WeRead Powered by ReaderPub
Fechsung cover

Fechsung

Chapter 45: ERZIEHUNG
Open in WeRead

Explore more books like this:

About This Book

Eine Sammlung kurzer Eindrücke, Aphorismen und Essays, die persönliche Beobachtungen über Stadtleben, Liebe, Kunst, Theater, Gesundheit und Alltag verbindet. Die Stücke wechseln zwischen lakonischen Bonmots, fragmentarischen Erinnerungen und kurzen Briefen und reflektieren über zwischenmenschliche Beziehungen, ästhetische Erfahrung, Körperpflege und Diätetik sowie Kriegserlebnisse und philosophische Gedanken. Häufig treten ironische Pointierung und sensible Beobachtung nebeneinander, wobei Alltagsszenen, Porträts bekannter Orte und polemische Bemerkungen ein dichtes Kaleidoskop entstehen lassen. Die Form ist impressionistisch und episodisch, ohne durchgehende Handlung; Stimmung und Stimme des Autors schaffen den inneren Zusammenhalt der Texte.

ERZIEHUNG

An ein zwölfjähriges Mädchen:

„Wenn du es ganz genau wissen willst, Martha-Maria, ob du jemanden wirklich gern hast, so verlasse dich nie auf dein eigenes gesprochenes Wort: ‚Ich hab Sie gern!‘, sondern denke sogleich nach, ob es dich mehr freuen würde, ein geliebtes Buch, eine geliebte Puppe oder irgendeinen deiner geliebten Gegenstände dem Betreffenden zu schenken, als es für dich selbst zu behalten! Dann wirst du erst es genau wissen, ob du jemanden wirklich liebhast!!!“

*

„Martha-Maria, ich schenke dir heute meine geliebte Lido-Muschelsammlung, in einem braunen geflochtenen japanischen Korb. Ich habe am Strande des Adriatischen Meeres seit dem 3. Mai gesammelt, und zwar unter Tausenden nur die apartesten. Die elf Tigermuscheln jedoch habe ich dazu gekauft, denn, obzwar sie auch zu den Kunstwerken der Adria gehören, findet man sie nie am Strande, sondern muß sie tief fischen wie die Schwämme. Diese Muschelsammlung legte ich mir an als Andenken an den Lido und an manches andere, Freud und Leid, wie es schon so kommt. Nun schenke ich sie dir, Martha-Maria, denn das Wort: ‚Ich habe dich lieb‘ hat ja doch zu wenig Bedeutung und zu wenig Klang!

Dein Peter.“