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Fechsung

Chapter 25: VENEDIG
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About This Book

Eine Sammlung kurzer Eindrücke, Aphorismen und Essays, die persönliche Beobachtungen über Stadtleben, Liebe, Kunst, Theater, Gesundheit und Alltag verbindet. Die Stücke wechseln zwischen lakonischen Bonmots, fragmentarischen Erinnerungen und kurzen Briefen und reflektieren über zwischenmenschliche Beziehungen, ästhetische Erfahrung, Körperpflege und Diätetik sowie Kriegserlebnisse und philosophische Gedanken. Häufig treten ironische Pointierung und sensible Beobachtung nebeneinander, wobei Alltagsszenen, Porträts bekannter Orte und polemische Bemerkungen ein dichtes Kaleidoskop entstehen lassen. Die Form ist impressionistisch und episodisch, ohne durchgehende Handlung; Stimmung und Stimme des Autors schaffen den inneren Zusammenhalt der Texte.

VENEDIG

Maria Mazzucato ist das schönste Mädchen Venedigs. Sie ist Arbeiterin in einem ganz winzigen Modistengeschäft in der Merceria Capilleri. Sie hockt von früh bis abend und putzt Hüte auf für Damen, die alle zusammen nicht so schön sind wie sie. Sie ist eine ästhetische Vereinigung von Otéro, Grete Wiesenthal, Duse. Sie ist sechzehn Jahre alt und sehr schlank und sehr groß, also eine Vollkommenheit. Ich schrieb ihr eine Ansichtskarte (calme du soir): „Venise a été cet été une ville vraiment très intéressante et originale: elle a contenu la princesse de Terra Nova, Mitzi Thumb, et Maria Mazzucato! Les palazzi, mais mon Dieu, c’est mort, c’est enseveli! Et les vieux tableaux, mais, j’en préfère les jeunes et vivants!“

Maria Mazzucato hat mir ein Abschiedsgeschenk, zur Erinnerung, eine wunderschöne lederne Handtasche, refüsiert. Sie hat gesagt: „Zur Erinnerung?! Ich habe ja Ihre Ansichtskarte!“ Infolgedessen tauschte ich die Handtasche um gegen ein wunderbares gelbgeflecktes Schildkrotpapiermesser für meinen Schreibtisch. Wie gut, daß sie es refüsiert hat. Erstens wird sie Gewissensbisse haben und ein bißchen Reue, und ich, nun, ich habe ein schönes Papiermesser! Gestern schnitt ich damit auf: „Aage Madelung, Der Sterlett.“ Ich war wirklich ganz zufrieden mit dem schönen Papiermesser.

Am selben Abend sah ich in den „Folies Bergères“, einem ganz kleinen Chantant: La Eutimia. Sie war ganz jung, absolut tadellos gewachsen, gelber Teint und schwarze Haare. Sie sang mit tiefer süßer Stimme die herrlichen Lieder: „Fili doro, la retirata, Una sola volta, Marechiare.“ Nach der Vorstellung stellte sie sich in dem schmalen Gang auf und sagte zu jedem Herrn: „20 centesimi obligo!“ Ich gab ihr fünf Lire. Ich sagte zu ihr: „Darf ich Ihnen morgen eine schöne lederne Handtasche bringen?!“ „Gewiß, mein Herr, ich werde glücklich sein!“

Da nahm ich denn mein schönes Schildkrotpapiermesser und tauschte es wieder um gegen die schöne Handtasche. „Ah,“ sagte der Kommis, der mich bediente, „also hat die Handtasche doch der Dame besser gefallen?!“ „Ja!“ sagte ich, „sie hat es sich überlegt!“