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Erinnerungen einer Überflüssigen

Chapter 7: 6
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About This Book

Die Erzählerin erinnert sich an eine entbehrungsreiche ländliche Kindheit, geprägt von detailreicher Schilderung häuslicher Abläufe, festen Bräuchen und saisonalen Ritualen. Eine fürsorgliche Beziehung zum Großvater kontrastiert mit der kühlen, ablehnenden Haltung der Mutter; Krankheit, Hunger und einfache Hausmittel treten neben harter Arbeit, gemeinsamen Mahlzeiten und Festlichkeiten. Schulische Leistungen, strenge Züchtigung und frühe Verantwortungsübernahme werden thematisiert. Die Erinnerungen verbinden konkrete Alltagsbeobachtungen mit dem Gefühl, überflüssig und ungeliebt zu sein, und zeichnen ein genaues Bild familiärer Hierarchien und sozialer Beschränkungen.

Brausend tönte die Orgel durch das Gotteshaus, und nach einer Ansprache des Bischofs traten die Bräutlein alle vor den Hochaltar, fielen auf ihr Angesicht nieder und beteten laut das Confiteor. Danach empfingen sie aus der Hand des Bischofs den Leib dessen, dem sie sich nun auf ewig antrauen wollten.

Mit ausgebreiteten Armen verharrten sie während des Hochamts in Gebet und Verzückung und schienen nun ganz und gar losgelöst von der Welt.

Bis dahin war ich meiner Aufgabe ganz gerecht geworden; als sich aber nach dem Hochamt die Novizinnen auf die Erde warfen und mit einem schwarzen Bahrtuch überdeckt wurden, zum Zeichen, daß sie nun auf ewig für die Welt gestorben seien, und der Bischof ihnen die ewigen Gelübde der freiwilligen Armut, der steten Keuschheit und des blinden Gehorsams abnahm und einer Jungfrau nach der andern das Haar abschnitt und sie mit dem Ordenshabit der Novizinnen bekleidete, da packte mich ein Grauen und in mir schrie es: „Nie, niemals werd ich Nonne! Niemals!“ und ich begriff nicht, daß andere Mädchen so glückselig ausschauen konnten. Mein Entsetzen war so groß, daß ich den Einsatz verpaßte und erst nach längerer Zeit merkte, daß, hätte nicht Schwester Cäcilia mich beobachtet und im rechten Augenblick für mich eingesetzt, sicher ein Unglück geschehen wäre.

Ich konnte kaum das Ende der kirchlichen Feier erwarten und rief nachher im Musiksaal meiner Lehrerin zu: „Schwester, das weiß ich g’wiß: ich werd keine Klosterfrau! Ich sollt meine schönen Haar hergeben? Nein, niemals!“

Doch hatte ich den übrigen Tag keine Zeit mehr, viel an das Vergangene zu denken; denn auf die Tafelgesänge folgte die Nachmittagsandacht und am Abend wurde noch ein Theaterstück, die heilige Agnes, aufgeführt. Ich kam endlich todmüde ins Bett und schlief rasch ein; doch quälten mich wirre Träume, und es war mir, als läge ich auf einem Altar und man habe ein Leichentuch über mich geworfen, während mir meine Zöpfe abgeschnitten und in einen Sarg gelegt wurden. Aber ich sah nirgends einen Priester, noch den Bischof und lauter fremde Nonnen waren um mich.

Das Fest währte drei Tage, und auch die Pfleglinge und Kranken durften daran teilnehmen. Es ward ihnen an diesen Tagen auch manches nachgesehen, was man sonst unnachsichtlich bestraft hätte; denn es waren unter ihnen viel bösartige und heimtückische Geschöpfe, zu deren Bändigung es oft strenger Mittel bedurfte, wie Zwangsjacken, Hungerkuren, finsterer oder vermauerter Zellen und dergleichen.

Freilich geschah es mitunter auch, daß der eine oder die andere in einer solchen Zelle vergessen wurde. Da die Kerker sich alle unter dem Dach befanden, konnte man oft zwei, drei Tage lang ein entsetzliches Heulen und Wimmern hören; doch wußten nur wenige, woher es kam, und diese hüteten sich wohl, es uns Neulingen zu sagen.

Dafür ging im Kloster seit langem das Gerücht, auf dem Dachboden seien Gespenster; man erzählte von sündhaften Mönchen, die für ihre geheimen Missetaten also gestraft worden seien, daß sie in Ewigkeit keine Ruhe fänden, sondern ihre Geister im Kloster umgehen müßten zum warnenden Beispiel für alle, die darin lebten.

So geschah es auch einmal, als ich mit einer andern Kandidatin auf den Speicher gegangen war, um dort unsere Garderobeschränke in Ordnung zu bringen, daß wir plötzlich ganz in unserer Nähe ein dumpfes Schlagen hörten, während vom Bretterboden dichter Staub aufwirbelte. Unter lautem Schreien liefen wir zitternd zur Schwester Cäcilia und berichteten ihr den Vorfall. Nachdenklich ging sie mit uns nochmals hinauf und wir suchten den ganzen Speicher ab. Da fanden wir, daß eine tobsüchtige Frau, von uns die Putzmarie genannt, weil sie den ganzen Tag mit einem Schaff Wasser und einer Putzbürste herumlief und scheuerte, seit vier Tagen hier eingeschlossen war und beständig auf den losen Bretterboden sprang, um gehört zu werden; denn sie war schon dem Verschmachten nahe.

Schwester Cäcilia veranlaßte sofort ihre Befreiung, und die Alte war ihr so dankbar dafür, daß sie alle Tage den Musiksaal putzen wollte. Als ihr das aber nicht gestattet wurde, schüttete sie laut schimpfend ihr Schäfflein Wasser auf den Gang und begann nun hier zu fegen und zu wischen. Man ließ sie gewähren; denn ihre Pflegeschwester hatte derweilen die Hände voll Arbeit mit anderen Kranken. Es waren dies geistesschwache Kinder im Alter von zwei bis zehn Jahren, die jetzt mit dem beginnenden Frühjahr in den sogenannten Kreuzgarten getragen wurden, der in Wahrheit nur ein armseliges Wieslein zwischen vier hohen Klostermauern war. Hier hockten und lagen sie nun in den seltsamsten Stellungen, viele in einer Zwangsjacke, deren lange Ärmel auf dem Rücken zusammengeknüpft waren, so daß es ihnen unmöglich war, die Hände zu gebrauchen; denn die meisten von ihnen fraßen das Gras, Steine, Erde oder gar den eigenen Unrat. Zwei Schwestern eilten beständig von einem zum andern, um sie vor Schaden zu bewahren. Doch diese armen Wesen, die in ihren Bedürfnissen so anspruchslos waren, machten viel weniger Mühe als jene, von denen behauptet wurde, sie seien besessen.

Unter diesen bedauernswerten Geschöpfen war besonders eines, das mich lebhaft anzog, ein ungefähr zwölfjähriges Mädchen, welches, da es aus sehr vornehmer Familie stammte, bei uns Kandidatinnen Aufnahme fand, obschon es eigentlich auch in die Abteilung jener Armen gehörte, für die niemand zahlte. Das Kind war klein und von zierlichem Wuchs; sein zartes, milchweißes Gesichtlein, aus dem ein paar große braune Augen erschreckt in die Welt sahen, war von reichem, kastanienbraunen Haar umrahmt, das man ihr fest und glatt zurückgekämmt hatte. Obwohl nun die Schwestern das Wasser und auch Pomaden beim Kämmen nicht sparten, erschienen doch, allen Bemühungen zum Trotz, jeden Vormittag aufs neue an ihren Schläfen zuerst kleinere, wirre Löckchen, bis dann nach wenig Stunden sich Locke an Locke um ihre Stirn ringelte, was dem Gesicht etwas ungemein Liebliches gab. Sie hieß Margaret und war sehr klug, in manchen Dingen sogar erfinderisch; auch lernte sie leicht und erfaßte rasch und mit feiner Beobachtung. Legte man ihr aber den Katechismus oder sonst ein religiöses Buch vor, so weigerte sie sich hartnäckig, daraus zu lesen oder zu lernen und war durch die strengsten Strafen und Züchtigungen nicht dazu zu bewegen. Man ließ sie tagelang hungern, die ekelerregendsten Dinge verrichten; man gab ihr nachts ein hartes Lager und wies ihr schwere Arbeiten an; sie ließ alles mit sich geschehen, ohne zu klagen. Man schlug sie grausam mit einem Stock und verbot uns aufs strengste, mit ihr zu reden; umsonst, sie blieb auf alle religiösen Fragen stumm, während sie in allen übrigen Lehrfächern gute Antworten zu geben wußte. Sie tat mir herzlich leid, und ich übertrat manchmal im geheimen das Verbot und sprach mit ihr. Da fand ich, daß sie sehr munter plauderte und ein überaus liebenswürdiges und geselliges Mägdlein gewesen wäre. Aber sie begann gar bald zu kränkeln und kurz vor meinem Austritt starb sie an galoppierender Schwindsucht.

Dieser Krankheit erlagen übrigens auch gar viele Nonnen und Jungfrauen, und auch zahlreiche Pfleglinge wurden davon ergriffen. Die meisten Opfer standen im Alter von zwanzig bis dreißig Jahren; manche waren noch jünger. Es wurde ein eigener, großer Fleck Landes von dem Superior angekauft und in einen Friedhof verwandelt, in dem die Kreuzlein bald so dicht standen, wie die Nonnen Sonntags in den Kirchenstühlen saßen.

Da schien es mir nicht verwunderlich, daß jede Nonne angesichts des großen Sterbens beizeiten schon des Himmels gewiß sein wollte und darum eifrigst auf ihr Seelenheil bedacht war, welches Bestreben durch die Klostergeistlichen treulich gefördert und unterstützt wurde.

Unter ihnen war auch ein Kurat, welcher sowohl in seinem Äußern als auch in bezug auf seine große Strenge in Dingen der Sitte und Reinheit ganz dem heiligen Aloysius glich. Er ward daher von jedermann nur Pater Sankt Aloysius genannt und als Muster reiner Sitten gepriesen. Von mancher Nonne ward er sogar als Heiliger verehrt, bis sich eines Tages diese Verehrung in großen Zorn und Abscheu verwandelte, als man nämlich erfuhr, daß dieser tugendsame Priester eine Lehramtskandidatin, ein wohlgebautes, etwa zwanzigjähriges Mädchen, das schon fünf Jahre dort weilte, des öfteren abends mit sich ins Stüblein nahm und erst nach mehreren Stunden daraus entließ. Kandidatinnen, die zur nächtlichen Betstunde gingen, hatten sie aus seinem Zimmer schleichen sehen und dann bemerkt, wie eine alte Nonne wütend aus einer Nische hervorsprang, die Erschrockene aus dem Halbdunkel ans Licht zerrte und laut beschimpfte. Also hub ein großes Geschrei an, und sowohl die Sünderin, als auch der Priester mußten das Kloster verlassen.

Der Geistliche, welcher dem Pater Sankt Aloysius im Amt folgte, war schon ein alter Herr und besaß die üble Gewohnheit, während der Beicht immer einzuschlafen, wodurch die Nonnen ihr Seelenheil gefährdet glaubten und nicht eher ruhten, bis wieder ein junger, strenger Benefiziat an seine Stelle kam.

Mit wahrem Feuereifer waltete dieser seines Amtes und war unermüdlich darauf bedacht, alle Seelen ringsum vollkommen und makellos zu machen. Besonders Verfehlungen gegen die Kardinaltugend des Ordens, den heiligen Gehorsam, ahndete er mit unnachsichtlicher Strenge und gab denen, die sich in der Beicht eines derartigen Vergehens anklagten, die schwersten Bußen auf.

Trotzdem wurde mir die Ausübung dieser Tugend nicht leicht. Es war kurz vor dem Weihnachtsfest, dem zweiten, das ich im Kloster verlebte, daß ich mich schwer gegen dieselbe versündigte.

Um diese Zeit war ein großes Paket von meiner Mutter angekommen, das meine Weihnachtsgeschenke enthielt. Darunter war auch eine schwarze Kleiderschürze mit langen Ärmeln, wie ich sie mir schon seit langem gewünscht hatte. Doch ich hatte sie noch nicht anprobiert, als schon ein Befehl unserer Präfektin kam, ich solle diese Schürze sofort in das Nähzimmer geben, damit man mir zwei kleine daraus mache; denn so sei dieselbe ganz gegen die heilige Armut und ich dürfe so etwas nicht tragen. Da sie mir sehr wohl gefiel, konnte ich mich nun lange nicht von ihr trennen und legte das schöne Stück einstweilen auf den Speicher, wo ich sie alle Tage ans Licht zog und wehmütig mit der Hand darüberstrich, sie an mich hinhielt, wieder zusammenlegte und sorgfältig versteckte.

Eines Tages aber ward die Versuchung, die Schürze einmal anzuziehen, in mir so mächtig, daß ich nicht mehr widerstehen konnte. Ich schlich mich also in die Garderobe, zog sie aus dem Koffer und schlüpfte rasch hinein, dann trat ich ans Speicherfenster und besah mich in der blinden Scheibe; denn Spiegel gab es nicht, und auch der meine war aus meiner Nähschatulle entfernt und ein Heiligenbild an seine Stelle geleimt worden. Da hörte ich plötzlich meinen Namen rufen, und herauf stürmte eine Kandidatin: „Magdalena! Magdalena! Geschwind komm zu Schwester Archangela! Es ist Probe für das Weihnachtsfestspiel!“

Ratlos sah ich mich um und zögerte mit dem Gehen, vergeblich an der Unglücksschürze nestelnd und zerrend, um die Knöpfe am Rücken aufzumachen; doch schon rief mir meine Kollegin zu: „Wenn du nicht gleich kommst, melde ich deinen Ungehorsam!“ und schickte sich zum Gehen, worauf ich ihr folgte, immer noch bemüht, die Knöpfe aufzureißen. Auf dem Gang kam mir die Präfektin schon entgegen. Vergeblich suchte ich mich hinter der andern Kandidatin zu verstecken; sie hatte mich schon erblickt und sah nun starr auf die verbotene Schürze, während ich fühlte, wie mir abwechselnd Röte und Blässe über die Wangen lief. Auch auf ihrem Gesicht erschienen ein paar hochrote Flecken, und mit den Worten: „Da, dies für deinen Ungehorsam, Rotzmädel!“ gab sie mir ein paar heftige Schläge ins Gesicht. Darauf führte sie mich zum Superior und erzählte ihm meine Sünde.

Der greise Priester kündigte mir, nachdem er also schwere Anklagen gegen mich vernommen hatte, meine Entlassung an, indem er sprach: „Mache dich bereit, in drei Tagen bist du des Gehorsams ledig!“

Zwei Tage später kam ein Brief meiner Mutter, in dem sie ihren Besuch für Weihnachten ankündigte. Ich wollte mich trotzdem zur Heimreise ankleiden und stand trotzig am Speicher und verschloß eben meinen Koffer, als man mir meldete: „Du kannst noch bleiben, bis deine Mutter kommt!“

Ich erwartete also mit nicht geringer Aufregung ihren Besuch, obschon meine Lehrerin, Schwester Cäcilia, mir immer wieder Mut machen wollte: „Hab doch keine solche Angst, Magdalena! Ich mach schon alles wieder gut!“

Inzwischen hatte eine andere in dem Weihnachtsspiele meine Rolle übernehmen dürfen; es war schon ein älteres Mädchen und hatte keine Stimme, weshalb die Präfektin zu mir sagte: „Das soll deine Strafe sein, daß du deine Partie zwar singen, aber nicht spielen wirst! Du hast dich hinter ein Gebüsch zu knien und zu singen, und niemand wird deinen Gesang bewundern, dafür werde ich sorgen!“

Und sie sorgte dafür; denn als meine Mutter, die man ebenfalls zu dem Festspiel „Nacht und Licht“ geladen hatte, nach Beendigung desselben mit mir zusammen war, sagte sie: „Was war denn jetz dös, Leni? I hab doch deutli dei Stimm g’hört, hab di aber nirgends g’sehgn. Oder hat am End die Kloane, die’s Licht g’macht hat, die gleiche Stimm wie du?“

Da erzählte ich ihr weinend die Geschichte von der Schürze und erwartete mit Angst großen Tadel. Doch wider Erwarten gab sie mir nicht nur recht, sondern ward sehr zornig und empörte sich über die Willkür, mit der man ihr Vorschriften machen wolle, wie sie ihr Geld auszugeben habe: „Was? Paßt hat’s eahna net, daß i dir den Kleiderschurz g’schickt hab? I moan, daß i um mei guats Geld kaafa ko, was i mag, und brauch koane von dene Fluggen z’fragn, ob’s arm g’nua is oder net!“

Als dann die Besuchsstunde bei den Obern gekommen war und meine Mutter gebeten wurde, im Sprechzimmer zu erscheinen, ging sie mit großen Schritten hinein und sagte nur ganz kurz: „Guten Tag.“ Da hörte sie nun nichts als Klagen über mein weltliches Betragen und besonders über den frevelhaften Ungehorsam, den man mir mit den schärfsten Strafmitteln vergeblich auszutreiben versucht hätte.

Schweigend und finster blickend hatte sie zugehört und sagte jetzt bloß: „Herr Superior, lassen Sie’s ihr Sach z’sammpacken, i nimm’s mit hoam!“

Dies wurde ihr jedoch widerraten und man versprach ihr, es noch einmal mit mir versuchen zu wollen, worein die Mutter nach einigem Sträuben unter der Bedingung willigte, daß man mir meinen Fehler nicht weiter nachtrage, sondern gut zu mir sei.

Also reiste sie am andern Tag wieder ab, ohne mich mitzunehmen. Beim Abschied aber sagte sie noch: „Wenn wieder was is, na schreibst mir’s; halt di nur brav und folg jetzt!“

Ich hatte aber alle Freude am Klosterleben verloren und ging nun wie ein Schatten herum, hatte nicht Lust noch Leid, aß nicht mehr und fing an zu kränkeln. Und nach einigen Monaten schrieb ich meiner Mutter, daß ich keinen Beruf zur Klosterfrau in mir verspüre; falls es ihr aber unangenehm wäre, wenn ich wieder nach Hause käme, bliebe ich ganz gerne als weltliche Lehrerin in der Anstalt.

Unsere Briefe wurden nun stets von der Präfektin kontrolliert, und so blieb ihr meine Absicht nicht lange verborgen. Eines Morgens sagte sie daher zu mir: „Was mußte ich sehen, Magdalena! Du willst dem Herrn das Opfer deines Lebens also nicht bringen? Wie kannst du es dann wagen, den andern armen Kindern, die bereitwilliger sind als du, das Brot wegzuessen! Willst du nicht als Nonne hier sein, so brauchen wir auch deine Kenntnisse nicht. Doch besinne dich, noch ist es Zeit; bedenke die Vorteile, die Jesus seinen Bräuten bietet, und kehre nicht zurück in die Welt!“

Trotz dieser Ermahnungen machte ich mich am Aschermittwoch, nachdem mir meine Mutter geantwortet hatte, ich solle ruhig nach Hause kommen, der Vater sei krank und man könne mich notwendig brauchen, zur Reise fertig und nahm Abschied von den Obern. Sie ließen mich zwar ungern ziehen, doch konnten sie mich nicht mehr halten. Die Präfektin aber rief: „Magdalena, Magdalena, du bist verloren, du gehst zugrunde! Schon sehe ich den Abgrund der Weltlichkeit, in den du fallen wirst. Doch geh in Frieden, mein Kind, falls die Welt noch einen für dich hat!“

Gaffend umstanden mich die Kandidatinnen, als Schwester Archangela dies gesagt, und als ich nun auch ihnen Lebewohl sagen wollte, da kehrten sie sich verächtlich von mir ab und eilten in den großen Lehrsaal, um für mich arme Verlorene zu beten.

Traurig ging ich nun zur Schwester Cäcilia. Sie brach in Tränen aus und nahm mich in ihre Arme: „Nun bin ich wieder allein! O, warum gehen alle wieder weg, kaum daß sie begonnen!“

Auch ich begann zu weinen, und sie tat mir von Herzen leid; denn während meines eineinhalbjährigen Aufenthalts im Kloster waren vierzehn Musikkandidatinnen eingetreten und nach kurzer Zeit wieder davongelaufen. Nachdem sie mir noch alles Glück für kommende Zeiten gewünscht hatte, entließ sie mich, und ich trat erleichtert in das kleine Zimmerchen, das mich bei meinem Eintritt empfangen hatte. Während ich dort auf mein Gepäck wartete, dachte ich noch über die Vorwürfe nach, die man mir wegen meines Wegganges gemacht. Doch sie trafen mich nicht schwer, da mir angesichts der ernsten Krankheit meines Vaters das Verlassen des Klosters nicht als eine Schuld, sondern als eine Kindespflicht erschien.

Eine Schwester, die mir mein Gepäck übergab und mir meldete, daß der Stellwagen schon draußen sei, riß mich aus meinen Gedanken, und ich stieg rasch ein. Oben hinter den Fenstern standen die Kandidatinnen und blickten mir verstohlen nach. Ich sah noch einmal zurück, dann zogen die Pferde an — und dahin ging’s.

Als ich nun so allein in dem Wagen saß, war es mir, als schwände in dem Maße, in dem ich mich vom Kloster entfernte, auch alles Trübe, und plötzlich kam eine so sonnige Heiterkeit über mich, daß mich die Welt mit einem Male viel schöner dünkte, obschon draußen noch alles trotz des beginnenden Märzes an den Winter gemahnte, und nur vereinzelte, unter schmutzigem Schneewasser stehende Wiesen und die großen Pfützen auf den Wegen den kommenden Frühling ahnen ließen.

Rasch trat ich in Kamhausen an den Schalter und löste meine Fahrkarte, da der Zug schon bereitstand.

Während der Bahnfahrt hatte ich fast keine Zeit mehr, über das Vergangene nachzugrübeln; denn die zahlreichen Passagiere aus den verschiedensten Gegenden erregten meine ganze Aufmerksamkeit. War mir doch im Kloster die ganze Welt samt ihren Wesen so fremd geworden, daß ich mich nur ganz langsam, wie im Dunkeln tappend, wieder unter den Menschen zurechtfand. Mit Ausnahme der Priester und Nonnen hatten sie jetzt alle etwas Beängstigendes für mich; denn erstlich wurden im Kloster alle außer den Geistlichen als Verlorene betrachtet, anderseits aber in den eindringlichsten Worten vor ihnen als vor lauter Wölfen in Schafskleidern gewarnt.

Ich besah mir also jeden einzelnen ganz genau, ob nicht irgend etwas Auffälliges in seinem Wesen oder Äußern auf die verborgene Wolfsnatur hinweise, und dabei drückte ich mich scheu in meine Ecke und hielt die Augen halb gesenkt, wie ich es bei den frommen Frauen gelernt hatte; doch ging mir trotzdem nichts von all dem verloren, was um mich her geschah.

Mir gerade gegenüber saßen zwei elegant gekleidete Herren, aus deren lebhafter Unterhaltung ich entnahm, daß sie Geschäftsreisende waren und der eine in Augsburg, der andere in München zu tun hatte. Der erstere, ein etwa Mitte der Dreißig stehender Mann von ausgesprochen jüdischem Äußern, erzählte eben dem etwas jüngeren Reisegefährten, der mir von gleichem Stamme zu sein schien, wie er die letzte Nacht in Ulm verbracht hätte: daß er nicht nur die Tochter und das Stubenmädchen seines Gasthofs, sondern auch noch die Frau Wirtin selbst erobert hätte. Lachend fragte der andere halblaut, ob das Töchterl auch so bescheiden und sittsam hergesehen habe, wie die junge Klostermamsell da drüben; und zugleich fingen beide an, sich über meine Schüchternheit, sowie über meinen halb klösterlichen, halb weltlichen Anzug lustig zu machen. Ich wußte vor Verlegenheit kaum mehr aus noch ein und starrte mit hochrotem Gesicht bald aus dem Fenster, bald vor mich hin.

Da erblickte ich weiter vorn einen alten Bauern, der auf einem schmierigen Blatt seine Einnahmen vom Viehverkauf nachrechnete, wobei er sich abwechselnd hinter den Ohren kraute oder heftig fluchte.

Am andern Ende des Wagens unterhielten sich lärmend etliche Soldaten, die wohl auf Urlaub gehen mochten. In ihrer Nähe saß ein junges Mädchen in ländlicher Kleidung und suchte sich vergeblich der Zudringlichkeiten eines der Burschen zu erwehren. Dieser hatte die sich Sträubende fest um die Hüfte gefaßt, und als sie sich endlich heftig von ihm losriß, fiel sie einem andern auf die Knie, was ein brüllendes Gelächter zur Folge hatte.

Ich war während dieser Szene immer erregter geworden und wollte schon dem also gehetzten Mädchen zu Hilfe eilen, als der Zug mit lautem Getöse in Augsburg einfuhr, wo ich umsteigen mußte.

Während der Stunden, die ich dort Aufenthalt hatte, ging ich in den Dom und erbat mir von Gott Schutz auf meiner weiteren Fahrt; insonderheit aber betete ich für die Bekehrung jener Soldaten.

Auf dem Weg zum Bahnhof kaufte ich mir noch Wurst und Brot. Beim Essen aber fiel mir plötzlich ein, daß ja am Aschermittwoch strenger Fasttag sei und man im Kloster heute gewiß dem üblichen Fasten auch noch große freiwillige Abstinenz hinzufüge. Doch siegte am Ende mein Hunger über die Gewissensbisse und ich aß mit großem Behagen.

Als ich dann unschlüssig vor dem Zuge stand und ein Schaffner meine ängstliche Miene sah, wies er mir freundlich ein Frauenabteil an, und ich kam ohne weiteren Zwischenfall nach München.

In dem lebhaften Gewühl des Hauptbahnhofs befiel mich mit einem Male wieder große Angst vor den Menschen, und ich fühlte deutlich, wie ich immer armseliger und kleiner wurde, während ich ganz nahe an den Wagen und der Lokomotive vorbei dem Ausgang zuschlich.

Da fühlte ich mich plötzlich am Arm ergriffen, und als ich erschreckt umblickte, stand lachend mein ältester Bruder vor mir und begrüßte mich: „Ja, Leni, grüß di Gott! Bist du aber groß und stark wordn; i hätt di bald net g’funden, so hast di verändert.“

Ich dankte ihm frohen Herzens, daß er mich erwartet hatte, und seine Worte, ich sei so groß geworden, entrissen mich wieder etwas dem Gefühl meiner Unbedeutendheit und Nichtigkeit und ich wurde ziemlich gesprächig auf dem Heimweg.

Je näher wir unserem Hause kamen, desto mehr Bekannte trafen wir, und immer wieder wurden wir von irgend einem neugierigen Weiblein aus der Nachbarschaft aufgehalten; denn meine Eltern waren in dem Stadtteil sehr beliebt und hatten weitaus die beste Gastwirtschaft des Viertels.

Vor dem Hause angelangt, traten wir gleich durch die Tür der Gaststube ein. Kaum hatten mich unsere Stammgäste erblickt, sprangen sie auf und riefen durcheinander: „Jessas, unser Lenerl is wieder da! Juhe!“ „Servus, Fräuln Leni!“ „Grüß di Gott, Klosterfrau!“ „Marie, ’n Humpen her! Unser Lenerl soll leben!“

Während nun die Gäste meine Rückkehr durch einen kräftigen Rundtrunk feierten, trat ich in die Schenke zu meinem Vater, ihn zu begrüßen. Er sah recht leidend aus und meinte: „Höchste Zeit hast g’habt, Leni, daß d’kommen bist, sonst hätt’st mir bald mit der Leich geh könna.“ Hierauf gab er mir einen Kuß und besah mich prüfend, ob ich auch mehr geworden sei.

Inzwischen hatten mich meine andern Brüder und die Dienstboten umringt und konnten nicht fertig werden, mein gutes und feines Aussehen zu bewundern. Ich drängte mich lachend hindurch und trat in die Küche, wo die Mutter geräuschvoll hantierte und das Mittagessen für die Gäste fertig machte. Ich ging rasch auf sie zu, wollte ihr die Hand geben und sagte: „Grüß dich Gott, Mutter!“

Ohne den Kochlöffel aus der Hand zu lassen, mit dem sie eben ein Teiglein für das Blaukraut rührte, antwortete sie: „Ah, bist scho da, grüß Gott! Laß nur, is scho recht; i hab fette Händ! Tu nur glei dein’n Hut und dös Klosterkragerl weg und ziag an Schurz oo, na kannst glei d’Supp’n und ’n Salat für d’Leut hergebn!“

Also begann ich wieder die Wirtsleni zu sein; und obschon mir anfangs gar nicht wohl war in dem weltlichen Getriebe eines Gasthauses, so fand ich mich doch bald wieder darin zurecht und stimmte im stillen oft der Mutter bei, wenn sie den Leuten auf die vielen Fragen, warum ich nicht im Kloster geblieben sei, antwortete: „Weil’s a Schand wär, wenn dös Mordsmadl im Kloster rumfaulenzen tät und d’ Muatta dahoam fremde Leut zahln müßt für d’Arbeit!“

Und an Arbeit fehlte es in unserm Hause niemals. Schon früh am Morgen hieß es aus den Federn; um halb sieben Uhr stand ich in der Wirtsküche und schürte den großen Herd, kochte Kaffee und bereitete die Speisen zum Frühstück der Gäste. Dann holte ich aus dem Schlachthaus, wo der Vater schon seit fünf Uhr mit dem Zerteilen von Kalb und Schwein, sowie mit dem Wurstmachen beschäftigt war, eine große Mulde mit Weiß- und Bratwürsten und ordnete sie auf große Platten.

Zugleich mit mir mußte auch die Küchenmagd an ihre Arbeit: das Gastlokal, die Küche und Schenke, und was dazu gehörte, aufwaschen und kehren; doch freute es mich jetzt nicht mehr, dabeizustehen und zu horchen wie früher; denn die Zenzi vom Rottal war schon längst nicht mehr da, und die gefühlvollen Lieder, welche die jetzige Küchenmagd bei ihrer Arbeit sang, kannte ich schon alle.

Während ich nun gewöhnlich noch mit dem Anrichten der Würste beschäftigt war, fuhr draußen der Wastl, der Bierführer, vor und rollte zehn bis zwölf Banzen in die Schenke, von wo sie durch den Aufzug in den Eiskeller befördert wurden.

Da der Wastl als Geizhals bekannt war, machte ich mir alle Tage das Vergnügen, ihm den Teller mit den Weiß- oder Bratwürsten unter die Nase zu halten, indem ich rief: „Wastl, heut san d’Weißwürst guat! Derf i dir a paar auf d’Seitn legn?“ worauf er mich immer grimmig anschrie: „Laß mi aus damit!“ dabei aber dem entschwindenden Teller doch einen sehnsüchtigen Blick nachsandte.

War der Wastl fort, so kam das Flaschenbier, und da gab es immer eine große Hetz, wenn der Dannervater, ein nicht mehr gar junger Bierführer, der eine Frau mit neun Kindern fröhlich ernährte, die Hausmagd in die Hüften kniff oder durch die Gaststube jagte und sie zu küssen versuchte. Dann ertönte plötzlich aus dem Schlachthaus, das unterhalb der Schenke gelegen war, ein lauter, strenger Pfiff des Vaters, und lautlos machte sich der alte Sponsierer davon.

Währenddessen hatte ich in der Küche einen schweren Stand mit drei Bäckerburschen, die alle leidenschaftlich in mich verliebt waren. Der eine brachte uns täglich vier Markwecken und mir ein Blumensträußlein; der zweite hatte Bretzen und Salzstangeln in seinem Korb und unter seiner aufgerollten Bäckerschürze einen extra für mich gebackenen Zopf oder eine riesige Zuckerbretzl. Der dritte aber, der uns die Semmeln und das übrige Weißbrot brachte, schrieb mir jeden Abend eine Ansichtskarte und wartete am Morgen bei mir in der Küche stets so lange, bis der Postbote mit der Karte kam. Mit beredten Worten schilderte er mir währenddessen die Schönheit derselben: „Freiln Leni, heut werdn S’ schaugn! Heut kriagn S’ a Prachtstück von a ra Künstlerkartn! Sehgn S’, für Eahna tu i alles; da reut mi koa Geld! Dö heutige Kartn kost fufzehn Pfenning; aba wenn s’ a Zwanzgerl kost hätt, hätt i s’ aa kaaft!“

„Je, eahm schaugt’s o!“ rief da der Bursche, welcher die Markwecken brachte. „Dös kannt aa no was sei! Meine Veigerl ham a Zwanzgerl kost und dö Rosen, wo i da Freiln Leni gestern verehrt hab, fünfazwanzg Pfenning!“

„So und i nacha, bin i da Garneamand?“ schrie jetzt der Bretzlbeck. „Denk i net vielleicht sogar bei der Nacht ans Freiln Lenerl, indem i ihr die feinsten Bretzn bach?“

„Zu dene wo’st an Toag z’erscht stehln muaßt!“ riefen da die andern, und im Nu entspann sich ein heißer Kampf um den Vorrang bei mir, der sich bis auf die Straße fortsetzte. Ich aber sah ihnen lachend zu und verzehrte gemächlich die Bretzl zu meinem Kaffee, steckte das Veigerl an die Brust und legte die Künstlerkarte in eine alte Zigarrenkiste zu den andern. Doch versäumte ich nicht, meine Erfolge dem Milchmädchen, das uns täglich den Kaffeerahm und die Knödlmilch brachte, zu weisen: „Da schaug her, Rosl, die Präsenter, die i heut scho wieder kriagt hab von dö Becka!“ worauf sie ingrimmig und bissig erwiderte: „Dös is koa Kunststückl, wenn ma si so herrichtn ko wie du! I muß mit meine Millikübel rumlaafa und du stehst im Spitznschürzerl vor dein Herd!“

Und tiefgekränkt ging sie; denn nicht mit Unrecht hatte sie über mich zu klagen: während der Zeit, die ich im Kloster zugebracht, hatte sie fest über die drei Bäckerherzen regiert, und nun, da ich wieder daheim war, wollte keiner mehr von ihr was wissen, obgleich sie ein sehr hübsches, dunkelhaariges Mädchen von einnehmender Figur und recht munter war.

Mittlerweile war es fast acht Uhr geworden, und ich richtete nun die Schenke, zählte die Bierzeichen für die Kellnerin und zapfte an. Währenddessen kam die Mutter aus der Wohnung und der Vater aus dem Schlachthaus und bald füllte sich das Lokal mit Gästen. Es waren fast lauter Arbeiter: Maurer, Steinmetzen, Schlosser, Schreiner, Drechsler und zuweilen auch Pflasterer oder Kanalarbeiter. In der Küche aber standen die, welche für die in der Nähe liegenden Fabriken die Brotzeit holten; denn zu unserer Kundschaft gehörte auch eine Bleistift-, eine Möbel-, eine Sarg-, eine Bettfedern- und eine Schuhfabrik. Nun hieß es flink die Lungen- und Voressenhaferln füllen, Kreuzerwürstl abzählen, Weißwürste brühen und Hausbrot schneiden; zuweilen auch die Schenkkellnerin machen, indes der Vater im Schlachthaus noch Milzwürste oder, wie man sie bei uns nannte, umgekehrte Bauernschwänze, sowie Leber- und Blutwürste, Leberkäs und Schwartenmagen machte. Hie und da kam es auch vor, daß wir ohne Kellnerin waren; wenn nämlich die Mutter gar zu heftig und eindringlich auf Pflichterfüllung gedrungen hatte, worauf dann das Mädchen davonlief. Da mußte ich denn wieder wie früher die Gäste bedienen und auch die übrigen Arbeiten der Kellnerin verrichten.

Gewöhnlich aber blieb ich am Vormittag in der Küche, während die Mutter sich im Lokal mit den Gästen unterhielt, ihre drei bis vier Weißwürste aß und etliche Krügl Bier trank; denn der Vater war häufig vormittags am Schlacht- und Viehhof oder in der Stadt. Von Zeit zu Zeit kam dann die Mutter zu mir in die Küche und kostete die Speisen, befahl dies oder tadelte jenes und gab mir auch manche Ohrfeige, wenn ich etwas versäumt oder nicht recht gemacht hatte. So kam sie auch einmal dazu, als ich eben den Teig zu den Leberknödeln, deren wir jeden Mittwoch an die zweihundert bereiteten, fertig hatte und nun daraus die Knödel formte und auf ein langes Brett reihte.

„Halt, laß mi z’erscht schaugn, ob er recht is, der Toag!“ rief die Mutter und tippte mit dem Finger in die Teigmulde. „Was hast denn jatz da für a Zeug z’sammgmacht! Sigst net, daß der Toag no net fest gnua is, du Hackstock, du damischer!“

Und kaum hatte sie dies gesagt, flogen mir auch schon ein paar von den Leberknödeln an den Kopf, daß mir der Teig im Gesicht und an den Haaren klebte.

„So, vielleicht lernst es jatz eher, du G’stell, du saudumms!“

Darauf ging sie wieder, laut schimpfend, in die Stube und erzählte den Gästen von meiner Unbrauchbarkeit: „Hintreschlagn kannt’st es, dös himmellange Frauenzimmer! Zu nix kannst es brauchn wie zum Fressn!“

Solche Auftritte verleideten mir freilich bald die Freude am Küchenwesen und ich war froh, wenn der Vater einmal daheim blieb. Da kochte dann die Mutter selbst und ich mußte in die Schenke und zu den Gästen, sie zu unterhalten.

So ungern ich mich anfänglich wieder unter den Leuten bewegt hatte, denn im Kloster war ich ganz leutscheu geworden, so gewöhnte ich mich doch bald wieder an sie, und es währte nicht lange, da war ich das lustigste Mädel, machte jeden anständigen Scherz mit und unterhielt ganze Tische voll Gäste.

Die besseren unter ihnen hatten sich, ebenso wie die Stammgäste, zu Tischgesellschaften vereinigt; die eine hieß Eichenlaub, die andere die Arbeitsscheuen. Zur Gesellschaft Eichenlaub hatten sich die Postler und Eisenbahner zusammengetan und erkoren mich zur Vereinsjungfrau; die Arbeitsscheuen aber, deren Mitglieder lauter gute Bürger und Geschäftsleute waren, wollten nicht hinter ihnen zurückbleiben, und so ernannten sie mich zu ihrer Ehrendame, und ich empfing das Ehrenzeichen des Vereins. Es war dies ein wappenartig geschnitztes Holztäfelchen, darauf ein Bursch gemalt war mit dem Verslein darunter: „Auweh, mei Fuaß, wenn i arbatn muaß!“ Bei der Überreichung desselben hielt der Vorstand, ein Flecklschuhfabrikant, eine Rede, worin er viel von der Ehre sprach und von einer schönen Vertreterin des zarten Geschlechts und daß man sich glücklich schätze.

Während dieser Rede hatten die Arbeitsscheuen einen Kreis um mich gebildet, und nun wurde ich von etlichen samt meinem Stuhl, auf dem ich saß, emporgehoben und unter lautem Hoch und Juhu und dem Klang der Zither und Gitarre durchs Zimmer getragen. Danach begann ein großes Saufen, und die fidelen Zecher vergaßen darüber ihre Hausfrauen samt dem Mittagessen, bis einer nach dem andern von der gestrengen Ehehälfte geholt wurde. Da war mit einemmal die ganze Lustbarkeit und aller Scherz vorbei und geknickt und ängstlich schlich ein jeder heim, gefolgt von der erzürnten Gattin, die hinterdrein keifte: „Lump miserabliger, ko’st net hoamgeh, wenn’s Zeit is! Dö ganzn Griasnockerl san z’sammgsessn! Guate Lust hab i, i schmeiß dir s’ alle an Kopf, du bsuffas Wagscheitl!“

Doch am nächsten Tag war wieder alles vergessen und gemütlich saß die Gesellschaft am Stammtisch und unterhielt sich aufs beste, bis von der nahen Kirche das Mittagläuten ertönte. Da gedachte ein jeder seines Eheweibs und ging heim.

Auch ich mußte wieder in die Küche und Teller und Schüsseln für die Gäste zurichten. Dann kam die Kellnerin und fragte: „Was gibt’s heut z’essn für d’Leut?“ worauf die Mutter mit ihrer metallenen Stimme erwiderte: „An Nierenbra’n, Brustbra’n, Schlegl in da Rahmsoß, an Schweinsbra’n und a unterwachsens Ochsenfleisch mit Koirabi (Kohlrabi), an Kartoffisalat, an grean und rote Ruabn; heut trifft d’Andivisuppn!“ Als die Kellnerin sich schon zum Gehen anschickte, rief die Mutter noch rasch: „A Biflamott (boeuf a la mode) mit Knödl ham mar aa!“

Um dreiviertel zwölf Uhr kamen die Gäste, und nun begann ein Bestellen vom Zimmer aus, ein Schreien, Geschirrklappern und ein Geklopfe mit dem Fleischschlegel, daß einem die Ohren surrten.

„Frau Zirngibi, zwoa Schweinsbratn san no aus!“ schallte es aus der Gaststube und im Nu echoten drei Stimmen in der Küche: „Zwoa Schweinsbra’n kriagt s’ no!“

„Dö werds dawartn könna! Darenna wer’ i mi net z’braucha!“

„Kathi, Koirabi san gar!“ rief das Küchenmädchen jetzt in die Stube.

„Kriag i dö zu dem Fleisch aa nimma?“

„Sakrament, wenns amal hoaßt, gar sans, na sans gar!“ schrie da die Mutter und fuhr in einem Atem, jedoch in ganz anderem Ton fort: „Geh, Kathi, schaugn S’, daß S’ a Biflamott weiterbringan; dös verkocht ma sonst zu lauter Soß!“

War dann das größte Geschäft vorbei, dann wischte sich die Mutter mit der Leinenschürze den Schweiß von der Stirn und sagte: „Dös war dir a Rumpel gwen! Leni, hol ma nur glei a Halbe Bier!“ Und schnell trank sie wieder ein paar Krügl.

Nun mußte ich dem Vater in der Schenke helfen. Der hatte inzwischen einen Hektoliter Bier ausgeschenkt und, damit er schneller fertig würde, mit der Kreide Strichlein an die Rückwand des großen Schenkbüfetts gemacht, statt Zeichen zu nehmen. Nun mußte ich diese Strichlein zusammenzählen und dann die Bierzeichen ordnen. Danach rechnete ich mit der Kellnerin ab, half ihr das Geschirr von den Tischen räumen und brachte dann dem Vater und den Stiefbrüdern, die jetzt in die Lateinschule gingen, das Essen, nachdem ich den sogenannten Ofentisch gedeckt hatte. Nun kam auch die Mutter in die Stube, und es machte mir täglich aufs neue Eindruck, wenn die große, massige Frau unter die Gäste trat, die schmutzige Leinenschürze zurückschlagend und mit leichtem, fast automatenhaftem Kopfnicken grüßend: „’s Got! ’n Tag! Hab die Ehre, meine Herrn!“

Dann setzte sie sich zum Vater und unterhielt sich mit ihm, wenn sie gut gelaunt war. Einmal aber kam sie nicht in die Stube. Da hatte der Vater auf dem Markt ein Schwein gekauft, dessen Fleisch fischig schmeckte, und verschiedene Gäste hatten das Essen zurückgeschickt. An diesem Tage rief die Mutter nur dem Vater in die Schenke: „Josef, da geh rrauß!“

Als der Vater in der Küche war, begann sie laut zu schreien und zu schimpfen: „Bist du aa r a Wirt! A Schand is, so a Fleisch herz’gebn! Friß’s nur selber die ganze Sau, du Depp!“

Da hörte ich zum erstenmal, seit ich den Vater kannte, ihn zornig mit der Mutter streiten, und dumpf grollend erscholl seine Rede: „Red ma net so saudumm daher, du narrischs Weibsbild! Dös ko passiern, daß ma r a fischige Sau derwischt. Du brauchst es ja net z’essn, also haltst dei Maul, sonst ...“

Das letzte brummte er für sich und trat darauf wieder in das Gastzimmer und tat, als sei nichts geschehen. Am Nachmittag aber ging er fort und kam erst abends mit einem großen Weinrausch nach Haus; doch die Mutter sagte kein Wort mehr zu ihm.

Sonst gingen die Eltern nachmittags entweder beide ins Kaffeehaus oder legten sich schlafen. Da mußte ich dann ganz allein das Geschäft und die Schenke versorgen, was mir stets eine große Freude bereitete, da ich sehr ehrgeizig war. Ich setzte mich in die Ofenecke und hielt nun erst meine Mittagsmahlzeit; denn zuvor hatte ich nicht Lust noch Zeit gehabt zum Essen und schenkte es, wenn die Mutter wirklich schon etwas für mich hergerichtet hatte, immer einem armen Burschen, der sich nichts kaufen konnte, dem Schusterhans.

Da saß ich denn bei meinem Bierkrüglein und aß dazu meine fünf bis sechs Kaisersemmeln und eine kalte Wurst und las die Zeitungen; denn zwischen zwei und drei Uhr war das Geschäft ganz ruhig und auch das Zimmer von Gästen leer. Höchstens kamen etliche, die Waren brachten und dabei rasch eine Halbe tranken. Um drei Uhr zur Brotzeit aber war es wieder so lebhaft wie am Morgen, doch ich wurde leicht fertig und konnte mich bald wieder zu den Gästen setzen. Nun wurde Karten gespielt oder gesungen und es war recht fidel. Um vier Uhr aber war wieder alles still im Lokal; nur einige fremde Gäste kehrten im Vorbeigehen ein.

Doch gab es für mich noch mancherlei zu tun bis um fünf Uhr, wo der Vater wiederkam. Ich schnitt Knödlbrot oder Voressen und Lunge, rieb Semmelbrösel oder putzte Spielkarten mit Benzin. Auch kam um diese Zeit gewöhnlich der Häute- und Fellhändler, ein alter, schmieriger Jude, der einen fürchterlichen Geruch um sich verbreitete. Mit dem mußte ich in das Schlachthaus hinuntergehen, wo in einer Kiste die Kalbfelle lagen. Diese wog er, und ich mußte genau acht haben, daß er nicht schwindelte; auch beim Ausrechnen des Preises, den er dafür bezahlte, hatte ich recht aufzupassen. Einmal gelang es ihm aber doch, mich zu prellen. Er zahlte mit einem Hundertmarkschein und ich gab ihm heraus, und als er das Geld nachgezählt hatte, behauptete er, zehn Mark zu wenig bekommen zu haben; und obwohl ich gewiß wußte, was ich ihm gegeben hatte, bestand er doch auf seinem Recht. Als die Mutter dies hörte, glaubte sie mir nicht, daß ich von dem Juden geprellt worden sei, sondern sagte: „Dös hast höchstens auf d’Seitn g’räumt und denkst, der Vater büßt’s scho; aber da brennst di! Dös kannst scho selber draufzahln von deine Trinkgelder!“ Und ich mußte wirklich die zehn Mark nachmals, als ich im Dienst bei fremden Leuten war, von meinem Lohn ersetzen.

Brachte jemand Wein oder Most, so mußte ich auch mitgehen in den Weinkeller; denn die Eltern vertrauten den Dienstboten den Schlüssel dazu nicht an, weil ein sehr großer Wert in den Weinvorräten steckte. So brachte uns auch einmal ein Bursch aus einer Kelterei etwa fünfzig Flaschen Apfelwein. Als ich mit ihm in dem vermauerten, dunklen Keller war und beim Schein einer Kerze den Apfelwein in eine Stellage zählte, löschte der Unhold mir plötzlich das Licht, packte mich rücklings, riß mir den Rock in die Höhe und wollte mich vergewaltigen. Trotz meines Schrecks kehrte ich mich rasch um und fuhr ihm mit allen Fingernägeln über das Gesicht, ergriff die nächstbeste volle Flasche und schlug sie ihm so um den Kopf, daß sie in Scherben ging. Alles das tat ich in einem Augenblick und ohne einen Laut von mir zu geben. Scheinbar ruhig trat ich nun aus dem Keller und rief ihm zu: „So, jetz machst, daß d’verschwindst, du Hund! Sonst sperr i di da rei, bis i d’Schandarm g’holt hab; na konnst schaugn, wie’s dir geht, du Haderlump, du elendiger! Und jetz druckst di und laßt di ja nimma blicka! Dei Herr werd sei Geld scho kriagn!“

Ich hatte zwar schon Angst, er könnte mich in der Wut noch einmal anpacken; doch ging er ohne einen Laut, nahm auf der Straße seinen Karren und fuhr mit dem übel zugerichteten Gesicht davon. Gesehen habe ich ihn nie mehr.

Überhaupt hatte ich manchmal meine Fäuste nötig; teils, mich der eigenen Haut zu wehren, teils, Streitende auseinanderzutreiben.

Im Frühjahr hatte ein Grundbesitzer in der allernächsten Nachbarschaft angefangen zu bauen, und es sollten zwei große Häuser links von unserer Ecke und eins rechts davon erstehen. Da die Maurer und die übrigen Arbeiter meist ohne Geld sind, wenn sie zu arbeiten beginnen, so muß der Palier für einen Vorschuß sorgen, der dann am Samstag vom Lohn abgezogen wird. Der Palier wendet sich nun an einen Wirt, der erstlich Geld und dann auch gutes Bier und vorzügliche Küche hat. Da war nun meines Vaters Wirtschaft als Einkehr für sämtliche am Bau Beschäftigte vorgeschlagen und angenommen worden. Die Leute holten sich am Montag ihren „Schuß“ und aßen und tranken die Woche über ohne Bezahlung. Da gab es denn am Samstag immer große Abrechnung mit ihnen, und hie und da kam es dann wohl auch vor, daß der eine oder andere glaubte, er sei betrogen worden bei der Abrechnung, oder daß einer selbst betrügen wollte. Freilich ging es dabei nicht immer ruhig her. Ganz plötzlich brach dann an einem Tisch ein Streit aus und im Nu bildeten sich zwei Parteien, von denen die eine für den Wirt, die andere aber für den Schuldner stritt.

Doch nicht lange währte die Reiberei; der Vater rief mir aus der Schenke: „Leni, biet eahna ab, i hab koa Zeit!“ und augenblicklich stand ich unter den Streitenden und versuchte erst in Güte, die erhitzten Köpfe zu beruhigen. Wenn mir aber dies nicht gelang, konnte ich recht wild werden. Da faßte ich den einen am Genick und drückte ihn auf seinen Stuhl nieder; den andern riß ich zurück vom Tisch, wo er eben ein Salzgefäß ergreifen wollte, um es ins feindliche Lager zu schleudern. Dann schlug ich mit der Faust wohl auch auf den Tisch und rief: „Ob jatz glei Fried werd unter euch, ös Hallodri! Sofort hol i d’Schandarmerie, wenn koa Ruah is!“ Dann ergriff ich den Rädelsführer, hieß ihn austrinken und schob ihn aus dem Lokal.

Freilich, immer wurde es mir nicht leicht, der Aufrührer Herr zu werden. Da mußte mir dann mein Hund, eine riesige, blaugestromte Dogge, die auf den Mann dressiert war, helfen. Dieser Hund war von einem Apotheker aus England mitgebracht worden, mußte aber, da sein Herr verarmt war, verkauft werden. Durch ein Inserat wurde der Vater aufmerksam, und da sie ihm wohl gefiel, kaufte er die Dogge für hundert Mark. Ich war hocherfreut, als der Vater mit dem Hund kam. Er hieß Schleicher und war außerordentlich klug. Sein Herr war mitgekommen und fütterte ihn noch mit Schinkenbroten; danach sagte er: „Schleicher, du mußt jetzt schön dableiben, bis ich wieder komm!“ Dabei rannen ihm die Tränen in den Bart, und ich empfand solches Mitleid mit dem Manne, daß ich hinging und ihm versprach, den Hund recht gut zu halten.

Bald war auch das Tier so gut Freund mit mir, daß ein Wink von mir genügte, ihn an meine Seite zu locken. Er begleitete mich auf allen Gängen und lief mit mir auch in den Keller und Speicher; und oft, wenn ich mit ihm redete, legte er seinen schlanken Kopf auf meinen Schoß und sah mich mit seinen klugen, braunen Augen ganz verständig an. Sagte ich ihm: „Schleicher, du mußt schön aufs Frauerl Obacht gebn!“ so wich er keinen Schritt von meiner Seite und hätte den, der mich anrühren wollte, sicher in Stücke gerissen.

So war einmal ein als Wüstling übel angeschriebener, alter Schleifer zu uns gekommen, als ich eben allein in der Schenke stand. Er trat zu mir und fragte, ob ich nichts zu schleifen habe, und trotzdem ich ihm kurz und mürrisch erwiderte: „Nix is da!“ ging er nicht, sondern wollte mich an der Brust fassen, indem er mit heiserem Lachen flüsterte: „Nix hat zu sleife? Nix kloane Gaffeemiehle zu sleife, he?“

In diesem Augenblick sprang der Hund auch schon an ihm empor, riß ihn zu Boden und stellte sich mit gefletschten Zähnen und dumpf knurrend über ihn; und als der Italiener sich wehren wollte, packte das wütende Tier seinen Arm. Erschreckt schrie ich: „Weg, Schleicher!“ und riß ihn am Halsband zurück, worauf er zwar von dem an allen Gliedern Zitternden abließ, aber immer noch heftig knurrte, so lange, bis der Alte gegangen war.

So war auch einmal eine Christbaumfeier der „Arbeitsscheuen“ in unserm Lokal. Die Gäste saßen vergnügt beieinander, lauschten aufmerksam den Vorträgen, kauften Lose und waren alle eins, bis der Gipfel des Baumes zur Versteigerung kam. An diesem Gipfel hing ein Hering, eine Kindertrompete, ein Bündelchen Zigarren, eine Glaskugel, ein Lebkuchenherz, ein Wachsengel und ein einzelner roter Plüschpantoffel. Den andern hatte schon ein Bäckermeister gewonnen, da er an dem Zweige hing, dessen Nummer sein Los trug.

Alles steigerte mit leidenschaftlichem Eifer, und es währte nicht lange, da waren schon dreißig Mark für den Gipfel geboten. Nun ging’s etwas langsamer; doch steigerte noch alles lebhaft mit, bis ein Metzgermeister rasch vierzig Mark bot und ihn ohne Einspruch zugeschlagen erhielt. Er zahlte und schenkte dann den Gipfel der Gesellschaft zur nochmaligen Versteigerung. Diesmal fiel er für einundzwanzig Mark einem Weinhändler zu. Auch der schenkte ihn wieder her, und nun kam der Hering samt Kindertrompete und Plüschpantoffel für die Summe von dreizehn Mark in die Hände meines Vaters, der gleichfalls zugunsten der Tischgesellschaft alles noch einmal versteigern ließ.

Jetzt fiel dem Bäckermeister plötzlich ein, daß zu dem einen Plüschpantoffel auch ein zweiter gehöre, und er steigerte nun eifrig mit. Aber da war ein junger Ehemann, ein Bräubursch, dem seine Gattin vor einer Woche den ersten Buben geschenkt hatte; der wollte die Trompete für seinen Stammhalter haben. Und nun begann ein hitziges Bieten: „Drei Mark fuchzg!“ schrie der Bäcker.

„Vier Mark!“ der andere.

„Sechs Mark!“ scholl es wieder herüben, aber schon schrie der Ehemann: „Acht Mark! I werd dirs zoagn, du arme Bäckerseel!“

„Was hast g’sagt, du windiger Bräuknecht! Acht Mark fuchzg!“

„Neun Mark!“ erscholl da plötzlich aus dem Hintergrund die Stimme des Kobelbauer Hias, eines Obermälzers, und rasch schrie der junge Ehemann: „Zehn Markl!“

Der Bäckermeister wischte sich den Schweiß von der Stirn, und seine Stimme klang heiser, als er schrie: „Zehn Mark fuchzg! Jatz ko mi der Hanswurscht scho bald ...“

Aber er kam nicht zum Ausreden; denn: „Elf Mark fuchzg!“ tönte es schon wieder aus dem Hintergrund und gleich darauf: „Zwölf Mark!“ von dem Liebhaber der Trompete.

Nun vergaß der Bäcker vor Wut weiterzubieten, und sprang auf, stürzte auf den Bräuburschen zu und packte ihn an der Gurgel: „Willst stad sei, du Bräuhengst, du verflixter! Jatz biat i und kriagn muaß i ’hn aa, den Gipfl, sunst is g’feit, dös mirkst dir!“

Aber er war schon zu spät daran; denn während er sich mit dem andern stritt, freute sich der dritt’: der Kobelbauer Hias ersteigerte den Gipfel um dreizehn Mark und machte sich damit davon.

Der Bräubursch aber hatte den Bäcker mit solcher Macht zurückgeworfen, daß dieser rücklings in einen runden Tisch fiel und alle Krüge und Gläser umwarf. Die Frau des Laternanzünders Tiburtius Kiermeier hatte eben ein Kalbsgulasch vor sich stehen und wollte zu essen beginnen; da kam der Bäcker geflogen, und durch den großen Sturz geriet die Platte mit der Sauce ins Rutschen, und ehe die Frau Laternanzünder sich’s versah, hatte sie das Gulasch samt der Brüh und den Kartoffeln im Schoß: „Jess’ Maria! Mei guater Tuachrock!“ kreischte sie laut auf und stieß gleich darauf ihren Mann heftig in die Seite; denn der hatte so eifrig mit einem am andern Tisch sitzenden Schuhmacher, genannt der Revolutionsschuster, über Anarchismus und Sozialdemokratie debattiert, daß er von dem Streit und auch von dem Unglück seiner Gattin nichts bemerkt hatte. Nun aber sprang er auf, und als ihm diese kreischend und unter Tränen den Vorfall geschildert hatte, erhob er seinen Stuhl und schrie: „Nieder mit dem schwarzen Bäckerhund! Hauts’n nieder, den Zentrumshund! D’Sozialdemokratie soll lebn!“

In diesem Augenblick aber fielen ihm etliche in den Arm, drückten ihn wieder auf seinen Sitz und riefen: „Sei do g’scheit, Tiburtl!“ doch der war nun schon in der Hitze und schrie und schimpfte weiter.

Die Streitenden aber waren inzwischen abermals aneinander geraten, und bald setzte es da und dort Hiebe ab. Nun sprangen etliche Rauflustige hinzu, und ehe man sich dessen versah, artete der Streit zu einer regelrechten Prügelei aus.

Zu allem Unglück löschte ein Boshafter das Licht aus, indem er den Gasometer abstellte.

Der Vater rief: „Kathi, schnell reibn S’ s Gas auf!“ Die Mutter schrie aus der Küche: „Kreuzsakerament! a Liacht brauch i!“ Ich aber faßte meinen Hund am Halsband, er trug den Maulkorb, und stürmte mitten in den Knäuel: „Auseinander! Schleicher, faß an! Sakrament, auseinander, sag i! Wer si net niederhockt, is hi!“

In diesem Moment flammte wieder ein Licht auf, und während der Vater totenblaß an einem Tisch lehnte, da er noch immer kränkelte und sich nicht aufregen durfte, teilte ich kräftige Püffe aus. Der Hund aber hatte die zwei Hauptschreier zu Boden geworfen und sein zorniges Knurren verriet, daß er keinen Spaß trieb. Die beiden lagen blutend und voll Beulen da, der eine hielt noch einen Maßkrughenkel, der Bäcker aber sein Stilet in Händen.

Die übrigen Raufbolde waren beim Dreinfahren des Hundes erschreckt zurückgewichen, und nachdem ich den Bäcker und den andern in die Höhe gezogen und beide zahlen geheißen, wies ich ihnen die Tür mit den Worten: „Marsch, schaugts, daß hoamkommt’s, ös Wildling!“

Bald war wieder Ruhe im Lokal; die Scherben wurden aufgeräumt, die Tische und Stühle gesäubert und der Frau Kiermeier vom Vorstand der Tischgesellschaft ein neues Kleid versprochen. Und als um vier Uhr morgens die letzten Gäste schwankend das Lokal verließen, versicherten sie einmütig mit stillvergnügtem Lächeln: „Schö war’s, wunderschö!“

 

Am andern Tag mochte aber wohl mancher einen schweren Kopf gehabt haben, und auch wir waren alle übernächtig und trachtete ein jedes, den versäumten Schlaf so geschwind wie möglich nachzuholen. Der Vater und die Mutter legten sich gleich nach dem Mittagessen nieder; die Küchenmagd machte ganz gläserne Augen und verschwand plötzlich, noch ehe sie ihre Arbeit getan; die Kellnerin mußte sich niedersetzen zum Besteckputzen, und dabei sank ihr der Kopf immer tiefer, bis sie mit der Nase auf das Putzbrett stieß. Ich selber nahm mir einen Stuhl und setzte mich in die Schenke, rief den Schleicher zu mir und machte auch ein Schläfchen, das zu meiner Freude nicht gar zu oft durch das schrille Klingeln der Schenkglocke gestört wurde. Um fünf Uhr aber war jedes wieder munter, und nachdem wir Kaffee getrunken hatten, meinte die Mutter: „So, jatz konn’s glei wieder ogeh ’s G’schäft und dauern bis um zwoa!“ Doch bekam sie bald Kopfweh in der heißen Küche und ging in die Stube und ich kochte allein.

Da hieß es erst einen großen Hafen voll Lunge oder Voressen bereiten für die Arbeitsleute, die jeden Abend um sieben Uhr an der Küchentür mit ihren Haferln standen und fragten: „Habts heut a Lungl?“

Dann schrieb ich die Speisenkarte.

Bald danach kamen die Kunden aus der Nachbarschaft, meist alte Weiber, und begehrten zu wissen, was sie zum Abend haben könnten: „Freiln Leni, ham S’ heut a Gansjung?“

„Ja, was fallt denn Eahna ei!“ rief ich da. „Jatz, wo s’ so teuer san am Markt! Wos moanan S’, was jatz a Gansjung kostn tät? A Mark ganz gwiß! Mögn S’ vielleicht sonst a Schmankerl? A sauere Leber oder a bachene; oder a bra’ne Haxn, a halbete? A schöns Schweinszüngl is aa da und guate G’schwollne, selbergmachte!“

„Dös mag mei Mann alles net!“ sagte die eine oder andere dann, und ich mußte ihnen weitere Spezialitäten hernennen: „Ja mei, da werds schlecht ausschaugn, wenn der Herr Gemahl dös net mag! Sagn S’ halt, a Hirn, a Herz, a Kottlett, a Schnitzl und a Gulasch ham ma r aa; oder vielleicht mag er an Ochsenmaulsalat!“

Nachdem ich dies alles aufgezählt hatte, kam es freilich auch manchmal vor, daß eine, nachdem sie alles mögliche auszusetzen gehabt und ihr die Leber zu sauer, das Gulasch zu scharf, an der Haxn z’weni dro und das Züngerl z’fett gewesen war, zögernd fragte: „Habn S’ a Lungl aa?“ und um a Zehnerl davon holte, was mich immer sehr zornig machte, so daß ich, wenn sie draußen war, voll Wut zur Küchenmagd sagte: „Schaugts nur grad a so a Büchslmadam o! Wenn s’ a Kottlett um a Zwanzgerl kriagt hätt, wars ihr scho recht gwen, dera Flugga!“

Aber trotz allen Ärgers war ich doch recht gern Herr in der Küche, und als einmal im Sommer die Mutter eingeladen wurde, an der Wallfahrt nach Altötting teilzunehmen, gab ich nicht eher Ruhe, bis sie ja sagte.

Freilich mußte ich nun tüchtig mit anfassen die drei Tage, welche die Mutter nicht da war; doch wurde ich ganz gut fertig und konnte sogar dem Vater noch helfen am Abend, wenn der Hauptandrang an der Gassenschenke war.

Da wurden innerhalb einer Stunde über zwei Hektoliter Bier ausgeschenkt, und die Leute standen mit ihren Krügen an, wie zu Ostern in der Kirche beim Beichten. Der Vater schenkte ein und ich kassierte. Da ging’s: „Frau Bergbauer, a Maß, a Halbe und a Quartl, macht vierazwanzg, sechsadreißg, zwoaravierzg; so — und acht san fufzg und fufzg is a Mark. Dank schö, adie Frau Bergbauer, wieder komma! D’Frau Graf hat dreimal drei; dös macht vierafufzg und sechs is sechzg. Dank schö, adie! Der Kloane kriagt a Halbe; tuas fei net ausschüttn! Herr Nachbar, drei Quartl? Vater, drei! Und a Zigarrn! Derf i s’ glei ozündn? Jatz ham ma achzehn und sechs is vierazwanzg und von gestern zwoa Maß, dös macht nacha zwoarasiebazg. Stimmt ak’rat wie zählt. Adie, Herr Nachbar, dank schö!“ Und so ging’s fort, bis ich wieder in die Küche mußte.

Am nächsten Tag schickte die Mutter aus Altötting eine Karte mit dem Bild der Mutter Gottes und schrieb: „Liebster Josef! Ich bin ganz weck vor lauter schön. Vielle Grüße sendet euch eure treue Mutter Magdalena Zirngibl.“

Ich freute mich sehr, daß es der Mutter so wohl gefiel; hoffte ich doch, es möchte diese Wallfahrt günstig auf ihr Gemüt wirken, daß sie ein wenig verträglicher würde; denn sie war immer noch trotz aller Frömmigkeit recht bös und quälte mich oft entsetzlich. Bei dem geringsten Anlaß gab sie mir trotz meiner neunzehn Jahre noch Schläge ins Gesicht und hinter die Ohren, oder riß mich an den Haaren herum; ja, nicht selten nahm sie noch wie früher den Stock und prügelte mich elendiglich. Deshalb suchte ich, so gut es mir gelingen wollte, Anlässe zu solchen Szenen zu vermeiden; doch glückte es mir nicht immer, und ich wurde nun wieder trübsinnig und verlor alle Lust zum Schaffen und schließlich auch zum Leben.

Da geschah es, daß wir eine neue Kellnerin bekamen; denn die Kathi hatte sich mit einem unserer Gäste, dem Briefträger Schwertschlager, verheiratet. Das neue Mädchen hieß Babett und war recht fleißig und von einnehmendem Wesen; daher schloß ich mich rasch an sie an, weihte sie in manche von den häßlichen Szenen, die ich mit meiner Mutter hatte, ein und vertraute ihr auch an, daß ich des Lebens im Hause ganz überdrüssig sei. Da empfahl sie mir, ich solle mir doch eine Sparbüchse anlegen und alle Tage etwas aus der Schenkkasse hineintun; wenn es mir dann einmal gar zu schlecht ginge, könnte ich davonlaufen und hätte doch Geld. Ich folgte ihr und legte täglich zwei kleine, silberne Zwanzgerln in eine irdene Sparbüchse, die ich in der Schublade des Büfetts, die der Kellnerin zur Aufbewahrung ihrer Sachen diente, versteckte.

Es mußte schon ein schönes Sümmchen beisammen sein, denn etliche Wochen trieb ich diese Heimlichkeit.

Da kam der Namenstag der Mutter.

Schon einige Tage vorher hatte ich die Babett an einer sehr feinen Spitze häkeln sehen und plagte sie nun, sie solle mir dieselbe für die Mutter verkaufen. Sie willigte ein, und nachdem sie mich das Muster gelehrt hatte, häkelte ich noch ein gutes Stück selber dazu. Ich bezahlte ihr für die Arbeit zwei Mark, bat mir aber aus, sie dürfe der Mutter ja nicht verraten, daß auch sie daran gehäkelt habe; denn die Mutter hielt nur auf Handarbeiten etwas, die man selbst gefertigt hatte. Sie schien auch wirklich sehr erfreut und fragte mich, wo ich das Muster herbekommen habe.

Ich antwortete: „Von der Babett.“

Darauf meinte sie: „Die hast ja du gar net g’häkelt, die hat ja d’Babett g’macht!“

Ich blickte wie versteinert die Mutter an und brachte endlich kaum hörbar die Worte heraus: „Wer sagt denn dös?“

„D’Babett hat mir’s selber g’sagt!“ erwiderte die Mutter scharf.

Da brach ich in Tränen aus: „Naa, so a Gemeinheit! Jatz hat s’ mir’s so heilig versprocha, daß s’ nix sagt ...“

„So, hab i di jatz g’fangt, du Luder, du verlogns!“ triumphierte jetzt die Mutter mit bösem Lachen; dabei nahm sie die Spitze und warf sie ins Herdfeuer. „Heut konnst di aber g’freun! Heut treib i dir’s Lügn aus für allweil!“

Mir war ganz dumm im Kopf, und wie im Traum ging ich in die Gaststube und wollte die Sparbüchse mit dem geheimen Geld zu mir nehmen; da fand ich sie leer. Sprachlos starrte ich in die Schublade, bis die Mutter in das Zimmer trat. Da schob ich die Lade zu und ging wieder in die Küche. Doch konnte ich nichts tun und hatte nur den einen Gedanken im Kopf: Heut bringt s’ di um; denn sie war so seltsam still, trank rasch fünf oder sechs Halbe Bier und warf mir grausige, entsetzliche Blicke zu. Aber sie sprach kein Wort in der Sache, bis nach dem Mittagessen. Da rief sie dem Vater in die Schenke: „Josef, heut bleibst in der Schenk, die is heut net da!“ wobei sie mir wieder einen solch bösen Blick zuwarf, daß mir fast das Blut in den Adern gefror. Dann sagte sie, indem sie den großen, eisernen Schürhaken vom Herd nahm und sich zum Gehen schickte: „Richst ’s Hundsfressen no her, du Schinderviech; nachher gehst ’nauf!“

Als sie fort war, rief ich die Babett zu mir in die Küche und machte ihr Vorhalt wegen der Spitze und auch wegen des Geldes.

Da sagte sie: „I hab koa Wort verraten und vom Geld woaß i nix! Überhaupt derfan Sie koa Wort sagn; denn wenn i mei Maul aufmach, na is g’fehlt um Eahna!“ Damit ging sie aus der Küche.

Ich hatte kaum die letzten Worte gehört, so wurde mir heiß und kalt, und plötzlich ergriff ich das große Tranchiermesser, legte erst die eine und dann die andere Hand auf den Hackstock und schnitt mir an beiden Armen die Pulsadern durch. Dann lief ich zum Schlüsselbrett, nahm die Kellerschlüssel, rannte die Stiege hinab, schloß mich in den Weinkeller ein und kauerte mich in einen Winkel und hoffte stumpfsinnig auf den Tod.

Wie lange ich so gelegen bin, weiß ich nicht. Bekannte erzählten mir später, daß mich eine Frau, die von der Gassenschenke aus in die Küche geblickt hatte, beobachtet und den Vorfall meinem Vater mitgeteilt habe. Doch wußte niemand, wo ich hingelaufen war, bis man endlich die Kellerschlüssel vermißte. Da nahm der Vater den Schleicher, ließ vom Schlosser den Keller aufbrechen und suchte mich. Der Hund aber lief erst unruhig im ganzen Keller umher, bis er sich plötzlich vor die Tür zum Weinkeller stellte und laut zu winseln begann. Da erbrach der Schlosser auch diese Tür, und nun fanden sie mich ohnmächtig in meinem Blute liegen. Sie hoben mich auf und brachten mich zum nächsten Bader, der mir einen Notverband anlegte und mich dann zu einem Arzt fahren ließ. Dort wurden die Wunden genäht, wobei es der Doktor nicht an anzüglichen Reden fehlen ließ, da ja gemeiniglich nur nach der Tat, selten aber nach Grund und Ursach geforscht wird.

Darauf brachte man mich wieder nach Hause, und meine Mutter empfing mich sofort mit den Worten: „Hat di jatz der Teufi no net gholt! Bist no net hin?“

Da dachte ich, es könnte am Ende besser sein, wenn ich ginge; denn vielleicht bekäme ich von der Mutter einmal einen Hieb, der mich zum Krüppel machte; da wäre ich doch lieber tot.

 

Also ging ich andern Tags zu meiner Base, die mit dem Bruder der Mutter in einem alten, kleinen Häuschen Giesings wohnte. Die nahm mich voller Mitleid auf und ich verbrachte ein paar glückliche Wochen bei ihr. Auch sie riet mir, ich solle eine Zeitlang unter fremde Leute gehen und dienen. Deshalb suchte ich, nachdem meine Arme wieder geheilt waren, eine Verdingerin auf, die mir einen Platz als zweite Köchin in der Floriansmühle zubrachte und mir empfahl, zuvor meinem Vormund, dem Ehemann der Nanni, zu schreiben, daß er mir seine Erlaubnis zum Dienen gebe; denn ich war noch nicht mündig. Der antwortete in seinem Schreiben: „Mir ist’s ganz recht, wenn sie dint und ligt nichts dran, wenn sie heirat. Josef Eder.“

Mit diesem Brief ging ich zur Polizei und holte mir ein Dienstbuch. Danach erbat ich mir von meiner Base das Verdinggeld, fünf Mark, und brachte es der Frau, worauf ich mich nach der Floriansmühle begab.

Ich ging die Isar entlang durch den Englischen Garten, am Aumeister vorbei und stand mit einem Male vor einem kleinen Dörflein.

Zu meiner Rechten floß ein von alten Bäumen und schon herbstlich buntem Strauchwerk eingefaßter Kanal, der das ausgedehnte, rings von saftigen Wiesen und schattigen Baumgärten umgebene Besitztum, auf dem ich meinen Dienst antreten sollte, von dem eigentlichen Ort trennte.

Ich schritt den Bach aufwärts und stand bald vor dem großen Hoftor des Gutes, das drei Brüdern zu eigen gehörte und dessen Gastwirtschaft von jeher als eine beliebte Einkehr der Münchner galt.

Als ich in den Hof trat, stand vor der niedern Tür des schmucken, mit seinen grünen Fensterläden und den sauber an Spalieren gezogenen Weinreben recht heimisch aussehenden Wohnhauses ein junges Mädchen und fütterte aus einer weiten, irdenen Schüssel Enten, Hühner und Tauben mit feingehackten Maiskörnern. Droben auf dem Dach aber, das von einem Glockentürmlein gekrönt war, saß ein großer Pfau und schrie mit kreischender Stimme sein klägliches: „Pau, pau“ in die stille Luft.

Weiter drüben vor dem Stall stand ein langer, grobknochiger Knecht und schirrte zwei schwere Grauschimmel an und spannte sie vor einen hoch mit Mehlsäcken beladenen Wagen, während aus der mit Tannengirlanden geschmückten Türe eines kleinen Tanzsaales, dessen Fensterläden fest geschlossen waren, soeben ein älterer Mann trat und angestrengt nach der von uralten Pappeln eingesäumten Landstraße sah.

In diesem Augenblick fuhr von der andern Seite ein leichtes Ponygefährt durchs Tor in den Hof, und ihm entstieg ein etwa zwanzigjähriger, elegant gekleideter junger Mann, warf die Zügel dem dampfenden Pferd auf den Rücken und hob danach ein liebliches, ganz in Weiß gekleidetes, etwa achtjähriges Mädchen aus dem Wagen. Mit lautem Jubel stürmte die Kleine an dem erschreckt auffahrenden jungen Mädchen vorüber, wobei Hühner und Enten laut schreiend und gackernd auseinanderstoben, und sprang lachend an dem alten Herrn empor mit dem Ruf: „Onkel Kilian, fein wars!“ Dieser gab dem Mädchen erst einen schallenden Kuß und wandte sich dann an den jungen Mann: „So, Maxl, hast dir jatz amal gnua kutschiert?“

„Ja, Onkel! Bis zum Flaucher san ma nauf; ’s Lieserl hätt bald nimmer gnua kriagt!“ Dann rief er lachend der noch immer über das Ungestüm der Kleinen erbosten jungen Dame zu: „Servus, Fräuln Schwester!“ Und als sie nichts erwiderte, trat er rasch auf sie zu, faßte sie um die Hüften und meinte: „Na, Klärl, kommt’s am End scho wieder zum Regnen?“

Unwillig stieß sie ihn weg und wollte etwas entgegnen, da fuhren rasch hintereinander drei elegante Equipagen vor, und sofort stürzten alle hinzu und halfen den Herrschaften dienstbeflissen aus den Wagen.

Ich war lange Zeit unschlüssig hinter dem vorderen Tor gestanden; jetzt benutzte ich rasch den günstigen Augenblick und trat schnell in die Küche, die in peinlichster Sauberkeit glänzte.

Gegenüber dem großen, in der Mitte stehenden Herd befanden sich hohe Schränke und Stellagen voll Porzellangeschirr und von den Wänden blinkten reiche Kupfer- und Zinnmodel. Vor dem Herd stand gerade eine große, wohlbeleibte Köchin, die Kaffee kochte, und hinten in einer Ecke war ein altes Weiblein mit dem Rupfen einer großen Schüssel voll Enten beschäftigt. An dem mächtigen Schubfenster des Büfetts, von dem aus man den großen, schattigen Wirtsgarten überblicken konnte, stand eben die Frau des Hauses und gab der Kellnerin mehrere Platten mit Kuchen und gebratenen Hühnern. Dann wandte sie sich um, und als ich gerade der Köchin, die mich barsch nach meinem Begehr fragte, antworten wollte, rief sie mit freundlicher Miene: „Ah, jatz kommt mei neue Köchin! Sie san aber no jung!“

Ich erwiderte, nachdem ich sie begrüßt, ziemlich schüchtern: „I bin scho neunzehn Jahr alt!“ worauf sie mich fragte, ob ich denn auch kochen könne. Da bekam ich auf einmal Schneid und sagte frisch: „Dös moan i! I hab dahoam scho dö ganze Wirtschaft g’führt und mir ham koa schlechts G’schäft! Bloß mit dö Mehlspeisn hats was; dö gibt’s bei uns ’s ganz Jahr net!“

Lachend meinte die Frau: „Dös kriagn ma scho no; bloß a Schneid braucht’s und an guatn Willn.“

Ich versprach ihr, daß ich ihr keine Schande machen wolle, und fragte, wann ich schon eintreten könne. Sie sagte: „Glei morgn können S’ kommen; lassen S’ ma Eahna Adreß da, der Knecht fahrt morgen so in d’Stadt nauf am Markt; der kann glei Eahnan Koffer mitnehmen.“

Dann gab sie mir noch einen Taler als „Drangeld“, womit sie mich fest zum Antritt meiner Stelle verpflichtete.

„Gnä Frau,“ sagte ich noch, ehe ich ging, „kann i vielleicht glei was b’sorgn, eh i morgn aus der Stadt geh? I kannt’s leicht mitnehmen.“ Doch sie verneinte und sagte: „Dös g’fallt ma, daß S’ Eahna so onehma; aber bei uns fahrt alle Tag oans nauf zum Einkaufn und B’stelln. Trinkn S’ jatz no g’schwind a Tass’ Kaffee!“

Nun bekam ich eine große Tasse voll und einen Krapfen, wobei die Frau meinte: „Probiern S’ unsere Krapfen, die müssen S’ z’erscht ferti bringa!“

Ich fand alles recht gut und ging frohen Herzens heim zu meiner Base und berichtete ihr alles, worauf sie mich ermahnte, ich solle mich recht gut halten, daß ich meiner Mutter zeigen könne, wie andere Leute mit mir zufrieden wären.

Andern Tags am frühen Morgen machte ich mich auf den Weg. Ich war guten Muts und sang laut, als ich durch den Englischen Garten schritt; denn ich hatte von der Endstation der Trambahn aus noch fast eine Stunde zu gehen.

Als ich auf den Hof kam, schlug es neun Uhr, und der Obermüller und die Mühlknechte machten grad Brotzeit und holten sich ihr Bier.

Mit einem lauten: „Grüaß Gott! Jatz bin i da!“ trat ich in die Küche, wo es schon überall dampfte und brodelte. Die Frau war noch nicht auf, und so wies mir die erste Köchin meine Kammer zum Schlafen an. Rasch nahm ich mein Hütlein ab, zog mein Mäntelchen aus, tat eine schöne weiße Schürze um und ging wieder hinunter.

Nun hieß es sich rühren! Als die Frau um zehn Uhr in die Küche kam, hatte ich schon einen großen Hafen voll Entenjung für die Leute der Ökonomie zubereitet und war gerade dabei, ein Brett voll Knödel zu machen.

„So, san ma scho fest bei der Arbeit!“ sagte die freundliche Wirtin und klopfte mir wohlwollend auf die Schulter, worauf ich lachend erwiderte: „Bis jatz konn i’s scho no damacha!“ doch hätte ich dies am Nachmittag wohl kaum mehr geantwortet; denn da ging’s drunter und drüber.

Da kamen Herrschaften in ihren Equipagen, die sich mit Brathähndln, Eierspeisen, kalten Platten und dergleichen Leckerbissen aufwarten ließen, ferner Radfahrer, die in großer Eile ihren Kaffee tranken, und auch an Spaziergängern fehlte es nicht, die da ihren Käs mit Butter, ein Ripperl oder Regensburger verzehrten.

Der Kaffee wurde in lauter kleinen Kännchen serviert, und eine alte Spülerin hatte den ganzen Mittag und Nachmittag vollauf zu tun, um all die Geschirrlein zu säubern und auf kleine Nickeltabletten zu ordnen. In einem riesigen Waschkorb lagen an die hundert Krapfen, daneben standen Teller und Platten mit feinem Kaffeekuchen, was alles im Haus gebacken wurde.