wohl mehr wegen der lieben, rührenden Melodie, als weil die Reime seinem Zustand entsprachen. Wenn er aber das letzte »G'setz« für sich hinsummte, dann hatte er dabei doch auch seine ganz eigenen Gedanken.
Er lebte mit der, die er liebte, in Einem Hause; aber er war viel schlimmer geschieden als ein Liebhaber, der in die Fremde muß. Für ihn gab es kein Wiederfinden, kein Wiedersehen, keine Wiedervereinigung! — Bedachte er, wie sehr und wie lang er Christine geliebt und wie treu er an ihr gehangen, dann kam ihm wohl ein Lied auf die Lippen, das im Ries oft gesungen wird:
Und in tiefem Ernst sah er dann für sich hin. — Einmal wurde dieser Ernst durch ein halb weh-, halb gutmüthiges Lächeln verdrängt. Es war ihm ein anderes Liedchen eingefallen, das seine Erfahrung erklärte:
»Ja freile,« sagte er dann zu sich, »doh hot's eba' g'fehlt, und i ka' me net beklaga'. 'Sist oena' (eine) wie die ander. Wer koe (kein) so a »Luftikus« (Variation von Windbeutel) ist, der ka' nex ausrichta' bei da' Mädla'!« Und er erleichterte nun sein Herz in folgenden Strafreimen:
Der leichten Anklage der schönen Base folgte aber bei dem guten Burschen in der Regel die Rechtfertigung, die Einsicht in die Natur der Dinge und den Lauf der Welt, die Ergebung und die stille Trauer. Einmal, als er nach der letzten abendlichen Fütterung im Stalle saß und die Kühe wiederkäuend dalagen, summte er in der leise belebten Stille eine Melodie ohne Text, die ihn dergestalt rührte, daß ihm Thränen in die Augen traten. Er besann sich auf das Lied — es war das bekannte:
Es klopfte und zitterte in seinem Herzen und die Thränen rollten die Wangen herunter. Das war ihm aber doch zu arg. Er stand rasch auf, wischte sich die Augen und rief mit wahrem Zorn: »Hohl der Teufel die Narrheit! Ich werd' noch ganz zum alten Weib! — Aber jetzt ist's auch gnug!« Er ging in dem Gange vor dem »Bahren« (Futtertrog) hin und her und fing ein kleines Gespräch mit einer Kuh an, die sich erhoben hatte und ihn anmuhte. Allein er konnte nicht verhindern, daß ihm seine Gedanken wie verwöhnte Kinder noch einmal zu dem verbotenen Gegenstand entliefen. Er dachte an seine alten Träume, mit der Christine das schöne Haus zu bekommen und drin mit Weib und Schwieger ein Leben zu führen herrlich und in Freuden. Mit einer Art von Heroismus sang er hierauf das launig desperate Lied:
»Ja, ja,« sagte er dann halb lächelnd zu sich, »Alles ist hin miteinander! — D's Haus freilich, das traut' ich mir wohl noch zu kriegen; aber was hilft mich d's Haus ohne d's Weib!« — »Nun,« setzte er endlich sich ermannend hinzu, »am End' bleib' doch ich noch da!«
Zu der schönsten Zeit auf dem Lande gehört der Morgen eines Feiertags, wenn die Sonne scheint und die Luft mild und lieblich ist. Je mehr der Bauer die Woche hindurch gearbeitet hat, desto besser versteht er am Sonntag zu ruhen. Seine Bewegungen sind dann con amore langsam, die Mienen drücken ruhiges Vergnügen, sein ganzes Wesen tiefe Gelassenheit aus. Mit der Arbeit der Wochentage hat er auch die Sorgen hinter sich gelassen und ist zu einer Art von Naturstand zurückgekehrt, wo ihn ein Hauch der goldenen Zeit und ihrer Glückseligkeit anweht. Er kommt an solchem Tag in eine tiefere Stimmung und gibt sich entweder stiller Träumerei hin oder freut sich an der Schönheit einzelner Gegenstände der Natur, nicht wie ein schwärmender Poet freilich, aber schlicht und naiv wie ein Kind. Und dieses Naturbehagen wird durch die kirchliche Feier des Tags nicht gestört, es wird durch sie gestärkt, erhöht und sanktionirt.
Nach und nach war der Mai herbeigekommen. Die Bäume glänzten in frischem Laub, einzelne standen über und über in Blüthe. Es wurde nun ein Lieblingsvergnügen des guten Hans, in der schönen Sonntagsfrühe sich in den Garten zu begeben, und was in der Woche gewachsen und ausgeschlagen, was von ihm selbst darin gearbeitet und hergerichtet war, mit Ruhe zu beschauen. Er freute sich an dem grünen Laub und an den schönen Blüthen der Bäume, aber auch an dem Gesurre der »Emmen« (Immen, Bienen) darin; denn sie hatten an der Mauer des Hauses selber einen »Emmenstand,« worin sich drei Stöcke befanden, und er hoffte, daß einer davon bald schwärmen werde. Er freute sich bei den Stöcken der rothen und gelben Hosen, welche die Bienen anhatten, und wie ordentlich ein Vergnügen aus ihnen glänzte, mit so reicher Beute heimzukehren. Zu der Südgrenze des Gartens hinabgewandelt, sah er mit Lust über die weißblühende Dornhecke auf die Wiese hinaus und freute sich der schönen Blumen darin, eben so des reichlichen Grases, das eine gute Heuernte versprach. Die Lerchen schienen ihm noch lieblicher zu singen, als an Wochentagen draußen auf dem Felde, und es war ihm, als müßte bei diesem Gesang, bei der Schönheit und dem Wohlgeruch der Blüthen, bei der warmen Luft und dem hellen Sonnenschein, und bei den herrlichen Aussichten auf ein gesegnetes Jahr die ganze Welt sich glücklich fühlen.
Er selber fühlte sich glücklich, glücklicher als seit langer Zeit. Es war noch immer ein Zusatz von Trauer in seinem Glück, aber sie war aufgelöst und hatte sich innig mit seinem Wohlgefühl verbunden. Das genesende Herz war nicht nur gestärkt durch die Schönheit der Natur, durch die stille Betrachtung des Blühens und Gedeihens, sondern auch durch die religiöse Bedeutung des Tages. Hans gehörte nicht zu den »Betischten,« wie man im Ries, das Wort von »Beten« ableitend, die Pietisten nennt; er machte aus der Frömmigkeit nicht das Geschäft seines Lebens. Aber man hat wohl schon bemerkt, daß in seinem Wesen doch gar manches lag, was recht eigentlich christlich war, und bei aller Natur, die mit ihm verbunden blieb, hätten wir einem solchen Mann im Lebensverkehr doch mehr vertrauen mögen, als manchem von den Stillen im Lande, deren Mehrzahl wir übrigens gerne nicht nur für ehrliche, sondern überhaupt für respektable Leute halten. Hans hatte einen guten »Unterricht« (mit diesem Wort bezeichnet der Rieser ausschließlich den Religionsunterricht) genossen, und er war der Mann, von den Lehren des Geistlichen mehr zu behalten als der erste beste. Er hatte ein dankbares Gemüth gegen Gott und war ihm anhänglich und diente ihm in den Formen, in denen er erzogen war. In seinem Hin- und Herdenken fiel ihm nun auch wohl ein Ausspruch der Bibel oder des Gesangbuchs ein, der ihn tröstete und von seiner Empfindung frei machte.
An einem besonders schönen Sonntagsmorgen steigerte sich unter solcher Einwirkung die Stimmung seines Herzens bis zur Heiterkeit. Vor dem religiösen Gefühl, wenn es die Seele auch nur als ein unbewußter Hauch durchdringt, können gewisse trübe Empfindungen nicht Stand halten; wir legen einen andern Maßstab an das Leid, und was uns sonst über die Maßen begründet erschien, das kann sich uns als eine Einbildung, ein Erzeugniß menschlicher Schwäche darstellen, und sein Wichtigthun kann uns ein Lächeln abnöthigen. Die wahrhaft gute Natur wird dann frei von der letzten Empfindlichkeit und fähig, nicht nur zu vergeben, sondern auch zu vergessen. Als Hans an diesem Morgen in's Haus zurückkehrte, weil die Glocken zur Kirche riefen und er die festlich geputzte Christine im »Wurzgarten« am Hause sah, wie sie noch ein Sträußchen pflückte, um ihren Schmuck zu vollenden, warf er im Vorübergehen einen Blick auf sie, wie ihn ein Mann auf ein glückliches Kind wirft. Und als sie ihn gewahr wurde und vergnügt und mit einer gewissen Gutmüthigkeit rief: »Guten Tag, Hans!« da dankte er ihr von Herzen freundlich und wünschte ihr eine »gute Andacht,« obgleich er wußte, daß ihre Andacht hauptsächlich im Denken an ihren Bräutigam und in der Freude über sein schönes Singen und Orgeln bestehen werde. Er selber ging würdig langsam in die Kirche und erbaute sich in ihr mehr als sonst, weil er, durch seine Herzenserfahrungen und sein Nachdenken darüber belehrt, mehr als sonst von der Predigt verstand. Er kam aufgerichtet und froh nach Haus, das Gefühl im Herzen, das wohl als ein Ersatz für die verlorene Freude des Lebens gelten kann, das Gefühl, durch Selbstüberwindung und Entsagung klarer und besser geworden zu sein.
Wer kann die Regungen eines Herzens schildern, das eben so der Leidenschaft wie der Resignation, eben so des Schmerzes wie der Erhebung fähig ist? wer das Spiel verfolgen der Trauer und der Tröstung, des Hinabsinkens und des Emporstrebens, des Rückfalls und der langsamen, langsamen Heilung? Nur andeuten läßt sich, was durch eine Seele geht, die dem liebsten und theuersten Wunsch entsagen muß, und das haben wir zu thun versucht.
Die Zeit und die Kräfte, die dem strebenden Menschen zu Hülfe kommen, übten endlich auch auf unsern Freund ihre ganze Macht. Seine Empfindungen zergingen freilich nicht wie die der andern, aber sie traten zurück in das Innerste seines Herzens, das sich über ihnen zuschloß. Er bewahrte sie hier, wie man im verborgensten Fache eines Schreins ein ererbtes theures Kleinod bewahrt, des Besitzes gewiß, ob man es zuletzt auch nur selten hervorzieht, um sich in seinen Anblick zu versenken.
Als der Frühling hingegangen war, standen Mutter, Tochter und Vetter wieder auf so freundschaftlichem Fuß, als ob ihr Verhältniß niemals getrübt worden wäre. Wenn die Glauning sah, wie Hans jetzt fast noch eifriger und gewissenhafter arbeitete, als früher, ging es ihr doch zuweilen an's Herz und sie dachte bei sich selbst: »So ein braver Mensch ist mir doch wahrhaftig noch nie vorgekommen! Der Bräutigam meiner Tochter ist schöner und feiner; aber wenn er nur auch so gut ist, wie der Hans.« — Christine war von der Tugend des Vetters, die sich so völlig anspruchlos in Thaten kundgab, auch gerührt; aber ihr innerliches Lob schloß nicht mit einem Wunsch, der über die Güte Forstners noch irgend einen Zweifel zuließ. Ihr Bräutigam war nicht nur der schönste und feinste, sondern auch der beste aller Menschen; das bewies er ihr ja täglich durch seine Liebe, durch seinen Eifer, ihr Freude zu machen. — Der Verlobte selbst begegnete dem Guten jetzt mit viel mehr Rücksicht als früher. Wenn Hans ihm seine gebührende Ehre gab und bei seinem Eintritt in's Haus mit ruhiger Freundlichkeit »guten Abend, Herr Lehrer« sagte, sprach aus dem Ton seiner Erwiederung und aus seinem Blick ein unwillkürlicher Respekt, und selbst zu Hause im Gespräch mit seiner Mutter gebrauchte er über ihn nie mehr despektirliche Bezeichnungen, wie sonst. Manchmal nahm er Gelegenheit, dem Braven wegen seiner Geschicklichkeit als Bauer ein Compliment zu machen und es so warm auszudrücken, daß Hans selber zu glauben anfing, dieser Mann wäre am Ende doch besser, als er ihm zuerst vorgekommen sei, und Christine könnte mit ihm glücklich werden.
In Christine regte sich, nachdem sie ihre Furcht und Verlegenheit vor Hans gänzlich abgelegt hatte, die gute Natur. Die Achtung, die sein Benehmen ihr einflößte, wurde zur Freundschaft, zur freundschaftlichen Theilnahme. Sie fühlte den Trieb, ihn wohl zu halten und ihn zu erfreuen durch Lob und durch die Aufmerksamkeiten, wozu der Familienverkehr so viele Gelegenheit bietet. War sie auch nicht mehr gedrückt durch das, was ihr früher als ein Unrecht vorkam, so fühlte sie sich doch erleichtert, wenn sie etwas für ihn gethan hatte. Einmal, als das Gespräch mit ihm eine scherzende Wendung genommen, sagte sie, indem sie plötzlich einen ersteren Ton annahm: »Hans, du mußt auch heirathen! Einem Mann in deinem Alter gehört ein braves Weib, und du verdienst die beste!« — Hans sah ihr betroffen und argwöhnisch in's Gesicht; da er aber nur wirkliche Theilnahme darin erblickte, so antwortete er mit einer gewissen Laune: »Für unser Einen ist's Heirathen so eine Sach', man kriegt nicht immer die, die man gern möchte.« — Christine, die ein wenig roth wurde, rief um so lebhafter: »Ein Bursch wie du kann sich jede aussuchen!« — Hans verzog seinen Mund und erwiederte: »Ich glaub's wohl! So Einem kann's nicht fehlen! Wenn er die Hände ausstreckt, hängt an jedem Finger eine!« — Ueber diesen kitzlichen Punkt fand Christine für gut hinwegzugehen, und die Heirath schon als geschehen betrachtend, sagte sie: »Dann werden wir Gevatterleut' und ich heb' deine Kinder aus der Täf (Taufe), und wir wollen recht vergnügt mit einander sein.« — »Nun damit,« versetzte Hans lächelnd, »hat's noch gute Weg'. Zuerst heirathest du, und dann wollen wir sehen, was mit mir anzufangen ist.«
Freilich, auf die Hochzeit der Christine war mehr Aussicht als auf die des guten Hans. Die Verlobten hatten beschlossen, sich im Herbst »zusammengeben« zu lassen, und es wurde nun immer emsiger an der Ausfertigung gearbeitet. Die Frage, wie Christine als Frau Lehrerin sich kleiden solle, war erledigt. Heutzutage hätte man eine »Näherin« eingethan, die sich als Kleidermacherin schon einen Namen erworben, und der Lehrersbraut die gehörige Zahl bürgerlich französischer Anzüge fertigen lassen. Damals warf man aber die Rieser Tracht noch nicht so schnell über Bord, und es war demnach im Hause der Glauning beschlossen worden, nur zu der feineren Kleidung im Rieser Styl fortzugehen, wie sie die Weiber der reichen Bauern, der Müller, Wirthe und auch der Schullehrer noch trugen. Es war immerhin ein Fortschritt, und das Herz der Braut wurde außerordentlich erheitert beim Anblick zweier seidener Halstücher, die ganz neumodisch waren, eines herrlichen »geflammten« Rocks, der in zierliche Falten »gebegelt« (gebügelt) die stattlich Hinschreitende umwogen sollte, und einer großen Radhaube, nicht mit schwarzen, sondern mit weißen Spitzen und mit farbigen seidenen Bändern, womit im Dorf bis jetzt einzig und allein die Wirthin geprangt hatte. Als Christine dieses Wunder von Haube zuerst probirte und die seidenen Bänder, zierlich verschlungen, von ihrem Kinn auf die Brust herunter wallten, fühlte sogar die Taglöhnerin aus ihrer pflanzenähnlichen Ruhe sich herausgerissen; sie hing an der Beneidenswerthen mit einer Art von Andacht, stieß einen komischen Seufzer aus und rief: »Bändel zieret halt da' Menscha'!« wobei sie in ihrem Herzen dachte, daß sie in einer Haube mit so schönen Bändern sich neben der Christine wohl auch noch sehen lassen könnte. — Dem Vorrath an Leinwand und Bettfedern, den die Mutter gesammelt hatte, wurde nebst dem Geldbeutel stark zugesprochen, und der Wunsch der ehrgeizigen Frau, ihre Christine wie eine reiche Bauerntochter auszustatten, und das Verlangen, doch auch noch etwas übrig zu behalten, kamen öfters mit einander in Streit. Hie und da gab es sogar einen kleinen Handel zwischen Mutter und Tochter, der aber bald wieder in's Gleiche gebracht wurde: Christine hatte den Vortheil, das einzige Kind zu sein. Indem nun die beiden mit der Dorfnäherin und dem Dorfschneider in die Wette arbeiteten, ging die Sache stetig vorwärts. Man war sicher, zu rechter Zeit fertig zu werden und in's Schulhaus mit einem Wagen voll Hausrath einzuziehen, wie er von einer Söldnerfamilie noch nie geliefert worden war.
Daß zwischen dem Haus der Glauning und dem Schulhaus immer der engste Verkehr statt gefunden hatte, versteht sich von selbst. Forstner war fast in allen Stunden, die er sich abmüßigen konnte, bei der schönen Braut gewesen, und seine Mutter hatte über alle wichtigen Fragen mit ihr und der Base Rath gepflogen. Bei einem so lebhaften Temperament, wie es der junge Lehrer besaß, konnte sich die Glut des Liebenden freilich nicht immer auf der ersten Höhe behaupten; gerade wenn sie dauern sollte, mußte sie sich mäßigen und so zu sagen in regelmäßigem Flußbette hinströmen. So war denn mit der Zeit der Verlobte ruhiger geworden, und ohne daß sein Wohlgefallen an der Braut sich minderte, öffnete sich sein Herz auch wieder andern Dingen. Den ganzen Frühling hindurch hatte er Einladungen seiner Freunde zu fröhlichen Gelegenheiten ausgeschlagen. Er führte Christine mit seiner und ihrer Mutter an schönen Feiertagen nach Nördlingen, Oettingen oder Wallerstein, unterhielt sie, zeigte ihnen belehrend die Schlösser und Hofgärten der fürstlichen Residenzen und ging in gemüthlichem Gespräch mit ihnen nach Haus. Wie nun aber der Eifer der Ausfertigung, je weiter diese vorschritt, nur um so lebhafter wurde und die Weiberherzen ganz zu erfüllen schien, glaubte Forstner den Collegen und Kameraden sich nicht länger entziehen zu dürfen. Man hatte in Oettingen ein musikalisches Kränzchen gestiftet, und er mit seinem hübschen Tenor und seinem Geschick auf der Violine war ehrenvoll dringend zur Theilnahme aufgefordert worden. Er verpflichtete sich dazu, und da die Gesänge und die Musikstücke, die man aufführte, bald gut zusammengingen, so legte der rasche Fußgänger mit Vergnügen die ziemlich lange Strecke zurück, die zwischen dem Dorf und dem Ort der Zusammenkunft lag, und freute sich der künstlerischen Unterhaltung und der lustigen und geistreichen Gespräche, die auf die kleinen Concerte zu folgen pflegten.
Forstners Temperament — das hat man schon gesehen — war überwiegend sanguinisch. Von Leuten dieser Art ist bekannt, daß sie gewisse Dinge schneller und lebhafter erfassen, aber schneller auch wieder lassen als andere. Ich sage, gewisse Dinge. Es wäre schlimm, wenn der Sanguiniker in seinem Geist und Herzen nicht die Kraft besitzen könnte, einem Gedanken, einer Pflicht und einer ernstlichen Neigung treu sein Leben zu widmen. Aber von gewissen Dingen, namentlich solchen, die auf dem Felde der Unterhaltung und des Lebensgenusses liegen, wird der Mann von leichtem Blut schneller hingerissen als andere und weiter geführt, als er anfangs dachte, auch wenn er, wie unser Lehrer, eine Dosis Phlegma besitzt, welche der Klugheit zur Unterlage dient. — Das musikalische Kränzchen in der genannten fürstlichen Residenz gewann in raschem Aufschwung einen Stand der Blüthe, wie er unter günstigen Verhältnissen bei solchen Verbindungen einzutreten und eine Zeitlang zu dauern pflegt. In solcher Zeit gelingt alles; die Theilnahme scheint ununterbrochen zu wachsen, die Freude kommt ungesucht und der Ruhm des Instituts verbreitet sich in der ganzen Umgegend. An den Tagen, wo man sich in Oettingen versammelte, fanden sich nun bald auch Gäste von benachbarten fränkischen Orten ein, die nach ihrem bekannten Naturell dem Vergnügen keinen Eintrag thaten. Musiker trinken gern, und ein leichter Rausch ist der Zustand, der allein würdig scheint, auf künstlerischen Enthusiasmus zu folgen, weil er diesen nicht verglühen läßt, sondern liebevoll erhöht und weiter trägt. Da nun das Bier, welches der Ganswirth lieferte, vortrefflich war, so fühlten sie sich, wenn es auch meistens Dorf- und Stadtlehrer mit zwei- bis fünfhundert Gulden Einkommen waren, doch alle wie Könige. Die musikalischen Aufführungen gewährten edeln und feinen Genuß, das darauf folgende Gelag machte sie fröhlich wie die fidelsten Musensöhne, und die Gesänge, in welche die innere Lust hier unwillkürlich ausströmte, klangen noch schöner und ergreifender, als die kunstmäßig vorgetragenen, weil die Formen der Kunst von der lodernden Glut der Seelen überschwänglich erfüllt wurden. — Forstner, eine Zierde sowohl der Aufführungen als der Gelage, sah sich in diesem Zirkel geehrt und geliebt; seine Freundschaft wurde gesucht, ein Lehrer aus der benachbarten fränkischen Stadt erklärte ihn für ein Genie und schloß sich eng an ihn an; da war es ohne Zweifel natürlich, daß die Theilnahme an dem Kränzchen in ihm endlich zur Passion wurde und daß er an den Versammlungstagen regelmäßig als einer der ersten kam und einer der letzten ging. Eben so natürlich war es aber auch, daß dabei Zeit und Geld verthan wurden »nach Noten« — und letzteres mehr als es Forstners Einkommen vertrug.
An Zeit hat der Dorflehrer im Sommer keinen Mangel. Dessen ungeachtet verminderten sich die Besuche des Bräutigams im Hause der Braut auf eine Weise, daß es auch der Vielbeschäftigten und Arbeitstrunkenen auffallen mußte. Sie machte ihm darüber Vorwürfe und setzte mit etwas empfindlichem Ausdruck hinzu: es sehe beinahe aus, als ob's mit seiner Lieb' zu ihr gar nicht mehr so arg sei, wie sonst. Allein da schloß er sie mit einer Zärtlichkeit in seine Arme und sprach von seiner ewigen Liebe und Treue in so schönen Ausdrücken, daß der halbe Zweifel in der Seele des Mädchens rasch wieder getilgt war. Er zeigte eine ernste Miene und belehrte sie, wie er sich im Singen und Musiciren üben und Bekanntschaften machen müsse, weil ihm dies zu seinem Fortkommen durchaus nöthig sei. Er erzählte ihr, welchen Beifall er in dem Kränzchen erhalte und wie geehrt er sei — und Christine, selbst geschmeichelt, meinte, das sei dann freilich etwas anderes und auch sie könne ihm jetzt nicht rathen wegzubleiben.
Mit seiner Mutter hatte Forstner eine andere Erörterung. Die alte Frau besaß noch etwas Vermögen. Es war nicht mehr so viel als vor einigen Jahren; denn der begabte und überall beliebte Sohn hatte als Schulgehülfe mit seinen Einnahmen unmöglich reichen können, und jedes Jahr mußten etwelche Schulden getilgt werden. In seiner jetzigen Stellung war er ausgekommen, so lange er eingezogen lebte; jetzt hatte sich wieder ein Deficit gezeigt, und er mußte die Mutter neuerdings angehen. Diese sträubte sich und las ihm gehörig den Text. Allein es gelang ihm auch ihr gegenüber zu beweisen, daß ihm die jetzigen Ausgaben in Folge der gemachten Bekanntschaften zehnfach wieder hereinkommen würden, und die beschwichtigte Mutter zahlte.
Der Sommer näherte sich seinem Ende. Die Ausstattung der Christine war beinahe fertig — ein Gegenstand der offenen Bewunderung und des geheimen Neides besuchender Freundinnen. An den Kästen und »Bettscha'den« (Bettstatten), an Tischen und Stühlen hatte der Schreiner des Dorfs sein Meisterstück gemacht. Sie waren nicht von Mahagoniholz und nicht polirt, aber mit brauner Oelfarbe überzogen, so schön wie man's noch nie gesehen. Hemden, weiße Schürzen, Schnupftücher, »Handswellen« (Handtücher), Tischtücher und Strümpfe gewöhnlicher und feingemodelter Gattung lagen gewaschen und gebügelt im »Weißwaarenkasten.« Die Betten waren schon überzogen mit blau- und rothgestreiftem, selbstgewirktem Zeug. Spitzenhauben, Sonntagskappen (wo das »Bödele« aus Gold- oder Silbergeflecht bestand) und verschiedene Alltagskappen prangten im obern Fach des reichbehängten Kleiderkastens. Ein neuer Spinnrocken mit Rad, von einem Nördlinger »Dreher« kunstreich gefertigt, stand bereit, um an dem Tag des Einzugs, mit dem feinsten und weißesten Flachs überzogen und mit rothseidenem Band umwickelt, mitten auf dem Wagen zu prangen. Es fehlten hauptsächlich nur noch ein paar Sessel, welche die alte Glauning, des feinen Schwiegersohns wegen, sich auch noch zu bestellen entschlossen hatte, und ein kleines Stück Hausrath, welches erst später nöthig zu werden pflegt, das aber vorsorgliche und humoristische Eltern in der Regel auch gleich mitfertigen lassen.
Was Christine an Geld mitbekommen und wie es gezahlt werden sollte, war ausgemacht. Die Heirath des einzigen Kindes mit einem Lehrer versetzte die Wittwe in eine Nothwendigkeit, die auf dem Lande stets mit Leidwesen empfunden wird, das Gut, das ihr Mann von seinen Vorfahren überkommen, vergrößert und so schön hergerichtet hatte, in andere Hände übergehen zu lassen. Der angestellte Schwiegersohn konnte es nicht übernehmen, und sie konnte es nach der Ausstattung ihrer Tochter nicht mehr halten. Als sie das einmal vor Hans aussprach, bemerkte dieser: er habe daran auch schon gedacht und bei sich überlegt, was Haus und Feldung in heutiger Zeit wohl gelten möchten. Er sei über eine Summe mit sich einig geworden, und um diese wolle er selber das Gut an sich bringen. Die Wittwe, angenehm überrascht, ließ ihn die Summe nennen; und da auch sie schon einen Ueberschlag gemacht hatte, dessen Ergebniß von dem Gebot des Vetters nicht viel abwich, so wurden sie bald »Handels eins.« Sie machten aus und gaben sich die Hand darauf, daß nach der Heirath der Christine — denn vorher wollten sie keine Aenderung treffen — die Sölde um die vereinbarte Summe von ihr an ihn übergehen solle. Der alten Glauning fiel ein Stein vom Herzen. Sie konnte mit dem Handel zufrieden sein, dann aber war es ihr lieb, daß ihr »Sach« an einen »Freund« überging, und nicht minder, daß der um sie verdiente Hans wenigstens ihr Haus und ihre Güter erhielt, wenn auch nicht ihre Tochter. In dem Vergnügen, das sie empfand, sah sie ihn mit gutmüthiger Schlauheit an und sagte: »Du hast g'wiß schon eine mit zwei- oder dreitausend Gulden!« — »Das nicht,« erwiederte Hans, »ist aber auch nicht nöthig. Vor der Hand getrau' ich mir die Geschichte allein zu behaupten.« — »Wenn's Einer kann, so kannst du's. Aber besser ist besser.« — »Das schon; ich will auch gar nicht sagen, daß ich ledig bleib'. Wenn ich in dem Haus da einmal festsitz', dann wird sich wohl eine finden, die's riskirt mit mir.« — »Hundert für Eine!« rief die Base mit Wärme; »so viel du willst!« — Hans zuckte die Achsel und sagte: »Also dabei bleibt's! Wenn die Christine heirathet, bin ich der Käufer.«
Die Uebernahme dieser Verpflichtung war kein Akt der Großmuth von unserem Freund. Er hatte das Gut lieb gewonnen, die von ihm Jahre lang bebauten und verbesserten Felder waren ihm an's Herz gewachsen, und da sich eine so gute Gelegenheit bot, sie zu erhalten, wollte er sie nicht auslassen. Trotz des Gemüthes, das wir an ihm kennen, war er keineswegs so romantisch gesinnt, daß er sich etwa vorgenommen, selber unbeweibt zu bleiben und nur der Erinnerung an seine Liebe zu leben. Im Gegentheil, es war ihm ganz ernst mit dem, was er der Base gesagt hatte; wenn Christine verheirathet war, so wollte er selbst eine brave Frau nehmen, die von ordentlichen Leuten herkam und etwas hatte und mit deren Eingebrachtem er nach und nach ganz schuldenfrei werden konnte. Mit ihr, wenn sie auch der Christine an Schönheit lange nicht gleich käme, wollte er leben, wie sich's gehört, und einen rechten Mann machen.
Von derjenigen Seite, wo neue Einrichtungen getroffen werden mußten, war demnach alles in Ordnung. Es blieb nichts mehr übrig, als die Erfüllung der gewöhnlichen Formalitäten, und das Brautpaar konnte verkündigt, die Hochzeit konnte gefeiert werden. Als die Glauning dies dem Verlobten mittheilte und den Tag der Verkündigung bestimmt wissen wollte, bemerkte dieser: es gehe jetzt noch nicht — man müsse noch warten. Mutter und Tochter sahen ihn bei diesen Worten befremdet an. Er war in der letzten Zeit einmal auf drei Tage verreist und hatte vorher auf Befragen nur erklärt, daß er nothwendige Geschäfte besorgen müsse. Nach der Rückkehr war er unruhig und aufgeregt; Christine wußte nicht, was sie aus ihm machen sollte; sie sagte es ihm und mußte mit einer Antwort vorlieb nehmen, die sie nur für eine Ausrede halten konnte. Und jetzt, nachdem alles fertig und alles im Reinen war, sollten sie noch warten? Sie fragte nach der Ursache; er erwiederte, die könne er noch nicht sagen. »Auch mir nicht?« entgegnete sie verletzt und erröthend. — »Auch dir nicht, gute Christine,« antwortete Forstner. »Es ist um unseres gemeinschaftlichen Besten willen, und ich hoffe, in kurzem kann ich reden.« — Wie bedenklich das alles der Braut und der Mutter erscheinen mochte, sie mußten sich in seinen Willen ergeben und zusehen.
Eines Abends — nachdem vier Tage verflossen waren — kam Forstner mit raschen Schritten auf das Haus zu und trat mit ernster, feierlich aufgeregter Miene in die Stube. »Ich bring' eine große Neuigkeit!« rief er Christine entgegen, die mit ihrer Mutter am Tische saß. Das Mädchen fuhr unwillkürlich zusammen und erhob sich rasch. »Was für eine Neuigkeit? Du erschreckst mich!« — »Es ist nicht zum Erschrecken, sondern zum Freuen,« erwiederte er. — »So sag's!« rief Christine, noch keineswegs ermuthigt. — »Nun, ohne Umschweife: ich bin als Lehrer nach ** berufen« (er nannte eine fränkische Stadt, aus der sein Freund und College vom Oettinger Kränzchen war) »und werde die Stelle mit nächstem antreten.«
Das Mädchen war mehr bestürzt als erfreut über diese Nachricht. »Du kommst in eine Stadt?« fragte sie zagend. »Was soll dann aber aus uns werden?« — »Du wartest hier bei deiner Mutter, bis ich mich eingerichtet habe. Dann hol' ich dich ab und wir machen Hochzeit.« — »Ich in eine Stadt!« rief sie, indem sie, wenn auch dunkel, alles Bedenkliche dieser Ortsveränderung empfand. »Da paß' ich nicht hin!« Und die Mutter setzte bekümmert hinzu: »Dann hab' ich die halbe Ausfertigung und alle die theuern Bauernkleider umsonst machen lassen!« — Forstner lächelte. »Wir werden manches brauchen können, was Ihr angeschafft habt, Frau Schwiegermutter. Und für die Kleider, die nicht in die Stadt passen, schaffen wir andere an. Ich bekomme für's erste hundert Gulden mehr als hier, kann mir durch Privatstunden noch andere hundert verdienen und habe die Hoffnung bald vorzurücken.«
Trotz all den schön eröffneten Aussichten wollte sich bei Christine noch kein Vergnügen einstellen. »Ich weiß nicht,« sagte sie, indem sie vor sich hinsah, »mir ist so angst!« — »Wenn du an einen Ort sollst,« erwiederte der Verlobte mit einem Blick des Vorwurfs, »wo ich bin? Schäme dich, Christine! Freuen solltest du dich, daß ich vorwärts komme, und etwas einbilden solltest du dir, die Frau eines Mannes zu werden, der in zehn Jahren vielleicht Oberlehrer ist.« — »Ich freu' mich auch,« erwiederte Christine, deren Mienen sich nun doch aufklärten, »aber ich fürchte nur« — — »Du bist ein Kind,« versetzte er, indem er sie bei der Hand faßte. Und mit einem zärtlichen Blick setzte er hinzu: »Bei mir wirst du doch angewöhnen? Da wird's dir doch nicht »and thun« nach deinem Dorf?« — »Nun,« erwiederte das Mädchen, der bei diesen Worten das liebende Herz aufging, »das mein' ich selbst. Und in die Stadtleut' werd' ich mich am End' auch schicken!« — »Freilich wirst du das! Ein schönes, liebes und gescheidtes Mädchen wie du.«
Bei der Mutter hatte die Aussicht, eine Frau Oberlehrerin zu bekommen, die fatale Empfindung, so feine Bauernkleider umsonst angeschafft zu haben, bereits zurückgedrängt und sie sagte jetzt: »Es ist wahr! Und das Weib muß Vater und Mutter verlassen und dem Manne anhängen, wie's in der Bibel heißt. Herr Lehrer, nehmen Sie die Stelle nur an, meine Tochter wird sich drein finden.« — »Es freut mich,« erwiederte Forstner, »daß Ihr so verständig seid, obwohl ich bei Euch darauf gerechnet habe.« Und in einem Ton, der halb dem Liebhaber, halb aber auch dem Lehrer angehörte, sagte er zu der Verlobten: »Folg' mir nur, liebe Christine, und gieb dir Mühe zu lernen, was dir fehlt. Ich will dir alles sagen und zeigen, und in sechs Wochen wird dich kein Mensch mehr von einem Stadtmädchen unterscheiden können. Du hast die Gaben, du wirst sie unter meiner Leitung ausbilden und eine Frau werden, die mir Ehre macht.«
IV.
Ein schönes Ziel, auf dessen Erreichen man sich gefreut hat und durch das man in heiterer Einbildungskraft schon vorher beglückt war, plötzlich versinken zu sehen, ist betrübend, auch wenn sich in der Ferne ein neues erhebt, das noch erstrebenswerther scheint. Christine hatte geglaubt, in wenigen Wochen die Frau des Geliebten zu sein und in ihrem Geburtsorte, wo es allein ihren Sinn reizte, etwas zu gelten, in guten Verhältnissen und geehrt zu leben. Nun sah sie die Hochzeit verschoben und sollte dann im eine Stadt ziehen unter fremde Leute, an deren guter Meinung ihr nichts liegen konnte, wenn sie auch das Vertrauen zu sich gehabt hätte, sie zu gewinnen. Statt der Gewißheit hatte sie nur eine neue Hoffnung, die noch dazu bedeutend mit Furcht gemischt war — ein Ziel, das nur ihrem Verstande, nicht ihrem Herzen ehrenvoll erschien, und das nur durch Anstrengungen erreicht werden konnte, die ihr keine geringe Last dünkten. — Doch, so war es einmal; sie mußte sich darein fügen und dem neuen Stand der Dinge die beste Seite abzugewinnen suchen.
Zu dem in den Verhältnissen liegenden Grunde, die Trauung zu verschieben, trat in kurzem und unerwartet ein neuer: die Mutter Forstners erkrankte und starb nach wenigen Tagen. Sie hatte sich außerordentlich gefreut, daß ihr Sohn den Fuß auf eine Leiter gesetzt, auf welcher er zum Gipfel der Ehre emporsteigen konnte, und sie rühmte ihn jetzt, daß er, wenn auch mit einigen Kosten, so nützliche Bekanntschaften gemacht habe; denn er hatte ihr nicht verschwiegen, daß er seine Berufung hauptsächlich den Bemühungen seines Freundes vom Oettinger Kränzchen verdankte. War es ihr nun auch nicht vergönnt, ihn auf dem neuen Weg zu begleiten, so starb sie doch mit dem erhebenden Gedanken, ihn an der Seite einer wackern und schönen Frau, die eigentlich sie gewählt hatte, dem städtischen Oberlehrer zugehen zu sehen. — Der alte Geistliche benutzte diese Umstände zu einer erbaulichen Rede, und die Verlobten weinten der Verstorbenen von Herzen in's Grab. Nach Verlauf weniger Tage gehörten sie freilich wieder dem Leben an und gedachten der sorgsamen Mutter gelegentlich mit Lob, aber ohne Trauer.
Der Tag, auf welchen Forstner seinen Abzug angesetzt hatte, war gekommen. Die Bauern zeigten sich bei dieser Gelegenheit freundlich und diensteifrig. Der Lehrer hatte seine Pflichten nie vernachlässigt und die Liebe der Kinder sich erhalten. In der letzten Zeit hatte unter den Eltern allerdings die Meinung um sich gegriffen, daß er eigentlich ein »leichter Passagier« sei, dem die Christine recht auf die Finger sehen dürfe. Aber der Erfolg, die Anstellung in der Stadt überzeugte auch sie eines Bessern; sie sahen in seinem »Gelaufe« ein kluges Manöver und der gescheidte Mann stieg in der Achtung der praktischen Dorfleute. Die Kinder, in denen die bessere Unterweisung neue, feinere Gefühle ausgebildet hatte, ehrten den Lehrer durch sinnige Kränze von Herbstblumen und durch ein gemeinsames Präsent. Gaben spendeten auch wohlmeinende und vermögende Eltern, und die Nachbarn halfen den Wagen beladen, den ein reicher Bauer unentgeltlich nach dem neuen Aufenthaltsort zu fahren sich erboten hatte. Der Abschied von den Repräsentanten der Gemeinde war freundschaftlich und herzlich, aber heiter; Forstner sollte ja wieder kommen, um das schöne Dorfkind abzuholen. — Von den Segenswünschen seiner Braut und ihrer Mutter begleitet, nach vielfachen zärtlichen Händedrücken, fuhr er aus dem Dorf unter tüchtigem Knallen der Geißel, womit der Oberknecht, der auf dem Sattelgaul saß, ihn und sich selber zu ehren suchte.
Die folgenden Tage beschäftigte sich Christine mit den ersten Zurüstungen für die Stadt. Es war ihr lieb, daß ihr noch eine Frist im Vaterhause vergönnt war, und sie ging mit einem ordentlichen Wohlgefühl darin hin und her. Ueber den Aufenthalt in der Stadt, der sich für sie noch vor der Trauung als nöthig herausgestellt hatte, war ein fester Beschluß gefaßt. Die Glauning hatte sich erinnert, daß an dem Ort eine Frau wohne, die mit ihr Einen Urgroßvater gehabt und deren Vater nach vom Ries dahin gezogen war. Diese, die an einen Krämer verheirathet war und ein Haus besaß, sollte Forstner aufsuchen und fragen, ob Christine nicht die kurze Zeit bei ihr wohnen könne. Die Hoffnung, eine zusagende Antwort zu bekommen und zunächst im Hause einer Verwandten leben zu können, mochte dazu beitragen, das Herz der Braut in jene Ruhe zu wiegen, mit der sie das Dorf noch recht genießen konnte.
Forstner hatte sogleich in wenigen Zeilen seine glückliche Ankunft gemeldet. Nach einer Woche kam ein neues Schreiben von ihm, ziemlich lang und sorgsam abgefaßt. Er schilderte zuerst, wie er von seinen Collegen, von den Herrn Geistlichen und Magistratsräthen, bei denen er Besuche gemacht, ausnehmend freundlich und schmeichelhaft aufgenommen worden sei. Er habe sich überzeugt, das sei der Platz, wohin er gehöre, wo er Gutes wirken könne mit seinen Gaben und Kenntnissen, und wo er glücklich sein werde. Die Gespräche, die er geführt mit gebildeten Männern und Frauen, hätten ihm außerordentlich wohlgethan, und er freue sich über alles, bei ihnen zu leben und auch seine Christine in ihre Gesellschaft bringen zu können. Er schätze jeden Stand und habe gezeigt, daß er mit Leuten von jeder Klasse umzugehen wisse, aber besser sei besser; man müsse höher hinaufstreben, wenn man könne, und immer weiter und weiter zu kommen, das sei das wahre Glück. Er fühle die Kraft in sich, zu steigen, und auch die Geliebte mit sich hinaufzuheben. Sie müsse nun aber auch ihrerseits die Hand bieten und sich alle Mühe geben, seine Arbeit ihm zu erleichtern. Das Glück, das sie dort mit einander finden würden, sei so groß, daß es wohl die Anstrengungen und Opfer verdiene, die nöthig sein würden, es zu erreichen. Anstrengungen müsse er seiner Braut nun allerdings zumuthen, und auch ein Opfer, wenn sie's dafür ansehen wolle. Die Hochzeit noch in diesem Jahre zu feiern, wie sie zuletzt noch gemeint hätten, verbiete eigentlich schon die Trauer wegen der seligen Mutter. Allein es kämen noch zwei Gründe hinzu, die es durchaus nöthig machten, daß die Trauung erst im nächsten Frühjahr stattfinde. Erstens sei ihm gesagt worden, daß er nach einer halbjährigen Amtsführung, wenn er sich als Lehrer auszeichne, eine nicht unbedeutende Zulage erhalten solle. Sei es ihm nun gerathen, in der nächsten Zeit alle Kraft und allen Fleiß auf Erfüllung seiner Lehrerpflichten zu wenden, so wäre es auch gut für sie beide, die Zulage abzuwarten; denn das Leben in der Stadt sei für ein Hauswesen doch kostspieliger, als er gedacht. Dann aber sei es eben so eine Sache, vom Dorf her nach kurzem Aufenthalt in der Stadt, wo man sich kaum darin umsehen konnte, eine Stadtfrau machen zu wollen. Er selber habe sich das leichter vorgestellt, als er es jetzt bei kaltem Blut finde. Man müsse eben doch ein anderes Benehmen lernen, man müsse sich Kenntnisse aneignen, damit man in Gesellschaft wisse, wovon die Rede sei, und selber mitsprechen könne, kurz, man müsse das Bauernmädchen abthun und sich eine gewisse Bildung erwerben. Das gehe aber nicht in einigen Wochen, dazu sei wenigstens ein halbes Jahr nöthig, und da müsse man noch recht fleißig und aufmerksam sein. Seine Meinung sei nun die: Christine solle zur Base Kahl ziehen, die sie mit Vergnügen aufnehmen werde, und im nächsten Winter unter seiner Leitung alles das lernen, was zu ihrem künftigen Stande erforderlich sei. Die Kahl sei eine gute Frau, wenn es auch freilich mit ihrer Bildung nur so so stehe. Er selber hätte seiner Braut wohl gewünscht, in ein feineres Haus zu kommen; aber das sei nun eben nicht anders zu machen. — Der Brief schloß mit Liebesbetheurungen für die Braut, mit schmeichelhaften Worten für die Mutter. Andern hätte er einen solchen Vorschlag vielleicht nicht machen können, ohne mißverstanden und verkannt zu werden; aber sie hätten bei jeder Gelegenheit Beweise von ihrer Einsicht und ihrer Klugheit gegeben; sie würden ihn verstehen und ihm Recht geben. —
Die Wirkung dieses Briefes war auf Christine trotzdem keine erfreuliche. Der Bräutigam sprach darin so vornehm, so von oben herab zu ihr! Die Vorstellung der Arbeiten, die sie sich zugemuthet sah, lastete auf ihrem Gemüthe mit verdoppelter Schwere; ihre Bangigkeit erneuerte sich und ihre Miene drückte Zagen und zugleich etwas Empfindlichkeit aus. »Da haben wir's!« rief sie am Ende. »Ich bin ihm so nicht gut genug und soll erst weiß Gott was lernen, bis er mich heirathen mag!« — Die Mutter, der die Schreibweise des künftigen Schwiegersohns auch nicht ganz gefallen hatte, obwohl sie einem »Herrn« seine eigene, vornehmere Sprache zugab, hielt es doch für gerathen, davon zu schweigen und sich Forstners anzunehmen. »Mir scheint's aber, daß er gar nicht Unrecht hat, Christine! Er will, daß du recht hineintaugst in die Stadt und daß du verstehst, was du als Frau Lehrerin brauchst. Er will dich gescheidt und geschickt machen und das beweist ja grad, daß er recht viel auf dich hält und ein braver, ehrlicher Mann ist.« — »Das mag sein,« erwiederte Christine etwas beruhigter; »aber er hätte mir das doch anders sagen können.« — »Eigentlich,« versetzte die Mutter, »schreibt er freilich ein wenig anders, als er früher geredet hat; aber das wird schon so sein müssen, es wird eben die Mode sein unter den Herrn. Er meint's gut, und das ist die Hauptsach'.«
Christine wollte das nicht bestreiten und fand sich endlich in den Vorschlag und den Willen des Verlobten. Wenn wir es gestehen sollen, so war ihr die tröstlichste Stelle in dem Briefe die, wo Forstner die Base für nicht gebildet und fein genug erklärte. Sie fühlte zu ihr gleich ein lebhaftes Zutrauen und setzte sich mit erleichtertem Herzen an den Tisch, um die Antwort abzufassen. Im Wesentlichen sagte sie: Was er geschrieben, wäre ihr und ihrer Mutter recht; sie wolle ihm folgen und fleißig sein, und hoffe dann so weit zu kommen, daß sie ihm in der Stadt keine Unehre mache. Was sie unter den jetzigen Umständen für die Stadt brauche, werde sie bald hergerichtet haben; er könne sie darum abholen, wenn er's für gut finde. — Die Mutter nahm es auf sich, die Abänderung in dem Plane der Verlobten gehörig unter die Leute zu bringen. Ihre Christine werde erst im Frühjahr heirathen, was für Herrn Forstner und sie ein großer Vortheil sei; aber sie werde jetzt schon in die Stadt ziehen und was Ordentliches lernen, damit sie dort eine rechte Frau machen könne.
Eines Vormittags in der ersten Woche des November kam Forstner in einer Kutsche angefahren. Er war bei der ersten Begrüßung etwas ernst; es schien als ob das Dorfmäßige der Wohnung und Kleidung schon etwas Befremdendes für ihn erhalten hätte. Bald aber thaute er auf und war wieder der Alte. Christine, die sich zu seinem Empfang geputzt hatte und ihm aufwartete, sah in ihrem wirthlichen Eifer so frisch und anmuthig aus! Sein Puls ging rascher, als er sie an seine Seite niederzog und sie betrachtete. Was konnte er sich Schöneres wünschen, als dieses Mädchen sein zu nennen? Er liebte sie, und wenn er sie noch so weit zu bringen vermochte, daß sie ihn und sich in seiner nunmehrigen Stellung nicht durch Unwissenheit und Dorfmanieren bloßstellte — war er nicht der glücklichste Ehemann? — Die Furcht vor dem Lächerlichen, wir können es nicht läugnen, war groß in dem jetzigen Stadtlehrer. Sein Trieb, in Gesellschaft zu glänzen, hatte sich nach Maßgabe seiner Erfolge in ihm ausgebildet, und in gleichem Verhältniß war auch die Besorgniß gewachsen, in Gesellschaft zu mißfallen oder ein Gegenstand des Bedauerns zu werden. Wie bedrückend war für ihn der Gedanke, daß das, was er gut machte, durch seine Frau vielleicht wieder verdorben wurde! Doch jetzt wich jeder Zweifel zurück im Anschauen des liebenswerthen Mädchens. Das Herz ging ihm auf, er glaubte an sie und traute ihr Alles zu. Er ward fröhlich und guter Dinge, scherzte nach alter Sitte und machte Mutter und Tochter fröhlich.
Um die Mittagszeit war Alles zur Abfahrt bereit. Als Christine von der Mutter, vom väterlichen Haus und vom Dorf Abschied nehmen sollte, da ward es ihr doch plötzlich wieder ernst zu Muthe. Sie fühlte, was sie that und wagte, und ihr Herz klopfte in bängeren Schlägen. Die Mutter hatte sie und den Verlobten würdig ermahnt und feierliche Gegenversicherungen erhalten; das war tröstlich, als sie noch beisammen saßen. Draußen im Hof, unter dem grauen Himmel, in der frostigen Luft, wo ihr noch einige Freundinnen »b'hüt dich Gott« sagten, um dann auf die Gasse hinaus oder heimzugehen, erhielt die Furcht in dem Dorfkind wieder die Oberhand. Der gute Hans, der schon beim Einpacken behülflich gewesen, hatte noch eben eine Kiste mit Stricken auf der Kutsche festgebunden. Sie trat zu ihm, gab ihm die Hand und dankte mit etwas unsicherer Stimme, aber um so herzlicher für all die Freundschaft, die er ihr und ihrer Mutter bewiesen habe. Hans erwiederte mit ernsthaftem Gesicht: was er gethan habe, das hab' er gern gethan, und er wünsche ihr jetzt alles Glück und Wohlergehen. — In solchen Momenten leben alte Gedanken und Gefühle wieder auf; die Seele wird heller, und was völlig abgethan schien, steht in klarem Lichte vor ihr. Christine hielt die Hand des Wackern fest und drückte sie; denn nicht nur die Liebe, auch der gerührte Dank, auch die Hochschätzung muß sich in Aeußerungen der Zärtlichkeit genug thun. Ihre Augen wurden feucht, und wie sie ihn damit ansah, hätte er wohl eine Abbitte darin lesen können. Ohne Zweifel verstand er sie. Eine leise Andeutung von gutmüthig wehmüthigem Lächeln ging über seine ernsten Züge; er schüttelte ihr kräftig und treuherzig die Hand, als wollte er sagen: »laß das gehen,« und wünschte ihr nochmal wohl zu leben. — Ein paar Minuten später, und Christine saß in ihrem Dorfgewand, aber in einen Mantel gehüllt und um den Kopf ein weißes Tuch gebunden, neben dem Verlobten im Wagen, der von trabenden Rossen gezogen aus dem Dorf rollte.
Eine seltsame Reihe von Empfindungen zog durch das erweichte Herz des Mädchens. Trauernde und sorgende, hoffende und freudige tauchten abwechselnd auf, bis die Seele nach und nach ruhig wurde und in dem Einen Gefühl der Ergebung die übrigen versanken. Sie machte eine eigene Erfahrung an diesem Tag: das Zusammensein mit dem Geliebten kam ihr nicht so schön vor, als sie sich's früher gedacht. Mit der Ruhe kam aber die Empfänglichkeit für die aufmunternden und schmeichelnden Worte des Bräutigams wieder in ihr Gemüth, und endlich saß sie vergnügt an der Seite des Vergnügten.
Es war in der Abenddämmerung, als das Ziel ihrer Fahrt, die Stadt vor ihnen lag. Diese gewährte in der guten Jahreszeit einen freundlichen und hübschen Anblick; jetzt sah sie aus, wie eben eine Landstadt im Spätherbst, und der guten Christine kam sie recht fremd vor. — Die Kutsche rollte durch das Thor in die Hauptstraße, lenkte bald in eine Seitengasse ein, die zu den engen und düstern gehörte, und hielt vor einem schmalen, zweistockigen Hause. Eine Frau in den Fünfzigen kam heraus, hob Christine grüßend aus dem Wagen und führte sie in die Stube zu ebener Erde. Sie war bei der Base Kahl.
Herr Kahl war ein Kleinhändler, dessen Geschäft seit dem Auftreten eines reicheren und praktischeren Concurrenten in Abnahme gekommen war und der nun, anstatt sich ebenfalls besser umzuthun, lieber ergeben den alten Schlendrian fortführte und seinen Haushalt einschränkte. Er wohnte mit seiner Frau und einer Magd, die auch im Laden aushelfen mußte, allein in dem Hause, und weder die kleine Familie noch die Stube, in der sie sich Mittags und Abends zusammenfand, konnte den Eindruck des Wohlhäbigen machen. Es waren — die gleichfalls in gewissen Jahren befindliche Magd mit eingeschlossen — längliche, hagere Gestalten, die in ihrem ganzen Wesen etwas Kümmerliches hatten. Dieß war ihnen freilich schon zur Gewohnheit geworden und erschien durch mehrjährige Uebung gemildert; allein ihr Anblick hatte damit noch nichts Vertraueneinflößendes gewonnen. Gutmüthig in gewissem Sinn waren die alten Leute; sie konnten sich auch freuen über kleine Wendungen zum Bessern und einzelne glückliche Zufälle, und spannen so ihr Leben am Ende doch erträglich weiter.
Christine erhielt die Stube im ersten Stock, bisher eine Art von Prunkzimmer der Familie, nebst einem Schlafkämmerchen. Ein kleiner irdener Ofen, altes Möbelwerk und einige Bilder an der Wand zierten das zweifenstrige Gemach, jedenfalls das beste im Hause. Unter andern altmodischen Bildern sahen aber die Porträts der Hausleute, in ihrer Jugend von einem Anfänger gemalt, so trübselig von der Wand, als ob die Originale schon eine Ahnung gehabt hätten, daß sie zu besonderem Glück im Leben nicht bestimmt waren. Als der Ofen nach so langem Feiern und Frieren geheizt wurde, begann er tüchtig zu rauchen; die Fenster mußten aufgerissen werden, und erst nach und nach brachte man in dem frostgewohnten Raum einige Wärme zuwege. Die ersten Eindrücke, die Christine in dem Hause erhielt, waren keineswegs angenehm.
In dem Vertrauen, das sie auf die Base gesetzt hatte, fand sie sich aber nicht getäuscht. Frau Kahl, abgesehen von ihrer verhältnißmäßigen Gutmüthigkeit, hatte auch alle Ursache, gegen das Bäschen gefällig zu sein: diese zahlte Kost und Logis, wenn auch zu mäßigem Preis, und vergrößerte so das geringe Einkommen. Dann aber war sie die Braut des Herrn Forstner, der auch hier schon ein Gegenstand des Anerkennens und Rühmens geworden war. Aus diesen Gründen war die Base freundlicher und rücksichtsvoller gegen sie, als die seit Jahren im Hause mitregierende Magd, die es hart anzukommen schien, von einer in Bauernkleidern gekommenen und sich gar nicht auskennenden jungen Person etwas zu halten und gegen sie zu thun, als ob sie etwas wäre. — Der sechzigjährige Vetter bezeigte sich freundlich und höflich, aber ohne sonderlichen Eifer, dessen er überhaupt nicht fähig war. Mit ihm hatte Christine wenig zu thun. Den Tag über war er in seinem Laden, beim Mittagessen schwieg er und nach dem Abendessen duselte er in seinem Sorgenstuhl ein.
Als die neue Hausgenossin sich so gut, als es anging, eingerichtet hatte, war es ihre nächste Aufgabe, sich städtische Gewandung zu verschaffen. Ein Alltagskleid war bald besorgt und das Anprobiren desselben das erste wichtige Ereigniß in dem neuen Leben der Lehrersbraut. Die Base half ihr dabei und hoffte, daß sie in dem schöneren Anzug bedeutend hübscher und vornehmer aussehen würde. Allein welche Ueberraschung, als sie nun die Fertige musterte! Sie mußte sie viel weniger hübsch finden als vorher. Natürlich sagte sie das nicht und strich und zupfte um so emsiger das Gewand zurecht, in der Hoffnung, es möchte noch werden. Die Hoffnung erfüllte sich aber nicht und der Grund war klar. Abgesehen davon, daß Christine das ungewohnte Kleid nicht zu tragen verstand, war auch ihre Gestalt nicht dafür geschaffen. Ihr Wuchs, der sich im Bauerngewand stattlich ausnahm und von dem nichts hinwegzuwünschen war, hatte im städtischen Anzug — wir sagen es mit Bedauern — etwas Unzierliches und Schwerfälliges, eine boshafte Städterin hätte sagen können Plumpes. Als Frau Kahl sie von oben bis unten betrachtet hatte und ein Lob unmöglich über ihre Lippen bringen konnte, machte sie in der Verlegenheit des Augenblicks das Kleid verantwortlich, das nicht gut gerathen sei und geändert werden müsse. Aber Susanne, die Magd, die auch herzugekommen war und sich an dem Anblick weidete, bemerkte mit entsprechendem Ausdruck: »Am Kleid liegt der Fehler nicht.« — Auf dem Tisch lag noch ein Hut, den Frau Kahl erst gestern gekauft hatte, ganz neu und neumodisch. Vielleicht daß er, den schönen Kopf zierend, eine günstige Veränderung im Ganzen bewirkte. Sie setzte ihn darauf — und sah sich auf's neue enttäuscht! Das Gesicht, im Rieser Käppchen so hübsch rund und so reizend, erschien im Hut zu voll. Christine, die zu merken anfing, welchen Eindruck sie hervorbrachte, wurde befangen, das Blut stieg ihr in's Gesicht, und dieses konnte dadurch weder an Rundung ab-, noch an Feinheit zunehmen. Zu allem Unglück war die Temperatur in der Stube seit dem frühen Morgen bedeutend gesunken, und indem die Röthe der etwas frierenden Christine eine bläuliche Färbung gewann, vollendete sich die Tücke des schlimmen Tags.
Wie sie so dastand und nicht wußte, was sie sagen oder thun sollte, ging die Thüre auf und Forstner trat herein. Er kam zufällig, das Unternehmen des Tags war ihm unbekannt. Als er die Verlobte in dem langen Kleid sah, war er betroffen und betrachtete sie einen Moment schweigend. Dann rief er mit einem Lächeln, das nicht ganz hinreichte, einen gewissen verlegenen Ernst zu decken: »Wie siehst du aus, Christine! Man kennt dich gar nicht mehr! So — so vornehm!« Christine versuchte zu lächeln und sagte mit etwas verzogenem Mund: »Nun — gefall' ich dir nicht?« — »O freilich,« erwiederte der Verlobte, der vor der Base und der Magd gerathen fand, seine und ihre Würde zu wahren. »Aber man ist's nicht an dir gewohnt und darum fällt's einem auf. Nun, aller Anfang ist schwer; das wissen wir Lehrer. Mit der Zeit wirst du's tragen wie eine Städterin, und uns wird's dann sein, als ob wir dich nie anders gesehen hätten.« — »Ja freilich,« bemerkte die Base, die froh war, daß der Bräutigam ihr zu Hülfe kam; »es ist ja kein Hexenwerk!« — Die Magd, die unbeachtet in einer Ecke stand, schüttelte den Kopf und verließ die Stube. Auf der Stiege sagte sie zu sich: »Das wird nie eine Frau für diesen Mann!«
Forstner hatte Christine nicht sogleich anstrengen wollen und sie bisher nur besucht, um sie zu grüßen und zu unterhalten. Allein die Zeit war kostbar, und endlich mußte mit der Erziehung, die er ihr zudachte, vorgeschritten werden. Nachdem auch die Base sich entfernt, setzte sich das Paar auf einem kleinen Kanape zusammen und der Verlobte entwickelte ihr den Plan, nach welchem sie die fehlende Bildung nachholen sollte. Da er unter Tags in der Schule und mit Privatstunden beschäftigt war, so wollte er wo möglich jeden Abend zu ihr kommen und sie unterrichten. Sie sollte Lesen, Schreiben und Rechnen nachüben und sich der Orthographie und der hochdeutschen Aussprache befleißigen. Geographie und Geschichte konnten ihr nicht erlassen werden; denn der Frau eines Lehrers mußte wenigstens bis zu einem gewissen Grade bekannt sein, was es mit der Erde für eine Bewandtniß habe und wie es dem Menschengeschlecht bis jetzt darauf ergangen sei. Wie leicht konnte in Gesellschaft die Rede darauf kommen und sie ihn, wenn sie aus Unwissenheit fragte oder gar mitreden wollte, in peinliche Verlegenheit bringen! — Dann mußte sie gute Bücher lesen lernen, die Geist und Herz veredeln und Stoff bieten zu geselliger Unterhaltung. — War sie nicht jung und hatte sie ihm nicht schon Beweise gegeben von offenbarem Verstande? Wenn er sie nur erst eingeführt in den Garten des Wissens, dann sollte sie schon Geschmack daran finden und selber darin herumwandeln und an Blüthen und Früchten sich ergötzen. — Als er ihr das alles auseinander setzte, gerieth er in einen Eifer des Lehrers und malte ihr die künftigen Herrlichkeiten so schön vor, als ob sie schon da wären. Die gute Christine aber dachte: »Gott, wie wird das alles in meinen Kopf gehen!«
Forstner stand auf, Abschied zu nehmen. Als er die Verlobte in dem langen Kleid nochmal betrachtete (den Hut hatte sie glücklicherweise schon abgelegt), konnte er doch nicht umhin, auf's neue bedenklich zu werden. Der Anzug kleidete sie gar zu wenig! Die Gestalt war von städtischer Zierlichkeit gar zu weit entfernt! und es drängte sich ihm das Gefühl auf, daß Christine doch wohl nie eine feine Frau werden möchte. Die Zufriedenheit, ja alle Munterkeit war aus seinen Mienen gewichen; er sah ernst und befangen für sich hin. Christine errieth oder ahnte seine Gedanken und stand halb niedergedrückt, halb empfindlich vor ihm, den Blick zu Boden gesenkt. Es war einer von jenen schlimmen Augenblicken, wo man die Empfindungen, die man schweigend verbergen wollte, in ihrer ganzen fatalen Realität sich gegenseitig aus der Seele liest. Endlich nahm sich Forstner zusammen; er gab ihr die Hand, sah sie freundlich, wo nicht zärtlich an und drückte einen Kuß auf ihre Lippen, die auch in der gegenwärtigen ungünstigen Situation ihren Reiz nicht verloren hatten. Das Mädchen wurde roth und die Freude glänzte wieder aus ihr; sie blickte ihn so schön und lieb an, wie nur jemals früher in ländlicher Unbefangenheit. Ihres Anblicks froh empfahl er ihr noch zwei Bücher, die er mitgebracht hatte, als unterhaltend zum ersten Leseversuch, und verabschiedete sich.
Das Leben des Mädchens hatte bald in jeder Beziehung seine Ordnung und Methode. Einen Theil des Tages verbrachte sie bei der Base und half ihr kochen und sonstige Hausarbeit verrichten. In der Kochkunst viel zu lernen war bei Frau Kahl nicht die Gelegenheit; denn die Speisen, die sie bereitete, waren sehr einfach und eine große Abwechslung fand nicht statt. Auch wollte Christine finden, daß die städtische Kost, obwohl öfter Fleisch auf den Tisch kam, als bei ihr zu Hause, doch nicht so nahrhaft und wohlschmeckend sei und namentlich zu viel an Butter und Schmalz gespart würde. — Eine oder zwei Stunden täglich wurden von weiblicher Arbeit in Anspruch genommen. Hier sollte sich das Dorfkind, die in ihrer Weise ganz gut nähen und stricken, sogar ein wenig schneidern konnte, die feineren Künste zu eigen machen, und zwar unter der Leitung einer Verwandten des Vetters Kahl, die sich erboten hatte, sich ihrer anzunehmen und sie so weit zu bringen, als es bei einer Person, die unter Bauersleuten aufgewachsen sei, eben ginge. Diese Verwandte führte den romantischen Namen Adelheid, hatte aber trotzdem keinen Mann bekommen, und schuf sich dafür einen geistigen Ersatz in Geltendmachung ihrer Ueberlegenheit und in stolzem Verziehen der Oberlippe, die im Verlauf der Zeit einen Ausdruck männlicher Autorität gewonnen hatte und auch mit einem entsprechenden Fläumchen geziert war. Daß diese Stunden für Christine nicht die angenehmsten waren, erräth man; allein sie mußte die Unterweisung, die Mamsell Adelheid ihr bot, doch mit Dank aufnehmen und durch Fleiß, durch Aufmerksamkeit und namentlich auch durch Bescheidenheit zu verdienen suchen. Was an Zeit noch übrig blieb, war auf Erledigung der Aufgaben zu verwenden, die Forstner ihr gegeben hatte.
Dieser begann seinen Unterricht mit der praktischen Klugheit, die uns an ihm nicht unbekannt ist. Die ersten Stunden wurden mehr mit Unterhaltung ausgefüllt; das Verfahren war darauf berechnet, das Mädchen zu erheitern und ihre Neu- und Wißbegierde zu reizen. Nach und nach mußten die Zügel freilich straffer angezogen werden. Die Wißbegierde wollte sich eben in Christine keineswegs in der Stärke einfinden, die der Verlobte wünschen mußte. Das gute Mädchen hatte mehr einen Hang, sich mit dem, was sie wußte, zu begnügen, als einen Drang, den Schatz ihrer Kenntnisse zu vermehren. Sie konnte nicht einsehen, was es z. B. nütze zu wissen, daß die Hauptstadt von Preußen Berlin heiße, und zu was es gut sei, mehr alte Römer kennen zu lernen, als den Landpfleger Pontius Pilatus. Sie war daher manchmal zerstreut, dachte an andere, ihr näher liegende Gegenstände, und hatte, was der Lehrer ihr mit lebhaftem Eifer gesagt, öfters gar nicht gehört, viel weniger verstanden. Sie offenbarte ein eigenthümliches Talent, das was sie schon gelernt, mindestens nachgesprochen hatte, wieder zu vergessen, und bei Dingen, die er als bekannt voraussetzen zu können glaubte, dreinzusehen, als ob sie nie eine Sylbe davon gehört hätte. Daß nun auch der Lehrer ärgerlich wurde, und daß es ihn zuweilen sehr hart ankam, in den Grenzen der Höflichkeit zu bleiben, begreift sich. Eine Zeitlang nahm er sich zusammen, und wenn er hitzig wurde und die Verlobte einigermaßen verletzt schien, legte er als Balsam gleich wieder sanfte Worte auf. Rief er einmal strafend: »Wie ungeschickt!« oder: »Das hast du ja schon gewußt! — wo sind denn deine Gedanken?« — und erröthete sie dann und sah gedemüthigt zu Boden, dann tröstete er sie: es komme nur darauf an, die ersten Schwierigkeiten zu besiegen und mehr Freude an der Sache zu finden; sie solle nur den Muth nicht verlieren, und dergleichen. Wie nun aber diese Freude sich nicht einstellte und die alten Fehler wiederkehrten, fand er's doch für gerathen, bei den strafenden Worten zu bleiben und ihr aus einem Schamgefühl nicht herauszuhelfen, das so wohl verdient schien. Es entfuhren ihm nun zuweilen Ausrufungen wie: »Gott, was ist das für ein Kopf!« oder: »das ist ja zum Verzweifeln!« — und er versetzte damit dem Selbstgefühl des Mädchens einen Schlag, der um so weher that, als er früher ja ganz anders gesprochen hatte. — Nach solchen Aeußerungen mußte er freilich wieder einlenken; aber er that es nicht mehr in sanften Worten, sondern erklärte, es thue ihm leid, so zu reden, aber es sei seine Pflicht, die Sache mit mehr Ernst und Strenge anzugreifen, da sie mit ihrer Langsamkeit und Zerstreuung sonst zu nichts kommen würde. Was er thue, geschehe zu ihrem Besten und nur aus Liebe.
Das mochte alles ganz wahr sein, aber auf Christine konnte es keinen erfreulichen Eindruck machen. Wenn Forstner als Liebhaber im ihre Stube trat, sah sie diesen gar bald durch den Lehrer beeinträchtigt; nach und nach wurde er ganz zum Hofmeister, und sie konnte von Glück sagen, wenn der Liebhaber wenigstens beim Abschied wieder zum Vorschein kam.
Die Gute mußte endlich einsehen, daß sie wieder ganz zum Schulkinde geworden war und die Leiden eines solchen zu erdulden hatte, ohne den frohen und leichten Jugendmuth zu besitzen, der alles Unangenehme schnell wieder abwirft. Sie war gehofmeistert von Mamsell Adelheid, gehofmeistert von ihrem Bräutigam, und oft schien es ihr, als wäre dieser schlimmer wie jene. Das Fatale dabei war: sie konnte die Bande, wie schwer sie auf ihr lasteten, nicht abwerfen, nicht einmal an ihnen rütteln; sie mußte das Joch tragen und damit weiter gehen. — Erholung und Unterhaltung war ihr wenig geboten; denn außer den uns bekannten Persönlichkeiten hatte sie keinen Umgang, da sie ja durch diese zu weiterem erst befähigt werden sollte. Wenn sie sich nun an einem grauen, kalten Tag in ihrer Stube mit ihren Aufgaben beschäftigen wollte, aber durchaus keine Lust dazu verspürte und Buch und Papier weglegte, um für sich hinzustarren, dann begann es ihr endlich »and zu thun« nach der Heimath, und dieses Gefühl wurde stärker und stärker. Sie kam sich recht einsam, recht verlassen vor und hatte zuletzt eine Anwandlung von der Empfindung, die man im Ries mit dem Worte »verzwazeln« (verzweifeln, vergehen) bezeichnet. Aber sie durfte von diesem eigenen Leide niemand etwas sagen. Auch der Mutter mußte sie schreiben, daß es ihr wohl gehe, und daß sie gern hier sei.
Endlich kam ein Tag, der wohl zu der Hoffnung berechtigen konnte, daß er ihr Freude bringen und wieder Muth und Zuversicht einflößen werde. Der städtische Sonntagsanzug, den man bald nach ihrer Ankunft für sie bestellt hatte, war fertig geworden. Man hatte nichts gespart, ihn so hübsch und glänzend herzustellen, als es bei ihr nur immer anging. Alles hatte seinen Rath dazu gegeben und das Kleid war von den geschicktesten Händen gefertigt, die man in der Stadt finden konnte. Frau Kahl, der es eine Ehrensache geworden war, das Dorfbäschen in eine Städterin umzuwandeln, hatte sich am eifrigsten dabei umgethan; sie hoffte besonders auch eine gute Wirkung auf das Gemüth der Verwandten, an der sie ein scheueres und gedrückteres Wesen zu ihrem großen Bedauern wahrgenommen hatte. Kleider machen Leute, das ist ein gutes altes Sprichwort, und mit einem feineren Anzug pflegt in gar viele Menschen auch ein höherer Geist zu fahren. Sollte sich das nicht auch an Christine bewähren? — Als diese an dem festlichen Morgen unter Beihülfe der Base und der Mamsell Adelheid fertig geworden war und dastand im dunkeln Merinokleid, seidenem Halstuch, sammtnem Hut und glänzend gewichsten Schuhen, wurde sie von den Richterinnen ernst und aufmerksam geprüft. Beide gingen hin und her und betrachteten sie von allen Seiten. Seltsames Mißgeschick! Die Erscheinungen beim ersten Probiren des Alltagskleides wiederholten sich. Die Stoffe thaten ihre Wirkung, die Gestalt war aber durch sie um nichts feiner und zierlicher geworden, sie schien allen Verwandlungsversuchen widerstehen zu wollen. »'S ist eben eine maskirte Bäurin,« dachte Mamsell Adelheid, und die Base wußte gar nicht, was sie denken sollte.
Am ungefügigsten erwiesen sich zuletzt noch die Hände des Landmädchens. Daß die Bauernarbeit, wie jede andere, die gleiche Anstrengung mit sich führt, die Glieder mächtiger und stärker entwickelt, weiß jeder. Ein Dorfkind bringt in der Regel die Anlage zu tüchtigen Fingern schon von den Eltern mit, und die Ausbildung wird durch Rechen, Sichel und Dreschflegel entsprechend gefördert. Die Haut wird auf der einen Seite hart, auf der andern erhält sie eine röthlich bräunliche Färbung, und die Dorfhand ist fertig. In ihrer Heimath wird sie so gerade geschätzt; sie deutet auf Arbeit und Arbeitsfähigkeit — die Ehre der Landleute — und paßt zum ländlichen Anzug. Ein schönes Mädchen weiß damit zu schmeicheln, so gut wie eine Städterin mit ihren zierlichen Fingern, und der Druck der Liebe soll unter dieser Voraussetzung um nichts weniger süß und angenehm sein. Aber alles hat in der Welt seinen natürlichen Platz, und wenn es diesen verläßt, wird das Passende unpassend. Die Hände unserer Christine gehörten auf dem Dorf noch nicht zu den stärksten; in der Stadt und für den städtischen Anzug erschienen sie nun doch viel zu entwickelt, und dieß stellte sich auf's klarste heraus, als die neugekauften Handschuhe darüber gezogen werden sollten. Sie erwiesen sich zu klein und drohten zu platzen; man mußte in den Laden schicken und Männerhandschuhe der größten Art bringen lassen. Diese reichten endlich zu; aber den Händen, die mit ihnen bedeckt waren, Beifall zu spenden, das war auch der wohlmeinenden Richterin eine Sache der Unmöglichkeit.
Nach erneuerter Prüfung gewann es Frau Kahl zuletzt über sich, das Bäschen mit Anerkennung aufzumuntern und zu bemerken, das Kleid stehe ihr diesmal schon viel besser und sie könne sich sehr wohl damit sehen lassen. Mamsell Adelheid schwieg; sie konnte eine gewisse Schadenfreude in ihrem gelblichen und scharfen Antlitz nicht unterdrücken und sagte zuletzt, für den Anfang sei es gut genug; man dürfe von einem Mädchen, die im Dorf groß geworden sei, gar nicht verlangen, daß sie ein solches Gewand gleich zu tragen verstehe, wie sich's gehöre. — Christine, durch alles das betroffen und irre gemacht, besah sich im Spiegel, prüfte sich hin und her, und gefiel sich selbst nicht. Sie gehörte nicht zu den Einfältigen, das gute Dorfkind, und ließ sich nicht von den prächtigen Stoffen blenden; sie hatte ein Augenmaß und überzeugte sich, daß ihr der ganze Kram nicht zu Gesichte stehe. Ihre Freude — denn sie hatte sich doch auf die schönen Sachen gefreut — war zu Wasser geworden.
Eben hatte die Base wieder eine ermuthigende Bemerkung angefangen, als der Verlobte in die Stube trat — diesmal nicht zufällig. Es war verabredet, daß er die Braut besuchen und sie mit Frau Kahl in die Kirche führen solle. An der Thüre stehend und nur den schönen neuen Anzug im Auge, stieß er ein fröhliches »Ah, wie schön!« aus. Als er näher trat und die Geputzte genauer betrachtete, wurde er ernst und ernster, und es war ihm unmöglich, in dem begonnenen Tone fortzufahren. Die Hände waren ihm nie so groß vorgekommen als in den feinen Handschuhen; aus dem Gesicht im Sammthut schien aller Geist, alle Anmuth geflohen zu sein. Die Eitelkeit des jungen Mannes, der sich eine Frau wünschte, mit der er prunken konnte, war erschreckt und sah den unerfreulichen Thatbestand noch dazu mit übertreibenden Augen. Christine sagte sich augenblicklich: »Ich gefall' ihm wieder nicht, gar nicht — und das ist kein Wunder!« Als der Verlobte sich endlich mit Anstrengung zusammennahm und seine Verlegenheit hinter Worte des Lobes und der Bewunderung verbergen wollte, die ihm aber durchaus nicht von Herzen gingen und auf dem Gesicht der Mamsell Adelheid nur ein boshaftes Lächeln hervorriefen, da hatte das gute Kind eine wahrhaft peinliche Empfindung. Sie versetzte mit dem Ernst der Ehrlichkeit: er möge sie doch mit solchen Reden verschonen, sie wisse recht gut, daß ihr dieses Kleid nicht anstehe und immer noch das Bauernmädchen aus ihm herausschaue. Aber das sei nun einmal so, und sie könnte sich nicht anders machen, als sie wäre.
Sehr verstimmt trat man den Weg zur Kirche an. Als in der Hauptstraße ein Herr und zwei Frauenzimmer daher kamen, die den Lehrer grüßten und auf Christine blickend, heitere Mienen zeigten, war es ihm, als ob er auf Nadeln ginge. Er wurde schamroth wie ein Mädchen, dankte hastig, ging rascher und verabschiedete sich vor dem Kirchenthore von Christine mit dem Gefühl wahrer Erleichterung. Für sie hatte die niederdrückende Erfahrung, die der eilige Abschied des Bräutigams noch vervollständigte, das Gute, das sie im Gotteshause Trost suchte und der Predigt, die ihrer Lage entsprach und an sie gerichtet schien, von Anfang bis zu Ende folgte. Es war dies das erste Mal in ihrem Leben; aber Noth lehrt beten und öffnet das Verständniß für Aussprüche, die früher nur als leere Klänge am Ohr vorüberzogen. Ihre Anstrengung belohnte sich auch, sie kam getrösteter und ruhiger nach Hause.
Indem ich das Verhalten und die Schicksale Christinens der Wahrheit gemäß schildere, bin ich weit entfernt, eine Theorie aufstellen und etwa lehren zu wollen, ein Dorfmädchen passe in die Stadt und für einen Städter überhaupt nicht, die geborne Bäuerin könne nur mit einem Bauer glücklich sein und die Verpflanzung in eine höhere Schichte der Gesellschaft niemals gelingen. Das wäre falsch und würde namentlich auch im Ries durch gelungene Versuche widerlegt. Es kommt hier, wie sich von selber versteht, auf den Geist und das Naturell des Mädchens an. Ist diese begabt, strebsam und sehnt sie sich höher hinauf, so wird sie als Braut und als Frau eines gebildeten Mannes gar bald die Kultur annehmen, die von ihr gefordert werden kann; denn eine Pariserin braucht sie ja in einer deutschen Kleinstadt nicht zu werden. Sie wird das verhältnißmäßige Hochdeutsch lernen, womit man im der städtischen Unterhaltung durchkommt; Begrüßungen und höfliche Redensarten werden ihr bald geläufig vom Munde gehen; sie wird Kenntnisse sammeln und in Gesellschaft mehr oder weniger ein Wort mitreden können. Was die französische Kleidung betrifft, so wird eben dieser Punkt am leichtesten erledigt sein. In dem strebenden Mädchen regt sich der feinere Putztrieb von selbst, das neue Gewand, das Symbol höheren Standes, wird mit freudiger Begierde angelegt, mit Selbstgefühl getragen, und Lust und Liebe und angeborenes Geschick führen bald zu der Herrschaft darüber, die sich in leichter und angenehmer Bewegung ausspricht. Die Hände, wenn sie nicht schon von Natur feiner waren und der Einwirkung der Arbeit widerstanden haben, werden zarter und feiner mit der Zeit, und das Wagniß ist gelungen. Kommt es ja doch in der Ehe und in einem Haushalt viel mehr auf Angebornes als auf äußerlich Gelerntes an! Der natürliche helle Verstand findet sich darin viel eher und besser zurecht als der trägere Geist, dem allerlei Wissen beigebracht wurde, und wenn zuletzt auch einzelne Züge immer noch das geborene Landmädchen verriethen, so könnten sie bei dem Vorhandensein der erforderlichen reellen Eigenschaften doch zu nichts weiter als zu scherzhaften kleinen Neckereien führen.
Ich möchte behaupten, daß eine solche Entwicklung bei Dorfkindern, die von der Natur nicht stiefmütterlich behandelt sind und von Städtern geehlicht werden, Regel ist. Die meisten werden, von dem Reiz geleitet, den das Neue und Höhere auf ihr Gemüth übt, sich in die Verhältnisse schicken, ihrem Stande Ehre zu machen sich bemühen und in ihrem Eifer das vorgesteckte Ziel erreichen.
Unsere Christine gehörte aber nicht zu den Strebenden. Sie war für das Dorf geboren und nur hier konnte sie wahrhaft glücklich werden. Auf ihre Phantasie wirkte mehr der Reiz des Hergebrachten als des Neuen, mehr die Poesie des Eigenen als des Andern. In dem Kreise des Dorfes selber fortzuschreiten, aus einer Söldnerstochter eine angesehene Bäuerin zu werden, das war ihr Ehrgeiz, ihr erster und schönster Traum gewesen. Bei Forstner war es mehr die hübsche und einschmeichelnde Persönlichkeit, die sie bestrickte, als der Lehrer und »Herr«; und wenn der Gedanke ihr angenehm war, Frau Lehrerin zu werden, so war es eben nur unter der Voraussetzung, daß sie es auf dem Dorf, ja in ihrem Geburtsort würde und damit in ihrer Art zu der Höhe der ersten Frauen darin hinaufrückte. Der Titel einer städtischen Frau Oberlehrerin blendete sie nur mit flüchtigem Reiz, mit einem Schein, der bei näherer Betrachtung nicht Stand halten konnte. Ihr angeborener Trieb führte die Seele wieder und wieder zum Dorfe, zur Stätte des Jugendglücks, zur Heimlichkeit der Heimath zurück.
Christine liebte die Rieser Tracht, fand sie schön und zierend, und sie hatte alle Ursache dazu, denn ihr stand sie vortrefflich. Sie hatte etwas von der Gesinnung in sich, die ehedem verbreiteter war als jetzt, aber sich gewiß noch nicht ganz verloren hat; ich meine die Gesinnung, in welcher der Bauer seinen Stand eigentlich für den ehrenvollsten, seine Kleidung für die schönste hält, und die Herren und Herrenfrauen, die in der Stadt leben und französische Kleider tragen müssen, nicht nur für weniger begünstigt ansehen, sondern geradezu bedauern kann. Schreiber dieses erinnert sich, in seiner Jugend von wohlhäbigen Landmädchen mehrfach spöttische Bemerkungen über Städterinnen gehört zu haben, die nur dem Stande und Gewande galten und mit behaglicher Sicherheit, ohne alle Bosheit abgegeben wurden. »So eine Langrockete,« hieß es von dem Stiefkinde der Verhältnisse, das mit dem Flecken reizloser und unsolider Tracht behaftet war. Eine geborene Wallersteinerin, Tochter eines angesehenen Bürgers und von mütterlicher Seite mit einer jungen Bäuerin verwandt, besuchte diese einmal zur Kirchweih und gewann in fröhlichem Gespräch bald ihr Herz. Die Bäuerin freute sich ihrer und sagte endlich: »Du bist a brav's und a lieb's Mädle — wann d'nor oh (auch) andere Kloeder a'hättst!« — »Warum das?« fragte die Wallersteinerin. Und sie erhielt zur Antwort: »'s ist halt nex mit dem Häs (Kleidung) doh, und wo ma' he'kommt, ist ma' halt veracht!« — Diese Aeußerung kam dem heitern Mädchen sehr ergötzlich vor, und noch als ältere Frau pflegte sie die Anekdote zur Charakteristik des Rieser Landvolks und zur Belustigung städtischer Hörer zu erzählen. Allein die Gesinnung, aus der solche Aeußerungen hervorgehen, ist doch eine höchst respektable Quelle von Glück in der Welt. Es ist der frohe Glaube an den Werth dessen, was man hat und ist, das Erfülltsein von Liebe zu der hergebrachten Art und Sitte — der Grund der Zufriedenheit und Beständigkeit im Leben.