Vorwort.
Oesterreich ist im Norden von Deutschland ziemlich unbekannt, und es sind über seine Zustände die seltsamsten Ansichten im Gange. Dennoch aber ist Oesterreich eines der herrlichsten und gesegnetsten Lande von Europa, das eine überaus wichtige Rolle in der Culturgeschichte von Deutschland spielt. Schon ein flüchtiger Blick auf die Charte zeigt uns Oesterreichs wichtige Stellung. Die Alpen, die Karpathen, Erz- und Riesengebirge bilden die geologischen Grundfesten des Reiches. Elbe, Oder und Weichsel entspringen dem österreichischen Boden, und der größte Strom Europas, die Donau, strömt zum großen Theile durch österreichisches Gebiet, während das adriatische Meer seine Ausgangswellen an österreichische Küsten spült.
Nicht minder ist Oesterreich der Heerd einer uralten Civilisation. Bereits 15 Jahre vor Christi Geburt eroberten die Römer die deutschösterreichischen Lande und machten dieselben zur Provinz. Es entstanden an der Donau eine Reihe von Befestigungen zum Schutze gegen die nördlichen Völker und im Inneren des Landes blühende Städte, in denen sich römische Bildung und Gesittung entfaltete. Frühzeitig kam auch das Christenthum in diese Lande. Durch die Völkerwanderung zerfiel diese Cultur in Trümmer, auf denen jedoch bald neues Leben emporwuchs, seitdem Karl der Große die Gränzen jenes Reiches bis an die Raab erweitert. Die Stifter Salzburg, Kremsmünster, Mölk, Göttweig u. s. w., dann der Hof der Babenberger bildeten sich zu Mittelpunkten von Wissenschaft, Kunst und jeglicher Cultur aus, die uns schon im Nibelungenliede geschildert wird. Hier lebten Ulrich von Lichtenstein, der begeisterte Sänger des Frauendienstes, und Herr Conrad Flecke.
Nach dem Aussterben der Babenberger und langwierigem Ringen des deutschen mit dem slavischen und ungarischen Wesen siegte das erstere. Das Erzhaus Habsburg beginnt hier den Mittelpunkt seiner glanzvollen Thätigkeit zu begründen. Es hoben sich die Städte, in Prag und Wien wurden die ersten deutschen Universitäten errichtet, zahlreiche Benedictinerstifte sind Pflanzstätten der Wissenschaft, die durch die Zeiten von Kaiser Maximilian, Ferdinand, Leopold I. und Karl VI. fortwährend treu gepflegt werden. Die zahlreichen Sammlungen für Kunst und Wissenschaft in Wien, Prag, Grätz, so wie in jeder Provinzialhauptstadt, die vielfachen Bildungsanstalten, wie das polytechnische Institut in Wien, unter den deutschen das älteste, die gelehrten Gesellschaften u. s. w. zeugen von dem regen geistigen Leben, von dem uns nördlichen Nachbarn freilich leider nur zu selten Mittheilung gemacht wird.
Die politische Bedeutung Oesterreichs zeigt ein Blick auf die Geschichte Europas. Oesterreich ist das Gränzland gegen die unruhigen Ungarn. Kaiser Otto II. setzte dorthin Leopold von Babenberg als Markgrafen, mit ganz besonderen Vorrechten und in sehr selbständiger, ja unabhängiger Stellung zum deutschen Reiche. Die Babenberger, wie das Erzhaus Habsburg, haben stets hier im Osten das deutsche Wesen gegen Slaven, Avaren, Ungarn und Türken beschirmt und deutsche Cultur dorthin verbreitet. Sie waren es, die von den fränkischen, thüringischen und allen westlichen deutschen Ländern die verheerenden Schwärme der Ungarn, Tataren und Türken abhielten und die auch endlich den nicht minder verderblichen Verheerungen der Pest seit dem Ende des 17. Jahrhunderts undurchdringliche Schranken setzten, indem sie die Quarantaine einrichteten. Nicht minder lebhaften Antheil entwickelte aber auch Oesterreich in den blutigen Kämpfen mit den westlichen Nachbarn, namentlich seit Ludwig XIV. In neuester Zeit erwarb es sich den Dank des civilisirten Europa durch den siegreichen Kampf mit der Partei des Umsturzes.
Der Wunsch nun, das für die Culturgeschichte Europas so wichtige, durch seine schönen Gegenden und blühenden Städte, seine künstlerischen und wissenschaftlichen Schätze so interessante Land näher kennen zu lernen, bestimmte mich zu der Reise, deren Eindrücke die nachfolgenden Blätter möglichst unbefangen und schlicht darzustellen den Zweck haben.
Dresden, im December 1852.
D. Gustav Klemm.