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Erdgeist

Chapter 22: Dritter Aufzug
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About This Book

A carnival-like prologue frames a charismatic young woman as an animalistic spectacle, and the subsequent four acts trace how her arrival entangles and destabilizes a circle of acquaintances. Her magnetism makes her both desired and instrumental in exposing jealousy, exploitation, and violence as men and women react from ambition, hypocrisy, or pity. The drama moves through stark, sometimes satirical scenes that probe sexuality, power, and the commodification of bodies, contrasting social respectability with raw impulse and steadily driving toward a tragic unravelling.

Wer war da?

Schön

Ihr Vater.

Schwarz

Hier — bei mir?

Schön

Er drückte sich, als ich kam. Da stehen ja noch die Gläser.

Schwarz

Sie sagt, er sei im Irrenhause gestorben.

Schön (ermutigend)

Laß sie Autorität fühlen! Sie verlangt nicht mehr, als unbedingt Gehorsam leisten zu dürfen. Bei Dr. Goll war sie wie im Himmel, und mit dem war nicht scherzen.

Schwarz (kopfschüttelnd)

Sie sagte, sie habe noch nie geliebt ...

Schön

Aber mach’ mit dir selber den Anfang. Raff’ dich zusammen.

Schwarz

Geschworen hat sie!

Schön

Du kannst kein Pflichtgefühl fordern, bevor du nicht deine eigene Aufgabe kennst.

Schwarz

Bei dem Grabe ihrer Mutter!!

Schön

Sie hat ihre Mutter nie gekannt. Geschweige das Grab. — Ihre Mutter hat gar kein Grab.

Schwarz (verzweifelt)

Ich passe nicht hinein in die Gesellschaft.

Schön

Was hast du?

Schwarz

Einen grauenhaften Schmerz.

Schön

(erhebt sich, tritt zurück, nach einer Pause)

Wahr’ sie dir, weil sie dein ist. — Der Moment ist entscheidend. Sie kann morgen für dich verloren sein.

Schwarz

(auf die Brust deutend)

Hier, hier.

Schön

Du hast eine halbe ... (sich besinnend) Sie ist dir verloren, wenn du den Augenblick versäumst!

Schwarz

Wenn ich weinen könnte! — Oh, wenn ich schreien könnte!

Schön

(legt ihm die Hand auf die Schulter)

Dir ist elend ...

Schwarz

(sich erhebend, anscheinend ruhig)

Du hast recht, ganz recht.

Schön

(seine Hand ergreifend)

Wo willst du hin?

Schwarz

Mit ihr sprechen.

Schön

Recht so. (Begleitet ihn zur Türe rechts)

Fünfter Auftritt

Schön. Gleich darauf Lulu.

Schön (zurückkommend)

Das war ein Stück Arbeit. (Nach einer Pause, nach links sehend) Er hatte sie doch vorher ins Atelier gebracht ..?

(Fürchterliches Stöhnen von rechts)

Schön

(eilt an die Tür rechts, findet sie verschlossen)

Mach’ auf! Mach’ auf!

Lulu

(links aus der Portiere tretend)

Was ist ...

Schön

Mach’ auf!

Lulu

(kommt die Stufen herab)

Das ist grauenvoll.

Schön

Hast du kein Beil in der Küche?

Lulu

Er wird schon aufmachen ...

Schön

Ich mag sie nicht eintreten.

Lulu

Wenn er sich ausgeweint hat.

Schön

(gegen die Tür stampfend)

Mach’ auf! (Zu Lulu) Hol’ mir ein Beil.

Lulu

Zum Arzt schicken ...

Schön

Du bist nicht bei Trost.

Lulu

Das geschieht Ihnen recht.

(Es läutet auf dem Korridor. Schön und Lulu starren einander an.)

Schön

(schleicht nach hinten, bleibt in der Tür stehen)

Ich darf mich jetzt hier nicht sehen lassen.

Lulu

Vielleicht der Kunsthändler. (Es läutet)

Schön

Aber wenn wir nicht antworten ...

Lulu

(schleicht nach der Türe)

Schön

(hält sie auf)

Bleib. Man ist sonst auch nicht immer gleich bei der Hand. (Geht auf den Fußspitzen hinaus)

Lulu

(kehrt zu der verschlossenen Tür zurück und horcht)

Sechster Auftritt

Alwa. Schön. Die Vorigen. Später Henriette

Schön

(Alwa hereinführend)

Sei bitte ruhig.

Alwa (sehr aufgeregt)

In Paris ist Revolution ausgebrochen.

Schön

Sei ruhig.

Alwa (zu Lulu)

Sie sind totenbleich.

Schön

(an der Tür rüttelnd)

Walter! — Walter! (Man hört röcheln)

Lulu

Gott erbarm dich ...

Schön

Hast du kein Beil geholt?

Lulu

Wenn eines da ist ... (Zögernd nach rechts hinten ab)

Alwa

Er mystifiziert uns.

Schön

In Paris ist Revolution ausgebrochen?

Alwa

Auf der Redaktion rennen sie sich den Kopf gegen die Wand. Keiner weiß, was er schreiben soll.

(Es läutet auf dem Korridor)

Schön

(gegen die Tür stampfend)

Walter!

Alwa

Soll ich sie einrennen?

Schön

Das kann ich auch. Wer da noch kommen mag! (Sich emporrichtend) Das freut sich des Lebens und läßt es andere verantworten!

Lulu

(kommt mit einem Küchenbeil zurück)

Henriette ist nach Hause gekommen.

Schön

Schließ’ die Tür hinter dir.

Alwa

Geben Sie her. (Nimmt das Beil und stößt es zwischen Pfosten und Türschloß)

Schön

Du mußt es kräftiger fassen.

Alwa

Es kracht schon. (Die Tür springt aus dem Schloß. Er läßt das Beil fallen und taumelt zurück) — — (Pause)

Lulu

(auf die Tür deutend, zu Schön)

Nach Ihnen.

Schön

(weicht zurück).

Lulu

Ihnen wird — schwindelig ...?

Schön

(wischt sich den Schweiß von der Stirn und tritt ein)

Alwa

(auf der Chaiselongue)

Gräßlich!

Lulu

(sich am Türpfosten haltend, die Finger zum Mund erhoben, schreit jäh auf)

Oh! — Oh! (Eilt zu Alwa) Ich kann nicht hier bleiben.

Alwa

Grauenhaft!

Lulu

(ihn bei der Hand nehmend)

Kommen Sie.

Alwa

Wohin?

Lulu

Ich kann nicht allein sein. (Mit Alwa nach links ab.)

Schön

(kommt von rechts zurück, ein Schlüsselbund in der Hand; die Hand zeigt Blut; zieht die Tür hinter sich zu, geht zum Schreibtisch, schließt auf und schreibt zwei Billets)

Alwa

(von links zurückkommend)

Sie zieht sich um.

Schön

Sie ist fort?

Alwa

Auf ihr Zimmer. Sie zieht sich um.

Schön (klingelt).

Henriette (tritt ein).

Schön

Sie wissen, wo der Doktor Bernstein wohnt.

Henriette

Gewiß, Herr Doktor. Gleich nebenan.

Schön

(ihr ein Billet gebend)

Bringen Sie das hinüber.

Henriette

Im Falle, daß der Herr Doktor nicht zu Hause sind?

Schön

Er ist zu Hause. (Ihr das andere Billet gebend) Und das bringen Sie auf die Polizeidirektion. Nehmen Sie eine Droschke.

Henriette (ab)

Schön

Ich bin gerichtet.

Alwa

Mir erstarrt das Blut.

Schön (nach rechts)

Der Narr!

Alwa

Es ist ihm wohl ein Licht aufgegangen?

Schön

Er hat sich zuviel mit sich selbst beschäftigt.

Lulu

(auf den Stufen links in Staubmantel und Spitzenhut).

Alwa

Wo wollen Sie denn jetzt hin?

Lulu

Hinaus. Ich sehe es an allen Wänden.

Schön

Wo hat er seine Papiere?

Lulu

Im Schreibtisch.

Schön (am Schreibtisch)

Wo?

Lulu

Rechts unten. (Kniet vor dem Schreibtisch nieder, öffnet eine Schublade und leert die Papiere auf den Boden) Hier. Es ist nichts zu fürchten. Er hatte keine Geheimnisse.

Schön

Jetzt kann ich mich von der Welt zurückziehen.

Lulu (knieend)

Schreiben Sie ein Feuilleton. Nennen Sie ihn Michel Angelo.

Schön

Was hilft das — (nach rechts deutend) Da liegt meine Verlobung.

Alwa

Das ist der Fluch deines Spiels!

Schön

Schrei es durch die Straßen!!

Alwa

(auf Lulu deutend)

Hättest du, als meine Mutter starb, an dem Mädchen gehandelt, wie es recht und billig gewesen wäre.

Schön (nach rechts)

Da verblutet meine Verlobung!

Lulu (sich erhebend)

Ich bleibe nicht länger hier.

Schön

In einer Stunde verkauft man die Extrablätter. Ich darf mich nicht über die Straße wagen.

Lulu

Was können Sie denn dafür?

Schön

Deshalb gerade! Mich steinigt man dafür!

Alwa

Du mußt verreisen.

Schön

Um dem Skandal freies Feld zu lassen!

Lulu

(an der Chaiselongue)

Vor zehn Minuten noch lag er hier.

Schön

Das ist der Dank, für das, was ich für ihn getan habe! Wirft mir in einer Sekunde mein ganzes Leben in Trümmer!

Alwa

Mäßige dich, bitte!

Lulu

(auf der Chaiselongue)

Wir sind unter uns.

Alwa

Und wie!

Schön

(zu Lulu)

Was willst du der Polizei sagen?

Lulu

Nichts.

Alwa

Er wollte seinem Geschick nichts schuldig bleiben.

Lulu

Er hatte immer gleich Mordgedanken.

Schön

Er hatte, was sich ein Mensch nur erträumen kann!

Lulu

Er hat es teuer bezahlt.

Alwa

Er hatte, was wir nicht haben!

Schön

(jäh aufbrausend)

Ich kenne deine Gründe. Ich habe nicht Ursache, Rücksicht auf dich zu nehmen! Wenn du alles in Bewegung setzst, um keine Geschwister neben dir zu haben, so ist das für mich ein Grund mehr, mir andere Kinder zu erziehen.

Alwa

Du bist ein schlechter Menschenkenner.

Lulu

Geben Sie doch selber ein Extrablatt aus.

Schön

(im Ton der heftigsten Empörung)

Er hatte kein moralisches Gewissen! (indem er plötzlich seine Fassung wiedergewinnt) Paris revolutioniert —?

Alwa

Unsere Redakteure sind wie vom Schlag getroffen. Alles stockt.

Schön

Das muß mir darüber hinweghelfen! — — Wenn nun nur die Polizei käme. Die Minuten sind nicht mit Gold zu bezahlen.

(Es läutet auf dem Korridor)

Alwa

Da sind sie ...

Schön

(will zur Türe)

Lulu (aufspringend)

Warten Sie, Sie haben Blut.

Schön

Wo ...?

Lulu

Warten Sie, ich wische es weg. (Besprengt ihr Taschentuch mit Heliotrop und wischt Schön das Blut von der Hand)

Schön

Es ist deines Gatten Blut.

Lulu

Es läßt keine Flecken.

Schön

Ungeheuer!

Lulu

Sie heiraten mich ja doch.

(Es läutet auf dem Korridor)

Lulu

Nur Geduld, Kinder.

Schön

(rechts hinten ab)

Siebenter Auftritt

Escherich. Die Vorigen.

Escherich

(von Schön hereingeleitet, atemlos)

Erlauben Sie, daß ich — daß ich mich Ihnen — Ihnen vorstelle ...

Schön

Sie sind gelaufen?

Escherich

(seine Karte überreichend)

Von der Polizeidirektion her. Ein Selbstmord, hör’ ich.

Schön (liest)

Fritz Escherich, Korrespondent der Kleinen Neuigkeiten. — Kommen Sie.

Escherich

Einen Moment. (Nimmt Notizbuch und Bleistift vor, sieht sich im Salon um, schreibt einige Worte, verbeugt sich gegen Lulu, schreibt, wendet sich zu der erbrochenen Tür, schreibt) Ein Küchenbeil ... (Will es aufheben).

Schön

(ihn zurückhaltend)

Bitte.

Escherich (schreibt)

Tür aufgebrochen mit Küchenbeil. (Untersucht das Schloß.)

Schön

(die Hand an der Tür)

Sehen Sie sich vor, mein Lieber.

Escherich

Wenn Sie jetzt die Liebenswürdigkeit haben wollen, die Tür zu öffnen.

Schön

(öffnet die Türe).

Escherich

(läßt Buch und Bleistift fallen, fährt sich in die Haare)

O du barmherziger Himmel noch mal ...!

Schön

Sehen Sie sich alles genau an!

Escherich

Ich kann nicht hinsehen.

Schön

(ihn höhnisch anschnauzend)

Wozu sind Sie denn hergekommen!!

Escherich

Sich mit dem — Ra — Rasiermesser — den Ha — Hals abschneiden ...

Schön

Haben Sie alles gesehen?

Escherich

Das muß ein Gefühl sein!

Schön

(zieht die Tür zu, tritt zum Schreibtisch)

Setzen Sie sich. Hier ist Papier und Feder. Schreiben Sie.

Escherich

(der mechanisch Platz genommen)

Ich kann nicht schreiben ...

Schön

(hinter seinem Stuhl stehend)

Schreiben Sie! — Verfolgungswahn ...

Escherich (schreibt)

Ver—fol—gungs—wahn.

(Es läutet auf dem Korridor)

Dritter Aufzug

Garderobe im Theater, mit rotem Tuch ausgeschlagen. Links hinten die Tür. Rechts hinten eine spanische Wand. In der Mitte, mit der Schmalseite gegen den Zuschauer, ein langer Tisch, auf dem Tanzkostüme liegen. Rechts und links vom Tisch je ein Sessel. Links vorn Tischchen mit Sessel. Rechts vorn ein hoher Spiegel, daneben ein hoher, sehr breiter, altmodischer Armsessel. Vor dem Spiegel ein Puff, Schminkschatulle etc. etc.

Erster Auftritt.

Lulu. Alwa, gleich darauf Schön.

Alwa

(links vorn, füllt zwei Gläser mit Champagner und Rotwein)

Seit ich für die Bühne arbeite, habe ich kein Publikum so außer Rand und Band gesehen.

Lulu

(unsichtbar, hinter der spanischen Wand)

Geben Sie mir nicht zuviel Rotwein. — Sieht er mich heute?

Alwa

Mein Vater?

Lulu

Ja.

Alwa

Ich weiß nicht, ob er im Theater ist.

Lulu

Er will mich wohl gar nicht sehen?

Alwa

Er hat so wenig Zeit.

Lulu

Seine Braut nimmt ihn in Anspruch.

Alwa

Spekulationen. Er gönnt sich keine Ruhe. — (Da Schön eintritt) Du? Eben sprechen wir von dir.

Lulu

Ist er da?

Schön

Du ziehst dich um?

Lulu

(über die spanische Wand wegsehend, zu Schön)

Sie schreiben in allen Zeitungen, ich sei die geistvollste Tänzerin, die je die Bühne betreten, ich sei eine zweite Taglioni und was weiß ich, und Sie finden mich nicht einmal geistvoll genug, um sich davon zu überzeugen!

Schön

Ich habe soviel zu schreiben. Du siehst, daß ich recht hatte. Es waren kaum mehr Plätze zu haben. — Du mußt dich etwas mehr im Proszenium halten!

Lulu

Ich muß mich erst an das Licht gewöhnen.

Alwa

Sie hat sich strikte an ihre Rolle gehalten.

Schön

(zu Alwa)

Du mußt deine Darsteller besser ausnützen! Du verstehst dich noch nicht genug auf die Technik. (Zu Lulu) Als was kommst du jetzt?

Lulu

Als Blumenmädchen ...

Schön

(zu Alwa)

In Trikots?

Alwa

Nein. In fußfreiem Kleid.

Schön

Du hättest dich lieber nicht mit dem Symbolismus einlassen sollen!

Alwa

Ich sehe der Tänzerin auf die Füße.

Schön

Es kommt darauf an, worauf das Publikum sieht! Eine Erscheinung wie sie hat deine symbolistischen Hanswurstiaden gottlob nicht nötig.

Alwa

Das Publikum sieht nicht danach aus, als ob es sich langweilte!

Schön

Natürlich! Weil ich in der Presse seit sechs Monaten auf ihren Erfolg hingearbeitet habe. — War der Prinz hier?

Alwa

Es war niemand hier.

Schön

Wer wird eine Tänzerin zwei Akte hindurch in Regenmänteln auftreten lassen!

Alwa

Wer ist denn der Prinz?

Schön

— Wir sehen uns noch?

Alwa

Bist du allein?

Schön

Mit Bekannten. — Bei Peters?

Alwa

Um Zwölf?

Schön

Um Zwölf. (Ab)

Lulu

Ich hatte schon daran verzweifelt, daß er je kommen werde!

Alwa

Lassen Sie sich durch seine griesgrämigen Nörgeleien nicht beirren. Wenn Sie nur ja darauf achten wollen, daß Sie Ihre Kräfte nicht vor Beginn der letzten Nummer vergeuden.

Lulu

(tritt hinter der spanischen Wand vor, in antikem fußfreiem ärmellosem weißem Kleid mit rotem Saum, einen bunten Kranz im Haar, einen Korb voll Blumen in den Händen)

Lulu

Er scheint es gar nicht gemerkt zu haben, wie geschickt Sie ihre Darsteller ausnützen!

Alwa

Ich werde doch im ersten Akt nicht Sonne, Mond und Sterne verpaffen.

Lulu

(das Glas an den Lippen)

Sie enthüllen mich gradatim.

Alwa

Ich wußte doch, daß Sie sich darauf verstehen, Kostüme zu wechseln.

Lulu

Hätte ich meine Blumen so vor dem Alhambracafé verkaufen wollen, man hätte mich schon gleich in der ersten Nacht hinter Schloß und Riegel gesetzt.

Alwa

Warum denn! Sie waren ein Kind!

Lulu

Wissen Sie noch, wie ich zum erstenmal in Ihr Zimmer trat?

Alwa (nickt)

Sie trugen ein dunkelblaues Kleid mit schwarzem Sammet.

Lulu

Man mußte mich verstecken und wußte nicht wo.

Alwa

Meine Mutter lag damals schon seit zwei Jahren auf dem Krankenbett ...

Lulu

Sie spielten Theater und fragten mich, ob ich mitspielen wolle.

Alwa

Gewiß! Wir spielten Theater!

Lulu

Ich sehe Sie noch, wie Sie die Figuren hin und herschoben.

Alwa

Es war mir noch lange die entsetzlichste Erinnerung, wie ich mit einem mal klar in die Verhältnisse sah.

Lulu

Da wurden Sie eisig gemessen gegen mich.

Alwa

Ach Gott — ich sah etwas so unendlich hoch über mir stehendes in Ihnen. Ich hegte vielleicht eine höhere Verehrung für Sie, als für meine Mutter. Denken Sie, als meine Mutter starb, — ich war siebzehn Jahre alt — da trat ich vor meinen Vater und forderte ihn auf, daß er Sie augenblicklich zu seiner Frau mache, sonst müßten wir uns duellieren.

Lulu

Das hat er mir damals erzählt.

Alwa

Seit ich älter bin, kann ich ihn nur noch bemitleiden. Er wird mich nie begreifen. Da phantasiert er sich eine kleine Diplomatie zusammen, die mich dazu bestimmen soll, seiner Verheiratung mit der Komtesse entgegenzuarbeiten.

Lulu

Blickt sie denn immer noch so unschuldig in die Welt hinaus?

Alwa

Sie liebt ihn; das ist meine Überzeugung. Ihre Familie hat alles in Bewegung gesetzt, um sie zum Rücktritt zu veranlassen. Ich glaube nicht, daß ihr ein Opfer auf dieser Welt zu groß wäre um seinetwillen.

Lulu

(hält ihm ihr Glas hin)

Noch etwas, bitte.

Alwa

(ihr einschenkend)

Sie trinken zu viel.

Lulu

Er soll an meinen Erfolg glauben lernen! Er glaubt an keine Kunst. Er glaubt nur an Zeitungen.

Alwa

Er glaubt an nichts.

Lulu

Er hat mich ans Theater gebracht, damit sich eventuell jemand findet, der reich genug ist, um mich zu heiraten.

Alwa

Nun ja! Was braucht uns das zu kümmern!

Lulu

Mich soll es freuen, wenn ich mich in das Herz eines Millionärs hineintanzen kann.

Alwa

Gott verhüte, daß man Sie uns entführt!

Lulu

Sie haben doch die Musik dazu komponiert.

Alwa

Sie wissen, daß es immer mein Wunsch war, ein Stück für Sie zu schreiben.

Lulu

Ich bin aber gar nicht für die Bühne geschaffen.

Alwa

Sie sind als Tänzerin auf die Welt gekommen.

Lulu

Warum schreiben Sie Ihre Stücke denn nicht wenigstens so interessant, wie das Leben ist?

Alwa

Weil uns das kein Mensch glauben würde.

Lulu

Wenn ich mich nicht besser aufs Theaterspielen verstände, als man auf der Bühne spielt, was hätte aus mir werden wollen!

Alwa

Ich habe Ihre Rolle doch mit allen erdenklichen Unmöglichkeiten ausgestattet.

Lulu

Mit solchem Hokuspokus lockt man in der Wirklichkeit noch keinen Hund vom Ofen.

Alwa

Mir ist es genug, daß sich das Publikum in die wahnsinnigste Aufregung versetzt sieht.

Lulu

Ich möchte mich aber gern selbst in die wahnsinnigste Aufregung versetzt sehen! (Trinkt)

Alwa

Dazu scheint Ihnen auch nicht viel mehr zu fehlen.

Lulu

Wie können Sie sich darüber wundern, da mein Auftreten doch einen höheren Zweck hat! Es gehen schon Einige da unten ganz ernstlich mit sich zu Rate. — Ich fühle das, ohne daß ich hinsehe.

Alwa

Wie fühlen Sie denn das?

Lulu

Keiner ahnt was vom Andern. Jeder meint, er sei allein das unglückliche Opfer.

Alwa

Wie können Sie denn das fühlen?

Lulu

Es läuft einem so ein eisiger Schauer am Körper herauf.

Alwa

Sie sind unglaublich ... (Eine elektrische Klingel tönt über der Tür)

Lulu

Mein Tuch ... Ich werde mich im Proscenium halten!

Alwa

(ihr einen breiten Shawl über die Schultern legend)

Hier ist Ihr Tuch.

Lulu

Er soll nichts mehr für seine schamlose Reklame zu fürchten haben.

Alwa

Wahren Sie Ihre Selbstbeherrschung!

Lulu

Gebe Gott, daß ich einem den letzten Funken Verstand zum Kopf hinaus tanze. (Ab)

Zweiter Auftritt

Alwa (allein)

Über die ließe sich freilich ein interessanteres Stück schreiben. (Setzt sich links, nimmt sein Notizbuch vor und notiert. Aufblickend) Erster Akt: Dr. Goll. Schon faul! Ich kann den Dr. Goll aus dem Fegefeuer zitieren, oder wo er seine Orgien büßt, man wird mich für seine Sünden verantwortlich machen. — (Langanhaltendes, stark gedämpftes Klatschen und Bravorufen wird von außen hörbar) — Das tobt, wie in der Menagerie, wenn das Futter vor dem Käfig erscheint. — Zweiter Akt: Walter Schwarz. Noch unmöglicher! Wie die Seelen die letzte Hülle abstreifen im Licht solcher Blitzschläge! — Dritter Akt? — Sollte es wirklich so fort gehen?! — (Die Garderobiere öffnet von außen und läßt Escerny eintreten)

Dritter Auftritt

Escerny. Alwa.

Escerny

(tut als ob er zu Hause wäre und nimmt, ohne Alwa zu beachten rechts neben dem Spiegel Platz)

Alwa

(links sitzend, ohne auf Escerny zu achten)

Es kann im dritten Akt nicht so fortgehen!

Escerny

Bis zur Mitte des dritten Aktes schien es heute nicht so gut zu gehen, wie sonst.

Alwa

Ich war nicht auf der Bühne.

Escerny

Jetzt ist sie wieder in vollem Zug.

Alwa

— Sie zieht die Nummer in die Länge.

Escerny

Ich hatte bei Herrn Dr. Schön einmal das Vergnügen, der Künstlerin zu begegnen.

Alwa

Mein Vater hat sie durch einige Besprechungen in seiner Zeitung beim Publikum eingeführt.

Escerny

(sich leicht verneigend)

Ich konferierte mit Herrn Dr. Schön der Herausgabe meiner Forschungen am Tanganjika-See wegen.

Alwa

(sich leicht verneigend)

Seine Äußerungen lassen keinen Zweifel darüber, daß er das lebhafteste Interesse an Ihrem Werk nimmt.

Escerny

Wohltuend berührt es an der Künstlerin, daß das Publikum für sie gar nicht vorhanden ist.

Alwa

Das Sichumkleiden hat sie schon als Kind gelernt. Aber ich war überrascht, eine so bedeutende Tänzerin in ihr zu entdecken.

Escerny

Wenn sie ihr Solo tanzt, berauscht sie sich an ihrer eigenen Schönheit — in die sie selber zum Sterben verliebt zu sein scheint.

Alwa

Da kommt sie. (Erhebt sich, öffnet die Tür)

Vierter Auftritt

Lulu. Die Vorigen.

Lulu

(ohne Kranz und Blumenkorb, zu Alwa)

Sie werden herausgerufen. Ich war dreimal vor dem Vorhang. (Zu Escerny) Herr Dr. Schön ist nicht in Ihrer Loge?

Escerny

In meiner Loge nicht.

Alwa

(zu Lulu)

Haben Sie ihn nicht gesehen?

Lulu

Er wird wieder fort sein.

Escerny

Er hat die letzte Parquetloge links.

Lulu

Er scheint sich meiner zu schämen!

Alwa

Er hat keinen guten Platz mehr bekommen.

Lulu

(zu Alwa)

Fragen Sie ihn doch, ob ich ihm jetzt besser gefallen habe.

Alwa

Ich werde ihn heraufschicken.

Escerny

Er hat applaudiert.

Lulu

Hat er das wirklich?

Alwa

Gönnen Sie sich etwas Ruhe. (Ab)

Fünfter Auftritt

Lulu. Escerny.

Lulu

Ich muß mich ja wieder umziehen.

Escerny

Aber Ihre Garderobiere ist ja nicht hier?

Lulu

Ich kann das rascher allein. Wo sagten Sie, daß Dr. Schön sitzt?

Escerny

Ich sah ihn in der hintersten Parquetloge links.

Lulu

Jetzt habe ich noch fünf Kostüme vor mir: Dancinggirl, Ballerina, Königin der Nacht, Ariel und Lascaris ... (Tritt hinter die spanische Wand zurück.)

Escerny

Würden Sie es für möglich halten, daß ich bei unserem ersten Rencontre nicht anders gewärtig war, als mit einer jungen Dame aus der literarischen Welt bekannt zu werden? — — — (Setzt sich rechts neben den Mitteltisch, wo er bis zum Schluß der Szene sitzen bleibt) Sollte ich mich in der Beurteilung Ihrer Natur irren, oder habe ich das Lächeln, das die dröhnenden Beifallsstürme auf Ihren Lippen hervorrufen, richtig gedeutet? — —: daß Sie unter der Notwendigkeit, Ihre Kunst vor Leuten von zweifelhaften Interessen entwürdigen zu müssen, innerlich leiden? — — — (Da Lulu nicht antwortet) Daß Sie den Schimmer der Öffentlichkeit jeden Augenblick für ein ruhiges, sonniges Glück in vornehmer Abgeschlossenheit eintauschen würden? — (Da Lulu nicht antwortet) Daß Sie Hoheit und Würde genug in sich fühlen, einen Mann zu Ihren Füßen zu fesseln — um sich an seiner vollkommenen Hilflosigkeit zu erfreuen? — — — (Da Lulu nicht antwortet) Daß Sie sich an einem würdigeren Platz als hier in einer mit reichlichem Komfort ausgestatteten Villa fühlen würden — bei unbegrenzten Mitteln — um durchaus als Ihre eigene Herrin zu leben?

Lulu

(in kurzem hellen Plissé-Unterrock und weißem Atlaskorset, schwarze Schuhe und Strümpfe, Schellensporen unter den Absätzen, tritt hinter der spanischen Wand vor, mit dem Schnüren ihres Korsets beschäftigt)

Wenn ich nur einen Abend mal nicht auftrete, dann träume ich die ganze Nacht hindurch, daß ich tanze, und fühle mich am folgenden Tag wie gerädert ...

Escerny

Aber was könnte es Ihnen dabei ausmachen, statt dieses Pöbels nur einen Zuschauer, einen Auserwählten, vor sich zu sehen?

Lulu

Das könnte mir gleichgültig sein. Ich sehe ja doch niemanden.

Escerny

Ein erleuchteter Gartensaal — das Plätschern vom See herauf ... Ich bin auf meinen Forschungsreisen nämlich zur Ausübung eines ganz unmenschlichen Despotismus gezwungen ...

Lulu

(vor dem Spiegel, sich eine Perlenkette um den Hals legend)

Eine gute Schule!

Escerny

Wenn ich mich jetzt darnach sehne, mich ohne irgendwelchen Vorbehalt der Gewalt einer Frau zu überliefern, so ist das ein natürliches Bedürfnis nach Abspannung ... Können Sie sich ein höheres Lebensglück für eine Frau denken, als einen Mann vollkommen in ihrer Gewalt zu haben?

Lulu

(mit den Absätzen klirrend)

O ja!

Escerny (verwirrt)

Unter gebildeten Menschen finden Sie nicht Einen, der Ihnen gegenüber nicht den Kopf verliert.

Lulu

Ihre Wünsche erfüllt Ihnen aber niemand, ohne Sie dabei zu hintergehen.

Escerny

Von einem Mädchen wie Sie betrogen zu werden, muß noch zehnmal beglückender sein, als von jemand anders aufrichtig geliebt zu werden.

Lulu

Sie sind in Ihrem Leben noch von keinem Mädchen aufrichtig geliebt worden! (sich rücklings gegen ihn stellend, auf ihr Korset deutend) Würden Sie mir den Knoten auflösen. Ich habe mich zu fest geschnürt. Ich bin immer so aufgeregt beim Ankleiden.

Escerny

(nach wiederholtem Versuch)

Ich bedaure; ich kann es nicht.

Lulu

Dann lassen Sie. Vielleicht kann ich es. (Geht nach rechts)

Escerny

Ich gestehe ein, daß es mir an Geschicklichkeit gebricht. Ich war vielleicht im Verkehr mit Frauen nicht gelehrig genug.

Lulu

Dazu haben Sie in Afrika wohl auch nicht viel Gelegenheit?

Escerny (ernst)

Lassen Sie mich Ihnen offen gestehen, daß mir meine Vereinsamung in der Welt manche Stunde verbittert.

Lulu

Gleich ist der Knoten auf ...

Escerny

Was mich zu Ihnen hinzieht, ist nicht Ihr Tanz. Es ist Ihre körperliche und seelische Vornehmheit, wie sie sich in jeder Ihrer Bewegungen offenbart. Wer sich so sehr wie ich für Kunstwerke interessiert, kann sich darin nicht täuschen. Ich habe während zehn Abenden Ihr Seelenleben aus Ihrem Tanze studiert, bis ich heute, als Sie als Blumenmädchen auftraten, vollkommen mit mir ins Klare kam. Sie sind eine großangelegte Natur — uneigennützig. Sie können niemanden leiden sehen. Sie sind das verkörperte Lebensglück. Als Gattin werden Sie einen Mann über alles glücklich machen ... Ihr ganzes Wesen ist Offenherzigkeit. — Sie wären eine schlechte Schauspielerin ...

(Die elektrische Klingel tönt über der Tür)

Lulu

(hat die Schnüre ihres Korsets etwas gelockert, holt tief Atem, mit den Absätzen klirrend)

Jetzt kann ich wieder atmen. Der Vorhang geht auf. (Sie nimmt vom Mitteltisch ein Skirtdancekostüm — Plissé, hellgelbe Seide, ohne Taille, am Hals geschlossen, bis zu den Knöcheln reichend, weite Blousenärmel, — und wirft es sich über) Ich muß tanzen.

Escerny

(erhebt sich und küßt ihr die Hand)

Erlauben Sie mir, noch ein wenig hierzubleiben.

Lulu

Bitte, bleiben Sie.

Escerny

Ich bedarf etwas der Einsamkeit. (Lulu ab)

Sechster Auftritt

Escerny (allein)

Was ist Noblesse? — Ist es Verschrobenheit, wie bei mir? — Oder ist es leibliche und geistige Vervollkommnung, wie bei diesem Mädchen? — (Klatschen und Bravorufen wird hörbar) Wer mir den Glauben an die Menschen zurückgibt, gibt mir mein Leben zurück. — Sollten Kinder dieser Frau nicht fürstlicher sein an Leib und Seele, als Kinder, deren Mutter nicht mehr Lebensfähigkeit in sich hat, als ich bis heute in mir fühlte? (Er setzt sich links vorn, schwärmerisch) Der Tanz hat ihren Körper geadelt ...

Siebenter Auftritt

Alwa. Escerny.

Alwa

Man ist keinen Moment sicher, daß nicht ein armseliger Zufall der Vorstellung den Garaus macht! (Er wirft sich rechts neben dem Spiegel in den Armsessel, so daß die beiden Herren gerade umgekehrt wie vorher placiert sind. Beide führen die Unterhaltung etwas blasiert und apathisch)

Escerny

So dankbar hat sich das Publikum aber noch nie gezeigt.

Alwa

Sie hat den Skirtdance beendet.

Escerny

— Ich höre sie kommen ...

Alwa

Sie kommt nicht. — Sie hat keine Zeit. — Sie wechselt das Kostüm hinter der Kulisse.

Escerny

Sie hat zwei Ballerinakostüme, wenn ich nicht irre?

Alwa

Ich finde, daß ihr das weiße besser steht, als das in Rosa.

Escerny

Finden Sie?

Alwa

Sie nicht?

Escerny

Ich finde, sie sieht in dem weißen Tüll zu körperlos aus.

Alwa

Ich finde, sie sieht in dem Rosatüll zu animalisch aus.

Escerny

Ich finde das nicht.

Alwa

Der weiße Tüll bringt mehr das Kindliche ihrer Natur zum Ausdruck!

Escerny

Der Rosatüll bringt mehr das Weibliche ihrer Natur zum Ausdruck!

(Die elektrische Klingel tönt über der Tür)

Alwa (aufspringend)

Um Gottes willen, was ist da los!

Escerny

(sich gleichfalls erhebend)

Was ist mit Ihnen?

(Die elektrische Klingel tönt fort bis zum Schlusse der Szene)

Alwa

Da ist was passiert ...

Escerny

Wie können Sie gleich so erschrecken?

Alwa

Das muß eine höllische Verwirrung sein. (Ab)

Escerny (folgt ihm)

(Die Tür bleibt offen. Man hört gedämpfte Walzerklänge)

(Pause)

Achter Auftritt

Lulu

(in langem Theatermantel, tritt ein und zieht die Tür hinter sich zu. Sie trägt ein Rosa-Ballettkostüm mit Blumenguirlanden, geht quer über die Bühne und nimmt in dem Armsessel neben dem Spiegel Platz. — Pause)

Neunter Auftritt

Alwa. Lulu. — Gleich darauf Schön.

Alwa

Sie hatten einen Ohnmachtsanfall?

Lulu

Ich bitte Sie, schließen Sie zu.

Alwa

Kommen Sie wenigstens auf die Bühne.

Lulu

Haben Sie ihn gesehen?

Alwa

Wen gesehen?

Lulu

Mit seiner Braut??

Alwa

Mit seiner ... (Zu Schön, der eintritt) Den Scherz hättest du dir sparen können!

Schön

Was ist mit ihr? (Zu Lulu) Wie kannst du die Szene gegen mich ausspielen!!

Lulu

Ich fühle mich wie geprügelt.

Schön

(nachdem er die Tür verriegelt)

Du wirst tanzen — so wahr ich mir die Verantwortung für dich aufgeladen!

Lulu

Vor Ihrer Braut?

Schön

Hast du ein Recht, dich darum zu kümmern, vor wem? — Du bist hier engagiert. Du erhältst deine Gage ...

Lulu

Ist das Ihre Sache?

Schön

Du tanzt vor Jedem, der sein Billet löst. Mit wem ich in meiner Loge sitze, hat keine Beziehung zu deiner Tätigkeit!

Alwa

Wärest du in deiner Loge sitzen geblieben! (Zu Lulu) Sagen Sie mir bitte, was ich tun soll. (Von außen wird gepocht) Da ist der Direktor. (Ruft) Gleich, gleich. Einen Augenblick. (Zu Lulu) Sie werden uns nicht zwingen wollen, die Vorstellung abzubrechen!

Schön

(zu Lulu)

Auf die Bühne mit dir!

Lulu

Lassen Sie mir nur einen Augenblick. Ich kann jetzt nicht. Mir ist sterbenselend.

Alwa

Hol’ der Henker den ganzen Kulissenkram!

Lulu

Schalten Sie die nächste Nummer ein. Das merkt kein Mensch, ob ich jetzt tanze oder in fünf Minuten. Ich habe keine Kraft in den Füßen.

Alwa

Aber dann tanzen Sie?

Lulu

So gut ich kann ...

Alwa

So schlecht Sie wollen. (Da von außen gepocht wird) Ich komme. (Ab)

Zehnter Auftritt

Schön. Lulu.

Lulu

Sie haben recht, daß Sie mir zeigen, wo ich hingehöre. Das konnten Sie nicht besser, als wenn Sie mich vor Ihrer Braut den Skirtdance tanzen lassen ... Sie tun mir den größten Gefallen, wenn Sie mich darauf hinweisen, was meine Stellung ist.

Schön (höhnisch)

Bei deiner Herkunft ist es ein Glück sondergleichen für dich, daß du noch Gelegenheit hast, vor anständigen Leuten aufzutreten!

Lulu

Auch wenn Sie über meiner Schamlosigkeit nicht wissen, wohinsehen.

Schön

Albernes Geschwätz! — Schamlosigkeit? — Mach’ aus der Tugend keine Not! — Deine Schamlosigkeit ist das, was man dir für jeden Schritt mit Gold aufwiegt. Der eine schreit Bravo, der andere schreit Pfui — das heißt für dich das Gleiche! — Kannst du dir einen glänzenderen Triumph wünschen, als wenn sich ein anständiges Mädchen kaum in der Loge zurückhalten läßt?!! Hat dein Leben denn ein anderes Ziel?! — So lang du noch einen Funken Achtung vor dir selber hast, bist du keine perfekte Tänzerin! Je fürchterlicher es den Menschen vor dir graut, um so größer stehst du in deinem Beruf da!!

Lulu

Es ist mir ja auch vollkommen gleichgültig, was man von mir denkt. Ich möchte um alles nicht besser sein, als ich bin. Mir ist wohl dabei.

Schön

(in moralischer Empörung)

Das ist deine wahre Natur! Das nenne ich aufrichtig. — Eine Korruption!!

Lulu

Ich wüßte nicht, daß ich je einen Funken Achtung vor mir gehabt hätte.

Schön

(wird plötzlich mißtrauisch)

Keine Harlequinaden ...

Lulu

O Gott — ich weiß sehr wohl, was aus mir geworden wäre, wenn Sie mich nicht davor bewahrt hätten.

Schön

Bist du denn heute vielleicht etwas anderes??

Lulu

Gott sei dank, nein!

Schön

Das ist echt!

Lulu (lacht)

Und wie überglücklich ich dabei bin!

Schön (spuckt aus)

Wirst du jetzt tanzen?

Lulu

Wie und vor wem es ist!

Schön

Also dann auf die Bühne!!

Lulu

(kindlich bittend)

Nur eine Minute noch. Ich bitte Sie. Ich kann mich noch nicht aufrecht halten. — Man wird klingeln.

Schön

Du bist dazu geworden, trotz allem, was ich für deine Erziehung und dein Wohl geopfert habe!

Lulu (ironisch)

Sie hatten Ihren veredelnden Einfluß überschätzt?

Schön

Verschone mich mit deinen Witzen.

Lulu

— Der Prinz war hier.

Schön

So?

Lulu

Er nimmt mich mit nach Afrika.

Schön

Nach Afrika?

Lulu

Warum denn nicht? Sie haben mich ja zur Tänzerin gemacht, damit Einer kommt und mich mitnimmt.

Schön

Aber doch nicht nach Afrika!

Lulu

Warum haben Sie mich denn nicht ruhig in Ohnmacht fallen lassen, und im stillen dem Himmel dafür gedankt?

Schön

Weil ich leider keinen Grund hatte, an deine Ohnmacht zu glauben!

Lulu (spöttisch)

Sie hielten es unten nicht aus ...?

Schön

Weil ich dir zum Bewußtsein bringen muß, was du bist und zu wem du nicht aufzublicken hast!

Lulu

Sie fürchteten, meine Glieder könnten doch vielleicht ernstlich Schaden genommen haben?

Schön

Ich weiß zu gut, daß du unverwüstlich bist.

Lulu

Das wissen Sie also doch?

Schön (aufbrausend)

Sieh mich nicht so unverschämt an!!

Lulu

Es hält Sie niemand hier.

Schön

Ich gehe, sobald es klingelt.

Lulu

Sobald Sie die Energie dazu haben! — Wo ist Ihre Energie? — Sie sind seit drei Jahren verlobt. Warum heiraten Sie nicht? — Sie kennen keine Hindernisse. Warum wollen Sie mir die Schuld geben? — Sie haben mir befohlen, Dr. Goll zu heiraten. Ich habe Dr. Goll gezwungen, mich zu heiraten. Sie haben mir befohlen, den Maler zu heiraten. Ich habe gute Miene zum bösen Spiel gemacht. — Sie kreieren Künstler, Sie protegieren Prinzen. Warum heiraten Sie nicht?