwerke bestimmten Steine brechen und zurechthauen; daher ist er „Gott der Künstler“, „Bildner und Gestalter“, und der Hohepriester seines Tempels führt den Titel „Großer Vorsteher der Steinkünstler“⁠[621]. Den Theologen gilt er alsbald nicht nur als „Bildner und Gestalter“ der Werksteine, sondern des ganzen Weltbaues; seine Macht läßt aus dem Chaos das Weltenei hervorgehen, mit dessen Bildung die Schöpfung beginnt⁠[622], seine Kunst formt die ersten Statuen der Götter und versieht sie mit Schmuck aus Blaustein (Lapis lazuli), Grünstein (Malachit) und Gold, und er ist der Gießer des goldenen Sonnenkäfers, des die Sonne über den Himmel vor sich herwälzenden Skarabäus⁠[623]. Daraufhin heißt sein Haupttempel in Memphis auch die „Goldschmelze“ oder „Goldschmiede“, er selbst „Herr der Goldschmelze“, „Herr der Künste“, „Herr der Künstler“; diese letzteren aber sind seine Priester, von denen Einer auch als „Meister der Kunst“, und der Hohepriester als „Oberster der Künstler“ angeführt wird⁠[624]. Als „von Dem, der wissend ist um die Geheimnisse der Goldschmiede“ spricht von diesem auch noch die hellenistische Zeit⁠[625], die den PTAH dem HEPHAISTOS gleichsetzt, ihn zu einem zaubermächtigen Wundertäter, Magier und Arzt macht, und als einen solchen auch den zum „Sohne des PTAH“ erhobenen IMHOTEP ansieht, der in Wahrheit im alten Reiche Oberleiter des Pyramidenbaues unter dem Könige ZOSER war⁠[626].

Den widderköpfigen CHNUM von Elephantine, den „Herrn des Kataraktenlandes“ und Gott der Zeugung und Fruchtbarkeit, in späterer Aussprache CHNUB oder CHNUBIS, betrachtete man ursprünglich u. a. ebenfalls als Schmied, als Erfinder der Töpferscheibe (auf der er das Weltenei rund dreht), als Künstler und als Baumeister, später aber als Weltenbaumeister, Demiurgen, und Herrn des künstlerischen Geistes sowie des Geistes überhaupt, daher auch des Lufthauches und Pneumas⁠[627].

THOT, der Ibisköpfige, der Gott der Stadt Chnumu, gilt dem alten ägyptischen Reiche in seiner Eigenschaft als Mondgott für den Urheber von Zeitrechnung, Maß, Ordnung und Recht, für den Erfinder der Sprache, des Zeichnens, des Malens und der Schrift, für den Schöpfer aller Wissenschaft und Kultur, sowie für den Heilkundigen, der die Wunden der Götter durch seinen Speichel zu schließen versteht⁠[628]. Einer späteren Zeit ist er der „Herr der Sprache und der Schrift, der Schreiber und der Tinte“, der Stifter von Ordnung und Recht am Himmel und auf Erden, der Erfinder der Amulette und Zaubersprüche, die einerseits Heil und Gesundheit bringen, andererseits die Einflüsse der bösen Geister abwehren⁠[629]; daher rühmt ein um 1700 v. Chr. verfaßtes ägyptisches Märchen dem Helden nach „er kennt die Zahl der Bücherkisten der Weisheit und der Zaubersprüche im Heiligtums des THOT, .... der steinernen Kisten im Tempel zu Heliopolis“, und ein anderes preist, um 1350 v. Chr., „das Buch der Zaubersprüche, von THOT, dem Gotte der Weisheit, selbst geschrieben“⁠[630]. In noch jüngerer Zeit wird dann THOT zum Astronomen, Astrologen, Magier, Bereiter von wunderwirkenden Heilmitteln, usf.; seine Lehren stehen anfangs nur auf steinernen Tafeln, Säulen und Wänden der Heiligtümer, „an geheimen und verborgenen Stellen“, — so noch zum Teil im spätptolemäischen Tempel zu Edfu, wo er auch „Kenner aller Geheimnisse der Tempelküche“ genannt wird, d. h. der Rezepte zur Herstellung der Räuchermittel, Heilsalben u. dgl. —, weiterhin aber auch auf Leder oder Papyrus, und bilden so die „heiligen Bücher“ oder „heiligen Schriften“⁠[631]. Die hellenistische Aera identifizierte THOT völlig mit HERMES, wozu u. a. auch besonders beitrug, daß ersterer beim großen Totengericht die Herzen wägt und hiernach die Geschicke der Seelen bestimmt, HERMES aber ebenfalls die Seelen zur Unterwelt geleitet, und einen Schlüssel führt⁠[632]; auf ihn übertrug sie daher auch die Autorschaft der gesamten priesterlichen, dem THOT zugeschriebenen, nach ägyptischem Herkommen durchaus anonymen Literatur, und so ist es zu erklären, daß die Zahl der von HERMES verfaßten Werke seitens MANETHOS (um 280 v. Chr.) auf 36525, seitens IAMBLICHOS (im 3. Jahrhundert n. Chr.) auf 20000 beziffert wird, und daß ein bloßer Auszug, von dem anscheinend der um 220 n. Chr. gestorbene CLEMENS ALEXANDRINUS berichtet, 42 Bände oder Bücher umfaßte⁠[633]. Es steht dahin, ob mit diesen 42 „hermetischen Büchern“ jene etwas gemein haben, die als „hermetische Schriften“ oder „Weisheit des HERMES“ auf uns gekommen sind, sich mit ihrem nicht alchemistischen, sondern zumeist mystisch-schwärmerischen und -religiösen, oder naturwissenschaftlich-abergläubischen Inhalte als Offenbarungen des HERMES-THOT geben und nur mit größter Vorsicht zu Rückschlüssen irgendwelcher Art herangezogen werden dürfen⁠[634]; fast erscheint es unglaublich, daß sie bis tief in das 17. Jahrhundert hinein für echt und geradezu uralt-ägyptisch gehalten und erst durch den berühmten Streit CONRINGS (in Helmstaedt) gegen BORRICHIUS (in Kopenhagen), 1648 mit dem Buche über die hermetische Medizin einsetzend, als in später Zeit untergeschoben erwiesen wurden⁠[635].

Jedenfalls sieht die hellenistische Zeit schließlich in HERMES die Personifikation des Wissens, der Wissenschaft, des in allen Künsten, namentlich aber in allen Geheimkünsten, erfahrenen und schöpferischen Geistes, den Hüter und Bewahrer aller alten Erbweisheit (daher sie ihn auch mit ADAM, HENOCH, ABRAHAM, MOSES, JOSEF usf. gleichsetzt)⁠[636], den Verfasser und Schreiber unübertroffen tiefsinniger und an Zahl endloser Werke, den „aller himmlischen Zeichen und Einflüsse“ kundigen Astrologen, Arzt, und Magier, sowie den Mann, „in dem sich Anfang und Ende der göttlichen Kunst vereint“, den Meister „der heiligen und hermetischen Kunst“, den ersten Alchemisten⁠[637].


Nach den, durch die syrischen Manuskripte bewahrten Berichten des ZOSIMOS schrieb HERMES als erster die zum Teil durch Dämonen übermittelten Traditionen der Alchemie nieder, und zwar in einem umfangreichen Werke, das aber auch viele andere, χειρόκμητα (Handfertigkeiten, Handgriffe) genannte „Künste“ behandelte⁠[638]. Es zählte 24 Bücher, bezeichnet nach den Buchstaben des griechischen Alphabetes und benannt mit besonderen Namen, z. B. Imos, Imuth, Gesicht, Schlüssel (κλείς)⁠[639], Siegel (Gesiegeltes), Encheirídion (Handbuch), Epoche usf., und in diesen wurden sämtliche „Künste“ durch „Tausende von Worten“ genau erklärt, so auch die Umwandlung von
Blei
Zinn
Eisen
in
Kupfer
Silber ,
Gold
aber auch von Blei in Zinn, Kupfer in Eisen, usf., kurz von allem der Reihe nach, von oben nach unten und von unten nach oben; erst spätere Erklärer, „die ohnehin auch allein die Verwandlung des Silbers in Gold erwähnten“, „verdarben und verdunkelten diese Bücher und machten aus ihnen Mysterien“. — HERMES selbst schrieb sein Werk auf „Tafeln“, die aber verloren gingen oder verborgen blieben, so daß erst der ägyptische König NECHEPSO sie wieder auffand; die Götter, deren Beistand er in endlosen Gebeten anrief, begnadeten ihn schließlich mit ihrem Verständnisse⁠[640], — doch ist weder überliefert, wodurch der (schon in früher ptolemäischer Zeit mythische) König veranlaßt wurde, ein solches überhaupt anzustreben, noch welche Früchte es ihm trug, nachdem er es errungen hatte.

Vermutlich auf diese „Tafeln“ hin, deren Andenken lebendig geblieben zu sein scheint, hat eine spätere Zeit dem HERMES auch die Abfassung zweier sehr berühmt gewordener anderer zugeschrieben, der „Tafel von Memphis“ und der „Tabula smaragdina“. Die „memphitische Tafel“⁠[641] soll sich u. a. an einem Felsen bei Memphis vorgefunden und in griechischer, sowie nach KIRCHERS Bericht von 1636 angeblich auch in koptischer Sprache, nachstehende Inschrift getragen haben: „Himmel oben, Himmel unten; Sterne oben, Sterne unten; Alles (πᾶν) ist oben, Alles ist unten; Nimm es hin, es bringe Dir Glück.“ Weiteres über sie ist nicht bekannt geworden, und die Behauptung, der angeführte Spruch sei altägyptischen Ursprunges, hat sich nicht bestätigt, was auch nach seinem auf Astrologie und Chemie (Sublimation, Destillation) anspielenden Inhalte nicht anders zu erwarten war. — Die, der Sage nach durch ALEXANDER DEN GROSSEN im Grabe des HERMES aufgefundene „Tabula smaragdina“⁠[642] war unter diesem Namen, sowie unter dem Nebentitel „De operatione solis“ (Vom Machen der Sonne, d. h. des Goldes), im Abendlande schon gegen 1200 wohlbekannt und hochgeschätzt; der allein und nicht überall ganz gleichlautend übermittelte lateinische Text⁠[643] lautet in wörtlicher Übersetzung: „Es ist wahr, nicht gelogen, sicher und völlig gewiß. Was unten ist, gleicht dem was oben ist, und was oben ist, dem was unten ist, zwecks Durchschauung der Wunder des einen Dinges. So wie alle Dinge wurden aus Einem, durch Nachforschung darüber [oder: durch Einen, seiner Überlegung gemäß], so sind auch alle Dinge geboren aus diesem einen Dinge, vermöge der Anpassung (adaptatione). Sein Vater ist die Sonne, seine Mutter der Mond. Der Wind trug es in seinem Bauche. Seine Nährerin ist die Erde. Es ist der Vater aller Vollendung (telesmi) im Weltalle. Seine Kraft (virtus) steht auf ihrer Höhe, wenn es zu Erde gewandelt ist. Du scheide das Erdige vom Feurigen, die dunstartigen Teile von den dichten, gelinde, mit großer Kunst. Es [das Ding] steigt empor von der Erde zum Himmel, steigt wieder nieder zur Erde, und nimmt in sich auf die Kräfte der Oberen und der Unteren. So gewinnst Du das Rühmlichste (gloriam) der ganzen Welt. So wird alles Dunkel von Dir weichen. Dies ist die hohe Kraft in äußerster Stärke, da sie alle dunstartigen Teile besiegt und alle dichten durchdringt. So wurde die Welt geschaffen. So entstehen die wunderbaren Anpassungen (adaptationes), deren Art diese ist. Deshalb werde ich HERMES TRISMEGISTOS genannt, weil ich innehabe die drei Teile der Philosophie des Weltalles. Vollendet ist, was ich verkünde über die Herstellung der Sonne.“

Bei aller Absonderlichkeit enthält dieser Text nichts, was unverträglich wäre mit dem Geiste der Systeme einer Zeit, die unbedenklich auch die buntesten Elemente zu vereinigen pflegte, — und zwar weder was die Form, noch was den Inhalt anbelangt; letzterer betrifft sichtlich die Gewinnung des Goldes mittels des „zu Erde gewordenen“ großen Wunderdinges, d. i. des Steines der Philosophen, der das „Dunkle“ weichen macht (d. h. die richtige Färbung bewirkt), die Samen von Silber und Gold (Mond und Sonne, Weiblichem und Männlichem) in sich trägt und durch richtige „Anpassung“ die höchste „Vollendung“ herbeiführt, selbst aber wieder durch allerlei Sublimationen und Destillationen (ἄνω καὶ κάτω) und unter Mitwirkung des „Windes“ (Geistes, Pneumas) „geschaffen wird“ und als Inbegriff aller Elemente und Kräfte ein Analogon des Weltalls darstellt, ein ἓν καὶ πᾶν (Hen kai pan: Eines in Allem, Alles in Einem). In ganz ähnlichem Sinne, und in einem Wortlaute, der jenem der sog. hermetischen Tafeln sehr nahekommt, heißt es auch in einem alten bei ZOSIMOS[644] übermittelten Spruche: „Nach oben das Himmlische, nach unten das Irdische! Durch das Männliche und das Weibliche wird das Werk vollendet!“

Ein griechisches Original der „Tabula smaragdina“ ist nicht bekannt, und da die syrischen und arabischen Chemiker ihrer überhaupt keine Erwähnung tun⁠[645], so bestehen berechtigte Zweifel an ihrem vorgeblichen Alter; so alt wie der gesamte zugehörige Litteraturkreis könnte sie aber dem soeben Ausgeführten zufolge immerhin sein, und die Anführung des HERMES TRISMEGISTOS, sowie die Herübernahme des im Lateinischen ganz ungebräuchlichen Wortes telesmus (τελεσμός) lassen eine Übersetzung aus dem Griechischen mindestens als möglich erscheinen⁠[646]. — Älteren Forschern hat namentlich die Frage viel Kopfzerbrechen bereitet, ob es tatsächlich Smaragde gebe, deren Größe die Anfertigung einer Tafel von ausreichenden Abmessungen gestatte; indessen erledigt sich diese Schwierigkeit dadurch, daß mit dem mehrdeutigen Worte Smaragd keineswegs gerade unser Edelstein Smaragd gemeint zu sein braucht, und daß auch z. B. in den ärztlichen Schriften des CELSUS (zu Beginn der Kaiserzeit) „emplastrum smaragdinum“ nicht etwa ein Pflaster aus Smaragden bedeutet, sondern einfach ein grünes Pflaster⁠[647], — wonach es also freisteht, die Tabula smaragdina als Tafel aus grünem Glas, einem beliebigen grünen Gestein, oder einem sonstigen grünen Material aufzufassen!


Kaum besser, als über diese mythischen, auf Tafeln eingegrabenen Schriften des HERMES, sind wir über die dem Papyrus oder Pergament anvertrauten unterrichtet; wir kennen sie nur aus Anführungen und Zitaten, die sich u. a. bei ZOSIMOS, SYNESIOS, OLYMPIODOROS und bei den noch späteren ersten syrischen und arabischen Chemikern finden (so bei dem schon mehrfach genannten AL-HABIB) und allenfalls ersehen lassen, welche Lehren man dem Manne zuschreiben zu sollen glaubte, den es galt, als Begründer (oder als einen der Begründer) der „hermetischen Kunst“ glaubhaft hinzustellen.

Das heilige oder große Werk muß begonnen werden in den ersten zehn Tagen des Monates Pharmuthi (März-April; das syrische Manuskript sagt im Nisân = April) und dauert sechs Monate⁠[648]; sein Ziel ist, „wie schon die Alten angaben“, die Umwandlung des „Kupfers“ in ἰόχαλκος (Ióchalkos, rotes Kupfer = Gold)⁠[649]. Die Grundsubstanzen (οὐσίαι, Usíai) des Silbers und Goldes sind schon enthalten im „Ei der Philosophen“ [der Mischung von Kupfer, Blei, Eisen, Zinn]⁠[650], in jener „Magnesia“ genannten Legierung⁠[651], auf die sich auch die Sprüche „Zwei wird Eins, Drei und Vier wird Eins, usf.“ beziehen⁠[652]. Die Operationen, die zur Umwandlung dieser Stoffe führen, beginnen mit dem Einwickeln und Einbinden in Leinen, der Tarichie (Einsalzung), sowie dem Kochen in „Meerwasser“⁠[653]; im weiteren Verlaufe müssen die Stoffe, — und dies ist eine der wichtigsten und daher sehr oft zitierten Vorschriften des HERMES —, ganz und völlig „verbrannt“ werden, „und wenn sie gänzlich zu Asche geworden sind, so ist dies das Anzeichen eines guten Gelingens“, „denn wer den Stoffen nicht ihren körperlichen Zustand nimmt und die unkörperlich Gewordenen wieder in Körper verwandelt, der kann das Ziel nicht erreichen“⁠[654]. Die völlige Austreibung der flüchtigen Bestandteile aus den einen Substanzen und ihre Wiedervereinigung mit den anderen, — denn hierum handelt es sich offenbar —, ist indessen nicht so leicht zu bewerkstelligen, denn nicht selten erhält man „unverbrennlichen Schwefel“, d. i. nach HERMES jene Asche, zu der der Schwefel die Stoffe so verbrannte, daß sie noch einen Teil der „Geister“ in sich zurückhielten⁠[655].

Was unter „Schwefel“ verstanden werden soll, erscheint freilich keineswegs eindeutig bestimmt, denn AL-HABIB bezeugt z. B. ausdrücklich, daß HERMES mit „Schwefel“ auch das Quecksilber aus dem Zinnober bezeichnet habe⁠[656]. HERMES unterscheidet dieses Quecksilber von dem, das „als weiße αἰθάλη (Aithále) der roten Kobathia die Magnesia weißt“⁠[657] [d. h. vom Arsen], sagt jedoch, „Quecksilber ist zwar zweierlei, aber doch nur Eines“⁠[658]; „es ist Eines, besteht jedoch aus zwei Monaden“ heißt es auch vom ὔδωρ ἐν ἀβύσσω, dem „Wasser des Abyssos“ (Abgrundes), das aus den untersten Teilen der Gefäße geschöpft wurde und sehr wohl neben allerlei abgetropften Kondensaten auch das ohnehin oft nur mit dem Namen „Wasser“ bezeichnete Quecksilber enthalten haben kann⁠[659]. Nach dem Berichte der syrischen Manuskripte⁠[660] lehrte HERMES, Quecksilber sei die Grundsubstanz [Materia prima] aller Metalle und verwandle sich unter den passenden Umständen nicht schwieriger in eines von diesen, als „Wasser“ zu Ölsaft in einem Ölbaum, zu Harzsaft in einer Terebinthe, oder zu Honigsaft in einer Dattelpalme⁠[661]. — Wie weiter oben wiederholt erwähnt wurde, sollen die „Ägypter“ für die Ursubstanz der Metalle das Blei gehalten haben, vermutlich angesichts seiner großen Schmelzbarkeit und seines leichten Überganges in andere (vielfach auch mit den Abkömmlingen sonstiger Metalle verwechselte) Stoffe, wie Bleiweiß, Bleiglätte, Mennige, Schwefelblei usf.; da nun aber das Quecksilber, wie man nach und nach erkannte, überhaupt stets flüssig bleibt und gleichfalls mit Leichtigkeit das weiße Sublimat, den bald gelblichen, bald rötlichen, bald schwarzen Zinnober ergibt usf., so liegt die Annahme nahe, es sei auf solche Analogien hin allmählich dem Blei gleichgesetzt worden und habe schließlich an dessen Stelle die Rolle einer Materia prima übernommen, — wofür aber auch noch ganz andere, erst später zu erörternde Gründe ausschlaggebend waren.

Mittels Quecksilbers stellte HERMES, nach einem beim PHILOSOPHUS CHRISTIANUS erhaltenen Berichte, auch das Xérion (ξήριον) her, „das seit Äonen Gesuchte“⁠[662], und verwandelte mit ihm ebensowohl die gemeinen Metalle in Gold, „das allein frei von aller Krankheit ist“⁠[663], wie die körperlich Siechen in Gesunde⁠[664]: ist doch nach ihm der Mensch ein Mikrokosmos, und diese kleine Welt enthält alle Elemente (einschließlich der Winde) ebenso in sich, wie die große, und unterliegt daher genau den nämlichen Einflüssen wie letztere⁠[665]. — Hiernach wird man schwerlich der Behauptung einiger Autoren beistimmen können, HERMES sei ein Feind der von ZOROASTER(?) gepriesenen magischen Lehren und Vorstellungen gewesen; nach ZOSIMOS war vielmehr der Sachverhalt gerade der umgekehrte⁠[666].

Wie in der „hermetischen Kunst“, so lebt der Name des HERMES bis auf den heutigen Tag auch noch im „hermetischen Verschlusse“ fort. Nach AL-HABIB[667] spricht schon ZOSIMOS vom „hermetischen Verschlusse der Gefäße“ als von etwas Wohlbekanntem und keiner Erklärung Bedürftigen, es scheint also fraglos, daß dieser völlig dichte, bei Glasgefäßen durch Zuschmelzen bewerkstelligte Verschluß, oder doch eine bestimmte Art seiner Herstellung und Verwendung, vorwiegend auf HERMES zurückgeführt und als seine Erfindung angesehen wurde. Daß einige seiner Bücher „Siegel“ oder „Gesiegeltes“ überschrieben waren⁠[668], kommt jedoch in dieser Hinsicht nicht mit in Frage, vielmehr besagt dieser Titel nur soviel wie „Geheimnisse“; beruft sich doch ZOSIMOS u. a. auch auf Vorschriften aus Büchern gleichen Namens, die der ägyptische Gott PTAH selbst verfaßt haben soll⁠[669].

b) Agathodaimon.

Von AGATHODAIMON (= guter Geist) berichten die späteren Alchemisten, z. B. OLYMPIODOROS[670], er sei ein alter ägyptischer Philosoph und noch älterer Herrscher und Gott gewesen; als Philosoph wird er oft zusammen mit HERMES genannt oder diesem auch gleichgesetzt, als dritter König aus der göttlichen Urdynastie Ägyptens bei MANETHO aufgeführt⁠[671], als Gott aber mit THOT oder mit CHNUM (Chnub, Chnubis, Chnuphis) identifiziert, mit letzterem namentlich in seiner Richtung als ärztlicher Gott: sein Emblem ist die sich häutende, und dadurch angeblich die Krankheit abstreifende, neue Gesundheit und neues Leben gewinnende Schlange. Die Schlange, die sich selbst in den Schwanz beißt oder den eigenen Schwanz verschlingt und in dieser Form das alte hieroglyphische Zeichen für „Welt“ darstellt, ist in hellenistischer Zeit als οὐροβόρος (Urobóros) oder ὀφιοῦχος (Ophiúchos) auch das Wahrzeichen des AGATHODAIMON, „des guten Dämons von Ägypten“ und „Hausschutzgottes“⁠[672]; dies geht offenbar auf die nach ROHDE[673] echt griechische Anschauung zurück, daß das Haus als seine Hüterin die zum „guten Geiste“ gewordene Seele des Hausvaters zu verehren habe, die, gleich allen chthonischen Wesen, in Gestalt einer Schlange, der auch als Agathodaimon bezeichneten „häuslichen Schlange“, zu erscheinen pflegt. Der Schlange dieses Namens brachte man in Alexandria jährlich besonders feierliche Opfer dar⁠[674], jedenfalls weil Alexandria in AGATHODAIMON seinen eigentlichen Stadtgott verehrte, — wie denn auch noch im 3. Jahrhundert ein Oberpriester AGATHODAIMON daselbst nachweisbar ist⁠[675]; der, dem Gotte AGATHODAIMON zugeordnete Stern ist nach hermetischen Schriften die Sonne⁠[676]. Wenn also, allem diesem und dem klaren Wortlaute seines Namens entgegen, AGATHODAIMON in ganz später Zeit nicht selten für einen neidischen und gefährlichen „Dämon“, seine Schlange aber für einen bösen und verderblichen „Drachen“ angesehen wird, so beruht dies sichtlich auf Mißverständnissen und Entstellungen, die zum Teil vermutlich dem Eindringen orientalischer Überlieferungen zuzuschreiben sind.

Daß AGATHODAIMON ein chemisches Werk (βίβλος χημευτική) verfaßt habe, berichtet OLYMPIODOROS[677], und den syrischen Manuskripten nach erwähnt es schon ZOSIMOS als ein an den OSIRIS gerichtetes, oder ihm gewidmetes Buch⁠[678]. Mit den Worten „AGATHODAIMON begrüßt den OSIRIS“ beginnt auch die von AGATHODAIMON angeblich gemeinsam mit HERMES verfaßte „Erklärung eines Orakels des ORPHEUS“, zu der zu bemerken ist, daß nach hellenistischen, u. a. bei DIODOR erhaltenen Berichten, die mythischen Dichter ORPHEUS und MUSAIOS nach Ägypten gekommen seien und dort die uralte Weisheit der Priester erlernt, diesen aber auch ihre eigene mitgeteilt haben sollen⁠[679]. Die „Erklärung“, die nur in Form einer dunklen, vielfach entstellten, an zahlreichen späteren Einschiebseln reichen Kompilation vorliegt⁠[680], behauptet auf Grund der „freilich sehr verwirrten und unklaren Schriften der Alten“, daß dem ORPHEUS göttliche Stimmen durch ein Orakel mitteilten, welcher Augenblick der günstigste für das große Werk sei, wie man die Projektion auszuführen habe, und wie sich dabei durch mystische Gebete und magische Beschwörungen die bösen Geister bannen und die ihrem Neide entspringenden Hindernisse überwinden ließen⁠[681]; daraufhin habe ORPHEUS auf Kupfer oder auf die „Knochen des Kupfers“, die aus Kupfer, Eisen, Zinn und Blei bestanden und deren unter dem Namen „persische Knochen“ auch ZOSIMOS gedenkt⁠[682], Arsen und Kadmia (καθμία, καθμίς) zur Einwirkung gebracht⁠[683], die Bestandteile 41 Tage lang maceriert, wobei sich ἐξανθήματα (Exantheme, Efflorescenzen) bildeten⁠[684], und sie so schließlich geweißt und gegilbt.

Nach AGATHODAIMONS Lehre hat man die Schlange Urobóros, bei der „das Ende der Anfang, und der Anfang das Ende ist“, als Symbol des großen Werkes zu betrachten, da bei diesem ebenfalls die anfängliche Grundsubstanz oder Materia prima schließlich in die einzelnen Metalle übergeht, in diesen vorhanden ist, und auch wieder aus ihnen zurückgewonnen werden kann. Wie die Schlange, so ist auch das große Werk ein Symbol der Welt; als solches reiht sich Beiden das „philosophische Ei“ an⁠[685], das oft als synonym mit dem großen Werke gilt, oder als „Stein, der kein Stein ist“ das Verwandlungsmittel andeutet, eigentlich aber mit seinen vier „die unzähligsten Namen führenden Teilen“ [Schale, Eihaut, Eiweiß, Eigelb] das Ausgangsmaterial, die vier Metalle der Tetrasomie, bezeichnet⁠[686]. Dieses „unser Blei“ (μόλυβδος ἡμέτερος), diese schwarze Brühe oder Schmelze (μέλανα ζωμόν), hat man zu benützen⁠[687], zehn Tage im Dünger (ἐκ τῆς κόπρου) zu erwärmen und 21 Tage zu beizen⁠[688], sodann mit koptischem Stimmi (στίμη κοπτική)⁠[689], mit vom Schwefel befreitem Arsen „dieser Seele des Färbenden“⁠[690], und mit anderen Chemikalien zu behandeln und so zunächst in „unser Silber“ (ἄργυρον τὸν ἡμῶν) überzuführen⁠[691].

Wie als Erklärer des orphischen Orakels, wird AGATHODAIMON zusammen mit HERMES auch als Verfasser eines merkwürdigen Rätsels genannt, das spätere Autoren als „Rätsel vom philosophischen Steine“ anführen⁠[692] und das in wörtlicher Übersetzung aus dem Griechischen wie folgt lautet:

„Buchstaben zähle ich neun; viersilbig bin ich. Nun rate!
Merk’: von den ersten drei Silben hat zwei der Buchstaben jede,
Aber die vierte hat drei. Fünf Buchstaben sind Konsonanten.
Bilde die Summe der Zahlen: Du findest zweimal Achthundert,
Dreimal Dreißig dazu, nebst Sieben. Hast Du mein Wesen
Nunmehr erkannt, so hast Du auch teil an göttlicher Weisheit.“

Die älteste bisher bekannte Quelle dieses sog. Rätsels sind die „Sibyllinischen Weissagungen“, eine im Tone der Propheten und Orakelkünder gehaltene Sammlung sehr verschiedener, von vielerlei jüdischen und christlichen Verfassern herrührenden Erzählungen und Sentenzen, die wahrscheinlich zwischen 100 vor und 300 nach Chr. niedergeschrieben wurde und ihre endgültige Form wohl erst gegen 300 erhalten hat. Im ersten Buche dieser „Weissagungen“⁠[693], das von einem Christen um 200 n. Chr. verfaßt sein dürfte, befiehlt Gott dem NOAH, den sündigen Völkern noch einmal Buße zu predigen, und offenbart sich ihm als Herrscher der Welt, wobei er die oben angeführten Worte ausspricht. Daß sie also ursprünglich keinen alchemistischen Sinn haben konnten, ergibt sich aus diesem Sachverhalte ohne weiteres; viel eher scheinen sie auf einen der Geheimnamen Gottes hinzudeuten⁠[694], deren Kenntnis (nach altägyptischer Anschauung) dem Kundigen ungeheure Macht verleiht, wie denn z. B. der weise König SALOMON „die neun Buchstaben des geheimen Namens des Herrn“ beherrscht und im „Mysterium der neun Buchstaben“ den „Schlüssel alles Sichtbaren“ besessen haben soll⁠[695]; welcher der zahlreichen Namen dieser Art gemeint sein mag, steht indessen nicht fest. Zu einem von alchemistischem Tiefsinne erfüllten „Rätsel“ machten die aus dem Zusammenhange gerissenen Verse erst spätere Schriftsteller, aus denen OLYMPIODOROS im 5. und STEPHANOS im 7. Jahrhundert schöpften⁠[696]; sie schrieben sie, um ihnen die gehörige Autorität zu sichern, einem der hochberühmten „Alten“ zu, also dem AGATHODAIMON, dem HERMES, oder auch beiden zusammen. Eine Lösung des Rätsels aus hellenistischem Zeitalter ist nicht überliefert; vom 16. Jahrhundert ab gaben verschiedene Gelehrte als solche an: Lithargyros, Kinnabari, Kassiteros, Ampelitis, namentlich aber Arsenikon⁠[697]. Die Namen der ersteren, ihrer Natur nach sehr zweifelhaften Substanzen erfüllen jedoch die im Rätsel gestellten Bedingungen nur annähernd, und der sachlich noch ansprechendste, Arsenikon, ergibt seinem Zahlenwerte nach nicht die verlangte Summe 1697; allerdings führen einige Handschriften statt dieser Ziffer auch andere, bei einigem guten Willen ziemlich genügende Zahlen an, und manche lassen die letzten drei Verse ganz weg und beschränken sich auf die ersten, die derlei erschwerende Sonderbestimmungen nicht enthalten.

c) Isis.

Unter dem Namen eines „Schreibens der ISIS an HOROS über die heilige Kunst“ (περὶ ἱερᾶς τέχνης) geben die alchemistischen Sammlungen in ziemlich abweichenden Fassungen den Text eines Briefes wieder, den ISIS, die sie als Göttin, Königin von Ägypten, oder Prophetin (= Priesterin) bezeichnen, an ihren Sohn HOROS gerichtet habe⁠[698]; selbst der gutgläubige BORRICHIUS (um 1650) wagte, seine Echtheit zu bezweifeln, CHEVREUL (1845) erklärte ihn sogar für eine bloße Satire⁠[699], in Wirklichkeit reiht er sich aber den sonstigen Apokryphen und Pseudepigraphen des Zeitalters als völlig gleichartig an und läßt nichts von jenem besonderen „alchemistischen Geheimsinne“ merken, dessen noch BERTHELOT Erwähnung tut⁠[700]. Die Art der Einkleidung ist mit unleugbarem Geschicke gewählt und durchgeführt, denn die Mitteilung der Lehren und Geheimnisse von Mund zu Mund, durch den Gott an den Priester, den Vater an den Sohn, usf., entspricht einer altägyptischen Tradition; auch derartige Gespräche gerade zwischen ISIS und HOROS waren schon in sehr entlegener Zeit bekannt, z. B. eines, in dem die Göttin meldet, „daß es ihr erlaubt sei, dem eigenen Kinde mitzuteilen den Namen des Gottes RÊ“, nämlich jenen „geheimen und wahren Namen“, dessen Kenntnis furchtbare Macht verleiht (den man aber natürlich schließlich doch nicht erfährt!)⁠[701].

Was den Inhalt des „Schreibens“ betrifft, so erzählt ISIS dem HOROS, der sich auf die Suche des SETH (Typhon), des Mörders seines Vaters OSIRIS, begeben hatte, sie sei inzwischen nach Ormanuthi gegangen, — d. h., wie HOFFMANN angibt, nach ihrem berühmten Tempel zu Eumenuthi bei Kanopos⁠[702] —, „woselbst die heilige Kunst Ägyptens, ἡ ἱερὰ τέχνη τῆς Αιγύπτου, betrieben wird“⁠[703]; dort näherte sich ihr ein „Prophet“ (προφήτης = Priester) und „Engel des unteren Firmamentes“⁠[704] und suchte ihre höchste Gunst, als deren Preis sie Mitteilung des Transmutations-Geheimnisses verlangte; der Prophet erklärte, er selbst sei nicht berechtigt, dieses zu verraten, sandte ihr aber den „Obersten der Propheten“ (ἀρχιερεύς, Archiereús = Oberpriester) und „Engel des höchsten Firmamentes“ AMNAEL, mit dem sie des Handels einig wurde: als Lohn für ihre Hingebung lehrte er sie die Herstellung des Goldes und Silbers, nachdem er ihr vorher den Eid abgenommen hatte „daß sie darüber niemandem Mitteilung machen werde, als allein ihrem leiblichen Sohne“. Der in religionsgeschichtlicher Hinsicht nach Form und Inhalt bemerkenswerte Eid⁠[705], dessen Verwandtschaft mit anderen, bei STEPHANOS (als „Eid des PAPPOS“) und beim PHILOSOPHUS CHRISTIANUS überlieferten Schwüren⁠[706], unverkennbar ist, lautet: „Ich lasse Dich schwören bei Himmel und Erde, bei Licht und Dunkel; bei Feuer, Wasser, Luft und Erde; bei der Höhe des Himmels, der Tiefe der Erde und dem Abgrunde der Unterwelt; bei THOT und ANUBIS; beim Gebell des dreiköpfigen KERBEROS, des Hüters der Unterwelt; bei der Fähre des CHARON und bei CHARON dem Fährmann; bei den drei Göttinnen der Notwendigkeit, den Geißeln und dem Schwert: daß ich Niemandem das Geheimnis mitteilen werde als allein meinem Kinde und teuren Sohne, damit er Du sei, und Du er“ [d. h. damit er zum Gott werde durch Empfang Deines göttlichen Wissens].

Was daraufhin AMNAEL der ISIS eröffnet oder vielmehr nur andeutet⁠[707], bewegt sich wesentlich im Geleise der demokritischen Lehren vom Fixieren des Quecksilbers durch Magnesia, Pyrit, Arsen, die Dämpfe der Kobathia, Schwefel u. dgl., vom Weißen und Gilben durch Erteilen der richtigen Färbung mittels des Verwandlungs-Präparates oder „Pharmakons“, von der Diplosis usf.; nachdrücklich findet sich betont, daß jedes Ding von seinesgleichen erzeugt wird, der Mensch vom Menschen, der Löwe vom Löwen, das Getreide vom Samen des Getreides, und so auch das Gold vom Samen des Goldes: „die Natur freut sich über die Natur, usw.“

Mehrfach wird in dieser Abhandlung ISIS, die den Hellenisten für identisch mit SELENE gilt, auch mit dem Symbol des Mondes bezeichnet, das ihren Namen selbst geradezu vertritt⁠[708]: „HOROS, Sohn der “, „Vereinigung mit “, „Schreiben der “; diese von BERTHELOT besonders hervorgehobene Tatsache geht indessen bereits aus einer Anführung KOPPS hervor⁠[709].

d) Chimes.

Daß CHIMES oder CHEMES der erste Chemiker gewesen sei, und die Chemie von oder nach ihm ihren Namen erhalten habe, ist die Behauptung einer erst sehr späten Zeit, die einen „Heros Eponymos“ (Namengeber) für die chemische Wissenschaft suchte und ausdachte; sachlich steht sie etwa auf gleicher Höhe wie die Angaben, die Hellenen hießen so nach HELLEN, „dem ersten Griechen“, den Mörissee (äg. mer uer = großer See)⁠[710] habe ein „König MÖRIS“ graben lassen, und der Magnet sei nach dem Hirten MAGNES benannt, der dieses Gestein entdeckte, als er beim Weiden der Schafe mit seinen eisenbeschlagenen Schuhen an ihm hängen blieb⁠[711].

Erwähnt wird CHIMES, CHYMES oder CHEMES (später auch CHEM, KHEM, CHAM, KIMAS)⁠[712] zuerst bei Zosimos im 3., bei OLYMPIODOROS im 5., und bei STEPHANOS im 7. Jahrhundert, und zwar behaupten ZOSIMOS und übereinstimmend mit ihm die übrigen Autoren, daß er als Urheber des Satzes „ἕν τὸ πᾶν“ (Hen to pan = Eines ist Alles, Alles ist Eines) anzusehen sei, den er durch die sich in den Schwanz beißende Schlange symbolisch darstellte⁠[713]. STEPHANOS berichtet hierüber, wo er die Umwandlung der unedlen Metalle durch Schwärzung, Weißung, Gilbung und Rötung erörtert, mit den Worten⁠[714]: „Eine ist diese Schlange, tragend die beiden Zeichen und führend das Gift, denn Eines ist das All, durch das das All ist, und enthielte das All nicht das All, so wäre das All nichts [so wäre das All nicht entstanden; also mußt Du dieses All hineinwerfen, damit Du das All gemacht habest]. Dies spricht der allherrschende CHIMES; und es spricht die priesterliche Stimme: Gefunden ist der PAN, der seit Gründung Ägyptens gesucht wird.“ — Nach HOFFMANN spielen die beiden „Zeichen“, die die Schlange trägt, auf die weiße und rote Königskrone an, die uralten, in den Landesfarben prangenden Symbole der Herrschaft in Ober- und Unter-Ägypten, die aber hier zugleich weißes Silber und rotes Gold bedeuten sollen; das „Gift“ der Schlange aber geht auf die zur Metall-Verwandlung dienenden Arsen- und Quecksilber-Präparate⁠[715]; der „PAN“, der seit Ägyptens Urzeit gesucht wird, ist das Xerion (das „hineingeworfen“, projiziert werden muß), der philosophische Stein, die Panacee zur Heilung der Krankheiten von Metallen und Menschen, und erinnert durch seinen Anklang gleichzeitig an den Namen des griechischen Gottes PAN und an das Wort pan (πᾶν) des „ἕν καὶ πᾶν“.

Was die auch als giftiger und feuerspeiender Dämon angeführte Schlange des CHIMES anbelangt, so ist zu bemerken, daß CHIMES auch mit dem Gotte AMMON-RÊ identifiziert wurde⁠[716], und daß schon im alten Ägypten die Statuen und Abbildungen des Gottes RÊ, der die Sonne bedeutet und sich zeitweise fast monotheistischer Verehrung erfreute, eine flammenhauchende und so die Feinde vernichtende Schlange namens Apóphis zeigen, gewickelt um die sein Haupt zierende Sonnenscheibe⁠[717]; dieselbe Schlange, „Auge der Sonne“ oder „Herrscherin des Alls“ genannt, führte aber auch der Gott SETH, und da dieser in späterer Zeit zu einem bösen und tückischen Dämon wurde⁠[718], ist es leicht erklärlich, daß auch der Charakter seiner Schlange in entsprechenden Verruf kam.

Von den angeblichen Schriften des „großen“, „hochberühmten“, „tausendfach gefeierten“ CHIMES hat sich nichts erhalten, und außer dem oben Angeführten ist über ihren Inhalt nichts Weiteres bekannt.

e) Ostanes.

OSTANES, den HERODOT als Schwager des XERXES und als dessen Begleiter auf dem griechischen Feldzuge nennt⁠[719], kam während der Folgezeit aus unbekannten Gründen schon früh in den Ruf eines hervorragenden persischen Magiers⁠[720], gilt zur Zeit der letzten Ptolemäer als identisch mit HERMES-THOT[721] und wird bereits von PLINIUS als großer Zauberer, als erster Verfasser magischer Abhandlungen und als Lehrer des DEMOKRITOS angeführt⁠[722]; in gleichem Sinne findet er sich auch bei den hellenistischen Alchemisten erwähnt, ferner bei den Kirchenschriftstellern von ORIGENES bis auf AUGUSTINUS, in vielen Papyrus-Urkunden und im „Fihrist“⁠[723].

Nach SYNESIOS (um 400) schrieb OSTANES ein chemisches Werk in vier Büchern, das aber nicht „die Methoden Ägyptens“ darlegte, sondern die Persiens, deren sich nach ZOSIMOS auch ZOROASTER und SOPHAR bedienten, welcher letztere aber bei verschiedenen Autoren bald einfach „SOPHAR der Perser“ heißt, bald „SOPHAR, König von Persien“, bald wieder „SOPHAR, König von Ägypten“⁠[724]. PIBÊCHIOS, der im 4. Jahrhundert lebte, meldet, daß jenes Werk den Titel „Krone“ geführt habe, und SYNESIOS versichert, daß in ihm zuerst OSTANES die berühmte Lehre ausgesprochen habe „Die Natur freut sich über die Natur, die Natur siegt über die Natur, die Natur herrscht über die Natur“⁠[725]. Wie indessen aus den um 350 n. Chr. verfaßten „Büchern der Astronomie“ (richtiger Astrologie) des JULIUS FIRMICUS MATERNUS hervorgeht⁠[726], ist das Prinzip „una natura ab alia vincitur“ (eine Natur wird von der anderen besiegt) bereits in den (aus dem 2. vorchristlichen Jahrhundert herrührenden) sog. „Astrologúmena“ (= Sternverkündigungen) zu finden, als deren Verfasser schon zur Kaiserzeit (bei PLINIUS, JUVENAL und vielen anderen) zwei völlig mythische Gestalten ausgegeben werden, ein ägyptischer König NECHEPSO und ein ägyptischer Astronom und Priester PETOSIRIS (äg. = „Geschenk des Osiris“, Osiridor); der Satz lautet daselbst⁠[727] „una natura ab altera vincitur, unusque deus ab altero“ (eine Natur wird von der anderen besiegt, ein Gott vom anderen), steht in rein astrologischem, die Sternbilder, ihre Natur, ihre Einflüsse und ihre sog. Dekane betreffenden Zusammenhange, und trägt also ursprünglich keinerlei alchemistischen Charakter.

Über des OSTANES „Gespräche mit KLEOPATRA“ ist nichts, über einen „Adler“ betitelten Traktat nur soviel bekannt, daß er das große Werk beschrieb und dessen Dauer auf ein Jahr angab⁠[728]. Dem nur in sehr entstellter und dunkler Form überlieferten „Schreiben des OSTANES an PETESIS“ (äg. = „Geschenk der Isis“, Isidor), ist zu entnehmen, daß OSTANES das „göttliche Wasser“ durch siebenmalige Destillation in einem gläsernen Ambix darstellte⁠[729]; erst steigt es nach oben (ἄνω, áno) auf, dann aber sinkt es nach unten (κάτω, káto) in die finsteren Tiefen des Hades, wo es, als „Pharmakon des Lebens“, die Toten (τὰ νεκρά) erweckt und auferstehen macht⁠[730]; mit göttlicher Hilfe und entgegen dem Neide der Dämonen, die man durch magische Beschwörungen (δαιμονοκλησίαι) austreibt⁠[731], färben einige Tropfen dieses göttlichen Wassers Kupfer zu Gold, sie heilen alle Krankheiten, auch „die große Krankheit der Armut“, und erwecken selbst die Toten⁠[732].

Wie die syrischen Manuskripte berichten, ordnete OSTANES, als er sein Ende herannahen fühlte, alle seine Schriften auf das Genaueste und verbot, irgendetwas an ihnen zu ändern, sie anderen als Reinen und Würdigen mitzuteilen, oder ihre Geheimnisse deutlicher zu enthüllen; diese hatte er so sorgfältig verborgen „wie die Pupille seines Auges“, er empfahl daher auch seinen Schülern, die Götter vor Beginn des großen Werkes um ein reines Herz und um „Einsicht in die Pupille der Augen“ anzuflehen⁠[733]. — Auf die Bedeutung dieses Ausdruckes, den noch die späteren Araber als „Geheimnamen der Alten für das Verfahren der Transmutation“ kannten⁠[734], wird weiter unten zurückzukommen sein.

Das sog. „Buch des OSTANES“, das u. a. im arabischen Manuskripte Nr. 972 der Pariser Bibliothek vorliegt, erweist sich als Unterschiebung aus jüngerer arabischer Zeit, da es neben mystischen Deklamationen und Visionen auch Auszüge enthält, die dem als „Continens“ bekannten Werke des Arztes AL-RAZI (10. Jahrhundert) entnommen sein sollen⁠[735].

f) Petesis.

PETESIS (äg. = Geschenk der Isis, Isidor) oder PETASIOS, der von den einen als Mitschüler, von den anderen als Schüler des OSTANES ausgegeben, in einer dem Leidener Papyrus zugehörigen Schrift als Priester und Magier angeführt, und bei OLYMPIODOROS „König von Armenien“ betitelt wird⁠[736], war nach Angabe des PHILOSOPHUS CHRISTIANUS der erste, der mit Offenheit, wenn auch nicht mit völliger, gewisse Geheimnisse des großen Werkes besprach: u. a. den Doppelsinn des Wortes [ἀρσενικόν] (Männliches und Arsen), sowie einige Gewichtsverhältnisse und Darstellungsweisen⁠[737], z. B. die des göttlichen Wassers, das er „Galle der Schlange“ genannt haben soll⁠[738]. Den syrischen Manuskripten zufolge war einer seiner wichtigsten Aussprüche: „Durch Nachdenken wird das Werk vollendet“⁠[739]. Neben der rechten Einsicht bezeichnete er als unumgängliche Bedingungen guten Gelingens: Reinheit, Tugend, Frömmigkeit, Freiheit von Neid und Habsucht, sowie Anstreben des Erfolges aus bloßer Liebe zur Sache; wo diese Voraussetzungen erfüllt sind, ist das große Werk nur „die Arbeit eines Kindes“, ein Kinderspiel⁠[740].

g) Iamblichos.

Die größtenteils sehr unklare, vielfach interpolierte, durch ihre zahlreichen Angaben über Gewichtsverhältnisse bemerkenswerte Abhandlung des (im übrigen vollständig unbekannten) IAMBLICHOS bespricht zunächst die ποίησις χρυσοῦ (Bereitung des Goldes) durch eine verwickelte Diplosis, deren Anfangsstadium, als das des χρυσὸς μέλας (des schwarzen Goldes), offenbar der „Schwärzung“ entspricht⁠[741]; weiterhin soll die „Magnesia“ genannte Metall-Legierung (σῶμα μαγνησίας) in Pferdemist erwärmt, mit verschiedenen Chemikalien behandelt und schließlich durch das Xerion (ξήριον) in Gold verwandelt werden. Zur Darstellung des Xerions selbst sind eine große Menge der mannigfaltigsten Materialien notwendig, u. a. die νεφέλη ἰταλικὴ πρὸ ὀφθαλμῶν, „die italische Wolke für das Auge“⁠[742], d. i. ein durch Sublimation bereitetes Antimonpräparat aus italischem „Stimmi“, dem seit jeher als vortreffliches Augen-Heilmittel und -Schminkmittel gebrauchten Schwefelantimon oder Grauspießglanz.

Gold wird außerdem noch mittels der Galle des Huhnes, Fuchses, Kamels und Ichneumons dargestellt, — offenbar in Gestalt der gelben glänzenden Gallen-Firnisse⁠[743].

h) Moses (Pseudo-Moses).

Die Abhandlung des MOSES, die durchwegs starke Spuren jüdischer Einflüsse und jüdisch-monotheistischer Anschauungen verrät⁠[744], wird einem in vielen Quellen, u. a. auch im „Fihrist“⁠[745], sehr gepriesenen Alchemisten MOSES zugeschrieben, anscheinend dem nämlichen, den als großen Zauberer und (gemeinsam mit den sonst nicht weiter bekannten JAMNES und LOTAPES) als Schöpfer einer „neuen Sekte der Magie“ bereits PLINIUS anführt⁠[746]; da man, wie u. a. auch die „Apologie“ des APULEIUS (um 180 n. Chr.) und viele Zauberpapyri bezeugen⁠[747], dem Gesetzgeber MOSES nicht nur im allgemeinen übernatürliche Fähigkeiten aller Art nachrühmte, sondern im Hinblick auf die Verbrennung und angebliche Auflösung des goldenen Kalbes auch speziell alchemistische⁠[748], so führte man auf ihn auch die Schrift seines Namensbruders zurück und sicherte ihr dadurch ein höheres Ansehen.

Als Ausgangsmaterial benützt auch PSEUDO-MOSES cyprisches Kupfer⁠[749], sowie „Maza“, d. i. das „schwarze Blei“ oder die „Magnesia“ der MARIA; infolge einer Verwechslung der „weiblichen Magnesia“ mit dem „männlichen Magnes“ [hier = Braunstein, Pyrolusit] behauptet er, die „göttliche“ Maza trage den Charakter eines ὄξος (Oxos = Essig, Schärfe), indem sie alles reinige und erweiche, selbst das Glas, dem sie eine glänzend weiße Farbe verleihe⁠[750]. Die „Färbung“ des Kupfers erfolgt durch Zinn, weiße Magnesia (eine Legierung)⁠[751], weiße dalmatische Kadmia (καθμία λευκή), italisches Stimmi, Quecksilber und Quecksilber aus Sandarach oder „Bleiweiß“ [d. i. Arsen aus rotem Schwefelarsen oder weißer Arsenigsäure], die das Kupfer umwandeln und umfärben, indem sie die gewünschte „Natur“ oder Qualität, die im Inneren schon vorhanden ist, an die Oberfläche heraustreiben (φέρει ἔξω τὴν φύσιν)⁠[752]. Zur Darstellung des wirkenden Mittels, des Xerions, dessen Projektion auf Zinn z. B. Silber ergibt, das sich als probehaltig (δόκιμος, dókimos) erweist⁠[753], verwendet man u. a. den goldfarbigen Pyrit (χρυσίζων, sog. Goldkies) aus Ägypten oder Libyen⁠[754], Sandyx [hier = Zinnober], ὑδράργυρον παγέντα, d. i. fixiertes Quecksilber, ὑδράργυρον ἀνελθόντα, d. i. sublimiertes [nicht destilliertes!] Quecksilber, und ὑδράργυρον ἀποθανόντα, d. i. „abgestorbenes“ Quecksilber, entweder an einen anderen Stoff gebundenes, oder „in die Tiefen der Unterwelt“, d. h. auf den Boden der Gefäße abgetropftes⁠[755].

Ein als „Diplosis des MOSES“ berühmtes Verfahren bestand in der Behandlung des χαλκοῦ καλαινοῦ, des kalaïnischen Kupfers [aus Kalaïs am Sinai oder in Persien?], sowie einer Legierung von Blei und Kupfer, mit Schwefel, Arsen, Rettigöl (ῥαφανίνω ἐλαίῳ; Deckname!) und etwas Gold; das Ergebnis soll ebensogut gewesen sein wie das bei der Diplosis des (im übrigen unbekannten) EUGENIOS, der das Kupfer durch Zusatz von allerlei Substanzen und von ein wenig [als „Samen“ wirkenden] Silber oder Gold in das schönste Silber und Gold zu verwandeln wußte⁠[756].

„Rettigöl“ und „Ricinusöl“ schreibt MOSES auch zum Behandeln des „Eiweißes“ und „Eigelbes“ vor⁠[757], wobei es sich offenbar nur um Decknamen handelt; an die Verbrennung wirklichen Ricinusöles und wohl auch Leinöles (λινέλαιον, Linélaion) ist dagegen zu denken, wo er die Darstellung des „schwarzen, gebrannten Schwefels“ beschreibt, vermutlich ausgeschmolzenen Schwefels, der wegen seines Gehaltes an Kohle und seiner dunklen Färbung auch als μέλαν (Mélan, Schwärze, Ruß) bezeichnet wird⁠[758].

Die Präparate, zu deren Bereitung sich oft süßes Wasser, im Gegensatz zu Meerwasser, vorgeschrieben findet⁠[759], werden längere Zeit in Mist eingesetzt, oder durch das Feuer getrockneten Kuh- und Pferdemistes erwärmt⁠[760]; fraglich bleibt, ob σαπώνιον (Sapónion) wirklich auf Benützung der (damals schon wohlbekannten) Seife hinweist⁠[761], und was unter dem bei der Herstellung des Xerions benützten Bock- und Schweineblute (αἶμα τράγου ἢ χοίρου) zu verstehen ist⁠[762].