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Erdgeist

Chapter 11: Siebenter Auftritt
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About This Book

A carnival-like prologue frames a charismatic young woman as an animalistic spectacle, and the subsequent four acts trace how her arrival entangles and destabilizes a circle of acquaintances. Her magnetism makes her both desired and instrumental in exposing jealousy, exploitation, and violence as men and women react from ambition, hypocrisy, or pity. The drama moves through stark, sometimes satirical scenes that probe sexuality, power, and the commodification of bodies, contrasting social respectability with raw impulse and steadily driving toward a tragic unravelling.

Fünfter Auftritt

Goll. Die Vorigen.

Goll

(mit blutunterlaufenen Augen stürzt mit erhobenem Stock auf Schwarz und Lulu los)

Ihr Hunde! — Ihr ... (keucht, ringt einige Sekunden nach Atem und schlägt vornüber auf die Diele)

Schwarz

(wankt in den Knieen)

Lulu

(hat sich zur Tür geflüchtet) — (Pause.)

Schwarz

(tritt an Goll heran)

Herr — Herr Medi — Herr Medizi — Herr Medizinal — Herr Medizinalrat.

Lulu

(in der Tür)

Bringen Sie doch bitte erst das Atelier in Ordnung.

Schwarz

Herr Obermedizinalrat. (Beugt sich nieder) Herr ... (Tritt zurück) Er hat sich die Stirne geritzt. Helfen Sie mir, ihn auf die Ottomane legen.

Lulu

(bebt scheu zurück)

Nein, nein ...

Schwarz

(sucht ihn umzukehren)

Herr Medizinalrat.

Lulu

Er hört nicht.

Schwarz

Helfen Sie mir doch nur.

Lulu

Wir heben ihn zu zweit auch nicht.

Schwarz

(sich emporrichtend)

Man muß zum Arzt schicken.

Lulu

Er ist furchtbar schwer.

Schwarz

(seinen Hut nehmend)

Seien Sie doch bitte so freundlich und richten Sie, bis ich zurück bin, die Stellagen ein wenig zurecht. (Ab)

Sechster Auftritt

Lulu. Goll.

Lulu

Auf einmal springt er auf. — (Eindringlich) Bussi! — — Er läßt sich nichts merken. — (Kommt in weitem Bogen nach vorn) Er sieht mir auf die Füße und beobachtet jeden Schritt, den ich tue. Er hat mich überall im Auge. — (Sie berührt ihn mit der Fußspitze) Bussi! — (Zurückweichend) Es ist ihm ernst. — — Der Tanz ist aus. — — Er läßt mich sitzen. — — Was fang’ ich an? — — (Beugt sich zur Erde) Ein wildfremdes Gesicht! — (Sich aufrichtend) Und niemand, der ihm den letzten Dienst erweist. — Ist das trostlos ...

Siebenter Auftritt

Schwarz. Die Vorigen.

Schwarz

Noch nicht wieder zur Besinnung gekommen?

Lulu

(links vorn)

Was fang’ ich an ...

Schwarz

(über Goll gebeugt)

Herr Medizinalrat.

Lulu

Ich glaube beinah, es ist ihm ernst.

Schwarz

Reden Sie doch anständig!

Lulu

Er würde mir das nicht sagen. Er läßt sich von mir vortanzen, wenn er sich nicht wohl fühlt.

Schwarz

Der Arzt muß im Augenblick hier sein.

Lulu

Arznei hilft ihm nicht.

Schwarz

Aber man tut doch in solchem Falle, was man kann.

Lulu

Er glaubt nicht daran.

Schwarz

Wollen Sie sich denn nicht wenigstens umziehen?

Lulu

Ja. — Gleich.

Schwarz

Worauf warten Sie denn noch?

Lulu

Ich bitte Sie ...

Schwarz

Was denn ...?

Lulu

Schließen Sie ihm die Augen.

Schwarz

Sie sind entsetzlich.

Lulu

Noch lange nicht so entsetzlich wie Sie!

Schwarz

Wie ich?

Lulu

Sie sind eine Verbrechernatur.

Schwarz

Rührt Sie denn dieser Moment gar nicht?

Lulu

Mich trifft es auch mal.

Schwarz

Ich bitte Sie, jetzt schweigen Sie endlich mal!

Lulu

Sie trifft es auch mal.

Schwarz

Das brauchten Sie Einem in einem solchen Augenblick wirklich nicht noch zu sagen.

Lulu

Ich bitte Sie ...

Schwarz

Tun Sie was Ihnen nötig scheint. Ich kenne das nicht.

Lulu

(rechts von Goll)

Er sieht mich an.

Schwarz

(links von Goll)

Mich auch ...

Lulu

Sie sind ein Feigling!

Schwarz

(schließt Goll mit dem Taschentuch die Augen)

Es ist das erste Mal in meinem Leben, daß ich dazu verurteilt bin.

Lulu

Haben Sie es denn Ihrer Mutter nicht getan?

Schwarz (nervös)

Nein.

Lulu

Sie waren wohl auswärts?

Schwarz

Nein!

Lulu

Oder Sie fürchteten sich?

Schwarz (heftig)

Nein.

Lulu

(bebt zurück)

Ich wollte Sie nicht beleidigen.

Schwarz

— Sie lebt noch.

Lulu

Dann haben Sie doch noch Jemanden.

Schwarz

Sie ist bettelarm.

Lulu

Das kenne ich.

Schwarz

Spotten Sie meiner nicht!

Lulu

Jetzt bin ich reich ...

Schwarz

Es ist grauenerregend. (Geht nach links) Was kann sie dafür!

Lulu (für sich)

Was fang’ ich an.

Schwarz (für sich)

Vollkommen verwildert!

(Schwarz links, Lulu rechts, sehen einander mißtrauisch an)

Schwarz

(geht auf sie zu, ergreift ihre Hand)

Sieh mir ins Auge!

Lulu (ängstlich)

Was wollen Sie ...

Schwarz

(führt sie zur Ottomane, nötigt sie neben ihm Platz zu nehmen)

Sieh mir in die Augen!

Lulu

Ich sehe mich als Pierrot darin.

Schwarz

(stößt sie von sich)

Verwünschte Tanzerei!

Lulu

Ich muß mich umziehen ...

Schwarz

(hält sie zurück)

Eine Frage ...

Lulu

Ich darf ja nicht antworten.

Schwarz

(wieder an der Ottomane)

Kannst du die Wahrheit sagen?

Lulu

Ich weiß es nicht.

Schwarz

Glaubst du an einen Schöpfer?

Lulu

Ich weiß es nicht.

Schwarz

Kannst du bei etwas schwören?

Lulu

Ich weiß es nicht. Lassen Sie mich! Sie sind verrückt!

Schwarz

Woran glaubst du denn?

Lulu

Ich weiß es nicht.

Schwarz

Hast du denn keine Seele?

Lulu

Ich weiß es nicht.

Schwarz

Hast du schon einmal geliebt —?

Lulu

Ich weiß es nicht.

Schwarz

(erhebt sich, geht nach links, für sich)

Sie weiß es nicht!

Lulu

(ohne sich zu rühren)

Ich weiß es nicht.

Schwarz

(mit einem Blick auf Goll)

Er weiß es ...

Lulu

(sich ihm nähernd)

Was wollen Sie wissen?

Schwarz (empört)

Geh, zieh dich an!

Lulu

(geht ins Schlafkabinett)

Achter Auftritt

Schwarz. Goll.

Schwarz

Ich möchte tauschen mit dir, du Toter! Ich gebe sie dir zurück. Ich gebe dir meine Jugend dazu. Mir fehlt der Mut und der Glaube. Ich habe mich zu lange gedulden müssen. Es ist zu spät für mich. Ich bin dem Glück nicht gewachsen. Ich habe eine höllische Angst davor. Wach auf. Ich habe sie nicht angerührt. Er öffnet den Mund. — Mund auf und Augen zu, wie die Kinder. Bei mir ist es umgekehrt. Wach auf! Wach auf! (Kniet nieder und bindet ihm sein Taschentuch um den Kopf) Hier flehe ich zum Himmel, er möge mich befähigen, glücklich zu sein. Er möge mir die Kraft geben und die seelische Freiheit, nur ein klein wenig glücklich zu sein. Um ihretwillen, einzig um ihretwillen.

Neunter Auftritt

Lulu. Die Vorigen.

Lulu

(tritt aus dem Schlafkabinett, vollständig angekleidet, den Hut auf, die rechte Hand unter der linken Achsel; zu Schwarz, den linken Arm hebend)

Würden Sie mich hier zuhaken. Meine Hand zittert.

Zweiter Aufzug

(Sehr eleganter Salon. Rechts hinten Entreetür. Vorne rechts und links Portieren. Zu der links führen einige Stufen hinan. An der Hinterwand über dem Kamin in prachtvollem Brokatrahmen Lulus Bild als Pierrot. Links ein hoher Spiegel. Davor eine Chaiselongue. Rechts ein Schreibtisch in Ebenholz. In der Mitte einige Sessel um ein chinesisches Tischchen.)

Erster Auftritt

Lulu. Schwarz. Dann Henriette.

Lulu

(in grünseidenem Morgenkleid steht regungslos vor dem Spiegel, runzelt die Stirn, fährt mit der Hand darüber, befühlt ihre Wangen, trennt sich vom Spiegel mit einem mißmutigen, halb zornigen Blick, geht nach rechts, sich mehrmals umwendend, öffnet auf dem Schreibtisch eine Schatulle, zündet sich eine Zigarette an, sucht unter den Büchern, die auf dem Tisch liegen, nimmt eines zur Hand, legt sich auf die Chaiselongue, dem Spiegel gegenüber, läßt, nachdem sie einen Moment gelesen, das Buch sinken, nickt sich ernsthaft zu, nimmt die Lektüre wieder auf.)

Schwarz

(Pinsel und Palette in der Hand, tritt von rechts ein, beugt sich über Lulu, küßt sie auf die Stirn, geht nach links die Stufen hinan, wendet sich in der Portiere um)

Eva!

Lulu (lächelnd)

Befehlen?

Schwarz

Ich finde, du siehst heute außerordentlich reizend aus.

Lulu

(mit einem Blick in den Spiegel)

Es kommt auf die Ansprüche an.

Schwarz

Dein Haar atmet eine Morgenfrische ...

Lulu

Ich komme aus dem Wasser.

Schwarz

(sich ihr nähernd)

Ich habe heute furchtbar zu tun.

Lulu

Das redest du dir ein.

Schwarz

(legt Pinsel und Palette auf den Teppich und setzt sich auf den Rand der Chaiselongue)

Was liest du denn da?

Lulu (liest)

Plötzlich hörte sie einen Rettungsanker die Treppe heraufwinken.

Schwarz

Wer in aller Welt schreibt denn so ergreifend?

Lulu (liest)

Es war der Geldbriefträger.

Henriette

(durch die Entree, eine Hutschachtel am Arm, setzt eine Tablette mit Briefen auf den Tisch)

Die Post. — Ich gehe der Putzmacherin den Hut bringen. Haben gnädige Frau noch etwas zu befehlen?

Lulu

Nichts.

Schwarz

(winkt ihr, sich zu entfernen)

Henriette

(verschmitzt lächelnd ab)

Schwarz

Was hast du vergangene Nacht denn alles geträumt?

Lulu

Das hast du mich heute doch schon zweimal gefragt.

Schwarz

(erhebt sich, nimmt die Briefe von der Tablette)

Ich zittere vor Neuigkeiten. Ich fürchte jeden Tag, die Welt könnte untergehen. (Zur Chaiselongue zurückgekehrt, Lulu einen Brief gebend) An dich.

Lulu

(führt das Billet zur Nase)

Die Corticelli. (Birgt es in ihrem Busen)

Schwarz

(einen Brief durchfliegend)

Meine Samaquecatänzerin verkauft — für 50000 Mark!

Lulu

Wer schreibt denn das?

Schwarz

Sedelmeier in Paris. Das ist das dritte Bild seit unserer Verheiratung. Ich weiß mich vor meinem Glück kaum zu retten.

Lulu

(auf die Briefe deutend)

Da kommt noch mehr.

Schwarz

(eine Verlobungsanzeige öffnend)

Sieh da! (Gibt sie Lulu.)

Lulu (liest)

Herr Regierungsrat Heinrich Ritter von Zarnikow beehrt sich, Ihnen von der Verlobung seiner Tochter Charlotte Marie Adelaide mit Herrn Dr. Ludwig Schön ergebenste Mitteilung zu machen.

Schwarz

(einen anderen Brief öffnend)

Endlich! Es ist ja eine Ewigkeit, daß er darauf lossteuert, sich vor der Welt zu verloben. Ich begreife nicht, ein Gewaltmensch von seinem Einfluß. Was steht denn seiner Heirat eigentlich im Wege!!

Lulu

Was ist das, was du da liest?

Schwarz

Eine Einladung, mich an der internationalen Ausstellung in Petersburg zu beteiligen. — Ich weiß gar nicht, was ich malen soll.

Lulu

Irgend ein entzückendes Mädchen natürlich.

Schwarz

Wenn du mir dazu Modell stehen willst?

Lulu

Es gibt doch, weiß Gott, auch andere hübsche Mädchen genug.

Schwarz

Ich gelange aber einem andern Modell gegenüber, und wenn es pikant wie die Hölle ist, nicht zu dieser vollen Ausbeutung meines Könnens.

Lulu

Dann muß ich ja wohl. — Ginge es denn nicht vielleicht auch liegend?

Schwarz

Am liebsten möchte ich das Arrangement wirklich deinem Geschmack überlassen. (Die Briefe zusammenfaltend) Daß wir nicht vergessen, Schön jedenfalls heute noch zu gratulieren. (Geht nach rechts und schließt die Briefe in den Schreibtisch)

Lulu

Das haben wir doch längst getan.

Schwarz

Seiner Braut wegen.

Lulu

Du kannst es ihm ja noch einmal schreiben.

Schwarz

Und jetzt zur Arbeit. (Nimmt Pinsel und Palette auf, küßt Lulu, geht links die Stufen hinan, wendet sich in der Portiere um) Eva!

Lulu

(läßt ihr Buch sinken, lächelnd)

Befehlen?

Schwarz

(sich ihr nähernd)

Mir ist täglich, als sähe ich dich zum allererstenmal.

Lulu

Du bist schrecklich.

Schwarz

(sinkt vor der Chaiselongue in die Knie, liebkost ihre Hand)

Du trägst die Schuld.

Lulu

(ihm die Locken streichelnd)

Du vergeudest mich.

Schwarz

Du bist ja mein. Du bist auch nie bestrickender, als wenn du nur um Gottes willen einmal ein paar Stunden recht häßlich sein solltest! Ich habe nichts mehr, seit ich dich habe. — Ich bin mir vollständig abhanden gekommen ...

Lulu

Nicht so aufgeregt!

(Es läutet auf dem Korridor)

Schwarz (zusammenfahrend)

Verwünscht.

Lulu

Niemand zu Hause!

Schwarz

Vielleicht ist es der Kunsthändler ...

Lulu

Und wenn es der Kaiser von China ist.

Schwarz

Einen Moment. (Ab)

Lulu (visionär)

— Du? — du? — (Schließt die Augen)

Schwarz (zurückkommend)

Ein Bettler, der den Feldzug mitgemacht haben will. Ich habe kein klein Geld bei mir. (Pinsel und Palette aufnehmend) Es ist auch die höchste Zeit, daß ich endlich an die Arbeit gehe. (Nach links ab)

Lulu

(ordnet vor dem Spiegel ihre Toilette, streicht sich das Haar zurück und geht hinaus)

Zweiter Auftritt

Lulu. Schigolch.

Schigolch

(von Lulu hereingeführt)

Ich hatte ihn mir etwas chevaleresker gedacht; ein wenig mehr Nimbus. Er ist etwas verlegen. Er brach ein wenig in die Knie, als er mich vor sich sah.

Lulu

(rückt ihm einen Sessel zurecht)

Wie kannst du ihn auch anbetteln?

Schigolch

Deswegen habe ich meine siebenundsiebzig Lenze nämlich hergeschleppt. Du sagtest mir, er halte sich morgens an seine Malerei.

Lulu

Er hatte noch nicht ausgeschlafen. Wieviel brauchst du?

Schigolch

Zweihundert, wenn du so viel flüssig hast; meinetwegen dreihundert. Es sind mir einige Klienten verduftet.

Lulu

(geht an den Schreibtisch und kramt in den Schubladen)

Bin ich müde!

Schigolch

(sich umsehend)

Das hat mich nämlich auch bewogen. Ich hätte lange gerne gesehen, wie es jetzt so bei dir zu Hause aussieht.

Lulu

Nun?

Schigolch

Es überläuft einen. (Emporblickend) Wie bei mir vor fünfzig Jahren. Statt der Bummelagen hatte man damals noch alte verrostete Säbel. Den Teufel noch mal, du hast es weit gebracht. (Scharrend) Die Teppiche ...

Lulu

(gibt ihm zwei Billets)

Ich gehe am liebsten barfuß darauf.

Schigolch

(Lulus Porträt betrachtend)

Das bist du?

Lulu (zwinkernd)

Fein?

Schigolch

Wenn das alles Gutes ist.

Lulu

Einen Süßen?

Schigolch

Was denn?

Lulu

(erhebt sich)

Elixir de Spaa.

Schigolch

Hilft nichts! — Trinkt er?

Lulu

(nimmt aus einem Schränkchen neben dem Kamin Karaffe und Gläser)

Noch nicht. (Nach vorn kommend) Das Labsal wirkt so verschieden!

Schigolch

Er schlägt aus?

Lulu

(zwei Gläser füllend)

Er schläft ein.

Schigolch

Wenn er betrunken ist, kannst du ihm in die Eingeweide sehen.

Lulu

Lieber nicht. (Setzt sich Schigolch gegenüber) Erzähl’ mir.

Schigolch

Die Straßen werden immer länger, und die Beine immer kürzer.

Lulu

Und deine Harmonika?

Schigolch

Hat falsche Luft, wie ich mit meinem Asthma. Ich denke nur immer, das Ausbessern ist nicht mehr der Mühe wert. (Stößt mit ihr an)

Lulu

(leerte ihr Glas)

Ich glaubte schon, du wärest am Ende ...

Schigolch

... am Ende schon auf und davon? — Das glaubte ich auch schon. Aber wenn so erst die Sonne hinunter ist, dann läßt es einen doch noch nicht ruhen. Ich hoffe auf den Winter. Da wird (hustend) mein — mein — mein Asthma wohl eine Fahrgelegenheit ausfindig zu machen wissen.

Lulu

(die Gläser füllend)

Du meinst, man könnte dich drüben vergessen haben?

Schigolch

Wär schon möglich, weil es ja nicht der Reihe nach geht. (Ihr das Knie streichelnd) Nun erzähl’ du mal — lange nicht gesehen — meine kleine Lulu.

Lulu

(zurückrückend, lächelnd)

Das Leben ist doch unfaßlich!

Schigolch

Was weißt du! Du bist noch so jung.

Lulu

Daß du mich Lulu nennst.

Schigolch

Lulu, nicht? Habe ich dich jemals anders genannt?

Lulu

Ich heiße seit Menschengedenken nicht mehr Lulu.

Schigolch

Eine andere Benennungsweise?

Lulu

Lulu klingt mir ganz vorsündflutlich.

Schigolch

Kinder! Kinder!

Lulu

Ich heiße jetzt ...

Schigolch

Als bliebe das Prinzip nicht immer das gleiche!

Lulu

Du meinst?

Schigolch

Wie heißt es jetzt?

Lulu

Eva.

Schigolch

Gehupft wie gesprungen!

Lulu

Ich höre darauf.

Schigolch

(sieht sich um)

So habe ich es für dich geträumt. Du bist darauf angelegt. Was soll denn das?

Lulu

(sich mit einem Parfümflacon besprengend)

Heliotrop.

Schigolch

Riecht das besser als du?

Lulu

(ihn besprengend)

Das braucht dich wohl nicht mehr zu kümmern.

Schigolch

Wer hätte den königlichen Luxus vorausgeahnt!

Lulu

Wenn ich zurückdenke — — Hu!

Schigolch

(ihr das Knie streichelnd)

Wie geht’s dir denn? Treibst du immer noch Französisch?

Lulu

Ich liege und schlafe.

Schigolch

Das ist vornehm. Das sieht immer nach so was aus. Und weiter?

Lulu

Und strecke mich — bis es knackt.

Schigolch

Und wenn es geknackt hat?

Lulu

Was interessiert dich das!

Schigolch

Was mich das interessiert? Was mich das interessiert? Ich wollte lieber bis zur jüngsten Posaune leben und auf alle himmlischen Freuden Verzicht leisten, als meine Lulu hienieden in Entbehrung zurücklassen. Was mich das interessiert? Es ist mein Mitgefühl. Ich bin ja mit meinem besseren Ich schon verklärt. Aber ich habe noch das Verständnis für diese Welt.

Lulu

Ich nicht.

Schigolch

Dir ist zu wohl.

Lulu (schaudernd)

Blödsinnig ...

Schigolch

Wohler als bei dem alten Tanzbär?

Lulu (wehmütig)

Ich tanze nicht mehr ...

Schigolch

Für den war es auch Zeit.

Lulu

Jetzt bin ich ... (Stockt)

Schigolch

Sprich, wie es dir ums Herz ist, mein Kind! Ich hatte Vertrauen in dich, als noch nichts an dir zu sehen war als deine zwei großen Augen. Was bist du jetzt?

Lulu

Ein Tier ...

Schigolch

Daß dich der! — Und was für ein Tier! — Ein feines Tier! — Ein elegantes Tier — Ein Prachtstier! — — — Dann will ich mich man beisetzen lassen. — Mit den Vorurteilen sind wir fertig. Auch mit dem gegen die Leichenwäscherin.

Lulu

Du hast nicht zu fürchten, daß du noch mal gewaschen wirst!

Schigolch

Macht auch nichts. Man wird doch wieder schmutzig.

Lulu

(ihn besprengend)

Es würde dich noch mal ins Leben zurückrufen.

Schigolch

Wir sind Moder.

Lulu

Bitte recht schön! Ich reibe mich täglich mit Kammfett ein und dann kommt Puder darauf.

Schigolch

Auch wohl der Mühe wert, der Zierbengel wegen.

Lulu

Das macht die Haut wie Satin.

Schigolch

Als wäre es deswegen nicht auch nur Dreck.

Lulu

Danke schön. Ich will zum Anbeißen sein.

Schigolch

Sind wir auch. Geben da unten nächstens ein großes Diner. Halten offene Tafel.

Lulu

Deine Gäste werden sich dabei kaum überessen.

Schigolch

Geduld, Mädchen! Dich setzen deine Verehrer auch nicht in Weingeist. Das heißt schöne Melusine, solang es seine Schwungkraft behält. Nachher? Man nimmt’s im zoologischen Garten nicht. (Sich erhebend) Die holden Bestien bekämen Magenkrämpfe.

Lulu

(sich erhebend)

Hast du auch genug?

Schigolch

Es bleibt noch genug übrig, um mir eine Terebinthe aufs Grab zu pflanzen. — Ich finde selber hinaus. (Ab)

Lulu

(begleitet ihn und kommt mit Dr. Schön zurück)

Dritter Auftritt

Lulu. Schön.

Schön

Was tut denn Ihr Vater hier?

Lulu

Was haben Sie?

Schön

Wenn ich Ihr Mann wäre, käme mir dieser Mensch nicht über die Schwelle.

Lulu

Sie können getrost Du sagen; er ist nicht hier.

Schön

Ich danke für die Ehre.

Lulu

Ich verstehe nicht.

Schön

Das weiß ich. (Ihr einen Sessel bietend) Darüber möchte ich nämlich gerne mit Ihnen sprechen.

Lulu

(sich unsicher setzend)

Warum haben Sie mir denn das nicht gestern gesagt?

Schön

Bitte, jetzt nichts von gestern. Ich habe es Ihnen vor zwei Jahren schon gesagt.

Lulu (nervös)

Ach so. Hm.

Schön

Ich bitte dich, deine Besuche bei mir einzustellen.

Lulu

Darf ich Ihnen ein Elixir ...

Schön

Danke. Kein Elixir. Haben Sie mich verstanden?

Lulu

(schüttelt den Kopf)

Schön

Gut. Sie haben die Wahl. — Sie zwingen mich zu den äußersten Mitteln — entweder sich Ihrer Stellung angemessen zu benehmen ...

Lulu

Oder?

Schön

Oder — Sie zwingen mich — ich müßte mich an diejenige Persönlichkeit wenden, die für Ihre Aufführung verantwortlich ist.

Lulu

Wie stellen Sie sich das vor?

Schön

Ich ersuche Ihren Mann, Ihre Wege selber zu überwachen.

Lulu

(erhebt sich, geht links die Stufen hinan)

Schön

Wo wollen Sie denn hin?

Lulu

(ruft unter der Portiere)

Walter!

Schön (aufspringend)

Bist du verrückt?!

Lulu

(sich zurückwendend)

Aha!

Schön

Ich mache die übermenschlichsten Anstrengungen, um dich in der Gesellschaft zu erhöhen. Auf deinen Namen kannst du zehnmal stolzer sein, als auf meine Vertraulichkeit ...

Lulu

(kommt die Stufen herunter, legt Schön den Arm um den Hals)

Was fürchten Sie denn jetzt noch, wo Sie am Ziel Ihrer Wünsche sind?

Schön

Keine Komödie! Am Ziel meiner Wünsche? Ich habe mich verlobt, endlich! Ich habe jetzt den Wunsch, meine Braut unter ein reines Dach zu führen.

Lulu

(sich setzend)

Sie ist zum Entzücken aufgeblüht in den zwei Jahren.

Schön

Sie sieht einem nicht mehr so ernsthaft durch den Kopf.

Lulu

Sie ist jetzt erst ganz Weib. Wir können einander treffen, wo es Ihnen angemessen scheint.

Schön

Wir werden einander nirgends treffen, es sei denn in Gesellschaft Ihres Mannes!

Lulu

Sie glauben selber nicht an das, was Sie sagen.

Schön

Dann muß doch Er daran glauben. Ruf’ ihn nur! Durch seine Verheiratung mit dir, durch das, was ich für ihn getan, ist er mein Freund geworden.

Lulu

(sich erhebend)

Meiner auch.

Schön

Dann werde ich mir das Schwert über dem Kopf herunterschneiden.

Lulu

Sie haben mich ja an die Kette gelegt. Ihnen verdanke ich doch mein Glück. Sie bekommen Freunde die Menge, wenn Sie erst wieder eine hübsche junge Frau haben.

Schön

Du beurteilst die Frauen nach dir! — Er ist ein Kindergemüt. Er wäre deinen Seitensprüngen sonst längst auf die Spur gekommen.

Lulu

Ich wünsche nicht mehr! Er würde seine Kinderschuhe dann endlich ausziehen. Er pocht darauf, daß er den Heiratskontrakt in der Tasche hat. Die Mühe ist überstanden. Jetzt kann man sich geben und sich gehen lassen, wie zu Hause. Er ist kein Kindergemüt! Er ist banal. Er hat keine Erziehung. Er sieht nichts. Er sieht mich nicht und sich nicht. Er ist blind, blind, blind ...

Schön

(halb für sich)

Wenn dem die Augen aufgehen!!

Lulu

Öffnen Sie ihm die Augen! Ich verkomme. Ich vernachlässige mich. Er kennt mich gar nicht. Was bin ich ihm. Er nennt mich Schätzchen und kleines Teufelchen. Er würde jeder Klavierlehrerin das gleiche sagen. Er erhebt keine Pretensionen. Alles ist ihm recht. Das kommt, weil er nie in seinem Leben das Bedürfnis gefühlt hat, mit Frauen zu verkehren.

Schön

Ob das wahr ist!

Lulu

Er gesteht es ja ganz offen ein.

Schön

Jemand, der seit seinem vierzehnten Jahr Kreti und Pleti porträtiert.

Lulu

Er hat Angst vor Frauen. Er bebt für sein Wohlbefinden. — Mich fürchtet er nicht!

Schön

Wie manches Mädchen würde sich in deinem Fall Gott weiß wie selig preisen.

Lulu

(zärtlich bittend)

Verführen Sie ihn. Sie verstehen sich darauf. Bringen Sie ihn in schlechte Gesellschaft. Sie haben die Bekanntschaften. Ich bin ihm nichts als Weib und wieder Weib. Ich fühle mich so blamiert. Er wird stolzer auf mich sein. Er kennt keine Unterschiede. Ich denke mir das Hirn aus, Tag und Nacht, um ihn aufzurütteln. In meiner Verzweiflung tanze ich Cancan. Er gähnt und faselt etwas von Obscönität.

Schön

Unsinn. Er ist doch Künstler.

Lulu

Er glaubt es wenigstens zu sein.

Schön

Das ist schon die Hauptsache!

Lulu

Wenn ich mich als Modell hinstelle. Er glaubt auch, er sei ein berühmter Mann.

Schön

Dazu haben wir ihn auch gemacht!

Lulu

Er glaubt alles! Er ist mißtrauisch, wie ein Dieb und läßt sich anlügen, daß man jeden Respekt verliert. Als wir uns kennen lernten, machte ich ihm weis, ich hätte noch nie geliebt ...

Schön

(fällt in einen Lehnsessel)

Lulu

Er hätte mich ja sonst für ein verworfenes Geschöpf gehalten!

Schön

— Du stellst weiß Gott was für exorbitante Anforderungen an legitime Verhältnisse!

Lulu

Ich stelle keine exorbitanten Anforderungen. Oft träumt mir sogar noch von Goll.

Schön

Der war allerdings nicht banal.

Lulu

Er ist da, als wär’ er nie fortgewesen. Nur geht er wie auf Socken. Er ist mir nicht böse. Er ist furchtbar traurig. Und dann ist er furchtsam, als wäre er ohne polizeiliche Erlaubnis da. Sonst fühlt er sich behaglich mit uns. Nur kommt er nicht darüber hinweg, daß ich seither so viel Geld zum Fenster hinausgeworfen habe ...

Schön

Du sehnst dich nach der Peitsche zurück!

Lulu

Mag sein. Ich tanze nicht mehr.

Schön

Erzieh’ ihn dir dazu.

Lulu

Das wäre verlorne Müh’!

Schön

Unter hundert Frauen sind neunzig, die sich ihre Männer erziehen.

Lulu

Er liebt mich.

Schön

Das ist freilich fatal.

Lulu

Er liebt mich ...

Schön

Das ist eine unüberbrückbare Kluft.

Lulu

Er kennt mich nicht, aber er liebt mich! Hätte er nur eine annähernd richtige Vorstellung von mir, er würde mir einen Stein an den Hals binden und mich im Meer versenken, wo es am tiefsten ist!

Schön (sich erhebend)

Kommen wir zu Ende!

Lulu

Wie Ihnen beliebt.

Schön

Ich habe dich verheiratet. Ich habe dich zweimal verheiratet. Du lebst im Luxus. Ich habe deinem Mann eine Position geschaffen. Wenn dir das nicht genügt und er sich dazu ins Fäustchen lacht, ich trage mich nicht mit idealen Forderungen, aber — laß mich dabei aus dem Spiel!

Lulu

(mit entschlossenem Ton)

Wenn ich einem Menschen auf dieser Welt angehöre, gehöre ich Ihnen. Ohne Sie wäre ich — ich will nicht sagen wo. Sie haben mich bei der Hand genommen, mir zu essen gegeben, mich kleiden lassen, als ich Ihnen die Uhr stehlen wollte. Glauben Sie, das vergißt sich? Jeder andere hätte den Schutzmann gerufen. Sie haben mich zur Schule geschickt und mich Lebensart lernen lassen. Wer außer Ihnen auf der ganzen Welt hat je etwas für mich übrig gehabt? Ich habe getanzt und Modell gestanden und war froh, meinen Lebensunterhalt damit verdienen zu können. Aber auf Kommando lieben, das kann ich nicht!

Schön

(die Stimme hebend)

Laß mich aus dem Spiel! Tu’ was du willst. Ich komme nicht, um Skandal zu machen. Ich komme, um mir den Skandal vom Halse zu schaffen. Meine Verbindung kostet mich Opfer genug! Ich hatte vorausgesetzt, mit einem gesunden jungen Mann, wie ihn sich eine Frau in deinem Alter nicht besser wünschen kann, würdest du dich endlich zufrieden geben. Wenn du mir verpflichtet bist, dann wirf dich mir nicht zum drittenmal in den Weg! Soll ich denn noch länger warten, bis ich mein Teil in Sicherheit bringe? Soll ich riskieren, daß mir der ganze Erfolg meiner Konzessionen nach zwei Jahren wieder ins Wasser fällt? Was hilft mir dein Verheiratetsein, wenn man dich zu jeder Stunde des Tages bei mir ein- und ausgehen sieht? — Warum zum Teufel ist Dr. Goll nicht auch wenigstens ein Jahr noch am Leben geblieben! Bei dem warst du in Verwahrung. Dann hätte ich meine Frau längst unter Dach!

Lulu

Was hätten Sie dann! Das Kind fällt Ihnen auf die Nerven. Das Kind ist zu unverdorben für Sie. Das Kind ist viel zu sorgfältig erzogen. Was sollte ich gegen Ihre Verheiratung haben! Aber Sie täuschen sich über sich selber, wenn Sie glauben, mir Ihrer bevorstehenden Verheiratung wegen Ihre Verachtung zum Ausdruck geben zu dürfen!

Schön

Verachtung?! — Ich werde dem Kind schon die richtige Façon geben! Wenn etwas verachtenswert ist, so sind es deine Intriguen!

Lulu (lachend)

Bin ich auf das Kind eifersüchtig? — Das kann mir doch gar nicht einfallen ...

Schön

Wieso denn das Kind! Das Kind ist nicht einmal ein ganzes Jahr jünger als du. Laß mir meine Freiheit, zu leben, was ich noch zu leben habe! Sei das Kind erzogen, wie es will, das Kind hat gerade so wie du seine fünf Sinne ...

Vierter Auftritt

Schwarz. Die Vorigen

Schwarz

(einen Pinsel in der Hand, links unter der Portiere)

Was ist denn los?

Lulu (zu Schön)

Nun? Reden Sie doch.

Schwarz

Was habt ihr denn?

Lulu

Nichts was dich betrifft ...

Schön (rasch)

Ruhig!

Lulu

Man hat mich satt.

Schwarz

(führt Lulu nach links ab)

Schön

(blättert in einem der Bücher, die auf dem Tisch liegen)

Es mußte zur Sprache kommen. — — Ich muß endlich die Hände frei haben.

Schwarz (zurückkommend)

Ist denn das eine Art zu scherzen?

Schön

(auf einen Sessel deutend)

Bitte.

Schwarz

Was ist denn?

Schön

Bitte.

Schwarz (sich setzend)

Nun?

Schön (sich setzend)

Du hast eine halbe Million geheiratet ...

Schwarz

Ist sie weg?

Schön

Nicht ein Pfennig.

Schwarz

Erklär’ mir den eigentümlichen Auftritt.

Schön

Du hast eine halbe Million geheiratet ...

Schwarz

Daraus kann man mir kein Verbrechen machen.

Schön

Du hast dir einen Namen geschaffen. Du kannst unbehelligt arbeiten. Du brauchst dir keinen Wunsch zu versagen ...

Schwarz

Was habt ihr beide denn gegen mich?

Schön

Seit sechs Monaten schwelgst du in allen Himmeln. Du hast eine Frau, um deren Vorzüge die Welt dich beneidet und die einen Mann verdient, den sie achten kann ...

Schwarz

Achtet sie mich nicht?

Schön

Nein.

Schwarz (beklommen)

— Ich komme aus den düstren Tiefen der Gesellschaft. Sie ist von oben her. Ich hege keinen heißeren Wunsch, als ihr ebenbürtig zu werden. (Schön die Hand reichend) Ich danke dir.

Schön

(halb verlegen seine Hand drückend)

Bitte, bitte.

Schwarz

(mit Entschlossenheit)

Sprich!

Schön

Nimm sie etwas mehr unter Aufsicht.

Schwarz

Ich — sie?

Schön

Wir sind keine Kinder! Wir tändeln nicht. Wir leben. — Sie fordert ernst genommen zu werden. Ihr Wert gibt ihr das volle Recht dazu.

Schwarz

Was tut sie denn?

Schön

— Du hast eine halbe Million geheiratet!

Schwarz

(erhebt sich, außer sich)

Sie ...

Schön

(nimmt ihn bei der Schulter)

Nein, das ist der Weg nicht! (Nötigt ihn sich zu setzen) Wir haben hier sehr ernst mit einander zu sprechen.

Schwarz

Was tut sie?!

Schön

Rechne dir erst genau an den Fingern nach, was du ihr zu verdanken hast, und dann ...

Schwarz

Was tut sie — Mensch!!

Schön

Und dann mach’ dich für deine Fehler verantwortlich und nicht sonst jemand.

Schwarz

Mit wem? Mit wem?

Schön

Wenn wir uns schießen sollen ...

Schwarz

Seit wann denn?!

Schön (ausweichend)

— Ich komme nicht hierher, um Skandal zu machen. Ich komme, um dich vor dem Skandal zu retten.

Schwarz (kopfschüttelnd)

— Du hast sie mißverstanden.

Schön (verlegen)

Damit ist mir nicht gedient. Ich kann dich in deiner Blindheit nicht so weiterleben sehen. Das Mädchen verdient eine anständige Frau zu sein. Sie hat sich, seit ich sie kenne, zu ihrem Besseren entwickelt.

Schwarz

Seit du sie kennst? — Seit wann kennst du sie denn?

Schön

Etwa seit ihrem zwölften Jahr.

Schwarz (verwirrt)

Davon hat sie mir nichts gesagt.

Schön

Sie verkaufte Blumen vor dem Alhambra-Café. Sie drückte sich barfuß zwischen den Gästen durch, jeden Abend zwischen zwölf und zwei.

Schwarz

Davon hat sie mir nichts gesagt.

Schön

Daran hat sie recht getan! Ich sage es dir, damit du siehst, daß du es nicht mit moralischer Verworfenheit zu tun hast. Das Mädchen ist im Gegenteil außergewöhnlich gut veranlagt.

Schwarz

Sie sagte, sie sei bei einer Tante aufgewachsen.

Schön

Das war die Frau, der ich sie übergab. Sie war die beste Schülerin. Die Mütter stellten sie ihren Kindern als Vorbild hin. Sie besitzt Pflichtgefühl. Es ist einzig und allein dein Versehen, wenn du bis jetzt versäumt hast, sie bei ihren besten Seiten zu nehmen.

Schwarz (schluchzend)

O Gott ...!

Schön (mit Nachdruck)

Kein o Gott!! An dem Glück, das du gekostet, kann nichts etwas ändern. Geschehen ist geschehen. Du überschätzest dich gegen besseres Wissen, wenn du dir einredest, zu verlieren. Es gilt zu gewinnen. Mit dem „O Gott“ ist nichts gewonnen. Einen größeren Freundschaftsdienst habe ich dir noch nicht erwiesen. Ich spreche offen und biete dir meine Hilfe. Zeig’ dich dessen nicht unwürdig!

Schwarz

(von jetzt an mehr und mehr in sich zusammenbrechend)

Als ich sie kennen lernte, sagte sie mir, sie habe noch nie geliebt.

Schön

Wenn eine Witwe das sagt! Ihr gereicht es zur Ehre, daß sie dich zum Manne gewählt. Stelle die nämliche Anforderung an dich, und dein Glück ist makellos.

Schwarz

Er habe sie kurze Kleider tragen lassen.

Schön

Er hat sie doch geheiratet! — Das war ihr Meisterstreich. Wie sie den Mann dazu gebracht, ist mir unfaßlich. Du mußt es jetzt ja wissen. Du genießt die Früchte ihrer Diplomatie.

Schwarz

Woher kannte Dr. Goll sie denn?

Schön

Durch mich! — Es war nach dem Tode meiner Frau, als ich die ersten Beziehungen zu meiner gegenwärtigen Verlobten anknüpfte. Sie stellte sich dazwischen. Sie hatte sich in den Kopf gesetzt, meine Frau zu werden.

Schwarz

(wie von einer entsetzlichen Ahnung befallen)

Und als ihr Mann dann starb?

Schön

— Du hast eine halbe Million geheiratet!!

Schwarz (jammernd)

Wär’ ich geblieben, wo ich war! Wär’ ich Hungers gestorben!

Schön (mit Überlegenheit)

Glaubst du denn, ich mache keine Zugeständnisse? Wer macht keine Zugeständnisse? Du hast eine halbe Million geheiratet. Du bist heute einer der ersten Künstler. Dazu kommt man nicht ohne Geld. Du bist nicht derjenige, um über sie zu Gericht zu sitzen. Bei einer Herkunft, wie sie Mignon hat, kannst du unmöglich mit den Begriffen der bürgerlichen Gesellschaft rechnen.

Schwarz (ganz wirr)

Von wem sprichst du denn?

Schön

Ich spreche von ihrem Vater. Du bist Künstler, sag’ ich. Deine Ideale liegen auf einem andern Gebiete, als die eines Lohnarbeiters.

Schwarz

Ich verstehe von alledem kein Wort.

Schön

Ich spreche von den menschenunwürdigen Verhältnissen, aus denen sich das Mädchen dank seiner Führung zu dem entwickelt hat, was sie ist!

Schwarz

Wer denn?

Schön

Wer denn? — Deine Frau.

Schwarz

Eva??

Schön

Ich nannte sie Mignon.

Schwarz

Ich meinte, sie hieße Nellie?

Schön

So nannte sie Dr. Goll.

Schwarz

Ich nannte sie Eva ...

Schön

Wie sie eigentlich hieß, weiß ich nicht.

Schwarz (geistesabwesend)

Sie weiß es vielleicht.

Schön

Bei einem Vater, wie sie ihn hat, ist sie ja bei allen Fehlern, das helle Wunder. Ich verstehe dich nicht ...

Schwarz

Er ist im Irrenhause gestorben ...?

Schön

Er war ja eben hier!

Schwarz