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Erinnerungen einer Überflüssigen

Chapter 9: 8
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About This Book

Die Erzählerin erinnert sich an eine entbehrungsreiche ländliche Kindheit, geprägt von detailreicher Schilderung häuslicher Abläufe, festen Bräuchen und saisonalen Ritualen. Eine fürsorgliche Beziehung zum Großvater kontrastiert mit der kühlen, ablehnenden Haltung der Mutter; Krankheit, Hunger und einfache Hausmittel treten neben harter Arbeit, gemeinsamen Mahlzeiten und Festlichkeiten. Schulische Leistungen, strenge Züchtigung und frühe Verantwortungsübernahme werden thematisiert. Die Erinnerungen verbinden konkrete Alltagsbeobachtungen mit dem Gefühl, überflüssig und ungeliebt zu sein, und zeichnen ein genaues Bild familiärer Hierarchien und sozialer Beschränkungen.

In der Schenke ging es zur Mittagszeit noch ziemlich ruhig her; doch war am Nachmittag auch hier ein großes Hinundher. Da wurde nicht nur Bier ausgeschenkt, sondern auch alle möglichen Limonaden, Sauerbrunnen, Schorlemorle, Radlermaßen und auch gar manche Flasche Wein.

Die „rote Kuni“, wie man im Scherz die rothaarige Schenkkellnerin nannte, wußte sich bei dem Trubel kaum mehr zu helfen; denn sie war von Haus aus schon schwerfällig und nun erwartete sie auch noch ein Kind, das vierte, seit sie in der Floriansmühle im Dienste stand. Für jedes hatte sie einen andern Vater benannt, der ihr für Ehr und Kind bezahlen mußte, was ein jeder auch ohne Widerrede tat.

Um die Zeit meines Eintritts war nun überall wegen der Herbstmanöver Einquartierung. Auch in die Mühle kam die Ordre, man solle Quartier bereiten für mindestens zwanzig Mann und etliche Offiziere der schweren Reiter aus Landshut.

Es währte nicht lange, da rasselten im Saal die Säbel und klirrten die Sporen. Zwanzig Gemeine, vier Feldwebel und Wachtmeister, sowie sechs Offiziere hatten wir bekommen.

Da gab es Arbeit in Menge; zwar war für die Gemeinen das Mahl bald bereitet, doch für die Herren wurde gar fein aufgekocht. Am Abend gab es dann regelmäßig ein kleines Tänzchen, zu dem ein Mühlknecht mit der Ziehharmonika aufspielte.

Elf Tage blieben sie. Da geschah es am dritten Tage, daß die rote Kuni in der Früh nicht mehr erschien und in der Stille der folgenden Nacht einem Knäblein das Leben gab. Nun war niemand in der Schenke; da fragte ich, ob ich nicht auf etliche Tage dies Amt versehen könne. Die Herrschaft war recht froh über den Antrag, und ich wurde noch am selben Tag die Schenkkellnerin. Zugleich hatte ich die Gäste zu bedienen und auch den Offizieren zu servieren; doch ging mir alles glücklich von der Hand, und schon nach ein paar Tagen mußte ich das Versprechen geben, in der Schenke zu bleiben. Ich tat es gerne; denn ich verdiente mir ein schönes Stück Geld und lernte überdies mit feinen Leuten umzugehen.

Bald hatte ich mir nicht nur die Zufriedenheit der Herrschaft erworben, ich war auch der Liebling der Offiziere und vieler vornehmer Gäste.

Am Tage vor ihrem Weitermarsch veranstalteten die Hauptleute der Einquartierten noch einen kleinen Ball, zu dem viele Münchner Offiziere samt ihren Frauen geladen waren. Vorher war ein reiches Mahl gegeben worden und ich hatte alle Hände voll zu tun. Danach gab mir ein jeder der Offiziere, die durch den Herrn schon erfahren hatten, daß ich eine Bürgerstochter und ein braves Mädel sei, die Hand, viel schöne Worte und einen blanken Taler, und einer bat mich gar um ein „Busserl“, wofür er mir versprach, er wolle ewig an dieses Herbstmanöver denken.

Ich hatte nichts weiter dagegen und gab ihm lachend den verlangten Kuß. Da hielt der junge Herr mich fest und legte mir ein feines Kettlein mit einem kleinen Medaillon um den Hals.

„Es ziemt sich nicht,“ meinte er dann ernst, „einem Mädchen aus gutem Haus ein Trinkgeld zu reichen; ich wenigstens kann es nicht und hoffe auch, daß meine lieben und geschätzten Kameraden das Mädel nicht entlohnen, sondern nur belohnen wollten.“

Ich war ganz bestürzt und dachte schon, jetzt müsse ich all das schöne Geld wieder hergeben; da rief ein alter, graubärtiger Offizier mit schnarrender Stimme: „Ah, was! Unsinn, Kamerad! Der Taler ist nicht Trinkgeld, sondern Andenken an uns fesche Kerle!“ worauf alles in Gelächter ausbrach und die Angelegenheit erledigt war.

Später, beim Tanz, bat der junge Herr meine Herrschaft, mir Urlaub zu geben, bestellte etwa zwanzig Flaschen Sekt und ließ sie gleich kalt stellen. Sodann befahl er den Offiziersburschen, zu bedienen.

Die andern Mannschaften hatten sich draußen in der Tenne bei einem Faß Bier versammelt und Wachtmeister und Unteroffiziere saßen im Nebenzimmer fidel beisammen.

Ich mußte ein gutes Kleid anziehen und war nun sehr begehrt, wobei ich fand, daß der Leutnant mit dem Kettlein es im Tanzen selbst den höchsten Offizieren zuvor tat. Er meinte es, wie mir schien, recht ehrlich mit mir; denn er wollte nicht einmal das „Busserl“, das er mir am Abend abverlangt hatte, behalten und gab es mir mit dankbarem Blick vierfach zurück, ehe er beim Morgengrauen den Tanzsaal verließ.

Am andern Tag sah ich die Truppen wohl fortreiten, doch konnte ich aus der großen Ferne keinen mehr erkennen.

Dafür kamen am Nachmittag abermals etwa zehn Reiter, zwar keine Offiziere, doch auch ganz muntere Gesellen, die in einer Reitschule das lernten, was sie später entweder zum Beruf brauchten oder womit sie andern einmal imponieren wollten.

Sie kamen nun täglich und waren alle recht höflich und liebenswürdig zu mir, gaben mir viel Trinkgelder und brachten mir allerlei hübsche Dinge mit: bald ein Körblein Blumen, bald ein Schächtelchen mit Zuckerwerk. Einer von ihnen aber, der Sohn des Reitschulbesitzers, hätte mir gerne einen hübschen Filigranschmuck geschenkt; doch ich wies das Angebinde schnöde zurück, weil der Geber sich dafür nichts weniger denn mein Jungfernkrönlein ausgebeten hatte.

Überhaupt traten jetzt die Versucher gar häufig und, wie sie meinten, in den lockendsten Gestalten an mich heran.

Da war ein alter Jude, ein steinreicher Geldhändler, der mir für eine kleine Liebenswürdigkeit sofort eine große Summe Goldes bot. Ferner ein Pferdehändler, ebenfalls ein Jude, der mir einst seine Equipage mit der Weisung schickte, ich solle mich in den ersten Modehäusern kleiden wie ich wünsche, koste es, was es wolle; doch möchte ich nachher in demselben Wagen heim in seine Wohnung fahren und bei ihm eine Tasse Tee trinken.

Doch nicht nur die reichen Herren, auch etliche Burschen aus der Mühle hätten mich gern zu ihrem Schätzlein gehabt, und ich wußte bald nicht mehr, was ich tun sollte, um mir die unsinnigen Freier vom Hals zu schaffen. Und als mich gar einmal mitten in der Nacht draußen vor meinem Fenster, ich schlief im ersten Stock, ein Geräusch aufweckte, als hätte jemand eine Leiter angesetzt, und gleich danach ein leises Klopfen an die Scheiben ertönte und jemand mit unterdrückter Stimme rief: „Lenerl, mach auf! I muaß dir was sagn,“ da sprang ich voll Zorn aus dem Bett und rief ganz laut hinaus, ohne zu öffnen: „Mei Ruah will i habn! I brauch koan Burschn zum Fensterln; wer si net zu der Tür ’reitraut, soll ganz wegbleibn!“

Da erscholl es draußen wieder flehend: „Geh, laß mi halt ei, Dirndl! I hätt a schöns Ringerl für di!“ während zu gleicher Zeit im Garten drunten der alte Bernhardinerhund wütend zu bellen begann. Nun klopfte der nächtliche Besucher wieder, diesmal aber ganz heftig, ans Fenster und bat: „Lenerl, i bitt di um Gottswilln, laß mi halt ei, i bins ja, der Mühlfranzl! Schau, da Barri laßt mi nimma abi!“

Ich gab nun gar keine Antwort mehr und hielt mich mäuschenstill; denn im Zimmer neben mir wurde es lebendig und gleich darauf erschien Max, der etwa zwanzigjährige Sohn meiner Herrschaft, in Unterhosen und barfuß, ein Kerzenlicht in der Hand, an meiner Tür: „Leni, hörn Sie nix? Einbrecher müassn da sei!“

Nun verschwand die Gestalt eilig vom Fenster, und gleich danach vernahm man ein wildes Auffahren des Hundes, einen dumpfen Schrei und das Umfallen der Leiter. Darauf war es wieder still.

Nun wagte ich, das Fenster zu öffnen, und sah hinunter. Da saß unser Barri auf einer dunklen, am Boden hingestreckten Gestalt, und über den beiden lag die lange Leiter.

„Unser liabi Zeit! Der hat si gwiß dafalln!“ rief ich voll Schreck und bereute schon meine Härte; da schrie der Max zum Fenster hinunter, während ich ganz gebrochen auf einen Stuhl fiel: „Barri, marsch in dei Hüttn!“ worauf der Hund den Schwanz einzog und unter der Leiter wegschlich.

„Wer nur dös sei muaß!“ meinte etwas angstvoll der junge Mann.

Da sagte ich leise, indem ich wieder zum Fenster trat und hinabsah: „Der Mühlfranzl war’s. Fensterln hätt er wolln! Und jatz is er tot zwegn mein Trutz!“

In diesem Augenblick rührte sich der vermeintliche Tote, kroch unter der Leiter hervor und hinkte mühsam und halblaut fluchend von dannen.

Nun verließ auch der Max das Zimmer und ich legte mich wieder hin; doch ich konnte nicht mehr einschlafen und nahm mir vor, das Haus zu verlassen. Ich sagte das am Morgen auch der Frau; doch die lachte mich aus und meinte: „Ja, warum net gar! Davonlaufn möcht s’ jatz, anstatt daß s’ an Stolz hätt, wenn si d’Burschn so um sie reißn! Recht zum Narrn haltn tuast’s!“

Nach reiflicher Überlegung entschied ich mich auch wirklich für diesen vernünftigen Ausweg. Ich ließ mir eifrig den Hof machen und hatte die größte Freude, wenn sich manches Mal der eine oder andere von einem Rivalen zurückgedrängt glaubte und ihm mit der Faust zu beweisen suchte, daß er der Bevorzugte sei.

Der Umstand, daß ich mich in diesem ständigen Kreuzfeuer so tapfer bewährte, ließ mich nicht nur in den Augen meiner Herrschaft groß dastehen, sondern auch in der Gunst unserer Stammgäste, zu denen auch der Benefiziat des Dorfes zählte, höher und höher steigen, und es geschah des öfteren, daß der hochwürdige Herr mich beiseite nahm und mir versicherte, ich sei das tapferste Mädel, das ihm vorgekommen; und als ich ihm einmal sein Bier auf den Tisch stellte, rief er: „Na, wie geht’s, Sie steinerne Jungfrau? Hat sich gestern keiner von Ihren Verehrern erschossen?“ worauf ich lachend erwiderte: „Naa, Herr Hochwürden, aber datränkt hat si scho hi und da oana z’wegn meiner!“

„Was!“ schrie er da voll Schreck und hatte seine liebe Not, den Trunk, den er eben gemacht und der ihm vor Schreck in die unrechte Kehle geraten war, wieder heraufzubringen. „Was, ertränkt?!“

„Ja, aber net im Wasser!“ beruhigte ich ihn und klopfte ihm tüchtig auf den Rücken, bis er nach heftigem Husten wieder zur Ruhe kam.

 

Als ich etwa zwei Monate im Hause war, erschien eines Nachmittags ganz unverhofft meine Mutter und wollte wissen, wie ich mich führe.

Meine Frau war noch in der Küche, als die Mutter mit den Worten vor sie trat: „’n Tag! I bin d’Mutter von dera da!“ Dabei wies sie mit der Hand auf mich und fuhr fort: „I möcht anfragn, wie sie si aufführt und was s’ Lohn hat!“

Meine Frau entgegnete kurz: „So, Sie sind d’Mutter! D’Leni is recht ordentlich und fleißig und i hab nie a Klag. Was ’n Lohn betrifft, so hat s’ halt zwanzg Mark und ihre Trinkgelder. Dös geht mi übrigens nix o, wie viel dös ausmacht.“

Da fing meine Mutter an, sich bitter über mich zu beklagen, und erzählte ihr die Geschichte von meinem Selbstmordversuch und auch, daß ich einmal zehn Mark aus der Schenkkasse gestohlen hätte, die sie nun holen wolle. Doch meine Frau fiel ihr unwirsch ins Wort: „Was Sie mit Eahnera Tochter dahoam g’habt habn, geht mi nix an. Bei mir is sie rechtschaffen und ehrli, und konn i ihr net ’s geringste nachredn!“

Da kehrte sich die Mutter heftig um und eilte hinaus, die Tür krachend hinter sich zuwerfend. Ich aber nahm ein Zehnmarkstück und legte es ihr im Garten auf den Tisch, wo sie vorher gesessen war und gab es ihr mit den Worten: „Da san die zehn Mark. Wenn S’ no was guat habn, na sagn S’ mir’s, daß i’s Eahna gib!“

„Oho! Schneibt’s leicht dir d’Goldstückl, daß d’so rumschmeißt damit?“ rief sie nun halb erstaunt, halb spöttisch. „I hätt di gern wieder dahoam g’habt; aber wenn’s dir so guat geht da, na wirst z’erscht net nauf wolln zu uns!“

„O naa! I wär viel liaber dahoam,“ erwiderte ich und das Weinen stand mir nahe. „Sagn ’s ja alle Leut, daß ’s a Schand is, wenn a so a reiche Bürgersfamilie ihr Tochter zum Deana laßt! I woaß’s bloß net, ob mi mei Frau fortließ.“

„Sonst nix mehr!“ erscholl da neben uns die erzürnte Stimme meiner Frau, die ganz unbemerkt aus der Schenke in den Garten getreten war: „Lenerl, Sie bleibn mir da! Jatz hätt ma amal oane, die was taugn tät, jatz laufat s’ mir nix, dir nix davo! No amal sag i’s, Sie bleibn da!“

Da sah die Mutter wohl, daß ich hier anerkannt und gut gehalten war und sagte, indem sie sich zum Gehen schickte: „Wannst hoam willst, kannst jederzeit kommen; hoffentli bist dahoam aa, wie si’s g’hört!“

Ich sagte es ihr zu und begleitete sie noch bis an die kleine Brücke, die über den Kanal führt. Da faßte sie ganz plötzlich meine Hand, besah meine vernarbten Schnittwunden am Arm und sagte halblaut: „So dumm z’sei! Wia leicht kunntst tot sei und i hätt d’Verantwortung!“

Ich entzog ihr rasch die Hand und rief, mit Gewalt die Tränen zurückhaltend: „Adje, Mutter, i muaß in d’Schenk; grüaßn S’ mir’n Vater! Vielleicht komm i bald!“

Seit diesem Vorfall gefiel es mir gar nicht mehr recht im Dienst, und obwohl ich mir in der kurzen Zeit schon ein neues Kleid, manch schönes Stück Wäsche und noch über hundert Mark bares Geld verdient hatte, sagte ich doch am ersten des folgenden Monats zu meiner Herrschaft: „I möcht wieder hoam. Mi leid’s nimmer da, wenn i woaß, daß mi d’Muatter braucht; und auf Weihnachten wär i halt do liaba bei meine Leut dahoam als wia r in der Fremd!“

Ganz traurig meinte die Frau: „Gehn S’ jetzt wirkli! I konn’s ja gern glaubn, daß si’s Herz wieder zu der Mutter z’ruck verlangt, aber wenn ma solche Aussichten hat, wie Sie, da wär’s wohl besser, ma höret mehr auf’n Verstand als aufs Herz.“

Doch als ich meine Bitte wiederholte, ließ sie mich gehen: „In Gott’s Nam, muaß i mir halt wieder um jemand schaun!“

 

Also verließ ich Mitte Dezember meinen Dienst, begleitet von den Segenswünschen der ganzen Familie, die mich vor meinem Scheiden noch reichlich beschenkt hatte. Ich konnte mich der Tränen nicht erwehren, als ich einem nach dem andern die Hand gab, und es waren nicht die angenehmsten Empfindungen, mit denen ich mich auf den Heimweg machte.

Als ich etwa eine halbe Stunde Wegs zurückgelegt hatte, kam ein Fiaker hinter mir her. Ich rief ihn an, ob er mich fahren wolle, und als er dies bejahte, stieg ich ein und fuhr nach Hause.

Daheim rannte alles ans Fenster, als ich so nobel angefahren kam, und der Vater meinte, als ich ihn begrüßte: „Du kommst ja daher wie a Prinzessin; ma kennt di kaam mehr!“

Als ich aber mein Erspartes und die geschafften Sachen alle sehen ließ, verstummte er völlig und auch die Mutter war starr vor Staunen. Ich sagte, indem ich das Geld wieder verwahrte: „Dös Geld trag i auf d’Sparkass’ und mei Wasch heb i mir auf, bis i heirat. Wer woaß, ob i mir net no was dazu verdean!“

Die Mutter verstand wohl, wie ich das meinte; denn sie sagte sofort: „Oho! Möchst net scho wieder davolaufa, kaum’st komma bist! Zum Aushaltn werd’s scho sei dahoam; i leg dir nix mehr in Weg!“

Auch der Vater versprach mir, daß man mich gut halten wolle, und ich dankte ihm von Herzen. Vergessen war jetzt für mich alles, was einmal geschehen, und ich freute mich wieder des Elternhauses und ging munter an die Arbeit. Ich war jetzt auch wohl gelitten im Hause und niemand gab mir ein unrechtes Wort; ich wirtschaftete wieder wie vorher und gab selber auch keinen Anlaß zum Tadel.

So verging der Winter, und mit dem Eintritt des Frühjahrs standen in der Nachbarschaft zwei Neubauten unter Dach, was für die Bauleute die Veranlassung zu einer großen Feier war, die, ein altes Herkommen, als Hebebaum- oder Hebeweinfeier bekannt ist und wobei oben am First des Neubaues ein mit bunten Bändern gezierter Tannenbaum aufgepflanzt wird. Alle am Bau Beschäftigten begeben sich auf den Dachstuhl und einer unter ihnen hält nun eine feierliche Ansprache, in der er dem Bauherrn, dem Eigentümer und dem Palier für den Verdienst dankt und sie alle einzeln mit einem dreifachen Hoch ehrt. Inzwischen hat der Wirt ein Faß Bier und Krüge hinaufschaffen lassen, und nun nimmt ein jeder seinen gefüllten Krug und stimmt laut in das Hoch des Redners ein; denn der Brauch will, daß man die Bauherren durch den Trunk ehre.

In der Wirtschaft wird mittlerweile groß aufgekocht; denn der Eigentümer hat zwei Schweine und ein Kalb für die Bauleute gestiftet, während in der Schenke fünf Hektoliter Bier, ein Geschenk des Bauherrn, bereit stehen. Dazu gibt der Wirt noch etliche hundert fette Maurerloabi, ein grobes, sehr würziges Brot, sowie für jeden der Bauleute zehn Zigarren.

Bald füllt sich das Lokal und nicht lange währt es, so geht es an ein Essen und Trinken, an ein Singen und Scherzen, daß man sich in eine Bierbude des Oktoberfestes versetzt glaubt.

So war’s auch diesmal wieder. Ein jeder wollte das meiste tun im Trinken, Essen und im Lärmen; denn ein jeder trug das stolze Bewußtsein in sich und mancher trug es auch offen zur Schau: Auch ich hab mein redlich Teil dabei getan!

Später freilich, als ihnen das Bier schon ziemlich zu Kopf gestiegen war, schwand dies Selbstbewußtsein erheblich, und nun waren es die Mörtelweiber und Bierträgerinnen, die das große Wort führten. Eine jede hatte, obwohl selber längst verheiratet, einen Auserwählten unter den Bauleuten, unbekümmert, ob der Erkorene Weib und Kind daheim hatte, oder nicht.

Heute nun hatte ein jeder Eheherr auch seine Frau mitgebracht und teilte mit fröhlichem Sinn das, was die Arbeitgeber gespendet. Auch die Gattin des obersten Paliers, Simon Scheibenzuber, war anwesend. Da erhob sich ein, obschon nicht mehr junges, doch noch ziemlich mannliches Mörtelweib, stieg allen Bemühungen ihrer Genossinnen zum Trotz auf den Tisch und schrie: „Ich bin die Keenigin von Jerusalem und der Scheibnzuber Simmerl is mei Mo!“

Da sprang die tiefgekränkte Gattin des Paliers vom Stuhl auf, gab ihrem ganz verblüfften Manne eine schallende Ohrfeige und stürzte sich nun wie eine Furie auf die Verwegene. Die aber war so voll des süßen Getränks, daß sie nur noch gurgelnd herausbrachte: „Was tatst denn wollen, du gscherte Mollen!“ dann aber auf ihren Sitz zurücksank.

Dies hatte aber die Wut der Paliersgattin aufs höchste gesteigert: „Was, i a gscherte Molln!“ schrie sie mit überschnappender Stimme: „Dös konnst ma büaßn, du Gwaff, du zahnluckerts!“ Und im Nu hatte sie die betrunkene Rivalin bei den Haaren gefaßt und schlug mit der andern Hand wütend auf sie ein, bis sie von der Übermacht der Maurerweiber zurückgedrängt wurde. Die also gedemütigte Königin aber wankte aus der Stube in den Hof, wo sie unter Zuhilfenahme einer großen Schale schwarzen Kaffees sich all ihres Zornes und wohl auch ihrer Liebe entledigte; denn sie erschien danach wieder munter im Lokal und rief: „So, jatz san ma g’sund! Jatz trink ma aufn Bauherrn a Maßl!“

Mein Vater war bei dem Vorgang wieder ganz bleich geworden und fürchtete eine Rauferei; doch zur Ehre dieser einfachen Leute sei’s gesagt, daß es zu nichts kam. Sie blieben sitzen bis zum Morgengrauen und gaben noch allerhand lustige Stücklein zum besten.

Fröhlich ging ein jeder heim oder ließ sich von der getreuen Hausfrau führen; alle hatten den Verspruch des Bauherrn, daß sie in etlichen Tagen wieder Arbeit bekämen. Doch dieser Neubau war in einer andern Stadtgegend, so daß unser Lokal etwas stiller ward wie bisher, obgleich noch die am dritten Bau Beschäftigten, sowie alle übrigen Arbeiter und Gäste dasselbe täglich füllten.

Inzwischen war ich eine ganz stattliche Dirn geworden und betrachtete gar manches Mal mein Spiegelbild mit Befriedigung und geheimem Wohlgefallen. Meine Mutter hatte mir für den Sommer eigene Wirtschaftskleider aus feinem, blauen Mousseline anfertigen lassen, und da ich selbst viel auf einen guten Anzug hielt, hatte ich bei der Schneiderin Matrosenform mit weißen Batistkrägen und kurzen Ärmeln bestellt. Dazu trug ich weiße Spitzenschürzen, darüber eine weite Leinenschürze zur Küchenarbeit und um den Hals eine Kette aus Korallen. Mein reiches, blondes Haar hatte ich zierlich geflochten und als Krone aufgesteckt; in die Stirn hingen ein paar natürlich aussehende, wirre Löckchen, die ich jedoch jeden Abend mittels einer Haarnadel kunstvoll wickelte. Außerdem trug ich nur Lackschuhe; denn mein Stiefvater besorgte mir deren alle Vierteljahr ein Paar bei einem alten Schuhmacher, dem Revolutionsschuster, so genannt, weil er als übereifriger Anhänger des Anarchismus alle Tage aufs neue für die allernächste Zeit den Ausbruch der grimmigen Revolution und eines Bürgerkrieges prophezeite, so daß ich glaube, der Vater kaufte die vielen Schuhe nur, um zu verhindern, daß die Revolution in seinem Lokale ausbräche.

Doch hätte mein Vater dies nicht so zu befürchten gehabt wie den Ausbruch eines Freierkrieges; denn meine muntere, geschäftige Natur in Verbindung mit der lockenden Aussicht auf eine ansehnliche Mitgift hatte nicht nur die Herzen etlicher junger Bürgerssöhne betört, sondern auch bei ein paar betagteren Leuten einiges Unheil angerichtet.

Da war erstlich ein etwa fünfundzwanzigjähriger, bildsauberer Drechsler aus Traunstein, der Ehrenthaler Franzl; der hätte sich gern eine recht liebe, häusliche Meisterin in mir geholt, da er einmal seines Vaters Geschäft übernehmen sollte. Er gefiel mir, und ich hätte ihm wohl gut sein können; doch war er noch nichts, hatte auch nichts und war nicht recht gesund, weshalb ich ihm eine Bürgerstochter aus der Nachbarschaft empfahl. Dann war ein alter Briefträger, der Barmbichler Xaver, dem das Stiegensteigen nicht mehr recht gefiel und den auch das Zipperlein schon in allen Gliedern zwickte; der wollte sich jetzt pensionieren lassen und dann mit mir und meinem Heiratsgut ein beschauliches Leben führen, auf das ich aber verzichtete und mir einen andern Bewerber, den etwa vierundzwanzigjährigen Bräumeisterssohn Aloys Kapfer etwas genauer ansah. Da fand ich, daß er trank, viel trank, auch hoch spielte und keine Nacht vor zwei Uhr nach Hause ging; und obschon mir sein zierliches Ponyfuhrwerk, mit dem er oft bei uns vorfuhr, sowie die dreihundert braunen Scheine, die er mir als Brautgabe zugedacht hatte, sehr wohl gefielen, dachte ich doch, daß schon gar mancher sein Hab und Gut vertrunken und verspielt hätte und gab ihm einen Korb und meinte, es sei besser, mich um einen einfachen Handwerksmeister umzuschauen. Der war auch da in Gestalt eines dreißigjährigen Schlossermeisters aus meinem Heimatdorf; es war der Schwaiger Lenz, ein Vetter vom Schlosserflorian. Er hatte vor einem Vierteljahr seine Frau verloren und wollte mich als sein riegelsames Weib und als liebe Mutter für seine verwaisten drei Kinder heimholen. Da ich mich jedoch wegen der drei Kinder lange nicht entschließen konnte und immer wieder um Bedenkzeit bat, holte er sich endlich eine Fabrikantenstochter, die ihm schon lange zugeblinzelt hatte. Nun trat dessen Nachbar, der Schneidermeisterssohn Kaspar Zintl, mehr ins Licht und meinte, er wolle mit mir nach Paris und London reisen, wenn ich seine Frau würde und wolle mir die ganze weite Welt zeigen. Ich dachte aber, wir würden nicht weit kommen mit dem Gelde, das er besaß, und überlegte, ob ich ihm das meine noch dazugeben solle. Konnte mich aber nicht dazu entschließen und bedachte lieber den Antrag des Prucker Toni, eines stattlichen Hausbesitzerssohnes aus der Nachbarschaft, der es trotz seiner jungen Jahre schon bis zum Eisenbahnexpeditor gebracht hatte. Da er aber ebenso grob als energisch war und nicht einmal seine Eltern achtete, fürchtete ich, nichts zu gewinnen, wenn ich das Haus meiner Mutter mit dem seinen vertauschte. Da gefiel mir der sanfte und allzeit zuvorkommende dreißigjährige Hausbesitzer Hans Wipplinger, der sich leidenschaftlich um meine Hand bewarb, schon besser. Böse Nachbarn aber wußten zu berichten, daß er in großen Geldnöten sei und mit meinem Heiratsgut wohl die dritte Hypothek seines Anwesens heimzahlen wolle.

Als der bereits sechzigjährige Realitätenbesitzer und Tändler Simon Lampl hörte, daß ich diesen Antrag ausgeschlagen hatte, erschien er eines Tages in einem altmodischen, grünschillernden Gehrock und Zylinderhut, um den Hals eine riesige, ehedem weiße Binde und im Knopfloch die Ehrenzeichen des Feldzuges von 1870 und hielt feierlich um meine Hand an, indem er mir seine sämtlichen Besitztümer: vier vierstöckige Häuser mit Rückgebäuden und gut vermieteten Läden, zwei Bauplätze bei Planegg, die gutgehende Tändlerei, die seit siebenunddreißig Jahren bestehe und jährlich ihre zwei bis dreitausend Mark abwerfe, sowie hundertvierzigtausend Mark bares Geld, dessen Zins er verzehren dürfe, aufzählte und mir die denkbar beste Behandlung zusicherte. Doch lehnte ich seine Werbung höflich, aber entschieden ab, da er mir einerseits doch nicht mehr jung genug schien, anderseits aber trotz seines Reichtums als ein großer Geizhals verrufen war.

Aufgemuntert durch meine abschlägige Antwort auf den Antrag dieses Alten wagte noch am selben Abend der blutjunge Hafnermeister Edmund Sack, dem kurz nacheinander Vater und Mutter gestorben waren, mir in einem anschaulichen Brief Herz und Hand anzubieten; doch kannte ich ihn viel zu wenig, um ihm meine Zukunft anzuvertrauen, und dann hatte ich eine ausgesprochene Abneigung gegen diese Loahmpatzer, die Ofensetzer. Da war das edle Handwerk der Bäcker doch appetitlicher, und ich hörte ganz erbaut auf die salbungsvollen Worte des achtundfünfzigjährigen Feinbäckers und Melbers Kanisius Dumler, mit denen er mich zur Herrin über sein Haus und seine Guglhopfe und Zuckerbretzln erkiesen wollte. Er war schon seit zehn Jahren Witwer und bekleidete die ehrenvollen Posten eines Armenrates, Kirchenbaurates, Distriktsvorstehers und Rechnungsführers bei einem Kriegerverein. Auch war er einer von den Auserwählten unseres Pfarrers und durfte bei allen Prozessionen den Himmel tragen. Sein kleines Haus war schuldenfrei, und das gute Geschäft, dem jetzt seine Schwester vorstand, sicherte ihm ein behagliches Leben. Doch besaß er einen schon zwanzigjährigen Sohn, der eben seine Militärzeit als Freiwilliger abdiente. Dieser Sohn aber, der Ferdl, ein fescher Bursch und großer Tunichtgut, war nun die Ursache, daß ich dem Alten meine Hand versagte; denn ich sah den Jungen nicht ungern. Von seiner Ausgelassenheit und den übermütigen Streichen, die man ihm nachsagte, konnte ich nichts bemerken; vielmehr war er immer der bescheidenste unter meinen Freiern geblieben. Stundenlang saß er da und starrte mich wortlos und wie in Verzückung an, trank dabei seine zwölf bis fünfzehn Glas Bier und schien außer mir nichts mehr zu hören und zu sehen. Ja, er übersah und überhörte regelmäßig die Stunde, da er in der Kaserne hätte eintreffen sollen; und so kam es, daß er eine Arreststrafe um die andere meinethalben abzubüßen hatte. Schließlich bekam er eine ganze Woche Mittelarrest zudiktiert, und während er in der Kaserne brummte, fuhr eines Abends, da ich eben in der Schenke beschäftigt war, vor unserm Hause ein Wagen vor, dem ein sehr sorgfältig gekleideter junger Mann, mit einem großen Strauß Veilchen in der Hand, entstieg. Er trat in die Wirtsküche, und ehe ich mich noch von meinem Erstaunen erholt hatte, hörte ich schon die Mutter in die Gaststube rufen: „Josef, geh, komm a bißl raus!“ worauf die drei eifrig miteinander verhandelten.

Nach einer Weile kam der Vater zu mir in die Schenke und sagte unter öfterem Räuspern: „Was i sagn will, Leni, der Hasler Benno is draußn und hat g’sagt, daß er di heiratn möcht; du sollst dein Ausspruch toa, wiast g’sonna bist. Jatz, vo mir aus ko’st es macha wiast magst; i red dir nix ei und rat dir net ab!“

Ich zählte noch die eben begonnene Rolle Geldes fertig, rechnete mit der Kellnerin ab und schenkte noch etliche Glas Bier ein, mich sorglich zusammennehmend, daß die Hand nicht zittere oder sonst eine Bewegung über mich Herr würde. Dann ging ich, ohne dem Vater zu antworten, in die Küche, wo der stattliche Bewerber sich sehr lebhaft mit der Mutter unterhielt. Als er mich sah, sprang er von seinem Sitz, einem rohen, blankgescheuerten Holzstuhl, auf, reichte mir die Hand und begann: „Liabs Fräuln Leni, ich hab Sie lang beobacht und hab g’funden, daß bloß Sie mi glücklich machen können. Wenn’s Ihnen also recht ist, heiraten wir; Ihre Eltern haben mich nicht abgewiesen.“

Da ich nichts darauf erwiderte, fuhr er fort, indem er mir den Strauß gab: „Ich mein’s ehrlich mit Ihnen, Fräuln Leni; ich hab’s nicht nötig, nach Geld zu schauen, ich heirat aus Liebe. Nehmen S’ halt meine Lieb auch freundlich an, wie die Blümerl und sagen S’ ja!“

Bei diesen letzten Worten hatte er mich wieder an der Hand gefaßt und sah mich bittend an; dennoch antwortete ich zögernd und leise nur: „I will ma’s überlegn; dös ko ma net so auf’n Augenblick sagn, ob ma oan gern habn ko oder net!“

„Ja, bedenken Sie’s noch, liebs Lenerl; Sie brauchn’s nicht zu bereuen! Ich bin der einzige Sohn, erb einmal das Haus mitsamt dem ganzen Holzg’schäft und vorläufig hab ich mein gutes Einkommen als Prokurist des alten, feinen Hauses Protus Stuhlberger. Wenn Sie sich b’sonnen haben und einschlagen wollen in mei Hand, so können wir bald Hochzeit machen!“

Meine Mutter hatte schon während der Rede des Freiers wiederholt das Taschentuch an die Augen gedrückt und sich umständlich geschneuzt; jetzt aber zog sie mich laut aufschluchzend an ihre Brust und rief aus: „So a Glück, ha, so a Glück! I gunn dir’s von Herzn Deandl; bist ja so a richtigs und ordentlichs Madl und konnst’n glückli macha, den liabn Herrn Hasler!“

Dann schob sie mich von sich und drückte mich ganz fest an die Schulter des freudig Überraschten, der sofort die Arme ausbreitete und mich zärtlich umfing. Dann bedankte er sich noch mit wohlgesetzten Worten bei der Mutter und trat danach in die Gaststube, die Verlobung bei einer Flasche Wein zu feiern.

Unterdessen hatten sich mehrere Leute an der Küchentür angesammelt, die sich nach vorhandenen Abendspeisen erkundigen wollten, in der Erregung des bedeutungsvollen Augenblicks aber ganz übersehen worden waren. Diese Menschen waren die ersten, die mein bevorstehendes Glück inne wurden.

„Was ma no z’essen ham, Frau Kugler? — naa, so a Glück hat dös Madl! — ja so, a Schnitzl, a Kottlett, a bachens Hirn, — und nach Liab kon er heiratn; Geld hat er selber gnua! — a guats Kalbszüngerl hab i aa no, Frau Kugler!“ so ging der Redestrom über die Lippen meiner hocherfreuten Mutter.

Ich aber tat meine Arbeit wie zuvor und dachte bloß, ob ich wohl ein seidenes Brautkleid kriegen würde.

Als dann in der Küche nichts mehr zu tun war, durfte ich mich auch an den Tisch zu meinem Hochzeiter setzen, und nun sprachen wir ausführlich über die Bekanntgabe der Verlobung, über meine Aussteuer und über die Zeit, wann wir heiraten wollten. Ich sagte zu allem ja, und auch meinem Vater gefielen die Vorschläge seines zukünftigen Schwiegersohnes ganz wohl. Nur als dieser wissen wollte, wie hoch die Brautgabe für mich ausfallen würde, da räusperte er sich wieder verlegen und meinte dann: „Da muaß d’Muatter aa dabei sei, wenn ma d’Geldangelegenheit bereden,“ und er ging hinaus in die Küche. Doch die Mutter war schon zu Bett gegangen und hatte nur durch die Küchenmagd sagen lassen, sie hätte Kopfweh. Also blieb die Geldfrage noch unbeantwortet.

Wir saßen noch bis ein Uhr beisammen, und als mich jetzt der Benno ganz leise an der Hand faßte und mich mit seinen von Wein und Liebe glänzenden Augen selig anblickte und nochmals fragte: „Kannst mi a ganz kloans Bröckerl gern haben, Lenerl?“ kam er mir auf einmal recht schön und liebenswert vor und alle meine Bedenken schwanden, und ich sagte lachend, nachdem ich rasch ein Glas Wein hinuntergestürzt hatte: „Ja, ja! I wer dei Frau und mag di!“ und besiegelte das Versprechen später noch unter der Haustür, da ich ihn hinausgeleitete, mit einem laut schallenden Kuß, worüber der Benno so beglückt war, daß er beim Fortgehen noch ganz verklärt hinter sich sah und auf den Randstein nicht achtete, so daß er auf ein Haar zu Fall gekommen wäre. Ich aber schlug rasch die Türe zu und mußte beim Zusperren laut auflachen über dies Mißgeschick.

Doch dachte ich in der Nacht nicht weiter mehr über das Erlebte nach, sondern schlief ganz ruhig; und als am andern Tag durch einige Ratschkathln die Sache in allen Milch- und Kramerläden herumgetragen worden war und nun eine nach der andern kam, mir zu gratulieren, da erschien mir diese Wichtigkeit so lächerlich, daß ich am End ganz wild wurde und keiner mehr eine Antwort gab.

Am Vormittag nun kam der Dumler Ferdl. Er hatte für seinen Hauptmann etwas besorgen müssen und wollte mir nun rasch einen Gruß bringen; denn ihm waren die acht Tage Arrest gar lang geworden.

Mit langen Schritten trat er in die Gaststube, und da er mich nicht sah, stürmte er in die Küche und rief: „Guat Morgn, Zirngibimuatterl! Wo is’s Lenerl?“

Ich stand wie angenagelt in dem kleinen, dunklen Speiskammerl und gab keinen Laut von mir, so erschrak ich. Die Mutter aber begann mit großem Pathos und feierlicher Miene, den Münchner Dialekt mühsam zu einem zierlichen Schriftdeutsch drechselnd: „Ja, was, der Herr Ferdl! Mei Leni möchtn S’? ... Is s’ net da, mei Leni? ... Setzn S’ Eahna doch a wengerl, Herr Ferdl! I muaß Eahna nämlich leider die freudige Mitteilung machen, Herr Ferdl, daß sich mei Leni gestern mit’n Herrn Hasler Benno verlobt hat!“ Und in überschwenglichem Ton fuhr sie fort: „Ja, ja, a bravs, rechtschaffens Bürgersmadl sucht a jeder! Aber es is ihr zum gunna! Geltn’s, Herr Ferdl, Sie gunna’s ihr aa!“

Aber der Herr Ferdl hörte schon längst nicht mehr. Er war bei der Mitteilung, daß ich mich verlobt habe, aufgesprungen, hatte im Gastzimmer hastig sein Glas Bier auf einen Zug geleert, der Kellnerin ein Zwanzgerl hingeworfen und war auf und davon gegangen.

Ganz baff sah ihm die Mutter nach und begriff lange nicht, warum er so rasch fortgelaufen war. Nun trat ich aus der Speis; da rief mir die Mutter zu: „Da bist ja! Warum gehst denn net zuawa? Jatz is er davo, weilst net komma bist!“

„Naa, naa, Muatta! Deswegn is er net fort,“ rief ich nun eilig; „dem hockt er halt, weil er mi net kriagt hat; er hätt mi ja gern g’heirat!“

„Der Rotzlöffi! Is kaam trucka hinter die Ohrn!“ antwortete die Mutter und ging in die Gaststube, kam aber sogleich wieder zurück und hielt einen Brief in der Hand: „Da schau her; der Hasler ladt uns ei für heut auf d’Nacht in Löwenbräukeller. Der Peuppus halt sein Abschied. Vo mir aus konnst scho hingeh; i geh net mit.“

Damit gab sie mir den Brief, den ich hocherfreut durchlas und dann die Mutter lange bat, sie solle doch mitgehn. Endlich sagte sie zu.

Nun mußte ich der Küchenmagd noch alles zeigen und ihr für den Abend die nötigen Weisungen geben. Ich tat dies am Nachmittag und versicherte mich ihrer Gewissenhaftigkeit durch ein gutes, heimliches Trinkgeld.

Also machten wir uns gegen Abend für das Konzert und den Hochzeiter zurecht. Die Mutter ließ es sich nicht nehmen, ihr Schwarzseidenes aus dem unergründlichen Eichenschrank zu holen und goß eine Menge Patschouli hinein, um den aufdringlichen Kampfergeruch ein wenig zu übertäuben. Dazu legte sie schwere goldene Armspangen und eine Menge Ringe an, tat eine massive Goldkette um den Hals und steckte die feine Uhr mit der altmodischen Kette zwischen die funkelnden Glasknöpflein der nach Art der Schneiderkleider ganz glatt gearbeiteten Taille. Danach setzte sie ein kleines, mit einem reichen Stutzreiher versehenes Kapothütchen auf, nahm den kostbaren Spitzenschal aus der Kommode und legte ihn um die Schulter.

Also geschmückt trat sie nochmals vor den alten, vergoldeten Spiegel des Schlafzimmers und besah sich. Da erblickte sie durch denselben mich in meinem einfachen, blauen Tuchkleid und rief: „A so willst vor dein Hochzeiter hinsteh? Was fallt dir denn ei! Daß er moana kannt, mir warn Bettlleut!“

Und eilig öffnete sie ihre Schmuckschatulle und behing mich mit einer köstlichen Halskette aus Granaten und Perlen, tat mir statt meiner kleinen Korallen schwere Perlgehänge in die Ohren und legte mir ein breites, protziges Armband an. Dann nahm sie einen alten Siegelring aus einem vergilbten Plüschkästlein, steckte ihn an und gab mir dafür ein mit Türkisen und Perlen besetztes Ringlein, das ihr mein seliger Vater einst geschenkt hatte.

„Den kannst glei b’haltn,“ meinte sie, „an dem liegt mir nix.“

Ich sagte ihr vielen Dank für das Geschenk; denn es war das Einzige, was von dem so furchtbar ums Leben Gekommenen noch vorhanden war. Ich hielt das Ringlein hoch in Ehren und habe es nachmals, als das Schicksal mir in meiner Ehe mein ganzes Hab und Gut nahm, unserer lieben Frau im Herzogspital auf den Altar gelegt; denn ich hätte es nicht über mich gebracht, es gleich den andern Kostbarkeiten dahingehen zu lassen.

In diesem reichen Aufputz begaben wir uns alsdann nach der Küche, wo der sehr gewählt gekleidete Freier schon mit einem prächtigen Strauß roter Rosen uns erwartete.

Als wir eintraten, sprang er von seinem Sitz auf und küßte der Mutter erst galant die Hand; dann gab er ihr die Blumen mit einer tiefen Verbeugung: „Nehmen S’ die Rosen als Dank, daß Sie mir heut die Ehr geben, mitzukommen, werte Frau Mutter!“ Hierauf begrüßte er mich mit einem flüchtigen Kuß ans Ohr, worüber ich mich höchlich verwunderte, da ich dergleichen weder in Geschichten gelesen, noch je selbst erlebt hatte. Dann zog er ein weißseidenes Schächtelchen aus der Westentasche und übergab es mir mit den Worten: „Heut feiern wir Verlobung, und da g’hört sich’s, daß ich der Braut was schenk.“

Erwartungsvoll öffnete ich das zierliche Kästlein; da blitzte mir ein herrlicher Brillantring entgegen. Da ich dergleichen auch noch nicht erlebt hatte, besann ich mich, was ich nun tun oder sagen sollte. Zum Glück fiel mir die Stelle eines Romans ein, an der so etwas vorkam, und ich machte es wie die Heldin des Buches: ich errötete, sah verwirrt zu Boden und flüsterte verliebt: „Ah, wie herzig!“ doch in meine gewöhnliche, natürliche Art verfallend fuhr ich fort: „Woaßt, Benno, so viel Geld hättst aber net ausgebn solln. Da werd si d’Muatta schö o’strenga müassn, daß s’ dir dös wieder ersetzt!“

Aber da kam ich schön an bei der Mutter.

„Dös war no dös besser!“ rief sie mit funkelnden Augen. „Moanst, i hab net scho lang g’sorgt, daß d’dein Breitigam a anständigs G’schenk gebn konnst! Hier, Herr Hasler, is Eahna Verlobungsring; i hoff, daß i net schlecht ei’kaaft hab beim Thomaß!“

Und damit zog sie aus der Rocktasche ein rotes Plüschetui und entnahm demselben einen recht ansehnlichen Solitär; den gab sie mir, indem sie mit vor Rührung bebender Stimme sagte: „Da, Leni, steck’n dein Herrn Breitigam o; hoffentli paßt er eahm!“

Obgleich mir diese ganze Szene wie eine Komödie vorkam, tat ich doch der Mutter ihren Willen und steckte meinem Verlobten den protzenhaften Ring an den kleinen Finger, an den er gerade paßte. Dann tat ich auch meinen Brautring aus dem Schächtelchen und schmückte damit meine rechte Hand.

Nachdem wir noch rasch einige Worte mit dem Vater gewechselt hatten, gingen wir. Doch an der nächsten Hausecke stand schon ein Wagen bereit, und der Benno hieß uns einsteigen, worauf wir nach den festlich geschmückten Räumen des Löwenbräukellers fuhren.

Während des von einer schier zahllosen Menge besuchten Konzerts kam ich nur wenig dazu, mich mit meinem Verlobten zu unterhalten; denn meine Mutter schwatzte ihm so viel vor von meinen allseitigen Vorzügen und guten Eigenschaften, daß er vor Freude über meine Tugenden ganz auf mich selber vergaß. Ich saß einsam auf meinem Platz an der Wand und betrachtete abwechselnd mein Brautringlein und das meines Vaters, oder ich ließ die Augen über die lärmende Menge gleiten und besah mir die vielen verliebten Mägdlein und ihre Herren, meist Unteroffiziere und Soldaten in den verschiedensten Uniformen, bis mich endlich die Mutter mit den Worten: „So, Leni, jetzt gehn ma!“ aus meinen Träumen aufschreckte.

Wieder nahm der Benno eine Droschke, und in rasselnder Fahrt ging’s nach Hause.

Daheim mußten wir uns noch zu ihm an den Tisch setzen, und bald klangen die Champagnergläser und ertönte das glockenhelle Lachen der Mutter. Der Vater war an diesem Abend auch sehr aufgeräumt und gab alle möglichen Schnurren zum besten, wobei der vor Glück strahlende Hochzeiter ihn eifrig unterstützte und an lustigen Einfällen fast übertraf.

Ehe wir uns trennten, wurde noch ausgemacht, daß ich am andern Tag den Eltern meines Bräutigams vorgestellt werden sollte, und die Mutter bat ihn, er möge daheim sagen, daß sie sich schon sehr auf einen Besuch der geschätzten Familie freue.

 

Mit nicht geringer Angst sah ich dieser Vorstellung entgegen und hatte eine schlaflose Nacht. Doch verlief das Ganze, wenn auch ziemlich zeremoniell, so doch recht gut, und es kam mir vor, als wollte eins das andere überbieten an Zuvorkommenheit und herzlicher Freundschaft.

Der Vater meines Hochzeiters, ein noch sehr rüstiger, hochgewachsener Mann von etwa sechzig Jahren, führte mich erst in die altmodische Wohnstube, die mich mit ihren sauberen Kattunbezügen über den behaglichen Polstermöbeln und den vergilbten Stichen an den mit einer großblumigen, verschossenen Tapete bekleideten Wänden und den freundlich blühenden Geranien am Fenster sogleich anheimelte. Die Mutter aber meinte, für einen so liebwerten Gast müsse man schon die gute Stube aufsperren und lief dann eilig in die Küche, um nach dem Kaffee zu schauen.

Sie war ein kleines, zusammengeschrumpftes Weiblein mit glattgescheiteltem Haar über der runzligen Stirn. Aus dem gelblichen, furchigen Gesichtlein blickten ein paar wasserhelle Augen forschend umher, und die rauhen, schwieligen Hände erzählten von rastloser Arbeit, deren Segen man überall in Haus und Geschäft wahrnehmen konnte.

Während die Frau Hasler geräuschvoll in der Küche herumhantierte, sorgte der Hausvater für die Unterhaltung, und ich ward nun inne, daß den eigentlichen Grundstein zu dem Reichtum und gediegenen Ruf der Familie die kleine Frau durch ihre Herkunft sowohl, als auch durch das ansehnliche Kapital, das sie dem Mann in die Ehe gebracht, gelegt hatte. Sie entstammte einer schon seit länger denn einem Jahrhundert allerorts als ehrsam und lauter bekannten Alt-Münchner Kaufmannsfamilie und hatte als vierundzwanzigjährige Jungfrau dem als Schreiner im Elternhaus tätigen, eben aus dem Feldzug zurückgekehrten Burschen ihre Hand gegeben, unbekümmert darum, daß er nur der Sohn einer dürftigen, alten Hebamme aus einem kleinen Dorf im Schwabenland war und außer einem Paar nerviger Fäuste und der Tapferkeitsmedaille nichts in die Ehe einbrachte.

Und sie hatte es nicht zu bereuen gehabt, daß sie dem heftigen Widerstand ihrer stolzen Eltern zum Trotz den stattlichen, dunkellockigen Hannes heiratete; denn er war ein heller Kopf und hatte schon als Kind seine zehn Geschwister sowohl an Klugheit, wie auch an Geschicklichkeit übertroffen. Sein Vater war schon in jungen Jahren zum Bürgermeister seines Orts gewählt worden, da er eine sehr rechtliche, gerade Natur und von männiglich geschätzt war. Doch hatte der sonst so fürtreffliche Mann einen einzigen Fehler: er trank. Das wurde ihm und der ganzen Familie zum Verhängnis; denn der Unglückliche ward von seiner unseligen Leidenschaft bald so weit gebracht, daß ihm kein Branntwein mehr genügte und er nicht nur alle Balsam- und Painexpellergläser leerte, sondern am Ende noch zum Petroleumkruge griff und Hofmannstropfen flaschenweise trank. Es dauerte nicht lange, so verlor er Amt und Würden und endete zuletzt als kaum vierzigjähriger Mann elendiglich in einem Schweinestall, darin er schon seit Monden hausen mußte, da er in seinem Rausche alles zerschlug und zerstörte, was ihm unter die Hände kam. Damals war der Hannes gerade zwölf Jahre alt geworden, und es hieß nun hinaus in die Welt und selber schauen, wie das Brot am besten für den Hunger ging. Also machte er sich mit vieren seiner Geschwister auf und zog mit ihnen gen München, wo ein jedes bald Arbeit fand. Die Mutter hatte zum guten Glück schon während ihrer traurigen Ehe sich im Ort ein sicheres, wenn auch beschwerliches Fortkommen geschaffen: sie war Kindlesfrau, so hieß man die Hebammen, geworden. Noch mit ihrem vollendeten neunzigsten Jahr hat sie ihrer bedeutend jüngeren Kollegin gar manche schwere Geburt abgenommen, und es kam nicht selten vor, daß ein Bauer stundenweit fuhr und die alte, halbblinde Haslermutter holte, während in seinem Orte irgendeine tüchtige, junge Hebamme das Nachsehen hatte.

Indes der Hausvater mich also unterhielt und allmählich immer mehr in Wärme geraten war, kam die Frau wieder zu uns herein und bat uns in die gute Stube zum Kaffee. Sie hatte sich inzwischen in Staat geworfen und prangte in einem altmodischen Gewand aus starrer, violetter Seide, das bei jeder Bewegung bald rötlich, bald grau schimmerte und dessen Jacke mit vielen Rüschen und langen Schößen geziert war.

Mein Verlobter hatte sich für diesen Nachmittag von seinem Herrn Urlaub erbeten und kam nun gerade recht nach Hause, den Kaffee mit uns zu trinken. Er nahm meinen Arm und führte mich in die Ehrenstube, deren Möbel alle aus Kirschbaumholz gefertigt und mit dunklen Ornamenten eingelegt waren. Die ganze Einrichtung stammte noch von den Eltern der Frau Hasler, wie der Benno mir berichtete. Auf dem sauber gedeckten Tisch standen zierliche Tassen und Kannen, deren eine jede in einem bunt gemalten Kranz die goldene Inschrift trug: Lebe glücklich!

Wir tranken nun vergnüglich Kaffee, und mein Verlobter sprach viel von meinen guten Eigenschaften, von seiner schönen Stellung, seiner gediegenen Herkunft und von baldigem, sicheren Eheglück. Dann brachte er mich wieder nach Hause, nachdem ich mir noch das Versprechen der beiden alten Leute hatte geben lassen, daß sie uns am folgenden Sonntagnachmittag mit ihrem Besuch beehren würden.

Dies taten sie auch. Pünktlich um die angegebene Stunde fuhr ein Fiaker am Hause vor und heraus sprang mein Hochzeiter und half seinen Eltern beim Aussteigen.

Ich hatte schon vormittags genaue Weisung von der Mutter erhalten, wie ich sie zu empfangen hätte: also eilte ich geschwind von der Wirtsküche auf die Straße, reichte jedem die Hand und sagte: „Guten Tag, Frau Mutter und guten Tag, Herr Vater! Grüß Gott, Herr Benno! Die Mutter hält’s für a große Ehr, daß S’ uns die Freud machen und a Tass’ Kaffee bei uns trinkn. Bitt schön, kommen S’ nur glei mit ’rauf in d’Wohnung, d’Mutter is scho drobn!“

Und nun führte ich alle drei nach der im ersten Stockwerk gelegenen, für den hohen Besuch frisch gestöberten und geschmückten Wohnung, wo die Mutter in ihrem nobelsten Aufputz aufgeregt durch alle Zimmer lief und bald ein Deckerl anders legte, bald ein Stäubchen wischte oder umständlich ihr Spiegelbild betrachtete.

Als sie uns kommen hörte, ging sie mit steifer Würde auf die beiden Alten zu, reichte ihnen mit ausgesucht höflicher Verbeugung die Hand und sagte: „Herr Hasler, Frau Hasler, dös freut mi! Derf i vorausgeh? Kommen S’ nur ’rei in Salon und nehman S’ Platz! ... Herr Benno, mögn S’ net auf’n Divan hintre mit der Leni!“ Und geschäftig rückte sie den Tisch zur Seite und bot jedem seinen Platz an; dann trat sie unter die Tür und rief: „Rosl, an Kaffee ’rei! Nehman S’ dö silberne Plattn zum Kuchn!“

Während sich nun eine lebhafte Unterhaltung über die gleichgültigsten Dinge entspann, betrachtete bald der Vater, bald die Mutter meines Verlobten die protzige Einrichtung des Salons und sie wechselten von Zeit zu Zeit verstohlen Blicke der Befriedigung; und als die Augen des Alten auf das Klavier fielen, fragte er, wer darauf spiele. Die Mutter sagte stolz: „Mei’ Leni kann’s; i hab’s ihr lerna lassn, daß s’amal ihren Mann unterhaltn ko. Geh, Leni, spiel deine zukünftign Schwiegereltern oan auf! Vielleicht an Bienenhausmarsch oder ’s Glühwürmchenidyll, oder was die Herrschaften sonst gern hörn!“

Ich setzte mich an das Instrument und spielte etliche Stücke, wie sie mir gerade einfielen. Da ging die Tür auf und herein kam der Vater, begrüßte die Familie Hasler und sagte: „I hab der Kathi g’sagt, sie soll dö paar Halbe Bier hergebn, die jatz gehn, daß i aa a bisl raufschaugn ko zu dö Herrschaftn ... No, wia steht’s werte Befinden? — Scheene Tag hama allweil jatz. — Warn S’ scho auswärts heuer? — Bei dem warma Weeder macht a jeda a G’schäft vo dö auswärtign Wirt. — Hast no an Kaffee, Muatta?“

Damit setzte er sich und begann von dem zu reden, was bis dahin ein jedes wie auf Verabredung vermieden hatte, von unserer bevorstehenden Heirat.

„Dös hat si ganz unverhofft g’schickt!“ meinte er, zu dem alten Hasler gewendet. „Mir ham’s glei gar net glaabn könna, daß ma d’Leni wirkli scho herlassn solln.“

„Ja, dös is wahr;“ fiel ihm die Mutter ins Wort, „so geht’s zua in der Welt! Will ma selber no net zu dö Alten g’hörn, derweil hat ma scho heiratsfähige Kinder!“

„Oho!“ rief da der Benno. „Jetzt möcht gar d’Frau Zirngibl aa schon vom Alter redn und schaut aus, wie a eiserne Venus, so g’sund und so sauber. Der Zirngiblvater kann stolz sei auf so a Frau!“

Geschmeichelt lächelte die Mutter, und auch der Vater hörte diese Lobrede wohlgefällig an. Die alten Haslerleute aber warfen ihrem Sohn halb ärgerliche, halb verlegene Blicke zu, und es entstand eine kleine Pause, die ich rasch benützte, den Benno zu mir an ein kleines Tischlein zu ziehen, wo ich meine Erinnerungen und Andenken aus der Klosterzeit aus einem kleinen Kästlein kramte. Dabei fielen meinem Verlobten etliche Briefe und Karten auf, die sämtlich die Adresse trugen: An die Jungfrau Magdalena Christ, Kandidatin bei den Josefschwestern zu Bärenberg.

Auf seine Frage, ob die Briefe einer Freundin gehörten, erwiderte ich ihm: „Naa, naa! Dös san lauter Briaf an mi!“

Erstaunt sah er mich an, und auch am Tisch wurde man aufmerksam, so daß ich mich an die Mutter wandte: „Denkn S’ Eahna, Mutter, der Benno woaß net amal mein rechtn Namen!“

Mit hochrotem Kopf saß die Mutter da, und Zorn und Verlegenheit kämpften sichtbar auf ihrem Gesicht, während sie zögernd sagte: „Ja, mei lieber Gott! Dös wissen dö wenigsten Leut, was für a Unglück mi scho in meine jungen Jahr troffn hat; dös erzählt ma net so mir nix, dir nix an jeden, der daher kommt!“

Sie konnte nicht mehr weiter reden; ein heftiges Schluchzen erschütterte ihren Körper, während sie von Zeit zu Zeit einen wütenden Blick zu mir hinüberwarf. Die Familie Hasler aber saß starr und stumm da und blickte fragend von einem zum andern.

Da ergriff der Vater rasch das Wort und sagte: „Da brauchst net z’woana, Muatta; deswegn is dir aa no koa Perl aus da Kro’ g’falln. Und was d’Erziehung und dös ander betrifft, hat si no nie nix g’feit. A jeder ko froh sei, wann er so a Madl zum Heiratn kriagt!“

Erst jetzt begriffen die Haslerischen den Sachverhalt, und die Frau rief mit kläglicher Stimme: „Ja, was is denn net dös! Na is also d’Leni gar net von Eahna, Herr Zirngibl?“

„Naa. Der Leni ihra Vata is damals bei dem großen Schiffsunglück, wo dö englischn Hund den scheena Dampfer Cimbria a so o’gfahrn ham, daß’n glei da Deixl g’holt hat und d’Leut allsam dasuffa san, aa dabei g’wen. Der hat sein Ruah! Und da hab halt i d’Muatta g’heirat.“

Schweigend hatten alle zugehört, und endlich begann der alte Hasler: „No ja; in Gott’s Nam’! Sell isch au di g’fährlichscht Sünd no nit, daß e so e saubre Frau amal was Kloins kriagt! Im übrige ischt’s mir ja ganz gleich, ob’s Mädle lediger Weis’ isch dag’wesa oder von der Eh; d’Hauptsach isch halt, daß sie e aaschtändige Mitgift ei’bringt!“

Jetzt hatte sich auch die Mutter wieder erholt und schilderte nun in beweglichen Worten, wie sie mich ausstatten wolle und daß sie jederzeit da wäre, wenn’s einmal drauf ankäme. Der Vater aber sagte kurz: „Zwegn der Mitgift braucht koa Hochzeiter a Sorg z’habn. D’Leni hat bei dreiß’gtausend Mark Muatterguat und vo ihran Vatern achtausend Mark ausg’machts Geld auf der Bank. Und wenn amal d’Not an sie kam, na war allweil i aa no da; vorläufig kann i ihr allerdings vo mir no nix gebn; dös steckt alls im G’schäft drin.“

Während dieser Rede war die Wolke, die unheildrohend auf der Stirn der alten Haslerin gestanden, von ihr gewichen und das sonnigste Lächeln lag auf ihrem Gesicht. Auch der Herr Hasler rieb sich vergnüglich die Daumenballen und sagte bloß: „Scheen, guat, isch ja sehr aagenehm!“

Der Benno aber, der zuvor, als meine Abkunft an den Tag kam, sich auf einen von mir ziemlich entfernten Stuhl gesetzt hatte, kam jetzt mit zärtlicher Miene auf mich zu und sagte, indem er mich um die Hüfte nahm, leise: „Du glaabst gar net, Lenerl, wie gern i di hab!“

Und in heiteren Gesprächen verfloß die Zeit, bis die Mutter um fünf Uhr zum Vater sagte: „Josef, jatz werd’s Zeit ins G’schäft!“

Da brachen die Haslerischen auch auf und empfahlen sich mit großer Höflichkeit.

Nun war ich also Bennos Braut und lebte im übrigen wie zuvor.

Die Hochzeit war auf den Herbst festgesetzt worden, und der Benno eilte mit viel Fleiß von Amt zu Amt, um die zur Heirat notwendigen Schriftstücke zusammenzubringen. Der alte Hasler kündigte einer schon lange Jahre in seinem Haus wohnenden alten Jungfer die Wohnung und ließ viel Arbeitsleute kommen. Die Wände wurden tapeziert, die Böden frisch lackiert; in die Küche kam ein neuer Herd und in die Kammer daneben ein Bad. Die Frau Hasler stand bei größter Sommerhitze auf der Altane und füllte Kissen und Betten mit Flaum und zeigte den Nachbarn die Größe der mütterlichen Liebe, die nicht bloß zusieht, wie das Kind, das nun dem Nest entflogen, sich in der neuen Lebenslage zurechtfindet, sondern die in Beherzigung des Wortes „Wer sich gut bettet, liegt gut“ sorglich ihr Teil dazu beiträgt, daß dessen Lebensbett ein lindes werde.

Mein Vater ließ den Schreiner kommen und bestellte die Möbel, nachdem er sich die für uns bestimmte Wohnung angesehen hatte. Alles sollte altdeutsch werden, und die Schränke sollten Spiegel haben und ein jedes Stück noch einen Muschelaufsatz. Der alte Tapezierer Fünffler mußte für die Polster sorgen und den Divan samt den Stühlen nebst einem kleinen Kanapee anfertigen.

Die Mutter aber lief zum Nachbar Glaser und erstand das Neueste an buntem Porzellan, an irdenem Geschirr und Gläsern.

Dann kam der Tag, an dem sie ging, das Brautkleid einzukaufen. Da mußte ich zur alten Haslerin und diese bitten, daß sie uns die Liebe tät und mitginge, den Stoff zu kaufen, was sie mir versprach.

Also machten sie sich auf den Weg, eine jede starrend in Seide und blitzend im Schmuck der Nadeln, Ringe und Spangen, die an Glanz wetteiferten mit den langen Perlenfransen der Mantillen und Kapothütchen.

Erst spät abends kamen sie heim, und ich vernahm, daß nun alles eingekauft sei, dessen ich als Braut bedürfe, um zu glänzen. Ich erschrak beinahe, als ich von der Mutter hörte, daß mein Brautkleid von Seide wäre und der Zeug allein schon mehr denn hundertfünfzig Mark gekostet hätte. Ich vergaß darüber ganz und gar den Dank, so daß die Mutter sehr entrüstet ward und rief: „Woaßt net, was si g’hört, du Hackstock? Gibt ma so viel Geld aus für dös G’stell und kriagt net amal an Dankschö’ dafür!“

Da kam ich erst wieder ein wenig zu mir und sagte halblaut: „Dank schö, Mutter, so was hätt’s net braucht.“

„So, dös hätt’s net braucht! Moanst vielleicht, i laß mi lumpn und oschaugn von dö Haslerischen? Hab’s scho g’sehgn, wie s’ d’Letschn hat hänga lassn, weil i z’erscht g’moant hab, a Schlepp war net notwendi; aber jatz hab i so viel kaaft, daß d’an meterlanga Schwoaf hint nachiziagst!“

Ich wußte nicht viel darauf zu antworten und empfand im Grunde wenig Freude über den Prunk, in den man mich stecken wollte. Als ich jedoch nachher das schwere, glänzende Gewebe sah, regte sich meine Eitelkeit doch, und ich dachte, wie die in der Nachbarschaft wohl schauen würden, wenn sie mich in dieser Pracht erblickten. Ich trug den Stoff alsbald zur Nähterin, die mir einen Arm voll Modeblätter mit nach Hause gab zur Durchsicht, damit wir wählten, was uns gefiele. Ich suchte mir ein sehr einfaches Bild zum Muster aus und bat die Mutter, sie möchte das Gewand nach diesem machen lassen, was sie mir zusagte.

So waren die Tage der Brautzeit immer mehr ihrem Ende zugegangen, und es war nun an uns, zum Pfarrer zu gehen, das Stuhlfest zu feiern.

Also meldete mein Verlobter an einem Oktobersonntag nach dem Gottesdienst in der Sakristei unserer Pfarrkirche dem alten einäugigen Meßner, daß wir am nächsten Tage zum Herrn Pfarrer kämen, damit er uns in allem unterweise, was für den Stand der christlichen Ehe von Nutz und Frommen sei.

Hand in Hand schritten wir denn andern Tags gegen elf Uhr mit klopfendem Herzen durch die Straßen und zögernd stiegen wir im Pfarrhause die breite Treppe hinauf zur Tür, hinter der ein wirres Durcheinander von Kinderstimmen zu hören war. Im gleichen Augenblick stürmten etwa zehn Schulkinder jubelnd und lärmend aus der Wohnung und schwangen im Triumph bunte Heiligenbilder, die sie gewiß als Lohn für gute Antworten in der Religionslehre erhalten hatten. Hinter ihnen erschien lächelnd der noch ziemlich junge Pfarrer und mahnte: „Kinder, tut’s schö stad sei; pfüat euch Gott und tut si koans derfalln! So, pfüat Gott, so!“

Da erblickte er uns: „So, so! ... Grüß Gott, Leutln! ... So, geht’s nur glei da rei; so ... Ja, jetz san ma also da, so ... So, sitzt’s euch nur glei da her, so!“

Und sorglich führte er uns zu einer Fensternische, die eigens zu dem Zweck, der uns hingeführt, gemacht schien. Ein kleiner Sammetdivan stand in der Ecke, darauf wir Platz nahmen; vor uns ein Tischlein, auf dem nichts als ein kleines Buch lag. Davor stand ein bequemer Armstuhl, der für den Priester bestimmt war.

Da saßen wir nun mit seltsam bewegtem Gemüt. Ein leichter Duft von Weihrauch umgab uns; die Sonne schimmerte durch die großen Glasbilder, die an den Fenstern hingen, und ließ die reichen Blumenstöcke bald in bläulichem, bald rotem Licht erglänzen. Auch zu dem blassen Herrgott, der an einem hohen Kruzifix aus schwarzem Holze hing, huschte einer von den roten Strahlen und gab dem Gottessohn ein Kleines seiner Wärme und beinahe einen Hauch von Leben.

Stumm blickte ich bald auf den Pfarrer, bald auf die lebensgroße Statue des Jesukindes, die zwischen Blumen und Kerzen in einer Ecke stand. Dann schielte ich verstohlen hin zum Benno: der saß etwas gebeugt und Tränen rannen ihm über sein Gesicht.

Nun begann der Priester seine Lehre: erst gab er uns den Segen, dann führte er uns im Geist zurück zu den ersten Menschen, zur ersten Ehe im Paradiese; hierauf gab er uns alle jene Mahnungen und guten Lehren, deren junge Eheleute bedürfen. Vor allem aber bat er uns, die Tage vor der Trauung nichts zu tun, was gegen Sittsamkeit verstoße, und in der Ehe Gottes Segen nicht durch Anwendung von irgendwelchen Schutzmitteln freventlich zu hemmen oder zu vermindern; denn das sei ja der Kern der Ehe, daß die Welt durch sie bevölkert bleibe. Nach diesen Unterweisungen fragte er den Benno: „Also, Herr Hasler, nachher kannt ma am Sonntag scho zum erstenmal verkünden, so, und nachher setz’ ma glei die Trauung fest. Wie moanatn S’, Herr Hasler, wenn ma den zwoatn Deanstag im November nahm?“

Mein Hochzeiter, der während der Ansprache des Herrn Pfarrers wiederholt in Schluchzen ausgebrochen war, trocknete nun seine Tränen und erwiderte: „Jawohl, Herr Hochwürden; am zweiten Dienstag im November is uns scho recht. Aber i möcht halt bitten um a g’sungene Mess’ und daß uns halt der hochwürdige Herr Pfarrer d’Liab tät, selber die Trauung z’machen. Es wär halt a recht große Ehr für uns, und auch der Vater moant, es wär viel feierlicher, wenn der Herr Hochwürden d’Traumess’ haltet.“

Der Pfarrer sagte ihm dies zu, und nachdem er uns noch aufgetragen hatte, den Tag vor der Hochzeit eine Lebensbeichte abzulegen und am Hochzeitsmorgen noch die Kommunion zu empfangen, gab er uns den Segen und geleitete uns dann bis zur Gangtür.

Wie von einer großen Last befreit, atmete ich auf, als wir draußen waren, und übermütig sprang ich die Stiegen hinab und auf die Straße. Der Benno aber war sehr ernst und schüttelte den Kopf, als er meine Ausgelassenheit sah, und während ich mit tänzelnden Schritten und lebhaftem Geplauder dahineilte, schritt er beinahe bedrückt neben mir her und sah mich schweigend an. Da schob ich lachend meinen Arm in den seinen und rief: „Juhu, g’heirat werd! Da derf i mit der Scheesn fahrn und hab an Schlepp und a seidens G’wand, juhu!“

 

Etwa eine Woche vor dem Hochzeitstage kamen die Handwerksleute und meldeten, daß sie mit allem, was ihnen aufgetragen worden, fertig seien.

Also mußten nun die Möbel in die für uns bereitete Wohnung gebracht werden, und ich erbat mir deshalb von der Mutter die Erlaubnis, etliche Tage vom Geschäft wegbleiben zu dürfen. Da stieß ich zum erstenmal seit langem wieder auf heftigen Widerstand, und die Mutter begann zu fluchen und zu schelten und machte mir die gröbsten Vorwürfe, daß ich jetzt, wo ich endlich etwas taugte, heiratete.

„Und i leid’s einfach net, daß d’gehst! Dös war dös rechte! I kannt mi dahoam darenna vor lauter Arbat und dö gnädi Fräuln laafat furt und tat d’Wohnung eirichtn. Sag’s nur dö Haslerischen! Dö ham mehra Zeit wie mir; dö solln si um d’Wohnung kümmern! I muaß alles zahln, drum verlang i aa, daß d’dafür arbatst!“

Ratlos schlich ich davon und besorgte, es möchte der Tag meiner Hochzeit kommen und ich hätte nichts gerichtet, worin wir wohnen und schlafen könnten. In meiner Not ging ich zum Vater und bat ihn um seine Fürbitte, und nun konnte ich wenigstens für einen Tag Urlaub bekommen.

Ich ging also in aller Früh schon fort und trat bei der Familie Hasler eben in dem Augenblick in die Stube, als der Benno seinen Hut vom Nagel nahm und in das Geschäft wollte. Als ich berichtete, wie schwer ich von zu Hause fortgekommen sei, meinte er: „Da muß i glei dahoam bleibn, daß ma heut no ferti wer’n; i möcht net habn, daß dei Mutter harb werd.“

Also blieb er bei mir, und wir begannen sogleich unsere Arbeit. Erst stellten wir alles das auf, was in die Schlafstube gehörte, wobei wir beinahe in Streit gekommen wären, da der Benno haben wollte, wir sollten die beiden Betten zusammenrücken, ich sie aber gern getrennt gehabt hätte. Doch gab ich endlich nach, nachdem mich mein Verlobter auf die Worte des Pfarrers: „Das Weib muß dem Mann gehorchen“ hingewiesen hatte.

Gegen Mittag hatten wir ein Zimmer fertig, und ich wollte nun nach Hause gehen zum Essen; doch gaben die alten Haslerleute keine Ruhe, bis ich blieb.

Nachmittags räumten wir dann die Wohnstube ein; doch kamen wir zu keinem Ende, da ein jedes die Dinge nach seinem Kopf gestellt haben wollte. Daher ließ ich den Benno bei seiner Arbeit allein und ging in die Küche, wo Geschirr und Bilder, Möbel und Nippsachen, Spiegel und Stellagen bunt durcheinander standen und lagen.

Nach wenig Stunden wurde es dunkel, und ich war noch nicht einmal zur Hälfte fertig mit meiner Arbeit. Da kam mit einemmal eine große Traurigkeit über mich, und ich setzte mich in einer Ecke auf einen kleinen Hocker und begann zu weinen. Die Unordnung ringsum bedrückte mich, und alles kam mir so fremd und unwirtlich vor und ich empfand plötzlich eine große Furcht vor dem Heiraten.

Währenddem war es ganz finster geworden, und ich stand auf und ging in die Stube, wo ich den Benno gelassen hatte. Da war sie leer. Ich ging in das Schlafzimmer, doch auch da fand ich ihn nicht. Nun wollte ich hinuntergehen zu den Eltern Bennos; da fand ich die Wohnungstür verschlossen und war also eingesperrt. Ratlos stand ich da und wußte nicht, was ich beginnen sollte. Es fiel mir nicht ein, daß ich ja nur ein Fenster zu öffnen brauchte und auf die Straße zu rufen; vielmehr ging ich wieder zurück in die Schlafstube, legte mich auf ein Bett und weinte bitterlich. Da hörte ich aufsperren, und es kam der alte Hasler mit einem Licht und wollte sich unser Werk beschauen. Er erschrak gar sehr, als er mich so trostlos hier fand, und ich erfuhr nun, daß der Benno geglaubt hatte, ich sei im Zorn fortgelaufen, und er hatte deshalb gar nicht weiter nach mir gesehen.

Als ich daher mit dem alten Hasler eine Weile später drunten in die Wohnstube trat, war große Freude über den guten Ausgang dieser Geschichte.

Spät abends brachte der Benno mich nachhause und bat die Mutter, sie möge mich doch noch einen oder zwei Tage fort lassen.

Mit süßsauerem Lächeln erwiderte sie: „Ja, ja, sie kann scho geh vo mir aus; jatz muß i mi alleweil scho dro g’wöhna, ohne Hilf z’sei. Dös is scho was alt’s, daß d’Kinder, wann s’ oan gnua kost’ ham, davolaafn und heiratn!“

Wir bedankten uns für die Erlaubnis, und am andern Morgen machte ich mich wieder auf den Weg, ohne vorher etwas zu essen. Als ich daher von der Frau Hasler zum Kaffee geladen wurde, nahm ich dies gern an, sagte aber, daß ich mittags heim ginge; denn ich befürchtete, es möchte ihr zu viel werden.

Der Benno war schon in aller Früh zu seinem Herrn ins Geschäft gegangen, ihn um Urlaub zu bitten, bis wir eingerichtet wären. Nun kam er, und wir begannen wieder unsere Arbeit. Es ging uns jetzt alles gut von statten, da ich zu müde war, um noch länger zu streiten, und mir vorgenommen hatte, nach der Hochzeit doch alles so zu richten, wie es mir gefiel.

Am Mittag wollte ich dann heimgehen, vorher aber gab es noch ein kleines Unglück.

Mein Hochzeiter war über unsere Arbeit so erfreut, daß er mich mit einem Male um die Hüften faßte, mit mir in der Stube herumtanzte und am Ende mich in die Höhe hob und auf den Divan fallen ließ. Ich hatte schon während des Aufhebens heftig gezappelt und kugelte nun beim Fallen vom Divan herab und gerade hinein in einen schönen, großen Spiegel, den ich kurz zuvor darangelehnt hatte. Er ging in Scherben, und es kostete mich nicht geringe Mühe, aus dem Rahmen, in dem ich saß, herauszukommen. Die Holzwand war durchgebrochen und die beiden goldenen Amoretten, welche den Rahmen zierten, standen nun auf meinem Rücken und hielten mit Anmut das goldene Wappen. Der Benno war erst wie erstarrt; als ich aber unter großem Jammer begann, mich von der unbequemen Einrahmung zu befreien, brach er in so lautes Gelächter aus, daß ich in heftigsten Zorn geriet und schwur, ich würde ihm den ganzen Spiegel an den Kopf werfen, wenn ich nur erst heraußen wär. Zum Glück hatte ich keine Verletzung davongetragen, und als mir der Benno herausgeholfen hatte und sich nun selbst hineinsetzte, um mir das komische Bild zu zeigen, da mußte auch ich lachen. Die alte Haslermutter freilich war sehr erschrocken, als sie’s vernahm, und prophezeite uns, daß wir nun sieben Jahre kein Glück hätten, worüber ich wieder hellauf lachen mußte. Ob nicht doch ein Körnlein Wahrheit in dem Worte lag?

Mein Verlobter begleitete mich heim und trat gleich in das Gastzimmer, um rasch ein Glas Bier zu trinken; ich aber ging in die Küche. Als ich die Mutter grüßte, dankte sie mir nicht und fragte nur: „Was willst?“

Ich sagte, daß ich zwar zum Essen geladen worden wäre, es aber ausgeschlagen hätte. Da schrie sie: „Also was z’essen möchst! Sonst fallt dir nix ei! Dös war no dös schönere; an ganzn Tag rum z’vagiern und dahoam ’s Essen z’verlangn! Nix da! Wannst net bei mir arbatst, hast aa nix z’fordern von mir. Laß di nur von dö Haslerischen fuattern!“

Ich gab ihr keine Antwort mehr darauf, sondern lief in die Gaststube und sagte mit vor Erregung heiserer Stimme zum Benno: „Komm, gehn ma! Rasch!“

Auf der Straße erst erzählte ich dem aufs höchste Erstaunten und Erbitterten den Vorfall.

Als wir nachher bei seinen Eltern zu Tisch saßen und ihnen berichtet hatten, wie es mir ergangen, da meinte der alte Hasler: „So was isch aber do scho ganz aus dr Weis’! Da mögscht ja glei e Narr wera! Was ha i dr g’sagt, Benno; da hascht es jetzt. I ha’s ja allweil g’sagt: e Mädla aus’m Gaschtlokal isch e Stückle vom a Saustall! Jetzt ka’scht luadrige Tag grad gnua kriege. Am brävschte wär’s halt, wenn d’heut auf d’Nacht hi’fahrn tätsch’ und alls rückgängig mache!“

Da sprang der Benno auf und schrie überlaut: „So! Was fallt dir denn ei, Vater! Was kann denn ’s Madl dafür, daß s’ so a narrische Muatta hat! Naa, so viel Ehrenmann bin i allweil no, daß i woaß, was si g’hört! I heirat, und geht’s wie’s mag!“

Nun mischte sich auch die alte Mutter in das Gespräch: „Gar so unrecht kann i ja der Frau Zirngibl net gebn, Vater; du mußt allweil bedenkn, daß d’Leni ledi is!“

„Ja, ledig, dies isch scho recht; aber ’s Fressa braucht ma au em ledige Kind it vorz’werfe!“ ...