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Erinnerungen einer Überflüssigen

Chapter 6: 5
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About This Book

Die Erzählerin erinnert sich an eine entbehrungsreiche ländliche Kindheit, geprägt von detailreicher Schilderung häuslicher Abläufe, festen Bräuchen und saisonalen Ritualen. Eine fürsorgliche Beziehung zum Großvater kontrastiert mit der kühlen, ablehnenden Haltung der Mutter; Krankheit, Hunger und einfache Hausmittel treten neben harter Arbeit, gemeinsamen Mahlzeiten und Festlichkeiten. Schulische Leistungen, strenge Züchtigung und frühe Verantwortungsübernahme werden thematisiert. Die Erinnerungen verbinden konkrete Alltagsbeobachtungen mit dem Gefühl, überflüssig und ungeliebt zu sein, und zeichnen ein genaues Bild familiärer Hierarchien und sozialer Beschränkungen.

Kam ich dann also gehetzt zur Mutter und klagte ihr solche Dinge, so wurde sie sehr erbost und schalt mich heftig, daß ich mich nicht zu benehmen wisse: „Was muaßt di denn hi’stelln dafür? Scham di; bist fufzehn Jahr alt und no so dumm! Da sagt ma halt, i hab jatz koa Zeit und geht freundli weg!“

Oft dachte ich über diese Worte nach und versuchte mich danach zu richten; doch waren alle meine Bemühungen, die Zudringlichkeiten solcher Burschen mit Liebenswürdigkeit abzuwehren, erfolglos, und ich fürchtete ständig, meine Unschuld zu verlieren. Da faßte ich am Ende den Entschluß, meinem Beichtvater diese Vorfälle mitzuteilen, ich hatte aber nicht den Mut, dem alten Kooperator, der immer noch mit Vorliebe nach den Heimlichkeiten seiner Beichtkinder fragte, davon zu erzählen.

Da kam ein neuer Geistlicher an unsere Pfarrei, der noch sehr jung war und erst vor kurzem seine Primiz gefeiert hatte. Diesem beichtete ich nun ausführlich und er sprach mir gut und freundlich zu, fragte mich nur wenig und gab mir am Schluß noch viele Ratschläge. Ich war sehr beruhigt nach dieser Beichte und ging nun regelmäßig zu ihm. Bald wurden wir auch wegen des Singens näher bekannt, und ich besuchte ihn des öfteren in seiner Wohnung. Dabei entwickelte sich zwischen uns bald eine Art Freundschaftsverhältnis und ich fand bei ihm Trost und Zuspruch, wenn ich ihm erzählte, wie es mir daheim erging. Als er nach kurzer Zeit in eine andere Pfarrei versetzt wurde, wurde ich durch seine Vermittlung an dieser Kirche erste Sopranistin und Solosängerin. Als auch hier die Besuche ihren Fortgang nahmen, wußte ich bald, daß ich ihn liebte, und ich mußte mich oft mit aller Gewalt zusammennehmen, um ihm das nicht zu sagen; denn ich sah wohl, daß auch auf seiner Seite eine Neigung war. Doch immer wußte er sich zu beherrschen und verstand auch meine Gefühle im Zaum zu halten. Wie oft stand ich zitternd vor ihm und sah ihn mit den verliebtesten Augen an oder küßte stürmisch seine Hand. Dann blickte auch er mich freundlich an, streichelte mir die Wange und sagte: „Ja, ja, Kind, du bist halt mei Singvogel! ... Was schaust denn no? ... Ja so, a Bildl magst no, gel!“ worauf ich hochrot, mit leiser Stimme entgegnete: „Ja, bitt schön, Herr Hochwürden!“

„So Kind, such dir eins aus. Magst na an Kaffee aa?“

In meiner Verwirrung vermochte ich ihm keine rechte Antwort zu geben.

Da rief er der halbtauben Wärterin: „Lies, mein’ Kaffee!“ und zu mir gewendet fuhr er fort: „Woaßt, Kind, i hab aber bloß oa Taß. Trinkst halt du z’erst den dein’, gel!“ und damit führte er mich zum Kanapee, setzte sich zu mir und plauderte von erbaulichen Dingen. Ich aber hörte kaum zu, sondern betrachtete unausgesetzt seine Hände und Knie und dachte nur den einen Gedanken: „Wann i dich nur bloß ein einzigs Mal so viel lieb haben dürft!“

Da brachte er mich mit den Worten: „Hast aber aa g’nug Zucker drin?“ wieder zu mir selber, worauf er den Kaffee versuchte, mir noch ein Stücklein hineintat und mich trinken hieß.

Als ich getrunken hatte, meinte er: „So, Kind, jetzt hast von mir an Kaffee kriegt und a Bildl. Was kriag jetzt i?“

Da dachte ich voller Ängsten, er würde sagen: „Ein Bußl,“ aber er fuhr fort: „Gel, jetzt kriag i dafür a recht a schöns Lied; aba koa heiligs, denn di hör i so allweil!“

Da sang ich das Lied von dem Dirndl, das um Holz in den Wald geht, ganz zeiti in der Fruah und dem sich nachischleicht a saubrer Jagasbua.

Als ich die erste Strophe gesungen hatte, wobei er mich am Harmonium begleitete, meinte er: „Ah, dös war aber schö; aber recht arg verliabt. No, es macht nix; von den Wirtstöchtern woaß ma’s scho, daß was solches aa lernen. Kannst no mehr von dem Liedl?“

„Bloß noch eine Stroph’, Herr Hochwürden! Aber die is no verliabter.“

„Dös macht nix, Kind Gottes, sing nur weiter!“

Da sang ich:

Drauf sagt der Jaga zu der Dirn,

Geh, laß dei Asterlklaubn;

I möcht so gern mit dir dischkriern

Und dir in d’Äugerln schaugn.

Das Dirndl sagt: Dös ko net sei,

Daß du mir guckst in d’Augn,

Denn d’Jaga derfan, wia i woaß,

Ja nur ins Greane schaugn.

Da läutete es. Er sah nach, und eine alte Betschwester stand an der Tür; da hieß er sie warten und verabschiedete mich mit den Worten: „Jetzt muaßt geh, liabs Kind, jetzt haben d’Mauern Ohren kriagt.“ Damit schob er mich durch sein Schlafzimmer an die Tür, und während ich heraustrat, sah ich ihn schon die alte Frau empfangen.

Doch nicht lange mehr dauerten diese Besuche; denn er wurde abermals befördert und kam als Benefiziat in ein geistliches Institut.

Als ich dann von ihm Abschied nahm und ihn zum letztenmal um seinen Segen bat, stand er ergriffen auf und trat zum Weihbrunnkessel, während ich vor ihm niederkniete. Plötzlich aber umfaßte ich seine Knie und preßte mein Gesicht daran, indem ich laut weinend rief: „O mein lieber, lieber Hochwürden!“

Da machte er ganz ruhig seine Knie frei, zog mich in die Höhe und sagte, indem er meinen Kopf zwischen seine Hände nahm: „Kind, geh jetzt, es wird Zeit, du mußt hoam,“ und dabei rannen ihm ein paar Tränen über die Wangen. Da ergriff ich nochmals seine Hand, küßte sie drei-, viermal heftig und lief dann davon.

Auf der Straße schaute ich noch einmal um. Da stand er am Fenster und winkte mir freundlich zu.

Einmal noch sah ich ihn, ohne aber mit ihm reden zu können; denn es war, als wir uns eben in feierlicher Prozession zur Wallfahrt nach Grafrath auf den Weg machten. Er stand mit einer alten, ehrwürdigen Dame, die wohl seine Mutter sein mochte, an einer Straßenecke, und ich mußte hart an ihm vorbei. Als er mich erblickte, huschte es wie große Freude über sein Gesicht, und lächelnd nickte er mir einige Male grüßend zu und wandte sich danach schnell zur Seite. Ich war über dieses Wiedersehen, so flüchtig es war, sehr beglückt und dachte während der Wallfahrt viel an ihn und empfahl ihn an der dem heiligen Rasso geweihten Stätte inbrünstig der Fürbitte dieses Heiligen.

 

Fröhlich kehrte ich von dieser Pilgerfahrt zurück und nahm mir vor, den Freund an einem der nächsten Tage aufzusuchen. Doch ich kam nicht dazu; denn daheim fand ich meine Brüder an Diphtherie erkrankt.

Indem ich sie noch pflegte, wurde ich selbst davon ergriffen und konnte erst nach Wochen das Bett verlassen.

Als ich aufgestanden war, versuchte ich sofort wie zuvor mich wieder um das Hauswesen zu kümmern.

Da dies die Mutter sah, hielt sie mich schon für gesund und trug mir daher mehr auf, als ich leisten konnte. So kam es, daß ich wieder täglich kränker wurde und endlich vor Mattigkeit mich alle Augenblicke niedersetzen oder anlehnen mußte. Das nahm man aber für Faulheit, und besonders die Mutter beklagte sich darüber: „Nur schö langsam! Heut a Trumm, morgen a Trumm! Bis i an Steckn nimm und zoag dir, wie ma arbat!“

Ich nahm mich nun recht zusammen; doch während ich das Schlafzimmer meiner Eltern aufräumen wollte, befiel mich wieder eine solche Müdigkeit, daß ich mich aufs Sofa setzen mußte, um zu rasten. Ich schlief ein und erwachte erst, als meine Mutter mir einige Schläge auf den Kopf gab; denn es war inzwischen Mittag geworden und sie kam, frische Servietten für die Stammgäste zu holen. Voll Zorn schrie sie mich an: „Da hört si do scho alles auf! Mittn am Tag legt si dös faule Luder hin und schlaft, anstatt z’arbatn! Aber wart, i hilf dir! Augenblickli wichst ma jetzt den Schlafzimmerboden; und sauber wann net alles is, dann Gnade Gott! Jatz is elfe; um zwoa komm i rauf, da will i alles ferti sehgn!“

Mir war ganz dumm im Kopf, aber ich begann trotzdem wieder zu arbeiten. Als ich etwa ein Drittel des Zimmers mit Stahlspänen abgerieben hatte, drehte sich plötzlich alles vor meinen Augen und ich wußte nichts mehr.

Lange muß ich so dagelegen sein; denn kaum hatte ich wieder zu arbeiten begonnen, schlug es zwei Uhr. Ich war vor Schrecken ganz ratlos, denn ich hörte die Mutter kommen. Als sie sah, wie wenig ich gearbeitet hatte, schrie sie: „Was, du bist no net ferti! Ja, da is ja no net amal richti o’g’fangt! Du willst mi, scheint’s, zum Narren haltn, du Kanallje!“ Dabei trat sie mich mit Füßen und riß mich an den Haaren in die Höhe.

Mühsam fing ich wieder an zu arbeiten, während die Mutter an den Waschtisch gegangen war und sah, daß ich das Wasser noch nicht ausgeleert hatte. Da schrie sie: „Ja, was is denn dös! Net amal d’Waschschüssel hat s’ ausg’leert und a frisch Wasser reitragen!“

„Ja mei, i hab ma’s ja net z’tragen traut, die teure Schüssel, weil mi alle Augenblick der Schwindel anpackt.“

„Was Schwindel! Dir treib i dein’ Schwindel aus. Sofort leerst die Schüssel aus! I möcht wissen, für was ma dir z’fressn gibt, du langhaxats G’stell!“ rief sie und stieß mich an den Waschtisch.

Ängstlich faßte ich die schöne Schüssel, die von zarter, himmelblauer Farbe war, mit einem goldenen Rand, und eine Muschel darstellte. Im Innern war ein Bild, das zwei Mädchen in fremder Tracht zeigte, die am Meeresstrand standen und einen in einem Segelboot sitzenden Burschen aus flachen Schalen mit Wasser bespritzten. Den Krug schmückte eine ähnliche Szene; das Geschirr war alt und kostbar und der Name des Künstlers stand darauf geschrieben.

Schwankend trug ich also die Schüssel durch das Zimmer, als ich plötzlich einen Stoß verspürte, worauf ich zu Boden stürzte. Die Mutter hatte es getan; denn ich war ihr zu langsam gegangen.

Starr blickte ich erst auf die Wasserlake, dann auf die Scherben und vergaß, aufzustehen, bis mich die Mutter mit dem Ochsenfiesel des Vaters daran erinnerte.

Eine halbe Stunde später, als ich, die blutigen Striemen an meinem Körper betrachtend und vor Schmerzen an Brust und Rücken stöhnend, bemüht war, das Unheil wieder gut zu machen, ging die Mutter fort mit der Drohung: „Dawerfa tua i di, wenn i net die gleiche Schüssel kriag!“

Ich hielt das letztere für ausgeschlossen bei der Kostbarkeit derselben und zog deshalb meinen Regenmantel an und schlich mich, nachdem ich aus meiner Sparbüchse noch etwas Geld zu mir gesteckt hatte, davon.

Planlos und ohne an etwas zu denken, lief ich durch die Nymphenburger Straße hinaus über Laim und befand mich endlich auf der Straße, die nach Großhadern führt. Die Sonne war schon im Untergehen und über den Feldern stand ein leichter Nebel; denn es war schon im Spätsommer.

Ich blieb stehen und sah mich um. Da durchfuhr mich ein kalter Schauer, und als ich weiter gehen wollte, wurde mir schon nach wenigen Schritten so übel, daß ich mich erbrechen mußte und danach ohnmächtig auf der Landstraße hinfiel.

Spät abends fand mich ein Bauer, der Milch nach der Stadt gefahren hatte und jetzt auf dem Heimweg war. Der hob mich auf und brachte mich mit seinem Fuhrwerk nach Großhadern und lud mich bei einem großen Wirtshaus ab. Die Wirtin brachte mich freundlich zu Bett und befahl einer alten Frau, daß sie die Nacht über bei mir bleibe. Sie selbst kam am andern Tag und fragte mich mitleidig, wo ich in diesem Zustand denn herkomme oder hinwolle. Da erzählte ich ihr mein ganzes Unglück und bat sie, sie solle mich doch bei sich behalten, ich sei eine Wirtstochter und könne ihr viel helfen.

„Ja, mei liabs Kind,“ meinte die gute Frau, „deine Leut wer’n halt recht Sorg um di habn und di wieder z’rückverlanga; denn dös kann do net sei, daß a Muatter so schlecht is.“

Weinend wiederholte ich meine Bitte und beruhigte mich erst, als sie mir versprach, mich in ihren Dienst zu nehmen: „Aba z’erscht muaßt wieder g’sund wer’n. Drum bleibst heut lieber no liegn. Vielleicht kann ma morgn mehra sagn.“

Gegen Abend hielt ich es nicht mehr im Bett aus und ging zu der Wirtin in die Küche und fragte sie, ob ich ihr was helfen könnte.

„Ja mei, Kind, in dem Zuastand! Sitz di liaber ins Nebenzimmer und iß was G’scheits. Du schaust ja aus wie inser liaber Herr am Kreuz!“ Damit nahm sie mich bei der Hand und führte mich ins Nebenzimmer, wo an einem Tisch fünf oder sechs Herren beisammen saßen und mich verwundert ansahen.

„Wen bringen S’ denn da, Frau Obermeier? Dös is g’wiß a Basl,“ fragte einer, während ein anderer hinzufügte: „Jess Maria, is dös Madl kasi! Is ’leicht krank?“

„Ja mei, Herr Oberförster,“ sagte die Wirtin, „dös is a g’spaßige G’schicht!“ und sie erzählte die Sache den Herren, von denen einer der Bürgermeister, ein anderer der Arzt und ein dritter der Herr Benefiziat war.

Nachdem die Wirtin meine Geschichte erzählt hatte, bestürmten sie mich mit allen möglichen Fragen; doch der Arzt sagte: „Laßt’s dem armen Kind sei Ruh, meine Herrn! Ma sieht’s ja auf den ersten Blick, daß ’s schwerkrank is ... Geh amal her, Fräulein, und laß dir in’n Hals neischaun! ... Ach, herrjesses,“ schrie er da, „wie schaut’s da drin aus, und so ham s’ di rumlaufa und arbat’n lassen. A so a Bagasch g’hört do scho glei o’zoagt!“

„Und sie möcht zu mir in Dienst gehn!“ rief die Wirtin dazwischen.

„Sonst nix mehr,“ schrie der Bürgermeister, „ins Krankenhaus g’hörst! Net wahr, Herr Doktor?“

„Allerdings wär’s das beste, denn es ist nicht ausgeschlossen, daß das Mädel a starke Lungenentzündung kriagt auf dö Strapazen.“

Da sagte der Herr Benefiziat: „Wie heißt du denn eigentlich und woher bist du?“

Als ich es ihm gesagt, fragte er weiter: „Moanst wirkli, daß di dei Muatter totschlagt?“

„Ja, i glaab scho; denn halbert umbracht hat s’ mi a so scho.“

Da lachten sie alle, bis der Herr Benefiziat wieder ganz ernst fortfuhr: „Es ist doch a Sünd und a Schand, wie heutzutag mit den armen, ledigen Kindern umgegangen wird. Z’erscht setzt ma’s her, dann gehn s’ oan im Weg um. So ein Weibsbild g’hörat doch schon an die Zehen aufg’hängt und mit Brennesseln g’haut!“

„Ganz recht, Herr Benefiziat, früher hat ma aufgramt mit solchene Leut, aber heutzutag baun s’ eahna ja extrige Häuser, daß sie s’ leichter auf d’Welt bringa eahnane armen G’schöpferln!“ rief der Tierarzt, und der Bürgermeister sagte: „Jetzt ham’s mir da! Was tean jetzt mir damit? Uns geht’s eigentlich nix o, schiabt’s es nur der Münchner G’meinde zua!“

„Ganz recht, Herr Bürgermeister,“ sagte der Oberförster, „für dös arme Deanderl is am besten, wenn’s z’Münka ins Krankenhaus geht, bis g’sund is. D’G’meinde soll’s nur zahln. Die ham mehra wie mir.“

Ich hatte heftig zu weinen begonnen, so daß die Wirtin rief: „Aber meine Herren, dös is scho net recht, daß d’s ma dem arma Deanderl an solchen Schrecken einjagt’s. Laßt ’s es do wenigstens mit Ruah essen!“ Damit führte sie mich an den Tisch und gab mir den Löffel in die Hand, und ich mußte von dem Kalbslüngerl, das die Kellnerin hingestellt hatte, essen. Ich brachte aber vor Weinen und Halsweh nichts hinunter. Die Wirtin kehrte wieder in ihre Küche zurück, während die Herren sich lebhaft über mich unterhielten.

Nach einer Weile stand der Herr Benefiziat auf, setzte sich zu mir und gab mir folgenden Rat: „Liabs Kind, i moan, ’s wär’s G’scheitste, du tätst morgen früh von Pasing nach der Stadt fahren, dort auf die Polizei gehen, die ganze G’schicht anzeigen und dich in ein Krankenhaus schaffen lassen. Nachher bist gut aufg’hoben und deiner Mutter schiab’n s’ hoffentlich an Riegel vor ihre Brutalitäten.“

Ich gab ihm keine Antwort und weinte nur. Die Wirtin aber brachte mich darauf wieder ins Bett und erwiderte mir auf meine Frage, was ich schuldig sei: „An Vergelt’s Gott und an B’suach, wann’s dir amal guat geht.“

Am andern Morgen stand ich sehr früh auf und ein Milchfuhrwerk nahm mich wieder mit nach Pasing. Von da fuhr ich mit der Bahn nach München.

Als ich ratlos vor dem Sterngarten am Bahnhofplatz stand und nicht wußte, wohin ich mich wenden sollte, begegnete mir der Sohn einer im Haus meiner Eltern wohnenden Familie und sagte mir: „Geh fei net hoam, Leni! Dei Muatter is in der größten Wut. Die ganze Nachbarschaft hetzt s’ über di auf und sagt dir alles Schlechte nach. Durch d’Gendarmerie laßt s’ di scho überall suacha.“

Da begann ich zu weinen und fragte ihn um Rat; denn wir hatten uns sehr gern. Er meinte auch, ins Krankenhaus gehen, wäre das Gescheiteste; doch zuvor solle ich auf die Polizei, daß man nicht weiter nach mir suche. Er begleitete mich dann auch dorthin und ging darauf in sein Geschäft. Ich aber trat in die Einfahrt des Polizeigebäudes und fragte den Gendarm, der dort auf Posten stand: „Sie, entschuldigen S’, bitt schön, wo is denn da dös Zimmer, wo verlorengangane Personen o’g’meldt wer’n?“

Er lachte herzlich und gab mir zur Antwort: „San vielleicht Sie verloren ganga, schön’s Fräulein? Dann melden S’ Eahna parterre, ganz hinten auf Zimmer Nummro sieben.“

Dort fragte man mich nach meinem Begehr.

„Entschuldigen S’, is bei Ihnen ein junges Mädchen angemeldet, dös wo verlorenganga is, oder vielmehr, dös wo davog’laafa is? Wissen S’, i bin davo von dahoam, weil mi mei Muatter sunst derworfa hätt, weil i d’Waschschüssel derschlagn hab und Diphtherie hab.“

Lächelnd führte mich der Beamte in das Zimmer des Polizeiarztes, und als ich dem meine ganze Geschichte erzählt hatte, untersuchte er mich und sagte darauf: „Herr Rat, ich bitte Sie, lassen Sie die Ärmste nach dem Krankenhaus schaffen. Benachrichtigen Sie jedoch die Angehörigen nicht davon. Recherchieren Sie vielmehr, ob solche Sachen bei dieser Frau öfter vorkommen; denn so etwas gehört exemplarisch bestraft.“

Hierauf mußte ich mich ausziehen und ihnen die Beulen und Striemen an meinem Körper zeigen. Als der Arzt einen großen grünlichen Fleck an meiner linken Brust bemerkte, rief er: „Unverantwortlich! Ein weibliches Wesen so zu mißhandeln! Die Megäre denkt gar nicht, welche Folgen das haben kann!“

Danach wurde ich in das Krankenhaus an der Nußbaumstraße geschafft, wo ich alsbald in ein heftiges Fieber verfiel und an einer schweren Lungenentzündung erkrankte.

Als es mir besser ging, wollten alle meine Geschichte hören; denn durch den Polizeiarzt war an unsern Arzt, Doktor Kerschensteiner, schon ein aufklärendes Schreiben gelangt, und der freundliche Herr hatte in seiner Entrüstung ganz laut im Saal geschrien: „Die Bestie! Das Schandweib! Und so was nennt sich Mutter!“

Nach drei Wochen aber meinte er: „Jetzt müssen wir es doch der Mutter schreiben, wo Sie sind. Es handelt sich nämlich um die Zahlung, ob das Ihre Mutter übernimmt oder die Gemeinde.“

Als ich darauf zu weinen begann, beruhigte er mich mit den Worten: „Sie müssen nicht Angst haben. Die Frau tut Ihnen nichts. Dafür bin ich auch noch da.“

Man schrieb ihr also, und an einem Dienstag nachmittag zur allgemeinen Besuchsstunde kam sie. Ich lag im ersten Bett, gleich neben der Tür. Sie blickte im ganzen Saal herum und sah mich lange nicht, nachdem sie mich aber bemerkt hatte, schrie sie, daß es alle hörten: „So, da bist! Was du deinen armen Eltern angetan hast, übersteigt alle Grenzen. Da heraußen muß ma di finden und hätt’st es so schön g’habt dahoam. Hätt dir koa Mensch was tan!“ Dabei brach sie in Tränen aus, ging durch den Saal an das Fenster und sagte ganz laut und mit schluchzender Stimme: „So ein ungeratenes Kind! Oan so vui Verdruß z’macha!“

Die andern Patientinnen, die den wahren Sachverhalt wußten, begannen bei diesen Worten zu kichern und zu lachen und eine sagte mit komischem Ernst vor sich hin: „Tja, tja, solchtene Kinder!“ worauf im ganzen Saal lautes Gelächter erscholl.

Da mußte auch ich lachen, und die Mutter entfernte sich wütend mit den Worten: „Daß d’ di z’ammrichst morgen. Morgen nachmittag hol i di!“

Am Abend machte der Herr Doktor wie gewöhnlich die Runde, und es wurde ihm das Vorgefallene berichtet. Da trat er an mein Bett und sagte lachend: „Ah, Sie leben ja noch! Also ist sie doch nicht so schlimm.“ Als er aber erfuhr, daß ich am andern Tag wieder nach Haus müsse, rief er: „Unter keinen Umständen! Sie sind noch nicht gesund, und jede Aufregung, sowie Luftwechsel schadet Ihnen! Ich werde niemals meine Einwilligung dazu geben.“

Er mußte sie aber doch geben, als die Mutter am andern Tag unter vielen Tränen versicherte, ich solle kein unrechtes Wort mehr hören, noch viel weniger eine Mißhandlung erdulden.

Nachdem ich ziemlich bedrückt von den Krankenschwestern und den übrigen Patientinnen Abschied genommen hatte, trat ich mit der Mutter den Heimweg an.

Vorerst aber hatte die Mutter an der Kasse noch sechsundneunzig Mark für meine Verpflegung zu bezahlen, doch ließ sie mich den Ärger darüber nicht merken.

Unterwegs in der Trambahn sagte ich ihr, ich wolle nicht mehr heim, sondern eine Stellung als Dienstmädchen annehmen. Sie schien anfangs entsetzt darüber, ging aber dann doch mit mir in die Marienanstalt, wo bessere Stellen für Dienstboten vermittelt wurden.

Während sie mit der Oberin verhandelte, mußte ich auf dem Korridor warten. Nach längerer Zeit trat die Mutter heraus und sagte, spöttisch lächelnd: „So, geh nur nei! Frau Oberin woaß allerhand für di.“

Mit den besten Hoffnungen trat ich ins Zimmer, gefolgt von der Mutter. Aber es kam anders, als ich erwartet hatte.

„Weißt du,“ begann die sehr beleibte Oberin, indem sie mit hochrotem, erzürntem Gesicht vor mich hintrat, „was einem Kind gebührt, das seine Eltern mit Füßen tritt und das Elternhaus mißachtet und nicht mehr dahin zurückkehren will? ... Einem solchen Kind gehört nichts anderes, als daß man es an einen Haken anhänge und mit einem Stock oder Strick so lang schlage, bis es lernt, das Elternhaus zu schätzen und Vater und Mutter zu lieben!“

Als ich dies vernommen, verlangte ich nicht mehr zu wissen und eilte nach der Tür, riß sie auf und lief davon, heim zum Vater.

Nachdem dieser mich freundlich empfangen und mir seine Hilfe versprochen hatte, erzählte ich ihm auch dies mein letztes Erlebnis. Da gab er mir recht, und als die Mutter heimkam und über mich klagte, sagte er: „Dös is aa koa G’redats an a krank’s Madl hin. Da kann ’s freili koa Liab und koa Achtung lerna bei dera Behandlung. Sei du mit’n Madl, wie es si g’hört, na werd si bei ihr aa ninx fehln!“

Darauf brachte mich die Mutter zu Bett und behandelte mich von nun an gut und freundlich.

 

Inzwischen nahte der Hochzeitstag meiner Eltern wieder heran. Es war der zehnte, seit sie geheiratet hatten, und auf den gleichen Tag fiel auch mein Geburtsfest. Ich wurde damals siebzehn Jahre alt.

Da die Eltern es gern sahen, daß ich ihnen zu den üblichen Familienfesten meine Glückwünsche darbrachte und auch die Brüder irgendein Gedichtlein lernen ließ, so beschloß ich, ihnen zu ihrem zehnten Hochzeitstage eine rechte Freude zu machen. Ich schmückte also das Nebenzimmer mit Papiergirlanden, stellte ein selbstverfertigtes Transparent auf und dazu ein Brett, in das ich zehn Nägel schlug und darauf zehn Wachskerzen befestigte. Auf einen weißgedeckten Tisch legte ich die Festesgaben, zu denen ich einen eigenen Vers gedichtet hatte. Es waren ein Paar zierliche Samtpantoffeln für die Mutter und ein gesticktes Käpplein für den Vater, nebst zwei Blumenstöcken und einem Kuchen. Auch den Stammgästen teilte ich meine Absicht mit, und sie waren gern bereit, die Feier noch durch Musik zu verschönern.

Als nun am Vorabend des Hochzeitstages meine Eltern plaudernd am dichtbesetzten Stammtisch saßen, ertönte plötzlich im Nebenzimmer Musik und man brachte ihnen ein Ständchen. Erschrocken sprang die Mutter auf und lief hinüber. Da erglänzte der also geschmückte Raum im Licht der Kerzen und des Transparents. Doch, o Wunder! es stand noch ein Brett auf dem Tisch, an dem siebzehn kleine Lichtlein brannten. Meine Brüder hatten mich damit überrascht.

Während die Mutter immer noch starr an der Tür lehnte, war auch der Vater hinzugetreten, und nun brachte ich meinen Prolog vor, worauf die Gäste ein dreimaliges Hoch brüllten.

Dann stand einer von den Stammgästen auf und brachte in umständlicher, stotternder Rede die Wünsche der Gäste zum Ausdruck und rief zum Schluß: „Unser wertes Hochzeitspaar und unser liebes Geburtstagskind mögen noch lange Jahre froh und glücklich sein! Sie leben hoch, hoch, hoch!“

Da rief die Mutter, der während des Ganzen eine dunkle Röte bis zu den Schläfen über das Gesicht lief, aus: „Ja, seid’s denn alle verrückt wordn! Was red’s denn allweil von zehn Jahr? Mir san do scho zwanz’g verheirat’!“

Ich verwunderte mich über diese Rede sehr; denn ich wußte doch bestimmt, daß der Vater jetzt fünfunddreißig, die Mutter aber achtunddreißig zählte, und wenn sie nun vor zwanzig Jahren schon geheiratet hätten, so ... Ich schickte mich also an, ihnen dies zu erklären. Da erhielt ich einen heftigen Stoß von der Mutter, und sie rief halblaut: „Marsch, ins Bett! Und freun kannst di!“

Andern Tags aber gab es heftige Prügel dafür, daß ich die Eltern so blamiert hatte; denn sie wollten es niemand wissen lassen, daß die Mutter mich schon ledig gehabt.

Jetzt war meine gute Zeit wieder vorbei, und die Mutter quälte mich wieder ärger denn je. Dabei empfand ich es am bittersten, daß sie mich oft, besonders zu gewissen Zeiten des Monats, wegen irgend einer Kleinigkeit, die ich mir hatte zu Schulden kommen lassen, dadurch strafte, daß sie mir befahl, nach dem Mittagessen in ihrem Zimmer zu erscheinen. Dort mußte ich mich dann jedesmal nackt ausziehen und niederknien, und nun schlug sie unter lauten Schmähungen mit dem Ochsenfiesel so lange auf mich ein, bis sie vollkommen erschöpft war und mir das Blut über Arme und Rücken herunterrann. Bei diesen Züchtigungen waren die Schläge, an die ich mich schließlich auch gewöhnte, nicht so schmerzhaft als der Umstand, daß die Mutter oft viele Stunden zwischen meiner Verfehlung und der Strafe verstreichen ließ, während derer ich das Kommende jeden Augenblick vor mir sah und doch meine Arbeit tun mußte.

Dadurch wurde mir das Leben im Hause immer mehr zur Qual und ich beschloß, auf irgend eine Weise dasselbe zu verlassen.

Da besuchte uns ein junges Mädchen, welches sich vor seinem Eintritt ins Kloster noch von einer meiner Basen, die bei uns in Dienst war, verabschieden wollte. Diese schilderte mir den Beruf und das Leben der Nonnen so schön, daß ich voller Begeisterung beschloß, ebenfalls ins Kloster zu gehen. Ich äußerte diesen Wunsch meiner Mutter gegenüber und sie war ganz wider mein Erwarten einverstanden. Doch wohin? Man versuchte es im Institut der Englischen Fräulein; doch wies man mich dort ab, weil ich ein lediges Kind war. Da erfuhren wir durch eine Magd, deren Schwester schon lange Klosterfrau war, daß der alte Pater Guardian des Kapuzinerordens in München uns gewiß raten könne; der hätte auch ihre Schwester ins Kloster gebracht.

Meine Mutter ging also mit mir dahin und stellte mich dem Pater vor, und nachdem ich ihm meinen Wunsch, ins Kloster zu gehen, vorgetragen hatte, meinte er: „Viele sind berufen, aber wenige nur sind auserwählt! Wenn du wirklich den festen Willen hast, Nonne zu werden, so will ich dir gerne dazu helfen!“ Darauf nannte er mir als die geeignetste Stätte, Gott in gänzlicher Abgeschiedenheit von der Welt zu dienen, das Kloster Bärenberg in Schwaben, und nachdem er noch meine Schulzeugnisse geprüft und mich auch in religiösen Dingen nicht unwissend befunden hatte, empfahl er mir, dorthin zu schreiben; denn daselbst könne ich Lehrerin, oder was ich wolle, werden.

Auf meine Anfrage bei den frommen Frauen dieses Klosters, das dem heiligen Josef geweiht war, erhielt ich denn auch wirklich den Bescheid, daß man, obwohl ich schon siebzehn Jahre alt sei und man gewöhnlich nur jüngere Bewerberinnen zulasse, dennoch gewillt sei, mich als Kandidatin aufzunehmen; zugleich war dem Schreiben ein Zettel beigelegt, der alles enthielt, was mir zu wissen vonnöten war und auch was ich an Garderobe, Wäsche und dergleichen brauchte.

Als Tag meines Eintrittes war der fünfte Dezember, der Todestag meines Großvaters, ausersehen und ich erwartete ihn sehnsüchtig und mit großer Aufregung.

Die letzte Nacht vor meinem Scheiden aus dem elterlichen Hause schlief ich nur wenig, und als mich am frühen Morgen die Mutter aus den Federn holte, war ich in ganz seltsamer Stimmung. Verflogen war alle Lust und Freude, und ich wäre viel lieber im Bett geblieben, statt mich für die Reise bereit zu machen. Da ich nun aber einmal daran glauben mußte, kleidete ich mich rasch an. Bald trat auch schon die Mutter reisefertig in die Stube, und nachdem ich meinem Vater und den Geschwistern Lebewohl gesagt, machten wir uns auf den Weg. Oftmals blickte ich noch zurück auf unser Haus, und als wir durch die menschenleeren Straßen dem Bahnhof zueilten, nahm ich noch Abschied von den alten Frauentürmen, die freundlich aus dem Frühnebel grüßten.

In der Eisenbahn gab mir die Mutter noch allerhand Ratschläge und meinte zum Schluß: „Kost’s, was’s mag, wannst nur recht a brave Klosterfrau wirst! Schickn tean ma dir alles, was d’magst, brauchst bloß z’schreibn. Aber aushaltn mußt und drinn bleibn! Net, daß d’auf amal nimma magst und kommst ma daher; da tät’s spuckn!“

Nach dieser Rede verstummte sie, und auch ich lehnte mich schweigend in meine Ecke.

Verschneite Wiesen, Wälder und Ortschaften glitten draußen vorüber, Stationen wurden gerufen, Leute stiegen aus und ein, deren Redeweise immer mehr das Schwabenland verriet, und bald waren wir in der Hauptstadt, in Augsburg. Den mehrstündigen Aufenthalt benützten wir dazu, uns die Stadt ein wenig anzusehen. Mich aber interessierten nur etliche Klosterfrauen, die eben über den Marktplatz in eine Kirche gingen; doch gefiel mir ihre Kleidung gar nicht und ich fürchtete, es möchten die Frauen des heiligen Josef ebensolche unschöne Gewandung tragen. Während ich ihnen noch nachblickte, stürmte plötzlich keuchend ein Hund an mir vorüber, der einen andern, der laut heulte, hinter sich herschleifte. Entsetzt sprangen die Nonnen zur Seite, während sich im Nu ein großer Menschenhauf ansammelte, aus dem die Rufe: „A Schäffla Wass’r her! A Töpfla Wass’r drufgießa!“ erschollen. Ich aber war höchst erstaunt vor diesem scheinbaren Naturwunder stehen geblieben und starrte mit offenem Munde den Hunden nach. Da riß mich meine Mutter mit den Worten: „Marsch, weiter, dös is nix für di!“ mit sich fort und führte mich auf dem kürzesten Wege wieder zum Bahnhof.

Während der weiteren Fahrt war die Mutter recht einsilbig, und als wir jetzt an der Endstation Kamhausen anlangten, sagte sie nur: „So, jetz müß ma schaun, daß ma no an Platz im Stellwagn kriegn!“ welchen Worten ich nicht zu widersprechen wagte, obgleich ich viel lieber zu Fuß gegangen wäre.

Während nun die Mutter wegen der Fahrscheine drinnen am Postschalter verhandelte, besah ich mir die Gegend: da erblickte ich grad vor mir, kaum eine halbe Stunde entfernt, angelehnt an einen bewaldeten Hügel, ein imposantes Gebäude und rings um dasselbe eine Menge kleinerer, die den Eindruck einer kleinen Stadt machten. Etwas abseits lagen wieder eine Anzahl Häuser, die mehr ländlichen Charakter hatten und von Bäumen umgeben waren. Um das große Gebäude und den Berg zog sich eine Mauer und von dem Dach grüßten ein paar große, mit hohen Schneehauben überzogene Storchennester. Dazwischen ragten mehrere kleine Türmlein in die klare Luft und von einem größeren klang einladend das Mittagläuten zu mir herüber. Da schreckte mich jemand aus meinem Betrachten auf: „He, Mädla! Was luagscht denn allweil nach Bäraberg rüba? Magscht ebba au e Kloschtafrau wera?“

„Ja. Dös hoaßt, naa, naa; i woaß’s net!“

Nach diesen ungeschickten Worten lief ich wieder auf die andere Seite des Bahnhofs, wo die Mutter mich schon überall suchte. Ich sagte ihr, daß ich Bärenberg schon gesehen hätte; doch schien sie es nicht zu hören und trieb mich zur Eile, da der Stellwagen gleich abfahren wollte.

Mit uns hatten noch einige Frauen und ein junger Mann Platz genommen, und der letztere veranlaßte mich durch sein sonderbares Betragen und sein vogelartiges Gesicht, immer wieder nach ihm zu schauen. Er spielte unablässig mit seinen Fingern, schnitt Grimassen und lallte unverständliche Worte vor sich hin. Ich erfaßte aus der lebhaften Unterhaltung der Frauen, die bei ihm saßen, daß der junge Mensch blöd und epileptisch krank sei und nun in der Kretinenabteilung Bärenbergs untergebracht werde. In der Ecke saß ein altes Weiblein mit einem kaum zwanzigjährigen Mädchen, und es fiel mir auf, daß die beiden garnichts miteinander redeten. Auch die andern Frauen interessierten sich anscheinend für das Paar; denn die eine fragte plötzlich die Alte: „Fahrat Se au uf Bäraberg?“

„Ja freili,“ antwortete diese, „mei Dirndl is toret und a Stummerl is ’s aa. Jatz han i mi beim Burgamoasta vürstelli g’macht und der hat ins a G’schreibats gebn, daß s’ auf G’moaköstn in dö Anstalt z’Bärnberg kimmt. Dö ham ja lauta söllane Dalkn!“

„Du lieb’s Herrgottl! Isch dies abr schad! ’s isch ganz e frätzig’s, herztausig’s Mädla! Moi Jakala muß au hin, weil er irr ischt und’s Hiefallat hat.“

Nun war mit einem Mal meine ganze Schneid fort und ich hatte nicht geringe Angst vor dem Kloster und allem, was dazu gehörte. Und als sich die redseligen Frauen nun auch an uns wandten, muß ich wohl ganz den Eindruck einer verschüchterten Irren gemacht haben; denn die eine sagte zu meiner Mutter: „So, so, Sie fahrat au mit uns! Sie wollet g’wiß au Aufnahm für dies Mädla; ischt’s ebba au e Deppala?“

Da sagte meine Mutter, daß ich Klosterfrau werden wolle.

„Schau, schau!“ sagte die Alte darauf, „so a schwera und aaschtrengada Beruf möcht’s Mädla und ischt so blaß und mag’r! Lasset Sie’s do wied’r hoifahra, Fraule! Die ischt ’it passad für e Kloschterfrau!“

Doch meine Mutter entgegnete nur kurz: „Es wär mir gleich, was s’ tät; aber sie will selber ins Kloster.“ Damit war die Unterhaltung zu Ende.

Inzwischen waren wir an dem Hügel angelangt und mußten nun ganz um ihn herumfahren. Da sah man erst, daß er den eigentlichen Ort ganz verdeckt hatte, und ich war überrascht von der Schönheit des alten Städtleins.

Vor dem großen Gebäude machte der Postillon halt und wir standen wartend an der verschlossenen Pforte. Aus dem kleinen Fensterchen daneben sah eine schwarze Katze, und als die Tür sich endlich öffnete, stand eine kleine, alte Nonne vor uns, liebenswürdig und demütig nach unserm Begehr fragend.

Nachdem sie die Wünsche eines jeden gehört, führte sie uns in ein kahles Zimmerchen, aus dem erst die Taubstumme, dann die Frauen mit dem Kranken geholt wurden. Zuletzt kam eine blasse, junge Schwester, die uns nach den Gemächern des Superiors führte.

Vor der Tür des Sprechzimmers standen etwa sieben bis acht Nonnen und warteten auf Einlaß. Sie standen da, gesenkten Hauptes, die Arme vor der Brust gekreuzt und beteten leise vor sich hin, während mitunter ein halb scheuer, halb neugieriger Blick uns streifte.

Inzwischen hatte die Schwester uns angemeldet und wies uns nun in ein mit dem Sprechzimmer verbundenes Gemach.

Da trat nach einer kleinen Weile, während der mir fast die Brust zersprang vor Erregung, aus der Tür des Sprechzimmers ein ernster Mann von ehrfurchtgebietender Größe und Haltung und lud uns ein, näher zu treten. Er führte uns in sein Zimmer, das fast wie der Laden eines Buch- und Schreibwarenhändlers aussah. Überall lagen Stöße von Büchern, Heften, Zeitschriften, Akten und Briefen umher und dazwischen große Pakete, ganze Bündel Wachskerzen, Rosenkränze und Sterbkreuze. Über einem Stuhl hingen eine Menge violettgelber Ordensgürtel und an einem Schrank lehnten etliche Krücken.

Nachdem der Superior in einem Armstuhl Platz genommen, wies er meiner Mutter auf dem Sofa und mir auf einem Rohrhockerl Sitze an, hierauf begann er: „Hast du dir auch wohl überlegt, mein liebes Kind, was du tun willst, indem du eine Klosterfrau zu werden gedenkst?“

Meine Mutter antwortete statt meiner: „Hochwürdiger Herr, wir haben ihr lang genug davon abgeraten;“ und plötzlich in ihre gewohnte Redeweise verfallend, fuhr sie fort: „Aber a jeds Wort is umasonst g’wen.“

„Das haben halt schon viele im Sinn gehabt und nach einiger Zeit sind sie doch wieder in die Welt zurück. Und gar bei uns gehört viel dazu, um den Anforderungen, die wir an die Schwestern stellen, gerecht zu werden. Doch soll es uns große Freude bereiten, wenn das liebe Kind eine recht fromme, brave und tüchtige Schwester in unserm Orden wird. Wir haben ja so viele nötig, sowohl für die Arbeit, als auch für den Unterricht; denn unsere Anstalt besteht aus einem Blindenheim, einem Taubstummeninstitut, einer Heimstätte für alte, schwächliche Personen und einer Pflegeanstalt für Kretinen, Epileptische, Irre, Tobsüchtige und durch Ausschweifung Zerrüttete, sogenannte Besessene. Auch finden bei uns arme, kranke und mißgestaltete, sowie blöde, krüppelhafte und mißratene Kinder eine Stätte zur allseitigen Pflege und Bildung, soweit dies möglich ist.

Unser Orden hat jetzt etwa fünfhundert Profeßschwestern, von denen etliche schon seit Bestehen desselben das Kleid unseres Schutzpatrons tragen, und ungefähr zweihundert Novizinnen, die ihren weißen Schleier erst in ein bis zwei Jahren bei Ablegung der Profeß mit dem schwarzen zum Zeichen gänzlicher Entsagung der Welt vertauschen. Diese sind noch nicht durch die ewigen Gelübde gebunden und können den Orden noch verlassen; doch zeigt ein einzig dastehendes Beispiel, wie der himmlische Bräutigam diesen Verrat bestraft: die betreffende Novizin wurde nach einiger Zeit irrsinnig und befindet sich jetzt in unserer Irrenabteilung. Außer den Genannten haben wir noch etwa dreihundert Jungfrauen, die am Tag des heiligen Josef Lehr-, Pfleg- und Arbeitsschwestern werden wollen, sowie einhundertzwanzig Lehramtskandidatinnen, zehn Handarbeits- und sechs Musikkandidatinnen und etwa fünfzehn für die Hausarbeit und Küche. Wie ich sehe, hat das Kind sehr gute Schulzeugnisse; eine kurze Prüfung wird uns zeigen, wozu sich das Mädchen eignet. Sollte es dir, mein Kind, nicht gefallen, so kannst du innerhalb fünf Jahren diese Stätte noch verlassen. Nun sage mir einmal, willst du bei uns bleiben?“

Er war bei den letzten Worten aufgestanden und hatte mir das Kinn gefaßt, indem er mich fest anblickte.

Da sagte ich leise: „Ja, ich will dableiben.“

Meine Mutter hatte dies Ja überhört und rief: „Na, kannst net antwortn, wennst g’fragt wirst!“

Doch der Priester entgegnete ihr: „Ereifern Sie sich nicht, Frau Mutter, das gute Kind hat mir sein Jawort schon gegeben.“

Darauf gab er uns seinen Segen und ließ uns durch eine Nonne nach der Kandidatur führen. Dort mußte mich meine Mutter allein lassen; doch durfte ich, nachdem ich den Kandidatinnen vorgestellt und genugsam angestaunt worden war, mit ihr in der Brauerei zu Mittag essen und hatte mein neues Leben erst am Nachmittag zu beginnen.

Wir begaben uns also in das Bräustüberl, einen behaglichen Raum mit rohen, blankgescheuerten Möbeln und Blumenstöcken an den Fenstern, deren saubere Vorhänge fest zugezogen waren. An den Wänden hingen bunte Heiligenbilder und in einer Ecke war ein kleiner Hausaltar aufgerichtet, dessen zierliche Ampel ihr mattes Licht auf die aus Gips verfertigte Statue des heiligen Josef warf.

Als ich sah, daß auch hier nur Klosterfrauen tätig waren, verwunderte ich mich sehr und wagte an die Schwester, die uns bediente, die Frage, ob hier die Nonnen auch das Bier selber brauten. Da erzählte sie uns, daß alles, was nur immer zu tun sei, von ihnen selbst gemacht werde; auch die Ökonomie und Metzgerei, sowie alle Handwerke, deren das Kloster bedürfe. Zur Hilfe würden allerdings die Pfleglinge, welche sich dazu eigneten, verwendet. Dies setzte mich in großes Erstaunen, und ich sah meinem Leben in diesem Kloster mit viel Neugier entgegen. Meine Mutter aber hatte mit wachsendem Entsetzen zugehört und konnte dies auch kaum vor mir verbergen, und als sie um drei Uhr wieder in den Stellwagen stieg, sagte sie ganz unvermittelt: „Also, wann’s dir gar z’schwer wird, kannst d’ es ja schreibn; bet viel und sei recht fleißig und aufmerksam und laß dir nix z’Schulden kommen.“

Ich gab ihr noch Grüße auf an alle, die mir lieb waren; dann schlang ich plötzlich meinen Arm um ihre Knie, drückte laut aufweinend meinen Kopf in ihre Kleider und lief danach, so rasch ich konnte, an die Pforte und läutete fest, ohne noch einmal umzuschauen.

Man wies mich wieder in das kleine Zimmer, und dann führte mich die blasse Schwester ins Refektorium, wo die Kandidatinnen bei der Vesper saßen. Liebenswürdig nahmen sich sofort einige von ihnen meiner an und erklärten mir alles, was ich wissen mußte oder wollte. Ich war ihnen dankbar dafür; denn ich hielt es für natürliche, herzliche Kameradschaft. Später freilich erkannte ich meinen Irrtum: es war alles nur Drill und von wahrer Güte wenig zu finden: Bigotterie paarte sich mit Stolz, Selbstsucht mit dem Ehrgeiz, vor den Oberen schön dazustehen und als angehende Heilige bewundert zu werden.

Besonders unter den älteren Mädchen hatte dies Streben nach Vollkommenheit einen wahren Wettlauf um die Tugend hervorgerufen, und die Präfektin der Kandidatur, die solches mit großer Befriedigung wahrnahm, übergab nun jede Neuangekommene der Obhut einer dieser Würdigen, welche zugleich mit diesem ehrenvollen Amt den Namen Schutzengel erhielt.

Also ward auch mir gleich am ersten Abend ein solcher Schutzengel zugeteilt und waltete mit Eifer seines Amtes. Bald machte er mich auf das Weltliche meiner Heiterkeit aufmerksam, obschon ich mir recht traurig vorkam. Und als ich später meinen Arm in den meiner Beschützerin legen wollte, wies sie mich mit den Worten zurecht: „Pfui! Das schickt sich doch nicht! Das gefährdet doch die heilige Reinheit! Es ist uns verboten, uns bei den Händen zu fassen oder einzuhängen. Das Betasten des Körpers nährt die Sinnlichkeit, und zum Körper gehören auch die Hände.“

Da die Abendandacht stets in der Kapelle verrichtet wurde, führte meine Hüterin mich daselbst an den mir zugeteilten Platz, von dem aus ich weder den Altar noch sonst etwas von der Kirche sehen konnte; denn wir befanden uns auf einer Art Galerie, die mit einem dichten Gitter abgeschlossen war. Rings um uns vernahm ich lautes Beten und sah mich neugierig um, zu sehen, woher es käme. Da flüsterte mein Schutzengel mit strenger Miene: „Sieh für dich, arme Seele, Gott ist hier!“

Nach dem Abendgebet gingen wir paarweise in den großen Schlafsaal, und meine Führerin steckte mir auf dem Weg dahin einen Zettel zwischen die Finger, auf dem geschrieben stand: „Von neun Uhr abends bis sieben Uhr morgens strengstes Stillschweigen!“

Im Schlafsaal angelangt, wies sie mir mein Lager an, und ich wollte nun beginnen, mich auszuziehen. Da ich noch städtische Kleidung trug und auch kein Nachthemd bei mir hatte, brachte sie mir eine weiß- und rotkarierte Bettjacke. Ich hatte bereits meine Bluse aufgeknöpft und entblößte eben meine Schultern, als mein Schutzgeist ganz entsetzt herzusprang und mir die Bluse rasch wieder über die Achseln schob. Hierauf warf sie mir die Bettjacke über die rechte Schulter, und indem ich sie am Hals festhalten mußte, entblößte sie unter dieser schützenden Hülle meinen rechten Arm und schob ihn rasch in den Ärmel des Nachtgewandes. Ebenso verfuhr sie auf der linken Seite und dann knöpfte sie mir den Kittel bis an den Hals zu.

Die andern Kandidatinnen hatten sich inzwischen unter lautem Beten auf die gleiche Art entkleidet, und ich sah nun eine nach der andern ins Bett steigen; doch behielten alle ihren Unterrock und die Strümpfe an. Ich machte meine Hüterin durch Zeichen auf dies aufmerksam; da zog sie einen Bleistift und einen Notizblock aus der Tasche und schrieb darauf: „Ein sittsames Kind entblößt die Füße erst im Bett und auch den Unterrock darf man nicht vorher abstreifen.“

Also legte ich mich zu Bett und entledigte mich, nachdem sie mir die Decke über den Kopf gezogen, meiner übrigen Kleidung, worauf eine Nachtschwester von Bett zu Bett ging und einer jeden die Zudecke glatt strich. Und nachdem man sich noch der Fürbitte des heiligen Joseph und der heiligen Barbara durch besondere Gebete versichert und den Psalm „Aus der Tiefe rufe ich zu dir, o Herr“ samt den dazugehörigen Paternostern gebetet hatte, legte man die Arme auf der Bettdecke kreuzweise über die Brust und schlief dann ein.

Traumlos schlief ich die ganze Nacht; denn ich war den Tag über müde geworden, und als am frühen Morgen plötzlich ein lautes „Gelobt sei Jesus Christus“ ertönte, dem die Kandidatinnen sich aufsetzend „in Ewigkeit, Amen,“ antworteten, blickte ich verwirrt um mich und konnte mich erst, als von der Pfarrkirche das Fünfuhrläuten erscholl, besinnen, wo ich war. Rasch sprang ich aus dem Bett; in diesem Moment aber sah ich ringsum aller Augen entsetzt auf mich gerichtet, und nun merkte ich erst, daß ich im Hemd und ohne Strümpfe war. Schnell schlüpfte ich wieder ins Bett und zog mit vieler Mühe unter der Decke meine Unterkleider an.

Derweilen waren die anderen Mädchen schon an den langen Waschtisch getreten, wo eine Waschschüssel neben der anderen stand, und wuschen sich, als mein Schutzengel kam und auch mich dahin führte. Während des Ankleidens wurde wie am Abend laut gebetet; man empfahl sich zu allen Stunden in Mariens Herzen und Jesu Wunden.

Nachdem wir unsern Schlafsaal geordnet und zuletzt die leichten Filzschuhe mit Stiefeln vertauscht hatten, begaben wir uns paarweise nach der Kandidatur. Diese befand sich in dem sogenannten Mutterhaus, einem alten Bau, der noch aus dem sechzehnten Jahrhundert stammte und damals den Prämonstratensermönchen gehört hatte, die später daraus vertrieben wurden, worauf das Kloster erst als Kaserne und dann als Speicher diente. In diesem Zustand erwarb es unser Orden und richtete es wieder wohnlich her; doch wurde das Haus bald zu klein und man fügte einen Anbau um den andern an. So kam es, daß wir unsern Schlafsaal in einem dieser neuen Gebäude hatten.

Wir schritten also über den verschneiten Platz vor dem Kloster; denn einen geschlossenen Verbindungsgang nach dem Mutterhaus hatte man gerade erst zu bauen begonnen. Da läutete es in der Pfarrkirche zur heiligen Wandlung. Sofort warfen sich alle auf die Knie in den Schnee und beteten den menschgewordenen Gott an.

Als wir im großen Lehrsaal der Kandidatur angekommen waren, knieten alle vor einer reich mit Blumen geschmückten Statue des heiligsten Herzen Jesu nieder, vor der die Präfektin bereits in andächtigem Gebete lag. Sie schlug jetzt ein Andachtsbuch auf und las daraus die Legende einer Heiligen, worauf eine lange Betrachtung ihrer Tugenden und Leiden folgte. Zum Schluß wurde vieles auf uns angewandt und etliche Kandidatinnen, die sich Verfehlungen gegen eine der Tugenden dieser Heiligen hatten zu Schulden kommen lassen, bekamen nun eine eindringliche Strafpredigt und es wurden ihnen schwere Bußübungen, wie Rosenkränze, viel hundert Paternoster und Ave-Maria, stundenlanges Knien vor dem Altar und dergleichen auferlegt.

Starr vor Erstaunen hörte ich dem Ganzen zu und bereute es schon bitter, jemals den Vorsatz gefaßt zu haben, Nonne zu werden.

Nach dieser geistlichen Lesung und Betrachtung gingen wir in den Speisesaal zum Frühstück, das in einer Tasse dünnen Kaffees und einem Brötchen bestand. Meine Hüterin legte wieder einen Zettel vor mich hin, des Inhalts, daß es Jesus recht wohlgefällig sei, wenn man freiwillig auf das Brot verzichte, weshalb ich nur die Hälfte davon aß.

Nun hatten wir der Frühmesse in der Klosterkapelle beizuwohnen und danach versammelten wir uns wieder im Saal der Kandidatur, und jedes holte sich ein Buch, um zu lernen.

Inzwischen schlug es acht Uhr, und herein traten drei Schwestern, die Lehrerinnen der Kandidatur, gefolgt von der Präfektin, die mich, nachdem wir beim Glockenschlag um eine gute Sterbstunde gefleht, setzen hieß und nun begann, mich in allem zu prüfen, was ich als Lehramtsschülerin wissen oder lernen mußte. Sie gesellte mich danach dem zweiten Kurs zu und wies mir meinen Platz an, worauf der Unterricht begann. Der erste Kurs schrieb an einem Aufsatz, wir rechneten schriftlich, und der dritte Kurs hatte Unterricht in Grammatik. Die höheren Klassen hatten ihre eigenen kleinen Studierzimmer und diese waren nur durch Glastüren von unserm Saal getrennt.

Um neun Uhr versammelten sich von neuem alle vor dem Altar, knieten nieder und beteten laut ein Stundengebet. Kaum hatten wir uns wieder erhoben, als abermals von der Pfarrkirche die Glocke zur Wandlung läutete und wir uns wiederum auf die Knie warfen und anbeteten.

Nach einer kurzen Weile rief man uns zur Vesper, und jede bekam ein Krüglein Bier und ein Stück schwarzes Brot, wobei ich sah, daß wieder viele die Hälfte des Brotes zurück in den Korb wandern ließen; doch weiß ich nicht, ob dies zur Abtötung oder aus Abneigung gegen das rauhe Gebäck geschah.

Bald, nachdem der Unterricht wieder begonnen hatte, kam die Präfektin und befahl meinem Schutzengel, mich ins Bad zu führen.

Durch lange Gänge, vorüber an Männer- und Frauenabteilen, aus denen wüster Lärm drang, hinab über alte, morsche Stiegen ging es, dann traten wir in einen moderigen Kellerraum, wo etwa zehn Männer Körbe flochten. Wir eilten an ihnen vorüber und kamen durch die mit ekelhaftem Gestank erfüllte Waschküche, in der etliche Kretinen aus einer übelriechenden Lauge graue Wäschestücke zogen, endlich in ein düsteres Kämmerlein, das man Bad nannte, und in dem zwei alte Badewannen, durch einen Vorhang getrennt, an der Wand standen.

Wir mußten uns erst das heiße Wasser aus der Waschküche holen, und nachdem wir unsere Wannen gefüllt und unsere Tücher und Wäsche auf einen neben der Wanne stehenden Stuhl gelegt hatten, begann mein Schutzgeist mir zu zeigen, wie man sich baden müsse, ohne die Unschuld zu verletzen.

Ich durfte mich nicht ganz entkleiden, sondern mußte in Hemd und Strümpfen in die Wanne steigen. Hier konnte ich mich meiner Strümpfe entledigen, während das Hemd meiner Blöße als Bedeckung blieb und tüchtig eingeseift wurde. Darauf strich man einige Male mit den Händen darüber hin; denn unter dem Hemd durfte der Leib nicht berührt werden. Nur Gesicht und Hals wurde gründlich gewaschen.

Währenddem beteten wir laut den schmerzhaften Rosenkranz, auf daß der, der für uns Blut geschwitzt hat und für uns gegeißelt ist worden, unser Herz vor jedem sinnlichen Gedanken bewahre.

Auf dem Rückweg erzählte mir meine Beschützerin, daß man während des Sommers in einer Hütte zu Sankt Jakob bade, einer Einsiedelei, nahe dem Kloster in einem kleinen Tal gelegen. Und sie erklärte mir genau, wie man es dabei zu machen habe, damit die Seele nicht Schaden leide. Als ich dann später im Sommer wirklich dieses Badehüttlein besuchte, mußte ich über mein Hemd einen Anzug mit langen Ärmeln anziehen, so daß ich am Ende nicht das Gefühl der Erfrischung hatte, sondern es mir war, als sei ich durch ein Unglück ins Wasser geraten. Zum Glück durfte ich während meines eineinhalbjährigen Aufenthalts im Kloster nur dreimal baden.

Nach dem Bade führte meine Hüterin mich in die Garderobe, wo ich meine klösterliche Uniform erhielt. Danach gingen wir zu Tisch, und jetzt war ich eigentlich erst als Kandidatin anerkannt. Ich trug ein blaugestreiftes Kattunkleid, eine schwarze Schürze, ein schwarzes Schulterkräglein und um den Hals eine gestärkte Batistschleife.

Vor dem Essen befahlen wir unsere Sinne dem göttlichen Meister, indem wir beteten: „Barmherzigster Herr Jesu Christe, gestatte, daß ich jetzt diese Mahlzeit einnehme, aus Gehorsam, um meine Gesundheit zu stärken und mir neue Kräfte zu sammeln. Bewahre mich vor aller Sinnlichkeit und gib mir die Gnade, daß ich nicht ohne Überwindung von dieser Mahlzeit aufstehe.“

Doch hätte es eigentlich dieses Gebetes kaum bedurft, da der Speisezettel nicht danach angetan war, den Gaumen zu reizen, so daß es schon großer Überwindung bedurfte, gehorsam zu sein und zu essen. Die älteren Kandidatinnen freilich fügten dieser Überwindung noch andere hinzu, indem sie kein Salz nahmen, kein Wasser tranken, kein Brot aßen und anderes mehr.

Ich selbst konnte mich nur sehr schwer an die Kost gewöhnen; denn erstlich wurden alle Gerichte mit Dampf gekocht, und dann kamen wir in bezug auf die Qualität erst an dritter oder vierter Stelle: das Fleisch und frische Gemüse erhielten die Schwestern, was davon übrig blieb, die Jungfrauen; wir bekamen das Fett mit Kraut, Kartoffelbrei oder Salat. Was wir übrig ließen, wurde dann den Pfleglingen mit einer Brennsuppe verabreicht. Zwar gab es in der Küche auch Geflügel und Fische; doch das war für die Oberen, die Geistlichkeit und bessere Gäste bestimmt. Am übelsten aber bekamen mir die sogenannten Kässpatzen, eine zähe Wasserteigmasse, in der eine Menge Zwiebeln staken. Doch ging es allen Neulingen so, so daß sich nicht selten die eine oder andere erbrechen mußte, was hingegen kein Grund war, mit dem Essen aufzuhören.

Während der Mahlzeit hielt stets eine ältere Kandidatin eine erbauliche Tischlesung, meist Legenden aus dem Leben heiliger Personen, die durch Fasten und Abtöten eine hohe Stufe der Heiligkeit erklommen hatten.

Nach Tisch ordnete man sich in Paaren und begab sich in die Kapelle, damit, nachdem der Leib seine Nahrung erhalten, auch die Seele ihr Teil bekäme durch den Akt der geistlichen Kommunion.

Ich war nach dieser Andachtsübung, die mit dem Abbeten des Rosenkranzes mit ausgebreiteten Armen beschlossen wurde, so müde, daß ich beinahe im Gehen einschlief.

Da traten wir plötzlich in einen großen Saal. Darinnen saß eine junge Nonne mit gewinnendem, freundlichem Blick in den kindlichen Zügen am Flügel, während neben ihr ein junges Mädchen einen Stoß Liederbüchlein im Arm hielt und am Tisch verstreut mehrere Oratorien und Messen lagen.

Die Nonne stand auf, und nachdem ein kurzes Stundengebet verrichtet worden, begann die Gesangstunde, wobei ich sah, daß hier die Musik sehr gepflegt wurde; denn die Stimmen waren gut geschult und das Spiel der Schwester meisterlich. Sie präludierte erst ein wenig und spielte dann etliche Variationen des zu behandelnden Liedes. Endlich gab sie das Zeichen zum Einsatz, und nun hallte der Saal wieder von den Tönen einer herrlichen altitalienischen Messe.

Als die Sängerinnen eine längere Pause machten, bat ich die Schwester, sie möge mich mitsingen lassen, was sie ziemlich verwundert gestattete. Nun war mit einem Male meine ganze Müdigkeit dahin, und ich sang so zu ihrer Zufriedenheit, daß sie mich erstaunt fragte, wo ich Unterricht gehabt hätte. Ich antwortete ihr, daß ich am Kirchenchor gesungen hätte und auch schon längere Zeit im Klavierspiel unterwiesen worden sei. Hocherfreut rief sie, als sie dies vernommen: „Liebs Jesusle, hab Dank! Jetzt bekomm ich eine Musikkandidatin!“ Und sofort eilte sie zum Superior, ihn zu bitten, daß er mich ihr überweise.

Dies geschah noch am nämlichen Tage, und nun begann für mich eine glückliche Zeit. Ich machte rasch Fortschritte im Klavierspiel, und als ich dann auch im Violinspiel über die ersten Anfänge hinaus war, taten sich vor mir immer wieder neue Wunder auf, und ich schien mir in eine andere Welt versetzt. Meine Freude über diese gute Wendung der Dinge zeigte ich meiner Lehrerin durch großen Eifer und möglichste Genauigkeit im Arbeiten.

Hatte ich schon vorher unter den Lehramtsjüngerinnen einige heftige Widersacherinnen gefunden, so mehrte sich jetzt ihre Zahl; um so mehr, als Schwester Cäcilia mich sehr lieb gewann und wir bald gute Freunde wurden.

So kam es, daß ich in kurzer Zeit einer der sogenannten Sündenböcke der Kandidatur war; denn je öfter meine Lehrerin mir sagte, daß ich brauchbar und ihr fast unentbehrlich sei, desto öfter suchte man mich auf der anderen Seite durch Wort und Tat zu überzeugen, daß ich ein eingebildetes, dummes Mädel sei, das leicht zu ersetzen wäre.

Es dauerte nicht lange und die Obern des Klosters erfuhren diese Dinge.

Also ward ich von der Präfektin der Kandidatur, Schwester Archangela, einer alten, strengen Nonne mit harten Zügen, tiefliegenden grauen Augen und einer großen Hakennase, auf der eine goldene Brille saß, zu der Oberin geführt, damit man mir zeige, was einem so eitlen, schlimmen Mädchen gebühre.

Als ich vor der vornehmen, gütigen Frau, die einem alten, französischen Adelsgeschlecht entstammte, stand, fragte sie mich, was ich verbrochen habe; denn man hielt viel auf ein freimütiges Bekenntnis seiner Vergehen.

Ich antwortete: „Würdigste Mutter, man beschuldigt mich, daß ich mich in bezug auf meine Leistungen überhebe und gegen meine Vorgesetzten und Mitschwestern unhöflich und herausfordernd sei; doch fühle ich mich nicht schuldig und bitte Sie, würdigste Mutter, meine Lehrerin und Mitschwestern darüber vernehmen zu wollen.“

Ohne ein Wort der Erwiderung, nur einige Male mit dem Kopf nickend, faßte mich die Oberin an der Schulter und führte mich in das Vorzimmer des Herrn Superiors, wo ich warten mußte, bis sie mit ihm die Sache besprochen hatte.

Als sie wieder heraustrat, blickte ich ihr fest und mit großen Augen ins Gesicht; doch konnte ich aus ihren Zügen nicht entnehmen, ob man mir Glauben geschenkt hatte. Sie sagte nur ernst zu mir: „Sprich ehrlich mit unserm Vater, Magdalena; er will nur dein Bestes!“

Ich trat also vor ihn hin und auf seine Frage: „Was hast du vorzubringen?“ trug ich ihm den Hergang der Sache so vor, wie ich ihn der Oberin geschildert hatte.

Da ließ er meine Lehrerin, Schwester Cäcilia, zu sich kommen, und sie mußte nun über mich berichten.

Als der Superior nur Gutes hörte, meinte er: „Seltsam, höchst seltsam! Kind, wenn du wirklich brav warst, so bleib’s, wenn nicht, so werd’s!“

Damit waren wir entlassen, und erleichtert trat ich mit der Schwester wieder auf den dunklen Gang hinaus.

Auf dem Weg zum Musiksaal faßte ich ganz plötzlich in einer Aufwallung warmen Dankgefühls ihre Hand und küßte sie wiederholt. Lächelnd entzog sie mir dieselbe, indem sie sagte: „Laß doch die dumme Hand! Sie gehört ja gar nimmer mir, sondern dem heiligen Josef!“

Da meinte ich: „Aber der Mund g’hört schon noch Ihnen, gelt, Schwester?“

„Ja, zum Beten und Singen und ...“

„Und daß ich schnell ein andächtigs Busserl draufgib, Schwester!“ rief ich dazwischen, und ehe sie sich dessen versah, hatte ich sie geküßt.

Ganz erschrocken schob sie sich den Schleier zurecht und zupfte an ihrem Habit herum; doch sagte sie nichts und schalt mich auch nicht, wie ich befürchtet.

Als wir in den Saal traten, sah ich unter ihrem Schleier über dem rechten Ohr einen Wusch goldroten Haars hervorlugen; ich sagte es ihr, und da rief sie mit komischem Entsetzen: „Was sagst, die Welt guckt raus? Ob ihr gleich z’rück wollt, ihr fuchsigen Locken!“ Und eiligst strich sie sie einige Male unter dem Häubchen zurück.

Seit diesem Tag waren wir die besten Freunde, und sie sagte mir im Vertrauen, daß eben unser herzliches Verhältnis zu einander den eigentlichen Anlaß zu dem Zwist gegeben hätte, daß sie mich aber, solange es den Obern recht sei, sehr lieb haben wolle. Ich solle nur mit allen freundlich und besonders gegen eine alte, von der Präfektin wegen ihres Reichtums, den sie dem Kloster geschenkt hatte, sehr begünstigte Musikkandidatin recht höflich und zuvorkommend sein.

Erst war ich über diesen Rat sehr verwundert; bald aber erkannte ich selbst, daß meines Bleibens in diesem Hause nur dann sein könne, wenn ich, wie man sagt, mit den Wölfen heulte, obschon mir jede Art von Scheinheiligkeit zuwider war.

Schwester Cäcilia mochte wohl auch erst nach langem Kampf zu dieser Anschauung gekommen sein; denn sie war im übrigen so freimütig und offen, daß sie einen absoluten Gegensatz zu den andern Nonnen bildete.

Dieser offene Charakter war übrigens auch ihren Familienangehörigen eigen. Ihr Vater, der Schullehrer in dem Ort war und im Kloster den Kandidatinnen und Lehrschwestern Unterricht im Geigen- und Cellospiel gab, darin er selbst ein Meister war, hatte wegen seiner geraden Art viele Feinde. Er hielt sehr auf ein furchtloses, freies Wesen und haßte die kriechende Unterwürfigkeit, die sich unter den Nonnen so gern breit macht und meistens der Deckmantel für Ränke und Heimtücke wird. Kam er zu uns, so begrüßte er erst seine Tochter mit den Worten: „Guta Tag, Cilli! Magscht’s Tagblättla lesa?“ Und damit zog er das Blatt aus der Tasche, obwohl es eigentlich verboten war, Zeitungen zu lesen. Dann sagte er, zu uns gewendet: „So, meine Damen, ka’ i afanga? Ischt’s g’fällig?“

Während des Unterrichts trieb er viel Kurzweil mit uns, so daß es mir oft schien, als sei ich nicht in einem Kloster, sondern bei einem alten Bekannten zu Besuch.

So war denn mein Leben ein ganz angenehmes geworden, und ich ertrug die Bosheiten der Mißgünstigen um so leichter, als ich nicht die einzige Gehaßte und Verfolgte war. Es waren vielmehr eine Reihe jüngerer Mädchen von den Günstlingen der Präfektin dieser als bösartige, ränkesüchtige Personen geschildert worden, weshalb es täglich bei der morgendlichen Betrachtung Strafen und Bußen regnete.

So schüttete die Präfektin eines Morgens ihren heiligen Zorn über einige unglückselige Mädchen aus, die ihre Waschtoilette nicht rein gehalten und die Schuhe im Schlafsaal nicht aufgeräumt hatten. Sie wurden damit bestraft, daß die eine die Schuhe an einer Schnur über die Schulter gehängt bekam, während der andern ein Zettel an die Brust geheftet wurde, des Inhalts: „So wird die Schlamperei bestraft.“

Einem andern Mädchen, das eine Notlüge gebraucht hatte, wurde ein roter Flanellappen in Form einer Zunge an den Rücken gesteckt, und eine dritte, die mit einem Pflegling gesprochen hatte, wurde, da dies streng verboten war, in Acht und Bann erklärt, das heißt, es wurde ihr das schwarze Schulterkräglein, das Abzeichen der Kandidatur, auf die Dauer eines Monats entzogen und allen übrigen aufs strengste verboten, mit der Unglücklichen während dieser Zeit zu sprechen.

Solchen Befehlen wurde von allen blindlings Folge geleistet; denn die Präfektin stand im Geruche großer Heiligkeit, und man erzählte sich im geheimen, daß sie sich oft des Nachts geißle und kasteie: man habe manchmal, wenn man zur nächtlichen Betstunde in die Kapelle ging, deutlich aus ihrer Zelle das Klatschen der Geißelhiebe und inbrünstiges Seufzen und Rufen vernommen. Auch sei sie wiederholt mit der Erscheinung ihres himmlischen Bräutigams beglückt worden.

An manchen Tagen schien sie auch wirklich zu leuchten und rief während der geistlichen Lesung wiederholt aus: „Kinder, lernet Jesum lieben! Wie süß ist die Liebe zu ihm!“

Zugleich mit dem Amte einer Präfektin war ihr auch das einer Novizenmeisterin zuteil geworden, und so lernten die jungen Nonnen gar bald diese Liebesbezeigungen gegen ihren göttlichen Meister und übten solche mit heroischem Eifer. Stundenlang konnte man oft Novizinnen vor dem Tabernakel knien sehen, die Arme ausgebreitet und die Augen unverwandt auf das Altarbild geheftet, das Christum in ganzer Figur darstellte.

Doch nicht bloß am Tage wurde der Heiland von seinen Bräuten aufgesucht, nein, auch während der Nacht waren Betstunden festgesetzt, auf daß der Herrgott auch zu der Zeit, in der die Kreaturen ruhen und schlafen, gebührend verherrlicht werde durch die ewige Anbetung.

In der Kandidatur setzte man nun auch seinen Stolz darein, an diesen Stunden teilzunehmen, und das traf immer je vier für die Kapelle des Mutterhauses, je vier für die Pfarrkirche und vier für die Kapelle des Neubaues.

So war auch ich einmal nachts um die zweite Stunde mit drei anderen Beterinnen in der Kapelle des Neubaues und unterdrückte krampfhaft und gähnend den Schlaf. Da öffnete sich plötzlich die Tür und herein lief eine nur mit dem Nachthemd bekleidete Nonne, warf sich vor dem Altar auf die Knie und begann mit dem Ruf: „Jesus, brennende Liebe!“ sich furchtbar zu geißeln.

Wir waren starr vor Schreck und Staunen, und mich packte Grauen und Entsetzen. Die älteste von uns vieren aber meldete den Vorfall andern Tags der Präfektin, die uns strengstes Schweigen gegen jedermann gebot.

Solche und ähnliche Vorgänge flößten mir einen großen Abscheu gegen das Ordensleben ein, und ich äußerte dies auch des öftern gegen Schwester Cäcilia, sie fragend, ob sie sich auch so mißhandle. Da meinte sie lächelnd: „Ich komme nicht dazu; denn ich muß mich den ganzen Tag mit euren Stimmen ärgern und plagen und brauche deshalb die Nacht zum Schlafen. Ich kann kaum meine Tagzeiten beten vor Arbeit.“

Da erbot ich mich, diese Pflicht mit ihr zu teilen, und benützte von nun an jede freie Stunde dazu, ihr einige Dutzend Psalmen und Paternoster abzunehmen oder die Vesper, Sext und Non gemeinsam mit ihr zu beten, wofür sie mir viel Dank wußte und mich nicht selten vor Strafe bewahrte, wo ich sie verdient hatte.

Inzwischen war die Fastnacht mit ihrem bunten Treiben gekommen, und auch die Nonnen vergaßen für kurze Zeit, sich zu kasteien, und schlossen sich lieber dem Hofstaat des närrischen Prinzen an und versammelten sich mitsamt den Obern und Geistlichen im großen Refektoriumssaal, der in ein Theater umgewandelt war, um sich an den heiteren Singspielen zu ergötzen, die ihnen Kandidatinnen und Jungfrauen aufführten.

Auch den ärmsten von allen den Pfleglingen der verschiedenen Abteilungen wurden mannigfache Belustigungen geboten und sogar etliche dem dürftigen oder zerrütteten Geist angepaßte Schwänke aufgeführt, bei denen die dafür geeigneten Leidenden selbst mitwirken durften.

Damit aber diese Lustbarkeit nicht etwa in den Herzen der gottgeweihten Frauen und Jungfrauen ein Verlangen nach den Freuden der Welt zeitige, beschloß man den Fasching mit einem frommen Theaterstück, in welchem die Glorie irgendeiner heiligen Nonne oder Jungfrau ins hellste Licht gerückt und sie als Muster und Vorbild verherrlicht wurde.

Zu dieser Zeit hatte ich viel Arbeit; denn bei den Fastnachtsspielen waren mir die ersten Rollen zugeteilt worden, und nun stand der Tag des heiligen Josef, an dem der Bischof die Einkleidung und Profeßabnahme im Kloster vornahm, vor der Tür. Es war dies der festlichste Tag im ganzen Jahr, und alles rüstete sich schon lange vorher, ihn würdig zu begehen.

Ich erwartete das Fest mit großer Erregung, da meiner sowohl in der Kirche als auch im Festsaal und beim Mahle schwere Aufgaben harrten. Doch war Schwester Cäcilia nach der letzten Probe sehr zufrieden mit mir und meinte: „Mädl, wenn du morgen so gut singst, hebst die ganze Pfarrkirche in den Himmel; ich bin recht zufrieden.“

Als dann der Morgen des Festes gekommen war, regte sich’s im Kloster wie in einem Bienenkorbe: geschäftige Nonnen huschten durch die Gänge, den Arm voll Myrtenkränzlein, weißer Nonnenschleier oder Skapuliere, und eilten in die Zellen, um die jungen Gottesbräute zu schmücken und zu kleiden. Große Girlanden wurden aufgehangen und die Kapellen geziert, und die älteren Klosterfrauen liefen mit kritischem Blick herum, hier zupfend, dort stäubend, überall noch die letzte Hand an die Dekorationen legend und den Kandidatinnen die ihnen zukommenden Handreichungen und Arbeiten anweisend und erklärend.

Wir hatten uns nach dem Frühstück im Musiksaal versammelt, um unsere Aufgabe noch einmal flüchtig durchzugehen. Da krachten zahlreiche Böllerschüsse von Kamhausen herüber, zum Zeichen, daß der Bischof dort angelangt und, empfangen vom Klerus und den Obern des Klosters, sich auf dem Wege zu uns befinde.

Rasch ordneten wir uns in der Einfahrtshalle und begrüßten den Ankommenden mit einer Jubelhymne, während draußen alle Glocken geläutet wurden.

Inzwischen schritten die bräutlich weiß angetanen Jungfrauen und Novizinnen zur großen Pfarrkirche, in der schon ihre Angehörigen zahlreich versammelt waren. Danach kamen die älteren Schwestern, und um acht Uhr begann die Feier.