Zum sechzigjährigen Dienstjubiläum
Sr. Exc. des Herrn Militär-Gouverneurs,
Generals der Cavallerie,
von Wedell,
zu Luxemburg, am 15. April 1856.
Die Nacht war still, kein Lüftchen ging,
Es war zwölf Uhr, und am Himmel hing
Der Mond wie eine bleiche Laterne.
Die Welt schlief fest, kein Laut war wach,
Als die knarrende Fahne vom Kirchendach
Und der Posten Ruf in der Ferne.
Da plötzlich tönt von der Schloßwacht her
Ein lautes Werda, sie tritt in’s Gewehr –
D’rauf ein Rasseln und Rauschen ohn’ Ende –
Ein blut’ges Regiment, ein bleiches Corps,
Als kämen sie just aus den Gräbern hervor,
Dringt über den Fischmarkt behende.
Mit Büchsen und Flinten, mit Lanz’ und mit Schwert
Das trippelt und trappelt, zu Fuß und zu Pferd,
Und stehet nicht Antwort und Rede.
Sie drängen sich links, sie wissen wohin,
Und schwenken sich auf vor St. Maximin,
Ein junger Major an der Tete.
Sie tragen von allerhand Farben Gewand,
Und Keinem ist die Montirung bekannt
Der blutigen Geisterschaaren.
Auf Manchen hängt sie in Fetzen nur –
Doch trägt der Major die Parade-Montur
Der brandenburg’schen Husaren –
Und trägt auf der Brust, wie als er noch stritt,
Das stattliche Ordenskreuz pour le mérite,
Mit der kleinen Krone von Perlen.
D’ran haben sie den Feldherrn wieder erkannt,
Als er todt da lag am Ostseestrand,
Zerfetzt von den dänischen Kerlen.
Und er winkt, der Trompeter bläst zum Appell,
Compagnien und Schwadronen sie ordnen sich schnell,
Und erheben die blut’ge Standarte.
Der Feldherr ruft die Schlachtfelder auf,
Und es treten hervor aus dem düstern Hauf,
Die man dort im Sande verscharrte.
Beim Ruf Dodendorf vor die Fronte tritt
Diezelsky, geschmückt mit dem Kreuz du mérite,
Auch Stössel und Voigt auf den Rossen,
Und Kettenburg, Stankar, auch Stock der Lieutenant,
Mit dem Parlamentärtuch in seiner Hand,
Den sie meuchlerisch todt geschossen.
Auch siebenzig Gemeine folgen dem Ruf,
Sie reiten herbei auf leichtem Huf –
Zerhau’ne, verweg’ne Gesichter.
D’rauf von Dömitz und Dammgarten rückt’s herbei,
Was dorten durchbohret vom Schwert und vom Blei,
Und der Haufen wird immer dichter.
Da öffnet der Feldherr wieder den Mund,
Und schwingt den Säbel und ruft: Stralsund!
Und es melden sich tausend Männer.
Voran ein wilder Husarenschwarm,
Ohne Rosse, mit Binden am rechten Arm,
Die Andern auf luftigem Renner.
Auch Billerbeck, Eyb und Halletius,
Und Heiligenstedt, welche getroffen ein Schuß
Zu Stralsund am Knieperthore,
Von Alvensleben auch, der wackere Held,
Und der tapfere Wachtmeister Sommerfeld,
Sie treten hervor aus dem Chore.
Da ruft der Major: Sanct Leonhard!
D’rauf kommen sie, die man bei Braunschweig verscharrt,
Die vierzehn gefangenen Krieger.
Sechs Kugeln trägt jeder in seiner Brust,
Sie starben sich ihres Ruhmes bewußt,
Und waren im Tode Sieger.
Nun bleiben noch elf Offiziere zurück –
Der Major ruft: Wesel! und verhüllt den Blick,
Und die Elfe beschließen die Schaaren –
Gar edle Jünglinge, hingestreckt,
Wo jetzt sie ein einziger Sarg bedeckt,
Die im Leben nur Ein Herz waren.
Und als sie versammelt sind Mann für Mann,
Da heben die Trompeter zu blasen an
Die schönste der Serenaden,
Ein Jubellied, das zum Herzen dringt
Und hell majestätisch die Nacht durchklingt,
Zum Gruß ihrem alten Kameraden.
Und ein Hurrah, dreifach wie aus einem Mund,
Ein Hurrah, wie dazumal zu Stralsund,
Ein Hurrah folgt auf die Fanfaren.
So schauerlich hörte die Stadt noch keins –
Da schlug die Uhr vom Kirchthurm Eins –
Und zerstoben war Schill mit den Schaaren.