In jeder Beziehung geistig versehen, begaben sich die Gäste in's Haus, der Hochzeiter nahm die Hochzeiterin bei der Hand, führte sie auf den Tanzboden und tanzte mit ihr drei Reihen allein, worauf der Hochzeitknecht mit der Hochzeitmagd, und die übrigen schon bereitstehenden Paare sich anschlossen. Wenn der Aufwärter zum Mittagessen rief, setzte man sich in bunter Reihe an die Tafeln. Jeder Gast fand bei seinem Gedeck einen »Hochzeitlaib« vor, und nach einander wurde aufgetragen: Suppe mit weißen Semmel- und braunen schmalzgebackenen »Knöpfen«, Rindfleisch mit Reis, Blut- und Leberwurst, Leberkuchen und Bratwurst, endlich Braten. Nach dem Mahl begann der Tanz wieder und dauerte bis zum Abendessen. Die ältern Leute unterhielten sich trinkend und diskurirend oder zuschauend; die Braut — oder wenn sie tanzte, eines der ihrigen — nahm Hochzeitsgeschenke in Empfang, die ihr von Dorfbewohnern gebracht wurden, und wartete ihnen mit Schnaps oder Wein auf. Die Dorfbewohner nämlich — so verlangte es die schöne Sitte — waren alle geladen, auch den ärmsten nicht ausgenommen, und wenn so einer nicht als Gast erscheinen konnte, so schenkte er wenigstens nach Verhältniß seines Vermögens.
Das Abendessen vereinigte Alle wieder in der Stube. Es gab zum drittenmal Suppe — Rindfleisch mit süßer Rosinenbrühe, Braten und für jede Person ein Viertel Torte. Das »Mohl« war damit vollendet; und jetzt nahm der Schullehrer die Aufmerksamkeit der Versammlung noch einmal in Anspruch. Er hielt eine Rede, worin er (der gleich dem Geistlichen seinen Antheil vom Bräutigam in's Haus gesendet erhalten hatte) Gott pries, der sie so reichlich gespeist habe, die Summe namhaft machte, die je ein Gast zu entrichten hatte, und den Brautleuten mit einer feinen Anspielung auf das Läuten der Taufglocke alles Glück und allen Segen wünschte. Während dieser Rede hatten sich die ältern Schulbuben um ihren Meister gesammelt, die Musikanten in der Nähe sich aufgestellt, und es ertönte zum Beschluß mit Instrumentalbegleitung der Choral: »Nun danket Alle Gott!«
In der feierlichen Stimmung, welche dieses Lied erweckte, sammelte der Schullehrer mit einem Blutsverwandten des Brautpaars die »Hochzeitschenk« ein, die von jedem erhaltene Summe genau notirend; und der einmal geöffnete Geldbeutel durfte sobald nicht wieder geschlossen werden. Zunächst folgte der Wirth, um die Bezahlung für das Mahl (damals anderthalb Gulden und etwas darüber, jetzt über zwei!) in Empfang zu nehmen. Dann erschienen nach einander der Aufwärter, die Köchin, die Magd und das Mädchen, um die Gäste zu brandschatzen, die aber ihrerseits auch zu immer kleinerer Münze griffen, bis zuletzt in das Pfännchen des Mädchens Kreuzer und nur ausnahmsweise Groschen geworfen wurden. Während diese Schaar sich entfernte, um schnell die Beute zu überzählen und sich nach Verhältniß entweder zu freuen oder zu ärgern, hielten die Musikanten ihren Umgang bei den Tischen, spielten, was ihnen vorgesungen wurde, und zogen das Honorar ein, das in jener Zeit um ein Ziemliches bedeutender ausfiel, als heutzutage. Die Hochzeitgäste, vor allen die aus andern Dörfern, nahmen Abschied. Die Brautleute begaben sich mit befreundeten Paaren in den Haustennen, wo unter Absingung bezüglicher Liedchen nochmal getanzt und Wein gezecht wurde. Der Bauer liebt die Gründlichkeit auch in der Ergötzung — wenn er sich einmal darauf einläßt — und das Austrinken des Vergnügens bis zum letzten Tropfen. Darum ließ sich nun der Bräutigam von den Musikanten auch noch »heimmachen«, und in seiner Stube erst wurde der Kehraus getanzt. Dehnte sich dieser zu lang, dann konnte Murren unter den jungen Leuten des Dorfes entstehen, die sich zum »Ansing« versammelt hatten. In der Regel aber hatte man diesen schon früher ein paar Musici überlassen, und während in der Wohnung des Bräutigams die Hochzeit endigte, war auf dem Tanzboden die freie Lustbarkeit der Ledigen schon in vollem Gange, die früher erlaubtermaßen bis zum Morgen dauerte.
In der Ordnung des eigentlichen Festes, wie man sieht, waren Geistliches und Weltliches verbunden wie zwei Elemente, die sich zur Bildung eines Ehren- und Freudentages wechselseitig ergänzen sollen. Jeder Moment war ausgefüllt mit dem, was den Bauer ergreift und über die Prosa des Daseins erhebt. Nach der Weihe der kirchlichen Handlung leitete ihn Musik zu dem Orte, wo er fröhlich den Tag verbrachte, der Schullehrer, als Mittelsmann zwischen Geistlichem und Weltlichem, sorgte für den Uebergang und lenkte nach der letzten Mahlzeit die Herzen noch einmal zu einer ernsten Betrachtung des Tages zurück. Die Naivität und, um es nur zu sagen, die geistige und gemüthliche Gesundheit früherer Zeiten nahm an dieser Verflechtung der beiden Elemente kein Aergerniß, und Schreiber dieses erinnert sich noch wohl der ernsten, ja feierlichen Gesichter der Hochzeitgäste beim Absingen des Kirchenliedes. Man muß die Natur des Bauers, die Derbheit seiner Empfindungsorgane, die Hingebung an die Gegenwart — und auf der andern Seite die Einfachheit seines geistigen Lebens im Auge behalten, wenn man über eine solche Ordnung gerecht urtheilen will. Der Bauer quält sich nicht mit dem Gedanken, ob er nicht vielleicht Gott beleidige, wenn er sich nach der kirchlichen Handlung dem Vergnügen überläßt; er tanzt ohne Arg, dem Gebrauch und seinem Drange folgend. Und wenn er nach der Lustbarkeit den Choral singen hört, so stört ihn nicht die Frage, ob dies wohl auch in's Wirthshaus gehöre; er läßt, die Lustbarkeit vergessend, den Gesang auf sich wirken, nimmt sich's dann aber auch in keiner Weise übel, wenn die ernste Stimmung, in die er versetzt war, nach dem Schlusse des Liedes selbst wieder ein Ende nimmt und erneuter Fröhlichkeit Platz macht. Für ihn ist die sittegeregelte Fröhlichkeit eben selbst eine Erhebung! Was ihm ein solcher Tag bietet, ist ihm Kunst und Poesie; und so wenig man diese der gebildeten Menschheit rauben darf, so wenig darf man dem Bauer nehmen, was sie ihm ersetzt.
In den letzten Jahrzehnten hat das Ganze dieser ländlichen Hochzeitsfeier die Begleitung des Zuges durch die Musikanten — die förmlichen Reden des Schullehrers und das Absingen des Chorals nach der Abendmahlzeit — endlich das Tanzen im Haustennen und den Heimgang der Brautleute mit Musik — verloren. Das erste hat die Geistlichkeit anstößig gefunden, das zweite scheint den jungen Lehrern, die das Seminar gebildet hatte, nicht mehr gepaßt zu haben, das letzte untersagte die Polizei. Das besondere Tanzen nach dem Abendessen hat sich der Bauer indeß nicht nehmen lassen. Die Brautleute tanzen jetzt in der untern Wirthsstube und lassen sich beim Abschied wenigstens zum Hause hinaus blasen!
Die Sitte des Volks ist ein natürliches Gewächs; wenn ihre Zeit vorüber ist, läßt sie sich durch Befehle nicht mehr erhalten, und kein Vernünftiger wird darüber klagen, daß das, was kein inneres Leben mehr hat, dem Untergang verfällt. Was aber an überlieferten Gebräuchen vom Volke selbst erhalten, mit Lust und Liebe erhalten wird, das sollte weder von der geistlichen noch von der weltlichen Macht angetastet werden, sofern es nicht einer männlichen, über Nervenschwachheit und Pedanterei erhabenen Sittlichkeit widerspricht. Wollte man dem Bauer die öffentliche Hochzeitsfeier mit Musik und Tanz verbieten, in der Meinung etwa, daß ein solcher Tag in ernster Stille begangen werden müsse, so würde das, außer dem schon erwähnten Uebelstand, für das Rieser Landvolk insbesondere noch die Folge haben, daß die bäurische Natur an Essen und Trinken Ersatz nähme und sich den Magen überladend in dumpfer Gedankenlosigkeit hinbrütete, was nach der Angabe eines glaubenswerthen Mannes in Tyrol geschehen soll, wo die geistlichen Väter das Landvolk auch dem höhern Leben zu gewinnen glauben, wenn sie ihm das Tanzen ausreden. — Man veredle und bereichere den Geist der Landleute, man befähige sie durch Bildung zu höheren und feineren Genüssen, namentlich zu jenen würdigen und tiefsinnigen Gesprächen, wie sie die Gebildeten bei ihren Diners zu führen pflegen — dann werden sie auf ihre Gebräuche und ihre noch immer beliebten Vergnügungen von selber verzichten. Bis dahin aber lasse man ihnen ihre Sitten, ihre Freuden und, was auch eine gar schöne Sache ist — ihren Humor!
Als Michel in die obere Wirthsstube kam, waren außer dem Brautpaar und seinen Angehörigen nur erst wenige Gäste dort. Er trat stattlich zu den beiden Glücklichen und sagte die Gratulation ohne Anstoß, worauf der Dank mit einem gewissen ernsten Lächeln ausgesprochen wurde, welches namentlich auf dem Gesicht der Braut zu bedeuten schien: Nimm dir ein Exempel dran! An einem benachbarten Tisch hatten schon ein paar ältere Männer aus dem Dorfe und eine Matrone von auswärts Posto gefaßt; er setzte sich zu ihnen, um, da er nicht tanzte, wenigstens eine vernünftige Ansprache zu haben.
Die Gäste mehrten sich. Auf einmal trat auch die Gret ein, die in der schwarzen Spitzenhaube und in dem dunkeln Anzug, wie ihn das protestantische Landvolk bei ernsten Gelegenheiten zu tragen pflegt, ein eignes feierliches Aussehen hatte. Allein nachdem das Auge rasch die Tische überflogen, stimmte das helle Antlitz nicht mehr zu dem ernsten Gewand; es glänzte froh dem Brautpaar entgegen und wünschte schon Glück, ehe die Lippen sich öffneten.
Michel hatte bei ihrem Eintritt in seinem Herzen einen kleinen Ruck empfunden und konnte sich nicht enthalten, sie in der Stellung des Gratulirens anzusehen — und sie wieder schöner zu finden als alle andern Mädchen und Weiber! — Plötzlich verdunkelten sich seine Züge; der Schneider war angekommen in funkelnagelneuem Tuchrock und sehr vergnügten Gesichts. Er sprach einen Glückwunsch, der nur den Sinn der alten Bauernformel enthielt, und setzte sich an die Tafel, an welcher die Gret Platz genommen hatte, um sofort mit ihr einen Diskurs zu beginnen.
Das Fest begann und verlief nach der Regel, und die Gäste fühlten sich bald wohl und wohler — mit Ausnahme eines Einzigen.
Michel hatte den Entschluß, die Gret nicht mehr anzusehen, während ihrer vergnügten Unterhaltung mit dem Schneider erneuert. Beim Aufstellen des Zugs ging er an ihr vorbei, ohne irgend von ihr Notiz zu nehmen. In der Kirche sah er sich aber unwillkürlich zur Uebertretung des von ihm aufgestellten Gesetzes verlockt. Der Pfarrer hob in seiner Predigt die Bedeutung des Ehestandes so schön hervor; er sprach über den Segen, der an diesen Bund geknüpft sei, mit solcher Weihe, daß Michel instinktmäßig den Kopf nach der Gegend hinkehrte, wo die Gret saß. Diese hatte den ihrigen just in entgegengesetzter Art gewendet — die Blicke trafen aufeinander. Obwohl er nun sein Haupt rasch wieder in die alte Stellung zurückdrehte und eine Miene annahm, als ob nichts geschehen wäre, so fühlte er sich doch ertappt, die Gret konnte von ihm denken, Gott weiß was, ihn auslachen und ihn verspotten. — Er war sehr ärgerlich.
Von da an war unser Bursche kein aufmerksamer Hörer der Predigt mehr, und auch die Rede des Schullehrers ging ungewürdigt an ihm vorüber. Es begann ihn zu reuen, daß er der Mutter nachgegeben; und nur mechanisch ging er mit andern Zuschauern auf den Tanzboden. Was er da sah, war gleichfalls nicht geeignet, ihn aufzuheitern.
Als das Brautpaar die drei Reihen getanzt hatte, wirbelten bald zwölf Paare herum — und unter diesen der Schneider mit der Gret. — — Alles was recht ist: der Schneider tanzte vortrefflich. Er kam dabei sogar ein bischen größer heraus, sintemal er städtisch hüpfte; er hatte die Gret fest am Kittel gefaßt und drehte sie kräftiger herum, als man's ihm zugetraut hätte. Dabei schimmerte sein glattes Gesicht in dem Vergnügen seines Herzens und in anmuthiger Selbstgefälligkeit, so daß er allgemein gefiel. Nur unserm Burschen mißfiel er. Namentlich war diesem das selbstgefällige Lächeln des kleinen Kerls in einer Art zuwider, daß er's ihm gerne durch eine Ohrfeige vertrieben hätte, wobei ihm Hören und Sehen vergangen wäre. Allein das ging nicht an, er mußte seinen Verdruß hinunterschlucken. Er wäre in die Stube zurückgegangen, wenn er nicht der Gret hätte zeigen wollen, daß ihn diese Tanzerei durchaus nicht schenire! Das schien ihm aber seiner Würde gemäß. Indem er ein gleichgültiges Gesicht zu machen suchte, gelang es ihm wenigstens ein freudloses hervorzubringen, das an ihm Niemand auffiel.
Eine Tänzerin wie die Gret ließ man dem Schneider nicht allein. Ein andrer Lediger nahm sie ihm ab und drehte sich, wenn auch mehr auf dem Boden, ebenso lustig mit ihr im Reihen. Michel hatte wenigstens die Genugthuung zu sehen, daß das Mädchen mit diesem just so vergnügt, ja fast noch vergnügter aussah, wie mit dem Nebenbuhler. Es kam ihm der Gedanke, sie könnte den Schneider auch nur für'n Narren halten; und das war ihm ergötzlich und erheiterte seine Züge. Ein Schmunzeln der Schadenfreude umspielte seine Lippen, als er das Bürschchen aus einer Ecke, und zwar mit einem gewissen Ernst im Gesicht, auf das Paar schauen sah. Er verzieh ihm und konnte nicht umhin, die Tänzerin wohlwollender und unbefangener zu betrachten.
Die Gret, obwohl sie ihm nicht ins Gesicht sah, mußte doch etwas gemerkt haben. Als sie wieder im Reihen an ihm vorüberging, glänzte ein Lächeln auf ihrem Gesicht, das ihm galt — ein Lächeln, wie es gefallen muß, kein falsches, sondern ein gutes Lächeln. Das Herz unsers Burschen begann aufzuthauen. Aber es sollte noch besser kommen. Das Wirthsmädchen hatte wiederholt zum Essen gerufen, die Musik verstummte, mit einer Art von Gedränge gings der Thüre zu. Die Gret kam in die Nähe des Burschen, sie schaute ihm ins Gesicht und sagte mit einem Tone, aus welchem die Seele klang, zugleich heiter, weich und süß: »Godden Dag, Michel! Bist oh auf d'r Hoaxet?« Michel konnte in der Ueberraschung allerdings kein ebenso freundliches Gesicht machen — gewissermaßen brummte er nur sein Ja. Allein die Gret schien das nicht schlimm zu deuten; vielmehr sagte sie: »No, mach de nor recht lusteng«, nickte ihm aufmunternd zu und setzte sich an ihren Tisch.
Das war denn doch freundlich! Da gebe sich einer nicht erneuerter Hoffnung und glücklichen Empfindungen hin! — Michel setzte sich an seinen Tisch, und da er dem Frühmahl wenig Theilnahme geschenkt hatte, so aß er jetzt im Verhältniß zu seiner Statur — so ziemlich mit dem Appetit eines Herkules. Ländlich, sittlich. Ein romantisch Gebildeter hätte vielleicht nach einem so holdseligen Gruße der Geliebten lange nichts gegessen und nur von dem geistigen Leben seines Herzens gezehrt; — unsern Burschen trieb eben die Seelenfreude auch zur Erfreuung des Leibes. Das Mahl war vortrefflich — die Schöpfung einer Wirthin, die mehr nach Lob als nach Gewinn trachtete — und er ließ es sich schmecken, so lange der Appetit seine Kraft behauptete. Dies war lange, da das braune Bier, das er sich geben ließ, sie wiederholt erneuerte. Er fügte auch noch dem Braten eine ziemlich bedeutende Wunde zu und konnte nur wenig »einwickeln« lassen, um es der Mutter heimzubringen.
Die Genüsse des Mahles und das Glück der Liebe und der Hoffnung harmonirten in ihm durchaus. Die Blicke, die er zu dem Tisch hinüber warf, an dem die Gret saß, wurden immer herzhafter, und er fühlte sich so wohl wie seit langer Zeit nicht. In seinem Behagen erfüllte er sogar die Unterhaltungspflicht an seinem Tisch und sprach über die Preise, die das Korn, der Roggen und die Gerste im Herbst haben und im Winter behaupten würden, Gedanken aus, die, wenn sie nicht unfehlbar waren, doch mit einer Miene gegeben wurden, als ob sie es wären, und bei den ältern Männern lächelnde Zustimmung fanden.
Der Tanz begann wieder. Michel hatte sich erhoben, und als die Gret von einem dritten Burschen an ihm vorbeigeführt wurde, hatte er schon den Muth, ihr mit einem gewissen väterlichen Wohlwollen zuzurufen: »Scho' widder auf da' Da'zboda'! O uir (ihr) Weibsbilder!« — »Was will e doa'?« erwiederte die Gret. »Wer a'fangt, mueß furtmacha'!« Und nach einem freundlichen Blick auf ihn ließ sie sich hinausführen.
Michel ging nach Hause. Die Mutter sah ihn an und sagte: »No, es schei't doch, 'sgfällt d'r!« — »No ja,« erwiederte der Sohn, »'s ist am End doch a Vergnüaga! — Aber,« setzte er, das Eingewickelte auf den Tisch legend, hinzu, »i hab' en Gedanka' verfluecht zuag'langt ond breng d'r weng mit!« — »Wann's d'r nor gschmeckt hot!« rief die gute Alte; und heiter sagte sie: »Du host de am End gar oh scho' recht lusteng gmacht (d. h. getanzt)?« Michel erwiederte: »Bis ietz no' net. Aber wer woeß? Der Letscht hot no' net gschossa'!« — Die Mutter bemerkte: »Wie d'r (ihr) en d'Kirch ganga' send, hab e a baar Mädala' gseha', die wära' wohl wearth, daß ma's romdreha' dät!« — »I wills net verreda',« erwiederte Michel. »Aber z'erst muß e no' a weng zecha'.«
Als er wieder dem Wirthshause zuging, begegnete ihm Kasper vor einem ochsenbespannten Pflug, durch dessen Lenkung er sich heute das Vergnügen des Ansings verdienen wollte. Die Ochsen wurden zum Stehen gebracht, der Kamerad fragte, wie sich die Hochzeit anlasse. Michel, in der frohen Aufregung seines Herzens, erzählte, wie die Gret sich gegen ihn benommen. Kaspers Gesicht erhellte sich. »Willst ietz no' allweil zweifla',« rief er aus, »daß des Mädle a'n Og (Aug) auf di hot? O wann e an dei'r Stell wär!« — »Was soll e doa'?« fragte Michel. — »Danza' muest mit'r, wanns oh nor a baar Roea' wära't! Schwätza' muest — en d'Stub muasch (mußt du sie) füara', a Bodell (Bouteille) Wei' muest komma' lossa — Kott's Heidablitz! Wann's doh net got, nocht got's sei' Lebtag nemmer!«
Unser Bursche war bedenklich geworden. »I ka' d's Danza' net rehcht«, entgegnete er, »ond du woescht, i hab' O'glück!« — »O'glück!« versetzte der Kamerad etwas ärgerlich. »Ietz kommt 'r widder mit dear Ei'bildeng!« — »Ja, ja,« sagte der gute Bursche, »'s ist doch so. Mir got nex naus!« — »Gang weiter! A Kerl, dem d'Mädla' nochloffet!« — Michel, obwohl von dieser Vorstellung erheitert, erwiederte: »Du wurscht seha', 's wurd nex!« — »Ja freile«, rief Kasper, »wann's widder so machst, wie d's Wallerstoe!« — »Ietz doh hab koe Sorg«, versetzte der Bursche mit einem gewissen Selbstgefühl. »Des passiert m'r nemmer!« — Kasper knallte den Ochsen und rief im Abgehen: »Ha'et Ohbed, hoff' e, ka'st m'r ebbes Nuis verzähla'!« — »'S ka' sei'«, erwiederte Michel und folgte den Tönen der Clarinette, die vom Tanzboden herunter in die Gasse drangen.
Michel fühlte, daß er nach dem offenbaren Entgegenkommen der Gret einen Versuch machen und als tüchtiger Bursch handeln müsse. Bei der Vorstellung indeß, wie er nun zu ihr gehen und sie zum Tanz auffordern sollte, spürte er doch wieder eine eigenthümliche Bewegung in seinem Herzen. Es fiel ihm ein, daß er beschlossen hatte, fürs erste zu trinken und zu rauchen; er trat in die Stube, setzte sich, zündete seine Pfeife an, und führte seinen Vorsatz männlich aus. Nachdem er schweigend und diskurirend zwei fernere Maaß Braunes in sich aufgenommen hatte, fühlte er sich gekräftigt — muthig, lustig und in einer Stimmung, wo er glaubte, daß ihm nichts fehlen könne. — Der Wirth und Bräuer war ein solider Mann und die Gerste seit einem Jahr billig.
Er ging auf den Tanzboden. Da er die Gret, die sich nicht in der Stube befand, auch hier nicht erblickte, so war sie offenbar nach Hause gegangen. Die Vertagung seines Unternehmens, welche dieser Umstand nothwendig machte, war ihm nicht unlieb. Er sah den Paaren zu, die es am besten konnten, und überzeugte sich, daß dieses Tanzen am Ende auch kein Hexenwerk sei. Nachdem er genug gesehen, wollte er in die Stube zurück; im Vorbeigehen warf er einen Blick auf die Stiege — und siehe, an der Seite einer auswärtigen Freundin stieg die Gret herauf.
Bei diesem Anblick fühlte er sich etwas überrascht. Auch sie erröthete lieblich; aber in ihrem Herzen regierte der Muth der Liebe und der Wille, einen begangenen Fehler wieder gut zu machen. Sie ging auf ihn zu und sagte gutmüthig fröhlich: »No, Michel, host no' net danzt?« Der Bursche, der zu seiner Verwunderung fühlte, daß ihm wieder etwas von seinem Unternehmungsgeist abhanden gekommen war, versetzte: »Allweil no' net!« — Er spürte einen gewissen Trieb, wieder in die Stube zu kommen, und hatte schon seinen Fuß auf die Schwelle gesetzt; aber das Schicksal hatte es anders beschlossen. Die Gret fuhr fort: »Willst denn aber gar net a'fanga'? Willst da' ganza' Dag dohsitza', ond romstanda' auf 'r Hoaxet?« — »Wie soll i danza'«, entgegnete Michel; »d's ganz Doraf woeß ond du wursch (wirst es) oh wissa, daß e's net ka'!« — »I hab de aber doch früher scho' amol danza' seha'!« bemerkte die Gret. — »Ja wohl,« versetzte der Bursche mit einer gewissen Laune, — »aber wia?« — »Auf oemol got nex en der Welt«, erwiederte das Mädchen tröstend und ermuthigend. »Wamma'n ebbes lerna' will, mueß ma's öfter probiera'!« — Michel, dem in Abwehrungsfällen die Gründe nicht so leicht ausgingen, versetzte: »Manch Sacha' ka' ma'n oh ganz bleiba lossa, wamma' z'alt derzue ist!« — »Kott's Blitz«, rief die Gret, »wann e nor so ebbes höar! Z'alt zom Danza! A jonger Burscht wie du! Schäm de doch!« — Und indem sie ein wenig näher trat, sagte sie mit aller Güte und Liebe — mit einer Stimme, welcher der Durchbruch ihrer Empfindung eine honigsüße Weichheit verlieh: »Komm Michel! — probiers mit mir!« Dem Burschen war es seltsam durch's Herz gegangen, er wußte nichts zu entgegnen. »Komm!« rief das Mädchen heiter und zärtlich, indem sie ihn bei der Hand faßte. Michel begriff, daß es im höchsten Grade feig und in jeder Beziehung unschicklich gewesen wäre, jetzt nicht zu folgen. Er wollte handeln wie ein Mann, er wollte sein Bestes leisten — und entschlossen führte er sie in den Reihen.
Unser Bursche gehörte vermöge seiner Größe, seiner Stärke und seines besonderen Wesens noch immer zu den ausgezeichnetsten Persönlichkeiten des Dorfs. Dergleichen in eigenthümlichen Situationen zu sehen, ist interessant, besonders wenn man hoffen kann, daß die Schadenfreude ihre Rechnung dabei findet. Wie nun einer in die Stube kam und sagte, der »Schwoba-Michel« tanze mit des Maurers Gret, da verfügten sich schnell noch etliche zu den auf dem Tanzboden schon befindlichen Zuschauern — begierig der Dinge, die da kommen sollten.
Der Gang im Reihen war vollendet, das Tanzen begann. Die Gret wußte sehr gut, welcher Aufgabe sie sich unterzogen hatte, und war nun darauf bedacht, alle Kraft und Geschicklichkeit anzuwenden, um das Wagniß gut hinauszuführen. Den Tänzer festhaltend leitete und drehte sie ihn, so viel sie konnte. Daß ihre Arbeit nicht gering war, merkte sie freilich bald. Micheln wohnte nur eine sehr schwache Ahnung vom Takte bei und zu gleicher Zeit wirkte in ihm eine gewisse Centrifugalkraft, die ihn immer der Wand zutrieb, so daß ihn die Gute nur mit Mühe im Reihen halten konnte. Trotz alledem — es ging. Die Kunst und die Liebe des Mädchens triumphirten, und sie war sich dessen nach Beendigung des Reihens mit Freude bewußt.
Michel war sehr vergnügt. Jeder Spur von Furcht entledigt blickte er frisch umher — er begriff gar nicht, wie er diese Lumperei für so schwer hatte halten können! »Siksch, es got!« rief die Gret, indem sie ihn freundlich ansah; und er erwiederte allerdings: »Ja freile, wamma' so a Dänzere hot!« — aber er war doch überzeugt, daß er's konnte, und sein Gesicht schrieb einen guten Theil des Erfolgs auf seine Rechnung.
In dieser Stimmung wollte er's das zweite Mal noch besser machen. Er wollte sich Mühe geben und alle die Kraft und Stärke anwenden, die er in seinen Gliedern fühlte; denn das erstemal hatte er eigentlich nur gespielt! — Er arbeitete nun wie an einer Schanze und machte Bewegungen, als ob er Centnersteine vom Boden lupfen wollte. — Der Gret wurde es saurer als das erstemal, ihn im Geleise zu erhalten, und die Schadenfreude, die aus den Ecken lugte, fand eine reichere Ausbeute. Man lächelte sich an und zuckte die Achseln. »Descht a Mannsbild!« rief eine Bäuerin mit gedämpfter Stimme einem Nachbar zu, — »der macht widder a'n Arbet (Arbeit)!« Und der Andere versetzte: »Er schafft, als ob er mit 'm Danza' sei' Brod verdiena' müßt! Gommer (gehen wir) a bisle z'ruck, daß 'r es (uns) net doat (todt) tritt!« —
Der Bursche merkte davon nichts. In dem Bewußtsein der Mühe, die er sich gegeben, meinte er seine Sache vorzüglich gemacht zu haben. Er lächelte mit Stolz und erkannte in dem satyrischen Zuschmunzeln einiger Kameraden nichts als den verdienten Beifall. Da die Gret diesmal schwieg, um auszuschnaufen, so sagte er selbst zu ihr: »'S got doch besser, als e gmoet hab!« — Die Gret dachte in ihrem Herzen: »daß Gott erbarm'!« — behielt aber diese Meinung wohlweislich für sich und erwiederte: »W'rom sott's net ganga'? Was ander' Leut könnet, wäara' mer doch oh könna?«
Gern hätte sie ihn gebeten, sich dessen ungeachtet etwas weniger anzustrengen, die Sache sich leichter zu machen; aber sie wußte, daß er nicht in der Stimmung war, diesen Rath gut aufzunehmen — und für den Moment wär's ohnehin zu spät gewesen. In dem Vergnügen, das ihn belebte, in der Kühnheit, die sein Herz rasch emporwachsend erfüllte, hatte er ein Lied begonnen. Ein Andrer war ihm zuvorgekommen; aber dieser, ein kleiner Kerl, schwieg auf der Stelle, als er die Stimme des Gewaltigen vernahm, und Michel sang das seine zu Ende, mehr kräftig als schön, aber für seinen Zweck immer passirbar. Dann nahm er die Gret bei der Hand, strampfte, daß der Tanzboden zitterte, »juxte«, daß seine Nachbarn an die Ohren langten, faßte die Tänzerin und drehte sich mit ihr »was host, was geift« (was hast du, was gibst du, so schnell etc. als möglich). — Und besser gings als das letzte Mal — nach seiner Meinung. Die Bethätigung des Kraftüberschusses, der in ihm wogte — die Freude, die Herzallerliebste herumzudrehen und es zu können — durchgoß ihn mit einem Wohlgefühl, wie er es nie empfunden. Herrlich wars und prächtig gings — bei weitem besser, als er sich's zugetraut hätte! — Jedenfalls hatte die Gret dafür gesorgt, daß er einmal die Wand, an die er streifte, nicht einstieß und dann ein Paar, das vor ihm den gewöhnlichen Bauernschritt einhielt, nicht über den Haufen tanzte.
Die Heiterkeit der Zuschauer war bei dieser neuen Leistung nicht geringer geworden. Ein sonnverbrannter Alter nickte ihm seine Anerkennung mit gemüthlichem Faungesicht zu und rief: »Kreuzschwernoth, Michel! du bist ja der erst' Dänzer em ganza' Land!« — Michel, in der Freude seines Herzens, entgegnete: »Net wohr, des hättet 'r m'r doch net zuatraut!« — »Wärle net«, versetzte der Alte. »So ebbes mueß ma' seha, wamma's globa' soll!« — Die gute Gret begann es zu reuen, daß sie den Geliebten auf eine Bahn gelenkt hatte, wo er so schlechte Ehre gewann. Aber vielleicht schlug er nun selber eine andere ein, wo er Aussicht hatte, besser zu bestehen. Schon hatte die ungewohnte Anstrengung seine Lungenflügel in Bewegung gesetzt und der Schweiß rann von seiner Stirn. Vielleicht hörte er auf, nahm sie in die Stube — setzte sich zu ihr — und es ereignete sich, was ihr alle Mühen und Leiden tausendfach vergütete.
Fürs erste ging diese Hoffnung nicht in Erfüllung. Michel tanzte aufs neue; und der Umstand, daß es wieder ohne Unglück ablief, steigerte seine Lust und Sicherheit. Sein Hintermann, ein begüterter junger Bauer, klopfte ihn auf die Schulter und rief: »Aber Michel, sag m'r doch, wo host denn d's Danza' so glearnt?« — »Was woeß ih«, erwiederte der Bursche mit stolzem Behagen — »auf oemal got's halt! — Aber Sapperment«, setzte er, die Augen sich wischend, hinzu, »doh stobbt's (staubt's) ja, daß ma' kamm (kaum) sei' Dänzere sicht! — ond des ist doppelt schad', wamma' so a schöana' hot, wie'nih! — He, Mädle!« — Er schaute sich nach dem Wirthsmädchen um, die den Staub mit Wasser zu löschen pflegt; und da er sie nicht gleich erblickte, schrie er aus Leibeskräften und jede Silbe breit ausdehnend: »Mädleh! Auf da' Da'zbodah'! Spretzah'!« — Unter allgemeiner Heiterkeit erschien die Herbeigerufene, ein schnippisches Ding von sechzehn Jahren, mit einem Kübel Wasser, und die Tanzenden traten auf die Seite. »So«, rief Michel ihr zu, »spretz (spritz, sprenge) nor rehcht! D'r Deufel mag doh danza'!« — Das Mädchen sah ihn von der Seite an, murmelte was von einem »Drieschlag«, langte mit der Rechten in den Kübel und schleuderte herumgehend das Wasser auf den Boden. »Meaner, meaner (mehr)«, schrie unser Bursche, der als ächter Bauer alles gründlich haben wollte. Das Mädchen, durch den herrischen Ton gereizt, spritzte wahre Lachen. »So, ietz isch gmua!« rief Michel, stellte sich fest hin, sang ein Lied und tanzte auf dem erfrischten Boden mit erhöhter Lust, in einer wahren Trunkenheit des Eifers und der Liebe zur Sache. Es ging besser und immer besser. In dem Jubel seines Herzens, unwillkürlich sich selber bewundernd, rief er mit strahlendem Gesicht: »Hopp hopp! hopp hopp! Juhu!« — — Plautsch lag er da. Auf der nassesten Stelle war er ausgeglitscht, in dem Schwunge des Tanzens war es auch der Gret unmöglich gewesen, ihn zu halten; sie mußte ihn fahren lassen, um nicht mitzufallen — und der riesige Bursche »schlug hin« (wie der Rieser in solchem Falle treffend sagt), daß der Boden krachte und ein Zuschauer nur durch einen raschen Seitensprung sich vor Zerquetschung rettete. Nach dem triumphirenden Hopphopp dieser Sturz, der Länge nach, auf die Hinterseite des Leibes — es war unmöglich, das Lachen zurückzuhalten. Von allen Seiten des Tanzbodens, aus allen Winkeln, sogar von der Treppe herauf (wo sich ebenfalls Zuschauer befanden) erschallte es laut und selig; und nicht wurde es beschwichtigt, als Michel nach einem grimmigen Fluch mit der Physiognomie der Wuth und der Scham aufstand, wozu die Gret ihm behülflich war. Diese hatte mit etwas erschreckter Miene einen Augenblick auf den Liegenden geschaut; jetzt, als sie ihn wieder strack dastehen sah, wandelte sie das Lachen hinterdrein an, und nur den eigentlichen Ausbruch zurückhaltend rief sie: »Komm, des macht nex«, und wollte zum Weitertanzen seine Hand fassen. Aber Michel zog sie heftig zurück.
Der Bursche hatte die Empfindlichkeit des Sonderlings und Anfängers. Ein flotter Tänzer wäre aufgesprungen, hätte mitgelacht und weiter getanzt. Aber den Schüler dünkte der Sturz unauslöschliche Schande — das Selbstbewußtsein des Gewaltigen hatte einen Schlag erlitten, der ihm schrecklich vorkam. Hinzufallen — ausgelacht zu werden von »einfältigen Weibsbildern, alten Eseln und elenden Buben«, und nicht dreinschlagen zu dürfen — das nehme ein Michel von der lustigen Seite! — Er trat in eine Ecke, seiner Ansicht nach für sein ganzes Leben beschimpft. Und als die Gret ihm nachging und ihn aufs neue ermahnte, doch fortzutanzen, entgegnete er hochverdrießlich: »Gang weiter! I hab' d'r ja gsakt, daß e net danza' ka'! Du hätt'st me en Rua' (Ruhe) lossa solla'!« — Die Gret erwiederte begütigend: »'S ist ja ganz guet ganga'! Für d's Falla' ka' ma' nex, des ka' n'm G'schicktsta' passiera'! Komm! Wer net omwirft, der lernt net fahra'!«
Bei ihrem heitern Wesen hatte das Mädchen nicht umhin gekonnt, ihm diese Ermahnung mit einem Lächeln zu ertheilen, in welchem die Schelmerei über die Gutherzigkeit den Sieg davon trug. Michel, dies gewahrend, fühlte den schlimmsten Argwohn, den er haben konnte; und im Unmuth desselben rief er: »Höar amol? — suach d'r 'n andera' Narra' — ih mach d'r 'n net zom zwoetamol! — Moest, i ben doh, daß e me auslacha' ond da' Spoht auf m'r haba' loß?« — Das Mädchen, durch diese unerwartete Sprache betroffen und ihrerseits verletzt, erwiederte mit vorwurfsvollem Ausdruck: »Wer hot denn da' Spoht auf d'r?« — »Du!« rief Michel, für den sein Argwohn schon eine bewiesene Sache war, mit erzürntem Ton. »Falsch send 'r all mita'nander — ond du bist die fälscht (falscheste)!« — Das war zuviel! Das Mädchen trat zurück und sagte mit Verdruß: »Du bist halt a grober Kerl! Gang he' wo d' willst — ih mueß de wärle net haba' — ih krieg scho' n andera' Dänzer!« — »Mei'thalb danz mit 'm Deufel«, rief Michel und ging mit starken Schritte in die Stube.
Die Gret war ernstlich böse. »So a'n o'gschickter Mensch — ond so grob ond so hochmütheng! Noe mit deam ist nex a'zfanga' — i mueß 'n aufgeba'!« — Während sie diese Gedanken hatte, machte sie mit weiblicher Geistesgegenwart gleich wieder gute Miene. In die Heiterkeit, welche die letzten Worte Michels und sein wüthender Abgang erregten, hatte sie halb mit eingestimmt. Nun zeigte sie ein Gesicht, daß es schien, als ob sie ihn mit ihrem Tanzen wirklich nur zum Besten gehabt hätte; und als eben der Schneider von Hause zurückkam, reichte sie ihm, der sie schnell aufzog, ihre Hand und tanzte so gut und so schön, als ob sie heute noch an nichts Anderes gedacht hätte. Als der Zierliche von der Affaire des Michel hörte, rief er in seinem Mischmasch von Dialekt und Hochdeutsch: »'S ist nicht z'globa', daß es so ongschickt Menschen geba' ka'« — lächelte selbstzufriedener als je, begann noch flotter den neuen Reihen, rief ebenfalls Hopphopp und Juhu, fiel aber nicht, sondern machte es so gut, daß ihm alle mit Vergnügen zusahen.
Das Gelächter, das unserm Burschen vom Tanzboden nachgeschickt worden war, hatte nicht besänftigend auf ihn gewirkt. Tief ergrimmt setzte er sich an seinen Tisch und patschte gewaltig mit seinem Bierkrug wegen erneuter Füllung. Der Aufwärter eilte, ihn zu befriedigen. Einer der beiden Alten, die in gemüthlichem Diskurs dagesessen hatten, schaute zu ihm auf und rief: »No, Michel, w'rom machst denn du so a Gsicht auf oemol?« — Der Bursche, statt aller Antwort, that einen tiefen Zug aus dem Maaßkrug. Ein dritter Alter, der mit dem Faungesicht, war von dem Tanzboden hereingekommen und begann lächelnd: »Du host a kloes O'glück ghett, Michel? — No, no, desdawega' brauchst de net z'kränka'! 'S ist scho' oft oer g'falla' beim Danza'!« — »So so?« versetzte der erste mit schlauem Gesicht, »des ist 'm passiert?« Und mit der Bosheit, die sich ein alter Bursch gegen einen jungen wohl erlauben kann, setzte er hinzu: »W'rom host denn aber dei' Dänzere net mit rei'brocht? Die hot gwihß 'n rechta' Schrecka' ghett und hätt oh 'n Tro'k (Trunk) zor Stärkeng braucha' könna', so guet wie Du!« — »Oh«, antwortete der dritte für Michel, der in stiller Wuth vor sich hinsah, — »die g'fohrts net (achtets nicht)! Sie danzt scho' widder!« — »Welle isch denn?« — »Welle wurds sei'!«, erwiederte der dritte, »d's Maurers Great!« — »So!« bemerkte der erste mit einer Miene, als ob ihm ein Licht aufgegangen wäre. Und kopfschüttelnd setzte er hinzu: »Ietz gfällt m'r die Gschicht nor halb! — Die hätt' de zor Noath halta' könna', Michel, — wann's gwöllt hätt'!«
Durch diese Bemerkung sah der Bursche seinen Argwohn bestätigt, er fühlte sich verkauft und verrathen und ließ eine »Schluap« herunterhängen, daß es die Alten Mühe kostete, ihm nicht geradezu ins Gesicht zu lachen. Nach einem Moment sagte der dritte mit ironischer Tröstung: »Was doh! Gspäß müssa' trieba' sei'! Sott jong Mädla' sticht manchmol der Uebermuth ond doh macha's eba' Norrheita'! A rechts Mannsbild verzürnt se desdawega net — er kriegt's oh widder amol derfür!« — »Ih« rief Michel in stolzem Unwillen, »ben d's erstmol ond d's letztmol von 'r a'gführt — dohfür stand e guet!« — Der erste bemerkte: »Ma' mueß nex verreda'!« Und vergnügt setzte er hinzu: »Wann ih no' mein Zwanzger hätt' (noch in den Zwanzigen wäre), nocht wißt' e, was e dät!« — Michel versetzte: »I woeß oh, was e dua'!« — Und mit einem scharfen Blick und entsprechender Kopfbewegung setzte er hinzu: »Globet 'r mers?« — Der Alte lachte und sagte zu seinem Kameraden: »Was send des für jong Leut ietz! Glei da Kohpf verliera'! Doh hont se o's (haben wir uns) anderst gholfa' zu o'srer Zeit — net wohr?« — Er stieß mit ihm an; der Andre brachte eine Geschichte in Erinnerung, die dies bestätigen sollte — Michel, dem das Vergnügen der »alten Narren« höchlich zuwider war, trat zu einem jungen Burschen, der ihn respektirte, und fühlte sich nach einem Gespräch mit ihm wieder etwas beruhigt.
Der Abend kam heran — man setzte sich an die Tafeln, um das letzte Mahl einzunehmen, das Interesse der Gäste wurde auf andre, wichtigere Dinge gelenkt, und nach dem feierlichen Schluß des eigentlichen Festes dachte mit Ausnahme der Nächstbetheiligten Niemand mehr an das Zwischenspiel auf dem Tanzboden.
Michel hatte wenig gegessen und demgemäß viel eingewickelt. Er blieb in dumpfer Stimmung sitzen und handhabte nur von Zeit zu Zeit den Bierkrug. Auf einmal erblickte er den Kasper an der Thür; er erhob sich, nahm sein Eingewickeltes und ging auf ihn zu. »No?« fragte Kasper, den die Neugier so früh zum Ansing geführt hatte, »wie stot's?« — »Nor still!« versetzte Michel, »i will d'rs glei verzähla'!« — Er führte ihn in ein gästeleeres Seitenstübchen, theilte ihm seine Erlebnisse mit und fragte mit der Miene der Unfehlbarkeit: »No, was sakst ietz? Hab' e Rehcht ghett — hab' e O'glück mit deam Mädle?« — Kasper hatte große Mühe gehabt, bei der Erzählung ruhig zu bleiben; aber auf diese Frage konnte er seine Meinung nicht zurück halten. »Brueder«, rief er, »bedenk doch —« — »Still!« fiel Michel, der seine Absicht errieth, erzürnt ein, — »red m'r nex zom Guata', oder du machst me böas! — Mei' Lebteng sig' es nemmer a' — ond mei' Lebteng gang e auf koe Hoaxet mea'!« — »No, no«, erwiederte Kasper, der wohl sah, daß ihm heute mit Ernst und Vernunft nicht beizukommen war, lächelnd, »du wurscht doch auf dei' oegana' (eigene) ganga'?« — »Halt's Maul« rief Michel in Verachtung solcher Späße und stand auf, um heimzugehen. Kasper fühlte die Pflicht, ihn zu begleiten.
Unterdessen hatte das Tanzen wieder begonnen. Der Schneider ging im Reihen, die Gret an der Hand, und sang ein lustiges Stückchen. Wie er den Michel mit seinem Päckchen an der Stiege sah, war er nicht sowohl schadenfroh als schadenselig, — vom Siegesjubel hingerissen juxte er und tanzte er fortjuxend, bis ihm der Athem ausging. »Doh siksch!« bemerkte unser Bursche zu Kasper, während sie die Stiege hinuntergingen — »so a miserabler Schneider, dear gar net he'falla' ka', weil 'r fliegt wie a Bettfeder — des ist der recht Ma' für dia! — No so mei'tweg — dean soll's oh haba'.«
Ende gut, Alles gut.
Es ist eine eigenthümliche Sache um das Schicksal! — — Der Mensch will an einem schönen, glückverheißenden Ziel anlangen, aber der Weg, den er einschlägt, führt ihn nur weiter ab davon. Er nimmt die Lehre der Erfahrung an, er geht, die täuschende Bahn vorsichtig meidend, eine andere. Da gewahrt er, daß man durch Schaden immer nur sehr verhältnißmäßig klug wird: der erprobten Falle entgehend, stürzt er in eine andere. Er sieht den Zweck verloren. Wie sollte er ihn noch erreichen? So und so hat er ihn verfehlt. — Auf einmal bringt ihn sein guter Genius in eine Situation, wo die Anwendung der ihm vorzugsweise verliehenen Gaben zum Siege führt! Und nun kann er sein Schicksal schmieden — wenn er entschlossen ist, den Hammer zu schwingen und die von ihm geforderten Schläge zu führen.
Unser Bursche hatte ein Mädchen, die er liebte, foppen wollen — und war von ihr gefoppt worden. Er hatte sie durch Ausführung ihrer Befehle erfreuen wollen — und hatte sie durch Nichterfüllung ihrer Wünsche böse gemacht. Er hatte sich vor ihr und mit ihr auszeichnen wollen und hatte sich vor ihr und vor dem ganzen Dorfe mit Schande bedeckt. — Was konnte für ihn das Schicksal noch bereit haben?
Zunächst stand seine Sache bei dem Mädchen so schlecht als möglich. Die Gret hatte in der That beschlossen, ihn aufzugeben, und der Unwille, der diesen Entschluß geboren, hatte ihn auch den Rest des Hochzeitabends aufrecht erhalten. Als sie am andern Morgen früh erwachte, war es ihr Erstes, das Geschehene zu überdenken. Und diesmal kam sie kein Lachen an — ein tiefer Ernst nahm ihr Herz ein und blieb darin. »Es soll net sei'« — das war das Ergebniß ihres Nachdenkens. »Er hot ebbes auf me ghalta', des will e net läugna'; aber er ist stolz wie a Reichsgrof, empfindlich wie a kloes Ke'd (Kind), grob wie Säuboanastroa' — ond a Narr, wo ma'n a'sicht! — Noe, noe!« rief sie. »Wann e sei' Weib wearat, hätt e me nex as z'schäma', ond wann e'm d'Worat saga' dät, wuhr'r (würde er) wüadeng ond —« — Die Gret sah unwillkürlich die Arme Michels in einer gewissen Bewegung — sie zuckte in ihrem Bette und sah mit weiblichem Stolz vor sich hin. »Des wurd m'r net passiera'«, rief sie zuletzt, — »doh ben i guet derfür!«
Sie faßte mit Ernst und Ruhe den Entschluß, zu thun, als ob Michel nicht mehr auf der Welt wäre — ihn nicht mehr anzusehen — — und zu überlegen, was sich für sie Anderes und Besseres schicken möchte.
Der Vorfall zwischen ihr und dem Burschen war gestern Abend noch in der untern Wirthsstube erzählt worden, und Niemand zweifelte daran, daß die Gret sich mit dem Ungeschickten einen Spaß gemacht habe. Als sie nun zu ihrem Vater hinunterging, stellte sie der Wackre ernstlich zur Rede und sagte zum Schluß: »Des loß nor onterwegs kenfteng, so'st dischgerier ih a Wöartle mit d'r! Der Michel ist a braver ond a fleißenger Mensch; ond wann 'r net danza' ka', so braucht m'n desdawega' net für da' Narra' zhalta'! — I hoff«, setzte er mit aller Strenge hinzu, deren er fähig war, — »i hoff, daß so ebbes nemmer fürkommt!« — Das Mädchen, die ihrem Vater kein Bekenntniß ablegen wollte, begnügte sich zu erwiedern: »Doh hab koe Sorg! D' Schand ist für mi so groaß gwesa' wie für ihn — i hab bodagmuag (bodengenug, genug bis auf den Boden) an dem oezengamol!«
Bald darauf kam der Schneider — »em Vorbeiganga'«, wie er sagte. Er war vergnügt und sprach gemüthlich, indem er gewandt einige seiner städtischen Redensarten anbrachte. Das Mädchen sah ihn freundlich an und der Ernst wich im Geplauder mit ihm wenigstens aus ihrem Gesicht. — Der Maurer schaute mit zufriedenen Blicken auf das Paar. Vetter Jakob hatte eine bessere Sölde als er, und mit der Nadel war's eine gute Mannsnahrung. Die jungen Leute gefielen sich und hatten ihre Freude an einander — die Sache machte sich von selber. — Als der Schneider wieder fort war, zeigte der Alte das Gesicht eines Vaters, der Aussicht hat, seine letzte Tochter nach Wunsch zu versorgen, und sagte: »Der Vetter ist a gueter ond a'n aufklärter Mensch! 'S hot doch ebbes Guet's, wamma'n a bisle en der Fremd gwesa'n ist! Dean hält gwihß koe Mädle für da' Narra'!« — Die Gret sah für sich hin und ein leises Lächeln ging über ihr Gesicht. — —
Wie das Mädchen, so war auch ihr bisheriger Liebhaber weiter als jemals von dem Punkte entfernt, den er so lang erstrebt hatte.
Michel war nach kurzem Abschied von Kaspar, der zum Ansing zurückverlangte, geräuschlos in sein Haus getreten und hatte der Mutter das Eingewickelte mit dem Bemerken übergeben: er sei müde und wolle gleich ins Bett gehen. Die Mutter wußte nicht, was sie aus dem ruhigen, aber durchaus unvergnügten Gesicht machen sollte, und fragte: ob er nicht getanzt habe! »Ond wia!« versetzte der Bursche mit einer Art von Humor, »daß se alle Leut' drüber gwondert hont! — Aber ha'et ka'n e nemmer viel verzehla' — morga' früa' ist oh no' Zeit! Guetnahcht!« — Er ging in seine Kammer.
Vor Tagesanbruch erwachend hatte er das dumpfe Gefühl einer höchst widerwärtigen Geschichte. Als er sich das Vorgefallene deutlicher machte, verlor sich seine fatale Eigenschaft nicht — es grinste ihn widerlich und peinlich und immer peinlicher an. Er seufzte tief auf — und wollte davon wegsehen; aber das ging nicht. Seine Seele kam immer wieder darauf zurück, seine Gedanken liefen sonderbar hin und her. Einmal klagte er sich selbst an und wollte die Hauptschuld haben. Dann erinnerte er sich ihres »boshaften Lachens« und ihres Tanzens mit dem Schneider, und es schien ihm unzweifelhaft, daß die Gret falsch und er der Angeführte, der mit Fleiß Verhöhnte sei. Zuletzt rief er: »Was plog e me viel! — 'S ist aus — hab' Schuld dra' wer will!« —
Er stand auf und zog sich an. Der Mutter sein Versprechen wegen der Erzählung zu halten, fühlte er sich durchaus nicht in der Stimmung; deßwegen ging er sachte in die Stube, schnitt von dem Brotlaib in der Schublade des Tisches ein tüchtiges Stück ab, nahm eine Schaufel und ging auf's Feld, um an einem Graben weiter zu schaffen, den er herzustellen unternommen hatte. Er arbeitete »wie wild«. In körperlicher Anstrengung suchte er seinen Unstern mit Gewalt zu vergessen.
Als er um zehn Uhr heimwanderte, begegnete ihm in der Gasse — die Gret. Hätte er beschlossen gehabt, sie zu grüßen, so würde er's nach einem Blick auf sie doch unterlassen haben. Seine scharfen Augen gewahrten in ihrem gespannten Gesicht einen Ernst und einen Trutz, der ihm auf's Deutlichste sagte, sie wolle ihn nicht ansehen, nichts mehr von ihm wissen. Er machte ein Gesicht, dem ihrigen ähnlich, und stumm gingen sie aneinander vorüber. — Sollte er jetzt noch zweifeln, daß er der Genarrte war und der Schneider der Vorgezogene?
Als er — man sagt sich, in welcher Laune — nach Hause kam, war die Mutter von dem Ereigniß auf dem Tanzboden schon unterrichtet. Durch das Betragen des Burschen stutzig gemacht, war sie bald nach dem einsamen Frühstück zu einer Nachbarin gegangen, die auf der Hochzeit gewesen, und hatte Alles erfahren. Sehr unangenehm berührt von der Niederlage des Sohnes, urtheilte sie doch über die Gret anders als die Leute, und am fatalsten war ihr daher zuletzt Michels Grobheit gegen das Mädchen. Sie nahm sich vor, ihm tüchtig ihre Meinung zu sagen.
Nach einem leichten mütterlichen Tadel, daß er heute ohne etwas Warmes fortgegangen sei, erinnerte sie ihn, ihre Wissenschaft verbergend, an sein Versprechen. »Ach Gott«, erwiderte Michel ungeduldig, »'s ist gar net d'r Müa' wearth dervo' z'reda'!« — »Ja, ja«, versetzte die Mutter, indem sie ihm sehr ernsthaft in's Gesicht sah, »i glob's scho', daß d' net geara' dervo' redst! Ist des a Benemma' für'n Menscha', der ballvoll (bald voll) semna zwanzg Johr alt ist! Ander Leut wearat gscheidter wann's älter wearat, ond du wurscht allweil o'gscheidter ond allweil dommer!« — Von diesem Vorwurf der Mutter wenig berührt, entgegnete Michel: »Du woescht (weißst) also scho' Alles?« — »Ja freile woeß e Alles!« erwiederte die Mutter. »Redt ma' ja überal dervo' em ganza' Doraf ond lacht de aus!« Und mit einer Miene zugleich der Bekümmerniß und der Anklage setzte sie hinzu: »'S ist also ganz zom Verzweifla' mit dir! So o'gschickt sei'! So grob sei' gega'n a Mädle, die's so guet mit oem moet« — — »So«, fiel Michel ein, »die moets guet mit mir? — Wie hätt se's (sie es) denn zoegt (gezeigt)?« — »Des sicht ma'n aus allem«, erwiederte die gute Frau. »Ond wannd' a gscheidter Kerl gwesa' wärst, nocht hättst a Weib kriega' könna', wie's koena' mea' git dohrom!«
Diese Versicherung mußte dem Burschen nach der von ihm gewonnenen Ueberzeugung durchaus haltlos vorkommen. In der vollen Gewißheit des Rechthabens entgegnete er: »I will d'r ebbes saga'! Wart no' a baar Wucha' ond dua' dei' Oga'n auf, nocht wurscht seha', mit weams dia' guet moet!« — Durch den sichern Ton des Burschen etwas getroffen, aber sich nichts ansehen lassend, erwiederte sie: »Du bist a Mensch voller Ei'bildenga'! Ond ih sag: ha'et könntst no' alles guet macha', wann d' a Kerl wärst! Auf da' Sonnteng über vierzea' (vierzehn) Dag ist d' Kirwe (Kirchweih). Gang en d'Zech, führ de auf, wie's 'm rechta' Burscht ghöart, tanz nommol mit'r —« —
Das war dem guten Michel zu viel. Das Zureden der Mutter war mit Schuld an seinem Unfall auf der Hochzeit — — und nun sollte er wieder tanzen — mit derselben, die ihn — Er war in tiefster Seele verdrießlich und erwiederte mit gerechter Entrüstung: »Du host haba' wölla', i soll danza' — i hab' danzt en d's Deufels Nama, ben he'schlaga' ond hab' me auslacha' lossa'. Ond ietz bist no' net z'frieda' ond willst, i soll me nommol für da' Narra' haba'n ond auslacha' lossa? A' — doh möcht oen ja glei d's Donner onds Wetter — — — Ietz lohs (höre), i will d'r ebbes saga'! I dua mei' Arbet ond leb wie's 'm ordentlicha' Menscha' ghöart — ond em Uebrenga' bitt e m'r 'n Ruh' aus! Danza' mueß ma' net — ond heiricha' mueß ma'n oh net! Was Sakerment! — soll e denn grad allweil die Sacha' doa', die e net mag?« — Die Mutter konnte hierauf nichts erwiedern als die Achseln zucken, wie über einen Verlorenen. Michel, der sich schon gewendet hatte, ging mit starken Schritten aus der Stube.
Im Verlauf der nächsten Woche kam der Schneider zum Maurer, eröffnete der Gret, daß er in die »Zech« gehen wolle, und fragte mit eben so großer Artigkeit als Zuversicht: ob er sie nicht auf die Kirchweih führen dürfe! — Das Mädchen sah ihn schweigend an und sagte endlich: »I glob net, daß des got!«
Sich von einem Burschen auf die Kirchweih führen lassen und consequenterweise mit ihm auf dem Platz tanzen, hieß so viel als: ein bestehendes oder werdendes Verhältniß mit ihm offen bekennen. Zuweilen geschah es allerdings auch aus Freundschaft, daß man zusammen die Kirchweihfreuden genoß; allein das waren eben nur Ausnahmen und immer hatte das Eingehen auf einen Vorschlag, wie er dem Mädchen gemacht wurde, etwas Verpflichtendes und — Verfängliches.
Das Bedenken der Gret werden unsre Leser nun besser begreifen, als der Schneider und ihr Vater. Der Bursche rief höchlich überrascht: »Worom denn net?« Und der Maurer setzte hinzu: »Ja, des möcht' e oh wissa'!« — Die Gret wollte begreiflicherweise nicht sagen, was sie eigentlich für eine Empfindung hatte; sie erwiederte zögernd: »I muß d'r aufrichteng saga', Jakob, i hab m'r auf d'r letschta' Hoaxet gemuag danzt! — i hab koen Luhst mea' derzue! — Der Schneider fragte erstaunt: »Willst also gar net ens Wirthshaus ganga'?« — »Beinah hab' e so ebbes em Send (im Sinn)«, erwiederte die Gret. — Der Alte rief: »Gang weiter — des ist widder so a'n Ei'fall! Morga' denkst anderst!« — Die Gret, für jetzt zufrieden, nur Zeit zu gewinnen, versetzte: »'S ka' sei'! — Reda'mer (reden wir) a'nandersmol dervo' — 's hot ja no' Zeit!« — Dem Schneider war es höchst fatal, einen Antrag halb ausgeschlagen zu sehen, der, wie er gemeint hatte, mit der größten Freude sollte aufgenommen werden. Allein er mußte sich in ihre Laune fügen und ließ die Sache fallen, in der Hoffnung, sie das nächstemal bereitwilliger zu finden.
Ein paar Tage später, an einem schönen, milden Septembermorgen, ging die Gret ins »Ohmed«. Nicht weit vom Dorfe sah sie den Michel gegen sich herankommen, mit einer Miene, die ihr auffallen mußte. — Der gute Bursche hatte sich in der That Ruhe verschafft in seinem Hause — weder die Mutter noch Kaspar sprachen mit ihm fernerhin über die Gret und über's Tanzen. Aber in dieser Ruhe war er traurig geworden; der Unmuth seiner Seele hatte sich in Schwermuth verwandelt. — Ihm war's auch einmal eingefallen, glücklich sein zu wollen, wie andere Leute — doch für ihn gab es kein Glück! Durch seine oder ihre Schuld — sei's, wie's sei — war er drum gekommen und nun hatte er ein Leben vor sich ohne Lust und ohne Liebe und ohne Freude. Dieser Gedanke drängte sich ihm auf, er kämpfte nicht dagegen an, er unterwarf sich — und seine passiv ergebene Seele ward ein Raub der Melancholie.
Die Gret, wie sie ihn einem Träumenden ähnlich, die Miene traurig, aber ruhig und auch in der Trauer noch mannhaft, an sich vorübergehen sah, bekam eine Ahnung von seinem Zustande. Sie schaute ihm lange nach — und ging tief in Gedanken weiter.
Als sie nach Hause kam, war der Vetter wieder erschienen und erneuerte seinen Vorschlag. Das Mädchen sah ihn mit glänzenden Augen, mit einer Art von wehmüthigem Lächeln an und sagte: »No mei'tweg! — — 'S wurd ja nex O'rechts sei, was e dua'!« — Das Gesicht des Schneiders hatte der Schimmer des Triumphes überflogen und mit stolzem Behagen rief er aus: »Ebbes O'rechts? I möcht wissa', worom!« Dann sah er sie schlau an und bemerkte: »Du wurscht m'r doch net zutraua', daß ih ebbes O'rechts im Senn hab?« — Die Gret konnte nicht umhin, ein wenig zu lachen und erwiederte heiter: »Des net.« Etwas ernster setzte sie hinzu: »No, du bist mei' Vetter, ond von 'm Vetter därf ma' scho'n a Gfälligkeit a'nemma! 'S got eba'n en d' Froedschaft!« — Der Maurer sah vergnügt auf sie und murmelte: »Guet!« — —
Der Inbegriff aller Fröhlichkeit und aller Genüsse des Dorfes — das Hauptfest im ganzen Jahr — die Kirchweih kam heran. — In damaliger Zeit wurde dieses Fest ebenfalls anders gefeiert, als gegenwärtig; bevor wir daher in unsrer Erzählung weiter gehen, ist es nothwendig, auch hierüber einige Bemerkungen vorauszuschicken.
Zur Zeit des alten deutschen Reiches erhielt die Rieser Kirchweih außer der kirchlichen noch eine gerichtliche Sanction. Der Amtknecht der betreffenden Behörde verkündete feierlich das »Friedbot« und tanzte beim »Platzaufführen« die ersten drei Reihen allein — damit erklärend, daß die Lustbarkeit einen Charakter haben müsse, der vor der Macht, die er vertrat, auch bestehen könne. In der Zeit, in welcher unsre Geschichte spielt, war dieß weggefallen, aber die Lustbarkeit verlief doch noch in einer Reihe bestimmter Formen. In gewissem Sinne war an die Stelle des Amtknechts ein Dorfbursche getreten, der »den Platz kaufte«, d. h. gegen Erlegung einer gewissen Summe an den Gerichtsdiener den Namen des »Platzmeisters« und eine Anzahl von Rechten erwarb. Er durfte am Kirchweihmontag und an dem darauf folgenden Sonntag, durch einen geputzten dreispitzigen Hut ausgezeichnet, im Verein mit andern Paaren einen Tanz im Freien, auf geebnetem Platz, wo möglich um einen Baum, aufführen und ihn durch dreimaliges Alleintanzen einleiten. Zur Vergütung seiner Auslagen und Bemühungen durfte er am ersten Sonntag eine Ente, am letzten einen Hut oder ein ähnliches Möbel herauspaschen lassen, wobei der Einsatz den Werth des Gegenstandes natürlich bei weitem überstieg; deßgleichen einen Kegelplatz anlegen, der gleichfalls gute Procente abwarf. Verstand der Platzmeister, der in der Regel noch einen zweiten als Gehülfen zur Seite hatte, die Leute recht zum Paschen und Setzen heranzukriegen, und wurde bei guter Witterung fleißig gekegelt, so fiel nicht nur der mäßige Kaufpreis des Platzes ab, sondern auch noch die Summe für die Zeche an den Kirchweihtagen. Daraus ergiebt sich, daß nur unbemittelte Bursche — Söldnerssöhne oder Knechte — Platzmeister wurden, indem Bauernsöhne derartige Erwerbungen unter ihrer Würde halten und sich vielmehr berufen sehen mußten, ungewöhnlich viel Geld springen zu lassen. Für das Dorf waren aber doch die Platzmeister die Hauptpersonen.
Genauer zu reden hätten wir nämlich sagen müssen: das Kirchweihfest konnte zu jener Zeit noch in bestimmten Formen verlaufen — eben wenn die Stelle des Platzmeisters erworben wurde. Fand sich dazu Niemand bewogen, dann war die Kirchweih ein einfaches Tanzfest, zum wenigsten in unserm Dorfe. Nicht nur das Kegelspiel und das Tanzen auf dem Platz fiel weg, sondern auch das uralte Abholen der Mädchen mit Musikanten und das Tanzen in den Häusern derselben. Eine solche Kirchweih hatte aber »keinen rechten Ton«, jeder ächten Bauernnatur mußte dabei etwas fehlen — und das Auftreten eines Platzmeisters, der auch nur ausnahmsweise mangelte, wurde daher immer mit Freude begrüßt.
Die letzten Jahrzehnte sind auch für die Kirchweihgebräuche kritisch gewesen — das Platzaufführen mit allem, was damit zusammenhing, ist aus der Reihe der Festesfreuden gestrichen. Während die Alten diesen Brauch als moralisches Mittel benutzten — denn Burschen und Mädchen, die nach dem Rieser Ausdruck »schon so vorgekommen«, d. h. nachweislich vom Wege der Ehrbarkeit abgewichen waren, durften nicht mit klingendem Spiel in's Wirthshaus ziehen und »auf den Platz gehen!« — erschien in neuerer Zeit das Jauchzen, Spielen und Tanzen im Freien als ein nicht zu duldender Skandal, der zunächst wenigstens in einen geschlossenen Raum verwiesen werden müsse. In der jüngsten Zeit ist durch den Befehl, daß alle Kirchweihtänze des Kreises Schwaben und Neuburg an einem und demselben Tag abzuhalten seien, dem Rieser Kirchweihfest die letzte Zierde und Würde des Brauches genommen worden. Von andern prosaischen Uebelständen abgesehen ist dadurch nämlich die Gastfreundschaft unmöglich geworden, die in den Tagen des Festes von Befreundeten verschiedener Dörfer wechselseitig geübt wurde. Die Bauern können nun höchstens noch die Beamten aus der Stadt »auf die Kirchweih laden«, sich selbst aber nicht mehr — die Feier ist auf die Bewohner eines Dorfes oder Dörfleins beschränkt und nichts weiter als ein gewöhnliches Essen und Tanzen ohne bräuchliche und poetische Weihe.
Einem Autor, der sich die Darstellung des Volkslebens zum Ziel gesetzt hat, muß es gestattet sein, gelegentlich eine die Volkssitten und ihre administrative Behandlung angehende Bemerkung zu machen. — Es fällt uns nicht ein, die Vortrefflichkeit der Absicht jenes Befehls, der ja auch in andern Staaten schon ergangen ist, irgend anzufechten. Man will, daß jeder Streit, der auf dem Kirchweihfest eines Dorfs zwischen eingebornen und fremden Burschen entstehen könnte, zuvor abgeschnitten sei, und — daß der Bauer auf seine Vergnügungen möglichst wenig Geld verwende. Friedlichkeit, Fleiß und Sparsamkeit sollen dadurch gefördert werden bis zu einem noch nie dagewesenen Grade. — Allein im Ries darf man die früher üblichen Händel zwischen eingebornen und fremden Burschen recht eigentlich als aus der Mode gekommen ansprechen; und was Fleiß und Sparsamkeit betrifft, so übt die große Mehrzahl des dortigen Landvolks diese Tugend von alter Zeit her in einer Weise, die man geradezu musterhaft nennen kann. Ein Staat, der sich einer Beamtenschaft rühmen könnte, die in dieser Beziehung dem Rieser Landvolk ähnlich wäre, dürfte sich nach unserer Ueberzeugung glücklich preisen. Ist es nun gerathen, um einiger liederlicher Menschen willen, die überall vorkommen und bekanntermaßen nicht der Kirchweihen bedürfen, um sich zu ruiniren — ist es gerathen, fragen wir, jener großen Mehrzahl ihre hergebrachte Lustbarkeit zu verkümmern und für die Söhne und Töchter wohlhabender, ja reicher Landleute die Tanzgelegenheiten auf ein Minimum herabzusetzen, während in Städten nicht nur die höhern Klassen, sondern auch die Massen der Handwerker und Proletarier vor Bällen und Tanzmusiken nicht wissen, wo aus und wo ein? Hält man etwa das Landvolk im Vergleich mit dem Städter für unmündig und für leichter zu verführen? Schreiber dieses kennt beide aus vieljähriger Erfahrung; er muß aber sagen, daß ihm keine Menschenklasse vorgekommen ist, die sich in ihren Vergnügungen und Geldausgaben mündiger und ordnungsmäßiger zu benehmen wüßte, als eben der Rieser Bauer! — daß mithin Befehle, die sich auf die Annahme einer solchen Unmündigkeit gründen, in keiner Art nothwendig erscheinen.
Ein Schriftsteller, der sich in dieser Beziehung Autorität erworben hat, Riehl, erklärt sich in seiner »bürgerlichen Gesellschaft« mit Entschiedenheit gegen die Vernichtung hergebrachter Bauernfeste durch Zusammenlegung der Kirchweihen auf Einen Tag. Er citirt zu seinen Gunsten den Ausspruch des anerkanntesten Volkskenners — Justus Mösers. — Mögen diejenigen, die durch Einschränkung der gebräuchlichen und natürlichen Lustbarkeit das Beste des Landvolks zu fördern glauben, bescheidentlich mit uns erkennen, daß das in dieser Beziehung Beste in der That noch eine Frage ist, die nur in Erwägung gar mancher Verhältnisse definitiv entschieden werden kann! Steckt man auch dem Landvolk ein höheres Ziel im Leben und Streben, so wird es diesem Ziel nimmermehr durch Verbote, sondern nur durch die ihm entsprechende Bildung näher geführt werden. Das positive Mittel einer solchen Bildung wende man an — dann wird Alles, was sich mit ihr nicht mehr verträgt, im Verhältniß ihrer Ausdehnung von selber zu Boden fallen. Mit Untersagung herkömmlicher Gebräuche sei man dagegen um so behutsamer, als die sich erhaltenden vielleicht eben das Material bieten sollen, welches die fortschreitende Bildung zu läutern und zu einer neuen Poesie des Lebens zu verklären haben wird. — —
Unser Dorf hatte diesmal das Glück, eine »rechte Kirchweih« zu bekommen. Zwei Bursche hatten den Platz gekauft, die in jeder Hinsicht fähig waren, das Amt zu versehen: lustige Kerle, vortreffliche Tänzer und Liedersänger. Der Kegelplatz war schon errichtet; er prangte vor dem Wirthshause, allerdings auf einer etwas geneigten Ebene, was indeß nur zur Folge hatte, daß das Treffen darauf um so ehrenvoller war. Eine ziemliche Anzahl von Ledigen war »in die Zech gegangen,« d. h. sie ließen im Wirthshaus aufschreiben, was sie an Essen, Weißbier und Branntwein verzehrten, um nach den Festtagen zu gleichen Theilen zu bezahlen. Das ganze Dorf war angeduftet von der Poesie einer Feier, die, erinnerung- und hoffnungerweckend, ein lautes, fröhliches Leben vorführen sollte, und von den Torten, Ringen (Kränzen) und Bretzgen, die nach Maßgabe des Vermögens von allen Familien gebacken wurden. »Nach altem Brauch« waren nicht nur im Wirthshaus verschiedene Schweine geschlachtet worden, sondern je eines auch in bedeutenden Bauernhäusern, und eine erklekliche Anzahl befiederter Geschöpfe war aus den Reihen der Lebendigen gestrichen. Das Dorf brauchte nichts mehr als gutes Wetter — und das kam. Schon am Freitag hatte ein die Gemüther sehr beunruhigender Regen aufgehört, der Kirchweihsamstag war trocken, und am Sonntag stieg die Sonne in einen Himmel mit nur einzelnen dünnen Wölkchen empor. Wer die Empfindungen kennt, die beim Anblick solchen Himmels an dem Hauptfeste des Jahres die genußfähigen Dorfbewohner erfüllt, der weiß, was Freude des Lebens ist!
Der Vormittag des Sonntags und ein Theil des Nachmittags ward in unserm Dorfe der geistlichen Feier gewidmet. Wer es irgend konnte, ging in die Kirche und horchte der Predigt, welche die höhere Bedeutung des Festes darlegte, mit Andacht. Sobald die nachmittägige Betstunde vorüber war, begann im Wirthshause das weltliche Fest. Die Mädchen der in der Zech befindlichen Bursche kamen sachte angeschlichen, thaten zuerst, als ob sie nur da wären, um ein wenig zuzuschauen, ließen sich dann aber von ihren Verehrern bereitwillig in die obere Stube oder gleich auf den Tanzboden führen.
Unter den »Kirchweihburschen« war auch der Schneider, unter den Mädchen, die sich zum Tanz einfanden, die Gret. Mit der Zuversicht, die man gegen die Seinige an den Tag zu legen pflegt, ging der Bursche dem Mädchen entgegen, tanzte mit ihr und führte sie nach einem Dutzend Reihen in die Stube. Als ein Anderer kam, und mit ihr zugleich ihn fragte: »Isch verlobbt (ist's erlaubt)?« erwiederte er würdevoll: »Du ka'st danza'!« — und der Begünstigte führte die Gret hinaus. Ein Bekannter trat zu ihm und sagte vergnügt: »No, Schneider, hosch (hast du's) wirklich durchgsetzt bei deam Mädle — send d'r oeneng?« — Der Bursche erwiederte: »Vor der Hand gots wenigstens mit m'r auf d' Kirweih!« — Dem Bekannten war das genug; er sagte: »Die Schöast em ganza' Dorf! Wie host ietz des a'gfangt, Schlengel?« — Der Schneider zog statt der Antwort die Augenbraunen in die Höhe und sah mit tiefbedeutsamem Lächeln für sich hin. »Du bist a Hauptspitzbue«, rief der Kamrad und der Schneider machte ein Gesicht, als ob er sagen wollte: »Ich widerspreche nicht!«
Wie Michel — bei dem sich's von selber verstand — war auch Kasper nicht unter den Kirchweihburschen. An einem der letzten Tage war der treue Freund zu dem Traurigen und Düstern gegangen, um ihm eine Mittheilung zu machen und eine Aufforderung daran zu knüpfen. Er begann mit der gemüthlichen Frage: »Was isch, gommer oh en d'Zech desmol?« — »Frog net so domm!« erwiederte Michel und drehte sich weg. Kasper lachte: »'S ist oh nor Gspaß! Was sottet o's (sollten wir) dren doa'? Du host koena', ond ih hab grad oh koena'! Doh mag d'r Deufel mitmacha'. — Aber«, setzte er ernsthafter hinzu, »ens Wirthshaus wurscht doch ganga'?« — »Sell verred'e net«, erwiederte Michel. — Kasper, nachdem er eine Weile für sich hingesehen, begann wieder: »Ietz, wo dein' Pla' mit der Great aufgeba' host, wurd's d'r nex mea' macha', wann da' Schneider mit'r danza' sichst!« — »Sell got me nex mea' a'«, versetzte Michel ernsthaft. — »Wie e ghöart hab«, fuhr der Andre fort, »got's mit d'm Schneider auf da' Plahtz!« — Michel zuckte. »Auf da' Plahtz?« rief er, während dunkle Röthe sein Gesicht übergoß. Kasper sah dem Betroffenen ins Gesicht und fragte: »Aergert de des?« — »Noe«, versetzte der Bursche mit Anstrengung. Der Kamerad sagte: »So hab e's geara'! — Am End, wer ka's dem Mädle verdenka', wann's da' Schneider nemmt ond ietz mit 'm auf d' Kirwe got? Zwea' oder dreia' (zweien oder dreien) hot sie selber da' Marsch gmacht; du bist ahgstanda' von 'r — solls da' Schneider oh no' furtschicka?« — »Sie hot Recht«, erwiederte Michel mit dumpfer Ruhe; aber auf einmal ballte sich seine Faust wie von selber, und er rief: »O i wott (wollte) —!« »Was wottst?« fragte der Kamerad, indem er ihn lächelnd ansah. — »Nex«, erwiederte Michel mit Nachdruck, indem er die Finger zusammenpreßte, um sie dann auseinander gehen zu lassen.
Am Sonntag — um dieselbe Zeit, als die Gret mit dem Burschen tanzte, der sich vom Schneider die Erlaubniß ausgebeten, verfügte sich Kasper zu Michel, um ihn in's Wirthshaus abzuholen. Er fand ihn in tief melancholischer Stimmung. Als er seinen Vorschlag machte, gab Michel zur Antwort: »Ha'et no' net — morga'! — Ha'et ben e net aufglegt!« — Alle Mahnungen waren umsonst. Kasper sagte mit Ernst: »I will de net nöada' (nöthigen) — mei'daweg duest, was d' willst. Aber ih moe, a Kerl wie du sott grad ens Wirthshaus ganga', en die ober' Stub', ond so'm Mädle zoega', daß 'r se nex draus macht, gots auf da' Plahtz mit weam's will! Die möcht'e net globa' lossa', doß e ihrdawega' von d'r Kirwe derhoemt blieb!« — »Des gschicht oh net«, versetzte unser Bursche, — »morga' gang' e drauf!« — »Morga' host widder a'n andera'n Ausred!« — Michel wurde ungeduldig. »Doh host mei' Ha'd«, rief er und streckte ihm fünf Finger entgegen, die ihres Gleichen suchten, — »morga' gang e ens Wirthshaus — Sakerment!« — Kasper schied beruhigt und folgte den lockenden Tönen eines Drehers, der ihm vom Wirthshaus entgegenschallte.
Bei seiner Ankunft auf dem Tanzboden ging die Gret mit ihrem Tänzer eben im Reihen. Als sie Kaspers ansichtig wurde, zeigte sie eine gewisse Erregtheit — und schaute sich weiter um. — Der Kamerad hatte sie beobachtet, und nickte für sich.
Er beschloß, den Michel am folgenden Tage ins Wirthshaus zu bringen, koste es, was es wolle.
Kasper hatte ein Gefühl, was er im Sinn trug, könnte nützlich werden. Er sah nicht voraus, was kommen würde; aber er empfand eine lebhafte Genugthuung, als er sich sagte: »Desmol soll' r net derhoemt bleiba'!« — Er handelte mit dem Instinkt der Freundschaft.
Der Kirchweihmontag brach so schön an wie der Sonntag. Die jungen Leute, die sich vorsichtigerweise früh zur Ruhe begeben hatten, erwachten fröhlich, und auch die andern, die erst der Morgen nach Hause wandern sah, hatten bald muntere Augen, um einem Tag entgegenzusehen, an welchem das Vergnügen allein regieren und zur farbigsten Blüthe sich entfalten sollte. — Noch Vormittags, nach früh genossenem Mahle, begaben sich die Zechbursche in's Wirthshaus, und aus den Fenstern desselben erklang sofort stattliche Musik. Das Mädchenholen begann — die Gassen ertönten von Spiel und Jauchzen, und die zinnernen Bierkannen, von rüstigen Armen in die Höhe gehalten, funkelten im Glanz der Sonne.
Vor allen und am feierlichsten — mit sämmtlichen Musikanten — wurden die Geliebten der beiden Platzmeister abgeholt. Sie stolzirten in absonderlichem Putz und trugen zur Auszeichnung vor den übrigen, die nur in der Kappe beim Tanz erschienen, die radförmige Spitzenhaube. Als diese beiden wichtigen Personen sich an der Tafel der Wirthsstube niedergesetzt hatten, theilten sich die Musikanten, und verschiedene Bursche zogen mit je zweien in die Häuser der Erwählten. Das ganze Dorf war bald in freudiger Aufregung: Singen und Springen, Zuschauen und Loben, Austauschen von guten Sachen und Höflichkeiten war die allgemeine Beschäftigung. Die Buben wuchsen in Gedanken beim Anblick der Vergnügungen, die ihnen auch einmal zu Theil werden sollten, und die Alten wurden jung und gedachten der Zeiten, wo sie's — noch besser gemacht hatten.
Nur Ein Haus war ausgenommen von der allgemeinen Fröhlichkeit — das der Familie Schwab. Unser Bursche, nachdem er gestern auch noch einer Ermahnung der Mutter widerstanden, war früh zu Bett gegangen und hatte einen tiefen Schlaf gethan. Wie gewöhnlich aufgestanden, machte er sich in Haus und Hof zu thun und sah nicht aus wie einer, der sich an dem Fest betheiligen wollte. Die Mutter betrachtete den düster Hin- und Hergehenden mit betrübter Miene. Sie gedachte an die Zeiten seines Knabenalters. Wie stolz war sie auf ihn gewesen! Wie viel hatte sie sich von ihm versprochen — und wie wenig hatte er gehalten! Was half es, daß er fleißig war und ordentlich und das Vermögen in den letzten Jahren sich vermehrt hatte? — Er hatte keine Freude, sie hatte keine, und zu hoffen war auch keine! — Als draußen das lustige Spiel und das »Juxen« der Bursche anhub, erschienen ihr die Mängel des Sohnes in immer grellerem Licht. Ein Mensch, der nicht tanzen und sich nicht »aufführen« konnte, ein Mensch, der keinen Schatz und kein Weib zu kriegen verstand, ein solcher Mensch war gar nichts — und sie die unglücklichste Mutter im ganzen Dorf.
Schon war auch der Schneider mit einem Geiger und Clarinettenbläser am Hause vorübergezogen und hatte einen Tenor gejuxt, wie ihn kein gewöhnlicher Bauernbursche herausgebracht hätte. Die Mutter war eben in der Kammer und hatte den Zug nicht gesehen. Nach einer Weile, als sie wieder in die Stube kam, trat Michel zu ihr, und als von der untern Gasse her ein Freudenlärm erscholl, nahm er sie bei der Hand und führte sie ans Fenster. Jauchzend, obwohl schon mit etwas angegriffener Stimme — mit dem Deckel der leeren Kanne nach Kräften patschend kam der Schneider an der Spitze der Musikanten heran und hinter diesen die Gret mit sittigem Schritt und einem Angesicht, das durch höhere Röthe und einen eigenen feierlichen Ausdruck holder und bedeutender erschien als jemals. »Siksch ietz, mit weam die's guet moet?« fragte Michel in Rücksicht auf seine Rede von letzthin. Die Mutter erwiederte: »Des ist m'r oh nex Nuis mea'! Aber wear ist dra' Schuld?« Michel schwieg einen Moment; dann, indem er mit einer Art von Humor den Kopf in die Höhe warf, erwiederte er: »Bah, a Mädle, die mit 'm Schneider auf d'Kirwe got, doggt (taugt) net für 'n Kerl, wie'n ih ben. Ih trau m'r no' a'n andera' z'kriega', wann's amol gheiricht sei' mueß!« — Mit halb schmerzlichem, halb spöttischem Lächeln versetzte die Mutter: »Du bist der Recht', ja!« Aber Michel fuhr fort: »Loß me nor macha'! Ho'et Nommedag (Nachmittag) gang e ens Wirthshaus — doh passirt ebbes, des sag' d'r e! Ond wanns auf o'srer nex wurd — gits net no' ander' Kirwena? I will doch seha', ob ih nex ausricht', wann e amol drauf ausgang!« —
Es war nicht nur der Geist des Widerspruchs, der Micheln, der anklagenden und ungläubigen Mutter gegenüber, diese herzhaften Worte in den Mund gab. Der Anblick der Gret, die dem Schneider folgte, hatte ihn zugleich gereizt und von der letzten Bürde der Ungewißheit befreit. Nun wars offenbar und nicht mehr zu läugnen! — und nun mußte er entweder die Weibsbilder gehen lassen sein ganzes Leben lang — oder sein Glück mit einer andern versuchen. Aus allen Gründen mußte er ins Wirthshaus gehen — er mußte sehen und sich sehen lassen — er mußte zeigen, daß er nicht der Mann war, darum, weil er ein Mädchen nicht gekriegt hatte, sein Leben zu vertrauern.
Das Fest hatte seinen Verlauf. Der Platz vor dem Wirthshause und die angrenzenden Gassentheile belebten sich mehr und mehr. Unter die Bauern und Bäuerinnen mischten sich »Herrn« und »Frauenzimmer«, die an dem schönen Tage hauptsächlich aus Nördlingen und Wallerstein herbeigekommen waren. Einige flotte Musensöhne im altdeutschen Rock und weiten blauen Hosen, das Mützchen keck auf die eine Seite des Kopfes geklebt, schauten mit vergnügtem Antlitz umher oder »schnitten« den schönsten und jüngsten der anwesenden »Florbesen« die Cour. Bauern und Handwerker mittleren Alters hatten schon das Kegelspiel begonnen und suchten auf verschiedene Weise die Ungunst des Lokales zu überwinden, einer davon auch noch durch nachträglich pantomimische Lenkung der schon hinausgerollten Kugel, wodurch er, wenn nicht mehr Kegel, doch die Erheiterung der Umstehenden erzielte. Schulkinder liefen hin und her, begafften Alles und erlabten sich bei den Weibern, die an der Schattenseite des Wirthshauses Obst feil boten. Die jungen Leute drehten sich auf dem Tanzboden und hielten gleichsam eine Vorübung zu der Production, die sie vor einer so großen Anzahl von Schaulustigen ausführen sollten.
Der feierliche, zuletzt sehnlich erwartete Moment erschien. Die Tanzmusik im Wirthshause war verstummt, und in die Ohren der bunten Menge, die sich davor angehäuft hatte, ertönte vom Hof her auf einmal ein kräftiger Marsch. »Sie kommen! Sie kommen!« rief man sich freudig zu und die Vorsichtigen eilten auf die Standpunkte, wo man die Aufführung am besten übersah. Unter einer wahren Kanonade von Juhschreien sämmtlicher Bursche, die zuweilen auch die Blechmusik übertönte, kam der Zug aus dem Hofe: zuerst die sechs Musikanten, dann der »Flur« (Flurschütz, Gemeindediener) mit einem Stuhl, der Aufwärter mit einer riesigen kupfernen Bierkanne und das Wirthsmädchen mit Krügen; endlich die Paare, geführt von dem ersten Platzmeister, der an der Seite seiner Schönen stattlich daherschreitend einen großen, bändergezierten, in blanker Scheide ruhenden Säbel trug! An der uralten Linde angekommen machte man Halt, die Musikanten stellten sich herum, der Aufwärter setzte die Bierkanne auf den Stuhl, und die Paare traten an die Seite. Unter allgemeiner Aufmerksamkeit zog der erste Platzmeister den Säbel aus der Scheide, hielt ihn in die Höhe, stellte sich vor die Musikanten und sang das herkömmliche Liedchen: