XX.
Der Judenbrühl.
Wenn auch der Leipziger Brühl zum Theil jetzt noch ein lebhaftes Verkehrsleben und in seinem östlichen Theile eine vorwiegend orientalisch-israelitische Färbung zeigt, so hält die Jetztzeit doch nicht im Geringsten bezüglich dieses israelitischen Charakters des Brühls einen Vergleich mit der Zeit vor fünfzig Jahren und länger aus. Die schroffen Gegensätze zwischen Christen- und Judenthum sind wesentlich mildere geworden. Die Zeiten, in denen außerhalb der Messen den Juden der Handel, ja selbst der Aufenthalt in Sachsen untersagt oder wenigstens sehr erschwert war, sind längst einer milderen Gesetzgebung gewichen. Die Messen sind in ihrem riesigen Verkehr aller Völker unter einander ungeheuer zurückgegangen, der früher freie jüdische Meßhandel in allen Straßen der Stadt ist eingeschränkt worden, und so ist es kein Wunder, daß auch der alte frühere Judenbrühl, der früher allein eine hervorragende Sehenswürdigkeit Leipzigs zur Meßzeit bildete, den Charakter als Mittelpunct des specifisch jüdischen Handelsverkehrs längst verloren hat. Früher theilte man unsern Leipziger Brühl in drei Theile. Der westliche, von der Hain- bis zur Katharinenstraße, hieß der obere, der mittlere, von Katharinen- bis Nicolaistraße, der Herrenbrühl und der untere östliche Theil, bis zum damaligen Georgenhause, hieß der Judenbrühl. Zur Meßzeit aber wurde der ganze Brühl in der Regel »Judenbrühl« genannt. Der Brühl sah damals noch etwas anders aus als jetzt. Er bildete an seinem östlichen Ende, also nach der jetzigen Goethestraße zu, eine Art Sack-Gasse, welche auf der einen Seite das alte finstere Georgenhaus, ein altes burgähnliches Gebäude und rings umgeben von hohen Mauern, abschloß. Das Georgenhaus sprang ziemlich weit in die Straße hervor; über seinem Thore sah man die Legende des weiland Ritter Georg, wie derselbe einen Lindwurm fein säuberlich aufspießt, in Stein gehauen. Das Georgenhaus selbst bildete früher einen hervorragenden Theil von Leipzigs Befestigungen; zur damaligen Zeit aber war es Arbeitshaus. Man erzählte damals, daß hier in jenen stillen Räumen der Stock gar namhafte Erziehungs- und Besserungsresultate geliefert habe. Außer diesem Erziehungsinstitut befand sich im Georgenhaus noch das städtische Waisenhaus und die damals nur primitiven Anstalten zur Aufnahme Blöder und Irrer.
Als die Eisenbahnen im Entstehen waren, gab es unter den jüdischen regelmäßigen Meßbesuchern solche, welche mit Ausnahme ihrer in Leipzig zu den Messen verlebten Zeit fast die ganze übrige Zeit auf der steten Reise von und nach Leipzig begriffen waren. Denn da diese Handelsjuden den Grundsatz hatten, möglichst billig zu reisen, so kam es bei ihnen weniger darauf an, daß dies auch möglichst schnell geschah. Die Gelegenheiten, die sie deshalb theilweise benutzten, um von und nach Leipzig zu kommen, waren denn auch sehr verschieden, oft originelle. So kannte ich einen alten Juden aus Russisch-Polen, der länger als 30 Jahre seine Reise zur Neujahrsmesse nach Leipzig thatsächlich auf der Pritsche des Schlittens eines besser situirten Glaubensgenossen gemacht hatte. Wenn man bedenkt, daß der Schlitten in Eis und Schnee, Sturm und oft bedeutender Kälte Wochen zu seiner Tour bedurfte, und daß die Lebensweise des Pritschenfahrers dabei in der Regel eine sehr spärliche war, kann man eine solche Leistung wohl als eine hervorragende betrachten. Andere Juden kamen mit gewöhnlichen Frachtwagen, sie warfen ihr bescheidenes Reisebündel auf dieselben und liefen bergan nebenher, bergab saßen sie hinten auf. Es war schon eine Art Aristokratie der Judenschaft, welche sich dazu verstieg, in Gemeinschaft einen mit elenden Brettersitzen ausgestatteten gewöhnlichen Leiterwagen zu nehmen, der dann mit Menschen aufs Aeußerste vollgepfropft wurde. Den höchsten Adel aber bildeten diejenigen, welche sich bis zu einem gemeinschaftlichen, altersschwachen Omnibus aufgeschwungen hatten, bei welchem dann sogar die äußeren Wagentritte je einen zahlenden Passagier aufnehmen mußten.
So kamen sie an — jeden Donnerstag vor der Vorwoche einer jeden Messe, und auf dem Plauenschen Platz, vor dem damaligen alten Leihhause, wo jetzt die Pferdebahnwartehalle an Tscharmann’s Hause steht, da lud der glückliche Fuhrmann, meist selbst ein polnischer Jude, seine glänzenden Passagiere ab. Glänzend in des Wortes verwegenster Bedeutung, denn die langen bis zu den Füßen reichenden Kaftane, wie die langen Schafpelze und die runden Käpsel, die gerollten langen Haarlocken, Prösen genannt, die scharf gezeichneten Gesichter und die listig blickenden Augen — Alles glänzte — erstere vor Fett und Schmutz, letztere von der Hoffnung auf »ä faines Geschäftche!«
Und die außer den Messen meist leeren Räume der Hinterhäuser des Judenbrühls füllten sich. — In einer einzigen Stube, oft nur auf Strohsäcken und Decken als Lagerstätte, »logirten« oft zehn und mehr dieser erwerbsbeflissenen Kinder Israels, und kaum war der Montagmorgen der ersten Meßwoche angebrochen, so stürzten sich alle mit Todesverachtung ins Geschäft, und der melodische Ruf der Handelsjuden tönte durch alle Straßen unseres guten Leipzigs. Die sparsamen Hausfrauen Leipzigs kramten in allerlei abgelegten Sachen, legten nicht mehr repräsentations- und nicht mehr die Reparatur vertragende Kleider- und Wäschestücke, zu eng gewordene Westen des gutgepflegten Ehegatten, Beinkleider mit den unmöglichsten Defecten, verbogenes Zinn- und Kupferzeug, sorgsam zu diesem Zwecke aufgesparte Hüte und was nur noch einigermaßen verwerthbar erschien, auf einen Haufen zusammen, dabei beflissen, jeden Gegenstand in ein möglichst günstiges Licht zu stellen, und erwarteten nun ihren alten Bekannten aus Polen mit klopfendem Herzen. Sie wußten, Veilchen Rosenduft kaufte zwar Alles, was nur überhaupt noch verwerthbar erschien, aber — er war auch zäh, zäh wie Hosenleder, und unglaubliche Zungenschlachten, bei denen von Seiten der zarten Frauen nicht immer salonfähige Worte fielen, die aber Veilchen Rosenduft, jeder Zoll ein Grande Seigneur, stets mit größter Honigsüße vergalt, wurden geschlagen, bis Veilchen den Sieg behielt und die erbeutete Trophäe in Gestalt eines Hosenpaares etc. seinem Museum derartiger Sachen einverleibte.
Seine intime Freundschaft mit Bruder Studio haben wir bereits geschildert, und so beschränken wir uns darauf, zu constatiren, daß auf diese Weise durch die sich innerhalb vier voller Meßwochen riesig anhäufenden Massen von alten und ältesten Kleidern die ohnehin aufs Aeußerste beschränkten Logis der Kinder Israel allmälig so vollgepfropft wurden, daß ein Anderer als diese Leute es für eine blasse Unmöglichkeit erklärt haben würde, in denselben auch nur eine Stunde zuzubringen. Die glücklichen Bewohner aber schienen sich sehr wohl dabei zu befinden. Nun entwickelte sich aber auf dem Judenbrühl der Handel der Trödeljuden wieder unter sich um die den Leipzigern erst abgekauften Sachen. Hier war vom lebensmüden, bis zur Entstellung mit Beulen versehenen Cylinder bis zum hocheleganten, wenn auch etwas verblaßten seidenen Schuh der Prima Ballerina und vom zinnernen Löffel mit verbogenem Griff bis zum schweren silbernen Eßbesteck und gigantischen Armleuchter Alles zu sehen, was nur überhaupt transportabel war. — Es fanden sich auch Käufer aus der Bürgerschaft bis zum Gelehrten, der auf irgend ein altes hierher verschlagenes seltenes Buch bot; ein allgemeines Handeln, Feilschen, Schachern vom frühen Morgen bis in die sinkende Nacht entwickelte sich auf diesem Theile des Judenbrühls. Die meisten der eingekauften alten Sachen gingen nach Rußland und Polen, wo dieselben entweder gereinigt und reparirt ihrer ursprünglichen Bestimmung aufs Neue wieder zurückgegeben oder zu allen nur möglichen andern Sachen umgearbeitet wurden. — Wie der verbogene Kupferkessel als goldglänzender preußischer Dreier vielleicht dieselben Hände wieder passirte, die ihn gefertigt und als unbrauchbares Möbel verschleudert hatten, so erschienen hunderterlei Gegenstände auf der nächsten Messe wieder in totaler Umgestaltung, und nichts gab es für den Trödeljuden, das nicht wenigstens zu Etwas gut gewesen wäre. So konnte es beispielsweise vorkommen, daß der frühere glückliche Besitzer einer defekt gewordenen Hose, welche er froh war einem Juden »aufgehalst« zu haben, nächste Messe auf dem Brühl eine Anzahl in den verschiedensten Façons schwungvoll gearbeiteter Mützen, an dem besonderen Stoffmuster, als aus den Beständen seine frühere Hose deutlich wiedererkannte; und der Häringsbändiger, dessen Locken jetzt eine solche Mütze bedeckte, ahnte nicht, daß gerade ihre Bestandtheile früher das Hintertheil der Hose seines erbittertsten Nebenbuhlers in der Gunst irgend einer Schönen gebildet hatte.
So gab es kein Haus der Stadt, in welches nicht wenigstens einer oder der andere der Handelsjuden eingedrungen wäre, und überall sah man den stets demüthigen und bescheidenen Mann gern, so daß Viele, als dieser Hausirhandel verboten wurde, die alten Geschäftsfreunde sehr vermißten.
Dabei war es oft rührend und erhebend, auch für Andersgläubige, mit anzusehen, mit welcher Strenge gerade diese alten, oft so schmierigen Juden, trotz ihrer Sucht, um jeden Preis Geschäfte zu machen, ihre religiösen Feste feierten und streng die für dieselben vorgeschriebenen Satzungen hielten.
Wie bekannt, fallen gerade in die Hauptzeit der Michaelismesse die höchsten Festtage der Israeliten.
Zuerst das Neujahrsfest mit seinem zweiten Tage, dann das Versöhnungsfest, das Laubhüttenfest und dessen zweiter Tag, dann das Fest Laubhüttenende und zuletzt das Fest Gesetzesfreude.
Da sah man, was man sonst nie sah, auch den Aermsten und Unscheinbarsten der Juden die Geschäfte vollständig ruhen lassen und nicht blos die besten Kleider hervorsuchen, sondern — — in weißer Wäsche erscheinen. Privatsynagogen mit zum Theil theuren Eintrittspreisen wurden eröffnet. Auf dem damals ebenfalls noch nach der Promenade zu abgeschlossenen Eselsplatz (jetzt Ritterplatz) und in vielen Höfen der Ritterstraße und des Brühls erstanden die Laubhütten, und ungeachtet des öfteren Zudranges Andersgläubiger und deren nicht immer tactvollen Benehmens verrichteten die strenggläubigen Juden hier ihre Gebete. Manchem, der herzugekommen war, sich lustig zu machen, erstarb angesichts der Glaubenstreue und ruhigen Ausübung ihrer Religionsgebräuche das lose Wort auf der Zunge. — — — Wer nun aber, sowohl aus der Sparsamkeit, wie aus dem übrigen Benehmen dieser Handelsjuden etwa geschlossen haben würde, daß dieselben alle arm oder mittellos gewesen wären, der würde sich sehr getäuscht haben und erstaunt gewesen sein, wenn er erfahren hätte, daß viele dieser Leute mit Tausenden von Thalern in ihren schmierigen Brieftaschen hierher nach Leipzig zur Messe kamen und außerdem oft noch über bedeutende Credite bei den hiesigen Bankiers verfügten.
Durch das Zuchthaus- oder, wie es eigentlich hieß, das Georgenpförtchen gelangte man an eine steinerne Treppe, welche auf den Wall der früheren Stadtbefestigungen führte. Hier stand auf der rechten Seite bis an das Grimmaische Thor eine Reihe ganz gleicher einstöckiger Häuschen — genau wie von der Magazingasse bis zum Petersthor. Nur ein sehr schmaler Pfad zog sich vor den Häuschen, Peters- und Grimmaischer Zwinger genannt, hin, auf der andern Seite fiel der Stadtgraben, damals schon durch den Schwanenteich hier beim Brühl verdrängt, steil hinab.
Dem Georgenhaus gegenüber stand die alte, mit einem an der Ecke der Ritterstraße vorspringenden Thurm versehene Heuwaage. Auch die unteren Theile der Ritter- und Nicolaistraße waren zur Meßzeit fast durchgängig Massenquartiere von Handelsjuden.
Die meist noch im alterthümlichen Kreuzbogenstile gebauten Gewölbe, sämmtliche Höfe und alle Straßen steckten voll Verkäufer und zwar dominirte zwischen Nicolai- und Katharinenstraße die noch jetzt bedeutende Rauchwaarenbranche, von dort an kamen die Manufactur-, Seiden- und Weißwaaren, und im oberen Brühl, mit der Leinwandhalle, dominirte die Leinenbranche. Auch Buden waren auf dem Brühl aufgestellt, und das Gewühl war zur Meßzeit oft geradezu lebensgefährlich. Am Ende des Brühls gen Westen, da wo jetzt die Tuchhalle steht, stand bis Mitte der vierziger Jahre ein lebhaft frequentirter Gasthof mit Ausspannung, »die goldene Gans«. Der Besitzer derselben hieß Peter und wurde daher von Jedermann »Gänsepeter« genannt.
Das melodische »Nix zu handeln« des polnischen Trödeljuden tönt schon längst nicht mehr durch Leipzigs Straßen — auch der Trödeljude ist vornehm und sässig geworden, die öffentlichen Laubhütten zur Michaelismesse sind verschwunden — verschwunden das alte Meßtreiben auf dem Judenbrühl und der Stadt überhaupt, wie lange wird’s noch dauern und die ganze Leipziger Messe wird, wie der alte Judenbrühl, zur Mythe?