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Erzählungen aus dem Ries cover

Erzählungen aus dem Ries

Chapter 11: VII.
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About This Book

A collection of three village tales that portray everyday life in the Ries through close observation and affectionate attention. The narratives mix faithful realism with poetic idealization, employing local dialect in reported speech to convey personality and humor. Episodes explore communal customs, domestic relationships, moral choices, and small-scale tensions that lead to humane or ironic resolutions. A prefatory essay outlines the author’s aims, stresses the need for lived experience to render authentic rural character, and supplies guidance for reading the dialect passages, while the stories consistently dignify the inhabitants and examine how simple lives yield both earnest feeling and gentle comedy.

VII.

Nachdem die Fluth der Ereignisse, wie wir sie im letzten Kapitel zu schildern versuchten, abgelaufen war, trat in dem Leben unserer Personen eine Ebbe ein, die für sie wohlthuend und nöthig war, uns aber als geschichtslose Epoche wenig zu sagen bietet. Das Außerordentliche hatte für jetzt ein Ende gefunden und alles ging seinen gewöhnlichen Gang. Hier und dort wurden die Arbeiten des Frühlings die Hauptsache, und hier und dort sah man seine persönlichen Angelegenheiten durch sie in den Hintergrund gedrängt.

Von dem Frieden, den eine solche Epoche mit sich bringt, genoß übrigens am wenigsten die Wittwe Glauning. Sie mußte zugeben, daß unter den obwaltenden Verhältnissen das Dienen ihrer Tochter eine Auskunft war; aber den gewaltigen Sprung von der Lehrersbraut und künftigen Oberlehrerin zur Bauernmagd konnte sie nicht verwinden, und es war ihr eine ängstliche Sache, das Mädchen, die ihre einzige Freude war, bei dem »Wilden,« d. h. beim Holzbauern zu wissen und sich vorzustellen, wie er sie anfahren und heruntermachen werde.

Zu der Plage, die sie sich mit ihren Gedanken selber anthat, gesellte sich noch eine andere. Das Schicksal der Christine war zu merkwürdig, zu seltsam, als daß in den guten Freundinnen der Mutter und der Tochter sich nicht ein unwiderstehliches Verlangen hätte regen sollen, das Nähere darüber zu erfahren. In den Stunden der Muße kam nun eine um die andere angeschlichen, und den Versicherungen der Theilnahme folgten regelmäßig Fragen, welche die gute Frau sehr inkommodirten. Sie erklärte zwar die Vorgänge durchaus zur Ehre ihrer Tochter; aber was half das? Ein Gesicht wie beim Erzählen eines glücklichen Ereignisses konnte sie doch nicht machen. Und wenn die Freundinnen Christine lobten und hinzufügten: das hätten sie an ihrer Stelle auch gethan, und sie hätte sich benommen wie ein rechtes Mädchen, so klang dies in den Ohren der Mutter lange nicht so gut, als die Ausrufungen und Gratulationen geklungen hätten beim Verkündigen der Nachricht: ihre Tochter sei Frau Lehrerin. — Und wenn gar erst eine von der schlimmen Sorte kam und ein ungläubiges Gesicht machte und eine gewisse Schadenfreude nicht verbergen konnte und von den unschuldigen Fragen zu den spitzigen überging, da wurde die Situation der ehrgeizigen Mutter höchst fatal. Sie konnte nur mit Mühe die Ungeduld ihres Herzens bemeistern; ein paarmal, gegenüber von besonders Zudringlichen, gelang ihr dies nicht und sie mußte sich mit entschieden unhöflichen Antworten helfen. Damit gewann sie aber nichts; die Weiber entschuldigten sich heuchlerisch und lächelten dabei noch viel beglückter als vorher.

Doch die Zeit verging, das Mißgeschick der Familie wurde altmodisch, in einem Bauernhause des Orts gab es ein Aergerniß, das bedeutend von sich reden machte, obwohl es lange nicht so außerordentlicher Natur war, und die Glauning bekam endlich Ruhe. — Christine hatte schon zweimal Grüße geschickt und der Mutter zuletzt noch herunter »verbieten« (entbieten) lassen: sie sei gesund und es gehe ihr gut; der Holzbauer wäre nicht so bös, als man ihn mache, zum wenigsten meine er's nicht so bös, und ihr selber sei alles recht bei ihm. Diese Nachrichten trugen dazu bei, das Herz der Mutter zu beschwichtigen, so daß sie hie und da sogar wieder behagliche Stunden hatte. Sie wußte freilich nicht, was aus ihr und ihrer Tochter werden sollte. Sie wußte nicht, ob Hans gesonnen war, bei ihr zu bleiben, oder was er sonst im Sinn hatte. Der sonderbare Mensch arbeitete weiter, als ob er der Sohn des Hauses wäre. Er hatte von dem Ankauf des Gutes nicht mehr gesprochen, sagte überhaupt sehr wenig und wollte offenbar nicht gefragt werden. Aber konnte er nicht jeden Augenblick zu ihr kommen und sagen: er hätte nun eine gefunden, die ihm passe, er wolle heirathen und müsse nun entweder sein Geld oder das Gut haben? Diese Unsicherheit der Zukunft hatte nichts Tröstliches, aber vor der Hand war dem Herzen doch eine wirkliche Last abgenommen, und ein's in's andere gerechnet, konnte man sich in sein Schicksal ergeben. Die Wittwe nahm sich ein Beispiel an dem Vetter, und so hauste man zusammen weiter und ließ es, auf gut deutsch und auf gut ländlich, gehen, wie's eben ging.

An einem Sonntag in der zweiten Hälfte des Mai kam unerwartet eine Einkehr, in der Person der Base Hubel. Diese gehörte zu den Weibern, die gerne Neuigkeiten einsammeln und verbreiten, und deswegen auch öfter über Land gehen, wenn sie gerade Zeit und dem Mann gegenüber einen Vorwand haben. Diesmal hatte sie im Dorf eigentlich nichts zu thun; sie wollte nur erzählen und hören, und sehen, wie's bei der Glauning stehe. Zunächst richtete sie recht schöne Grüße von Christine aus. Auf Befragen der Mutter, was diese mache und wie ihr das Dienen anschlage, legte sie ihr Gesicht in bedenkliche Falten und bemerkte: »Ja, da wär' viel zu sagen! 'S geht ihr eben recht hart bei dem Menschen, recht hart!« — »So?« erwiederte die Mutter. »Aber sie hat mir ja sagen lassen, sie sei wohl zufrieden?« — »Ja seht, Base, das ist eben zum Verwundern. Sie selbst thut, als ob ihr nichts zuviel und alles recht wär'. Sie schafft mehr als die andern, und besser. Aber anstatt nun ein Einsehn zu haben und sie zu schonen, verlangt der alte Bär immer mehr von ihr, und wenn sie »in der Acht« (unversehens) ein kleines Fehlerle gemacht hat, schnurrt er sie an. 'S ist grad, als wenn der Teufel in ihn gefahren wär'! Eine andere wär' schon lang davongelaufen. Aber wenn die Christine noch so meint, es müßt' sein, sie wird doch auch nicht bleiben können: sie macht's nicht aus auf die Läng'.« — »Du lieber Gott!« rief die Mutter, »was sind das für Sachen! Aber wie steht's denn mit ihrer Gesundheit? Wie sieht sie denn aus dabei?« — »Wie wird sie aussehen, Base! Wie man eben aussieht, wenn man alles thun muß! Mager ist sie und »schwarz« (braun) und gelb im Gesicht.« — »Meine Christine!« rief die Alte, wie von einer Schlange gebissen. »Aber das kann so nicht fortgehen, sie kann's nicht aushalten, und ich darf's nicht leiden.« — »Das hab' ich ihr auch gesagt, erst heut früh noch. Mädle, hab' ich gesagt, das kannst du nicht prästiren, du bist's nicht gewohnt und du schaffst dir die Schwindsucht an den Hals. Wenn du deinen Sinn nicht ändern und mit Gewalt dienen willst, so such dir wenigstens einen andern Platz; 's giebt ja bessere. Aber was hat sie mir darauf gesagt? Grad der Platz ist mir recht und grad da will ich bleiben!«

»Da seh eins den eigensinnigen Kopf! Guter Gott! 's ist ja grad, als ob sie sich expreß zu Grund richten wollte?« Und die unglückliche Mutter wendete sich zu dem Vetter, der am Ofen »Speikel« schnitzte zum Festmachen einer Hacke am Stiel, und rief: »Nun, Hans, was sagst denn du zu der Neuigkeit? Soll ich das dulden? Ist's nicht meine Schuldigkeit, sie mit Gewalt von dem Menschen wegzubringen?« — »Base,« erwiederte Hans nach kurzem Besinnen, »Ihr wißt, daß ich nicht gern in anderer Leut' Sachen rede; aber weil Ihr mich gefragt habt, will ich Euch doch meine Meinung sagen. Daß man sich die Schwindsucht an den Hals ärgert, mag sein, zum wenigsten sagt man so; aber daß man sie sich an den Hals schafft, hab' ich noch nie gehört. Ich glaub' auch nicht, daß es mit dem Aussehen der Christine grad so arg ist, wie's die Bas Hubel macht. Die Bas red't manchmal gern ein Bischen mehr, als an der Sach' ist; und natürlich, wenn man über zwei Stunden Wegs macht, um etwas zu erzählen, so muß es doch auch der Müh' werth sein.«

Hier verzog die Hubel bedeutend die Oberlippe; Hans aber, ohne sich daran zu kehren, fuhr fort: »Runde und rothe Backen muß man grad nicht haben, sonst wär's bös für viele Leut' in der Welt. Im Uebrigen ist die Christine ein Mädchen, die ihren Verstand hat und selber am besten wissen muß, was sie vertragen kann; ich mein' also, daß Ihr sie lassen sollt, wo sie bleiben will.« — »Geh weiter!« rief die Hubel, »du bist mir auch der rechte geworden! Wenn das die Christine hörte, daß du dich jetzt so gar nichts mehr um sie bekümmerst, dann thät' sie's kränken, recht in der Seel' kränken, das kann ich dir sagen.« — »Ich glaub's nicht,« erwiederte Hans, der unterdessen aufgestanden war; »übrigens müßt' ich's mir gefallen lassen, ich kann mich nicht anders machen, als ich bin.« — Dann verließ er die Stube und hämmerte draußen die Speikel ein. Die beiden Weiber sahen sich an und schüttelten den Kopf. »Wer hätte das geglaubt?« rief die Hubel. Und die Glauning jammerte: »Alle sind verhext! Ist das ein Elend!«

Manches wurde noch hin und her geredet. Endlich rüstete sich die Base zum Aufbruch und fragte, was sie der Christine sagen solle. »Sie soll sich schonen,« rief die Glauning eifrig; »und wenn ihr's der »Unmassel« zu arg macht, soll sie zu ihrer Mutter kommen. Das sag ihr!« — »Sagen will ich ihr's,« versetzte die Base; »aber ich sorg', es wird nichts helfen.«

Und es half nichts. Christine hörte es, dankte der Base — und blieb. Gelegentlich ließ sie der Mutter sagen: sie werde das Schaffen immer mehr gewöhnt, und man solle doch ja keine Sorge haben um sie.

Mehrere Wochen gingen vorüber. Die Glauning war wieder ruhiger geworden, da sie nichts Besonderes von ihrer Tochter erfuhr, und ihr Herz hatte sich wieder einigermaßen der Lebensfreude geöffnet. Nun brachte aber das Schicksal eine andere, stärkere Prüfung an sie. An einem Sonntag in der Heuernte kam ein Besuch von ***, der sich mit einem Gruß der Hubel einführte. Es war eine Nachbarin derselben, etwas verwandt mit ihr, weswegen sie auch die Glauning sofort mit dem Titel Frau Base anredete. Als die letztere nach den ersten Höflichkeiten und nachdem sie ein gutes »Vorbrod« auf den Tisch gesetzt hatte, die Frau genauer ansah, merkte sie an einer gewissen bedenklichen Ernsthaftigkeit derselben alsbald, daß sie etwas Neues bringen werde von Christine, aber nichts Gutes. Sie erkundigte sich etwas kleinlaut, was ihre Tochter mache, und ob sie's noch aushalte in ihrem Dienst. »Noch immer, Frau Base,« war die Antwort; »aber ich kann's Euch wohl sagen, 's wundert sich alle Welt drüber.« — »Wie so?« fragte die Glauning; »wird sie noch alleweil so hart gehalten?« — »Frau Bas,« erwiederte die Andere, »ich hätt' mir nicht getraut zu erzählen, was vorgefallen ist; aber die Bas Hubel hat gesagt, weil ich hier grad etwas zu thun hätt', sollt' ich zu Euch gehen und Mittheilung machen, denn Ihr müßtet's wissen.« — »Guter Gott,« rief die Mutter, »was werd' ich wieder hören müssen!«

Und die Andere begann: »Wie Eure Christine, die's doch wahrhaftig nicht nöthig hätt', alles thun muß beim Holzbauern, wie er ihr mehr aufhängt als andern, und wie sie auch wirklich mehr schafft als andere, das wißt Ihr schon; 's ist zum Verstaunen! Da ist nun »vodertags« (vorgestern) zum »Häat« (Heuernte) schön's Wetter kommen, und der Bauer ist wieder gewesen wie der »Massich« und hat gemeint, alles müss' auf einmal drin sein. Er hat gethan und gewirthschaftet auf der Wies, daß »a Graus« gewesen ist. Am Himmel ist a Wölkle gestanden, ganz klein und unscheinbar; aber er hat doch gesehen, das könnt' ein Wetter geben, denn gescheidt ist er, das muß man ihm lassen. Wie nun ein Fuder heimgefahren und die Christine mitgegangen ist zum Abladen, hat er ihr noch nachgerufen, sie sollt' des Nachbars Wagen »verdleihen« (entlehnen) und rausschicken. Nun, wie's einem eben geht — entweder hat sie's nicht recht verstanden oder sie hat's vergessen — du lieber Gott, was passirt einem nicht in der Unmuß', wenn alles auf einen hineinschreit? Die Bäuerin hat auch noch schnell was haben wollen von ihr, und wenn die red't, muß auch gleich alles laufen und springen; kurz, der Bauer wartet und der Wagen bleibt aus, aber das Wetter kommt am Himmel rauf. Da hättet Ihr den Mann sehen sollen! Reingelaufen ist er wie »wüadeng« (wüthend), und wie er erst vom Nachbar gehört hat, daß der Wagen gar nicht bestellt worden ist, da ist's gar aus gewesen. Herrgott, Frau Bas, wie hat der die Christine hergestellt! Ich bin grad am Hof vorbei gegangen und stehen geblieben; mein Lebtag hab' ich keinen Menschen so lästern hören. »Du dummes Thier! Du einfältiger Mensch! Bist »do'sohrad« (taub), he'! oder denkst an dein' Schulmeister, wann ich was sag'? Ich hätt' n' guten Lust und nähm' die Karbatsch und thät' dir die Gedanken austreiben, daß sie deiner Lebtag nimmer kommen.« — Ach, Frau Bas, ich will nicht sagen, was er alles noch geschrieen hat. 'S ist so arg gewesen, daß die andern Ehehalten ganz blaß dagestanden sind und ordentlich verstarrt, und zuletzt auch die Bäuerin gerufen hat: »Jetzt sei still einmal und schäm dich vor den Leuten. Geschehen ist geschehen!««

Die Mutter war bei den Schimpfreden, womit ihr Kind befleckt worden, von der Bank aufgesprungen mit einer Miene, als ob sie das Schrecklichste vernommen hätte, und sogar die uns bekannte pflanzenruhige Taglöhnerin, die hinter dem Ofen gestrickt hatte, war herbeigeeilt. »Das ist meiner Tochter passirt?«, rief die Alte zitternd vor Entrüstung, »meiner Christine? und sie hat dem Schandmenschen nicht augenblicklich den Dienst gekündigt und ist auf und davon gegangen?« — »Jede andere hätte das gethan,« versetzte das Weib, »keine hätte sich das gefallen lassen.« — »Ich wahrhaftig auch nicht,« rief die Taglöhnerin, deren Backen sich gefärbt hatten, ordentlich aufgebracht. — »Die Christine,« fuhr die Erzählerin fort, »hat sich's gefallen lassen und ist geblieben. Zuerst ist sie bestürzt gewesen und hat ihn mit großen Augen angesehen. Je mehr er aber gewüthet hat, je ruhiger ist sie geworden; und wie er endlich aufgehört hat, weil ihm ganz der Schnaufer ausgegangen ist, da hat sie gesagt: »Herr Bosch, ich seh's ein, ich hab' gefehlt. Verzeiht mir's — es soll nimmer geschehen.«« — Die Glauning war empört. »Das hat meine Tochter gesagt?« rief sie. »Mit der muß was vorgegangen sein. Es ist nicht anders möglich — bei der ist's nicht mehr richtig im Kopf!«

Das Gesetz der Schwere, wie man weiß, gilt in der geistigen Sphäre so gut wie in der materiellen. Die Schwäche gravitirt nach der Stärke; wer außer sich ist, strebt zu dem Festen und Gefaßten hin und klammert sich an ihn an, und zwar zunächst ganz instinktmäßig, ohne alle Reflexion und trotz aller Anprallungserfahrungen, die man gemacht hat. — Diesem Instinkt zufolge suchte die Glauning den Vetter auf; sie traf ihn im »Emmenstand« und erzählte ihm die Geschichte. Der Bursche horchte mit großem Ernst und die Mutter, die hierin Uebereinstimmung mit ihren Gedanken erblickte, schloß mit den Worten: »Nun wirst du mir doch Recht geben, wenn ich's nicht mehr leide, daß sie noch länger bei dem Menschen dient? Gleich morgen in der Früh' geh ich hin und nehm' sie mit nach Haus.« — Hans, nach kurzem Schweigen, versetzte: »Wenn sie nun aber nicht mitgeht?« — »Nicht mitgehen?« rief die Mutter. »Das will ich doch sehen, ob ich über mein Kind keine Gewalt mehr hab'. Sie muß mit!« — »Base,« fuhr Hans fort, »übereilt Euch nicht und macht überhaupt die Sache nicht ärger als sie ist. Wenn man Heu hereinbringen will und durch den Fehler eines Dienstboten wird's verregnet, so ist das für einen Bauern eine sehr ärgerliche Sach'. Der Christine hat was gehört, und wenn der Bosch es ihr nicht geschenkt hat, so ist das begreiflich.« — »Aber so rasend, so abscheulich thun« — — »Das will ich gar nicht loben,« versetzte Hans. »Aber kennt man den Holzbauern denn nicht? Wenn der zornig wird, ist's grad, wie wenn ein Wetter ausbricht. 'S geht nicht anders, es muß raus aus ihm, er kann sich nicht anders helfen, und darum kann man's ihm auch nicht so übel nehmen wie andern Leuten. Das wird sich die Christine wohl auch gedacht haben und drum ist sie geblieben.« — »In einem Haus, wo man einen so schandbar behandelt hat,« erwiederte die Glauning mit dem Ausdruck der Entrüstung und Geringschätzung, »da bleibt man nicht mehr, wenn man ein ordentliches Mädchen ist. Und die da, die zu mir gesagt hat, daß man vor allem seinen Charakter und seine Ehr' behaupten müss' in der Welt — die will sich so was gefallen lassen!« — »Sie wird eben unter Charakter und Ehr' etwas anderes verstehen, als Ihr, Base.« — »Meinetwegen!« rief die Mutter, erzürnt darüber, den Burschen gegen ihr Vermuthen auch diesmal im Widerspruch mit sich zu finden. »Ich leid's einmal nicht, daß sie noch dort bleibt. Und ich geh hin und hol' sie und mit Gewalt nehm' ich sie mit mir!« — »Ihr kennt Eure eigene Tochter nicht,« rief Hans mit Nachdruck. »Ich sag' Euch, sie geht nicht mit Euch!« — »Das wird sich zeigen, — ich thu's nicht anders und setz' alles in Bewegung.« — »Dann, Frau Base,« rief Hans mit strengem Gesicht, »dann macht Ihr einen thörichten Streich und kommt doch nicht zu Eurem Zweck. Die Christine, das könnt Ihr nun wohl sehen, hat sich was in den Kopf gesetzt und läßt sich nicht davon abbringen; und ich für meine Person, ich denk', ich kann's errathen. — Bah,« fuhr er mit einem eigenen Lächeln fort, »an einem Schimpfwort stirbt man nicht — namentlich wenn man nicht ohne Schuld ist, und je mehr man aushalten lernt, desto besser ist's.« — »Aushalten!« rief die Glauning; »Schande soll niemand aushalten.« Aber nun wurde Hans aufgebracht. »Base,« rief er, »ich will Euch meine Meinung rund heraus sagen. Ihr seid eine eitle Mutter und wollt nichts als Ehr' haben und flattirt sein und prangen mit Eurer Tochter. Euer Prangen ist Euch aber schlecht bekommen bis jetzt. Wer weiß, wer weiß, ob nicht Euch so gut als Eurer Tochter die Schande gesünder ist.«

Die Alte war von diesen Worten getroffen — und entwaffnet. Sie ging niedergebeugt ins Haus zurück und sagte zu sich selber: »Der ist nun auch ein Satan geworden. — O ich unglückliche Mutter!« — Als die neue Base Abschied nahm, erhielt sie keinen andern Auftrag, als der Christine zu sagen, sie solle doch ja heimkommen oder in einen andern Dienst gehen und nicht mehr bei dem Menschen bleiben; es wär' ja ein Schimpf und eine Schande für die ganze Freundschaft.

Die Mahnung hatte aber denselben Erfolg wie die erste. Christine blieb und ließ bei Gelegenheit herunter sagen, es sei Alles wieder in Ordnung und Alles vergessen.

Mit der Satanschaft, welche die Glauning dem Vetter beilegte, war es freilich nicht weit her. Ich glaube, daß es an der Zeit ist, die Leser nun ein wenig mehr in das Herz des Burschen blicken zu lassen, damit sie das Verhalten desselben vollständiger begreifen und würdigen können.

Hatte die Natur den Hans nicht zu einem Satan bestimmt, so war er doch eben so wenig zu einem sogenannten »guten Menschen« geschaffen, d. h. zu einem, der aus Schwäche gegen andere und ihre Prätensionen die Pflichten verletzt, die er gegen sich selber hat. Unser Freund sollte werden, was man auf dem Land einen rechten Mann — einen Ehrenmann nennt. Zu einem solchen gehört die Güte und die Großmuth, die in seinem Wesen lag, als nothwendiges Element, aber eine Güte und eine Großmuth, die weiß, was sie will, und sich nicht beikommen läßt, mit ihren Vorzügen den eiteln Trieben der Welt zu dienen. Die Lehre, die ihm das Schicksal gegeben, war nicht fruchtlos geblieben; er hatte etwas profitirt von seinem Leid und sich ein Benehmen vorgezeichnet, das er streng einhalten wollte. Er hatte sich vorgenommen, sich selbst höher zu achten, nicht zu thun, was andere, sondern was er selber für gut ansah, und den größten Schatz, den er besaß, nimmermehr an ein Wesen zu verschleudern, das seiner nicht werth war.

Als die Glauning ihm den Brief mittheilte, worin Christine das Auseinanderkommen mit Forstner meldete, war er zuerst hoch überrascht; denn auch er hatte an einen solchen Ausgang nicht mehr gedacht. Das Benehmen und die Ausdrücke des Mädchens gefielen ihm; er freute sich, daß sie den Menschen, dem er freilich nie recht getraut, nach Verdienst behandelt habe; er freute sich an ihrem Stolz und daß sie sich achtungswerther zeigte, als er von ihr erwartet. Zugleich hatte er aber ein Gefühl der Genugthuung, und er unterdrückte es nicht. Sie war gestraft — er gerechtfertigt. Sie hatte erfahren, wie viel mehr ein braves Herz werth ist, als ein glattes Gesicht, und das war ihr gut und heilsam. Sie hatte das Schicksal, das sie gewollt — sie mußte es hinnehmen.

Die Rückkehr des Mädchens änderte seine Empfindung in etwas, aber nicht in der Hauptsache. Ihr Aussehen, die Folge der erduldeten Krankheit, regte sein Mitleid an; er fühlte, wie es ihr zu Muthe sein mußte, und bedauerte sie von Herzen. Indem er überlegte, wie er sich gegen sie benehmen sollte, hielt er es in jeder Hinsicht für das Beste, sie mit Fragen ganz zu verschonen und zu thun, als ob nichts vorgefallen wäre. In seinem Herzen mußte freilich auch er sich fragen: was soll aus ihr werden? was soll am Ende aus uns allen werden? Er fühlte das Bedenkliche und Aengstliche des gegenwärtigen Zusammenlebens und dachte darüber nach, wie es allenfalls geändert werden könnte. Aber die Auskunft, die andern eingefallen war und die in jenem Bauernhause den Streit zwischen Knecht und Tochter hervorgerufen hatte, stellte sich nicht einmal als Möglichkeit vor seine Seele. Ein Mädchen aus Mitleid zu heirathen und gar die Untreue zu belohnen mit dem Besten, was er hatte, das war nicht die Sache unseres Burschen. — Er konnte vergeben und vergessen, er konnte Freund und Vetter sein, er konnte Hülfe leisten und Wohlthaten erzeigen; aber Christine zum Weib zu nehmen, wär' ihm jetzt nicht eingefallen, auch wenn er sie noch geliebt hätte. Er verlangte von der Seinen, daß sie ihm in Lieb' und Treue anhänglich sei und ihn zu schätzen wisse nach Verdienst. Und wenn er auch aus der Noth eine Tugend machte, wenn er eine nahm, die er selber nicht liebte, wie er Christine geliebt hatte, dann mußte es doch eine sein, die ihn gern und an ihm ihre Freude hatte und die ihn höher achtete, als jeden andern in der Welt.

Daß ihn bei dieser Gesinnung die Erzählung der Mutter von ihrem Streit mit der Tochter, d. h. die Ansicht und die Hoffnung der Alten selbst, wie verzuckert sie ihm präsentirt wurde, empören mußte, leuchtet ein. Er empfand eine solche Wuth in seinem Herzen, noch einmal für den Gutgenug gehalten zu werden, daß er ein ungewöhnliches Zucken in seiner Rechten verspürte und die größte Anstrengung nöthig hatte, gegen die »dumm unverschämte Zumuthung« nicht loszuplatzen. Dagegen was ihm von den Reden der Christine mitgetheilt wurde, gefiel ihm und er freute sich ihrer »Einsicht.«

Seinen ganzen Beifall hatte der Entschluß des Mädchens, als Magd zu dienen. Die Fragen, die ihn belästigten, fanden damit ihre Erledigung und das gegenwärtige bängliche Beisammensein ein Ende. Er mußte sich sagen, daß in Christine doch ein Geist wohne, der nach mehr aussehe, als er ihr bisher zugetraut hatte. Es war ihm recht, daß sie gerade zum Holzbauern kam, und er rechnete es ihr als Tugend an, daß sie ihn nicht scheute. »Bei dem,« sagte er zu sich selber, »ist sie am rechten Platz, um das Frauenzimmer ganz wegzucuriren und wieder etwas nutz zu werden für das Dorf.«

Die Berichte, die nach einander von den zwei Basen gemacht wurden, konnten seine Achtung vor ihr nur erhöhen und seinen innerlichen Beifall nur verstärken. Er überzeugte sich, daß Christine einen Zweck habe, so zu handeln, und er glaubte ihn zu kennen. Da es nun gerade nicht nöthig ist, Philosoph oder Theolog zu sein, um zu wissen, daß eine unter gewissen Umständen, mit Fleiß und aus guten Gründen erduldete Beschimpfung keine Schande, sondern vielmehr Ehre bringt; da es zu dieser Einsicht genügt, nur kein Geck zu sein und das Herz auf dem rechten Fleck zu haben, so konnte Hans auch bei der zweiten Meldung nicht mit der Entrüstung und dem Lamento seiner Base harmoniren. Nachdem er dieser seine Meinung gesagt und in der Einsamkeit das Vernommene wieder überdacht hatte, rief er im Gegentheil zufrieden für sich hin: »Bravo!«

Man würde unsern Freund mißverstehen und ihm Unrecht thun, wenn man glauben wollte, die Achtung, die er empfand, sei der Art gewesen, daß sie in natürlicher Steigerung zum Wiederaufleben seiner Liebe führen mußte und nicht mehr weit davon entfernt war. Er fühlte Respekt vor dem Respektabeln, er freute sich an dem Erfreulichen — nichts weiter. Alte Liebe rostet nicht, sagt das Sprüchwort; aber gerade bei den liebefähigsten Menschen kann sie unter Umständen doch etwas rostig werden. Die liebefähigsten sind nämlich in der Regel auch die liebeklarsten und fühlen und wissen, daß an der Geliebten eben ihre Liebe die höchste und schönste, d. h. die liebenswürdigste Eigenschaft ist. Wenn diese ihre Liebe nun dahinschwindet oder als bloßer Schein erkannt wird, dann schwindet für einen solchen Menschen eben das Höchste, das Licht und Leben der Schönheit hinweg, und die Flamme, die von der Anschauung dieses Höchsten genährt war, muß zu Boden sinken.

Unser Bauernbursche hatte treu geliebt in Hoffnung, wenn auch anfangs mit schüchterner Hoffnung; er hatte verziehen und wieder geliebt, als er in der Geliebten Reue und Liebe zu sehen glaubte; er hatte das Leid der unglücklichen Liebe im Grund seines Herzens durchgelebt und überwunden. Damit war's aber auch zu Ende.

In seiner jetzigen Gesinnung und in der Freude, daß eine Jugendfreundin, eine Verwandte von ihm sich so über Erwarten hielt, hätte er übrigens der Christine gern seinen Beifall kundgegeben und sie dadurch in ihrer Handlungsweise bestärkt; aber das ging unter den bestehenden Verhältnissen nicht an. Da bot ihm der Zufall unverhofft eine Gelegenheit, für sie doch gewissermaßen etwas zu thun und zugleich, einem alten Grolle genügend, sein Müthchen zu kühlen.

Eines Sonntags nach Tisch begab er sich nach Oettingen. Er hatte dort Einkäufe zu machen, ging hin und her und stärkte sich endlich durch ein Maß kühlen und kräftigen Sommerbiers. In rüstiger Stimmung und etwas unternehmungslustiger als vorher trat er aus der Wirthsstube auf die Straße. Kaum war er ein paar Schritte gegangen, als er von weitem eine Gestalt erblickte, die ihm bekannt war. Seine Augen täuschten ihn nicht, denn er hatte gute Augen — es war der Mann, der ihm sein ganzes Leben verdorben — der, welcher ihm das Liebste abwendig gemacht und es dann gekränkt und unwürdig behandelt hatte: es war der Lehrer Friedrich Forstner, der in Begleitung eines andern ihm entgegenkam. Als er ihn erkannte, so daß er nicht mehr zweifeln konnte, fuhr ein Zorn und ein Geist der Rache in ihn, der für den Menschen, der ihm sein Glück gestohlen, eine exemplarische Züchtigung verlangte. Allein er hatte Zeit zu überlegen; eine andere Stimme ließ sich in ihm hören und er sagte sich unmuthig und geringschätzig: »Ich kann's ihm nicht machen, wie er's verdient — der Kerl blieb' mir in der Hand.« Das gute Glück hatte gleichwohl eine Art Genugthuung für ihn bereit. Forstner war mit seinem Begleiter — seinem künftigen Schwager Dobler — in eifrigem Gespräch; er erkannte den Hans nicht und sah nur im Allgemeinen, daß ein Bauernbursche auf ihn zukam. Von einem Gönner, den er besucht hatte, besonders freundlich behandelt, fühlte er sich noch etwas höher als gewöhnlich, und daß nun ein Bauernbursche, wenn er ihm begegnete, mit Respekt auf die Seite treten müsse, das verstand sich von selbst. Hans aber ging fest und gerade auf ihn zu; er wich, im Gefühl der Gleichheit, nur zur Hälfte aus, Forstner im Bewußtsein des Höherstehens gar nicht, und so stießen sie aneinander. Diesen Moment benutzte der Brave, um dem Zierlichen einen Ruck zu geben, daß er und sein Begleiter drei Schritte weit auf die Seite flogen und sich mit Mühe auf den Beinen hielten. Dobler raffte sich zuerst auf und rief zornig: »Was ist das für ein unverschämter« — — Aber Forstner hielt den Vordringenden bei der Hand zurück und rief ihm ein gedämpftes, warnendes »Ruhig« zu. — Er hatte den Vetter erkannt, sein Gewissen hatte sich gerührt und seinen Muth beschwichtigt. — Hans richtete seinen Kopf stolz empor und fragte: »Ist den Herren was gefällig?« Es mußte ihnen wohl nichts weiter gefällig sein, denn sie wichen der »brutalen Gewalt« und gingen ruhig weiter. Der Sieger schritt befriedigt und in männliche Gedanken verloren vorwärts. Plötzlich stieß er wiederum an und eine gewaltige Baßstimme rief: »Kreuzmillionen, was ist denn das?« Er sah auf, erkannte den stärksten Burschen seines Dorfs, lachte gutmüthig und sagte: »Nichts für ungut, Bruder, ich bin in Gedanken gewesen!« — Der Stattliche, wieder begütigt, sagte mit Achselzucken: »Du bist aber »ebbes« in Gedanken! Will das gar kein End' nehmen?« — Unser Freund hätte zur Erklärung gern sein kleines Abenteuer erzählt; er fühlte aber, daß es ihm nur unliebsame Bemerkungen zuziehen würde, und schwieg und sprach auf dem Heimweg mit dem Kameraden nur über Gegenstände des Feldbaus.

Die Zeit der Ernte kam heran und gab auch im Hause der Glauning vollauf zu thun. Es war sehr heiß diesen Sommer, man hatte viel auszustehen beim Schneiden und Sammeln; die Beschwerden der Mutter wurden aber dadurch noch vermehrt, daß sie sich die Leiden der Tochter vorstellte. »Gott,« rief sie einmal aus, als die Sonne gewaltig niederbrannte, »wie wird es meiner Christine gehen! Die schwindet mir ganz zusammen diesen Sommer und wird alt vor der Zeit!« — Hans, dem sie diese Worte zu Gehör geredet, lächelte und schwieg. Die Alte fuhr fort: »Wie sie wieder heimgekommen ist von der Stadt, bin ich froh gewesen, daß ich ihre Bauernkleider und sonstige Ausstaffirung nicht verkauft gehabt hab', denn ich dacht' mir: wer weiß, was geschieht! Aber jetzt, wenn sie so zusammengeht, wie ich höre, kann sie die Sachen ja doch nicht brauchen, und es wär' gescheidter gewesen, ich hätt' sie weggegeben.« — Hans zuckte die Achseln; dann sagte er: »Was der Sommer nimmt, das bringt die Winterszeit wieder. Wenn's kühl wird und die Arbeit nicht mehr so scharf geht, dann wird sie schon wieder runder werden, Eure Christine. Und dann wird auch gewiß bald ein Hochzeiter da sein. Wenn sie ein Jahr beim Holzbauern gedient hat, dann hat sie die Prob' gemacht, und dann werden Bursche, die ein sauberes und fleißiges Weib suchen, von allen Seiten kommen. Verliert den Muth nicht, Base! Solche Mädchen bleiben nicht übrig im Ries!« — Ein tiefer Seufzer war die Antwort. Die Wittwe hatte ihre frühere Sicherheit ganz verloren; sie konnte nicht mehr glauben an ein Glück, und die Worte des Hans, die ihr wie Spott klangen, waren nicht geeignet ihren Geist aufzurichten.

Mühevoll — denn auf die heißen Tage folgte noch Regenwetter — und freudlos — denn sie wußte nicht, für wen sie sich eigentlich so plagte — ging die Erntezeit für die Glauning vorüber. Als die Feldfrüchte, auf die es hauptsächlich ankam, im Stadel gesichert waren, hatte sie doch wieder eine frohere Empfindung. Sie berechnete, daß sie vorwärts kam in diesem Jahr und von dem Ausfall des letzten etwas zu decken vermochte, und so etwas muß einer Person, die von Kindesbeinen an auf's »Hausen und Sparen« gerichtet wird und nur durch die Ehre zu außergewöhnlichen Ausgaben vermocht werden kann, immer wohl thun.

An einem Sonntag im September, nach dem Essen, saß die Gute mit Hans an dem abgedeckten Tisch. Sie hatten eben zusammen eine Geldzählung vorgenommen, die zu ihrer Zufriedenheit ausgefallen war, und erfreuten sich daher einer Stimmung, in der sie eine gemüthliche Ansprache hielten. Die Wittwe hatte dem Vetter eben wieder bedeutendes Lob gezollt, als die Thüre aufging und mit den Worten: »Grüß euch Gott miteinander!« die Hubel in die Stube trat. Ihr Aussehen fiel dem Burschen im ersten Moment auf. Sie war nicht nur vergnügter als gewöhnlich, sondern zeigte auch eine eigenthümliche Feierlichkeit, wie eine Person, die sich bewußt ist, etwas in der Hand zu haben. Nach den ersten allgemeinen Fragen und Antworten rief die Glauning gastfreundlich: »Dasmal muß ich aber der Bas einen Kaffee machen — ich thu's nicht anders!« — Die Hubel versetzte: »Ich hab' nichts dagegen; denn ich hab' heut' früher gegessen als sonst, von wegen weil ich bald wieder zu Hause sein will, und mir ist's »wäger« (wahrlich) schon wieder »a bisle eitel« im Magen.« — »Der Hans da,« bemerkte die Wittwe, »kann dir unterdessen was Neues verzählen, oder du ihm.« — »Wie's kommt,« erwiederte die Hubel. »Gott sei Dank, jetzt sieht er doch wieder aus, daß man sich ein Wort mit ihm zu reden getraut!« — »Ja,« sagte die Glauning, »ein wenig hat er sich gebessert,« und verließ die Stube.

Sie wollte was Rechtes machen, denn ihre verständige Ansicht war immer: entweder gar keinen Kaffee oder einen guten. Gebrannte Bohnen waren in einem Haus, wo das Kaffeetrinken zu den Ausnahmen gehörte, natürlich nicht vorräthig, und ihr war das lieb; frischgebrannte gaben ein besseres Getränk, und wenn sie ein wenig später fertig wurde, was schadete das?

Freilich dauerte es nun geraume Zeit, bis sie die blanken zinnernen »Kanden« (Kannen) füllen konnte. Als sie diese mit glücklicherweise vorhandenen Schneckennudeln in die Stube trug und auf den Tisch setzte, fiel ihr, die sich bei dem Auftreten der Base nichts Besonderes gedacht hatte, doch das Ansehen des Hans auf. Glänzend saß er da, ein freudiger und ein stolzer Blick ging aus seinen Augen, und noch dazu schien es, als ob er das Vergnügen, das er empfand, gar nicht alles heraus lassen wollte. — Verwundert sah die Wittwe von dem einen zur andern und sagte dann: »Ihr müßt euch ja recht gut unterhalten haben. Seit langer Zeit hab' ich den Hans nicht so hellauf gesehen!« — Dieser nahm sich zusammen und erwiederte: »Man spricht von allerhand. Und die Base da kommt unter die Leute und wird immer was Neues inne.« — »Das ist wahr,« sagte die Hubel, »und »ebbania'« (etwanje, zuweilen) ist's recht gut, wenn man was erfährt, und manchem geschieht ein Gefallen damit, wenn man ihm zu rechter Zeit was sagt.«

Diese Reden und die beiden Gesichter dazu kamen der Glauning seltsam vor. Hatte die Hubel eine ausfindig gemacht, die den Hans wollte, eine schöne und eine reiche — am Ende eine Bauerntochter? Darnach sah er wahrhaftig aus! Und einem Burschen mit seinem Geld und mit dem Lob, das er hatte, konnte auch gar wohl ein solches Glück anstehen. — Ihr Herz war bei diesen Gedanken plötzlich schwer geworden; es kostete sie Mühe, die schickliche Freundlichkeit aufzubringen, mit welcher zum Trinken und Zulangen ermahnt werden mußte. — Nach einer längeren Pause, die mit dem Genuß und Lob des Kaffees ausgefüllt wurde, begann die Wittwe: »Aber nun erzähl' mir doch noch etwas von meiner Christine. Ist sie immer noch so schmal?« — »Stark ist sie nicht geworden,« erwiederte die Base, »aber sie ist gesund und wohlauf.« — »Gott sei Dank!« versetzte die Mutter, »das ist doch das Best'. Und ist derweil nichts mehr vorgefallen mit dem Bauern?« — »Nichts was der Rede werth wäre zu sagen. Du weißt ja, der ist eben, wie ihn unser Herrgott erschaffen hat, und wenn er bös ist, wird er auch wieder gut.« — Die Mutter erwiederte: »Was hilft's, wenn man einem den Kopf herunter gerissen hat und will ihn dann wieder aufsetzen! — Aber was sagt man denn bei euch im Dorf über sie?« — »Nichts als Gutes, Base. Man sieht, wie sie schafft und aushält, und alle ordentlichen Leute schätzen sie und loben sie.« — »Nun, das ist doch ein Trost,« erwiederte die Mutter. Und mit einem Selbstgefühl, das ihrem gedrückten Wesen eine Art Würde verlieh, setzte sie hinzu: »Ein braves Mädchen ist sie eben doch, die Christine. Und wer weiß, am End' gibt's auch für sie noch ein Glück in der Welt.« — Nach kurzem Schweigen bemerkte sie: »Nun sag' ihr aber, sie soll mich endlich einmal besuchen, jetzt, wo die Hauptarbeit doch gethan ist.« — Die Andere schüttelte den Kopf: »Darüber hat sie ihre eigenen Ansichten, Base, ich glaub' nicht, daß sie jetzt schon kommt. Besuch du lieber mich einmal, dann kannst du sie bei mir sehen.« — »Ist das eine Welt jetzt!« rief die Wittwe. »Die Kinder folgen ihrem Kopf und die Alten sollen ihnen folgen! — Nun, ich will sehen.«

Das Gespräch wandte sich andern Gegenständen zu, wobei auch Hans wieder mitreden konnte. Endlich erklärte die Hubel, es sei die höchste Zeit, sie müsse fort. Die Mutter gab ihr die Hand, dankte für den Besuch und trug ihr Grüße an ihre Tochter auf. »Habt auch von mir Dank,« fügte Hans hinzu, »und kommt gut heim.« Die Wittwe sah ihn mit einem Blick an, der wahre Gekränktheit verrieth. »Nun,« sagte sie, »läßt du die Christine nicht auch grüßen? Einen Gruß ist sie doch wohl noch werth, sollt' ich glauben!« — »Meinethalb,« rief Hans, »grüßt sie auch von mir!«

Am Abend ging der Bursche in's Wirthshaus. Der mannhafte Schritt, mit dem er auftrat, das Glück, das aus seinem Gesicht leuchtete, konnten nicht unbemerkt bleiben. »Was Teufel ist denn mit dem Hans?« rief ein junger Mensch an einem Tisch zu seinen Zechgenossen; »der sieht ja aus, als ob er das große Loos gewonnen hätt'!« — »Wird wohl endlich eine gefunden haben, die ihm ansteht,« warf ein anderer hin. »Kannst Recht haben,« versetzte jener Gewaltige, an den Hans in Oettingen in seinen Siegesgedanken angestoßen war. Und mit einer gewissen großartigen Geringschätzung setzte er hinzu: »'S ist doch merkwürdig, was der Mensch auf d'Weibsbilder gibt! So'n Kerl, und läßt sich von der einen traurig und von der andern wieder vergnügt machen! Bah! das könnt' mir einfallen!« — Der erste bemerkte: »'S ist so ein Stiller, der Hans, die sind alle so.« — Und der zweite sagte: »Am End' ist's ihm auch zu gönnen, wenn er eine kriegt nach seinem Sinn. Die Christine hat ihm doch Verdruß genug gemacht.«

Hans war an einem andern Tisch niedergesessen, den etliche nähere Bekannte von ihm in Besitz genommen hatten. Nach dem Naturgesetz, das auf dem Lande wie in der Stadt, in der niedersten wie in der höchsten Schichte der Gesellschaft gilt, muß jeder, der ein auffallendes Vergnügen blicken läßt, geneckt werden. Dieß geschah denn auch unserem Burschen. Fragen wurden gestellt und Vermuthungen geäußert, die sich alle um den vorhin erörterten Punkt drehten. Hans war indeß nicht in der Stimmung ärgerlich zu werden, im Gegentheil, sein Humor stieg in Folge der Angriffe; er duckte einen, der sich ungeschickt dabei benahm, gehörig in's Wasser und bekam die Lacher auf seine Seite. Als er an einem andern Tisch Bescheid that, sagte einer der Bekannten: »'S ist schon richtig, er hat eine! — aber wen?« — Man rieth hin und her, konnte aber nicht schlüssig werden und tröstete sich mit dem Gedanken, daß es jedenfalls wieder eine Hochzeit geben werde und einen lustigen Ansing.

Jeden Tag in der Woche erwartete die Glauning, daß der Vetter im Staat vor sie treten und sagen würde, er müsse über Land gehen; denn ihr saß der Gedanke, der in ihr aufgestiegen war, so fest im Kopfe, wie den Kameraden des Burschen. Als sie sich auch am Donnerstag getäuscht sah, meinte sie: nun wird er am Sonntag gehen. Und in der That, am Vorabend erklärte Hans, er werde morgen über Land — fahren. »Fahren?« rief die Wittwe betroffen. — »Warum nicht?« erwiederte Hans lächelnd. »Der Hiesinger leiht mir seinen Braunen und sein Wägele. Und darf sich unser einer nicht auch einmal ein Plaisir machen?« — »Wegen meiner fahr' du,« entgegnete die Glauning. »Du bist dein eigener Herr und kannst thun was du willst.« — Sie that ihm aber nicht die Ehr' an oder sie hatte nicht den Muth, zu fragen wohin.

Am andern Tag, im Schein der Morgensonne, als der Bursche von ihr Abschied nahm, geputzt wie nochmal einer, der »auf d'Gschau« geht, hatte sie doch so viel Kraft erlangt, mit einer Art von Lächeln zu sagen: »Nun, Hans, ich wünsch' dir viel Glück! Du wirst dir hoffentlich nicht einbilden, daß ich nicht weiß, worauf du ausgehst?« — »Nein,« erwiederte Hans gemüthlich. »Vor Euch kann man sich nicht verstellen, Base — und ich versuch's auch nicht. Was wollt Ihr? einmal muß man doch dran!« — Er gab ihr die Hand und verließ mit kräftigen Schritten den Hof. Die Base sah ihm nach. »Wie sicher er seiner Sach' ist!« dachte sie. »Nun, wenn er ein Glück macht, ich muß es ihm gönnen — allein um mich hat er's verdient.« Diese Gedanken konnten aber doch nicht bewirken, daß sie sich über sein Glück freute; im Gegentheil, sie hatte ein Gefühl, als ob ihr der letzte Rest des ihrigen genommen würde.

Hans ging zu dem Bauer, den er Hiesinger genannt. Das Wägelchen stand im Hof, aber der Gaul wurde noch gefüttert. »Mach' »fürsche« (vorwärts),« rief der Bauer dem Handknecht mit Laune zu, »und spann an! In solchen Geschäften will man bald an Ort und Stelle sein.« — Einige Minuten später, und Hans fuhr im Trab durch's Dorf. »Aha,« rief einer von seinen Kameraden, der ihn sah, »nun werden wir's bald inne werden!«

Wenn die Glauning gesehen hätte, in welchen Weg der Bursche einlenkte, dann hätte vielleicht ihr Herz zu klopfen und wieder zu hoffen angefangen. — Die Leser haben das Ziel der Fahrt schon errathen — sie sind scharfsichtiger als die Bauern. Sie wissen, daß eine Geschichte nach ihrem Anfang und Verlauf nur Einen, d. h. eben nur den Ausgang haben kann, der im Verlauf begründet ist; und zwar nicht, weil es der Erzähler so will, sondern weil es bei den Personen, an denen es überhaupt etwas zu demonstriren liebt, das Schicksal so will, dem der Erzähler folgen muß. Könnte nach allem Bisherigen ein Erfahrener noch in Zweifel sein, wohin das Wägelchen unseres Burschen rollte? Er fuhr dem Dorf zu, in welchem Christine sich befand. Er konnte es, er durfte es — er mußte es; und das hoff' ich jedem klar zu machen, wenn ich erzähle, was sich unterdessen begeben hatte.

Die Art, wie Christine bei dem Holzbauern ihre Pflicht erfüllte, zusammengehalten mit ihren ungewöhnlichen früheren Erlebnissen, hatte die Aufmerksamkeit des ganzen Dorfs *** auf sie gelenkt. Das Mädchen hatte die Zweifler und Spötter, die sich auch dort aufgethan, beschämt; ihr ausdauernder Fleiß in dem beschwerlichen Dienst hatte ihr nicht Geringschätzung, wie die Mutter gefürchtet, sondern Achtung, bei Einzelnen sogar Bewunderung erworben. — Mit der Zeit wird jeder Tugend ihr Recht auch in dieser ungerechten Welt. Die Anfeindung stumpft sich ab, das Geklatsche wird langweilig und vergeht, die Anerkennung tritt an seine Stelle und besteht.

Bei Christine kam noch etwas anderes hinzu, was ihr eine besondere Bedeutung gab. Ihr Aussehen hatte sich nicht so geändert, daß man sie nicht mehr für ein ungewöhnlich hübsches Mädchen hätte müssen gelten lassen. Die frühere Fülle allerdings war nicht wiedergekehrt; aber die verhältnißmäßige Schlankheit, mit der sie aus der Stadt heimgekommen war, hatte in Folge der ländlichen Arbeiten einen gesunden Charakter erhalten. Ihre Gesichtsfarbe war keineswegs gelb, wie die Hubel auch für die erste Zeit übertreibend berichtete, sondern der ihr eigene bräunliche Ton war nur kräftiger geworden, hatte dann aber auch wieder einen Hauch frischen Roths erhalten. Sie war noch immer die »schöne Christine,« die ehemalige Lehrersbraut und jetzige Bauernmagd; aber sie war mehr als das. Ihr Gesicht hatte einen eigenen höheren Charakter erhalten — den Charakter, der das natürliche Erzeugniß innern Lebens und einer Kraft ist, wie sie die Geprüfte besaß und bewies. Eine tiefe Leidenschaft, die man aus Stolz zu verheimlichen entschlossen ist; den Willen, eine Handlungsweise, die man als unrecht erkannt hat, zu büßen und sich in die Folgen seiner Schuld unbedingt zu ergeben; den Willen, seine Pflicht zu thun, wie schwer sie einem auch gemacht werde, und seine Ehre darein zu setzen, gerade da auszuhalten, wo andere nicht die Stärke dazu fänden — dergleichen kann man unmöglich in Kopf und Herzen tragen, ohne daß der Abglanz davon auf dem Gesicht bemerklich würde. Ob sie nun im Haus, auf dem Felde thätig war, oder ob sie in der Kirche den Worten des Geistlichen horchte, die Magd Christine hatte etwas in ihrem Wesen, dessen sich kein anderes Mädchen im Dorf rühmen konnte. Die Töchter der wohlhabenden Bauern konnten den Kopf hoch halten und an Festtagen in ihrem besten Staat und ihrer Stellung sich bewußt mit fein geschlossenem Mäulchen anmuthig über die Gasse sich schwenken, so fein und so vornehm sah doch keine von ihnen aus, wie unsere dienende Heldin, und aus keinem Auge blickte so viel Seele, als aus den uns bekannten graublauen, die mit dem Gehalt (wenn dieses Wort hier gestattet ist) auch an Umfang zugenommen zu haben schienen.

Unter denen, die das Mädchen und ihr Verhalten zu taxiren wußten, stand eine Familie obenan, und zwar eine Bauernfamilie. Der Vater war ein Landmann der besten Art — einer von denen, die ihren Stand hoch halten, aber noch höher die Tugenden, die den ächten und rechten Bauer machen. Er führte mit Weib und Kindern einen musterhaft geregelten Haushalt, und die Folge war, daß er, der mit Schulden begonnen hatte, jetzt unter die Wohlhabendsten des Orts zählte. Der Kinder waren nur zwei, ein Sohn und eine Tochter, jener siebenundzwanzig, diese neunzehn Jahr alt, beide noch unverheirathet. Der Sohn, ein Abbild seines Vaters und nur etwas weniger lustig, als der Alte im ledigen Stand gewesen, befand sich wohl unter dem Regiment der Eltern, und darum und weil er einigermaßen scheu war und wählerisch, hatte er noch keine Frau gefunden und noch nicht den ihm gebührenden und bestimmten Hof erhalten. Die Tochter, ein angenehmes, gutes Geschöpf, trug schon ein Bild in ihrem Herzen, d. h. ein Mannsbild. Ein Bauernbursche, der alle Qualitäten besaß, die sie und ihre Eltern nur verlangen konnten, war ihr gewogen, und ihre Hochzeit stand in Aussicht, sobald der Vater des Liebhabers sich entschloß, den Hof zu übergeben.

Diese Familie war es, die unsere Christine von allen zuerst mit günstigen Augen betrachtete. Der Alte, der an ihr die guten Eigenschaften wahrnahm, die er von einem rechten »Bauernweibsbild« verlangte, rühmte sie, und Mutter, Kinder und Ehehalten stimmten mit ein. Was man von ihrem Schicksal erfuhr, konnte dem Mädchen bei wohlwollenden Beurtheilern nicht schaden. Hatte sie schon als halbe Mamsell in der Stadt gelebt, so war es um so verdienstlicher, daß sie eine so brave Magd wurde, und die Gerüchte, welche zuerst über sie umliefen, wurden durch ihren streng ehrbaren Lebenswandel vollkommen widerlegt. Sie war noch nicht sechs Wochen im Dienst, als der Alte schon zu seinem Weib sagte: »Wenn das Mädchen eine Bauerntochter wäre, eine bessere für unsern Sohn könnten wir nicht bekommen.« — Nach und nach erfuhr man, was die Glauning der einzigen Tochter immer noch mitgeben konnte, und wenn es auch nur den vierten Theil dessen betrug, was der Alte gab, so verfehlte es doch nicht, das Haupt der Magd in seinen Augen mit einem gewissen Schein zu umgeben. Endlich kam es dahin, daß der wackere Mann sich fragte: »Muß es denn gerad' eine Bauerntochter sein? Und wenn sie weniger hat als mein Sohn, ist ihr Fleiß, ihre Geschicklichkeit und ihre Tugend nicht mehr werth als Geld und Gut?« Weib und Tochter, denen er seine Gedanken mittheilte, traten ihm lebhaft bei. Gutmüthig, wie sie waren, hatten sie das Mädchen in's Herz geschlossen, und die Tochter namentlich interessirte sich für den Heirathsplan mit dem ganzen Eifer einer liebesglücklichen Jungfrau. Sie sprach mit dem Bruder und brachte aus ihm heraus, daß er ganz im Stillen selber schon ein Auge auf Christine geworfen! — Allgemein war die Zufriedenheit über diese Entdeckung; nach der Ernte hielt man nochmal einen Familienrath und das Projekt gedieh zum festen Beschluß.

Das Mittel der Liebeswerbung konnte unter den gegenwärtigen Umständen allerdings nicht in Anwendung kommen. Wäre unser Freier auch der Mann gewesen, ein Mädchen durch Schmeichelreden zu gewinnen, so hätte er von dieser Fähigkeit gegenüber einer Magd beim Holzbauern doch keinen Gebrauch machen können. Aus allen Gründen mußte man den bewährten alten, auch jetzt noch immer praktischen Weg der Unterhandlung durch eine dritte Person gehen, und wandte sich an Base Hubel.

Hilf Himmel, welch einen Eindruck machte die Eröffnung auf die nicht sehr bemittelte Söldnerin! Ihr Bäschen eine Bäuerin — und was für eine! Sie selber zur Freundschaft einer der ersten Familien im Ries gehörig! Und sie hatte das in der Hand! sie sollte das machen — sie wurde darum gebeten! Das Entzücken der guten Frau war so groß, daß sie für den ersten Augenblick sprachlos dastand, weil sie ganz eigentlich den Mund nicht mehr zusammenbringen konnte, um Worte zu bilden, so daß Mutter und Tochter, welche die Eröffnung gemacht hatten, sich Mühe geben mußten, das Lachen, das sie ankam, zu einem Lächeln zu mildern. — Natürlich versprach die Gebetene, als sie endlich sprechen konnte, Alles. Die Sache war schon gemacht — sie brachte das Jawort der Christine heut Abend noch. Gott, welche Ehre war es für diese und welche Freude! Welche Ehre und welche Freude für die Base Glauning und für sie alle miteinander!

Mit brennendem Kopfe lief sie zu dem glücklichen Mädchen. Es war an einem Feiertag nach der Betstunde, und Christine konnte ihrer Einladung zu einer wichtigem Unterredung in ihrem Hause ungehindert folgen. Als sie allein waren, bedachte die Erfahrene, daß das Mädchen vielleicht vor Freude in Ohnmacht fallen könnte, wenn sie ohne weiteres ihren Auftrag ausrichtete; sie begann daher mit Reden, welche sie auf das beispiellose Glück, das ihrer wartete, vorbereiten sollten. Christine, ungeduldig, fragte, was es denn wäre. Die Unterhändlerin machte ihre Eröffnung triumphirend und in der sichern Erwartung, die Glückliche würde, außer sich, ihr um den Hals fallen, mit Freudenthränen »ja, ja« rufen und des Dankes kein Ende finden. Welch ein Erstaunen, ja welch ein Schrecken, als Christine nach vorübergehendem, leichtem Rothwerden ernst und ruhig erwiederte: »Die Leute sind gut gegen mich und thun mir eine große Ehr' an. Ich dank' ihnen auch von Herzen dafür, aber ich kann's nicht annehmen, Base.« — Die Hubel sah starr auf sie, wie auf eine plötzlich toll Gewordene. »Du willst's nicht annehmen?« rief sie endlich. — »Ich kann nicht,« war die Antwort. — »Bist du rasend, Mädchen?« — »Nein, ich bin bei gutem Verstand. Geht zu den Leuten und dankt ihnen in meinem Namen recht schön, und sagt ihnen, ich kann nicht heirathen — weil ich überhaupt nicht heirathen will!«

Zu dem Erstaunen der Base gesellte sich jetzt die Entrüstung, der Geist und die Autorität einer Mutter fuhr in sie, und sie stellte dem Mädchen vor, welch unsinnigen Streich sie mache, wenn sie eine der ersten Bäuerinnen im ganzen Ries werden könne und nicht wolle. »Hast du etwas gegen die Leute? Hast du etwas gegen den Menschen? Ist er nicht brav und geschickt und häuslich und ein sauberer Bursch obendrein?« — Christine mußte das zugeben. — »Und du willst nicht? Du willst so ein Glück versäumen, mit Füßen von dir stoßen? Warum? weßwegen?« — Das Mädchen, bewegt, geängstigt, rief: »Um Gotteswillen, Base, fragt mich nicht! — es geht nicht!«

In dem Kopf der Hubel blitzte ein Gedanke. »Wär's möglich,« begann sie, »hättest du einen andern im Kopf? Denkst du vielleicht« — (die Wangen des Mädchens begannen sich zu färben) — »kannst du deinen Schulmeister nicht vergessen?« Die Farbe verging wieder auf dem Gesicht der Gefragten und ihre Lippe verzog sich geringschätzig. Da ging der Base ein Licht auf wie eine Fackel; sie rief bestimmt: »Du hast den Hans im Kopf!« — Eine glühende Röthe überströmte das Gesicht der Armen, sie zitterte — Thränen stürzten ihr in die Augen. — »Der ist's also! der Vetter! Himmel, was ist das!« — »Ja,« rief das Mädchen, die jetzt wirklich außer sich gebracht war, »der ist's! der beste Mensch, der bravste Mensch, und mir der liebste auf der Welt! Ich hab' schändlich gehandelt gegen ihn, er haßt mich, er verachtet mich, und er hat Recht, und ich will's nicht anders haben. Aber nun wißt Ihr, warum ich auf Euch nicht hören kann! Ihn krieg' ich nicht und verdien' ich nicht, einen andern will ich nicht und mag ich nicht, und darum heirath' ich nicht und will als Bauernmagd leben und sterben!«

Die Frau, von der Leidenschaft des Mädchens überwältigt, verstummte. Sie kannte den Wunsch der Glauning, ihre Tochter an Hans verheirathet zu sehen; sie wußte, daß er der Mann war, ein Weib glücklich zu machen; aber wenn er sie nicht mehr wollte, war's nicht ganz widersinnig, wegen seiner ein ganzes Lebensglück aufzuopfern? Sie mußte doch noch ein Wort reden, die erfahrene Mittelsmännin, und sie sagte daher, mit größerer Ruhe zwar, aber mit Nachdruck: »Mädchen, Mädchen, bedenke, was du thust! Ein solcher Antrag wird dir nicht wieder gemacht! Und wenn du ihn ausschlägst um eines Menschen willen, der nichts mehr nach dir fragt — aus Eigensinn, aus Tollheit — es wird dich reuen, all dein Lebtag wird's dich reuen.« — Aber hierauf erwiederte Christine bestimmt und entschlossen: »Base, ich hab' Euch gesagt, wie ich denke, und nun ist's genug. Streiten will ich nicht mit Euch. Redet also nichts mehr, es hilft Euch nichts, jedes Wort ist umsonst.« — »Gut,« versetzte die Hubel, »dann hab' ich wenigstens meine Schuldigkeit gethan und kann dich deinem Schicksal überlassen. Ich hätt' nicht geglaubt, daß ich von einem Mädchen, wie du bist, mit so einer Antwort zu solchen Leuten gehen müßt'. Aber sie warten darauf, ich hab' ihnen versprochen, die Antwort heute noch zu bringen, und ich will hingehen und sagen, daß du nicht willst und warum du nicht willst.«

Christine stand erschreckt. Das Geheimniß, das sie bewahren wollte vor jedermann, war ihr entrissen, und jetzt erst merkte sie's. Scham und Angst bemächtigten sich ihrer und im dringendsten Tone rief sie: »Nein, das dürft Ihr nicht! Sagt, daß ich überhaupt nicht heirathen will, daß ich mich für solche Leute nicht gut genug achte, sagt was Ihr wollt, nur sagt nichts vom Hans! Es könnte herum kommen — er könnt's erfahren, und (setzte sie heftig hinzu) er soll's nicht erfahren! Ich geh' nicht von Euch, Base, bis Ihr mir's versprecht! Gebt mir die Hand darauf, ich bitt' Euch, ich beschwör' Euch!« — »Gott,« entgegnete die Frau, »ist das ein Kreuz mit dem Mädchen! Nun gut, ich versprech' dir's.« — »Ich dank' Euch, Base,« rief das Mädchen herzlich und gerührt; »ich dank' Euch für all Eure Güte und Freundschaft! Sagt den braven Leuten alles Schöne und Gute in meinem Namen; sagt, ich wolle gar nicht heirathen, und sie würden sehen, daß ich auch keinen andern nehme. Sagt ihnen, ich würde keine Seele etwas merken lassen von ihrem Antrag, und sie sollten sich jetzt eine bessere aussuchen, als ich bin, denn mit mir wäre ihr Sohn doch niemals glücklich geworden.« Sie faßte die Frau bei der Hand und sah ihr in's Gesicht. Ihre Augen waren feucht geworden und füllten sich mit Thränen. Wehmüthig lächelnd, in liebevollem Ton sagte sie: »Ihr seid brav — ich kann mich auf Euch verlassen!« Und ihr die braune Wange streichelnd setzte sie hinzu: »So, nun geht und macht Eure Sache gut!« — Sie schüttelte ihr die Hand und verließ die Stube, nachdem sie ihr nochmal einen bittenden Blick zugeworfen hatte.

Die Base Hubel gehörte indeß nicht zu jenen Personen, die, wenn sie ein Versprechen gegeben haben, nun auch glauben, es unter allen Umständen halten zu müssen. Im Gegentheil, sie hatte eine heroische Ader in sich, und wenn sie gutmüthig genug war, auf eine dringende Bitte ja zu sagen, so besaß sie doch auch den Muth, sich »nach Gestalt der Sach« von der übernommenen Verpflichtung selber zu dispensiren und ihr Wort zu brechen. Als sie allein war, rief sie daher: »Du einfältiges Mädchen! Nichts sagen vom Hans? Das ist ja das Einzige, was in deine Antwort ein bischen Sinn bringt und Verstand, so daß ich nicht ganz in Schand' und Spott dastehen muß vor diesen Leuten, und du mit mir! Augenblicklich sollen sie's erfahren!« — Um vieles langsamer dennoch, als sie es verlassen hatte, ging sie in das Haus des Bauern zurück, traf die Eltern und die Tochter und erzählte alles, indem sie nicht versäumte, über den Wahnsinn des Mädchens entrüstet ihr Verdammungsurtheil auszusprechen. Die wackern Leute bedauerten die Antwort von Herzen; aber — offen zu reden — ihre Betrübniß wäre doch größer gewesen, wenn der Korb von einer in jeder Hinsicht Ebenbürtigen ertheilt worden wäre. Sie hatten doch daran denken müssen, welches Aufsehen die Verheirathung ihres Sohnes mit der Magd des Holzbauern machen würde, und der Umstand, daß nun dieses Aufsehen mit all seinen Unbequemlichkeiten wegfiel, erleichterte ihnen die Tröstung ihrer Seelen bedeutend.

Der alte Bauer klärte sich endlich auf und sagte zu der Hubel: »Nun habt Ihr Euer Geschäft aber erst halb gemacht.« — Die ihrer vornehmen Freundschaft beraubte und darum niedergeschlagene Söldnerin sah ihn fragend an. — »Die Hauptsach' ist jetzt, daß Ihr die Christine und ihren Vetter zusammenbringt.« — »Aber wie soll ich das anfangen?« rief das Weib. Der Bauer fuhr fort: »Hat nicht der Hans sein Bäschen für sein Leben gern gesehen?« — »Ja wohl,« erwiederte sie; »aber jetzt will er durchaus nichts mehr von ihr wissen.« — »Ganz natürlich! — weil sie ihn aufgegeben hat und er glauben muß, sie halte nichts von ihm und habe keine Zuneigung zu ihm. Geht aber jetzt nur hinunter und erzählt ihm, was die Christine gesagt hat und was geschehen ist, und dann seht zu, ob er noch immer nichts von ihr wissen will. Ich bin der Meinung (setzte er lächelnd hinzu), daß ihr noch immer Euern Kuppelpelz verdienen könnt.« — Das Gesicht des Weibes erhellte sich bei diesen Worten. »Ihr könnt wahrhaftig Recht haben! — Aber darf ich denn auch alles sagen?« — »Alles,« versetzte der Bauer, »mit der Bedingung, daß es unter der Familie bleibt.« — »O, das versprech' ich mit Freuden! Kein Mensch weiter soll etwas davon erfahren!« — Beim Abschied reichte die Bäuerin der Guten die Hand und sagte: »Habt Dank für die Mühe, die Ihr Euch unsretwegen gemacht habt. Wenn auch nichts draus geworden ist, so bleiben wir doch gute Freunde.« — »O,« rief die Hubel, »das ist eine große Ehre für mich! — Und wer weiß, vielleicht kann ich Euch doch noch einmal auf eine andere Art dienen!«

»Was für gute Leute das sind!« rief sie mit einem Seufzer, als sie ihrem Hause zuging; »'s ist doch Jammerschade!« — Etwas indeß war ihr geblieben. Sie faßte nun das neue Geschäft in's Auge und ihre Seele erheiterte sich wieder. »Wenn das geräth, wenn die Zwei zusammen kommen und glücklich sind, dann bin's eben doch ich, die's gemacht hat und der sie danken müssen für ihr Glück, so lang sie leben.«

Am nächsten Sonntag trat sie die Wanderung bei Zeiten an, um den Vetter sicher zu treffen, und erzählte ihm, während die Glauning den Kaffee machte, Alles und Jedes. Hans konnte nicht zweifeln; die Base beschwor ihre Aussagen bei allem, was heilig ist, und gab ihm in jeder Hinsicht die beruhigendsten Versicherungen. — Und nun erstand die entschlafene Liebe plötzlich, wie wenn ihr ein neues schöpferisches Werde zugerufen worden wäre. Der Deckel des Schreins, in dem sie verborgen lag, flog auf und sie glühte hervor und durchloderte und durchleuchtete ihn mit wonnevoller Glut. — Nun war's also doch geschehen, woran er nicht mehr glauben, worauf er nicht mehr hoffen konnte. Das Mädchen, das ihm lieber war als Alles, war sein! Sie war zur Erkenntniß gekommen, sie verstand ihn — sie liebte ihn — ihn allein und über alles! — O, nun war es besser als vorher — tausendmal besser! Er mußte ihr nicht nur vergeben — nein, Gott danken mußte er für den Weg, den sie geführt worden — Gott danken für ihr Leid und ihre Erkenntniß, und sie lieben und ehren und ihr Leben versüßen und sie glücklich machen — glücklicher, wenn's möglich wäre, als er selbst wurde! — Die Empfindungen des Glücks und des Dankes strömten durch sein Herz und erschütterten ihn so gewaltig, daß ihm Thränen in die Augen traten und die gute Verwandte in gerührter Theilnahme sich freute, daß ihr dieses zweite Werk gelungen war, und nicht das erste. Eine innere Stimme rief dem Glücklichen zu, vor der Mutter die Kunde noch geheim zu halten; er gebot der Hubel auf's strengste, seiner Base nichts zu sagen und sie auch nichts merken zu lassen, und eben so der Christine alles geheim zu halten. Die Hubel versprach beides. Sie kam der Mutter gegenüber der Forderung auch sogleich nach; der Liebende selbst aber vermochte es nicht, und die Glauning hätte das Geheimniß errathen müssen, wenn ihre Gedanken nicht schon vorher auf falscher Fährte gewesen wären.

Das war es, was unsern Freund bewog, heute dem Dorfe zuzufahren, in welchem Christine lebte. — Und nun kein Wort mehr zur Erklärung seines Handelns.

Als das nette »Gefährt« im Sonnenschein über den trockenen Weg hinrollte, näher und näher dem lieben Ziel, da hatte unser Freund eine glückselige Empfindung, und die Wirkung davon ward sichtbar in seiner ganzen Erscheinung. Man weiß, daß George Sand — eine Schriftstellerin, der ich gern das heutzutage so sehr mißbrauchte Wort »genial« zuerkenne, ohne darum alles in ihren Werken für wahr und schön zu halten — Personen in relativer Häßlichkeit auftreten und nach und nach schön, ja unwiderstehlich anziehend werden läßt. Sie kann sich damit auf die Wirklichkeit berufen. Es giebt Gesichter, an denen sich gar manches aussetzen läßt, sofern man sie nach einem Ideal der Formvollendung beurtheilt. Wenn aber die Seele sich entfaltet, wenn das Licht der Liebe, der Güte, des Glücks es durchleuchtet, dann ist ein solches Gesicht nicht nur charaktervoll, sondern schön; die Seele herrscht in ihm und schmelzt in allbelebender Strömung die Theile zum harmonischen Ganzen; die Schönheit der Seele triumphirt über die Form und macht diese zur Trägerin und Verkünderin ihres Glanzes; ihre Flamme bricht durch und überstrahlt die Züge und tilgt alles Widerstrebende darin hinweg. Daß ein solches Gesicht hernach das bloß äußerlich schöne in Schatten stellt, daß eine geliebte Person, die für seine höhere Schönheit empfänglich ist, sich davon entzückt, hingerissen fühlt, das ist durchaus natürlich — der natürliche Sieg des Innern über das Aeußere, des Geistes über den Stoff.

Wenn eine theilnehmende Freundin unsern Burschen heute gesehen hätte, so würde sie vielleicht gerufen haben: er sieht aus »wie verklärt;« denn dieses Wort ist unter dem Rieser Landvolk bekannt und wird ganz richtig angewendet. Und in der That, verklärt war das Gesicht des Guten, verklärt durch die Liebe, die der Gegenliebe sicher geworden, verklärt durch das Bewußtsein des Sieges, der zu der Liebe die Ehre gebracht hat. — Es ist eben doch schön, wenn man nicht mehr ganz allein auf sich und seine Tugend angewiesen ist, wenn man der Welt nicht bloß zu verzeihen, sondern auch etwas zu danken hat, wenn die Kraft der Seele getragen wird von der Schwellung des Glücks, wenn zu dem Gefühl, den Sieg zu verdienen, die stolze Freude des wirklich errungenen Sieges kommt. Aus dem Gesicht des Liebenden sprach jetzt nicht allein das Glück und die Freude, sondern auch die Würde des Mannes, der sich endlich auf die Stelle erhoben sieht, nach der er getrachtet hat und die ihm gebührt.

Als der Wagen in das Dorf rollte, lag auf diesem eben das feierliche Schweigen des Sonntags: die Kirche hatte eben begonnen und die Gemeinde horchte dem Worte des Geistlichen. Hans fuhr in's Wirthshaus, versorgte mit dem anwesenden Knecht das Roß und ging dann im Hof umher. Die Glocke, die beim Vaterunser geläutet zu werden pflegt, verkündigte das baldige Ende des Gottesdienstes, Hans erwartete es, sah die Leute des Hauses und der Nachbarschaft von der Kirche heimkehren, und machte sich endlich selber auf den Weg, mit Herzklopfen zwar, aber mit dem überherrschten eines Mannes, der mit tiefer Zuversicht dem Erfolg entgegengeht. Er hatte sich vorgenommen, bei der Geliebten sich nicht ohne weiteres auf die Erzählung der Verwandten zu berufen, er wollte so ruhig, als es ihm möglich war, als Besuch auftreten, zuerst von andern Dingen reden und selber hören und sehen.

Als er in den Hof trat, sah er das »Mädle«, d. h. die zweite Magd der Bauers. Er fragte nach Christine, indem er hinzufügte, er sei ein Verwandter und hätte mit ihr zu reden. Die Gefragte erwiederte, die Magd sei im Garten, und wies ihm den Eingang. Hans trat hinein und sah Christine von weitem Gemüse abschneiden, das ihr die Bäuerin zu bringen aufgetragen hatte. Sie war in der Kirche gewesen, hatte aber an dem warmen Tage den Kittel ausgezogen und bückte sich zu Boden in blanken Hemdärmeln, die indeß nur den Oberarm bedeckten. Als sie jemand gehen hörte, schaute sie auf. Sie erkannte den Vetter und sah erröthend vor sich hin.

Hans trat näher und sagte treuherzig: »Guten Tag, Christine!« — Die Gegrüßte dankte und erwiederte mit erkenntlichem Blick: »Du kommst herauf? Das hätt' ich wahrlich nicht erwartet!« — »Nun,« sagte Hans, »ich muß doch auch einmal sehen, wie's dir geht.« — Die Brust des Mädchens hob sich und ein leichter Strahl der Freude ging über ihre Züge. Sie versetzte: »Gottlob, mir geht's gut, ich bin gesund und zufrieden.« Und in der That, so sah sie aus. Hatten Sonnenschein und Regen in Frühling und Sommer sie erfrischt und gestärkt, so war sie in den letzten, weniger »unmüßigen« Wochen schon wieder auch etwas runder geworden und ihre ganze Erscheinung hatte den Charakter einer größeren sinnlichen Ruhe erhalten. Hans lächelte. »Das freut mich,« erwiederte er. »Du scheinst den Holzbauern nicht so schlimm zu finden, wie deine Vorgängerinnen?« — »Er ist auch nicht so schlimm,« versicherte Christine. »Hitzig ist er freilich, und wenn er in seinen Zorn kommt, weiß er nicht mehr, was er sagt; aber im Grund seines Herzens ist er ein ehrlicher Mann und meint's besser als so ein glatter, süßer Schwätzer. Seit dem letzten Sturm im Heuet« — setzte sie lächelnd hinzu — »kommen wir ganz gut mit einander aus. Ich paß' aber auch besser auf.« Nach einem Moment des Schweigens ernster geworden, sagte sie: »Was macht denn aber meine Mutter? Ist sie doch wohlauf?« — »Ja wohl,« versetzte Hans, »und auch zufrieden — bis auf die Gedanken, von denen sie zeitweis geplagt wird. Sie kann sich immer noch nicht drein finden, daß ihre Christine, ihre einzige Tochter bei einem andern dienen soll.« — »O,« rief das Mädchen, »daran wird sie sich eben doch gewöhnen müssen! Mir gefällt das Dienen, und ich bin lange nicht so vergnügt gewesen, wie jetzt.« — Der Bursche betrachtete sie mit innigem Wohlgefallen. »Ja,« sagte er, »du bist auch wieder eine ganze Magd geworden.« Und mit gutmüthigem Stolz setzte er hinzu: »Das Bauernhandwerk ist halt doch das schönste und gesündeste, und über den Bauernstand geht nichts in der Welt!« »Das ist wahr,« erwiederte Christine, durch seine Anerkennung geschmeichelt und erfreut. »Drum will ich auch fortarbeiten, weil ich seh', daß ich's doch nicht ganz vergessen hab', und dazu lernen, was ich noch nicht versteh', und das kann ich am besten auf so einem großen Hof wie hier. Sag' das meiner Mutter, sag' ihr nur, ich bin gern eine Bauernmagd und hoff's noch lange zu bleiben.«

Um den Mund des Burschen spielte ein fast unmerkliches schelmisches Lächeln. »Nun,« erwiederte er endlich, »auf einem Bauernhof kann man auch etwas anderes sein als Magd. Du bist keine Magd, wie die erste beste, du bist das einzige Kind deiner Mutter, und wenn das der Rechte erfährt und wenn er sieht wie du schaffen kannst in einem großen Werk, dann könnten wir auf einmal hören, daß die Magd eine Bäuerin geworden ist.« — Christine, des an sie ergangenen Antrages gedenkend, wechselte die Farbe und sah den Vetter scharf an; aber dieser hielt aus und verrieth seine Kenntniß der Sache mit keinem Zug. Das Mädchen entgegnete mit Ernst: »Ich trachte nicht so hoch hinaus; ich begnüge mich mit dem, was ich bin, und bleib' im ledigen Stand.« Eine sanfte Heiterkeit verbreitete sich über ihr Gesicht mit einem Hauch von Trauer gemischt, der sich indeß im Ausdruck wahrer Theilnahme verlor. Sie sagte: »Aber von dir hört man jetzt, daß du an's Heirathen denkst. Nun, wundern wird sich niemand darüber. Du weißt ja, wie oft ich dir selbst früher zugeredet hab'.« Und plötzlich erröthend rief sie: »Am End hast du schon eine? und willst mich zur Hochzeitmagd?« — »Eins ist wahr,« erwiederte Hans, »heirathen will ich.«

Das Mädchen erschrak bei diesen Worten, ihr Gesicht wurde blaß und im Augenblick darauf purpurroth. Aber nun war es zu Ende mit der Zurückhaltung des Burschen. Wie er die Zeichen der Liebe an dem Mädchen erblickte, die er sich erkoren hatte, als sie fast noch im Kindesalter stand, wie er das Bild, das ihn im Spiegel der Seele entzückt hatte, mit Augen schaute, da schlug die Flamme seiner Leidenschaft durch, und mit jenem Blick unendlicher Liebe, den er früher nur verstohlen auf sie zu richten gewagt hatte, sah er ihr muthig und gerade in die Augen. Und sie verstand ihn — mit der Schnelle des Blitzes erleuchtete sie die Erkenntniß, daß er alles wisse, und erschüttert und beseligt stand sie vor ihm. Hans ergriff ihre Hand und sagte im herzlichsten Ton: »Ja, Christine, heirathen will ich: aber ich brauch' keine Hochzeitsmagd, sondern eine Hochzeiterin!« Und als sie bei diesen Worten zuckte, als ob sie sich ihm entziehen wollte, rief er: »Laß mir die Hand! — Die Base hat mir alles gesagt. Ich bin heraufgekommen, um dich zu fragen, ob du mein Weib werden willst — und nun red' und sag' es!«

Das Herz des Mädchens drehte sich im Busen um vor Wonne; aber noch wagte sie nicht, das ihr vom Himmel gefallene allzugroße Glück anzunehmen und sie rief: »Wie! — mich, die so gegen dich gehandelt hat — mich willst du zum Weib?« — »Still!« entgegnete Hans mit einer Bewegung, als ob er ihr den Mund zuhalten wollte; »das ist vorbei und vergessen, und nun thu' dir nicht selber Unrecht. Ich kenne kein Mädchen in der ganzen Welt, die ich für besser und für rechtschaffener halte und die ich höher schätze, als dich.« — Nach dieser Ehrenerklärung, welche die Liebeserklärung diesmal ergänzte und sanctionirte, sah das Mädchen mit dem rührendsten Blick der Liebe und des Dankes auf ihn. »Ja,« rief sie mit Thränen in den Augen, »du bist eben immer der beste der Menschen! Wie viel hab' ich erfahren, wie viel hab' ich leiden müssen, um das einzusehen.« Und während die Thränen über ihre Wangen rollten, vergaß sie alles und fiel im Drang ihres Herzens dem Guten und Treuen um den Hals und küßte ihn und weinte an seinem Gesicht.

Sie hatten Glück, die Glücklichen. Kein Wesen sah diesen Vorgang, der am hellen Tag und unter freiem Himmel auf dem Dorf höchst ungewöhnlich ist, ein einziges paar Schwalben ausgenommen, die auf dem Stadeldache saßen und die Flügel streckend neugierig herunterzulugen schienen.

Aber nicht lange mehr sollten sie ungestört bleiben. Indem der Erschütterung auf beiden Gesichtern innige Heiterkeit folgte und das Mädchen ihre Thränen mit der Sonntagsschürze trocknete, vernahmen sie von der Gartenthür her plötzlich den Ruf: »Aber was Kreuzblitz ist denn das?« — Sie sahen hin, in höchst eigener Person und in voller Autorität des Richters kam der Holzbauer auf sie zu. »So?« rief er zu Christine, »die Bäuerin wartet auf dich und du unterhältst dich mit einem — wer ist der Bursch da?« — Hans trat mit festem Schritt vor den Gefürchteten hin und sagte: »Mein Nam' ist Hans Burger.« — Der Bauer betrachtete ihn und rief sich erinnernd: »Ah so, du bist der!« — »Ja,« sagte Hans, »und die Christine hier ist mein Bäschen, und seit einigen Minuten — meine Hochzeiterin.«

Der Holzbauer stand überrascht und sah ihn groß an. Er war zu gescheidt, um nicht einzusehen, daß seine Autorität jetzt ein Ende hatte; so schnell indeß konnte er das nicht einräumen. »Das Donnerwetter,« polterte er mit einer eigenen Mischung von wirklichem Unwillen und gespieltem Zorn, »was ist denn aber das für eine Art? Du kommst so mir nichts dir nichts her zu mir und heirathest mir meine Magd weg? Da soll ja doch gleich« — Hans, von diesem Spaß des Holzbauern ergötzt, entgegnete: »Ja, da kann ich nicht helfen, das Heirathen geht Allem vor.« — »Hol's der Teufel!« brummte der Bauer. »Die bösen Weibsbilder laufen einem weg, und hat man eine, die ein wenig ordentlich wäre, dann kommt so ein verfluchter Kerl und nimmt sie einem zum Weib! — Nun,« setzte er mit einem satyrischen Blick hinzu, »und du willst's also wirklich riskiren? — mit der Feinen?« — »Ja, Holzbauer,« versetzte Hans mit der Laune des Glücklichen. »Nachdem sie ein halbes Jahr bei Euch gedient hat, mein' ich, kann ich's riskiren.« — Der Bauer, der heute einen Sonntagshumor hatte und von Natur Spaß verstand, lachte. »Ja, ja,« sagte er dann, »hast auch Recht — jetzt kannst du's. Ich hab' sie dir gezogen und du kannst dich bei mir bedanken.« — Indem er seine Zornanfälle auf diese Art sich als Tugend anrechnete, konnten die beiden Liebenden nur mit Mühe den Ausdruck ihres Vergnügens zurückhalten. Hans nahm sich indessen zusammen und sagte: »Ich dank' Euch auch, Holzbauer, von Herzen.« — »Und ich desgleichen,« setzte Christine hinzu, »bei Euch hab' ich grade gelernt, was mir fehlte, und ohne Euch wär' ich meiner Lebtag nicht glücklich geworden.«

Der Holzbauer, wie alle Großen, war darum, weil er Schmeichelworte als etwas ihm Zukommendes betrachtete, für ihre Süßigkeit keineswegs unempfindlich. »Freut mich,« erwiederte er, »daß ihr das einseht.« Und in dem Gefühl seiner unleugbaren Güte setzte er hinzu: »Da sagt man immer, ich sei bös und schimpfe die Leute. Dummköpfe, Ochsen, alberne Weibsbilder sind's, die so was sagen. Ich schimpfen! Einfältiges Lumpenpack verfluchtes! — Ich verlang' was recht ist, und wenn etwas Dummes geschieht, laß' ich's nicht durchgehen; und so muß man's auch machen, sonst wird nie etwas aus den Leuten. Da hat man nun das Beispiel! — Und's freut mich doch, daß ihr das einseht und daß man auch einmal seinen Dank bekommt in der Welt.« Im vollen Genusse des Selbstgefühls hielt er ein bischen inne, ließ seinen Blick auf dem Mädchen ruhen und sagte dann zu Hans: »Noch ein Jährle, wenn ich sie hätt' — dann solltest du sehen!« — »Nein, nein,« versetzte Hans lachend, »man muß nicht zu viel verlangen. Von jetzt an will ich sie schon selber ziehen.« — Der Bauer sah ihn an, wie etwa ein Kaiser einen jungen Grafen ansieht, der sich auch fühlen zu können glaubt. Durch seinen guten Leumund, der auch zu ihm gedrungen war, schon für ihn eingenommen, fühlte er sich von seinem Wesen angesprochen und sagte daher mit der Miene huldvoller Approbation: »Nun, die Postur hast du dazu.« — Hans bemerkte: »Vor der Hand, nämlich bis wir uns zusammengeben lassen, bleibt die Christine ohnehin noch bei euch, wenn Ihr nichts dagegen habt. Heute freilich möcht ich bitten, daß Ihr sie mit mir zu ihrer Mutter fahren lasset.« — »Alles was Recht ist,« versetzte der Bauer mit Würde. Und mit der Freundlichkeit, deren sein Gesicht überhaupt fähig war, fügte er hinzu: »Seid vergnügt mit einander und macht bald Hochzeit und ladet mich auch darauf. Ich komm', ich versprech's euch, und wär's nur, um die dummen Weiber zu ärgern. Dann sollen sie mir nochmal sagen, keine Magd könnt's aushalten bei mir und jede käm' in Unfrieden von mir weg! — Aber Sapperment!« rief er, sich plötzlich unterbrechend, »jetzt müssen wir in die Küche!« Und zu Christine gewandt, setzte er hinzu: »Klaub das Zeug da zusammen und schneid' noch ein wenig ab. Ich will indeß zur Bäuerin gehen und dich entschuldigen; denn die könnt' am End' nicht so Spaß verstehen wie ich!« Und in einer Laune, wie man ihn seit langer Zeit nicht gesehen, schritt er hinweg.