In Christine lebte etwas von diesem Glauben und dieser Liebe und trat in den gegenwärtigen Verhältnissen, die freilich nicht darnach angethan waren, mit ihren Erinnerungen in die Schranken zu treten, zuweilen mit größter Stärke hervor. Doch sie durfte sich dem Zug nach dieser Seite nicht hingeben, sie mußte ihn bekämpfen, mußte streben und lernen, mußte sich bemühen, eine andere zu werden und städtische Sitten liebzugewinnen.
Die Erziehung eines Mädchens wie Christine und ihre Angewöhnung in der Stadt, sollte man glauben, hätte unter den geschilderten Umständen dennoch, wenn auch langsam, fortschreiten müssen, da es ja doch immer der Bräutigam war, der die Braut erzog, und die Liebe, die beide zusammengeführt hatte, zuweilen allerdings getrübt, keineswegs ausgelöscht war. Allerdings; aber die Liebe des Bräutigams und der Entschluß, die gelobte Treue zu bewahren, hatten nun eben den Vorsatz gefaßt, gegen den Zögling sich in consequentester Strenge zu beweisen. Die Zeit verstrich und Christine mußte bis zum Frühjahr wenigstens so weit gebracht werden, daß sie als Frau seiner nicht ganz unwürdig war. Er mußte sie zwingen, sich Mühe zu geben und ihren Geist auszubilden. War dieser entwickelt, dann sollte das übrige schon nachfolgen und der nöthige Anstand ergab sich von selber. — Durch diese strenge und unter Umständen züchtigende Liebe des Bräutigams wurde die Liebe der Braut auf die schwerste Probe gestellt. Es blieb eben auch nicht bei dem Ernst, hinter dem eine Liebe regiert, die gut und consequent ist. Dieser wäre es endlich wohl gelungen, das Ziel zu erreichen und ihre Bemühungen gekrönt zu sehen; aber Forstner war in einer Gemüthslage, wo ihm nichts rasch genug ging; er wollte, aufgeregt und ungeduldig, die Frucht haben, bevor sie reifen konnte, und wiederkehrende Fehler der Schülerin entrissen ihm nun bei schon angesammeltem Verdruß Aeußerungen, die er zwar immer noch für wohlverdient hielt, Christine aber nur als wahre Beleidigungen aufnehmen konnte. Es gab Auftritte zwischen dem Liebespaar, und Stunden, ja Tage des Trutzens. Versöhnte man sich wieder und that man das Gelübde, sich nie, nie wieder zu kränken, so war dem Frieden die Dauer so wenig verbürgt, wie andern, die auch auf ewige Zeiten abgeschlossen werden. — Gegen die ernsten Mahnungen Forstners konnte und wollte Christine nichts einwenden. Sie faßte den Entschluß, sich Mühe zu geben, und sie gab sich Mühe; aber Lust und Liebe zur Sache konnte sie sich nicht geben, und unter den geschilderten Umständen konnten diese auch nicht in ihr keimen und wachsen. Alles, was gegen die Natur verlangt wird, alles, was vor der Zeit fertig sein soll, gewinnt aber in der Seele den Charakter einer unerträglichen Last. Es wächst ein Widerwille dagegen, der zum Abscheu werden kann; und wenn man die verhaßte Pflicht nun doch nicht zurückzuweisen sich getraut, vielmehr die Nöthigung erkennt sie zu erfüllen, koste es was es wolle, dann können sich im Herzen Elemente der Verzweiflung ansammeln, die nothwendig zum Ausbruch kommen müssen.
Am Abend eines Tages, an dem Forstner nach wieder eingetretener Spannung nicht erschienen war, saß Christine mit ihren Verwandten und Mamsell Adelheid bei der frugalen Abendmahlzeit. Sie wurde mit dem abwesenden Liebhaber geneckt, wie es ihr mißfallen mußte; nicht aus heiterem und gutem Herzen (ein solches hätte unter den gegebenen Verhältnissen überhaupt geschwiegen) sondern von Seiten der Base ohne Laune, aus Langeweile, von Mamsell Adelheid ohne Wohlwollen, aus Schadenfreude. Sie antwortete zuerst etwas empfindlich, und endlich verbat sie sich diese Reden ganz. Wie meistens, wenn sie im Ernst und von Herzen sprach, hatte sie diese Erklärung im Rieser Dialekt abgegeben, und Adelheid, die sich auf dem einen Felde nicht mehr genügen durfte, benutzte nun die Aussprache des Dorfmädchens, um ihr etwas anzuhaben. »Pfui, Christine,« rief sie mit dem geheuchelt wohlmeinenden Ausdruck, der bekanntlich viel widerlicher ist, als ehrliche Unhöflichkeit, »pfui, wie bäurisch ist das wieder! Du mußt dir dieses Rieserischreden abgewöhnen, gutes Mädchen; das geht hier nicht mehr, du machst dich lächerlich damit, und für die Frau eines Lehrers paßt es schon gar nicht!« Die Wahrnehmung, daß ihre Worte auf Christine ihre Wirkung gethan hatten, ermunterten sie fortzufahren, und sie bemerkte: »Du brauchst nicht ärgerlich zu werden. Wir meinen's gut mit dir, drum sagen wir dir's, andere lassen dich reden und lachen dich aus.«
Das hieß bei dem Rieser Kinde eine der empfindlichsten Stellen berühren. Sie hatte jene Rüge und Ermahnung von ihrem Bräutigam und von der Mamsell schon öfters hören müssen. Bei ihm hatte sie's in der Ordnung gefunden und sich bestrebt, hochdeutsch zu reden. Zunächst war freilich nur ein Mischmasch herausgekommen, der ihn zuweilen auch wieder lächeln machte, und wenn sie sich bemühte, rein hochdeutsch zu reden, dann sprach sie die Worte mit einer Betonung, die ihr nicht natürlich war und pedantisch klang, so daß Forstner sie zuweilen wieder bat, sie solle lieber reden, wie sie's gelernt habe. Es war auch eine fatale Empfindung, sich sagen zu müssen, daß sie ihm nichts zu Dank machen könne, und die ganze Sache hatte darum etwas Unangenehmes für sie. Bei der Adelheid war ihr aber der Tadel ihrer Sprache um so verdrießlicher, als sie ihr eigentlich kein Recht dazu einräumen konnte, auch darum nicht, weil die Mamsell nicht sowohl hochdeutsch als fränkisch-deutsch redete. Die Rieserin konnte durchaus nicht begreifen, wie das fränkische »Na'« (Nein) schöner klingen sollte als das Rieserische »Noë«, oder worin »Ah« (Auch) hochdeutscher wäre als »Oh« u. s. w. Sie hatte bemerkt, daß man im Ries gewisse Worte gerade nach der Schrift aussprach, während man sie im Fränkischen veränderte, also verschlechterte, daß man z. B. im Ries ganz richtig »mager« sagte, wo es hier »moger« hieß; und sie sah nun in keiner Art ein, wie sie die Sprache ihrer Heimath gegen so eine Sprache sollte schlecht machen lassen. Bei dieser Gelegenheit sagte sie denn mit der Resolution des Unwillens alles, was sie auf dem Herzen hatte, und schloß ihre Erwiederung mit den Worten: »Jedes hat seine Sprach' gern und glaubt, sie sei besser als die andere, und das ist natürlich. Ihr sagt, die Rieser sei so breit und hinausgezogen, mir kommt die eure dagegen öd vor und recht »moger«, und ich mein', ich könnt' in ihr nie von Herzen reden. Aber darüber will ich nicht streiten. Wenn ich mein Rieserisch einmal ablegen soll, so will ich doch lieber gleich ein rechtes Hochdeutsch lernen, sonst will ich beim Rieserischen bleiben. Denn wenn's auch eine langsamere Sprach' ist wie die eure, so reden's doch Leute, die ich lieb hab' und die ich hochschätz', und das kann ich nicht von allen sagen, die ich kenne. Für heut' wünsch' ich Gutnacht!« — Sie war aufgestanden und verließ die Stube mit einem Blick der Geringschätzung auf Mamsell Adelheid. — »Hoffärtiges Ding!« rief diese, die sich durch den Vorwurf der Schülerin wegen des Fränkischen getroffen und durch ihren Abschiedsblick beleidigt fühlte. Aber Vetter Kahl meinte, sie habe es ihr heute auch arg gemacht, und man könne es der Christine jetzt nicht übel nehmen, wenn sie nicht bei guter Laune sei. — »Ja freilich,« setzte die Frau hinzu und nickte bedenklich.
Christine ging in ihre Stube hinauf, zündete ein Talglicht an, setzte sich an den Tisch und versuchte in einem Buche zu lesen, das ihr Forstner als unterhaltend empfohlen hatte. Bald legte sie's weg. Wie sollte sie sich für die geschriebenen Sachen interessiren, während ihr Herz so voll und so aufgeregt war von Unmuth und Sorge! Schweigend, die Arme auf die Lehne des alten Stuhls gelegt, sah sie auf den Boden und verharrte in formlosem Gedankenspiel eine Zeitlang in dieser Stellung. Es fröstelte sie; aber sie wollt' es nicht anders haben und rührte sich nicht. Wie traurig und öde war es in dieser Stadt! — wie unheimlich war es in der Stube, die eigentlich nie recht warm gemacht werden konnte! Ihre Phantasie ging in die Heimath zurück, sie stellte sich das Dorf und die Stube ihrer Mutter vor, und alles Liebe und Heimliche baute sich nach und nach vor ihr auf. — Wie schön war es dort — auch im Winter! die Stube so warm den ganzen Tag, weil man im Rohr des eisernen Ofens kochte und das Holz nicht sparte. Welch ein angenehmer Geruch, wenn am Sonntag ein paar Tauben gebraten wurden oder ein frisches Stück Fleisch vom selbstgeschlachteten Schwein. Wie heimlich war es des Abends, wenn sie mit ihrer Mutter spann und mit ihr und dem braven Hans einen Rath hielt oder »ihren Gedanken Audienz gab« und die runde Hauskatze hinter dem Ofen dazu »durnte!« Wie traulich war es, wenn ein paar Freundinnen mit dem Rocken kamen, wenn man mit einander schwatzte und lachte, und nicht eines besser zu reden glaubte als das andere, und nicht eines das andere mit seiner Sprach' aufzog. Dort waren die Leute gut, und auch die schlimmen hatten etwas an sich, was man gern haben mußte. Es war eben dort alles lustiger, und auch die schlimmen meinten's nicht so bös; und so hochmüthige gelbe Gesichter, wie die Adelheid eines hatte, gab es dort gar nicht.
Indem die Träumende von diesen Vorstellungen aufsah und sich in ihrem düster erhellten, todtenstillen Zimmer erblickte, hatte sie das Gefühl eines verlorenen Paradieses. Dort war alles so gut und so schön, dort konnte sie glücklich werden. Hier hatte sie keine einzige Gespielin, keine einzige vertraute Seele! Hier war sie verachtet und verspottet, sie, die in ihrem Dorfe geehrt und gepriesen war. Hier wurde sie mißhandelt! Und er, der ihr Trost und ihre Stütze sein sollte, er, der ihr ewige Liebe geschworen hatte, wurde mit jedem Tage härter und liebloser gegen sie! Er hatte keine Geduld mit ihr, er »kappte sie herab,« er beschimpfte sie, er schämte sich ihrer! Das mußte sie erleben! — und das mußte sie von ihm erleben! Und wenn er nun schon als Bräutigam so gegen sie handelte, was hatte sie zu erwarten, wenn er ihr Mann war und ihr Herr? Welchen Ehestand sollte das geben?
Der Gedanke, daß sie das Unrechte gewählt habe, daß ein unglückliches, verfehltes Leben ihrer warte, und daß sie selber daran Schuld sei, begann den Geist des Mädchens zu überwältigen. In ihrem Herzen fing ein Zittern und Beben an, das sich über den ganzen Körper verbreitete, das nicht mehr zurückgedrängt werden konnte und nicht mehr enden zu können schien. Der Sturm der Verzweiflung war über ihre Seele gekommen. Wenn dieser einmal im Innern zu sausen und zu brausen beginnt, dann helfen keine Einreden des Verstandes mehr. Alle Gründe, die dagegen sprechen sollen, fallen kraftlos zu Boden, das Toben der Angst geht weiter mit der Gewalt eines übermächtig gewordenen Feuerbrandes, man hat nur noch Ein Gefühl und Ein Wort: Verloren! verloren!
Christine konnte nicht mehr glauben und nicht mehr hoffen. Es war ihr, als ob sie auf und davon müßte; aber wohin sollte sie? Sie konnte nicht fort, sie mußte bleiben und alles erdulden, was ihr auferlegt war. Sie hatte ein Gefühl, als wenn sie in einen Brunnen gefallen wäre und nicht mehr heraus, ja nicht einmal um Hülfe rufen könnte. Welch eine Noth! — welche Bangigkeit! Und hätte sie nur weinen und Erleichterung finden können in Thränen! Aber in solchem Zustande des Herzens kann auch das Weib nicht weinen; nur leiden kann es, leiden und beben, wie das Lamm in den Klauen des Raubthiers.
Endlich erhob sich die Unglückliche mit entschlossener Anstrengung. Sie legte sich nieder, ob ihr vielleicht der Schlaf ein Erlöser würde; aber die empörten Wogen der Seele ließen sie nicht schlafen. Sie verbrachte die schwerste, peinvollste Nacht ihres Lebens und sank endlich nur aus Mattigkeit in einen unruhevollen Schlummer.
V.
Die Verzweiflung, von der eine leidende, gedrückte Seele befallen wird, trägt oft am meisten zu ihrer Wiederauflebung und Stärkung bei, wenn die Verhältnisse, in denen sie lebt, nicht an sich desperat, sondern von ihr nur so empfunden worden sind. In dem Wirbel der Sinne übertreibt sie und sieht im schlimmsten Licht; und wenn der Hauptanfall ausgehalten ist, kann sie diesen Irrthum erkennen, zur Betrachtung der bessern Seite hingedrängt und dadurch wieder beruhigt werden. Bleibt noch so manches Unebene zurück, so liegt der Gedanke nahe: ob denn auch alles so accurat sein müsse, ob denn bei andern alles so accurat sei? Und sie ermuthigt sich, sie bescheidet sich, sie hofft wieder.
Ein Sturm, der im Herzen sich erhebt, fegt dieses ohnehin, ich möchte sagen physisch aus. Er nimmt manchen phantastischen Anspruch, den man an die Welt und ihr Glück zu haben glaubt, mit sich hinweg und läßt erkennen, daß man in ihr vielmehr dulden und etwas leisten müsse. »Thu' was du kannst, in's übrige füge dich!« — mit diesem Vorsatz tritt man den Anfechtungen des Lebens entgegen und findet dann auch wieder, daß es doch nicht so schlimm ist, als man sich's vorgestellt.
Bei Christine war es aber nicht mit einem Tage abgemacht. An dem folgenden ging sie körperlich erschöpft, im Innern gebrochen einher und die Quelle der Verzweiflung strömte ruhiger, aber stetig in ihr fort. Sie trug alle Merkmale einer qualvoll durchwachten Nacht an sich; doch war ihr Mund still und ihre Miene ergeben, so daß die Base wahres Bedauern mit ihr empfand und auch Susanne und Adelheid nicht ganz ungerührt blieben. Forstner kam auch an diesem Tage nicht. Christine mußte an das Schlimmste denken; sie that es mit schauerndem Herzen; aber das Schlimmste war eine Entscheidung und hatte für ihr jetziges Gefühl auch wieder etwas Beruhigendes. Ermüdet legte sie sich zu Bette und fand bald das Heilbad des Schlafes.
Kräftiger stand sie auf und erfreute die Base beim Frühstück durch eine getröstete Miene. Sie hatten von häuslichen Dingen gesprochen und waren eben daran, die Arbeiten des Tages zu erwägen, da trat der Verlobte herein — mit allen Zeichen der Eile und einem entschiedenen Ausdruck der Reue, die wieder gut machen will.
Das ist leicht zu erklären. Die Base hatte gestern in der Nacht noch Vetter Kahl zu ihm geschickt, und dieser hatte ihn von dem Stande der Dinge unterrichtet und ihm ins Gewissen geredet. Eindrucksfähig wie er war, hatte sich Forstner die Worte zu Herzen genommen, sein Gewissen hatte sich gerührt und ihn zu dem Entschluß gebracht, Christine noch vor der Schule zu besuchen.
Er ging auf sie zu, drückte ihr die Hand und entschuldigte sein Ausbleiben mit unaufschieblichen Arbeiten, die ihn leider abgehalten hätten, zu ihr zu kommen u. s. w. Christine, durch sein Erscheinen erfreut, ließ alles gelten, und es kam zu einer vollständigen Versöhnung. Als sie vom Unterricht zu reden begann, nahm er Gelegenheit, sich selbst anzuklagen. Er sei offenbar in der letzten Zeit zu ungeduldig gewesen und habe mehr verlangt, als sie leisten konnte; er müsse sie wirklich um Verzeihung bitten; aber sein Amt und die Plage mit seinen Kindern mache ihn eben auch zuweilen verdrießlich und ungerecht. Das Mädchen entgegnete: daß er mit ihr die Geduld verloren habe, sei ganz natürlich, sie komme auch gar nicht weiter. Aber nun solle er sehen, nun werde sie sich recht zusammennehmen, und es werde gewiß besser gehen. — Von seiner Seite Geduld, von ihrer Seite Fleiß und Mühe — was brauchte es mehr zur Eintracht und zum Glück?
Als Forstner in die Schule ging, dachte er: wenn sie auch nicht alles hält, was ich mir von ihr versprochen habe, so giebt es doch eine gute Frau. Sie ist fügsam, das ist schon etwas werth. Nach und nach wird sie auch lernen, was nöthig ist; ich darf nur nicht zu viel von ihr verlangen.
Die nun folgenden Unterrichtsstunden gingen bei solcher Stimmung des Lehrers und der Schülerin ganz wohl vorüber. Es waren zunächst nur wenige. Die Christfeiertage kamen heran und machten eine Unterbrechung nöthig. Die Verlobte hatte mit Hülfe der Mamsell Adelheid einen zierlichen Tabaksbeutel zu Stande gebracht, sie kaufte noch ein schönes Buch, das der Bräutigam zufällig einmal gewünscht hatte, und machte somit eine ganz hübsche Bescheerung. Forstner beschenkte sie mit einem Shawl und einem kleinen galanten Gedicht. In dem Vergnügen dieser Tage hatte Christine auch Susanne und Adelheid mit Gaben bedacht, welche die mäßigen Erwartungen derselben übertrafen, und bessere Gesichter dafür erhalten. Alles ließ sich erfreulicher an, und Christine konnte ein verspätetes kleines Präsent an die Mutter mit einem Brief absenden, worin die Versicherung, daß sie recht fröhliche Weihnachten gefeiert habe, durchaus von Herzen kam. Sie hatte jetzt auch den Muth gefunden, einer wiederholten Aufforderung der Base nachzukommen und die Mutter zum Besuch einzuladen; ja sie hatte auf ihre Faust hinzugefügt, daß sie sich durch Vetter Hans herführen lassen solle. Die Erwartung eines frohen Wiedersehens trug dazu bei, daß sie das neue Jahr unter heiterem Austausch von Gratulationen und vertrauensvoll antrat.
Die Hoffnung auf das Wiedersehen trog sie nicht. Frau Glauning war neugierig, ihre Christine in der Stadt zu sehen, und da nach Neujahr eine Masse Schnee fiel, dann kalte, trockene Witterung eintrat, so riskirte sie's, die Bahn zu benutzen und den Besuch mit Hans in einem entlehnten Schlitten zu machen. Am heiligen Dreikönigstage saßen alle unsere Personen bei Herrn Kahl um den Mittagstisch, der lange nicht so reichlich besetzt gewesen war. Man hatte sich ausgewundert, ausgegrüßt, ausgelobt und unterhielt ein behagliches Gespräch, das Forstner zu männiglichem Ergötzen mit seinen besten Einfällen zierte, so daß man sich endlich auch in dieser Hinsicht gesättigt und vergnügt vom Tisch erhob.
In der Laune, die das Mahl in ihr angeregt hatte, nahm die Glauning ihre Tochter in eine Ecke und sagte: »Hör', Mädchen, du bist doch ein wenig »schmalbackeder« geworden, seit du hier bist. Man ißt wohl bei der Base nicht alle Tag' so gut wie heut?« — Christine lächelte und sagte: »Ach, liebe Mutter, je weniger ich esse, desto besser ist's! Denn ich bin für die Stadt noch lange nicht »schmalbacked« genug.« — »So, so?« erwiederte die Alte. »Nun, du siehst wenigstens gesund und vergnügt aus. Aber das kann ich dir nicht verschweigen, recht närrisch kommst du mir vor in dem Kleid da.« — »Ist andern auch passirt,« versetzte Christine. — »Aber diese haben sich dran gewöhnt, wie's scheint, und dir wird's auch so gehen.« — Wie die Mutter hier den Bräutigam auf sich zukommen sah, fragte sie: »Wie macht sich denn aber meine Christine in der Lehr', Herr Forstner? Geht's recht vorwärts?« — »Jeden Tag,« erwiederte dieser heiter. — »Verspotte mich nicht,« rief ihm Christine zu; »ich weiß recht wohl, daß ich einen langsamen Bauernkopf hab'.« — »Nein,« fuhr er zur Mutter fort, »in der letzten Zeit bin ich sehr zufrieden gewesen, und wenn's so fortgeht, wird sie noch eine ganze Gelehrte werden.« »O Jerum,« rief die Gelobte mit komischem Ausdruck. Die Alte sah mit Vergnügen auf das Paar, das Arm in Arm vor ihr stand.
Vor dem Abschied fand Christine noch Gelegenheit, eine vertrauliche Zwiesprach mit Hans zu halten. Sie dankte ihm und rühmte ihn wiederholt wegen seiner Freundschaft und Herzensgüte. Dann fragte sie mit einem Lächeln, in dem neben wirklicher Theilnahme ein Hauch von Scham nicht zu verkennen war: »Hast du noch immer keine, Hans? Ist noch keine Aussicht, daß ich dir auf die Hochzeit gehen kann?« Hans ging auf die Unterhaltung ein und versetzte nicht ohne Laune: »'S hat sich noch nicht machen lassen. Gut Ding will Weile haben!« — »Ja wohl,« erwiederte sie schon heiterer. »Aber man muß doch auch anfangen. Du thust dich nicht um!« — »Kommt drauf an,« entgegnete Hans. »Aber du weißt ja, ich wart' auf deine Hochzeit.« — »Da kannst du vielleicht noch lange warten.« — »Wie so?« — »Bis zum Frühjahr sicher, vielleicht aber auch bis in den Sommer hinein — ich muß noch gar viel lernen.« — »Lernen? Was fehlt dir denn noch?« — »Ach, Hannesle,« sagte das Mädchen mit einem humoristischen Seufzer, »noch gar viel! Das verstehst du nicht.« — Hans dachte: »Was so ein Schulmeister doch heutzutag nicht alles verlangt!« Aber er sagte das natürlich nicht, sondern wünschte dem Bäschen alles Glück und drückte ihr in freundschaftlicher Theilnahme die Hand. Christine sah, daß er noch immer etwas auf sie hielt und daß er ihr nichts nachtrug; beides freute sie.
Nach diesem letzten festlichen Tag wurde der unterbrochene Unterricht wieder fortgesetzt. Forstner nahm es zuerst wieder leicht und führte das Spiel nur sachte zum Ernst hinüber. In der Zwischenzeit hatte aber Christine von ihrem Talent, Gelerntes zu vergessen, wieder ziemlich Gebrauch gemacht, so daß Fortschritte nirgends sichtbar werden wollten, und bald stacken sie wieder in der Prosa des Lebens. Geschmack an geistiger Beschäftigung, ein Trieb, selber vorwärts zu gehen, etwas zu thun und zu suchen, wollte sich eben in der Schülerin nicht melden. Sie lernte nie einsehen, wozu das alles eigentlich gut sein sollte; die Kopfarbeit blieb ihr beschwerlich und sie konnte darin nicht einmal eine rechte Arbeit sehen. Neigung, angeborener und anerzogener Respekt drängte sie zur Arbeit mit der Hand, und nur wenn sie hier etwas fertig gebracht, glaubte sie wirklich etwas gethan und ihre Pflicht erfüllt zu haben.
Forstner überzeugte sich jeden Tag mehr von der Unmöglichkeit, der Verlobten das beizubringen, was er an Geistescultur von seiner Frau glaubte fordern zu können. Aber die Wirkung war nun eine andere auf ihn als früher: er wurde nicht mehr erzürnt — er entsagte seiner Hoffnung. Er that es mit Seufzen und tröstete sich mit dem Gedanken, daß Christine jedenfalls eine gute Hausfrau sein werde. — Damit war ein bedeutender Schritt zum Glück des Paares hin gethan; denn das Glück wird dann erst möglich, wenn man von sich und von andern nur das fordern lernt, was die einmal gegebene Natur zu leisten im Stande ist, und sich dabei genügen läßt. — Aber nun zog ein Wetter, das schon lange am Horizont gestanden hatte, rasch am Himmel auf und hing bald drohend über dem Haupte des Dorfmädchens. — Um dieß zu erklären, muß ich in der Geschichte um mehrere Monate zurück gehen.
Jener College Forstners, der sich im Oettinger Kränzchen so eng an ihn angeschlossen und dessen Betriebsamkeit er hauptsächlich seine jetzige Stelle verdankte, war bei seinen Bemühungen von wirklicher Freundschaft zu dem talentvollen, liebenswürdigen jungen Mann geleitet. Der Eifer, den er zu seinen Gunsten anwandte, beruhte aber doch nicht ausschließlich auf diesem persönlichen Wohlwollen; er war zugleich, und zwar nicht minder stark, durch sein eigenes Interesse getragen. Gustav Dobler (denn er muß jetzt mit seinem Namen in unsere Erzählung eintreten) hatte zwei Schwestern, die bei ihm, dem noch unverheiratheten Manne, wohnten. Die jüngere war noch nicht aus der Schule, die ältere, Wilhelmine, führte seinen Haushalt. Diese befand sich in den Jahren, wo sich ein vorsichtiges Mädchen schon einige Jahre um eine Partie umgesehen hat — sie war in der Mitte der Zwanziger, dabei schlank, hübsch, gebildet, mit einem Geiste begabt, der gern das Regiment führte und es liebte sein Licht leuchten zu lassen. Was war natürlicher, als daß der schon in den Dreißigen stehende Dobler wünschte ihr einen Mann zu verschaffen? Er konnte dann selbst heirathen, was bei der Anwesenheit der herrschaftgewohnten Schwester nicht zu rathen war, und sie hatte für ihr Talent den rechten Boden und das Glück ihres Lebens gefunden. In Forstner hatte der sorgliche Bruder gleich den Mann erkannt, der für seine Schwester in jeder Hinsicht passend war, den liebenswürdigen, begabten, im Hause zu leitenden Mann, und in dieser Ueberzeugung hatte er gehandelt.
Das Verhältniß des neuen Freundes zu einem Bauernmädchen seines Dorfes konnte ihm begreiflicherweise nicht verborgen bleiben. Allein er faßte es nicht so ernst auf, als es war; er glaubte nicht, daß ein solches Mädchen dem feinen Mann genügen könne, und nahm an, es sei gut für beide, wenn die Bekanntschaft rechtzeitig abgebrochen würde. Da nun in seiner Geburtsstadt eine Stelle vacant wurde, so spannte er alle Segel auf, die Ernennung Forstners durchzusetzen. War er nur erst hier, dachte er, so löste sich das Verhältniß mit Christine von selbst, und das ihm wünschenswerthe knüpfte sich.
Als Dobler nach der Uebersiedlung des Collegen das erste vertraute Gespräch mit ihm hatte, mußte er sich freilich überzeugen, daß er sich getäuscht. Er hatte mit einiger Deutlichkeit auf den Busch geklopft, hatte von einer Frau gesprochen, die sich der angestellte hübsche junge Mann unter den schönen Mädchen des Orts auswählen könne, und Forstner war genöthigt gewesen, ihm zu sagen, daß er ernstlich verlobt sei und daß er seine Braut hieher berufen habe, um sich im Frühjahr mit ihr trauen zu lassen.
Christine kam an, und die Hoffnung des Stadtlehrers, den Freund zu seinem Schwager zu machen, schien gänzlich gescheitert. Dobler hatte der Schwester den Phönix unter den Rieser Lehrern schon vor seiner Ankunft gerühmt, ihr seinen Plan mitgetheilt, und Wilhelmine war sehr neugierig gewesen, ihn kennen zu lernen. In der That gewann Forstner auch gleich bei der ersten Zusammenkunft ihren vollen Beifall und konnte aus ihrem Benehmen wohl schließen, daß unter andern Umständen eine Bewerbung von seiner Seite hier keine ungünstige Aufnahme gefunden hätte. Aber seine Treue gegen Christine wurde auch in Gedanken nicht erschüttert. Wilhelmine hatte offenbare Vorzüge der Gestalt und der Bildung; aber wie artig sie war und wie zuvorkommend sie ihn behandelte, so ahnte der junge Mann in ihr doch den herrschenden Geist und konnte nicht umhin, eine gewisse Scheu vor ihr zu fühlen. Sein Herz und seine Phantasie hingen an der Verlobten; ihr naturfrisches Bild erschien ihm unvergleichlich poetischer, als die Eleganz der Städterin; er blieb bei seiner ersten ernstlichen Neigung und hielt sein Wort.
Dobler und Wilhelmine bewerkstelligten einen anständigen Rückzug. Sie, von ihren Vorzügen durchdrungen, konnte nicht alle Hoffnung aufgeben und freute sich zu hören, daß Forstner seinen Dorfschatz erst noch bilden wolle, bevor er Hochzeit machte. Ehe so Eine gebildet wurde, konnte gar manches geschehen. Der sonst so verständige Mann werde Vergleichungen anstellen und Augen bekommen für den Unterschied zwischen ihr und einer Bäuerin, und dann werde sich zeigen, wer den Platz behaupte. Natürlich fühlte sie durch die Zurückhaltung Forstners auch ihren weiblichen Stolz gekränkt und ihre Ehre herausgefordert. Das Versagte reizte sie und ihr Wohlgefallen an ihm steigerte sich zum leidenschaftlichen Wunsch, ihn zu erobern. Sie war indeß klug genug, ihre Gefühle zu verbergen, zu warten und ihre Zeit zu ersehen.
Als sie durch Mamsell Adelheid gelegentlich hörte, wie plump Christine im französischen Kleid aussehe und wie ungeschickt sie sich zu aller feineren Arbeit anlasse, hatte sie die erste freudige Empfindung. Eine süße Hoffnung schwellte ihr Herz. »Er wird mir kommen!« rief sie, als sie allein war, mit der Zuversicht des Stolzes. Und auch sie rechtfertigte ihren Plan und ihr Verhalten durch die Annahme, es sei für das Bauernmädchen viel besser, wenn sie wieder in ihr Dorf zurückginge und das Weib eines Bauern würde.
Wenn Forstner in ihr Haus kam, zeigten Bruder und Schwester, die sich mit einander verständigt hatten, nur freundschaftliche Theilnahme an ihm und seinem Verhältniß. Man erkundigte sich, wie Christine sich in der Stadt gefalle; man begriff, daß er sie jetzt noch nicht unter die Leute bringen wolle, man fragte nach ihren Fortschritten u. s. w. Als der Lehrer, zutraulicher gemacht, sich über die Langsamkeit beklagte, womit die Schülerin lernte, und über die sonderbaren Antworten, die er von ihr zuweilen erhalte, tröstete man ihn. Das sei begreiflich, würde bei jeder andern auch der Fall sein, und er solle darum den Muth nicht verlieren; zuletzt werde alles auf einmal kommen. War er über Christine betrübt, ja konnte er einen ernstlichen Unmuth nicht verbergen, dann ließ man ihn wohl auch reden und hörte mit bedauerndem Antheil zu. Man bot alle Freundlichkeit und Herzlichkeit auf, ihn zu beruhigen, und man entfaltete alle geselligen Talente, ihn zu entschädigen. Er sollte nicht anders können, er sollte sich genöthigt sehen, Vergleichungen anzustellen, die zu Gunsten der Prätendentin ausfallen mußten.
Die Folge war, daß Forstner, so oft er Verdruß empfand und Trost bedurfte, das Haus der Freundschaft aufsuchte. Die Scheu vor Wilhelmine hatte sich verloren; denn er mußte sich ja überzeugen, daß sie nur sein Bestes wollte und wahrer Anhänglichkeit fähig war. Der Umgang mit ihr und Dobler wurde ihm Bedürfniß.
Er war der Gefährlichen schon sehr nahe gekommen. Er hatte in der That und wiederholt Vergleichungen angestellt; er hatte sich gesagt, daß die gebildete Städterin doch in jeder Hinsicht besser für ihn passen würde — und das Verhältniß zu Christine war ihm eine Fessel geworden, die ihn beengte und drückte. Da kam, durch Vetter Kahl eingeleitet, nach dem letzten Streit mit der Verlobten die Versöhnung; es kamen die Feiertage und die wechselseitige Beschenkung; es kam der Besuch und das Mittagsmahl, wo man insgesammt wieder Ein Herz und Eine Seele wurde.
Als er nun aber in Folge erneuerter vergeblicher Versuche mit Christine dazu gekommen war, auf ihre Ausbildung, wie er sie sich erst gedacht hatte, zu resigniren, machte er eine eigene Erfahrung, eine Erfahrung, die Kennern des menschlichen Herzens nichts neues ist und die, wie er einmal war, in seine Beziehungen überhaupt eine Veränderung bringen mußte. Das stärkste Band, das uns an eine werthe Person knüpft, ist die Hoffnung, sie werde die Herzenswünsche, die wir für sie und für uns hegen, erfüllen und dem Bild entsprechen, das wir im Geist ihr vorhalten. Zaudert sie dieß zu thun, und glauben wir uns getäuscht, dann wird an die Stelle der entflohenen Hoffnung zunächst die Beschämung, der Unmuth und der erzürnte Vorwurf treten. Aber der Unmuth ist immer noch ein Band, das uns an die Erkorene fesselt. Immer ist unser Blick auf sie gerichtet; sie wollen wir strafen, sie wollen wir bessern, sie wollen wir zwingen, unserem Willen sich zu fügen, und wir haben kein Auge für andere. Endet aber der Unmuth in Entsagung, dann droht der Existenz des Verhältnisses selber Gefahr. Wir sind nicht mehr beschäftigt, weder durch Hoffnung und Freude, noch durch Verdruß und Schmerz, und es ist Raum geworden für die Gleichgültigkeit.
Eine ähnliche Erfahrung war es, die unser Lehrer machte. Eben in der Resignation wurde er frei gegen die Verlobte, seine Augen wurden aufgethan für die Vorzüge der Freundin, und die Wagschale neigte sich wieder und viel stärker zu ihren Gunsten.
Forstner hatte jedoch nur auf Eines resignirt bei Christine: auf ihre Geistesbildung. Die Hoffnung, daß sie das Benehmen lernen werde, mit dem sie in der Stadt als seine Frau durchkommen könnte, hatte er noch nicht aufgegeben. Und wenn seine Neigung zu ihr gesunken war, so bestand doch noch das Wort, das er ihr gegeben und das er sich nicht zu brechen getraute. Er faßte sich kurz und entwarf einen andern Plan. Er wollte nicht zuerst ihren Geist bilden und das feinere Benehmen als natürliche Folge davon erwarten; er wollte nun praktischer verfahren und sie in bessere Gesellschaft bringen, damit sie zunächst das Leichtere lerne. Stellte sie sich am Anfang auch ungeschickt, mit der Zeit lernte sie doch die nöthigen Formen, und es erfüllte sich ihm wenigstens Eine Hoffnung.
Nachdem er dieß beschlossen hatte, war auf die Frage: wohin zuerst? bald geantwortet. Welches Haus lag ihm zu jenem Zweck näher, als das seines Collegen? Von wem konnte die Verlobte mehr lernen als von Wilhelmine? Hatte die Mamsell (in jener Zeit mußte sich auch die Schwester des Stadtlehrers noch mit diesem Titel begnügen) doch zwei Jahre bei Verwandten in Nürnberg gelebt und war seit ihrer Zurückkunft eine Zierde der bürgerlichen »Erheiterung« ihrer Stadt! — Christine konnte nun zeigen, ob sie für ihn auch etwas zu thun im Stande sei, und ob sie sich mindestens das Nothdürftigste anzueignen vermöge. Sie mußte ihm gehorchen. Ihr alles zu erlassen, ihr alles nachzusehen, das war nicht von ihm zu verlangen.
Er fragte bei Dobler an, ob er die Verlobte bringen dürfe, ob er Mamsell Wilhelmine nicht damit belästige? »Im Gegentheil,« erwiederte diese, »Sie machen mir die größte Freude.« — Und das war ganz richtig. Sie empfand die größte Freude, sich neben dem Dorfmädchen sehen zu lassen, ihre Ueberlegenheit beweisen und sie vor dem Bräutigam tief in Schatten stellen zu können.
Als dieser die Braut aufforderte, mit ihm einen Besuch bei seinem Collegen zu machen, fand er zuerst entschiedenen Widerstand. Fühlte sie überhaupt eine Scheu, zu »fremden Leuten« zu gehen, so war ihr der Gedanke, gerade mit diesen anzufangen, besonders fatal. Wilhelmine hatte schon von weitem einen unangenehmen Eindruck auf sie gemacht. Sie hatte von den häufigen Besuchen Forstners in ihrem Hause gehört, und wenn sie nach den letzten Erfahrungen nicht an seiner Treue zweifelte, so mußte sie doch in ihr eine Nebenbuhlerin argwöhnen. Der Ruf der Feinheit und Geschicklichkeit, den die Mamsell sich erworben, flößte ihr Furcht ein, und sie hatte eine sehr deutliche instinktmäßige Ahnung von ihrer Gesinnung in Bezug auf sie. Der Verlobte redete ihr aber zu, er unterstützte seine Gründe mit einer ernsten Willenserklärung; sie wußte ihm zuletzt nichts mehr zu entgegnen und sagte mit Ergebung: »Nun meinetwegen!« — Zu ihrer Einwilligung hatte doch auch die Neugierde beigetragen, diese Wilhelmine näher kennen zu lernen und den Bräutigam bei ihr zu sehen.
An einem Sonntag Abend fand der Besuch statt und verlief ungefähr so, wie Christine gefürchtet. Wilhelmine war beim Empfang seelenvergnügt, das Gefühl der Ueberlegenheit strahlte ordentlich aus ihrem Gesicht; aber sie nahm sich zusammen und milderte es zu einer herablassenden Freundlichkeit, die freilich für den damit Begnadeten auch gerade nichts Schmeichelhaftes hat. Christine trat befangen und gezwungen auf, und der Ausdruck in dem Gesicht der Mamsell, den sie wohl verstand, machte sie confus. Man setzte sich, und Wilhelmine begann die Unterhaltung mit allerlei Erkundigungen. Sie fragte das Dorfmädchen aus, wie man ein Kind ausfragt, und belächelte ähnlich ihre naiv klingenden Antworten. Christine sah gleich, wie sie mit ihr daran war; sie erkannte in ihr eine Art Adelheid, die zwar feiner, aber im Grunde ihres Herzens viel schlimmer sei als die Sticklehrerin. Gewissermaßen Hülfe suchend richtete sie ihre Augen auf den Verlobten. Dieser stand ihr auch bei und antwortete für sie; aber er that ihr's viel zu höflich und versäumte die Gelegenheit, der vornehmen Person bei ihren unnützen Fragen etwas hinauszugeben. Sie bemerkte überhaupt zwischen beiden einen vertrauten Ton, der ihr nicht gefallen wollte, und überdieß in den Reden ihres Bräutigams gegen die Mamsell einen Respekt, der für sie etwas Kränkendes hatte, weil er im Gespräch mit ihr nicht zum Vorschein kam. Es wurde ihr sehr unbehaglich zu Muthe und sie war froh, als Wilhelmine sich zum Klavier setzte und die Unterhaltung, so weit sich Gelegenheit dazu bot, dem Bruder überließ, der ihre Rolle in milderen Formen, und wir können sagen auch mit mehr Gutmüthigkeit fortsetzte. Die Wirthin spielte und sang; sie that beides gut, und Christine freute sich endlich daran und lobte sie aufrichtig, obwohl die Lieder selbst ihr nicht so schön vorkamen, wie die, welche man in ihrem Dorfe sang. Die Musik löste ihre Seele dennoch und sie fing an sich wohler zu fühlen. Als aber Forstner ein neues Lied der Sängerin beklatschte und ihren Vortrag mit großer Wärme für ganz vortrefflich erklärte, da fühlte sie sich wieder getrübt und gedrückt und war durch nichts mehr zu erheitern. Beim Abschied reichte Wilhelmine der Stadtnovize die Hand und erklärte mit lächelndem Wohlwollen, es würde ihr sehr angenehm sein, wenn sie ihr recht oft die Ehre geben wollte. Christine fühlte den Spott, der sich das Wohlwollen als Maske vorgenommen hatte, sagte aber doch den schicklichen Dank, und athmete tief auf, als sie mit Forstner auf der Straße war.
Auf dem Heimweg fragte sie dieser, wie es ihr gefallen habe. Sie erwiederte: »Ich muß dir aufrichtig sagen, mir hat's nicht gefallen.« — »Und warum nicht?« — »Ich passe nicht für solche Leute und komme nur in Verlegenheit bei ihnen.« — »Das wird sich geben,« bemerkte der Bräutigam tröstend, »und dann wirst du den Umgang mit gebildeten Frauenzimmern angenehm finden.« — »Das mag sein; aber dann müssen die gebildeten Frauenzimmer besser sein, als diese Wilhelmine.« — »Wie so? Ist sie unhöflich gegen dich gewesen?« — »Das nicht, aber sie hat gegen mich ein Wesen angenommen, wie eine gnädige Frau, und das ist sie doch noch lange nicht. Ich hab' auch wohl gemerkt, daß sie mich ausgelacht hat.« — »Warum nicht gar!« rief Forstner dagegen. »Nun ja, ein paar von deinen Antworten sind freilich von der Art gewesen, daß so Eine sie curios finden mußte. Aber das muß man sich gefallen lassen, sonst lernt man nichts. Und wenn sie lacht, so lache du wieder!« — »Das kann ich nicht,« erwiederte Christine. »Ich seh' schon, bei der da wird's mir nie wohl zu Muthe werden.« — Forstner kam in Eifer. »Das ist wieder kindisch!« rief er mit strafendem Ton. »Ich sage dir, gerade die ist das Muster, das du vor Augen haben mußt, wenn du das rechte Benehmen lernen sollst! Du mußt zu ihr gehen, und wenn es dir zehnmal nicht wohl bei ihr zu Muthe wird. Umsonst hat man nichts in dieser Welt und ohne Mühe und Anstrengung kommt niemand vorwärts.«
Sonderbare Empfindung, auf der sich unser Lehrer an diesem Abend ertappt hatte! Die Verwirrung, das Ungeschick, die naiven Antworten, durch welche die Braut einigemal in der That komisch wurde, beschämten ihn nicht so, wie sie es früher gethan hätten. Er gönnte ihr den Spott, der ihm begreiflicherweise nicht entgangen war, als gerechte Strafe für ihre Mängel. Mußte er doch auch die Folgen einer Verpflichtung tragen, die er einmal eingegangen hatte, und zum bösen Spiel gute Miene machen!
Nach Verfluß einer Woche forderte er Christine mit einer Art von Genugthuung auf, den Besuch bei Dobler zu wiederholen. Er hatte fest beschlossen, sie nicht zu schonen. Sie mußte entweder etwas profitiren oder den verdienten Spott hinnehmen. Zog sie sich ihn zu, so war er ihr auch gesund, und es war Schwäche, ihr ihn ersparen zu wollen. — Als Christine zagend erwiederte, sie thue es ungern, recht ungern, kam wieder eine Reihe von Gründen zum Vorschein, denen zu widerstehen sie keine Macht hatte. Sie ging mit, wie das Opfer zur Schlachtbank.
Wilhelmine war diesen Abend in bester Laune. Sie hatte den Verlobten ausgeholt und glaubte annehmen zu dürfen, daß er im Innersten seines Herzens wünschte, das Verhältniß mit Christine aufgelöst zu sehen. Als diese nun mit ihm ankam und in ihrem ganzen Wesen ihre Stimmung offenbarte, zeigte sich auf dem Antlitz der Sicheren jene Heiterkeit, welche demüthigen soll, und mit dieser Absicht wahrhaft beleidigt. Die Reden waren dagegen um so freundlicher und schmeichelhafter, und die gute Christine war gezwungen, dankende Antworten darauf zu geben, die ihr nicht von Herzen gingen und ihr durchaus nicht zu Gesichte standen. Forstner konnte nicht umhin, bei diesen Erwiederungen zu lächeln; er sah Wilhelmine an und ihre Blicke tauschten ihre Gedanken aus. Christine sah diese Blicke, ahnte ihre Bedeutung, und setzte sich, einen Pfeil im Herzen, zur Gesellschaft.
Außer der Familie Dobler waren noch zwei Freundinnen Wilhelmines da, gleich ihr belesen, und namentlich bewandert in der städtischen Leihbibliothek. Man fragte sich, wie eines und das andere der neueren Bücher gefallen habe, man lobte und tadelte, und es entwickelte sich ein Gespräch, das gerade nicht von Geist übersprudelte und keineswegs mit gerechten und feinen Urtheilen geziert, aber vielleicht eben darum für unser Dorfkind zu hoch war. Die Gute blickte stumm für sich hin und horchte in der Hoffnung, daß man zuletzt doch auf etwas kommen müsse, wo sie auch mitreden könne. Endlich leuchtete ihr ein Ausspruch im Allgemeinen ein: sie glaubte zeigen zu müssen, daß sie ihn verstanden habe, und nickte beistimmend. Wilhelmine, die gebotene Gelegenheit ergreifend, fragte: »Haben Sie die Erzählung auch gelesen, Jungfer Christine?« Diese mußte mit Nein antworten, und um sich zu entschuldigen, fügte sie hinzu, daß sie zum Lesen immer noch nicht recht kommen könne. — »Was thun Sie denn aber den ganzen Tag?« fragte die Gebildete. Christine erwiederte: »Ich lerne — ich nähe, stricke, ich sticke und helfe kochen.« — »Das Nähen und Stricken,« warf die andere hin, »ist Ihnen wohl lieber als das Lesen?« — »Ich kann's nicht leugnen,« war die ehrliche Antwort. »Was man von Jugend auf getrieben hat, was man versteht und was einem leicht geht, das thut man gern.« — »Nun,« versetzte Wilhelmine lächelnd, »da würden Sie wohl auch lieber Korn schneiden und dreschen als lesen?« Ein spöttisches Vergnügen belebte bei dieser Frage die Gesichter der Freundinnen. Christine fühlte die Absicht derselben, die Galle stieg ihr auf und sie entgegnete: »Warum nicht? Das Dreschen ist zwar eine grobe Arbeit und verträgt sich nicht recht mit feiner Lebensart; aber das Lesen, scheint's, macht auch nicht immer fein und höflich.« — Damit hatte die Gebildete auch ihren Hieb. Sie schwieg und lächelte. Es war aber nicht mehr das überlegene, sondern das aushelfende Lächeln, das den Mangel einer treffenden Erwiederung decken soll, bis die Gelegenheit zur Rache kommt.
Zunächst lenkte sie das Gespräch auf einen andern Gegenstand, wobei sie zu ihrem Vortheil erscheinen mußte und Christine zum Schweigen verurtheilt war. Sie sprach von Nürnberg und erzählte, was sie dort gesehen und welche Bekanntschaften sie gemacht. Der edle Gegenstand machte auch das Herz des gereizten Frauenzimmers wärmer und honetter; sie rühmte die Schönheit der Stadt, die Gastlichkeit und die Geselligkeit der Bewohner so gut, daß Christine im Verlauf der Erzählung ihren Groll vergaß und ihr mit Vergnügen zuhörte. Forstner und der Bruder, welche die Perle der vaterländischen Städte kannten und liebten, gaben ihre Bemerkungen dazu, und die Spannung löste sich in allgemeine Vertraulichkeit.
Christine gehörte zu den Naturen, die verzeihen können, wenn sie in denen, die sie verletzt haben, nur auch wieder etwas Gutes sehen. Sie setzte sich zu Wilhelmine, lobte sie und suchte dadurch ihren Stich von vorhin wieder auszugleichen — das arme Kind! Wilhelmine nahm die Anerkennung als etwas auf, das ihr gebühre, und schritt, nur ihre Erhöhung im Auge, zur Entfaltung eines neuen Vorzugs. Sie hatte mit Forstner in den letzten Tagen ein vierhändiges Stück eingeübt, besonders gefällige und reizende Musik. Von ihren Freundinnen gebeten, etwas zu spielen, forderte sie den Lehrer auf, und beide setzten sich an's Clavier. Das Spiel ging vortrefflich zusammen und die Zuhörer waren bald voll Bewunderung. Christine war aufgestanden und näher getreten. Sie sah die beiden, wie sie Ein Herz und Eine Seele waren und zusammen paßten, als ob sie für einander geschaffen wären. In ihre Bewunderung mischte sich ein demüthigendes, niederschlagendes Gefühl: sie erkannte, daß ihr gerade das fehlte, was an Wilhelmine zu Forstner so besonders paßte. Nachdem ein brillanter Schluß den musikalischen Vortrag gekrönt hatte, brach die Gesellschaft in den lautesten Beifall aus. Die beiden dankten, sahen sich in's Auge und lächelten sich an, zufrieden und glücklich. Eifersucht — zum erstenmal helle, klare Eifersucht loderte in dem Herzen der Verlobten auf. Eine peinliche Empfindung lastete auf ihr, zum geringsten Theil auf Neid, zum größten auf der klaren Anschauung eigenen Unvermögens und Unwerthes beruhend. In ihrem Herzen fing es wieder an zu gähren und zu beben; aber sie bezwang sich, wie viel es sie auch kostete, trat mit Fleiß zu der Gefeierten und sprach ihren Dank und ihre Bewunderung auf ihre Art aus. Es sei doch wahrhaftig zum Erstaunen, wie schön sie's könne und mit welcher Geschwindigkeit! Sie begreife nicht, wie man so schnelle Finger bekommen und ein so langes Stück spielen könne, ohne einen Fehler zu machen. Wilhelmine erwiederte: das lerne sich durch Uebung; man müsse sich eben recht dran halten, dann gebe sich alles.
In dem Uebermuth, den der Beifall in ihr angeregt, in der Erinnerung an die kleine Schlappe, die sie von dem Dorfmädchen erlitten hatte, fuhr der böse Geist in ihr Herz. Sie suchte ihren sanftesten Ton, gab ihrem Gesicht den mütterlichsten Ausdruck und sagte: »Sie müssen das auch lernen, liebe Christine. Wenn man einen so geschickten Musiker zum Bräutigam hat, wie Sie, darf man die Gelegenheit nicht versäumen, sich in die Kunst einweihen zu lassen.« — »O,« rief Christine, »das würde nicht gehen!« Die Mamsell hatte unterdessen ihre Hand ergriffen, welche die ländliche Derbheit immer noch bedeutend zur Schau trug, und betrachtete sie und drehte sie hin und her. »Die Finger,« sagte sie mit anmuthigem Kopfwiegen, »sind freilich noch etwas zu stark und zu schwer, sie verrathen noch zu sehr die Arbeit mit der Sichel und der Heugabel und würden vorläufig zum Klavierspiel noch nicht ganz geschickt sein. Aber man muß an nichts verzweifeln, mit der Zeit ändert sich alles, und auch diese Glieder können noch leicht und gelenkig werden.« Die Gesichter der Freundinnen zeigten bei diesen Worten zugleich Schadenfreude und Spannung — die Hand der Verhöhnten zuckte. Wie gern hätte sie der boshaften Person gezeigt, daß ihre Finger, wenn auch nicht zum Klavierspiel, doch zur Ertheilung einer wohlverdienten, tüchtigen Ohrfeige ganz vortrefflich paßten! Aber sie mußte sie ruhig zurückziehen und sich alle Mühe geben, ihre Gekränktheit sich nicht anmerken zu lassen. Ihren Unmuth hinunterschluckend erwiederte sie aber: »Meine Finger sind eben wie sie sind, und wenn sie nicht zum Klavierspielen passen, so ist das mein geringster Kummer. Ich bekomme einen Mann und eine Haushaltung und werde nicht nöthig haben, mir mit Singen und Spielen die Zeit zu vertreiben.« — Das war auch nicht ganz übel. Forstner, der bei der Verhöhnung der Hand, die noch immer seinen Verlobungsring trug, eine entschieden mißbilligende Miene gezeigt hatte, ergötzte sich an der Replik und die Freundinnen der Getroffenen dachten im Stillen: da seht mir die Bäuerin! Wilhelmine aber hielt aus und sagte lächelnd: »Das ist freilich wahr!« Bei sich aber dachte sie: wir wollen sehen, du Rieser Gänschen! — College Dobler begann einen andern Discurs, der das Vorgefallene in Vergessenheit zu bringen bestimmt war, und man trennte sich unter höflichen Redensarten.
Die Verlobten legten den Weg zu Kahl schweigend zurück, da beide keinen Beruf in sich spürten, die Erlebnisse des Abends zu besprechen. Christine hatte sich überzeugt, daß die Mamsell darauf ausgehe, sie vor ihrem Bräutigam zu beschämen und zu beschimpfen; sie nahm sich vor, nie wieder in ihr Haus zu gehen. Wie es mit ihr und ihm stehe, das wollte sie doch erfahren und dann sehen, was zu thun sei. — Forstner hatte das Haus mit einer sehr gemischten Empfindung verlassen. Die Absicht Wilhelminens war deutlich genug. Obwohl nun ihr heutiges Betragen gegen seine Braut ihn wirklich verletzt hatte, so lag in dem letzten Endzweck, ihm besser gefallen zu wollen als diese, für ihn doch immer noch etwas, das einen mildernden Schein auf ihr Benehmen warf und keine rechte Entrüstung in ihm aufkommen ließ. Er faßte den Entschluß, zu ihr zu gehen, ihr die unpassende Art, Christine zu necken, vorzuhalten und sich die gehörige Rücksicht für sie auszubitten.
Gleich am andern Tag führte er seinen Vorsatz aus. Als man an der Einleitung sah, wohin er wollte, ließ man ihn gar nicht ausreden. Die Mamsell hatte sehr wohl gefühlt, daß sie zu weit gegangen war, und der Bruder hatte ihr zu Gemüthe geführt, daß das nicht die Art wäre, seinen Collegen zu gewinnen. Der Verstand hatte über das gereizte Gefühl gesiegt, und die Gewandte fiel nun dem Freund mit zerknirschter Miene ins Wort: »Ich habe sehr gefehlt — es ist wahr und ich weiß es! Sie selber können mich nicht schärfer anklagen, als ich es schon gethan habe. Ich hab' einen Scherz machen wollen, aber ohne daß ich bedachte, was ich that, hab' ich Dinge gesagt, die ihrer lieben Braut weh thun mußten. Verzeihen Sie mir! Ich hab' es gebüßt, und es soll nie wieder geschehen!«
Damit war Forstner entwaffnet. Er erwiederte: »Wenn Sie so denken, dann ist's um so besser; und ich will Ihnen nicht verbergen, daß Sie mir damit eine Freude machen. Wohin sollt' ich Christine bringen und wo sollte sie die rechte Art lernen und den gehörigen Muth in der Unterhaltung, wenn nicht in diesem Hause?« — »Nun,« sagte Wilhelmine mit halbem Lächeln, »an Muth und auch an Geistesgegenwart fehlt es ihr gerade nicht. Haben Sie gesehen, wie sie mir gestern geantwortet hat? Sie hat mich fühlen lassen, daß ich nicht so glücklich bin wie sie!« — Forstner verwirrte sich einigermaßen und sagte um so rascher: »Ich werde also nächstens wieder mit ihr kommen, und danke Ihnen für Ihre Gefälligkeit.«
Ein paar Tage darauf gewann es die Schwester des Stadtlehrers über sich, der Verlobten einen Besuch abzustatten. Christine war zufällig nicht zu Hause. Als sie später davon hörte, sagte sie ruhig: »So, die ist dagewesen? Sie wird nimmer kommen, schätz' ich.« Die Base sah das Mädchen verwundert an, machte dann aber ein Gesicht, als ob sie den Sinn ihrer Worte begriffe.
Wieder ein paar Tage und Forstner kam zu Christine und sagte: »Heute ist Gesellschaft bei Dobler und wir sind eingeladen. Halte dich bereit. Nach sechs Uhr komm ich und hole dich ab.« — Christine erwiederte: »Ich geh' nicht hin.« — »Wie soll ich das verstehen?« entgegnete der Verlobte. »Willst du gar nicht mehr« — — »Allerdings,« rief Christine, indem eine leichte Röthe ihr Gesicht überzog — »ich will gar nicht mehr in dieses Haus gehen!« — »Und warum nicht?« — »Weil ich zu gut dazu bin, um mich von einer boshaften Person aufziehen und verspotten zu lassen.« — »Du nimmst den kleinen Spaß, den Wilhelmine sich gemacht hat, viel zu ernsthaft. Ueberdies bereut sie ihn und wird dir von jetzt an alle Ehre anthun, die du erwarten kannst.« — »Ich glaub's nicht.« — »Sie hat mir's selber gesagt.« — »Das mag sein, aber ich glaub's doch nicht. Die mag sich vornehmen und versprechen was sie will, sie wirds doch nicht halten und es bei nächster Gelegenheit ärger machen als vorher. Aber dafür thu' ich ihr!«
Dem Verlobten stieg nun gleichfalls das Blut ins Gesicht. »Wenn du so denkst,« rief er in seinem Hofmeisterton, »dann wirst du niemals die Manieren lernen, niemals die Bildung, die« — Aber das Mädchen fiel ihm in gerechter Entrüstung in die Rede: »Geh mir doch mit deiner Bildung! Wenn das Bildung ist, Leute, die einen besuchen, so zu behandeln, wie diese Mamsell mich behandelt hat, dann will ich lieber ungebildet sein und bleiben mein Leben lang. Wenn die Bildung die Leute nicht besser macht und aufrichtiger, dann geb' ich keinen Pfifferling um sie!«
Forstner schwieg; er war von der ungewohnten Entschlossenheit und Heftigkeit betroffen. Endlich sagte er: »Du bist empfindlich und machst aus einer Mücke einen Elephanten!« — Christine sagte: »Ich mach mir nichts aus den Dingen, die geschehen sind; aber ich mach' mir alles aus der Person, die mir's gethan hat. Die ist falsch gegen mich und wirds bleiben, und mit ihr will ich nichts mehr zu thun haben.« — »Du irrst dich,« erwiederte Forstner nochmal im Ton der Ueberredung. »Sei klug, geh heute noch mit hin und überzeuge dich selbst, daß du Unrecht hast.« — »Nie!« versetzte Christine mit dem Ausdruck eines unerschütterlichen Gefühls; »zu der geh' ich nie mehr, um keinen Preis der Welt!« — »Aber ich bitte dich« — — »Ich will nicht und ich mag nicht. Du kannst mich hinführen, wohin du willst, und ich will's nirgends genau nehmen; ich will mir etwas gefallen lassen und Geduld haben — ich bin gar kein solches Christkindle, wie du meinst, und kann auch etwas aushalten; aber von Der laß ich mir nichts gefallen, von Der will ich auch nichts lernen, und damit gut für heut.«
Forstner war verstummt. Der eigentliche Grund der Weigerung seiner Verlobten war ihm klar. Er fühlte, was dafür sprach, er begriff sie, und widersprechende Gefühle stritten in ihm. Aber der Verdruß, sie wider alles Erwarten gegen seinen ausgesprochenen Willen unbeugsam zu finden, überwog zuletzt doch. Er sagte: »Nun, wenn du so eigensinnig bist und alles Reden nicht hilft, so bleib zu Hause!« — »Das will ich thun,« erwiederte Christine ruhig. »Und du geh hin zu der gebildeten Mamsell und unterhalte dich gut.« — »Das will ich auch thun,« antwortete er und verließ die Stube.
Es giebt eine Schickung in der Welt, die in das Leben der Menschen eine gewisse Methode bringt. Ueber den Grund und die mitwirkenden Ursachen kann man streiten, über die Thatsache schwerlich. Das Geschick unseres Landmädchens war es, in einer Stadt und unter einem Menschenschlag, wie es so viele gutmüthige, ehrenhafte, fröhliche und freundliche Leute giebt, nur solche näher kennen zu lernen, die sie verletzten und ihr das Leben daselbst verleideten. Sie war nun beinahe vier Monate in der Stadt, und nicht ihre Hoffnungen, nur ihre Befürchtungen waren in Erfüllung gegangen. Doch auch für sie sollte ein Tag der Entscheidung kommen.
Forstner hatte sich an jenem Abend geradeswegs zu Dobler begeben, um dort, wo nicht Aufheiterung, doch Zerstreuung zu finden. Das Band, das ihn an Christine knüpfte, beruhte nur noch in dem Versprechen, das er ihr gegeben und in einer Mischung von Gewissenhaftigkeit und Zaghaftigkeit, es zu brechen. Die Liebe und die auf sie gegründete Achtung waren aus seinem Herzen entflohen; die Hoffnung auf eine Aenderung war aufgegeben. In der Klemme, in der er sich befand, konnte er einer theilnehmenden Erkundigung von Seiten Wilhelminens nicht widerstehen; er erzählte den Auftritt mit der Verlobten und machte seinem Herzen in Klagen Luft. Das Herz der Bewerberin klopfte; aber sie hielt ihre Empfindung stark zurück und war so klug, mit bedauernder Miene Trost und freundschaftlichen Rath zu ertheilen. »Zwingen Sie das gute Kind nicht, zu uns zu kommen,« sagte sie mit sanfter Stimme, »und haben Sie Geduld mit ihr. Wenn man von Kindheit an auf dem Land gelebt und sich an seine Manieren gewöhnt hat, da fällt's einem schwer, sich in andere zu finden. Lassen Sie ihr Zeit dazu.« Forstner seufzte. »Ich will Geduld haben, ich muß es, denn es ist das Einzige, was mir übrig bleibt. Ich hab' mich mit ihr versprochen, sie ist meine Braut — ich muß sie nehmen, wie sie ist.« — Für Wilhelmine hatte diese Erklärung viel mehr Ermuthigendes als Niederschlagendes. Sie erwartete neue, heftigere Auftritte zwischen den Verlobten, und in Folge davon die Auflösung des Verhältnisses.
Zunächst kam es doch weder zu dem Einen, noch zu dem Andern. Forstner hatte eben in der Resignation, die sich nun auf alle seine früheren Erwartungen ausdehnte, wieder die Ruhe gefunden, seinen Unterricht und seine Unterhaltung mit Christine, äußerlich und obenhin, fortzusetzen. Er that es, weil er angefangen hatte, weil die Zeit ausgefüllt werden mußte; einen innern Grund gab es nicht mehr. Es waren graue, leere Tage der Unentschiedenheit, des Hinwartens, des Gehenlassens. In der Verlobten der stille Trotz, in Forstner die Gleichgültigkeit. Nur selten und nur auf Momente thauten die Herzen ein wenig auf. Wenn er ihr aber dann auch die Hand reichte, so fühlte sie doch nicht mehr den Druck der Liebe, und wenn er ihr zum Abschied einen Kuß gab, so war es eben eine Ceremonie, ohne wahres Verlangen ertheilt, ohne Glauben empfangen.
Dieser Stand der Dinge konnte den Hausgenossen und Bekannten des Mädchens natürlich kein Geheimniß bleiben. Man zeigte bedenkliche Mienen, man schüttelte den Kopf, und auch die Magd Susanne und Mamsell Adelheid konnten sich nicht enthalten, zuweilen mit Blicken wirklichen Bedauerns auf sie zu sehen. Man erfuhr, daß der Lehrer immer häufiger zu Dobler komme; man sah Wilhelmine vergnügt und stolz über die Straße gehen, wie Eine, die ihrer Sache gewiß ist, und man erwartete nicht anders, als daß es in kurzem heißen werde: der Herr Forstner hat dem Bauernmädchen abgeschrieben.
Daß diese nach und nach zur Ueberzeugung gewordene Ansicht im Gespräch mit Christine durchschimmerte, und die Andeutungen, die man gab, nicht so fein waren, um nicht verstanden werden zu können, begreift sich. Die Base hielt es für ihre Pflicht, noch weiter zu gehen und ihrer Verwandten geradezu mitzutheilen, was man in der Stadt über Forstner und sein Verhältniß zu Wilhelmine sagte. Christine sah sie einen Moment an; dann erwiederte sie: »Ich kann es nicht glauben. So schlecht handelt er nicht an mir!« — Sobald sie aber von der Tagesarbeit frei war, suchte sie die Einsamkeit ihrer Stube auf. Sie dachte über die Möglichkeit nach, daß es wirklich aus sein könne zwischen ihr und ihrem Bräutigam — aus für alle Zeit. Wird er es thun? wird er sein Wort brechen? wird er mich — — Der Gedanke, verschmäht und verlassen zu werden, trat zum erstenmal in vollster Bestimmtheit vor ihre Seele. Und so sehr sie durch Alles, was sie bisher erfahren, darauf hätte vorbereitet sein müssen, sie empfand nun doch alle Pein und alle Bitterkeit desselben.
In jenem schönen Winter, in welchem sie die Bekanntschaft des Lehrers gemacht hatte, war sie von seiner Liebenswürdigkeit in Wahrheit bezaubert und seiner Bewerbung zuletzt in leidenschaftlichem Verlangen entgegengekommen. Sie war an die Vorstellung gewöhnt, ihm zu gehören und ihm treu sein zu müssen, und ihre Liebe hatte alle Anfechtungen bestanden, die sie in den letzten Monaten erfahren. Als sie nun in ihrer einsamen Erwägung zu dem Schlusse kam: ja, er bricht sein Wort, er verläßt dich, er nimmt sie — da flammte mit dem Schmerz auch all ihre Liebe und Leidenschaft wieder auf. Sie fühlte ein glühendes Verlangen, ihn wieder zu gewinnen, ihn zu halten, und sie fragte sich mit angstvoller Seele, wie sie's anfangen solle, das Unglück und die Schande abzuwenden, die ihr drohten. Sie wollte Alles thun, was in ihren Kräften stand, sie wollte lernen, wollte in Gesellschaft gehen, wollte sich Tadel und Spott gefallen lassen. Sie wollte dem Bräutigam ihre Schuld bekennen, wollte ihn bitten, sie auf die Probe zu stellen und ihr das Schwerste aufzugeben. — Wie sehr sie sich aber zu Allem bereit fühlte und welche Wirkung sie sich von ihren Anerbietungen auf ihn versprach — es wollte kein Vertrauen in ihr Herz kommen. Mitten in der Selbstermuthigung rief es in ihr: er liebt dich nicht mehr — er schätzt dich nicht mehr — du bist ihm nicht mehr gut genug! — Sie sah vor sich hin und athmete hörbar. Es war die Bewegung der Angst, verbunden mit dem Gefühl der Ohnmacht, welche die Brust der Verlassenen regelmäßig hob und senkte. Es waren Verzweiflung und Ergebung, die ihr Herz erfüllten — Verzweiflung an ihrem Glück, Ergebung in ihr unvermeidliches Elend.
Nach und nach war es dunkel geworden. Die Stille der Nacht wirkte heimlicher auf das verwundete Gemüth, als die Oede des grauen Tages. Die Ergebung wuchs in dem Herzen der Unglücklichen; sie wurde ruhiger, gefaßter. Sie fühlte sich in ihrer dunkeln, einsamen, lautlosen Stube der Welt, die ihr so viel Schmerzen gemacht hatte, entrückt und vor ihren Angriffen gesichert. Ihre Seele wurde frei zu Vorstellungen, die mit ihrem Leide zusammenhingen und traurig waren, aber doch auch etwas Wohlthuendes hatten.
Unwillkürlich summte sie ein Lied, und ein schmerzliches Lächeln ging über ihr Gesicht. Es war eines der schönsten Volkslieder, das ihr in den Sinn kam, ein Lied der Liebe und des Leids, der schlichten Entsagung und der Erhebung zu einer ahnungsvollen Vision. Im Schwabenlande heimisch und verbreitet, hatte es Christine schon in ihrer frühen Jugend gelernt. Da war es freilich nur ein Lied mehr für sie, das unter andern gesungen wurde; aber schon damals verfehlte es auf einem einsamen Gange oder in der Stille der nächtlich erhellten Stube seines Eindrucks nicht. Jetzt sang sie es mit tiefer Empfindung und jedes Wort hatte Bedeutung für sie: