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Erinnerungen eines alten Leipzigers

Chapter 38: Schwarz — Roth — Gold.
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About This Book

A series of humorous, nostalgic sketches recalls life in Leipzig during a period of rapid social and urban change, contrasting older civic customs and streetscapes with emerging industrial and institutional developments. Short, self-contained vignettes describe vanished architecture, market scenes, municipal routines, and the oddities of tax collection, combining affectionate reminiscence with light satire. The narrator mixes detailed local observation with reflections on commerce, education, and public order, and occasional illustrations accompany comic episodes and social commentary to create an episodic chronicle of the city’s recent past.

XXXI.
Das 3. deutsche Turnfest zu Leipzig vom 2. bis 6. August 1863.

Vom Rathhausdurchgang links ist in der Mauer unsres altehrwürdigen Rathhauses eine einfache Steinplatte in die Wand gelassen, welche die ebenso einfache Inschrift »Zur Erinnerung an das 3. deutsche Turnfest zu Leipzig vom 2.-6. August 1863« trägt und welche der Stadt Leipzig von der gesammten deutschen Turnerschaft als Dank für ihre Gastfreundschaft in jenen Tagen, als dies bis jetzt unübertroffene, erhabendste und großartigste aller wahrhaft deutschen Feste stattfand, gewidmet worden ist. Viele Tausende gehen täglich gleichgiltig an jener einfachen Gedenktafel vorüber, ohne auf sie zu achten oder allenfalls flüchtig den Blick über dieselbe gleiten zu lassen; noch andere lächeln beim Lesen der Inschrift fast mitleidig — »1863 — ach das ist ja lange her — eine längst vergessene Zeit — Kindereien damals — politische Spielereien — da lobe ich mir doch das stolze Siegesdenkmal — — —.« Aber es bleibt doch auch zuweilen einer oder der andere hier stehen, denen man allerdings ansieht, daß er im Herbst oder im Winter des Lebens steht, sinnend betrachtet auch er die unscheinbare Tafel und auch er lächelt; aber dieses Lächeln verklärt sein alterndes Angesicht und noch lange, während er weiter dahinschreitet, gedenkt er jenes größten und deutschesten aller Feste, jener herrlichen Tage voll glühender Begeisterung, in denen die Bewohner Leipzigs und der Umgegend vom Palast bis zur kleinsten und ärmlichsten Behausung gleichsam aufgingen in dem Bestreben, eine Gastfreundschaft und eine so herzlich warme Theilnahme am ganzen Fest zu bieten, wie dieselbe in der Geschichte aller früheren oder späteren deutsch-nationalen Feste nie wieder geboten und nie wieder erreicht worden ist.

Schon zum 1. deutschen Turnfest zu Coburg 1860 hatten sich, freudig empfangen von Fürst und Land daselbst, einige Tausende deutscher Turner zusammengefunden, und als 1861 das 2. deutsche Turnfest in Berlin stattfand, stieg die Anzahl derselben auf etwa 4000. In Berlin wurde nun zunächst Nürnberg zur Feier des 3. dieser Feste für 1863 ins Auge gefaßt, allein man entschied sich schließlich für das besser im Centralpunkt von Deutschland liegende Leipzig und die durchaus national und hochpatriotisch gesinnten Oberhäupter der Stadt, der unvergeßliche Oberbürgermeister Dr. Koch und der ebenso patriotische Polizeidirektor Dr. Rüder nahmen die Entscheidung für Leipzig freudig und mit opferwilliger Begeisterung auf. Wir haben im vorstehenden Artikel die damalige politische Lage, wenn auch nur flüchtig geschildert. Die starre Reaktion der fünfziger Jahre hatte nachgelassen und das deutsche Volk drängte zur Klärung der politischen Lage, aber noch immer mußte sich die Presse an vielen Orten Zügel anlegen, noch immer gab es Regierungen, welche die sich mehr und mehr entfaltende Volksbewegung mißtrauisch betrachteten — da tönte der Ruf des Comités der deutschen Turnerschaft durch ganz Deutschland und bis in die entferntesten Winkel des Landes begann ein Rüsten und Organisiren, um diesem Rufe in ungeahnter Weise Folge zu leisten. Was nützte es Dänemark, daß es seinen Schleswig-Holstein’schen Turnern geradezu verbot nach Leipzig zu gehen? Zu Hunderten — als Geschäfts- und als Vergnügungsreisende, als Handwerksburschen, angeblich für die Wanderschaft ausgerüstet, gingen diese Turner und mit ihnen Hunderte Anderer über die Grenze, die Fahnentücher wurden in Ränzel verpackt und erst jenseits der Grenze fand man sich zusammen, um in Leipzig auch die Schleswig-Holstein’schen Fahnen, freilich mit dem Trauerflor beschattet, vor den übrigen deutschen Brüdern zu entrollen.

Indeß rüstete sich die Feststadt in wahrhaft großartiger Weise zur würdigsten Begehung des Festes. Hochherzig, alle kleinlichen Bedenken bei Seite schlagend, bewilligten Rath und Polizeidirektion das Anerbieten der Turnerfeuerwehr, ihr allein den gesammten Festpolizeidienst anzuvertrauen, und so geschah das für jene Zeiten doppelt unmöglich Gehaltene, Unerwartete, daß zu einem Feste, welches eine volle Woche dauerte und an welchem Hunderttausende sich in Leipzig zusammenfanden, kein uniformirter Polizist oder Gendarm zu sehen war. Das Wort König August des Gerechten von Sachsen »Vertrauen erweckt Vertrauen« bewährte sich denn auch hier im glänzendsten Maaße, denn die Behörden hatten in keiner Weise ihr Vertrauen zum deutschen Volk zu bereuen, auch nicht der geringste Mißklang störte die allgemeine Harmonie, trotz der tausendfach verschiednen Zusammensetzung der theilnehmenden Elemente.

Wie bereits bemerkt, hatte Leipzig Anfangs an Nürnberg, dessen Gastlichkeit erst kurz vorher beim Sängerfeste sich so glänzend bewährt hatte, eine gefährliche Nebenbuhlerin. Da beschlossen, ehe noch der Turnverein selbst über seine Stellung zur Festfeier mit sich einig war, die Stadtverordneten am 18. September 1861 eine Zuschrift an den Stadtrath des Inhalts:

»Das Collegium, welches die Wahl Leipzigs zum Festorte des dritten allgemeinen Turnfestes mit Freuden begrüßen würde, erklärt sich bereit, die zu einer würdigen Feier desselben erforderlichen Kosten zu bewilligen, und giebt dem Wunsche Ausdruck, daß die Behörden die Wahl Leipzigs in jeder Weise begünstigen möchten.«

Und der Rath erwiderte am 16. Oktober: »er sei dem Beschlusse der Stadtverordneten, daß sie die Wahl Leipzigs zum Festorte des dritten allgemeinen Turnfestes mit Freuden begrüßen würden, einstimmig beigetreten, sei bereit, die Wahl der Stadt in jeder Weise zu begünstigen, und werde die seitens der Stadtverordneten ausgesprochene Bereitwilligkeit, die zu einer würdigen Feier des Festes erforderlichen Kosten zu verwilligen, entsprechend benutzen.«

Der Voranschlag der Festkosten, wie ihn der Centralausschuß nach den von sämmtlichen Unterausschüssen eingereichten Budgets aufgestellt hatte, erreichte die Höhe von 75 000 Thlrn.; der muthmaßliche Kostenausfall war auf 29 000 Thlr. berechnet. Mit dem 10. April 1862 war der Tag gekommen, an dem über die Bewilligung dieser großen Summe bei den Stadtverordneten verhandelt werden sollte; der Rath der Stadt Leipzig hatte bereits einige Tage vorher die Bewilligung beschlossen und um Zustimmung bei den Stadtverordneten nachgesucht. Unterlag es nun auch keinem Zweifel, daß diese Zustimmung nicht ausbleiben würde, so verbreitete doch die Nachricht davon allgemeine Freude und wir Leipziger waren stolz auf unsere Stadtväter.

Bei solchem Entgegenkommen der Bürgerschaft und der Behörden mußten alle Bedenken und Abneigungen drinnen und draußen, welche sich gegen die Wahl Leipzigs geregt hatten, schwinden, um so mehr, als auch das Königliche Ministerium des Innern auf deshalb ergangene Anfrage und Bitte des Turnraths in dankenswerthester Weise die Abhaltung des Festes und des mit demselben verbundenen Turntags zu gestatten versprach. Der Ausschuß der deutschen Turnvereine erklärte sich einmüthig für die Wahl Leipzigs zum Festorte und Nürnberg schob das von ihm beabsichtigte Fest auf das Jahr 1865 hinaus.

Als Festplatz wurde sodann eine vom Stadtrath mit dankenswerther Bereitwilligkeit überlassene, fast ganz ebene und trocken gelegene Feldflur erwählt, welche sich unweit der Zeitzer Straße an der Connewitzer Chaussee mit geringer Erhebung nach der Seite des Napoleonsteines in Form eines Vierecks, zugänglich von allen Seiten, ausdehnt. Es ist dies der jetzige Schmuckplatz an der südlichen Baierischen Straße, begrenzt von Schenkendorf und Moltkestraße, auf dem jetzt zwei Schulen stehen, sowie dessen Verlängerung nach Süden, damals vom Tivoli ab alles noch freies Feld.

Wie thatsächlich Alles — selbst frühere Feinde des Festes — von dem allgemeinen patriotischen Jubel angesteckt wurde, noch ehe dasselbe eigentlich begann, beweist die Thatsache, daß nicht ein Haus ohne Fahnen und Blumenschmuck blieb; wie zwei, drei Tage vor dem Beginn keine Elle Fahnenstoff, keine Elle grauer Turnerdrell (unsre Turner trugen früher den gelbgrauen Drell und zwar Hosen und Jacken, das blaugraue dunkle Turnertuch kam erst durch die zum Feste kommenden österreichischen Turner und zwar auch die Jackets zur Aufnahme) mehr in ganz Leipzig aufzutreiben war. Auch Nichtturner kleideten sich massenhaft in die Turnertracht und bei den Knaben aller Größen verstand sich dies von selbst, wollten die Eltern nicht große Thränenfluten hervorrufen. Auch wurde die zum Fest bestimmte Flur, um den lockeren Ackerboden genügend zu befestigen, rechtzeitig mit Heusamen bestellt. Ihre Größe, 1 500 000 Quadratfuß, war nach der Zahl der Personen bemessen, welche sie in den Festtagen, sei es als Mitwirkende, sei es als Zuschauer, betreten sollten. Freilich ließen sich in beiderlei Beziehungen nur Vermuthungen aufstellen, allein die statistischen Erhebungen über die Menge der Turnvereine und die Zahl ihrer Mitglieder, die Erfahrungen über die Festlust derselben, welche u. A. in Coburg und Berlin gemacht worden waren, sowie die Beobachtungen des Zuschauerandrangs in Berlin und Frankfurt a. M., gaben diesen Vermuthungen einen hohen Grad von Wahrscheinlichkeit. Der Turnrath war nach sorgfältigem Ueberschlage der betreffenden Verhältnisse zu der Einsicht gekommen, daß man bei der Abgrenzung und Ausstattung des Turnplatzes immerhin auf 12 000 gleichzeitig Turnende, unter denen 9—10 000 Auswärtige, und auf 20—30 000 Zuschauer Bedacht nehmen müsse. Was hier vom Turnplatze und den Zuschauerräumen galt, hatte nicht minder für alle anderen Räumlichkeiten, welche sich jenen anschließen müssen, seine Bedeutung, insbesondere für den Bau einer Festhalle neben dem Turnplatze.

Bereits bis zum Abend des 10. Juli, also noch volle 4 Wochen vor dem Feste, waren 13 890 fremde Turner zu Freiquartieren angemeldet, 5000 mehr als man im günstigsten Falle vermuthet hatte, und diese Zahl stieg bis zum Beginn des Festes auf 18 000 Mann. Am stärksten war Berlin vertreten mit 1139 Mann, welche je nach ihren Vereinen zu den Turnerhosen rothe oder blaue Wollblousen trugen. Wien mit über 200 Mann, Hamburg über 100 Mann, Pisa in Italien mit 2 Mann, Verona 1 Mann, Amerika mit mehreren Turnern, ferner 5 Abgeordnete aus Siebenbürgen, von denen zwei von ihren Frauen, einer von seinen beiden Töchtern begleitet wurden. Aus London kamen 12 (darunter 2 Engländer), aus Amsterdam 5, Rotterdam 5, Melbourne 1, Dorpat 2 u. s. w. Die folgende Uebersicht zeigt die bis zum 9. Juli 1863 eingelaufenen Festanmeldungen nach Turnkreisen:

I.  Kreis:  Prov. Preußen und nördl. Posen 316.
II.     „  Schlesien und Südposen 696.
III.     „  a. Mark und Prov. Sachsen 3301.
    „  b. Pommern 366.
IV.     „   Norden (Hamb., Holst., Mecklenb.) 330.
V.     „  Niederweser und Ems 64.
VI.     „  Hannover 246.
VII.     „  Oberweser 176.
VIII.     „  Niederrhein und Westphalen 75.
IX.     „  Mittelrhein 139.
X.     „  Oberrhein (Baden) 15.
XI.     „  Schwaben (Württemberg) 62.
XII.     „  Bayern 222.
XIII.     „  Thüringen 1393.
XIV.     „  Sachsen 4617.
XV.     „  Oesterreich 1136.
Ausland 16.

Und trotzdem damals Leipzig nur etwa 75 000 Einwohner zählte und außer den Turnern noch sicher 80—100 000 Festbesucher und sonstige Fremde an jenen Tagen in Leipzig anwesend waren, so daß in den Hotels und Gasthäusern selbst die Vorsäle mit Betten belegt und zu Quartieren umgewandelt wurden, meldeten sich sogar noch am Sonnabend und Sonntag, also dem Tag vor dem Festzug noch Familien, die durchaus noch ihre Turner haben wollten und sehr betrübt heimgingen, wenn ihr Wunsch momentan nicht erfüllt werden konnte. Alle Detailgeschäfte schlossen während des Festzuges und viele Engrosfirmen schlossen mit Ausnahme der Expedirung der nothwendigsten Sachen und der Erledigung der Briefe gleich für die ganze Dauer des Festes.

Schreiber dieses kannte in seinem Hause einen alten vertrockneten Großkaufmann, der bis zum letzten Tage vor dem Feste demselben skeptisch, fast feindlich gegenüber stand und seinem Personal wiederholt eingeprägt hatte, daß er den »Unsinn und die patriotische Gefühlsduselei« nicht mitmachen werde und deshalb der Geschäftsgang genau derselbe bliebe wie an allen anderen Tagen. Als aber unter sich immer höher steigernden Jubel des Volkes die Schleswig-Holsteiner, die Wiener, die Berliner, die Frankfurter, die Tyroler u. s. w. mit ihren »Was ist des Deutschen Vaterland« spielenden Musikchören am Hause vorbei und zum Stellplatz zogen, da mochte sich doch Etwas gar mächtig im Innern der alten Krämerseele rühren.

»Wiesecke«, sagte er zu seinem ebenso alten Cassirer, als er sah, daß dem die Thränen der Freude über die Wangen liefen, »Wiesecke — Sie alter Mensch — ich gloobe gar Sie heulen. Na —« und auch seine Stimme klang auf einmal seltsam gedrückt und bewegt, »zahlen Sie den Markthelfern jeden einen Extrawochenlohn aus und den Commis eine halbe Monatsgage extra und dann fort mit Euch — werde die Briefe jeden Morgen selbst erledigen!«

Und er verschwand, begleitet vom »Hurrah« seiner überraschten Getreuen, schleunigst im Allerheiligsten seines Privatkontors. — —

Solche Fälle aber kamen sehr viele vor. — Ja — es war doch eine große Zeit! —

Die Aufstellung des Festzuges am Montag, den 3. August geschah nach folgenden Bestimmungen:

Kreis IV. Norden 16 Riegen Johannisplatz.
VIII. Niederrhein und Westphalen 3
XI. Schwaben 3
Kreis XV. Oesterreich 42 Riegen } Augustuspatz am Schneckenberge.
IX. Mittelrhein 6 } Augustuspatz am Museum.
XIII. Thüringen 60
VI. Hannover 11 } Turnplatz.
XII. Bayern 10
I. Nordosten 16 } Gellert- u. Felixstraße.
X. Oberrhein 1
II. Schlesien 30 Fleischerplatz.
VII. Oberweser 8 } Obstmarkt.
V. Niederweser 3
III. Mark 165 } Königs- u. Thalstraße.
Pommern 16
XIV. Sachsen 202 } Roßplatz.
Leipzig

Festhalle und Festplatz zum 3. deutschen Turnfest zu Leipzig.

Die Aufstellungslinien sind durch eine Reihe von Standarten bezeichnet; die Reihenfolge in jedem Kreise ist die alphabetische.

Pünktlich 11 Uhr Morgens sammeln sich die Turner bei der Standarte, welche den Namen ihres Wohnortes trägt, oder falls eine solche nicht vorhanden ist, bei der des alphabetisch nächsten Ortes.

Abholung der Fahnen aus dem Schützenhause zwischen 9—11 Uhr durch 3 Mann und Aufstellung derselben hinter die betreffenden Standarten. 11½ Uhr Eintheilung der Riegen und Vertheilung der Armbinden an die Vorturner; genaue Aufstellung der Riegen in Sechserreihen durch die Vorturner. Der Vorturner begiebt sich an die linke, ein Riegenmitglied an die rechte Seite der Standarte; ist eine solche nicht vorhanden, so hat sich der Vorturner an die linke Seite der vordersten Reihe seiner Riege zu stellen.

12 Uhr Vereinigung der Abtheilung nach gegebenem Befehle auf dem Augustusplatze und Eintheilung der Musikchöre.

Zugordnung.

Vorreiter.
Berittenes Musikchor.
Fünfzehner-Ausschuß und Festausschuß.
Beurtheilungs-Ausschuß.
Erstes Musikchor.
Ausländer.
Kreis IV. Norden etc. siehe oben.

Der Zug bewegt sich durch folgende Straßen:

Grimmaische, Ritterstraße, Brühl, Nikolaistraße, Universitätsstraße, Schillerstraße, Neumarkt, Reichsstraße, Brühl, Hainstraße, um den Markt herum, Petersstraße, Königsplatz, Zeitzerstraße.

Auf dem Festplatze begiebt sich jede Riege an das Geräth, welches die Armbinde ihres Vorturners zeigt.

Die Fahnen werden gerade über den Festplatz getragen und in der Festhalle abgeliefert.

Und nun zum Festzug selbst, den in seinen Einzelheiten auch nur annähernd zu beschreiben den Raum unsrer Hefte bedeutend überschreiten würde. Mehr als 700 Turnvereine in einem Zuge von circa 20 000 Theilnehmern, fast 600 Fahnen und mehr als 100 Musikchören, das stattliche 60 Mann starke Turnertrommelchor mit seinem Tambourmajor, der drei, vier Stockwerke hoch, während er ruhig weiter marschirte, seinen schweren Majorsstock emporwirbelte und denselben, immer dabei weiter marschirend, stets mit unfehlbarer Sicherheit wieder auffing. Die großen auswärtigen Vereine mit ihren prachtvollen Musiken, die Bornaer mit ihrem Knabenmusikchor, Ostpreußen und Badenser, Südösterreicher und Hannoveraner, Pfalzbaiern und Deutschpolen und dieser Zug, dessen Vorbeipassiren gute zwei Stunden in Anspruch nahm, begrüßt von einem Regen von Bouquets und Blumen, aus den einzelnen Stockwerken der reichgeschmückten Häuser, an Bindfaden herabgelassnen Flaschen mit Bier, Wein, ja Champagner, oder Körbchen mit belegten Brödchen, am Wege aufgestellten Tonnen mit Bier und Wasser, von seinem Ausgangspunkte bis zu der damals noch inmitten von Stoppelfeldern stehenden Festhalle, begleitet von Hochs und Hurrahs Hunderttausender begeisterter Menschen. Die studentischen Turner aller deutschen Universitäten, in vollem Wichs, für sich allein schon ein minutenlanger stattlicher Zug und dann zuletzt — unsere braven Leipziger Turner in ihrer strammen Haltung, trotz ihrer mannichfachen Thätigkeit schon vor dem Zuge und dem stundenlangen Marschiren in der wahrhaft tropischen Hitze jenes Tages ungebeugt und flotten Schrittes; die »dicke Riege« zusammengesetzt aus 71 hundertachtzig- und zweihundert-pfündigen aktiven Turnern ganz Deutschlands — — — genug davon, nur Eins sei nochmals betont, daß es einen solchen Zug nie vor und auch niemals wieder nachher bis zum heutigen Tage auf irgend einem deutschen Feste gegeben hat.

Die Turnübungen, vor allem aber die in so riesigem Maaßstabe ausgeführten Freiübungen verliefen in glänzender Weise. Die gastronomischen Leistungen sowohl in der Festhalle wie in den andern großen Zelten des riesigen Platzes waren vorzügliche. Vier offne zum unentgeltlichen Tanze errichtete Tanzböden wurden von Alt und Jung auf das Lebhafteste frequentirt. Heisa — wie flogen die durch kolossale Crinolinen aufgebauschten Kleider, mancher Reifen knickte im Gedränge, mancher Puff wurde eingenommen und ausgetheilt, in den großen Zelten saßen die Turner mit ihren Wirthsleuten und während aus dem einen die sehnsuchtsvolle Frage im Lied »Was ist des Deutschen Vaterland« emporstieg, erklang es drüben aus einem andern »Schleswig-Holstein meerumschlungen — Deutscher Freiheit hohe Wacht« und in einem dritten gab ein Berliner in Knittelversen die Mär von »Sobbe und Putzki« den auf gegenseitiges Ehrenwort von der Festung durchgebrannten preußischen Lieutenants zum Besten. Ueberall Musik und Gesang und patriotische Ansprachen, hier verbrüderten sich Ostpreußen und Baiern, dort Berliner und Wiener und Manche, die sich schon nach wenig Jahren mit der Waffe in der Hand feindlich gegenüber stehen sollten, stießen hier begeistert zusammen an auf das hehre Ziel, das sie alle verfolgten — auf das Wohl des geeinigten Deutschlands! In der Festhalle aber hingen die Fahnen der germanischen Stämme friedlich neben einander und hoch über allen thronten die alten deutschen Reichsfarben »Schwarz, Roth, Gold.«

Schwarz — Roth — Gold.

1.

Will Schwarz der Himmel sich bekleiden,
Und dünket Euch, es werde Nacht,
Es wollt’ die Sonn’ auf ewig scheiden,
Die Euch vordem so hold gelacht —
Wenn rauher Sturm die Grenz’ umwettert
Des theuern Vaterland’s und glaubt,
Daß er’s wie schwache Bäum’ entblättert
Und seiner höchsten Zier beraubt —
Wenn ihr dereinst bedränget werdet
Von übermüth’gem rauhen Feind,
Und wenn die Freiheit ist gefährdet,
Die Euch zu einem Volk vereint —
Wenn Eure Brüder sind geschlagen
In Fesseln, in des Kerkers Nacht,
Will Euch erfassen banges Zagen
Ob Eurer Gegner Uebermacht:

2.

Dann Roth soll Eure Losung heißen.
Denn Roth ist Licht und Roth ist Blut;
Und mächtig sollt Ihr dann entreißen
Das Vaterland der Feinde Wuth.
Die Trommeln sollen wirbelnd schallen,
Was Spiel einst war, es werd’ zur Wehr;
Und wenn auch Brüder um Euch fallen —
Es gilt für Freiheit und für Ehr’!
Da setzt hintan das eigne Streben,
Wo’s gilt dem theuren Vaterland,
Da bauet jedes Zittern, Beben,
Daß sicher kämpfe Eure Hand.
Was Ihr geübt in heitern Tagen,
Wo Fröhlichkeit die Zeit verkürzt,
Das soll der Feinde Macht dann schlagen,
Daß sie gebrochen niederstürzt.

3.

Und Gold’ner Ruhm wird Euch dann krönen
Als Sieger in dem heil’gen Streit,
Daß Ihr erfüllt des Volkes Sehnen
Nach seines Landes Herrlichkeit.
Wie es begleitete mit Segen
Des Vaterlandes treuen Sohn,
So bringt es Euch nun Dank entgegen
Als Euren reichsten, schönsten Lohn.
Ein immer heit’rer Frühlingsmorgen,
Des goldnen Friedens Sonnenschein,
Die werden dann statt aller Sorgen
Des deutschen Landes Erbtheil sein.
Und wieder werdet Ihr Euch schaaren
Zu Festen, wo Ihr zeigen wollt,
Daß Eure Herzen treu bewahren
Der Farben Mahnung: SchwarzRothGold.

Und spät Abends auf dem Heimweg da füllten sich erst die Restaurationen in der innern Stadt, im Burgkeller, bei Schatz in der Ritterstraße, bei Baarmann, Zill, gute Quelle, Hotel de Saxe, Pöhler in der Klostergasse, Auerbachs- und Aeckerleins Keller, bei Prager, schwarzes Brett, beim alten Löwe Nikolaistraße, Rabestein, Keil auf dem Neumarkte u. s. w. wurde der Nachttrunk eingenommen und viele, viele der fremden Turner vergaßen dabei total, wo sie eigentlich wohnten. Wehe — wenn da der vorsorgende Wirth nicht bei ihnen war. — Aber auch da fand sich Rath.

»Was? — Sie wissen nicht, wo Sie wohnen? — Schadet nichts — immer kommen Sie mit mir — es gehen viele geduldige — Turner in eine Stube uff die paar Stunden bis es wieder Tag wird!« Und so brachte mancher Bürger oft noch ein halbes Dutzend fremde Turner außer den eignen mit nach Hause. Und Hausfrauen und Töchter machten keine bösen Gesichter. War es doch Sommerszeit und warm. Da wurden Matratzen aus den Betten gehoben und Betten auf den Dielen ausgebreitet und einträchtlich schliefen Wirth und Gäste in zwangloser Reihe durch einander, bis aufs Neue ein festlicher Tag anbrach und die Verlaufnen mit Hilfe der Festpolizei ihre Quartiere wieder ermitteln konnten.

In einen auf dem Blücherplatz unter der eisernen Bude stehenden Omnibus bettete ein väterlich gesinnter Nachtwächter in einer einzigen Nacht nach und nach sieben bezechte Turner, welche all und jedes Orientirungsvermögen total verloren hatten, und so ging es überall zu, keine Arretierungen, keine polizeiliche Einmischung; Alles wurde in Güte geordnet und — wahrlich die Polizeibehörde Leipzigs hat ihr anerkennungswerthes Vertrauen in die Festpolizei, die Turnerfeuerwehr und Rettungskompagnie nicht zu bereuen gehabt.

Mit dem üblichen Feuerwerk am 6. August ging das Fest programmmäßig zu Ende und Deutschlands Turner zogen wieder heimwärts; der Fahnenwald fiel von den Häusern, die vertrockneten Guirländen und der andere Blumenschmuck sank in den Staub, wenige Tage später war in den Straßen der Stadt nichts mehr von all dem Festesglanz zu erblicken. Nur draußen — damals weit vor der Stadt, stand noch Monate lang die verödete Festhalle inmitten der Felder auf einsamer Höhe, unweit der Stätte, wo einst Napoleon I. während der Schlacht bei Leipzig beinahe in die Hände preußischer Husaren gefallen wäre; bis auch sie fiel und die einfache Steinplatte am Rathhauseingang als einziges Andenken an jene herrlichen Tage zurückblieb. — — —

Mehr als 30 Jahre sind seit jenen Tagen vorübergerauscht. Die alten deutschen Farben: »Schwarz, Roth, Gold« wehen dem Heere des geeinigten Deutschlands nicht voran, aber doch eine Trikolore, welche in mörderischen Kämpfen ihre Bluttaufe empfing und unter der die germanischen Stämme geeint zusammenstehen — einer für den andern — alle aber zusammen — »für das theure Vaterland!« — — —

Feier der Völkerschlacht.

In demselben Jahre, in welchem das dritte deutsche Turnfest in Leipzig stattfand, vollendete sich auch ein halbes Jahrhundert seit jenen schweren aber ruhmvollen Tagen, an denen vom 16.-18. Oktober 1813 die napoleonische Macht auf Leipzigs Ebenen für immer gebrochen wurde, und die gastfreie Stadt nahm aufs Neue tausende von Ehrengästen freudig in ihren Mauern auf.

War es aber beim Turnfest meist die kraftstrotzende Jugend, welche sich einfand, so fanden sich in den Tagen vom 16.-18. Oktober 1863 tausende von Männern in Leipzig ein, auf deren Haupt der Schnee des Alters lag und unter denen nur wenige sich befanden, welche das siebenzigste Lebensjahr nicht bereits überschritten hatten.

Es war ein großer Teil der Ueberlebenden jener Männer, welche genau vor 50 Jahren Vater und Mutter, Haus und Hof, Schreibtisch, Kanzel und Werkstatt verlassen hatten, um dem Rufe des bedrängten Vaterlandes zu folgen und zu den Waffen zu greifen, und die dann im blutigen Ringen rings um Leipzigs Mauern die corsische Macht brachen und Deutschland von der eisernen Faust jenes Emporkömmlings für immer befreiten.

Waren auch seit jenen Tagen viele Tausende jener Kämpfer um die deutsche Freiheit hinweg gestorben, so waren doch immer noch mehr als 3000 dem Rufe des Comités, welches sich aus dem »Verein zur Feier des 18. Oktobers« zusammensetzte, gefolgt und aus allen Richtungen der Windrose, zum Teil aus weiter Ferne gekommen, um noch einmal jene Stätten zu sehen, an denen sie einst gestritten und gelitten, an der sie ihre Brüder fallen sahen, aber an denen sie sich auch unvergänglichen Ruhm erwarben und die ihnen allen deshalb auch ewig theuer und unvergeßlich geworden waren. —

Und die bewährte Leipziger Gastfreundschaft statuirte ein neues Exempel — mit hoher Freude nahm sie die alten Veteranen in ihren Mauern auf — treu eingedenk des Spruches:

»Wer seine alten Krieger ehrt — der ehrt sich selbst.«

Die ganze Stadt hatte zu Ehren der Veteranen einen reichen Festschmuck angelegt. Besonders historische Stätten, wie die Dresdner- und Frankfurter-Straße, erhielten ihren alten Namen, den sie zur Zeit der Schlacht geführt, wieder und das althistorische Dresdner Thor, welches die Königsberger Landwehr unter so ungeheuren Opfern erstürmte und sich dadurch den ersten Eintritt zur Stadt erzwang, ward — wenigstens als Dekoration zum Feste — genau so aufgebaut, wie es damals beim Sturm ausgesehen hatte.

Und bei dem festlichen Bankett, welches die gastfreie und dankbare Stadt den alten Kriegern gab, saß der einfache, in den Sorgen des Lebens ergraute Handarbeiter neben dem zu hohen Würden aufgestiegenen, reich dekorirten General und seine, blind und unscheinbar gewordenen alten Kriegsdenkmünzen wurden mit derselben Ehrfurcht betrachtet wie die hohen Orden seines Nachbars. Manche Thräne der Rührung und hoher Freude sah man in den Augen der gefeierten Greise und die Stadt Leipzig flocht sich einen neuen Ehrenkranz in die Geschichte ihrer Existenz.

Am 18. Oktober aber, dem entscheidenden Tage der Völkerschlacht, da stellte die Stadt den Veteranen Wagen, und in für die Alten bequemer Weise ging es hinaus zu einer Rundfahrt auf die Stätten jener vor fünfzig Jahren stattgefundenen Kämpfe, und man mußte da die alten Veteranen sehen, wie sie die Gegenden und Orte wieder erkannten, an denen sie gekämpft — wie sie zu stummem Gebet die Hände falteten oder, mit einer Thräne im Auge, manches damals gefallnen Freundes und guten Kameraden gedachten. — Auch russische damalige Mitkämpfer waren zum Feste erschienen, ebenso drei alte dekorirte Mütterchen, von denen zwei als Marketenderinnen, die dritte aber als Soldat verkleidet, die Schlacht und den Feldzug mitgemacht hatten. — — —

Damals wurde auch seitwärts des jetzigen Napoleonsteins feierlich der Grundstein zu einem Denkmal an die Völkerschlacht gelegt — wird wenigstens die hundertjährige Feier derselben das Denkmal endlich fertig sehen? — — —