WeRead Powered by ReaderPub
Fechsung cover

Fechsung

Chapter 55: GEISTIGKEIT
Open in WeRead

Explore more books like this:

About This Book

Eine Sammlung kurzer Eindrücke, Aphorismen und Essays, die persönliche Beobachtungen über Stadtleben, Liebe, Kunst, Theater, Gesundheit und Alltag verbindet. Die Stücke wechseln zwischen lakonischen Bonmots, fragmentarischen Erinnerungen und kurzen Briefen und reflektieren über zwischenmenschliche Beziehungen, ästhetische Erfahrung, Körperpflege und Diätetik sowie Kriegserlebnisse und philosophische Gedanken. Häufig treten ironische Pointierung und sensible Beobachtung nebeneinander, wobei Alltagsszenen, Porträts bekannter Orte und polemische Bemerkungen ein dichtes Kaleidoskop entstehen lassen. Die Form ist impressionistisch und episodisch, ohne durchgehende Handlung; Stimmung und Stimme des Autors schaffen den inneren Zusammenhalt der Texte.

GEISTIGKEIT

Vergeistigung ist, wenn die äußerste menschlichste Zärtlichkeit sich ins Körperliche hinüberretten, sich befreien, sich dokumentieren muß, weil man es absolut nicht mehr bei sich behalten könnte! Meine Schwester Gretel mußte, besonders in der letzten schweren Zeit, dem geliebten 85jährigen Vater ununterbrochen leise über die silberweißen Haare streicheln, sonst hätte sie diese Fülle von aufgestapelter Angst, Sorge, fanatischer Anhänglichkeit unmöglich aushalten können. Sie mußte ihn streicheln, ihm in die Augen schauen, seine Hände berühren! So sei der Liebende; die Liebende! Nicht anders! Der Hund muß vor zärtlichster Anhänglichkeit wedeln, irgendwie muß er seine tiefe Liebe zu dir äußerlich ins Leben hinaus, körperlich dokumentieren, ja dir beweisen und leicht plausibel machen! Er weiß, daß du sein Innenleben sonst nicht ganz erfassen kannst! So sei alles Körperliche nur der letzte plausible Ausdruck einer tiefen seelischen Angelegenheit, die ans Licht des Tages gelangen will und keinen Grund hat, sich länger zu verstecken! So sei der Kuß und jegliche Berührung! Die innere Zärtlichkeit wird endlich herausgeboren in die Welt, braucht sich nicht zu genieren, kann es sogar nicht, da sie zum Lebenmüssen erstarkt ist! Unentrinnbarer Zwang sei die Devise des höchst kultivierten Organismus, nicht spielerische Tändelei! Alles stehe unter den heiligen Schutzfittichen der Natur, und die Berührung geliebter Finger sei nur der Ausdruck unabwendbarer seelischer Anhänglichkeiten!

Alle körperlichen Dinge aber sogleich körperlich empfinden, ist ein Zustand von sogenannter „reizbarer Schwäche“, das heißt, man hat nicht Zeit, seelisch auszureifen! Dante konnte sieben Jahre für die vergötterte Beatrice seelisch ausreifen! Es gibt ein herrliches Lied, mit dem Refrain: „Zeit — — — nur Zeit!“ Sich „Zeit nehmen“ ist die edle Ermahnung von Volksschullehrern an ihre Schüler. Ja, wertvolle Frauenseelen mahnen eigentlich immer ängstlich: „Es wird schon die Zeit kommen — — —.“ Zu jeglicher „Vergeistigung“ ins Körperliche braucht man Zeit, und die vorschnell gepflückte Stunde ist ein Verbrechen und eine Ungeschicklichkeit, die du an dir selbst begehst! Reizbare Schwäche!