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Fechsung

Chapter 90: BRIEFWECHSEL ZWEIER FREUNDINNEN
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About This Book

Eine Sammlung kurzer Eindrücke, Aphorismen und Essays, die persönliche Beobachtungen über Stadtleben, Liebe, Kunst, Theater, Gesundheit und Alltag verbindet. Die Stücke wechseln zwischen lakonischen Bonmots, fragmentarischen Erinnerungen und kurzen Briefen und reflektieren über zwischenmenschliche Beziehungen, ästhetische Erfahrung, Körperpflege und Diätetik sowie Kriegserlebnisse und philosophische Gedanken. Häufig treten ironische Pointierung und sensible Beobachtung nebeneinander, wobei Alltagsszenen, Porträts bekannter Orte und polemische Bemerkungen ein dichtes Kaleidoskop entstehen lassen. Die Form ist impressionistisch und episodisch, ohne durchgehende Handlung; Stimmung und Stimme des Autors schaffen den inneren Zusammenhalt der Texte.

BRIEFWECHSEL ZWEIER FREUNDINNEN

Liebe Freundin, wir Frauen haben etwas Gemeinsames mit den Dichtern und Denkern — — — wir interessieren uns nämlich nicht für Lokalereignisse der Menschheit, sondern mehr für das Ganze! Unsere Schwärmereien gehen ins Große, der Frühling, die Berge, die Menschheit. Wir sind schwächliche Träumerinnen, folgen gerne ins Weite den Propheten und Heiligen, den Vorausschauern in eine lichtere Zukunft! Aber siehst du, manches Mal erwischt uns doch ein Lokalereignis bei einem Zipfel unserer Seele! Zum Beispiel jetzt, wenn ich so nachdenke in meinem Zimmer, weiß ich es genau, daß es in ganz Niederösterreich, Oberösterreich, Salzburg, Steiermark, Tirol kein Mädchen geben könne, unmöglich, die auf verwundete Helden siedendes Öl herabgießen könnte! Sie könnten es einfach nicht! Siehe, das allein ist Seelenkultur, etwas ganz Infames nicht leisten zu können, selbst wenn man es sogar, aufgestachelt, tun möchte! Es nicht tun können, sogar gegen seine Leidenschaft! Nicht lügen können, selbst wenn einem das Wasser bis an den Mund geht, einen zu ertränken! Nicht gemein sein können, selbst wenn es eine Notwendigkeit wäre; nicht aus moralischen Bedenken heraus nicht unanständig sein können, sondern aus der Genialität heraus einer mysteriös alles besiegenden Naturheilkraft; da erst erweist sich die Edelrassigkeit oder die Schäbigkeit! Wir könnten kein siedendes Öl herabgießen! Nein, das könnten wir nicht, Gott sei Dank!

Deine Paula Sch.