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Fechsung

Chapter 148: WERTHERS LEIDEN
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About This Book

Eine Sammlung kurzer Eindrücke, Aphorismen und Essays, die persönliche Beobachtungen über Stadtleben, Liebe, Kunst, Theater, Gesundheit und Alltag verbindet. Die Stücke wechseln zwischen lakonischen Bonmots, fragmentarischen Erinnerungen und kurzen Briefen und reflektieren über zwischenmenschliche Beziehungen, ästhetische Erfahrung, Körperpflege und Diätetik sowie Kriegserlebnisse und philosophische Gedanken. Häufig treten ironische Pointierung und sensible Beobachtung nebeneinander, wobei Alltagsszenen, Porträts bekannter Orte und polemische Bemerkungen ein dichtes Kaleidoskop entstehen lassen. Die Form ist impressionistisch und episodisch, ohne durchgehende Handlung; Stimmung und Stimme des Autors schaffen den inneren Zusammenhalt der Texte.

WERTHERS LEIDEN

Siehe, man wird milde und verständnisvoller!

Habe mit 55 Jahren „Die Leiden des jungen Werther“ wieder gelesen. Verstehe absolut nicht mehr diese Talmisentimentalität und reelle Verlogenheit dieser Lotte Kestner gegenüber und ihrem Gatten Herrn Albert, diesem Biederen, die man einst verehrte. Beide weiden sich doch gleichsam an der mysteriösen Wirkung, die diese anständige Gans auf das zarte Dichtergemüt dieses herrlichen unglückseligen Werther ausübt, ja, beziehen davon sogar vielleicht einen Teil ihres eigenen Lebensglückes! „Mir zwa g’hören halt einmal zusammen, etsch!“ Albert müßte als wirklich anständiger Mensch, der ein Philister eben nie ist, nie sein kann, der Lotte sagen: „Mein liebes Kind, dieser Edelmensch ist krank an dir, erhöre ihn ein einziges Mal, und entlasse ihn dann gnädig, daß er die Edellast seiner armen gequälten Seele wenigstens weiter ertragen könne durch die ewige Erinnerung an eine Glückseligkeit, die ich tausendmal habe durch Schicksals unverdiente Gnade!“

Und Lotte ihrerseits müßte es von selbst sagen: „Werther, du bist an mir krank, und ich sollte, im Gegensatze zu jedem fremden Arzte, der für nichts seine ganze Kunst jedesmal aufbietet, irgendeinen gleichgültigen Fremden zu heilen, dich vor mir dahinsiechen lassen und trotzdem keine Hand rühren?! Da müßte ich mich ja als eine feige Mörderin vor mir selbst schämen!“

Aber es geht eben anders aus, und alle Hypokriten sind gerührt. Ich nicht!

Lotte und Herr Albert, euer schmales mageres Eheglück wiegt nicht auf eine einzige Qualstunde Werthers!

Dös merkt’s euch, ihr Herrschaften, die sich anständig dünken, weil’s ka Herz habts! Außer für ihr G’schäft, das sie untereinander machen! Aber wirklich untereinander!