Vorwort.
Die erste der drei Erzählungen dieses Bandes wurde 1852 im Morgenblatt veröffentlicht. Der Beifall, den sie erhielt, und die freundliche Aufforderung von Seiten der Redaction veranlaßten mich, im letzten Winter die zweite zu liefern. Die dritte, im laufenden Jahr geschrieben, erscheint hier zum erstenmal.
In der Einleitung zur ersten habe ich über das Ries die nöthigen Aufklärungen gegeben und meine Ansicht über das Genre ausgesprochen, das ebenfalls zu cultiviren ich mich berufen fühlte. Zur Unterstützung des dort Gesagten nur wenige Bemerkungen.
Das, was man unter dem Namen »Dorfgeschichte« begreift, ist in Bezug auf idyllische Darstellung im weiteren Verstande des Worts ein Fortschritt, in sofern darin von erträumten Zuständen und schablonenmäßiger Behandlung zur Auffassung der Natur und des wirklichen Lebens übergegangen ist. Man gewann neue, frische Gegenstände und eine neue Behandlung; und das Publikum überzeugte sich, daß die Personen in den gelungensten dieser Erzählungen darum, daß sie lebenswahr und individuell im Bilde stehen, an Reiz und Interesse keineswegs verloren haben. Der Beifall, den diese Erzeugnisse fanden, mag mit daran Schuld sein, daß man Anklagen gegen sie erhoben hat, die nur ihre schwachen Nachahmungen treffen. Die Dorfgeschichte soll freilich das getreue Bild eines wirklich vorhandenen Landlebens aufstellen; allein ist der Erzähler dichterisch begabt, so verhindert ihn nichts, dieses Leben poetisch zu verklären. Er kann das Material, das ihm die Wirklichkeit bietet, zu einem Organismus ausprägen, der auf den Leser alle Eindrücke eines künstlerischen hervorbringt. Er kann es — wenn er der Mann dazu ist.
Von Seiten derer, die in Fragen der Poesie nicht zu entscheiden berechtigt sind, weil sie ihre Begriffe nur von einzelnen Erscheinungen derselben abgezogen haben und das Werdende und das Seinsollende — das Ideal nicht in Anschlag bringen können — von Seiten dieser in Deutschland nicht seltenen Urtheiler ist die Würde und die Bedeutung des Gegenstandes angestritten worden, auf den sich der Dorfgeschichten-Erzähler gewiesen sieht. Allerdings bewegt sich das Leben des Landvolks — und nun gar das eines bestimmten Landvolks! — in genau begränzter Sphäre. Allein innerhalb derselben findet sich gleichwohl alles Menschliche — alle Tugenden und Schwächen des Menschen und eine reiche Bethätigung derselben — wenn auch in eigenthümlichen, nach gewisser Seite hin beschränkenden Formen. Wer das Alles nun klar zu sehen — wer die Tugenden und Fehler in Aufdeckung ihrer Quellen treu zu schildern und in das Licht wahrer poetischer Gerechtigkeit zu erheben, wer dem vorgeführten Conflict in Handhabung dieser Gerechtigkeit einen befriedigenden Schluß zu geben vermag — wie sollte der abgehalten sein, in Darstellung solchen Lebens ein poetisches Werk hervorzubringen?
Von dem Erzähler, der auf diesem Gebiete dem Ideal sich nähern soll, ist freilich außer der poetischen Begabung noch Eines unabweislich gefordert: er muß unter dem Volke, das er zu schildern unternimmt, gelebt und Leid und Freud mit ihm getheilt haben. Er muß im Innern der Familien heimisch sein und seine Leute in Situationen gesehen haben, die ihre derbere Natur und ihr einfacheres Wesen auch wirklich in Bewegung zu setzen und zu antheilerweckenden Aeußerungen aufzuregen vermochten. Dem flüchtigen Beobachter wird das Landvolk im Guten und im Schlimmen sich nicht offenbaren, und weder im Wirthshaus noch in der Amtsstube kann man den ganzen Bauer kennen lernen, weil hier wie dort nur einzelne Seiten zum Vorschein kommen, und zwar keineswegs die besten. Mit der Kenntniß des Gesammtlebens, wie sie nur der Mitlebende sich erwirbt, muß der Autor zugleich jene Liebe zum Volke verbinden, ohne die es unmöglich ist, das Schöne und Gute in ihm zu sehen und herzgewinnend hervorzubilden. Allein die wahre Kenntniß und die Liebe gehen immer Hand in Hand; denn nur die Liebe ist im Stande, wahre Kenntniß zu erlangen.
Der Dorfgeschichten-Erzähler, in welchem die erforderlichen Eigenschaften vereinigt sind, hat von seinem Gegenstand, der ihn auf der einen Seite beschränkt, auch wieder ganz eigenthümliche Vortheile. Er schildert Menschen, die entschieden ausgeprägt sind, und doch in einer Sphäre der Naivität sich bewegen, die ihren Aeußerungen den Reiz des Kindlichen verleiht und auch bei den ergreifenden uns ein Lächeln entlocken kann. Rührung und Erheiterung — wie dies namentlich auch die Werke Jeremias Gotthelfs beweisen — gehen in seiner Darstellung eng verbunden zusammen. Das unmittelbare Sinnen- und Gemüthsleben, das in der Sphäre unverdorbener Landleute herrschend ist, giebt auch der hier bewußtesten Persönlichkeit und den von ihm entferntesten Eigenschaften noch etwas von seinem Gepräge. Die Natur in ihrer Kraft, in ihrem quellend frischen Leben, das uns umfließt, wie das Wasser des lebendigen Stromes die Glieder des Badenden, sie, die nährende Trägerin alles Lebens ist es, die ihr Füllhorn ausgießt, wenn der Darsteller nur den Geist hat, dem sie liebend und mittheilend entgegen kommt! —
Ist die Möglichkeit einer wesentlich poetisch gehaltenen Dorfgeschichte bewiesen, dann wird es Erzählungen, die in der That poetisch wirken, nicht zum Vorwurf gemacht werden können, daß durch sie zugleich noch andere Zwecke erreicht werden. Wenn sie, von ästhetischer Ergötzung abgesehen, zur Kenntniß des Volkes, seiner Denkweise und Sitten beitragen; wenn sie auf die Frage der Volkserziehung beachtenswerthe Lichter werfen; wenn sie die geistige Scheidewand niederreißen helfen, die zwischen den gebildeten Klassen und den Landleuten noch besteht, und die einseitigen Begriffe, die sich jene von diesen machen, berichtigen — wenn sie den Beweis liefern, daß man sich des deutschen Bauers gerade nicht zu schämen hat, und die gebildeten Classen zu dem Gedanken erheben, daß sie mit dem richtig erkannten und richtig behandelten Bauer Ein Volk zu bilden haben — dann wird dies an solchen Erzählungen kein Mangel, sondern nur eine Tugend mehr sein.
Wie weit ich mich in den folgenden Erzählungen dem Ziele, das ich mir hiernach stecken mußte, genähert habe, das mögen berufene Kritiker und freundliche Leser entscheiden. Kenntniß des Volks, das ich schildere, und Liebe zu ihm wird mir nicht abzusprechen — und das Streben, aus dem ächten Material Kunstwerke zu bilden, wird nicht ganz ohne Frucht geblieben sein. Die Gedanken, die der ersten und der zweiten Erzählung zu Grund liegen und durch sie zur Anschauung gebracht werden sollen, treten dem Urtheilenden so klar entgegen, daß ich über sie nichts weiter zu sagen habe. Auch der dritten, in der ich den ungedämpften Realismus des Riesers in die Sphäre des Humors zu erheben trachtete, wird man vielleicht die Bedeutung eines Gleichnisses zugestehen. Die Aufgabe, die ich mir hier gestellt, bedingte in den Gesprächen die durchgängige Anwendung des Dialekts, worin die geführten Reden allein die erforderliche Natürlichkeit und humoristische Kraft haben. Allein der Rieser Dialekt ist leicht zu verstehen, und einzelne schwierige oder in der Schriftsprache nicht gebräuchliche Ausdrücke sind in Parenthesen erklärt. Bei gewissen Gegenständen ist die Mundart für den geistigen Menschen, was die Landestracht für den leiblichen; und wenn die schönwissenschaftlichen Arbeiten nebenbei die Kenntniß der deutschen Dialekte fördern, so wird das wohl ebenfalls eine löbliche und nicht unzeitgemäße Eigenheit sein.
Zur richtigen Lesung und zum Verständniß jener Gespräche werden folgende Nachweisungen dienen.
Im Rieser Dialekt, ähnlich wie in andern, wird vielfach das n nicht ausgesprochen, aber der Nasenton des ihm vorhergehenden Vokals oder Diphthongen beibehalten. Die »Bahn« wird zur »Bah'«, aber das a darin ebenso durch die Nase wie in dem hochdeutschen »Bahn« — also wie das französische ban ausgesprochen. »Es scheint« wird »es schei't«; der Diphthong behält den Nasenton des »scheint« und das Wort darf keineswegs wie Scheit (Holz) gelesen werden. — Ich habe diesen Ton durch den Apostroph hinter dem betreffenden Vokal oder Diphthongen bezeichnet.
Der Rieser legt bei gewissen Worten nach dem Vocal ein kurz und gleichfalls durch die Nase zu sprechendes a oder e ein. Er sagt statt »gut,« guat oder guet, statt »gern« geara'. Guet läßt etwas feiner als guat.
In »ab«, »herab«, läßt der Rieser das b unausgesprochen; er sagt »ah«, »rah«. Abfallen wird Ahfalla'.
Das au verwandelt man im Ries vielfach in o oder oh, das ei in oe, das a in o, das i in e. Es heißt z. B. statt rauchen rohchen, statt klein kloe, statt Mahl Mohl, statt finden fenden. Weiß man dies, so wird aus dem Zusammenhang der Rede das entsprechende hochdeutsche Wort leicht zu erkennen sein. Das oe habe ich, damit es nicht ö gelesen wird, in den ersten Erzählungen mit trennenden Punkten versehen.
Wie in andern Gegenden Deutschlands, so wird auch im Ries häufig d gesprochen, wo die Schriftsprache t — b, wo sie p hat. Man sagt danza' statt tanzen, doa' statt thun, Bost statt Post etc.
Für »wir« hat der Rieser »o's« (uns) — aber nur da, wo der Nachdruck auf diesem Worte liegt. Er sagt: »O's Rieser« = wir Rieser. »Send o's net so guet, wie ander Leut?« = Sind wir nicht so gut wie andre Leute? — Hat »wir« dagegen nicht den Accent, so wird es zu mer (m'r) oder wer (w'r). »Mer hont scho' gmuag« = wir haben schon genug. »Reißa' mer's raus« = reißen wir's heraus.
Die Betonung hat auch sonst Einfluß auf die Fassung der Worte. »Ich« lautet, wenn es mit Nachdruck gesprochen wird, »ih«. Bei geringerer Betonung wird es zu i, bei der geringsten zu e. Es heißt: »Ih solls do' haba'?« = ich soll's gethan haben? »Soll i's oh doa'? = soll ich's auch thun? »Des hab' e do'«, = Das hab' ich gethan. »Dir« lautet »Dir«, wen es den Accent hat; wo nicht, so wird es zu »Der«, »D'r«. Z. B. »I hab dir's gsakt (gesagt). I hab d'r's gsakt.«
Die Rieser Mundart braucht einzelne Worte in anderm Geschlecht als die Schriftsprache. »Ich habe keine Lust dazu« heißt: i hab koen (keinen) Luhft derzua'. »Luft« existirt weiblich und männlich. Die Luft ist ruhige Luft; der Luft, active Luft, Wind. Man sagt z. B. »'s got (geht) a starker Luhft!«
In Bezug auf Deklination ist zu bemerken, daß der Rieser statt des hochdeutschen Genitivs ein »von« anwendet; z. B. die Größe meines Sohnes = die Gröaß von mei'm Soh'; — oder nach dem Genitiv ein Fürwort setzt: z. B. des Bauern Haus = d's Baura' sei' (sein) Haus.
In der Conjugation weicht er von der Schriftsprache vielfach ab. Er conjugirt: I hab (ich habe), du host, er hot; o's hont, uir hont, sie hont. I wear (ich werde), du wurscht, er wurd; o's wearet, uir wearet, sie wearet. I sig (ich sehe), du sikst, er sikt; o's sehet (seha't), uir sehet, sie sehet. »Sie wearet« heißt auch, sie weara', und so bei andern Zeitwörtern. Vom Imperfectum braucht der Rieser nicht den Indicativ, wohl aber den Conjunctiv. Statt »ich ging« sagt er: i ben ganga'. Für »ich ginge wohl« hat er aber: i geang wohl. Wenn er das Imperfectum »war« anwendet, so bedeutet es entweder »wäre« oder »ist«. Eigenthümliche Zusammenziehungen sind: Gommer = gehen wir; hommer = haben wir; lommer = lassen wir.
Der Hiatus wird im Dialekt möglichst vermieden. A' = ein wird vor einem Wort, das mit einem Vokal anfängt, zu a'n. Es heißt: a Fueß (Fuß); aber nicht: a' Aug, sondern a'n Aug. —
Das dürfte genügen. Andere Abweichungen, Auslassungen von Buchstaben und Zusammenziehungen, Dehnungen (die mit Einlegung eines h bezeichnet sind) bieten für den Leser keine Schwierigkeit.
Schließlich haben wir nur noch zu bemerken, daß der Schriftsteller in Gesprächen die mehr oder minder gebildeten Landleute durch minder oder mehr entschiedenen Dialekt charakterisiren muß. Wenn man also auch in unsern Erzählungen Variationen antrifft, so wolle man darin keine Nachlässigkeit oder Willkür, sondern vielmehr das Bestreben erkennen, den Modificationen zu folgen, die im Leben selber vorkommen.
Ebermergen bei Harburg im Ries.
Der Verfasser.