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Erinnerungen einer Überflüssigen

Chapter 5: 4
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About This Book

Die Erzählerin erinnert sich an eine entbehrungsreiche ländliche Kindheit, geprägt von detailreicher Schilderung häuslicher Abläufe, festen Bräuchen und saisonalen Ritualen. Eine fürsorgliche Beziehung zum Großvater kontrastiert mit der kühlen, ablehnenden Haltung der Mutter; Krankheit, Hunger und einfache Hausmittel treten neben harter Arbeit, gemeinsamen Mahlzeiten und Festlichkeiten. Schulische Leistungen, strenge Züchtigung und frühe Verantwortungsübernahme werden thematisiert. Die Erinnerungen verbinden konkrete Alltagsbeobachtungen mit dem Gefühl, überflüssig und ungeliebt zu sein, und zeichnen ein genaues Bild familiärer Hierarchien und sozialer Beschränkungen.

Im übrigen machte ich in der Schule gute Fortschritte und war bald die Erste. Meine Lehrerinnen nahmen sich meiner sehr an, und als ich einmal in der Früh barfuß in die Schule kam, schickte mich mein Fräulein mit einem Brieflein nachhause, worin sie der Mutter Vorwürfe machte. Doch hatte dies nur eine erneute Züchtigung mit einem Spazierstock meines Vaters zur Folge, einem sogenannten Totschläger oder Ochsenfiesel, in den ringsherum kleine Bleikugeln eingegossen waren.

Geliebt hat mich meine Mutter nie; denn sie hat mich weder je geküßt, noch mir irgend eine Zärtlichkeit erwiesen; jetzt aber, seit der Geburt ihres ersten ehelichen Kindes, behandelte sie mich mit offenbarem Haß. Jede, auch die geringste Verfehlung wurde mit Prügeln und Hungerkuren bestraft, und es gab Tage, wo ich vor Schmerzen mich kaum rühren konnte.

Der Hunger, den ich zu leiden hatte, und der Umstand, daß ich in der Früh selten ein Frühstück bekam, veranlaßten mich, Trinkgelder, die ich von den Leuten für das Fleischbringen erhielt, oder auch etliche Pfennige von dem Betrag für das gelieferte Fleisch zu nehmen und mir Brot dafür zu kaufen. Als die Mutter durch Zufall dies entdeckte, mißhandelte sie mich so, daß ich mehrere Tage nicht ausgehen konnte. Da ich ein Kleid mit kurzen Ärmeln trug, sah die Lehrerin, als ich wieder in die Schule kam, an meinen Armen, sowie auch an Hals und Gesicht die blauen und blutrünstigen Flecken, und ich mußte, trotzdem ich neue Strafen zu befürchten hatte, dem Oberlehrer, der herbeigerufen worden, alles der Wahrheit gemäß berichten. Ein Brief an meine Mutter hatte nur den Erfolg, daß ich den ganzen Tag nichts zu essen bekam und die Nacht auf dem Gang unserer Wohnung, auf einem Scheit Holz kniend, zubringen mußte.

Zu dieser Zeit war es auch, daß mir einmal beim Austragen des Fleisches das ganze Geld gestohlen wurde. Mittwoch und Samstag nachmittags mußte ich nämlich immer in die Briennerstraße zu einem Kommerzienrat das Fleisch bringen, bei dem die Mutter früher Köchin gewesen war. Meistens waren es ganz große Stücke: ein ganzes Filet, ganze Lenden, Kalbschlegel oder Rücken. Bei der Ablieferung wurde mir das Geld und ein Büchlein übergeben, in welches die Bestellung für das nächstemal geschrieben wurde. An einem Samstag trug ich nun auch wieder ein großes Stück Fleisch dahin und bekam ungefähr zwanzig Mark und das Buch, das ich samt dem Geld in ein Säcklein tat und in den Korb legte. Auf dem Heimweg hielt ich mich längere Zeit vor der Feldherrnhalle bei den Tauben auf, die von den Kindern gefüttert wurden. Da schlug es vier Uhr und dabei fiel mir die Mahnung der Mutter ein, die beim Fortgehen gesagt hatte: „Daß d’ um viere längstens z’haus bist und daß d’ma Obacht gibst aufs Geld!“

Also fing ich an zu laufen, so schnell ich nur konnte, und machte erst am Viktualienmarkt halt, um ein wenig zu verschnaufen. Da schau ich in meinen Korb und sehe das Säcklein mit dem Geld nicht mehr. Ich durchsuche ihn genau, durchwühle fieberhaft meine Taschen; aber es war nicht mehr da. Voll Verzweiflung rannte ich den ganzen Weg zurück bis in die Briennerstraße und fragte dort, ob ich es vielleicht mitzunehmen vergessen hätte. Doch die Köchin meinte, sie wisse gewiß, daß ich das Säcklein in den Korb gelegt hätte. Mitleidig fragte sie noch:

„Moanst, du kriegst Schläg, Lenerl?“

„I glaab scho!“ antwortete ich, und damit war ich schon wieder über die Stiegen hinunter. Nun lief ich wieder zur Feldherrnhalle und fragte dort die Leute: „Sie, bitt schön, ham Sie nöt da a Sackerl liegn sehgn mit an Büacherl drinn und zwanzig Mark Geld?“ Da lachten die einen, die andern bedauerten mich; aber gewußt hat keiner was. Nun packte mich die Angst und ich fing an zu weinen und traute mich nicht mehr heimzugehen. Ich lief durch die Maximilianstraße über die Brücke und immer weiter, bis ich zum Ostbahnhof kam.

Plötzlich fiel mir mein Großvater ein, und als es in diesem Augenblick fünf Uhr schlug, dachte ich: „Jatz derfst nimma hoam kommen, jatz is fünfe; Geld hast aa koans mehr, jatz laafst zum Großvater, der hilft dir schon.“

Ich lief also durch die Bahnhofshalle, und da ich noch wußte, auf welchem Gleis er damals abgefahren war, sprang ich zwischen die Schienen und rannte davon, so schnell ich konnte, immer auf dem Bahndamm dahin, an den Bahnwärterhäuschen vorbei, bis ich nach Trudering kam.

Als ich dort an dem Bahnhof vorbeilaufen wollte, schrie mich einer an: „He, du, wo laafst denn hin mit dein Körbl?“

„Furt!“ rief ich und damit sauste ich weiter.

Indem hörte ich einen Zug hinter mir herkommen und zur Seite springend dachte ich: „Wennst jatz no a Geld hättst, na kunntst mitfahrn!“

Als der Zug vorbei war, lief ich hinterdrein; doch der war schneller als ich. Bald darauf kam auf dem andern Gleis ein Zug, der nach München fuhr. Da schauten die Leute aus den Fenstern mir verwundert nach, wie ich so mit meinem Korb zwischen den Schienen dahinsprang.

Schon wurde es dunkel, als ich ganz erschöpft nach Zorneding kam. Ich schleppte mich vom Bahnhof in das Dorf; denn ich konnte nicht mehr weiter vor Seitenstechen und Herzklopfen. Neben dem ersten Hause war ein Brunnen, und als ich trinken wollte, lief eine Frau auf mich zu und rief: „Ja, mein Gott, Kind, trink doch net! Dir rinnt ja der Schweiß übers Gsicht; dös kunnt ja dei Tod sein, wannst jatz trinka tatst.“ Und erst, als sie mir Gesicht und Hände mit Wasser gekühlt hatte, ließ sie mich trinken.

Inzwischen war es Nacht geworden. Mein Seitenstechen, das immer heftiger wurde, zwang mich, im Dorf zu bleiben, und als ich vor einem kleinen Hause eine Bank fand, legte ich mich darauf und nahm den Korb zu einem Kopfkissen; aber ich schlief nur schlecht und träumte schwer.

Als es Tag wurde, wollte ich weiter; aber ich war so elend, daß ich mich nicht rühren konnte. Während ich noch so dalag, trat eine Frau aus dem Haus, und als sie mich sah, rief sie erschrocken: „Jessas, wo kimmst denn du her, Kind, und wo möchst denn hin?“

„Zu mein Großvater!“ entgegnete ich leise; denn ich war heiser, „der muaß ma helfa; wissn S’, i hab’s Geld verlorn beim Fleischaustragen und da hab i ma nimma hoam traut; denn mei Muatta wenn mi findt, dö bringt mi um.“

„No, no, so g’fährli werd’s net sei; dei Muatta werd aa koa Ungeheuer sei! Geh nur wieder schö hoam!“ So redete sie mir zu und tröstete mich und nahm mich mit in die Stube, gab mir einen Kaffee, rief ihrem Mann und erzählte ihm, was ich ihr gesagt hatte. Der brachte mich dann am Vormittag wieder mit der Bahn nach München zurück zu meinen Eltern und bat sie, mich nicht zu strafen; denn ich sei anscheinend recht krank.

An dem Tag hat meine Mutter mich nicht geschlagen, doch redete sie mich mit keinem Worte an und tat, als sei ich gar nicht da. Am Abend aber mußte der Vater einen Arzt holen, weil ich heftiges Fieber hatte. Während der schweren Lungenentzündung, an der ich nun lange krank lag, hat der Vater mich fast allein gepflegt; denn die Mutter sprach nur das Nötigste und kümmerte sich im übrigen nicht um mich. Das verlorene Geld hatte die Frau Kommerzienrat ihr inzwischen ersetzt.

Etliche Wochen später kam mein Großvater, und als ich mit ihm allein war, begann ich ihm weinend mein Leid zu erzählen. Da wurde er recht aufgebracht und sagte, er wolle gleich mit der Mutter reden; aber ich bat ihn, dies nicht zu tun; denn was wäre die Folge gewesen! Auf meine Bitten versprach er mir, ich dürfe, wenn die Mutter mich noch länger so behandle, wieder zu ihm. Das geschah denn auch bald auf die folgende Begebenheit hin.

Ich hatte zwei Freundinnen, die bei uns im Hause wohnten, und die ich an den Sonntagen nachmittags manchmal besuchen durfte, wenn die Eltern fortgingen. Da sprachen wir denn über verborgene Dinge und trieben mancherlei Heimliches, was wohl die meisten Kinder in diesem Alter, ich war damals elf Jahre alt, tun. Auf Verschiedenes, was ich nicht wußte, war ich freilich erst durch meinen Beichtvater und Religionslehrer aufmerksam gemacht und durch seine Fragen dazu verführt worden.

„Hast du dich unkeuschen Gedanken hingegeben?“ pflegte er bei der Beicht zu fragen. „Wie oft, wann, wo, über was hast du nachgedacht? — Hast du da an unzüchtige Bilder oder an Unreines am Menschen oder an Tieren, an gewisse Körperteile gedacht und wie lange hast du dich dabei aufgehalten? — Hast du unzüchtige Lieder gesungen, schamlose Reden geführt mit andern Kindern? — Hast du dich unkeuschen Begierden hingegeben? — Ist dir niemals die Lust angekommen, einen unreinen Körperteil an dir zu berühren? — Hast du dieser Begierde nachgegeben? — Wann, wo, wie oft, wie lange hast du dich bei dieser Sünde aufgehalten? — Hast du das mit dem Finger, mit der Hand oder mit einem fremden Gegenstand getan? — Hast du mit andern Kindern Unkeuschheit getrieben? — Wie habt ihr das gemacht? — Hast du Tieren zugesehen, wenn sie Unreines taten? — Hast du Knaben angesehen oder berührt an einem Körperteil?“

Als der Herr Kooperator das erstemal so fragte, erschrak ich heftig; denn, wie gesagt, wußte ich von manchem dieser Dinge noch gar nichts und schämte mich sehr. Mit jeder neuen Beichte aber verlor sich diese Scham mehr und mehr; besonders, seit er mich in der Religionsstunde des öfteren aufforderte, ihn zu besuchen, unter dem Vorwand, ihm etwas zu bringen, wobei er dann in seiner Wohnung mich unter Hinweis auf die letzte Beichte wieder bis ins einzelne über diese Dinge ausfragte.

Davon sprachen wir Mädchen nun auch auf dem Schulweg oder wenn wir in der Pause beisammen waren, und die eine erzählte der anderen ihre kleinen Sünden.

Da wurde ich eines Tages zu dem Herrn Oberlehrer gerufen, und als ich vor ihm stand, begann er in strengem Ton: „Ich habe durch eine deiner Mitschülerinnen vernehmen müssen, daß du in Gemeinschaft mit andern Mädchen unsittliche Handlungen vollführt hast. Ich muß dich deshalb ebenso wie die andern, die dir wohl bekannt sind, mit Karzer bestrafen. Deinen Eltern wird es mitgeteilt werden. Hast du darauf etwas zu erwidern?“

Ich hatte nichts zu erwidern und machte mich, nachdem ich um sechs Uhr aus dem Karzer entlassen war, zitternd auf den Heimweg; denn ich wußte, wie es mir ergehen würde. Geraden Weges heimzugehen vermochte ich nicht, sondern ich kam auf einem Umweg in die Isaranlagen, wo ich mich auf eine Bank setzte und überlegte, ob ich nicht lieber ins Wasser springen sollte. Am End aber siegte doch die Schneid und ich stand auf und ging nachhaus.

Ganz langsam schlich ich mich dort über die Stiegen hinauf, stand lange vor der Wohnungstür und betete: „Vater unser, der du bist im Himmel! Laß mi net umbracht werdn! Heilige Maria, Mutter Gottes, laß mi net derschlagn werdn! Heiliger Schutzengel, hilf mir do! I will’s g’wiß nimma toa!“

Endlich läutete ich.

Hinter der Tür aber lehnte schon der Totschläger; und als ich eintrat, empfing mich die Mutter mit einem wuchtigen Schlag. Hierauf gebot sie mir, mich auszuziehen. Als ich im Hemd war, schrie sie mich an: „Nur runter mit’n Hemd! Nur auszogn! Ganz nackat!“

Darauf mußte ich niederknien, und nun schlug sie mich und trat mich mit Füßen wider die Brust und den Körperteil, mit dem ich gesündigt hatte. Da schrie ich laut um Hilfe, worauf sie mir ein Tuch in den Mund stopfte und abermals auf mich einschlug. Dabei trat ihr der Schaum vor den Mund, und keuchend schrie sie mich während der Züchtigung an: „Hin muaßt sein! Verrecka muaßt ma! Wart, dir hilf i!“

Als sie erschöpft war, rief sie dem Vater, der im Schlachthaus gearbeitet hatte, und ruhte nicht eher, bis auch er den Stock nahm und mich noch einmal strafte. Darauf sperrten sie mich in meine Kammer und gingen fort.

Durch meine Hilferufe war die Frau Baumeister Möller, die über uns wohnte, aufmerksam geworden; und als sie mich in meiner Kammer noch lange Zeit laut weinen hörte, rief sie mir von ihrem Balkon aus zu: „Warum hat s’ di denn wieder so g’prügelt? Komm, mach auf, dann komm i zu dir nunter!“

Ich sagte ihr, daß ich eingesperrt sei. Da rief sie unserm Nachbarn, dem Schlosser. Der mußte aufsperren; und als sie hereinkam und mich sah, erschrak sie sehr; denn mir lief das Blut über die Arme und den Rücken herunter und Brust und Leib waren ganz blau und verschwollen. Sie war so erregt über die mir widerfahrene Behandlung, daß sie meiner Bitte, mich zu meinem Großvater zu bringen, sofort nachgab. Sie zog mich sauber an und wir fuhren noch mit dem Abendzug heim.

 

Es war schon tiefe Nacht, als wir ankamen, und ich mußte lange unter dem Fenster rufen, bis mich die Großeltern hörten. Der Großvater öffnete das Haus und fragte, indem er uns in die Stube führte, erschreckt: „Insa liabe Zeit! Lenei, wo kimmst denn du no so spat her? Was is denn nur grad passiert und wer is denn dös Wei da?“

Da berichtete ihm Frau Möller kurz das Geschehene, worauf er sagte: „Naa, Dirnei, da kimmst ma nimma eini! Jatz bleibst bei mir da; so viel ham ma, daß ’s g’langt!“

Nachdem die Frau Baumeister die Einladung des Großvaters, bei uns zu übernachten, ausgeschlagen und sich nach einem Gasthof begeben hatte, wollte die Großmutter mich ausziehen; aber sie mußte mich erst in ein Schaff mit Wasser setzen, bevor sie die an den Wunden klebenden Wäschestücke vom Körper lösen konnte. Als ich endlich nackt vor ihnen stand, geriet der Großvater vor Zorn ganz außer sich und schrie, daß alles zitterte: „Dös muaß ma büaßn, dös Weibsbild, dös verfluachte! Oonagln tua i’s! Aufhänga tua i’s! Umbringa tua i’s!“

Nach dem Bad wurde ich mit sauberen Linnen abgetrocknet und die Großmutter holte den Salbtiegel und begann meinen „Wehdam einzuschmierbn“. Der Großvater aber nahm die Kinderstup und stäubte, finster vor sich hingrollend, mit dem Pudermehl meinen Rücken, die Arme und Beine ein, während der Hausl mit weit hinter sich hinausgespreizten Armen in der Stube auf und ab schritt und nur von Zeit zu Zeit den Kopf schüttelte oder ausspuckte.

Andern Tags in der Früh holte der Großvater den Bader, der mir überall, wo es vonnöten war, ein Pflasterl auflegte und dafür sorgte, daß möglichst Viele die Begebenheit inne wurden. Die Großmutter aber mußte des Vaters Feiertagsgewand herrichten; denn er wollte noch am Vormittag in die Stadt fahren. Ehe er fortging, sagte ich ihm noch den Grund, warum die Mutter mich so gestraft; doch erwiderte er aufs neue erzürnt nur: „Dös is gleich! So was redn alle Kinder amal; dös tuat a jeds Kind amal. Dös is dös G’fahrlicha no lang net!“

Als er von München zurückkam, sprach er, wie das so seine Art war, mit keinem Wort mehr von der Sache; aber ich durfte wieder ein ganzes Jahr bei den Großeltern bleiben.

Im September dieses Jahres war im Dorf das große Haberfeldtreiben; kurz vorher starb unser Hausl ganz plötzlich und ohne irgend eine Vorbereitung.

Es war ein recht schwüler Augusttag gewesen und der Hausl hatte schon seit dem Morgen über die Hitze und seinen großen Durst gejammert; doch reute ihn immer wieder das Geld zu einem Trunk Bier. Am End aber konnte es die Großmutter nicht mehr mit ansehen und sagte: „Geh, Hausl, laß dir halt vo da Lena a Bier holn! Wenn di’s Geld gar a so reut, na zahl’s halt i!“

Da fühlte er sich doch in seinem Stolz gekränkt und sagte: „In Gott’s Nam’, Handschuasterin, laßt halt a Halbe holn!“

Mit diesen Worten schlürfte er in seine Kammer, riegelte hinter sich zu und brachte nach einer geraumen Weile die paar Kreuzer heraus.

Da legte die Großmutter noch ein Zehnerl darauf und sagte zu mir: „Lenei, holst glei a Maß, na derfa ma aa amal trinka.“

Als ich dann den vollen Krug vor ihn hinstellte, brummte er ärgerlich: „Warum habt’s denn enka Bier net in an andern G’schirr g’holt! Woaß ma net, was oan zuaghört und was net!“

Damit nahm er den Krug, setzte sich auf das Kanapee und trank; die Großmutter und ich aber saßen am Tisch, wartend, daß er sage: „Da, dös g’hört enk.“

Doch er sagte nichts, so daß ich bei mir dachte: „Der trinkt ja dös unsa aa no aus!“

Auf einmal läßt er die Hand mit dem Krug sinken und neigt den Kopf tiefer und tiefer. Da schreit auch schon die Großmutter: „Jess Mariand Josef, Hausl, der Kruag fallt oicha!“ und springt hinzu und will ihn auffangen.

Aber die knöchernen Finger umklammern fest den leeren Krug und sind eiskalt. „Gott steh ma bei! Was is denn dös?“ kreischt sie auf; denn der Hausl war tot.

Als er eingegraben wurde, kamen seine Verwandten und fielen über seine Sachen her. Dabei stritten sie heftig, und als sie endlich eins waren und wieder fortgingen, sagten sie zum Großvater: „So, Handschuasta, was jatz no da is vo eahm, dös g’hört enk.“

Da war aber nichts mehr da wie sein alter, gestrickter Janker. Den nahm ich vom Nagel, und während ich ihn betrachte und betaste, greif ich unwillkürlich auch in die Taschen und finde darin einen Schlüssel. Da fällt mir sein Wandschränklein ein. Ohne ein Wort lauf ich in die Kammer und sperre zu, suche nach dem Pünktlein, kratze den Kalk von der Wand und bringe am End nach vieler Müh das Türlein auf. Da lagen in dem Kästlein weit über hundert Mark Geld, ein Haufen Silberknöpfe und alte Münzen, seine silberne Uhr mit der Kette und den großen Talern daran und etliche schöne, silberbeschlagene Bestecke und silberne Löffel; daneben sein Rasierzeug und ein kleines, hölzernes Spieglein.

Voller Freude riß ich die Kammertür auf und rief: „Großvata, da geh rei! I hab was g’fundn vom Hausl und dös g’hört alles uns!“

Als der Großvater meinen Fund sah, war er zuerst sprachlos vor Verwunderung; dann aber sagte er: „Dirnei, dös g’hört alls dei. Du bist eahm dö Liaba g’wen und dir hätt er’s do vermacht.“

Der Großmutter war das auch recht, und so haben sie mir die Sachen immer aufgehoben. Als aber nachher der Großvater starb, sind die Verwandten darüber gekommen und mir ist nichts geblieben als das Spieglein und das Besteck. Das nahm dann meine Mutter in Verwahrung, und so hatte ich nichts mehr.

Die Rede, welche der Herr Pfarrer am Grabe unsers Hausl gehalten hatte, war wieder eine Verdammungsrede gewesen; eine noch schlimmere aber hielt er kurze Zeit danach dem Schmittbauern, dem reichsten der Gemeinde, den auch der Schlag getroffen. Dieser Mann war in der ganzen Umgegend wegen seiner Gutherzigkeit und Rechtlichkeit angesehen und beliebt; nur beim Pfarrer stand er schlecht angeschrieben. Einen besonderen Groll auf ihn hatte auch der Posthalter, der sich gern durch den Bau einer Straße berühmt gemacht hätte, daran aber durch einen Acker des Schmittbauern gehindert wurde, den dieser um keinen Preis hergeben wollte. Ein jahrelanger Prozeß war zugunsten des letzteren entschieden worden.

Nach der Beerdigung begaben sich nun damals die Leidtragenden, die in großer Zahl von nah und fern gekommen waren, zum Leichenschmaus beim Huberwirt. Nur einige waren noch am Gottesacker zurückgeblieben und hörten dort, wie der Posthalter mit Bezug auf die Rede des Pfarrers zum Lehrer sagte: „Recht hat er g’habt, der Herr Hochwürden! Dem g’hört ’s net anderscht. Mit dene werdn ma aa no ferti; mir zoagn ’s eahna scho!“

Diese Worte hinterbrachten die Bauern, die sie gehört hatten, sofort den beim Leichentrunk Versammelten, und nun kannte die Erbitterung keine Grenzen. Zur Stund ward beschlossen, den Schmittbauern zu rächen.

Am Samstag vor dem Fest Mariä Geburt erschienen bei anbrechender Nacht plötzlich etliche hundert Männer mit geschwärzten Gesichtern im Ort, zogen, mit Sensen, Dreschflegeln, Heugabeln und Äxten bewaffnet, durch das Dorf und sangen Trutzlieder auf die Geistlichkeit und besonders auf unsern Pfarrer. Dazu vollführten sie mit Johlen, Pfeifen und Zusammenschlagen der Äxte und Sensen einen höllischen Lärm. Vor dem Pfarrhof angelangt, schlugen sie dort die Fenster ein, beschmierten die Türen mit Schmutz, hieben die Obstbäume um oder rissen sie aus; sogar den Heustadel wollten sie in Brand setzen, doch zündete es nicht.

Danach zogen sie zum Posthalter und besudelten dem alle Fensterscheiben und Läden mit Menschenkot, den sie in einem großen Kübel mitführten, und schrieben an das große Tor der Einfahrt mit einem langen Pinsel, der mit demselben Schmutz getränkt war, diesen Vers:

Auf’n Pfarrer is g’schissn

Auf’n Posthalter damit,

Warum hant s’ so verbissn

Am Sebastian Schmitt.

Noch am andern Tag konnte jedermann diese Worte lesen.

Von den Gendarmen hatte keiner gewagt, sich den Haberern in den Weg zu stellen, und eine Untersuchung, die man später einleitete, hatte nicht den geringsten Erfolg; denn keiner verriet den andern, weil man noch von Hausham her wußte, daß das Haberfeldtreiben sehr streng bestraft wurde.

Geraume Zeit ging noch die Rede von diesem Treiben, und an den langen Winterabenden, wenn die Großmutter mit der Huberwirtsmarie und der alten Sailerin, einer achtundneunzigjährigen Greisin, in der Stube saß und spann, während der Großvater auf der Ofenbank lange, kunstvolle Späne schnitt, fiel noch manches Wort über diese Geschichte.

Aber auch andere abenteuerliche und seltsame Dinge wurden da erzählt. Besonders die Sailerin, im Dorf nur die alt’ Soalagroß’ genannt, die wegen ihrer bösen Zunge sehr verrufen und von manchen als Hexe gefürchtet war, wußte aus längst vergangener Zeit die wunderlichsten Begebenheiten zu berichten: von Leuten des Dorfes, die durch ihren sündhaften Lebenswandel den Teufel selber zu Gaste geladen und mit ihm wirkliche Verträge abgeschlossen hatten. Sie war selber Zeuge gewesen, wie ein Bauer in jungen Jahren verliebt war in das Weib eines Nachbarn; wie er diesen eines Mordes an einem armen Handwerksburschen zieh und, nachdem der Unglückliche peinlich verhört und am Ende unschuldig zum Tode verurteilt worden, die Wittib heiratete. Da kam eines Tages der Teufel in Gestalt eines fürnehm gekleideten Herren zu ihm und wollte eine Kuh kaufen. Als ihn der Bauer in den Stall führte, fing alles Vieh zu brüllen an und zeigte große Unruhe. Der Fremde suchte eine schwarze Kuh aus und zählte darauf den hohen Preis in lauter Goldmünzen auf den Tisch; und als der Bauer dieselben einstreichen wollte, verbrannte er sich die Hände, so heiß waren sie. Erschrocken sah er sich nach dem Fremden um; der aber war verschwunden und statt seiner stand eine erschreckliche Gestalt an der Tür und rief: „Wart nur! I kriag di scho no!“ Damit verschwand sie; die Kuh aber, die nicht geholt wurde, gab von Stund an blutige Milch. Etliche Wochen später wurde der Bauer tot und ganz schwarz auf dem Felde gefunden.

Oft nach dem Abendläuten sprachen sie auch von den verstorbenen Angehörigen, und da erzählte die Sailerin von den armen Seelen im Fegfeuer und wie sie denen helfen, die fleißig für sie beten. So sei einmal ihre Mutter am Herd gestanden und habe die Abendsuppe gekocht. Indem läutete es zum Angelus, und während sie halblaut den englischen Gruß betete und, wie gewohnt, noch ein Vaterunser für ihre verstorbene Mutter hinzufügte, tat sich die Haustür auf und herein lief eine alte Frau, die der Verstorbenen aufs Haar glich. Diese zog sie hastig mit sich über die Stiege hinauf, riß die Tür zum Heuboden auf, wies mit der Hand hinein und verschwand. Ihrer Mutter aber sei fast das Herz stillgestanden vor Schreck: ganz oben unter dem Dach hing ihre Lisl mit dem zerrissenen Rock an einem Nagel des Gebälks und konnte jeden Augenblick hinunter auf den Dreschboden stürzen. Das Kind, das die Katze bis dorthin verfolgt hatte, konnte nur mit vieler Mühe gerettet werden.

Auch wußte sie viel von alten Sitten und Gebräuchen: so legten in der Thomasnacht die jungen Mädchen die gekochten Beinlein eines in der Nacht zum Andreastage getöteten Marders, einige Hollunderzweige, die am St. Barbaratag abgeschnitten worden, und einen Zettel, darauf ein geheimnisvolles Gebet geschrieben stand, auf die Schwelle ihrer Kammertür. In der Mitternachtsstunde erblickten sie dann, wenn sie in den Spiegel sahen, ihren Hochzeiter. Auch eine ihrer Schwestern habe einmal, nachdem sie alles recht gemacht, dies getan; aber mit einem lauten Aufschrei sei sie davongestürzt; denn statt eines jungen Mannes habe der Tod aus dem Spiegel geschaut. Nach langem Siechtum sei sie dann auch wirklich unverheiratet gestorben.

Atemlos lauschte ich stets diesen Erzählungen und bekam nach und nach eine große Hochachtung vor der alten Sailerin; und da sie immer recht freundlich mit mir war und auch bei den Großeltern viel galt, hielt ich mich häufig bei ihr auf. Da konnte ich denn, als das warme Frühjahr wiedergekommen, oft stundenlang bei ihr auf der Hausbank sitzen, wo sie den ganzen Tag über die Vorübergehenden prüfend betrachtete und mit sich selber lange Gespräche führte, während ihre Hände unablässig an einem ungeheuern Strumpfe strickten. Dies Stricken und Mitsichselberreden war ihr schon so zur zweiten Natur geworden, daß sie überall, wo sie ging und stand, die Lippen und die Zunge bewegte und in den gefalteten Händen die Daumen umeinanderdrehte.

 

Während dieses Jahres gebar die Mutter in München ihr zweites Kind, den Maxl. Kurz zuvor hatte der Vater sein ganzes Geld, bei dreißigtausend Mark, auf dem Anwesen, das er gekauft hatte, durch einen Bauschwindler verloren, so daß er sich an eine Brauerei um Hilfe wenden mußte. Diese gab ihm, nachdem sie ihn eine Zeitlang in ihrer Flaschenfüllerei beschäftigt hatte, eine Kantine im Lechfeld. Den Hansl nahm die Mutter mit, und der Maxl kam zur Großmutter in die Kost.

Nach einem Jahr schrieb die Mutter, man solle uns wieder nach München schicken, und sie versprach, mich jetzt besser zu behandeln; es gehe ihnen gut und sie hätten im Lechfeld so viel Gewinn gehabt, daß der Vater in München wieder eine Wirtschaft pachten könne.

So brachte mich denn der Großvater wieder in die Stadt, nicht ohne Kummer und Besorgnis. Doch behandelte mich meine Mutter jetzt wirklich besser und sparte nicht an Lob und Belohnung, wenn ich etwas zu ihrer Zufriedenheit gemacht hatte. Zu Weihnachten schenkte sie mir eine Puppe, die so groß wie ein zweijähriges Kind war und einen wunderschönen, wächsernen Kopf mit echtem Haar hatte. Doch die Freude währte nicht lange; bald nach Ostern nahm sie mir die Puppe weg, weil ich zu viel Zeit mit dem Spiel vertrödelte, und schenkte sie später der Großmutter für die Kostkinder. Die Großmutter aber hob sie noch lange Jahre für mich auf und gab ihr einen Ehrenplatz in der Künikammer. Der Tag meiner Firmung brachte dann eine weitere Enttäuschung, wohl die bitterste, die ein Mädchen in diesem Alter erleben kann; denn noch an dem gleichen Tage verkaufte die Mutter mein weißes Firmkleid an den Vetter Bastian, einen Fuhrknecht, der es für seine Tochter brauchte und ich mußte mich in meinem alten Sonntagskleid von der Nanni, meiner Firmpatin, in den Methgarten an der Schwanthalerstraße führen lassen, wo die andern Firmlinge in ihren weißen Kleidern und mit der offiziellen Firmuhr prangten und mich verächtlich von der Seite ansahen und von mir wegrückten. Das Firmgeschenk, das mich sehr freute, bestand in dem silbernen Geschnür, der Halskette und Riegelhaube der Nanni; es wurde aber bald danach alles von der Mutter verkauft mit dem Versprechen, ich bekäme etwas Praktischeres dafür.

Die Tante Babett hatte inzwischen ihre Stellung wieder aufgegeben und war als Kinderfrau in dem Hause meiner Eltern angenommen worden. Unter ihrem Einfluß wurde auch die Mutter fromm und ging von nun an jede Woche zur Beichte und zum Tisch des Herrn, fast jeden Tag in die Messe, hörte jede Predigt, wurde Mitglied aller Erzbruderschaften und des dritten Ordens und machte Wallfahrten. Zu Hause aber schimpfte und fluchte sie mit bösen Worten, und die Dienstboten und ich waren in ihren Augen keine Menschen.

Weil ich nun von dieser Frömmigkeit, die vor allem den Pfarrern zu gefallen suchte, nichts wissen wollte, mußte ich gar viele Mißhandlungen und Schmähungen von der Tante Babett ertragen, der jede Gelegenheit willkommen war, über mich bei der Mutter zu klagen und ihr meine Zukunft und mein Seelenheil als hoffnungslos vorzustellen. Ich wurde darum jetzt gezwungen, jeden Morgen um sechs Uhr die heilige Messe zu besuchen und alle vierzehn Tage zu beichten. Da ward es mir oft seltsam zumut, wenn ich, kaum von der Kommunionbank weg, hören mußte, wie die Mutter wegen jeder Kleinigkeit die gräßlichsten Flüche ausstieß und doch ihre Frömmigkeit für eine echte und heilige hielt.

Zu dieser Zeit kam von Niederbayern eine zweite Schwester meines Stiefvaters zu uns. Es waren daheim noch mehrere; denn der Vater meines Stiefvaters hatte vierzehn Frauen gehabt, mit denen er neununddreißig Kinder zeugte. Als er mit dreiundzwanzig Jahren das erstemal heiratete, kurz, nachdem sein Vater, der reichste Bauer vom ganzen Rottal, unter Hinterlassung von mehr denn einer Million Gulden gestorben war, brachte ihm die Frau noch über hunderttausend Gulden Heiratsgut mit, und als nach einem Jahr ihr das Wochenbett zum Todbett ward, erbte er noch ihr ganzes übriges Besitztum; denn sie war eine Waise. Kurz danach nahm er die zweite Frau, eine Magd, mit der er sechs Jahre lebte und vier Kinder hatte. Als sie an der Wassersucht gestorben war, heiratete er noch im selben Jahr eine Kellnerin, die er aber nach wenigen Monaten davonjagte, als er eines Tags den Oberknecht bei ihr im Ehebett fand. Die vierte Frau, die Tochter eines reichen Gutsbesitzers, holte er sich aus dem bayerischen Wald, verlor sie aber schon nach zwei Jahren, nachdem sie ihm ein Kind geboren hatte. Die Leute erzählten, er habe sie durch sein wüstes, ausschweifendes Leben zugrunde gerichtet. Bald nach ihrem Tode nahm er mit dreiunddreißig Jahren die fünfte Frau, die ihm vier Kinder mit in die Ehe brachte, von denen böse Zungen behaupteten, daß sie von ihm gewesen; denn diese Frau hatte er zuvor als Oberdirn auf seinem Hof gehabt. Während einer fünfjährigen Ehe gebar sie ihm zweimal Zwillinge und einen Buben, an dem sie starb. Man sagte aber auch, sie sei aus Kummer krank geworden; denn um diese Zeit hatte er begonnen, offen ein wüstes Leben zu führen. Als Viehhändler trieb er oft zwanzig bis dreißig Stück Rinder oder auch Pferde zu Markte und hielt danach mit andern Genossen große Zechgelage. Hierbei wurde gewürfelt, und da er sehr hoch spielte, verlor er oft seine ganze Barschaft samt dem Erlös und mußte nicht selten noch Boten heimschicken um Geld.

Inzwischen war die Frau, von der er sich hatte scheiden lassen, an der Schwindsucht gestorben, so daß er nun, als er mit neununddreißig Jahren das sechstemal heiratete, wieder kirchlich getraut wurde; doch, noch ehe ein Jahr um war, starb die Frau im Kindbett. Nun holte er sich ein Weib aus Österreich, eine junge, sehr schöne Linzerin. Von ihr berichtet man, daß er einmal, als er den ganzen Erlös für das verkaufte Vieh und all sein bares Geld verloren hatte, sie auf einen Wurf setzte und an einen reichen Gutsbesitzer um tausend Mark für eine Nacht verspielte. Während dieser Nacht soll sich die Frau gar sehr gewehrt und den Gutsherrn so schwer an der Scham verletzt haben, daß er bald darauf sterben mußte. Mit dieser Frau lebte er acht Jahre sehr unglücklich, und nachdem sie ihm zehn Kinder geboren hatte, starb sie an dem letzten. Kurz darauf heiratete er mit fünfzig Jahren zum achtenmal und hatte während einer sechsjährigen Ehe sechs Kinder. Auch diese Frau hatte keine guten Tage bei ihm; denn ihr eingebrachtes Vermögen war gleich dem der anderen Frauen bald verspielt, und nun mißhandelte er sie oder verfolgte sie im Rausch mit seinen Zärtlichkeiten, was das gleiche war; denn er war herkulisch gebaut und massig wie seine Stiere. Auch hatte er noch zu ihren Lebzeiten eine heimliche Liebschaft mit einer anderen, die nach ihrem Tode seine neunte Frau wurde, aber schon nach vierjähriger Ehe mit sechsundzwanzig Jahren an ihrem vierten Kinde starb.

Obwohl nun im Orte heimlich die Rede ging, daß er seine Frauen auch im Kindbett besuche, davon ihnen das Blut gehend worden wär und daran sie gestorben seien, willigte doch eine Nähterin aus der Pfarre in des Vierundsechzigjährigen Heiratsantrag; denn sie hatte schon zwei erwachsene Kinder von ihm. Doch auch ihr wurde das gleiche Schicksal und sie starb nach zwei Jahren zugleich mit dem Kinde im Wochenbett. Mit siebenundsechzig Jahren heiratete er zum elftenmal, und als die Frau schon nach zwei Monaten gestorben war, ging er mit neunundsechzig Jahren die zwölfte Ehe ein. Mit dieser Frau lebte er vier Jahre und nahm nach ihrem Tode mit vierundsiebzig Jahren die dreizehnte. Diese letzten Ehen waren alle unglücklich; denn daheim prügelte er die Frauen und in den Wirtshäusern verspielte er alles, was er besaß. Beim Tode der dreizehnten Frau hatte er nichts mehr, und als er jetzt mit neunundsiebzig Jahren in das Armenhaus kam, fand er da eine Armenhäuslerin, die seine vierzehnte Frau wurde. Mit ihr lebte er noch sieben Monate und starb danach als Bettler; sie hat ihn dann noch kurze Zeit überlebt.

Die zweite Schwester meines Vaters, die vierzehnjährige Zenzi, kam damals grad aus dem Kuhstall zu uns und sollte jetzt die Haus- und Küchenarbeit lernen. Gleich nach ihrer Ankunft ließ auch ihr die Mutter die Haare abschneiden, und ich mußte ihr alle Tage das Ungeziefer vom Kopf suchen. Dann mußte ich sie beten lehren; denn sie konnte nicht einmal das Vaterunser, worüber die Mutter sehr aufgebracht war. So wenig angenehm diese Aufträge für mich waren, so belustigend war es anderseits, ihr bei der Hausarbeit zuzusehen, besonders wenn sie mit dem Schrubber putzte. Da hob sie, wenn sie zu wischen begann, das Bein in die Höhe, wie man es auf dem Felde tut, um die Gabel in den Mist zu treten, und sang dazu. Gewöhnlich war es das Lied von der unglücklichen Fahrt über den Inn, bei der fünf Burschen und drei Mädchen ertranken, und das ein Bauernbursche aus dem Rottal gedichtet hatte. Sie sang es ohne Stimme und Gehör, und das Lied lautete:

Leut, seid’s a weng ruhig

Und mirkt’s a weng auf,

Und den trauringa Fall

Leg enk ich wieda auf.

Und den heuringa Jahrgang,

Den ma achtadachtzg schreibt,

Den hamand dö altn Leut

Scho lang prophezeit.

So viel Wolkenbrüch und Hagelschlag

Wia heuer san g’west;

A Schauer geht oan über,

Wenn ma d’Zeitunga lest.

Will koa Mensch nimma betn,

Halt neamd nix für a Sünd;

Wen tat’s’n da wundern,

Wenn über uns nixn kimmt.

Und gehn ma von dem wega

Und drah’ ma uns anderscht wo ei,

Und den oasa’zwanzigstn Mai

Muaß der Pfingstmontag sei.

Da hat’s in Pocking in Bayern

Zwoa Pferderennats gebn;

Die Witterung war günstig

Und hübsch lustig is aa g’wen.

Es kimmt a Menge Menschen z’samm,

Ja dös Ding, dös is leicht;

Aba net grad vom Haus Bayern,

Sondern auch vom Haus Österreich.

„Das Renn’ ging glücklich vorüber,“

So hört man allgemein lobn,

Aber die Heimkehr auf Östreich

War traurig genung.

Fünf bluatjunge Burschen

Von oana Pfarr z’haus,

Dö gehnd in Tod hinüber

Kimmt koana mehr raus.

Sie glaubn, sie gehnd über Schärding,

Aber, weils Wasser zu hoch

Und der Umweg zu weit,

Wann ma’s wirklich betracht.

Da sagt der Brüahwassermathias:

„Dös war ma scho z’dumm!

Mir fahrn den pfeilgradn Weg

Vorüber in Hunt!“

Sie sitzn si eini

Und haltn si mäusstad,

Aba mitn Hong ham sie si vostocha,

Jatz hot’s as halt draht.

„Jesus, Maria und Josef!“

War das Jammergeschrei;

Drei hand auskemma,

Aba mit acht is vorbei.

Fünf hand vo Österreich

Drei hand vo Boarn

Und oana davo

War bal ganz vergessn wordn.

Und am oasa’zwanzigstn Mai

Werdn die Gottsdeansta g’haltn,

Aber der Schmerz vo dö Eltern

Is net zum aushaltn.

Jatz pfüat enk Gott, Eltern!

Die Gräber hand zua,

Teat’s fei für uns betn

Um dö ewige Ruah!

Sang sie nicht, so war das ein Zeichen ihrer schlechten Laune, und da konnte sie dann auch bösartig sein und einem alles zum Trotz tun. Schalt ich sie, so lief sie zu ihrer Schwester, der Tante Babett, diese lief zur Mutter und die Mutter kam über mich; und hatte ich zuvor nur eine wider mich gehabt, so waren es jetzt drei.

Da überwarf sich die Tante Babett mit meinem Vater und verließ ganz plötzlich das Haus. Es war nämlich aufgekommen, daß sie jeden Morgen auf einem Umweg in die Kirche gegangen war. Auf diesem Weg aber wohnte ein Bräubursch. Der hat sie jedoch nicht geheiratet, weil sie, wie er sagte, ihm zu fromm sei und es mit den Pfarrern hielte. Nach ihrem Weggang wurde die Zenzi in der Küche und dem Hauswesen verwendet und ich mußte wieder die Kindsmagd machen.

Da geschah es oft des Abends, daß die Kinder nicht einschlafen wollten; ich mußte mich aber schicken, um wieder hinunter in die Wirtschaft zur Arbeit zu kommen. Da das Zureden nichts nützte, half ich mir schließlich auf folgende Weise: Aus einem Bettuch machte ich mir ein weißes Gewand, aus gelben Bierplakaten zwei Flügel und aus einem Lampenreif die Krone. So ging ich zu ihnen ins Schlafzimmer, wo nur ein rotes Nachtlicht brannte, trat an das Bett des zweijährigen Maxl und fing leise an zu singen. Ganz andächtig mit geschlossenen Augen hörte er mir zu, während der vierjährige Hansl mich beobachtete, ohne mich zu erkennen. Am andern Tag erzählte der jüngere es dem älteren und sagte: „Du, Hansl, heut auf d’Nacht is mei Schutzengel da g’wen mit goldene Flügeln und an weißen Kleid; der hat schön gsunga!“

Darauf sprach der Hansl: „I hab’s scho g’sehgn, aba i hab mi nix z’sagn traut, sonst hätt i’hn verjagt.“

Ich verbot ihnen, irgend jemandem etwas davon zu sagen und machte nun jeden Abend den Schutzengel.

Wie ich nun wieder einmal vor dem Bett stehe, geht die Tür auf und die Mutter kommt herein. Der Hansl ruft ihr noch zu: „Sei stad, Mama, da Schutzengel is da!“ als sie schon schreit: „Du Herrgottsakermentsg’ripp, du zaundürrs! Dir werd i’s austreibn, an Engl z’macha!“ Und damit reißt sie mir die Flügel herunter und jagt mich unter Püffen aus der Stube. Die Kinder begannen zu schreien und zu weinen und die Mutter beruhigte sie, indem sie sie über den Frevel, wie sie sagte, aufklärte und ihnen Schokolade gab.

Von der Stunde an betrachteten mich die Brüder mit kindlicher Verachtung und wollten mir lange nicht mehr folgen.

Dann kam eine Zeit, wo die Mutter mich wieder besonders quälte; sie war aber auch gegen andere Leute recht barsch, vor allem gegen den Vater. Dabei wurde sie immer stärker, und nun wußte ich, daß wieder ein Kind kam. Daß dem so war, das hatte ich eines Tages nach der Turnstunde erfahren, als ich mit mehreren Mädchen meiner Klasse, ich war damals dreizehn Jahr alt, nach Hause ging. Da begegnete uns eine Frau, die in andern Umständen war, und auf die Frage der Babett: „Warum is denn dö unten so dick und obn so mager?“ entgegnete ich: „Ja, weils halt ihr Korsett verkehrt anhat.“

„Du irrst!“ sagte darauf die Else, eine Lehrerstochter. „Die Frau trägt überhaupt kein Korsett, sondern die bekommt ein Kind.“

„Ja, die Else hat recht,“ mischte sich eine vierte, die Anna, ins Gespräch, „mei Mutter war auch so dick, dann ham ma zwoa Bubn kriegt; dann is s’ im Bett g’legn, und wie s’ wieder aufg’standn is, war s’ wieder ganz mager. Jetzt möcht i nur wissn, wie dö rauskomma san.“

„Das kann ich dir schon sagen,“ erwiderte die Else. „Mein Papa hat zu Hause ein Buch, darin hab ich’s gelesen: Wenn ein Mann mit einer Frau ins Bett geht und mit ihr was Schlimmes treibt, legt er ihr ein Ei in ihren Körper; dann tut er wieder was Böses mit ihr, dadurch kommt das Ei in den Magen der Frau, und die brütet es aus und aus dem Nabel kommt das Kind mittels der Nabelschnur.“

„Du spinnst ja!“ rief jetzt die Theres. „Da hast halt aa net recht g’lesn! I woaß von meiner Schwester, die von dem Doktor dös Kind hat: dös Ei liegt net im Magn, sondern im Bieserl. Da tut der Mann mit der Frau was Böses und dann kommt’s in Bauch und nach einem halben Jahr kommt ’s Kind unten raus. Und da braucht ma die Hebamm zum Aufschneidn und Zunähn.“

Mit Gruseln hörten wir zu und daheim untersuchte ich, als ich allein war, sogleich mit einem Spiegel, ob das mit dem Kind wirklich möglich sei; da hab ich gefunden, daß es unmöglich sei.

Aber die Mutter bekam bald danach doch den Ludwigl, und da ich in Ermangelung einer Wochenbettpflegerin alle bei einer Niederkunft notwendigen Arbeiten tun mußte, so konnte ich ziemlich den ganzen Verlauf der Geburt beobachten.

Als ich dann die Mutter laut jammern und klagen hörte, hatte ich viel Mitleid mit ihr und nahm mir zugleich fest vor, niemals mit einem Mann was Böses zu tun. Im übrigen hatte ich nicht viel Zeit zum Nachdenken; denn den ganzen Tag bis spät in die Nacht ging es treppauf, treppab und hieß es arbeiten, damit die Mutter zufrieden war.

Von dem Besuch höherer Schulen hielt meine Mutter damals noch nicht viel, und so mußte ich, als ich aus der Werktagsschule entlassen war, in die Mittwochschule gehen, die meist von Dienstmädchen und den Töchtern der Armen besucht wurde. Bei den geringen Anforderungen, die hier an die wenig wißbegierigen Mädchen gestellt wurden, war ich bald das verrufene und doch zur rechten Zeit vielbegehrte „G’scheiterl“ und brachte am Schluß des ersten Jahres die beste Note nach Hause. Zum Lohn dafür durfte ich mit einem jungen Mädchen aus dem Nachbarhause, das ebenso bleichsüchtig wie ich war, in den Ferien zu den Großeltern aufs Land.

Da nun mein Großvater damals schon ziemlich schwer erkrankt war, schien es der Großmutter um der Ruhe willen, deren der Kranke bedurfte, ratsamer, uns zur Nanni zu schicken. Diese hatte in einem unverständlichen Anfall von Besorgnis, daß das Anwesen in Westerndorf ihr zum Ruin werde, dasselbe verkauft und erst nach einem halben Jahr gemerkt, welch schlechten Tausch sie gemacht hatte, indem sie dafür eine ganz alte, morsche Hütte ohne Obstgarten in Haslach genommen, lediglich um der Äcker willen, die zwar bedeutend größer waren, aber jedes Jahr von schweren Hagelwettern heimgesucht wurden. Sie war also froh, etwas an uns zwei bleichen Hopfenstangen, wie sie uns nannte, zu verdienen. Freilich wäre ich gern beständig um meinen Großvater gewesen; aber die Großmutter litt meine Anwesenheit nie lange und schien förmlich eifersüchtig darauf zu sein, ihn allein zu pflegen. So streiften wir zwei Mädchen durch Wald und Wiesen, fingen Fische und Krebse und hingen mit einer Zärtlichkeit aneinander, daß wir nachts zumeist in einem Bett beisammen schliefen; ja, als wir nach Vakanzschluß wieder heimwärts fuhren, gelobten wir uns noch im Bahncoupé ewige Treue und Freundschaft.

Einige Monate später, es war an einem Dezembertag, rief meine Lehrerin mich kurz nach Beginn des Unterrichts hinaus und reichte mir ein Telegramm. Da ich schon seit einigen Tagen die Sorge um meinen kranken Großvater nicht los werden konnte und besonders in der letzten Nacht durch einen schweren Traum geängstigt ward, so war mein erster Gedanke: Er ist tot. Als ich die Worte: „Lenei, komm, Vater stirbt!“ gelesen hatte, rannte ich, ohne mich zu entschuldigen, oder meine Kleider und Schulzeug zu nehmen, halb besinnungslos nach Hause. Aber die Mutter ließ mich nicht fort, und so lief ich in Groll und Verzweiflung umher, weinte und schlug meine Fäuste gegen den Kopf und fand doch keinen Ausweg. Und als am andern Tag ein weiteres Telegramm kam des Inhalts: „Vater tot, wird Samstag früh eingegraben,“ war ich ganz gebrochen; denn es schien mir, als wäre mit dem Toten alle Hilfe und Stütze dahin. Jammernd und wehklagend lief ich durchs Haus und die Mutter erreichte weder mit guten noch bösen Worten etwas. Und als sie mir auf meinen Vorwurf: „Warum habt’s mi nimma zu ihm lassn!“ Strafe androhte, stürmte ich von der Wirtsküche die vier Stiegen hinauf und wollte mich in den Hof hinunterstürzen. Doch in diesem Augenblick riß mich jemand vom Fenster herab, worauf ich ohnmächtig zusammenbrach.

Von dem darauffolgenden Tage ist mir keine Erinnerung geblieben; am übernächsten Morgen aber war ich schon früh um fünf Uhr mit der Mutter auf dem Wege zur Bahn, beladen mit Kränzen und von Schmerz und dumpfer Trauer ganz betäubt. Ich weinte keine Träne mehr im Zug, wo wir mit den Verwandten der Mutter und den Kostkindern zusammentrafen. Stumm blickte ich aus dem Coupéfenster in die verschneite Landschaft und sah überall das gütige Antlitz des Toten.

Als wir daheim in die Stube traten, wo der Verstorbene aufgebahrt lag, stürzte ich der Großmutter, die auf dem Kanapee saß, an den Hals und wir vergaßen ganz, daß so viele mit ihr reden wollten. Als mich endlich die Mutter wegzog und sagte: „Komm, Mutter, red mit den Kindern!“ sah ich beim Aufstehen erst, daß die Frau ganz schneeweiß und fast erblindet war vor Gram und Kummer.

Indem traten die vier Männer, welche nach der Aussegnung den Sarg zum Friedhof zu tragen hatten, in die Stube. Flehentlich bat ich sie, ihn nochmals zu öffnen, damit ich den Großvater noch einmal sähe. Und als sie endlich meinen Bitten nachgaben, schrie ich laut auf vor Schreck und Weh: der Tote hatte Augen und Mund weit offen und war furchtbar entstellt, teils von dem entsetzlichen Leiden der letzten Tage, teils von der vorgeschrittenen Verwesung.

Da ertönte lautes Beten, und herein in die Stube trat der alte Pfarrer mit den Ministranten und dem Lehrer, die Leiche auszusegnen, gefolgt von einer teilnehmenden und neugierigen Menge.

Unter dem wimmernden Geläute des Totenglöckleins setzte sich der Zug in Bewegung. Ich führte die Großmutter, und wir waren beide ganz still geworden; meine Mutter aber hatte schon, während die Geistlichkeit ihre Psalmen und Gebete sang, laut zu schreien begonnen, und auf dem ganzen Wege durchs Dorf bis zum Gottesacker hörten wir ihr Schluchzen und Jammern.

Schier endlos war der Zug der Leidtragenden, und erst jetzt merkte man, wie geehrt und beliebt der Handschuster in der Gegend gewesen war; ja, lange nach seinem Tode konnte man noch gelegentlich hören: „Ja, der Handschuasta, dös is a kreuzbrava, rechtla Mo g’wen; da derfs lang geh, bis a söllana wieda amal z’findn is; mir hat er aa selbigsmal bei dem Brand mein Buam aus’n Feuer g’holt und hernach ’s ganze neue Haus umasinst ausg’weißt.“

Nachdem nun der Sarg niedergestellt und eingesegnet war, schickten die Männer sich an, ihn ins Grab hinabzulassen. Da vergaß ich alles um mich her und ganz in dem Gedanken, daß bei dem Toten auch für mich Ruhe sei, stürzte ich auf das offene Grab zu und fiel besinnungslos fast hinein. Man bemühte sich um mich, und als ich wieder zu mir kam, hörte ich eine alte Bäuerin neben mir sagen: „Dös is a schlechts Zoacha g’wen, i moan allweil, da Handschuasta holt si’s Lenei bal; schaugt a so aus wia dö teuer Zeit, dös Dirndl!“ Da hoffte ich im stillen, dieses Zeichen würde bald wahr werden, und wurde wieder ruhig, so daß man mich abermals ans Grab führen konnte.

Der Herr Pfarrer hielt eben die Grabrede und sprach gerade von dem felsenfesten Glauben, den der Verstorbene in all seinem Tun gezeigt habe: „Herr, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen; aber auf dein Wort hin will ich das Netz nochmals auswerfen! Diese Worte des heiligen Petrus hat der Handschuster sich in allen Lebenslagen zur Richtschnur gesetzt. Es war ihm gleich, ob bei einer Arbeit, einer Dienstleistung oder einem guten Werk etwas herausschaue und zu profitieren sei, oder ob er dies Werk umsonst verrichten müsse. Ihm genügte es, daß seinem Nachbar damit geholfen war. Dieser seiner Überzeugung verdanken auch die hier versammelten Leidtragenden und Kostkinder des Handschusters ihre wohlbegründete Existenz, ja teilweise ihren Wohlstand, und haben sie ja selbst, wie sie durch ihr Hiersein beweisen, gegen den teueren Verstorbenen und dessen selbstlose Liebe und Fürsorge einer Pflicht der Dankbarkeit genügen wollen. Dieser große Glaube, der nicht fragt und nicht zweifelt, nicht zögert und nichts verbessern will, dieser Glaube überzeugt auch mich davon, daß unser lieber Herr, gleich wie zu Petrus, auch zu ihm sagt: ‚Selig bist du, weil du geglaubt hast!‘ Weinet nicht, die ihr hier am offenen Grabe steht; er wird auferstehen. Weine nicht, treue Mutter, die du ihn gepflegt hast Tag und Nacht und mit ihm getragen hast Freud und Leid, Sorg und Arbeit in stiller Entsagung dessen, was andern die Ehe bietet! Viele sind berufen, wenig auserwählt, und wer es fassen kann, der fasse es. Drum weine nicht, Mutter der Gemeinde, Mutter unserer Verlassenen und Verwaisten; weinet nicht, ihr Kinder; denn er will nicht euere Tränen, sondern euer Gebet. Darum wollen wir uns vereinigen zu einem andächtigen Vaterunser und Ave-Maria.“

Nach dem Trauergottesdienst in der Kirche, der dem Begräbnis folgte, begaben sich meine Mutter, die Nanni mit ihren Angehörigen, der Bastian und die Kostkinder zum Huberwirt, um den Leichenschmaus zu halten. Die Großmutter wollte nicht mitgehen; doch ließ sie sich am End überreden, wenigstens in der Wirtsküche ein paar Worte mit einigen Bekannten und dem Huberwirt zu sprechen. Ich war mit in die Gaststube getreten und stand nun in einer stumpfen Teilnahmslosigkeit am Ofen, während die Verwandten, noch ehe sie die Wintermäntel abgelegt hatten, in lebhaften Streit geraten waren wegen der Habseligkeiten des Großvaters, die noch nicht verteilt worden. Jedes wollte das schönste und meiste haben, und des Hausls Schatz, den der Großvater sorgsam für mich aufbewahrt hatte, wurde mir auch genommen. Nach den letzten Bestimmungen des Verstorbenen, der kein Testament gemacht hatte, mußte das Haus noch vor seinem Tode verkauft werden und der Erlös wurde gleichmäßig unter die Kinder verteilt, nachdem für die Großmutter tausend Mark beiseite gelegt waren. Diese tausend Mark nahm dann die Nanni an sich und behielt dafür die Großmutter bis zu deren Tod.

Während meine Mutter und die andern sich noch stritten, kam der Huberwirt in die Gaststube herein, führte die Großmutter am Arm und sagte, zu meiner Mutter gewendet: „Dös is der Handschuasterin scho dös Irgst, daß ’s Lenei nimma kemma hat derfa, bevor der Handschuasta g’storbn is; er hätt no so viel z’redn g’habt mit ihr und hat in oan Trumm g’sagt: ‚Kimmt’s Lenei no net? Geh, Muatta, schaug, ob’s jatzat kimmt!‘“

Verlegen entgegnete meine Mutter: „Lieber Gott, ’s Telegramm ist eben zu spät g’schickt wordn.“

Da stürzte ich voller Zorn aus meinem Winkel hervor, trat vor die Mutter hin und schrie sie an: „Net wahr is! Sag’s nur, daß d’ mi net raus hast lassen! O mein Gott, und er hat so viel nach mir verlangt! I hab’s ja g’spürt und hab koan Ruh g’habt Tag und Nacht. Dös vergiß i dir net, Muatter, daß d’ so hart und ohne Herz g’wen bist!“ Damit nahm ich die Großmutter am Rock und zog sie zur Tür hinaus. Sie folgte mir ohne Widerstreben, während die andern alle ganz still geworden waren und die Mutter sich umständlich schneuzte.

Auf der Straße sagte die Großmutter plötzlich: „O mei, mir kinnan ja nimma hoam!“ und begann laut zu schluchzen. Da meinte ich: „Komm, Muatter, gehn ma zum Vater ’nauf!“ Und so gingen wir wieder zum Friedhof, und am Grabe redete sie mit dem Toten, wie wenn er noch lebte und mit ihr auf der Hausbank säße: „Woaßt, Vata, z’lang sollst mi nimma da lassn; i mag s’ nimma, dö Welt, jatz wo i di nimma hab. Tua mi net vergessn, Vata, gel, und denk aa aufs Dirndl, daß net z’Grund geht bei dem schlechtn Wei.“

Weinend hockten wir uns auf den frisch geschaufelten Hügel, unbekümmert um die Blumen und unsere schwarzen Gewänder, und nun erzählte mir die Großmutter von den letzten Tagen des Toten: „So viel leidn hat er müssn, der Arme; zwoa Strohsäck hat er durchg’fäu’t, weil er’s Wasser nimmer haltn hat kinna und der ganz Leib und d’Füaß oa Fleisch und Wehdam warn, daß ma ’n kaam mehr o’rührn hat derfa. Aber er is so geduldi g’wen dabei und nur seltn hat ma ’n jammern hörn. Nur grad nach dir hat er allweil g’fragt und hat si recht kümmert, wia’s dir geh werd, wenn er g’storbn is.“ Nach einer Weile fuhr sie fort: „Wenn i nur grad in insan Haus bleibn kunnt und net’s Gnadnbrot beim Sepp und bei der Nanni essn müaßt; da werd’s ma net gar z’guat geh bei dene.“

Nach diesen Worten versank sie in Nachdenken, und ich lehnte mich ganz an sie, weil mich fror; denn ich hatte Tuch und Mantel beim Huberwirt gelassen. Ich war eben ein wenig eingeschlafen, als ich durch die Stimme des Herrn Pfarrers aufgeschreckt wurde: „Ja, meine liebe Handschusterin, wir sind halt alle Fremdlinge in dieser Welt! Es wird Euch wohl recht schwer, von Ort und Haus zu scheiden? Wollt Ihr nicht ins Gemeindehaus ziehen? Da ging’s Euch ja auch nicht schlecht!“

„Vergelts Gott, Herr Hochwürden, aba d’ G’meinde is ma allweil no g’wiß; i hab ja no Kinder, dö wo si um mei Geld reißn!“ meinte die Großmutter mit einem schwachen Lächeln und grüßte den sich zum Gehen Wendenden noch mit einem leisen: „Gelobt sei Jesus Christus!“

Danach gingen wir doch noch einmal heim ins Haus. Aber da waren schon die neuen Besitzer eingezogen und alle möglichen Gegenstände lagen bunt durcheinander in den Räumen und vor dem Haustor. Unter der Stiege stand eine alte Truhe, in die sonst die Kleie für das Vieh kam; wir setzten uns darauf und konnten nichts reden. Aus dem Stall tönte das kurze Brüllen der Kühe, denen die gewohnte Hand abging. Da kam aus der Wohnstube die neue Hausfrau, sah uns ganz erstaunt an und fragte fast unfreundlich: „Was möcht’s denn no, Handschuasterin? Habt’s leicht ebbs vergessn?“

„Naa, i han nix vergessn; geh, Lenei, gehn ma wieder!“ erwiderte die Großmutter und ging mit mir aus dem Haus. Nun mußten wir doch zum Huberwirt; denn die Verwandten hatten schon herumgefragt, wo wir wären. Als wir in die Gaststube getreten waren, brachte der Huberwirt ein Glas Rotwein mit Zucker und stellte es vor die Großmutter hin, indem er sagte: „Handschuasterin, balst es net trinkst, kriagt da Vata dö ewi’ Ruah net!“

Da tauchte sie eine Semmel darein, sprach aber nichts, und als dann die Nanni mit ihrem Mann sich zum heimgehen bereit machten und sie einluden, gleich mitzukommen, da nickte sie nur ein paarmal mit dem Kopfe und stand auf. Der Huberwirt aber ließ seinen großen Schlitten, auf dem sonst das Bier oder Getreide gefahren wurde, herrichten und einspannen: „Oes werd’s ja a so glei all’ z’samm auf Hasla’ fahrn, net? I han enk mein Schli’n eing’spannt, daß d’Handschuasterin net z’geh braucht. A paar Deckn han scho drobn zum Einwickeln!“

Wir fuhren also alle zusammen zur Nanni; diese kochte Kaffee, und in der gemütlichen Wohnstube wurde auch die Großmutter wieder etwas gefaßter; ja, sie fing sogar an, einiges über den Großvater zu erzählen. Man hatte ihr eine nette Kammer zu ebener Erde angewiesen und diese auch geheizt. Spät am Nachmittag, als es Zeit wurde, auf die Bahn zu gehen, denn wir mußten abends wieder zu Hause sein, führte die Nanni uns noch in diese Kammer, um uns zu zeigen, daß die Großmutter bei ihr gut aufgehoben sei. Auch mich beruhigte diese Fürsorge und ich sagte noch beim Abschied zu ihr: „Großmuatterl, du brauchst koa Angst z’habn wegn der Nanni; dö mag di scho!“ Ich blieb noch bei ihr in der Kammer und half ihr ihre Habseligkeiten ein wenig ordnen. Dann legte sie sich ins Bett und schlief bald ein. Ich hatte ihr noch leise Lebewohl gesagt, die andern aber ließ ich nicht mehr zu ihr.

Gegen Abend fuhren wir wieder in dem Schlitten zur Bahn und hierauf heim.

In München erst sprach ich einiges mit den Verwandten; denn während der Fahrt war ich still und teilnahmslos in der Ecke gesessen, während es um mich summte und schwirrte von der lebhaften Unterhaltung.

Nach der Ankunft ging die ganze Verwandtschaft noch in unsere Wirtschaft, wo sie von meinem Vater mit Freibier und einem guten Mahl bewirtet wurden.

 

Kaum ein halbes Jahr nach dem Tode meines Großvaters kam eines Tages meine Großmutter und beklagte sich bitter über die rohe Behandlung, die ihr bei der Nanni und deren Mann widerfahre. Laut weinend wünschte sie sich den Tod und wollte nicht mehr zurück, sondern zu dem neuen Besitzer ihres Hauses, um bei ihm im Austrag zu bleiben. Meine Mutter suchte ihr dies wieder auszureden und wollte sie bei sich behalten; denn, meinte sie, um die tausend Mark, die der Nanni für die Verpflegung der Großmutter zugekommen waren, könnte die alte Frau gerade so gut bei ihr sein, und es ginge ihr gewiß gut. Auch der Bruder meiner Mutter lauerte auf die tausend Mark, und es entspann sich bald ein heftiger Streit unter ihnen, wer die Großmutter bekäme. Doch erkannte diese gar bald die wahre Ursache jener plötzlichen Bereitwilligkeit und fuhr wieder zur Nanni. Diese hatte gehofft, daß die Großmutter den Vater höchstens etliche Monate überleben würde und war voll Verdruß, als sie sah, daß die Frau nach einem und nach zwei Jahren immer noch lebte. So behandelte sie sie nicht zum besten und mißgönnte ihr sogar das wenige, womit sie ihr Leben fristete. Oft schlich dann die alte Frau, wenn sie vom Grabe ihres Mannes kam, in ihre ehemalige Heimstatt und klagte der neuen Besitzerin ihre Not. Diese, eine mit vielen Kindern gesegnete, kränkliche Frau hatte viel Mitleid mit ihr und behielt sie oft tagelang bei sich. Da mag sie wohl manchmal mit Bitterkeit diese seltsame Fügung bedacht haben, daß sie, die auch den Ärmsten Heimat bot um Gottes willen, nun selbst heimatlos und der Willkür ihrer Kinder preisgegeben war.

Als sie dann nach langem Leiden durch einen Schlaganfall gelähmt worden und ganz auf die Handreichungen ihrer Stieftochter angewiesen war, kamen harte Tage für sie. Hilflos lag sie in ihrem Bett, so erzählt man, und niemand kümmerte sich um sie; man ließ sie hungernd und starrend vor Schmutz im eigenen Kot liegen. Und als um diese Zeit ihr Schwiegersohn sein Haus verkaufte und ein neues Anwesen übernahm, wurde die kranke Frau, obwohl es Winter war, mit ihrem Bett zu oberst auf den mit Möbeln beladenen Leiterwagen gebunden und so den weiten Weg auf der holprigen Landstraße nach dem neuen Wohnort gefahren. Bald nach dieser Reise starb sie, und als sie tot war, wollte niemand das Begräbnis zahlen. Die Kinder, die damals sich um die Pflege der Lebenden gestritten hatten, fanden alle erdenklichen Ausreden, um der Toten ledig zu bleiben, und endlich mußte die Gemeinde sie auf ihre Kosten begraben lassen. Doch kam meine Mutter zum Begräbnis und brachte große Kränze mit. Danach aber gab es heftigen Streit um die letzte Habe der Verstorbenen; denn die Nanni hatte alles schon beiseite geschafft.

Mit der Geburt des Ludwigl, meines dritten Stiefbruders, hatten auch die letzten an die Kindheit erinnernden Spiele und Freuden ein Ende, und ich mußte nun von früh bis spät arbeiten, um alles recht zu machen. Trotzdem gab es manchen stürmischen Tag mit der Mutter, die in einemfort haderte und schalt und es an Züchtigungen nicht fehlen ließ. Zu all dem wurde ich seit dem Tode meines Großvaters von einer großen Schwermut und Traurigkeit befallen, so daß ich mir nicht mehr viel aus meinem Leben machte. Doch fand ich in dieser schweren Zeit einen Trost in meiner Stimme. Unser Pfarrer veranlaßte meine Aufnahme in den Kirchenchor, nachdem ich schon etliche Jahre in der Zentralsingschule ausgebildet worden war. Bald durfte ich bei den Gottesdiensten Solo singen, und das Bewußtsein, einmal öffentlich anerkannt zu sein, bereitete mir so hohe Freude, daß ich darüber selbst den Neid meiner Kolleginnen vergaß.

So sang ich auch einmal aushilfsweise bei einer großen Vereinsfeier, an der auch der würdige Prälat und Pfarrer Huhn von der Heiliggeistkirche teilnahm. Als dieser meine Stimme gehört hatte, ließ er mich zu sich kommen und fragte mich, ob ich nicht Lust hätte, ein braves Pilgermädchen bei der Münchner Wallfahrerbruderschaft zu werden und an den heiligen Stätten zu Andechs, Altötting und Grafrath Gottes und Mariä Lob zu singen. Ich sagte hocherfreut zu und holte mir sogleich von meiner Mutter die Erlaubnis, die sie mir in Anbetracht ihrer frommen Gesinnung nicht verweigerte. Also durfte ich noch im selben Jahr an den großen, volkstümlichen Wallfahrten als Pilgermädchen teilnehmen.

Die schönste und auch am feierlichsten begangene war die nach dem uralten, weltberühmten Gnadenorte Altötting. Da ich immer schon eine große Liebe zur Mutter Gottes getragen, konnte ich den Tag der Fahrt kaum erwarten. Schon wochenlang vorher mußte ich mit den anderen Sängerinnen zahlreiche Marienlieder einstudieren, und wir betrachteten die Generalprobe schon als ein kleines Fest; denn da kam die ganze Geistlichkeit, an ihrer Spitze der hochwürdige Herr Prälat Huhn, der selbst ein eifriger Pfleger und Förderer des Gesanges war, sowie der ehrwürdige Präses des Wallfahrervereins, Benefiziat Stein, ein Mann, so recht, wie man sagt, nach dem Herzen Gottes: so schlicht und uneigennützig, so ganz aufgehend in seinem Beruf. Wir Pilgermädchen hingen daher mit großer Liebe an ihm und fühlten uns immer hochbeglückt, wenn er einige von uns aus dem Haufen hervorholte, am Ohrläppchen zupfte und fragte: „San d’Stimmbandln alle guat g’schmiert, Kinder? Sonst müaß ma s’ halt no schmiern z’vor!“ Und damit brachte er eine riesige Tüte voll Malzzucker aus seiner hinteren Rocktasche, die durch die vielen Näschereien, welche er uns immer zu schenken pflegte, schon so mitgenommen und ausgeweitet war, daß sie samt dem Rockfutter weit unter den Schößen des abgetragenen Gehrocks hervorlugte. Im übrigen war er von einer angenehmen Natürlichkeit, wenn er bei der Neuaufnahme eines Pilgermädchens auf die Unschuld zu sprechen kam. Man konnte ihm ohne das lästige Gefühl einer falschen Scham, die durch das aufdringliche Fragen mancher Seelsorger einem so leicht den Mund verschließt, alle begangenen Torheiten erzählen. Ich weiß nicht, wie er schwerere sittliche Verfehlungen behandelte; was meine Jugendsünden anlangt, so meinte er darauf nur: „So, dös is brav, daß d’s Kleidl no net z’rissn hast, Kind; a bisl staubig is scho, dös is wahr, aber dös putzt ma halt mit an frommen, reuigen Seufzer wieder weg, gelt! Und jetzt gibt ma schö Obacht, daß oan nix mehr passiert als Marienkind.“

Am Vorabend des für die Wallfahrt ausersehenen Julisonntags hatte die Mutter zur allgemeinen und besonderen Reinigung schon ein Bad bereitet, während ich meine Seele durch eine sehr gewissenhafte Beichte von allem anhaftenden Staub zu befreien suchte. Am Abend durfte ich schon früh zu Bett gehen, um andern Tages zeitig munter zu sein. Schon um halb vier Uhr war ich aus den Federn und lief ans Fenster, zu sehen, ob das Wetter schön sei. Doch grau und neblig war der ganze Himmel, und ich begann, während ich die „Uniform unserer lieben Frau“ anzog, immer dieselben Worte vor mich hinzusagen: „Liebste Mutter Gottes mein, laß doch heut gut Wetter sein!“ Derweilen war auch die Mutter aufgestanden und half mir nun beim Ankleiden. Über das weiße Kleid kam ein himmelblaues Schulterkräglein und vor die Brust ein großes silbernes Herz, das an einem blauen Bande hing, und nachdem die Mutter mir das weißblaue Kränzlein ins Haar gedrückt, nahm ich den langen Pilgerstab mit dem silbernen Kreuz und eilte nach einem raschen „Pfüat Gott, alle mitanand!“ aus dem Haus, der Kirche zu, verwundert angeglotzt oder auch derb angerufen von heimkehrenden Nachtlichtln oder verschlafenen Bäckerjungen. Besonders am Marienplatz wäre ich beinah von einer Rotte frecher Burschen, die mit ihren Dirnen aus dem „Ewigen Licht“ herausstritten, mißhandelt worden; doch kamen mir etliche Leute, die wie ich an der Wallfahrt teilnehmen wollten, zu Hilfe.

Mächtig brauste schon die Orgel, als wir in das Gotteshaus traten, und rasch begab ich mich auf den Chor, wo schon die meisten Sängerinnen versammelt waren. Nach einem herrlichen Hochamt feierte die ganze Pilgerschar, wohl mehr als fünftausend, die Generalkommunion. Der Eindruck war für mich ein so überwältigender, daß ich nur mit größter Mühe das ergreifende Marienlied, dessen Soli mir übertragen waren, zu Ende brachte. Und als dann endlich wir Pilgermädchen, ungefähr zweihundert an der Zahl, uns gemessen und in tiefer Andacht dem Tisch des Herrn nahten, während ein bestellter Knabenchor uns ablöste, ging eine große Bewegung durch das Gotteshaus, und manche Träne unseres greisen Pfarrers fiel in den Kelch, aus dem er uns das Brot des Lebens reichte. Der heilige Vater Leo und unser geliebter Erzbischof Antonius von Thoma hatten uns noch ihren Segen übermitteln lassen, und nach diesem feierlichen Akt traten wir unter dem Geläute sämtlicher Glocken unsere Wallfahrt an.

Voran schritten wir Pilgermädchen, und die kräftigsten von uns trugen unsere Fahnen und die Statuen unserer Patrone, der Mutter Gottes, des Erzengels Raphael mit dem Tobias und des heiligen Aloysius. Unter Liedern und Gebeten ging es durch die Straßen der Stadt zum Ostbahnhof, von wo aus uns ein Sonderzug rasch nach Mühldorf brachte. Im Zuge erzählte uns unser Präses mit großer Einfachheit von Gnadenbezeigungen Mariens, besonders von jenen gegen Kinder und Jungfrauen.

Von Mühldorf aus gingen wir nach einem einfachen Frühstück zu Fuß nach dem Gnadenort, den wir gegen Mittag erreichten. Empfangen von dem Geläute sämtlicher Glocken, dem Jubel der Bewohner, der Geistlichkeit, des ansässigen Ordens und einer Musikkapelle, betraten wir den geweihten Ort und begrüßten die Gnadenvolle, ein jeder nach Drang des Herzens oder Größe des Kummers, den er hier am Gnadenaltar niederlegen wollte. Meiner hatte sich eine fast überirdische Stimmung bemächtigt und ich fühlte mich so frei und aller Sorge ledig, daß ich nur ganz verklärt das alte, mit unsäglich vielen und köstlichen Kleinodien aller Zeiten geschmückte Gnadenbild anschauen konnte, während meine Lippen mechanisch murmelten: „O Maria, hilf doch mir; es fleht dein armes Kind zu dir. Im Leben und im Sterben laß meine Seele nicht verderben.“ Nach langer Zeit erst fiel mir eins nach dem andern ein, was ich gern von der Mutter Gottes erlangt hätte.

Inzwischen hatten die Pilger sich in Gruppen geteilt, die einen weilten im Kloster, die andern in den verschiedenen Kirchen des Ortes. Draußen vor der Gnadenkapelle aber hatten jene, die besonders viel von der Gnadenreichen erlangen oder für irgend eine geheime Schuld Sühne tun wollten, eins der zahlreich daliegenden Holzkreuze auf die Schulter geladen und schleppten dieses nun, bald aufrecht gehend, bald auf den Knien rutschend, laut betend und weinend um den sogenannten Kreuzgang. Ich weiß nicht, wie es kam und was ich wollte: kurz, ich befand mich plötzlich unter den Kreuztragenden; da das massive Eichenkreuz aber meiner Schulter ziemlich weh tat, ließ ich es bei dem dreimaligen Umgang bewenden und übergab mein Kreuz einer dicken Frau, deren böse Zunge weit und breit gefürchtet war. Mit einigen Freundinnen besah ich mir dann den ganzen Ort, die Kirchen, das Kapuzinerkloster und den Markt für Wallfahrtsandenken und verwunderte ich mich über den üppigen Handel und die Gewinnsucht an dieser frommen Stätte. Dazwischen sorgten wir auch für des Leibes Notdurft; denn es war alles schon vorausbestellt worden von unserm vorsorglichen Präses. Den Tag beschloß noch eine schöne Feier mit Illumination der Kapelle, und nach einem einfachen Nachtmahl begaben wir uns in unsere Schlafkammern. Die Vermögenderen hatten sich ein Bett für sich allein gesichert; die Ärmeren aber mußten je zwei in einem Bett schlafen. Da mir meine Mutter die Ausgabe für ein eigenes Bett nicht bewilligt hatte, so mußte ich es mit einer Mitschwester teilen. Ich fragte daher meine liebste Freundin, ob sie mich als Störenfried wolle. Sie war gern bereit, und so verbrachten wir die Nacht unter Flüstern, Kichern, Scherzen und Kosen.

Der neue Tag brachte wieder viel des Erbaulichen und Ernsten, doch wurde ich zuletzt müde von allem und war froh, als am Dienstag in der Früh das Schlußamt mit Generalkommunion am Gnadenaltar gefeiert wurde. Als aber hierbei am Chor plötzlich die kindlichen Stimmen von etwa zwanzig Knaben an mein Ohr tönten und sie das uralte Abschiedslied von der „schwarzen Mutter Gottes“ sangen, ward es mir schwer ums Herz und ich konnte mich kaum losreißen von dem Gnadenbilde. Ganz traurig schloß ich mich den andern an und brachte beim Singen kaum mehr einen Ton heraus.

So kam es, daß ich recht niedergeschlagen daheim ankam und ernste Vorwürfe von meiner Mutter wegen meiner scheinbaren Undankbarkeit zu hören bekam.

 

War ich schon vorher nicht gerne in der Gastwirtschaft tätig gewesen, so hatte ich jetzt, seit ich Pilgermädchen war, die ganze Freude an dem öffentlichen und lauten Leben verloren; doch wurde ich von meiner Mutter, trotzdem sie so religiös schien, fest angehalten, überall, wo es vonnöten war, einzuspringen. Bald war ich in der Küche das Spülmädchen oder die Köchin, bald in der Gaststube die Kellnerin; denn da die Mutter oft recht grob mit dem Dienstvolk war, lief bald die eine oder andere wieder weg. Am meisten zuwider war mir der Aufenthalt in der Gaststube; denn war ich bei den Gästen ernst und schweigsam, so schalt die Mutter, daß ich ihr die Leute vertreibe; war ich aber freundlich und heiter, so nützten das viele rohe und wüste Kerle aus und belästigten mich nicht nur mit allerhand Zoten und zweideutigen Fragen, sondern quälten mich manchmal in der unsaubersten Weise, indem sie mich an den Beinen faßten, Küsse verlangten oder sonstige aufdringliche Zärtlichkeiten versuchten.