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Florens Abentheuer in Afrika, und ihre Heimkehr nach Paris. Erster Band. cover

Florens Abentheuer in Afrika, und ihre Heimkehr nach Paris. Erster Band.

Chapter 29: Drittes Capitel. Das Gefecht.
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About This Book

A young woman joins a secretive sea expedition assembled at Toulon, accompanied by a mixed company of soldiers, scholars, and fellow travelers; their voyage touches Mediterranean ports, involves the capture and reorganization of Malta, and brings aboard a rescued captive named Coraim whose storytelling sustains shipboard life. The narrative follows her subsequent adventures in Africa and traces her eventual homecoming to Paris.

Zweiter Potpourri.

Antinous,
Trauerspiel in einem Akt.

Personen.

Hadrian, Kaiser.
Antinous, sein Liebling.
Ein Krieger.
Ein Höfling.
Ein Diener.
Egyptische Priester und Volk.

Die Scene in Egypten in einem Garten am Nil.

Erster Auftritt.

Hadrian. Antinous.

(kommen Arm in Arm durch den Garten.)

Hadrian.

Laß in die holde Einsamkeit mich retten,

Vor kniender Völker huldigendem Gruß

Und Jubelruf, der mir das Ohr betäubt.

Hier darf ich nicht durch Kränze Pfad mir bahnen,

Nicht Lied und Blume sinken lastend nieder,

Doch in des Freundes Arme sinkt der Freund.

Antinous.

O bin ichs werth? Erwählt aus Millionen

Hob der Quiriten hoher Cäsar mich,

Der neben Jupiter den Erdkreis lenkt —

Hadrian.

Auch du, auch du? Entweihn soll diese Lippe,

So zart wie Sidons purpurnes Gewebe,

So strahlend wie der Morgenhelle Licht,

Der ecklen Schmeichelei verworfne Rede?

Im Staube laß den Sklavenchor ertönen,

Wohl ziemet er Prometheus niedrer Brut,

Du stammst von Göttern, die Gestalt verkündet

Der seligen Olimpier Geschlecht;

Doch mehr des Herzens reine Himmelsschöne,

Wenn dich der Sterbliche zu sich erhöht,

Was thut er, als im Göttlichen sich ehren.

Antinous.

Erhabener, es ist dein Machtgebot,

Und so erkühn ich mich, der Ehrfurcht

Und der Bewunderung Hymnos zu verschweigen.

Hadrian.

Mein Machtgebot? Und nicht die innre Stimme?

Dir unter Allen will ich nicht befehlen,

Frei mag ich Dich von des Gesetzes Banden,

Sei wie Otan der Perser, was du willst.

Nur laß mich dann, ein Gut, ein Gut erflehen,

Das mein gehört, und nicht dem Diadem.

Antinous.

Ich bin Dein Freund, Dein Freund, o Hadrian.

Hadrian.

Nun endlich —

Tönt mir des Wortes schöne Melodie.

Und lohnen will ich dir des Glückes Wonne,

Wie es dem edlen Tugendsinn gebührt.

Den Feldherrn, der Trophäen mir erhöhet,

Trägt der Triumph zum Capitolium,

Den treuen Bundgenossen schmücken Kronen,

Du sollst das Recht der Bitte bei mir üben

Für den Verbrecher, für verwaiste Frauen

Und vaterlose Kinder — O, das macht Dich froh!

Antinous.

Wie aber deut ich Dir des Wunsches Kraft,

Des Strebens Feuer dieser Göttermilde,

Mich aus der Ferne nur zu würdigen,

Ein armer Jüngling, den nicht Weisheit schmückt,

Im Rathe Deine Winke vorzutragen,

Den nicht des Feldherrn Genius erhebt,

Noch unbekannte Völker zu besiegen

Nichts nenn ich mein, als wie ein dürftig Leben,

Viel zu gering, wie Dir ein werthes Opfer.

Hadrian.

Schon die Gefühle wägen jede That.

Mein bleibe, bis der Parze Faden bricht;

Die Barke des letheischen Piloten

Soll dann vereint die stillen Schatten tragen,

Zusammen gehn wir Minos dunkle Straße.

Zweiter Auftritt.

Bedienter. Vorige.

Bedienter.

Verzeihe Herr, daß ich Dir störend nahe —

Hadrian.

Mein will ich einen Augenblick nur nennen,

Gleich raubt ihn neidisch mir die Herrscherpflicht.

Bedienter.

Die Priester langten des Osiris an,

Die erst vor kurzem Dein Gebot empfingen,

Nach alt egyptischer geheimer Kunst

Die Sterne um Dein künftig Loos zu fragen.

Hadrian.

Ein andermal, heut gnügt mir Gegenwart.

Bedienter.

Durchwandelt sind sie schon das Heiligthum

Der graubemoosten spitzerhöhten Säulen,

Und alter Tempel Hieroglyphenschrift

Verglichen sie mit himmlischer Erscheinung.

Hadrian.

Wohlan, sie mögen tiefer nur erforschen —

Bedienter.

Schon bringen sie Dir wichtig schwere Kunde,

Es leidet keinen Aufschub was sie melden,

Ein Unheil sei Dir nah, doch abzuwenden —

Hadrian.

Ein Unheil — warum nennt man jetzt mir Unheil,

Da mich beseligend das Glück umarmt.

Antinous, ob ich die Träumer höre?

Antinous.

O eile Herr, oft senden gute Götter

Dem Sterblichen getreue Warnung zu.

Hadrian.

Zu froh bin ich, der Grille Raum zu geben,

Und wahrlich so ein Glaube ziemt mir nicht.

Antinous.

Im Glücke, lehrt die Klugheit, rufe Furcht!

Denk an Polikrates, dem alles froh gelang,

Der nur ein Glück ins Auge durfte fassen,

Um auch schon triumphirend ihm zu nahn.

Ihm rieth der Freund, in Willkühr zu entrathen,

Was köstlich theuer seinem Leben sei,

Daß er den bösen Mächten im Avernus,

Die dauernd Wohl am Sterblichen nicht dulden,

Ein reiches Opfer der Versöhnung bringe.

Und Samos König warf ein Edelstein

Von unschätzbarem Werth in Thetis Wogen.

Bald aber zog der Fischer schweres Netz

Ein selten Seethier aus dem tiefen Grunde,

Dem Herrn des Eilands zum Geschenk gebracht;

Kaum trennt das Messer ihm die Eingeweide,

Als das Juweel des Königes sich zeigt.

Zu hohes Glück, rief nun Amasis aus,

Des Königs königlicher Freund in Theben,

Entsagen will ich deinem treuen Bund,

Daß nicht zu tief der Schmerz mich einst verwunde,

Wenn dem geliebten Manne Schrecken naht.

Polykrates bringt nicht ein neues Opfer

Und sinket bald durch schmählichen Verrath.

Hadrian.

So meinst Du sollt ich auch das Theure meiden,

Des Unglücks schwarze Regel zu erfüllen?

Antinous.

O ja mein Freund, mein Kaiser.

Hadrian.

Eines nur

Behalt ich vor — das andre kann ich missen.

So hören wir die mythischen Propheten.

(beide ab)

Dritter Auftritt.

Höfling. Officier.

Höfling.

Da geht der Kaiser mit Antinous,

Schon öfter traf ich sie allein beisammen,

O, diesen Jüngling muß man täglich grüßen,

Geschenk’ ihm bringen, kleine, angenehme,

Daß es dem schlauen Geber größre trage,

Ihm huldigen, bis seine Gunst zerfällt.

Officier.

So leichten Grundsatz kann ich nimmer loben.

Höfling.

Doch fasse ihn, wer sich erhalten will. —

Wie aber soll man jene Bande deuten

Des Kaisers und der schönen Jugend Blüthe? —

Hm — was von Jupiter sie wohl erzählen —

Officier.

Wer glaubt an Jupiter, in kluger Zeit

Ein Mährchen rohen Altern vorgesungen.

Höfling.

Auch glaub ich nicht, nur mögt ich, Du verständest

Mir der Vermuthung leis’ geahnten Sinn —

Gedenke nur des Göttervaters Schenken.

Officier.

Pfui, Argwohn keimet nur in Herzens Tiefen,

Wo des gewähnten Lasters Zunder glimmt.

Höfling.

Doch spricht man viel von dieser Heimlichkeit.

Officier.

Weil Dein Gelichter leis sie sich verkündet,

Warum soll nicht der Pulse gleicher Schlag

Des Urtheils Aehnlichkeit und der Gefühle,

Zwei edle Wesen ohne Laster nahn?

Vierter Auftritt.

Diener des Kaisers. Vorige.

Diener.

Weh, Wehe! mußt ich diesen Tag erleben!

Officier.

So bleiche Stirn, Was trug sich Schlimmes zu?

Höfling.

O nennt es, daß ichs weiter mag verkünden!

Diener.

Die Priesterschaar, von Hadrian befragt,

Wie die Geschicke noch sein Leben wenden?

Ach offenbart: es muß der Kaiser sterben,

In naher Frist

Wenn nicht ein Wesen ist

Ihm theuer, das ihn liebt,

und frei sich hin zum Todesopfer giebt.

Officier.

Wie? — In die offne Schlacht den Muth zu wagen,

Das thut der Krieger gern, der Kriegsgott lenkt,

Davon kann er das süße Leben tragen,

Und büßt ers ein, starb er in dem Beruf,

Der Lorbeer sinkt auf seinen Rasen nieder.

Doch grade hin in sichern Tod zu gehn,

Das wollen nicht des Lebens milde Götter.

Höfling.

Ihm soll er theuer sein, der für ihn stirbt,

O warum muß ich seine Kälte tragen?

So darf ich nicht, wozu das Herz mich ruft.

Officier.

Nicht wahr, jetzt wäre selbst dir Haß willkommen?

Diener.

Auch mich, mich Armen liebt der Kaiser nicht.

Höfling.

Wahrsagern glauben, welche eitle Schwäche!

Officier.

Der gute Kaiser ist nicht frei davon,

So würd es immer Ruhe ihm erziehn,

Wenn jener Priester Spruch gesühnet wäre,

Und immer Anlaß für die große That.

Gleich Curtius würd er in der Nachwelt leben,

Gleich Cokles, Scävola und Regulus,

Der hin es würfe, das geliebte Leben.

Höfling.

Und wähnest du, daß jene Männer waren?

Nur Fabel sind sie, die den Bürgersinn

Des Römers übermächtig reitzen sollten.

Ach armer Hadrian, du findst ihn nicht,

Der hier des Busens Zagen heilen könnte.

Officier.

Wohl glaub ichs euch, todt ist die alte Zeit.

Diener.

Gern giebt man viel, will nicht der Freund das Leben,

und braucht der Kaiser seiner Stärke Macht,

So ist es nimmer der Geschicke Sühne

Zur Seite, Freunde, unser Imperator.

Fünfter Auftritt.

Hadrian.

(allein)

So trübt ein Augenblick den klaren Aether,

Und trauernde Gewölke decken ihn.

Wer war zufriedener, war hochbeglückter,

Wie noch vor einer Stunde Hadrian?

Und diese Priester warfen ihn zu Boden.

Wie, kann der Geist nicht muthig sich ermannen?

Ists Aberglaube nicht, was mich erschreckt?

Die Götter blicken nicht auf Menschen hin,

Zu niedrig gilt den Hohen irdisch Spiel,

Kein Priester mag wohl in die Zukunft schauen,

Entreiße dich der kleinlich feigen Angst!

Was dir geschehn soll, wahrlich wird geschehen,

Es opfere sich auch ein ganzes Volk.

Den Schleier will ich von dem Auge reißen

Und Ruhe kehrt dem Glücklichen zurück.

Wie, wenn ich sie der Folter übergäbe,

Die Seher, würden sie nicht rasch bekennen:

Sie wissen mehr nicht von der Zukunft Loos,

Wie jeder Weibessohn? — Wohlan es gelte —

Doch — Wenns nun wäre — schwerer, schwerer Frevel,

Den nicht Ixions Rad im Orkus büßt,

Die freundlich Gottgesandten schmählig martern.

Hinweg Gedanke! Nein ich schone sie.

Hier aber wahrlich kann die Probe gelten,

Wer nur den Kaiser, wer den Menschen liebt? —

Von Tausend Schmeichlern bin ich stets umwunden,

Ein jeder beut das Leben täglich dar,

Vielleicht, weil er wohl weiß, nicht kann ichs brauchen,

Der, dem es Ernst ist, mit dem lauten Willen,

Wär mir ein köstlich Gut in schlimmen Zeiten,

Was gilts, ich prüfe was ich noch nicht weiß.

He! Niemand da?

Sechster Auftritt.

Diener. Hadrian.

Diener.

Ich warte des Befehls, erhabner Kaiser!

Hadrian.

In tiefe Noth preßt mich des Schicksals Zorn.

Es legt mir Sterben auf, wenn Niemand mir sich opfert,

Der mich liebt und ich ihn. Dich lieb ich Freund,

Schon lange Jahre dienst Du meinem Hause —

Diener.

(zitternd)

Ach Herr — wie ängstet mich der grimme Spruch!

O Du des Volkes Heil, des Reiches Zier,

Dem Göttertempel prangend einst sich heben —

Hadrian.

Gern sänk ich hin, doch meine ich, das Volk

Wird nicht so bald den treuen Hirten finden —

Diener.

Beglückte Kinder — Herr verzeihe meinem Alter,

Ich fühle — Krankheit naht dem regen Leben,

Gestatte, daß ich eilig mich entferne.

(ab)

(Officier und Höfling schleichen leise weg.)

Hadrian.

Von dem darf ich den Rettersinn nicht hoffen,

Hinweg! nichts geb ich mehr auf jenes Wort.

(ab)

Siebenter Auftritt.

Antinous.

(allein)

Der Kaiser stirbt in naher Frist,

Wenn nicht ein Wesen ist,

Ihm theuer, das ihn liebt,

Und frei sich hin zum Todesopfer giebt.

Wen liebt der Kaiser? Dich Antinous,

Und ihm wallt dieser Busen treue Liebe

An mich ergeht des Schicksals ernster Spruch

Und bei den Göttern, ja, ich will ihn lösen! —

Doch sprach auch Wahrheit dieser Priester Mund?

Die Weisheit schilt den frommen Aberglauben.

Nicht Aberglauben, nein, ihm trauet Hadrian,

Und seiner Seele folget meine Seele,

Wärs auch nur Ruhe froh ihm zu bereiten,

So schenke ich der Welt den heitern König,

Den keine bange Laune niederbeugt! —

Doch süß ist wohl der frohen Jugend Leben,

Wie furchtbar schreckt der grause nahe Tod! —

Wie muthig in der Ferne, hier erbeben —

O wenn ich dieses Bild mir lange prüfe,

Dann sinkt der Wille, sinkt die hohe Kraft.

Noch flammt mir in dem kühnen Vorsatz Wärme,

Von dieser Klippe in den wilden Nil,

Nicht wird die tiefe Fluth mich wiedergeben.

Hadrian.

(in Entfernung)

Antinous?

Antinous.

Mein edler Freund, ich sterbe für dein Leben!

(stürzt sich in den Nil.)

Drittes Buch.

Erstes Kapitel.
Der grüne Turban.

Flore dankte dem Himmel, als endlich der Tag herannahte. Zwar verkündigte ihn Eunomia nicht freundlich, da Regenwolken den Himmel umzogen, aber immer mindert das Licht doch die Bangigkeit. Sie sahe zurück, und ward nichts mehr von dem Raubnest und den Ruinen gewahr. Desto wohlgemutheter schritt sie weiter.

Den Durst hatte sie in einem Kanale gelöscht, und mancherlei Früchte des Feldes, die sie in der Helle entdeckte, tilgten ihren Hunger. Gegen Mittag, versuchte sie zum Erstenmale in ihrem Leben, die Flinte auf einen dichten Trupp von Wachteln, deren es in Egypten um die Jahreszeit so viele giebt, abzudrücken, und sieheda, Viere davon stürzen herab. Ohnehin ermüdet, suchte sie eine abgelegene Stelle, rupfte die Vögel, und bratete sie, an einen Zweig gesteckt. Wie viel auch an Zuthat abging, hatte ihr nimmer ein Mahl so köstlich geschmeckt.

Dann ging sie weiter, fand wieder Früchte und Quellen, die Begegnenden ließen sie unangefochten vorbei. Schon träumte sich Flore heitern Fortgang des wiedergekehrten Glücks. Der Nil, dachte sie, dient mir zum Wegweiser nach Cairo. So darf ich nicht fragen, und durch meine unvollkommene Sprache die Fremdheit verrathen. Ich sehe Mittel vor mir, mich unbemerkt zu nähren, das Uebernachten in der Oede ward ich gewohnt. Wider ein reissend Thier oder einen einzelnen Räuber muß mich allenfalls meine Flinte schützen, nahen mehrere, rettet mich vielleicht Gold. Es kann aber auch das gute Gestirn wollen, daß mir dergleichen nicht in den Weg kömmt, und ich bald Landsleute ansichtig werde. Dann seh ich froh den Gatten wieder. O welche Lust: Wie wird er sich freuen, zu Floren! zu den mitgebrachten Reichthum, und gar bald die Nebenbuhlerin — wenn er schon eine umarmte, entfernen.

Es ist aber ein mißlich Ding um die Theorien der Zukunft. Das praktische Verhängniß durchkreuzt sie jeden Augenblick, und gemeinhin auf störende Weise.

Nur den darauf folgenden Tag fand sich die gehoffte Nahrung, dann mußte Flore längs Kanälen ausweichen, und kam bald von der fruchtbaren Niederung des Stromes ab. Der Natur hat es überhaupt gefallen, in jenen Gegenden paradiesische Fragmente mit Sandhöllen zu untermengen. So traf denn die Reisende auch dürre Unwirthlichkeit, und ob sie gleich ihre Richtung noch nicht verlor, und seitwärts Dörfer im Auge behielt, so gebrach es doch an den Lebensnothwendigkeiten. Kein Zweig mit winkender Last, selbst kein Wachtelzug mehr in der Schußlinie.

Einen Tag über wurde gefastet, am anderen fiel es, nach so schweren Anstrengungen, unmöglich. Sie mußte sich also entschließen, in ein Dorf zu gehn, um den Ankauf des Nothwendigen zu versuchen.

Das Dorf hatte keine Karavanserei, wo man sonst im Morgenlande Lebensmittel antrifft, Flore nahte also dem Hause, wo das Aeußere von einigem Wohlstande sprach, und fragte ein altes Frauenzimmer, das an der Thüre stand: ob man ihr nicht gegen Bezahlung, Sesamkuchen und Früchte ablassen wolle?

Die Alte war sehr höflich, nöthigte Floren herein, und rief den Eigenthümer des Hauses. Das machte Jene sehr verlegen, denn hatte sie ihre Bitte ziemlich unverdächtig vorgebracht, so ließ sich doch befürchten, eine ausführliche Unterredung könne sie blosstellen.

Indessen erschien der Mann, begrüßte Floren, ohne sie viel anzusehn, ließ sie auf den Teppich niedersitzen, und ihr eine Pfeife Moccataback reichen.

Flore schlug die Beine über Kreuz und rauchte, wie sauer es ihr auch anging. Es wurde nun Kaffe gebracht, und zu ihrer größten Freude redete der Wirth weiter keine Silbe, sondern betrachtete stumm den Kopf seiner Pfeife. Bald gab er der Alten ein Zeichen, und nun wurde wohlriechend Holz in einem Rauchbecken verbrannt, den Gast durch den lieblichen Duft zu vergnügen. Eine Stunde währte die verschwiegene Unterhaltung, dann brachte das Frauenzimmer nicht nur das Verlangte, sondern noch Speisen mancher Art, in ein Körbchen gepackt, den sie ihr einhändigte. Da Flore einige Zechinen auf den Tisch legte, verbat man das mit verbindlichem Unwillen, und entfernte sich.

Die Abentheurerin war entzückt über die Patriarchensitte, am meisten über die wortkarge Einfalt. Eben wollte sie froh das Haus verlassen, als ein Imam hereintrat, um von dem Landmanne die Pacht für den Acker der Moschee zu holen. Denn die mahomedanischen Tempel sehen sich auch mit zeitlichen Gütern vor. Er grüßte Floren, die nicht vergaß, mit auf der Brust gelegter Hand zu danken. Doch einen Anlaß, Frömmigkeit blicken zu lassen, nicht aufzugeben, fragte er: Junger Gläubiger, bist du vom Stamme des großen Propheten, oder warst du schon dreimal in Mecca, daß dein Turban von der heiligen Farbe ist?

Flore entfärbte sich, denn sie hatte wohl gehört, daß das Recht, sich grün zu tragen, bei den Mahommedanern durch gewisse Vorzüge erworben werden muß, aber wie sie jenen Turban aufsetzte, eben nicht daran gedacht, daß seine Farbe ihr Gefahr bringen könne. Allenfalls hatte sie auch gemeint: obschon eine Pariserin, und einst im Palais Royal wohnhaft, mögte sie doch immer heiliger sein, wie dieser Kopfzierde früherer Besitzer. Bei dem allen suchte sie sich zu fassen, und erklärte: sie wäre dreimal in Mecca gewesen. In welcher Karavanserei wohntet ihr? fragte der Hauswirth. Die Erinnrung an eine Wallfahrt, die er auch vollbracht hatte, überwand sein Pflegma, wie zwei Künstler, die in Rom waren, nicht umhinkönnen, ein Gespräch über die Hallen des Vatikan, den Corso oder die Polichinelle einzuleiten.

Nun war guter Rath theuer. Flore hatte nie etwas von den Karavansereien in Arabien gehört. Doch forderte sie ihr Glück heraus, und antwortete: In der, wo das Bild des Engel Gabriel an der Thür hängt.

Ein gewaltiger Verstoß. Die Türken ehren den Engel Gabriel, aber dürfen kein Bild von ihm malen. Schon die gebrochene Sprache hatte Argwohn erregt, jetzt stieg er doppelt auf. Flore, die das sah, fing lachend an, ich habe beschlossen meinen Wirth nie zu nennen, denn loben kann ich ihn nicht, und tadeln mag ich nichts, was mir auf der frommen Reise zu Gesicht kam. Lebt wohl ihr Herren!

Nun kann aber kein Ordensritter, wärs auch einer des St. Joachim, entrüsteter seyn, wenn ein Ungeweihter die Zeichen trägt, wie ein muselmännischer Geistlicher, dem die grüne Farbe mit Unrecht getragen, aufstößt. Nicht ganz sanft, zog er Floren am Arm zurück, faßte dann an den Turban, und rief: Du sollst zur Stelle bekennen, ob du dieses Hauptschmuckes würdig bist!

Der Turban war etwas weit, und fiel herunter. Die langen, mit Mühe unter ihm verborgenen Haare fielen in wallenden Locken nieder. Hätte sie die Vorsicht gehabt, den Kopf nach Landesgebrauch zu scheeren, so wäre es vielleicht noch möglich gewesen, dem Ungemach zu entfliehn. Ein glücklicher Einfall, kecke Gewandtheit, und die Muselmänner wären gefoppt zurück geblieben. Aber wer kann von einem Frauenzimmer, das sich schöner Haare bewußt ist, so ein Opfer erwarten!

Das Haar war entscheidend. Ein Frank, ein Ungläubiger trägt einen grünen Turban! Rächt den Propheten, ihr frommen Männer! schrie der Imam Einmal über das andere, und bald war das Haus mit Leuten erfüllt. Man schleppte Floren zum Kiaschef.

Dieser ließ sogleich eine Bank hersetzen, und gebot zwei mit kleinen Stäben versehenen Dienern, dem Hunde vorerst Tausend Streiche auf die Fußsohlen zu geben.

Flore schauderte, drängte sich aber an den Imam heran, und flisterte ihm ins Ohr: ich schenke deiner Moschee alle Edelsteine, die der Turban enthält, rette mich aus der Noth!

Der Imam griff nach dem Turban, den Flore in der Hand mit fortgetragen hatte, und seine Schwere bewegte ihn.

So du gleich versprichst, ein Moslem zu werden, rief er, soll das Vergehen der Unwissenheit dir erlassen seyn. Der Richter stimmte bei, denn dem Geistlichen gebührt in Religionsangelegenheiten das entscheidente Worte, und Flore, vor der Bank und den Stäben zitternd, schrie: Gern gern! Darum eben kam ich nach Egyptenland.

Zweites Kapitel.
Der Derwisch im Gebürge.

Sie wurde nun noch über manche Dinge verhört, und reihte ihre Nothlügen so geschickt aneinander, daß die Männer beruhigt wurden. Der Priester setzte endlich fest: der ungläubige Jüngling sollte zu einem Derwisch im Gebürge, der ihn in der allein reinen Religion unterrichten würde. Er übernahm es sogar selbst, ihn nach der einsamen Wohnung des Mannes zu geleiten. Jetzt begegnete man Floren nicht mehr feindlich.

Ihr wurden einige Erfrischungen gereicht, und dann mußte sie mit zum Imam, der zwei Esel satteln ließ. Nachdem sie eine schlichte Mütze, wie nur die Juden im Morgenlande tragen dürfen, bekommen hatte, mußte sie das eine Thier besteigen, und dem Priester folgen.

Man hatte etwa zwei französische Meilen bis zum Aufenthalt des Einsiedlers. Oft fiel Floren unterwegs bei: könnte ich nur auf die Schnelligkeit des Thieres bauen, ich wagte eine Flucht. Aber es war gewohnt, neben dem anderen einherzuschreiten, und wenn sie nur eine Lenkung versuchte, gab es Schwierigkeit. An ein solches Vorhaben war also nicht zu denken.

Sie mußte in den Bergwald. Durch enges Gesträuch wand sich ein steiniger Pfad, der zu einer sehr dürftigen hölzernen Hütte führte. Ein Greis mit langem Silberbart trat heraus. Mit tiefer Ehrerbietung nahte ihm der Imam, unterrichtete ihn über den Zweck des Besuchs, und fragte: ob der Derwisch gemeint sei, den jungen Franken in die hohen Lehren der Religion zu weihen? Wer wird nicht gern eine Seele retten, klang die Antwort.

Nun sagte der Imam: mein Sohn, was du noch an Gelde bei dir führest, liefere in meine Verwahrung. Wie Du ein Muselmann bist, sollst du es treulich zurückerhalten. Flore warf einen Blick des Unwillens auf ihn, als wollte sie sagen: Hast Du nicht genug? Laß mir das Uebrige. Er wiederholte die Frage. Ich besitze nichts mehr, war die Antwort. Und dennoch ist dein Gürtel so dick. Laß sehn! — Er nahm den Gürtel ab, und schüttelte die Goldstücke heraus. Flore gab noch gern den Rest her, nur damit sie bei einer Untersuchung nicht entdeckt würde. Dahin waren die Reichthümer.

Der Imam sprach: Dem Ungläubigen sei die Lüge noch verziehn, und entfernte sich. Für Lebensmittel werde ich sorgen, rief er zurück.

Der Greis nahm Floren nun in die Hütte, trug einige Wurzeln auf, und setzte ein Gefäß mit Wasser daneben. Die Proselitin gegen ihren Willen, war zu tief vom Schmerz über ihren Verlust erfüllt, daß sie hätte Eßlust spüren sollen, wenn man sie auch an eine Prunktafel geladen hätte, wie jene zu Alexandrien. Und nun gar diese Frugalität.

Das ernste Amt des Mannes wurde gleich begonnen. Mein Sohn, hub er an, danke dem Propheten im Staube, daß er dich diesen Weg geleitet hat. Du wirst nun der Erwählten einer, täglich durch fünf Gebete die Sünde tilgen, und dereinst das frohe Paradies grüssen.

Flore hörte mit einem Gesichte zu, wie es die Judenkinder in Rom zu ziehn pflegen, wenn sie gemüßigt sind, eine christliche Predigt zu hören, gegen deren Ueberredung zum Glaubenwechsel, die Eltern sie daheim erst mit tausend Verwünschungen waffneten.

Der alte Derwisch fuhr fort: Es giebt sieben Himmel, mein Sohn. Mahomed stieg auf den Alboral, schwang sich zur Höhe, und sahe sie alle. Der erste ist von feinem Silber, der zweite von reinem Gold. Aus edlen Steinen ward der dritte erbaut, und ein Engel liest hier heilige Blätter, von dessen einer Hand zur andern, Sechzigtausend Tagereisen sind. Der vierte glänzt von Smaragdwänden. Nur Christal wird im fünften sichtbar. Der sechste ist ein Feuer, das nicht verletzt. Ein reizender Garten der siebente, wo die Springbrunnen Milch zur Höhe treiben, Wein in perlenden Bächen umherschäumt, und Sümpfe von Scheibenhonig einladen, sich bis an den Gürtel zu versenken. Hier blühen liebliche Bäume, voll saftiger Aepfel. So du einen brichst, verwandeln sich die Kerne der Frucht, in süße zarte Mädchen, so fein, so hold, so engelhaft, daß wenn eine nur einen Tropfen Feuchtigkeit von ihren Lippen ins Weltmeer fallen ließe, es gleich aufhören würde, salzig zu seyn. Hier wird Allah von Seraphimen gelobt, die Siebzigtausend Lippenpaare haben, und in jedem Mund Siebzigtausend Zungen, und wo jede Zunge in Siebzigtausend verschiedenen Sprachen, täglich Siebzigtausendmal den Herrn der Himmel und Welten preist. Vor seinem Thron, der hier prangt, brennen vierzehn Kerzen, deren Flamme funfzig Tagereisen hoch emporlodert. Alles was die Seligen nur begehren, wird ihnen da werden, in unaussprechlich reicher Fülle. Dort dürfen sie Wein trinken, und einen Wein, im Feuerparadiese gepflanzt und gekeltert, so stark, daß von einem Tröpflein die ganze Menschheit trunken wäre. Dort wirst du so viele Mädchen umarmen als du willst, alle ewig jung, ewig schön, und ewige Jungfrauen. O welche Gnade wird dem Seligen! Heil dir, mein Sohn!

Flore konnte sich nicht der Frage erwehren: Und die Weiber, frommer Derwisch, werden sie auch so viele Männer nehmen, ewig jung, ewig schön, ewig — —

Ei, unterbrach sie der Einsiedler, so fremd noch bist du in Geheimnissen des Glaubens. Kein irdisch Weib darf dem Paradiese nahn, doch von fern werden sie der Männer Entzückungen schauen.

Man kann die Bemerkung nicht umgehen, daß Mahomed unter allen mythologischen Dichtern die üppigste Phantasie zeigte. Hätte er aber mehr seinen Geschmack, und weniger arabische Märchenträumerei in seine Religionsgebräuche aufgenommen, dabei nicht den Künsten den Eingang versperrt, so würde er noch zahllose Anhänger mehr geworden haben. Wie hätten die Bildner streben können, die Lehre reizend zu versinnlichen! Giebt es nirgends in der Christenheit ein Gemälde der Houris? Da die Christen- und Griechen-Mythen so erschöpft sind, könnte die Kunst sich immer auch an jenen Vorwürfen üben.

Es giebt aber noch eine Götterlehre, die sich für den Pinsel oder Meissel auszeichnet, die teutonische. Welch ein malerischer Stoff, die himmlischen Valkyren! Wer weiß, ob Thuiskons Enkel so entartet wären, hätte jene alte Religion fortbestanden, und sich der Zeiten Läuterung erfreut? —

Genug, Flore sollte an den Propheten glauben, so wenig Lust sie dazu fühlte, und so übergroß ihre Verlegenheit anwuchs. Denn was sollte doch werden, wenn der Religionsunterricht weit genug vorgerückt war?

Gegen den Alten ergriffen sie aber ganz eigene Empfindungen. Sie liebte ihn nicht, haßte ihn nicht, hatte Lust seine entsagende rauhe Lebensweise Thorheit zu nennen, aber bewundern mußte sie die große Kraft dieser Thorheit. Mehr in den Sieben Paradiesen, wie in der Wirklichkeit lebte dieser Derwisch. Immer umgaben ihn die Bilder davon, und die Lebendigkeit seiner Vorstellungen war so stark, daß er oft im süßen Wahn nach den Gestalten faßte. Ein morgenländischer Swedenborgianer.

Der Imam fand sich von Zeit zu Zeit ein, fragte über die Gelehrigkeit des Schülers nach, und brachte Lebensvorräthe. Florens gutes Gedächtniß setzte sie bald in den Stand, das Gehörte wieder herzusagen, und so fand sie denn ein Lob, nach welchem eben kein Geitz in ihr wohnte. Desto schlimmer, denn man sprach mehr von dem Tage, wo das islamitische Sakrament den Proselyten weihen sollte.

Dieser Tag durfte nicht nahn, wie ließ sich ihm aber ausweichen? Eine verstellte Ungelehrigkeit, wozu könnte sie auch führen, als zur Verlängerung eines gar beschwerlichen hoffnungslosen Aufenthalts? Peinliche Verlegenheit! Flore hätte gern eine Rettung durch die Flucht versucht, aber der Gedanke an ihre Goldstücke fesselte sie immer noch, obgleich nur ein geringer Anschein vorhanden war, sie könne je wieder zu ihrem Besitz gelangen.

Sie hegte noch die Absicht, unter dem Vorwande ihr Geld vom Imam loszuschwatzen, daß sie sich für die Feier des hohen Tages mit schönen Ehrenkleidern versehn wollte. Im Besitz des Geldes, wenigstens eines Theils davon, hatte sie dann Lust ihr Heil weiter zu versuchen. Aber der Priester war zäh, und erklärte: es sei bei der Ceremonie kein Prunken von Nöthen.

Morgen schon war der Tag, welcher etwas — nicht Vorhandenes rauben sollte, und in der Nacht zuvor, stand Flore leise aus der Hütte auf, um sich dem guten Geschicke fliehend in die Arme zu werfen. Der Derwisch schlief nicht, und hörte unter seinem Gebete das Getöse. Er wollte die Flüchtige ergreifen, die sich ihm aber schnell entwand. Nun tappte er vergebens im Dunkeln umher, und hörte aus der Ferne die Worte: „Frommer Derwisch, ihr habt unter eurem Hüttendache ein Weib geherbergt.“

Doppeltt dreifach übel war der Zustand der Armen nun. Kein Geld, um irgend ein Bedürfniß zu kaufen, kein Gewehr, um sich im Nothfall zu vertheidigen. Wie verwünschte sie den grünen Turban, der sie um beides gebracht hatte!

Drittes Capitel.
Das Gefecht.

Sie wußte selbst nicht, wohin sie ihren Weg nahm, und dachte erst am Morgen mittelst der Niederung des Stromes ihre Richtung zu finden. Dann wollte sie zurück nach Scheik Abade gehn, um aus den Trümmern eine andere Ladung Kostbarkeiten zu holen.

Gegen Morgen aber vernahm sie einige einzelne Schüsse, denen gleich mehrere folgten. Bald nahm das Feuer beträchtlich zu. Mit horchendem Ohr lauschte die Pariserin, und dachte entzückt, hier müßten die Europäer nahe sein. Sie hatte ohnehin gehört, daß ein geschlagener Bei in diesen Gegenden nach und nach wieder einige Truppen gesammelt habe, um die einzelnen Posten der Franzosen anzufallen.

Den Schweitzer entzückt in der Fremde des Kuhreigens Melodie, den Venetianer ein Gondoliererlied, Floren der Knall französischer Flinten. Gleich war ihr Entschluß gefaßt, um jeden Preis die Landsleute aufzusuchen.

Sie beflügelte die Schritte nach der Gegend zu, wo das Kampfgetöse sich vernehmen ließ. Doch befand sie sich auf der Seite, wo die Mammelukken schwärmten, die auch einige Schützen zu Fuße im Gebirge fechten ließen. Sie wollte die Stellung umgehn, wurde aber bald bemerkt und angehalten. „Gebt mir Waffen“, rief sie, „gebt mir Waffen, daß ich wider die Ungläubigen streiten helfe!“

Die türkischen Schützen nahmen das wohl auf, brachten das Gewehr und den Pulvervorrath eines Getödteten herbei, und stellten sie neben sich in eine Felsschluft, die vertheidigt wurde. Drüben rückten hitzig kleine Jägertrupps an, in der wohlbekannten Uniform. Florens Herz klopfte. Hoch richtete sie ihre Schüsse, um keinen davon zu verletzen. Dagegen flogen jener Kugeln dicht bei ihr vorbei, das einzige landsmännische, was ihr nicht gefiel.

Nicht lange aber, so liefen die Jäger Sturm auf den engen Weg, und die Morgenländer fanden für gut, sich auf die Flucht zu begeben. Nun warf sich ihr junger Rekrut nieder, als ob er getödtet sei, und sie bekümmerten sich weiter nicht um ihn. Kaum waren sie Hundert Schritte entfernt, als den Verfolgern auf französisch zugerufen ward, sie mögten ja nicht in der Uebereilung französisches Blut vergießen.

Sie waren nicht wenig befremdet, Flore aber fuhr fort: Laßt nur nicht ab, die Feinde zu verfolgen, ich helfe wakker, meinen Roman sollt ihr gelegentlich hören. Sie machte nun tapfer, wie eine Jeanne d’Arc oder d’Eon das Gefecht mit, und traf mehrere Feinde. Der Tag gehörte, wie gewöhnlich, den Franzosen.

Zu Florens größter Freude hatte der Kampf sich nach der Gegend des Dorfes gewendet, wo die Moschee stand, zu welcher jener Imam gehörte. Es kostete wenig Mühe, einige Jäger zu bereden, daß sie Floren zu dem Priester begleiteten. Er wollte eben entfliehen, wurde aber noch ergriffen. Mein Geld, edler Eiferer für den wahren Glauben! rief Flore. Der Imam gerieth außer sich vor Schrecken und Befremdung. Er leugnete den Besitz, gab vor, alles entfernt zu haben, da aber im Kriege noch nicht die peinliche Frage ganz abgeschafft ist, so fand man bald Mittel, ihn zum Geständniß zu bringen. Er zeigte einen Fleck des Gartens an, aus welchem man den Gürtel mit allen Goldstücken, und den mit Edelsteinen gefüllten Turban grub.

Um das Aufhören gewisser körperlicher Schmerzen, giebt man viel, viel hin, und die Kräftigen sind selten, die da widerstehn. Doch giebt es auch Ausnahmen. Zum Beispiel folgende: Ein junger preußischer Soldat, von vortheilhafter Gestalt, und wegen seines untadelhaften Betragens bei den Vorgesetzten beliebt, gab während des Krieges in Polen, da man in einer namhaften Stadt kantonnirte, mehr Geld aus, wie seine geringen Einnahmen zulassen konnten. Das wurde dem Offizier hinterbracht, der nun den Tornister des Soldaten untersuchen ließ, worin man zwanzig bis dreißig Dukaten entdeckte. Der Soldat wurde sogleich eingekerkert, und sollte sagen, wie er in den Besitz dieser Summe gelangt sei? Er gab vor, sie auf der Gasse gefunden zu haben. Dies wurde umso weniger geglaubt, als hie und da in derselben Zeit Diebstähle begangen worden. Sehr bekümmert war sein Hauptmann über diesen Vorfall, denn er hatte den Soldaten grade zum Korporal erheben wollen.

Die Regimentsgerichte verfuhren mit Strenge, und nachdrückliche Züchtigung wurde angewandt, ein Geständniß der Wahrheit zu erpressen. Nach manchen Ausflüchten, deren Grundlosigkeit am Tage lag, bekannte endlich der Soldat: er sei Urheber jenes Diebstahls, der neulich an der Kirche eines gewissen Klosters verübt worden sei. Das geraubte Silberzeug habe er, ihm unbekannten Juden verkauft, und auf diese Weise das Geld erhalten. Etwa zehn Dukaten wären bereits verzehrt.

Man stellte nun die gefundenen Dukaten dem Kloster zu, und verhängte über den Kirchendieb ein zwanzigmaliges Gassenlaufen durch Zweihundert Mann. Standhaft duldete er die Pein, und wie er endlich die Doppelreihe, der ihn strafenden Kameraden verlassen hatte, rief er lachend: Ich bin doch ein ehrlicher Kerl! Eine Behauptung, der Niemand Glauben beimessen wollte.

Groß war aber die Befremdung beim ganzen Regimente, da nach einiger Zeit ein anderer Soldat ertappt wurde, wie er zusammengeschlagenes Silber einem Goldschmiede um geringen Preis anbot. Man erkannte es für einen ehmaligen Kelch, suchte scharf bei dem Manne nach, und fand noch die Monstranz und sämmtliche Gegenstände, welche der Kirche gefehlt hatten. Also war jener Soldat unschuldig, und hatte sich fälschlich angeklagt.

Allerdings wurde er wieder vernommen. Aus Angst, rief er, hab ich die Lüge gesagt. Zwanzigmal Spießruthen oder im Verhör halb todt geschlagen werden, kömmt es nicht auf eins heraus? Ich wählte das erste, wo doch ein Ende abzusehn war.

Aber woher bekamst du denn jene Dukaten?

Sagt ichs nicht im Anfang? Ich habe sie auf der Gasse gefunden.

Das ist durchaus unglaublich, weil der Verlierer sich öffentlich würde gemeldet haben.

Nun gut, fuhr der Soldat fort, so gebe man mir aufs Neue tausend Hiebe, ich kann doch keine andere Aussage thun.

Er sprach mit so freier Ergebung, und einem so von Schändlichkeit entfernten Gesicht, daß der Verhör haltende Offizier sich beim Obersten einlegte, die Untersuchung aufzuheben. Denn, setzte er hinzu, mag es immer ein Raub sein, so ist der Mensch ja schon sehr hart dafür bestraft worden.

Der Oberst ließ ihn also aus dem Gefängniße und öffentlich anzeigen: es wolle ein Soldat Geld gefunden haben, wer sich zum Verlust legitimire, könne es bei den Regimentsgerichten in Empfang nehmen. Denn das Kloster hatte nun jene Summe zurückgeschickt.

Niemand meldete sich aber, und das Geld blieb bei der Kasse liegen.

Nach mehreren Monaten befand sich das Regiment von jenem Orte entfernt, auf dem Marsche. Man durchzog eben einen Wald. Der Offizier, welcher jenes Verhör gehalten hatte, führte die Seitenpatroullen an, der junge Soldat gehörte auch zu der Mannschaft. So neben ihm herreitend, und unter mitleidigen Blicken, auf das noch durch jene harte Strafe entfärbte Gesicht, fing der Offizier an: Höre, du magst sagen was du willst, gefunden hast du die Dukaten dennoch nicht.

Der Soldat blickte auf. Herr Lieutenant, ich habe wohl noch mehrere, sie sind aber eingenäht.

Ei, ei, das sagst du mir?

Ich will ihnen noch mehr sagen, nur Alles nicht. Einmal kam ich zu *** in ein Haus, um Kameraden zu sprechen, die dort im Quartier lagen. Eine Dame rief mich in ihr Zimmer, und ich wurde beim Weggehen mit Sechs Dukaten beschenkt. Oefter mußt ich wiederkommen, und man war immer freigebig. Da nun das Geld bei mir entdeckt wurde, konnte ich doch eine so vornehme und brave Dame nicht verrathen. Eh hätt ich mich todtschlagen lassen. Wo sie gewohnt hat, sage ich auch jetzt Niemals.

Der Offizier forschte auch nicht weiter, empfand alle Achtung vor dem Märtyrer der Galanterie, und brachte es beim Obersten dahin, daß ihm das bei der Kasse noch vorhandene Geld verabfolgt wurde.

Fünftes Capitel.
Böser Geitz.

Flore theilte den Jägern reichlich mit, und eilte nun, mit ihnen zu dem großen Haufen zu kommen. Froh erzählte sie unterwegs einen Theil ihrer Geschichte, gab sich übrigens aber doch für den Diener eines Commissärs aus.

Wie hüpfte ihr Puls, da sie vernahm, das Commando, wobei sie sich gegenwärtig befände, werde nächstens abgelöset werden, und nach Cairo zurückgehn. Wie viele Umarmungen wurden Ring im Geiste!

Aber nur wenigen Sterblichen ist es gegeben, die Sonnenblicke Fortunens zu tragen. Wie sie zu glänzen beginnen, so will man auch schon mehr Helle, noch mehr Helle, kein übrig Wölkchen soll den Schein trüben, obgleich man vorhin in dem Uebel des Mißgeschicks nur nach einem erquickenden Strahl seufzte. Flore hätte nun ihrem Gestirn danken sollen, so weit gekommen zu sein, darneben ruhig bei den Soldaten weilen, und den Tag erwarten, wo man den Weg nach Cairo anträte. Das geschah aber nicht, und so stürzte sie sich wieder in tiefes Leid und unermeßliche Verwirrung.

Sie pflog, während man noch in der Gegend im Bivuac lag, mit den Jägern enge Freundschaft, die sie zum Imam begleitet hatten, und theilte das Obdach ihrer Hütte. Besonders aber gefiel ihr die Entschlossenheit des einen darunter: Antoine genannt. Diesem entdeckte sie eines Abends: Freund, zwei bis drei Tagereisen von hier, weiß ich einen Ort, wo ansehnliche Schätze verborgen liegen. —

Holen wir sie! erwiederte Antoine.

Das wäre auch wohl mein Gedanke, fuhr die Verkleidete fort, aber es giebt manches dabei zu bedenken. Sagen wir vielen davon, so zertheilt sich der Reichthum zu sehr. In zwei oder drei Portionen bleibt er ansehnlicher. Sollen aber nur wenige den Gang dahin unternehmen, wird die Gefahr für sie zu groß.

Wo liegt der Ort? fragte Antoine wieder.

„Am Nil, aufwärts von hier.“

Dann sehe ich keine Gefahr. Die Mammelukken des verfolgten Bei sind in die Wüste getrieben. Am Nil hinauf stehen noch weithin Posten. Was die arabischen Bauern oder Nilfischer anlangt, auf die wir stoßen können, so nehmen es doch wohl drei Franzosen mit ihrer zwanzig oder dreißig auf.

„Meinest du?“

Warum nicht. Das Volk ist in Furcht gesetzt. Zudem giebt es manche unsrer Anhänger darunter.

Floren lüstete es so sehr nach Vermehrung ihrer schon ansehnlichen Habe, daß sie den nur zu unternehmenden Antoine noch lebhafter anreizte. Es wurde bald ein kurzer Plan verabredet. Der Jäger suchte noch einen handfesten muthigen Kameraden aus, dem das Vorhaben mitgetheilt wurde, und der sich so bereitwillig zeigte, wie jener. Nun erbat man auf einige Tage Urlaub, um in einem nahen Orte kranke Soldaten zu besuchen. Da alles wieder ruhig war, fand die Bitte Gewährung. Flore kaufte unter der Hand von ihrem Gelde drei Esel zum Reiten, und noch einen, welcher das reiche Gepäck auf dem Heimwege tragen sollte.

Wie alles bereit war, nahm sie, die unter keiner besonderen Aufsicht stand, mit den Thieren einen verabredeten Weg, und erwartete die Jäger, welche den ihrigen ändern, und zwischen den Schildwachen hindurch zu ihr schleichen sollten.

Das ging erwünscht von statten, man fand sich bald zusammen, und brach nach Scheik Abade auf. Daß neben zwei Soldaten ein Mann in der Landestracht ritt, erweckte vielleicht noch ein gewisses Vertrauen. Ueberall waren Lebensmittel um Geld zu finden, bei Nacht blieb man unter freiem Himmel, und ließ die Esel weiden, während einer von den Dreien Wache hielt.

Am dritten Tage gegen Abend erblickten sie die Ruinen, und machten Halt, denn Flore hatte den Gefährten nicht verhehlt, daß sie wider das dort wohnende kekke Raubgesindel nichts vermögten, und nur unter dem günstigen Einfluß des nächtlichen Dunkels etwas auszurichten sei.

Man erwartete also die Nacht, und zog nun leise weiter.

Da die Schatzlustigen bis nahe an den Ort gekommen waren, ging Flore voraus, die Sicherheit zu erspähn, kam bald zurück, und hieß Antoine folgen. Der dritte Gefährte mußte mit den Eseln in einiger Entfernung harren, und den Thieren wurden die Mäuler verbunden, daß ihr Geschrei kein Unheil stiftete.

Wenn der Golddurst die Columbe uns den Weg durch unbekannte Meere entdecken ließ, so konnte ja wohl Flore eine Reichthum bergende Stelle in tiefer Nacht wiederfinden, hatte sie doch der Versuch schon einmal gekrönt. Es kostete nichts, wie den Ort am Nil erst zu suchen, wo sich die Räuber ein- und auszuschiffen pflegten, von da an trügten Florens Merkmale nicht mehr.

Sie stand nun mit Antoine bei den Trümmern. Die Steine, welche das Goldgrab schlossen, waren hinweggewälzt. Beider mitgenommene Spaten wühlten lustig in den Sand, und der Gräber Pulse flogen von Hoffnung. O Schrecken! da ertönt nahe bei ihnen eine helle Pfeife.

Sie halten bestürzt an, die Pfeife läßt sich wieder hören, abermals. Beide ergreifen ihre Pistolen, und wenden sich nach der Stelle, wo der Klang herkömmt, dem unwillkommenen Virtuosen eine Pause aufzuerlegen. O weh, da hört man zwei, drei, zehn andere Pfeifen von den Hütten her. Irrlichtern gleich schimmern bald viele kleine Fackeln, aus Schilfrohr, im Umkreise, weichen aber nicht wie jene, sondern nahen eilig.

Flore war einer Ohnmacht nahe. Wir sind verrathen, rief Antoine leise, und müssen auf Rettung denken.

Von einem Orte, wo Gold liegt, entfernt man sich mit Mühe, sollte auch der Schrecken neben dem Mammon wohnen. Dazu kamen die vielen Hindernisse. Die Flüchtlinge stolperten über Gestein, was sowohl ihr Fortkommen hinderte, als zugleich ihren Weg kund machte; bald waren die Fakkeln da und die gräßlichen schwarzgelben Träger wurden sichtbar. Antoine schoß sogleich einen davon nieder, bekam aber in dem Augenblicke den Todesstoß einer Lanze in die Brust. Fangt sie lebend! schrien einige Stimmen, und Flore, die diesmal nicht so muthig war wie sonst, wagte sogar keine Pistole loszudrücken, ward umklammert, entwaffnet, gebunden. Entsetzlicher Wechsel!

Der Muth ist sich nicht gleich, hängt an vielen Umständen, die es schwer wird, zu verfolgen. Man hat spiellustige Krieger bemerkt, die, wenn grade die Würfel schlecht gefallen waren, Löwentapfer auf ihren Feind losgingen, dagegen wenn ihnen das Glück eine reiche Börse gefüllt hatte, eine sehr mäßige Lust bezeigten, zu sterben. Es ist aber keine allgemeine Regel, und ganz im Gegentheil ist bisweilen verfahren worden, wo das Gold Kraftgefühl und Vertrauen auf guten Ausgang weckte, und der Mangel daran, nur Kleinmuth über den Mann kommen ließ.

Genug, Flore erwies sich feig, und beiden war wohl Mangel an gehöriger Disposition vorzurücken. Der Gefährte mußte näher seyn, die Thiere irgendwo angebunden. Die drei konnten unter abwechselndem gut gezieltem Feuer dann wohl den zehn Räubern widerstehn. Zu wenig wäre es noch gewesen, sich nur mit Ordnung zu den Thieren zu retten, und dann schnell zu fliehn, man hätte die Feinde erlegen, in die Flucht treiben, und die Schätze mit Gewalt heben müssen. Doch es war versehn, der tapfere Antoine lag, Flore wurde fortgeschleppt, und auch der dritte Gefährte büßte noch das Leben ein. Denn, nachdem er schießen gehört hatte, wollte er den Uebrigen helfen, kam näher, wurde umringt, vertheidigte sich hartnäckig, und blieb.

Der Leser hat gewiß schon errathen, woran die Wachsamkeit jener Räuber eigentlich hing. Sie nahmen wahr, daß Jemand an dem Orte, wo die Kostbarkeiten verborgen lagen, gewühlt hatte. Wer konnte das sein? Aus ihrer Mitte Niemand, denn so gut Lessing die Räubertreue seines Angelo rühmt, der doch wirkliche Vorbilder in Italien haben mußte, so gewissenhaft die Diebe in großen deutschen Städten über dass gemeine Aerar halten, so verdienen egyptische Bösewichter wegen ihres Esprit de corps Lob. Man fiel also gleich auf das verwünschte ungläubige Weibsbild, das ihre Kameraden bei sich hatten. Wie aber war diese vom Schiffe entkommen? Schlimme Ahnung! vermehrt durch das Ausbleiben, erfüllt durch die schreckliche Entdeckung des aus dem Nil hervorragenden Mastbaumes, da man die Kameraden zu suchen ging.

Nur die näheren Umstände blieben dunkel. Wer weiß aber, beratheten die traurigen Unholde, ob die Sehnsucht, unsre Schätze zu plündern, die Verrätherin nicht wieder nach Scheik Abade führt, ob sie nicht Hülfe von den ihrigen mitbringt? Wir wollen jede Nacht eine Wache ausstellen, daß wir für das Unsrige gesichert sind, und vielleicht Nachrichten von den unglücklichen Brüdern, und Rache erlangen.

Flore wurde in eine Hütte gebracht, und mit der schrecklichsten Folter bedroht, wenn sie nicht sogleich aussagte, was mit den Kameraden geschehen sey. Man machte zugleich Anstalt, ihr Splitter unter die Nägel zu stecken, und sie anzuzünden. Es bedurfte so viel nicht. So nahe am Hafen gestrandet, war alle ihre Besonnenheit dahin, sie ergab sich in ihren Untergang, und berichtete alles genau.

Die Räuber staunten, sprachen aber einmüthig aus: die Mörderin ihrer Brüder müsse zur Strafe des Spießes verurtheilt werden; und drohten ihr: daß sie drei Tage lang an dieser Marter hinsterben sollte.

Man war mit einer solchen Geräthschaft versehn, und richtete sie mit angrauendem Tage schon auf, so große Eile hatte die Mordlust. Nach dem Entwandten wurde weiter nicht geforscht, in der Voraussetzung, es würde in ferner Verwahrung liegen; man untersuchte eben so wenig Florens Kleidung, sonst würde sich noch ein guter Theil davon wiedergefunden haben.

Flore wüthete Tausendmal gegen die unselige Gier, sich mehr zu bereichern, die zwei braven Männern schon das Leben gekostet hatte, und ihr nun mit dem schmählichsten Martertode drohte, aber es ließ sich nichts mehr ändern.

Sie hörte das Hämmern in der Nähe. Zwischen versteckten Wänden wurde der ungeheure Spieß auf einen Pfahl befestigt. Jedermann wird glauben, daß ihr Haar sich gesträubt habe.

In einer Stunde war alles bereit, auch heller Tag. Nun rissen die wuthschnaubenden Buben sie hinaus. Ha, riefen sie, sie stahl Mustaphas Turban, und seinen Doliman, beides soll sie auch auf dem Spieße tragen.

Sechstes Kapitel.
Der Bei.

Jede Lebenskraft abgespannt, ließ sich Flore hinschleppen. Schon erblickte sie zwischen den Mauern das schauerhafte Todeswerkzeug, als plötzlich eine fremde Stimme fragte: was habt ihr mit dem Jüngling vor?

Flore hatte keinen Muth aufzublicken, woher die Stimme schon durch ihren sanften Klang hier fremd bezeichnet, kam, aber sie bemerkte doch, daß alle ihre Begleiter mit einem bangen Ausruf, zur Erde aufs Knie stürzten.

Was habt ihr mit dem Jüngling vor? erneuete sich die Frage. Keine Antwort. Die Stimme äußerte nun Zorn, aber einen Zorn, der hier Trost und Erquickung wurde, einen Zorn, der des Vertrauens Fülle in den Busen goß. Leiser zagend hob die bestürzte Verurtheilte das Auge empor, und gewahrte einen hochgestalteten glänzend gekleideten Mann, auf einem muthigen Araberhengst, umringt von stattlich bewaffneten Reisigen in reicher morgenländischer Tracht.

So tobend, so besinnungraubend war der Bösewichter Grimm gewesen, daß sie die Ankunft eines zahlreichen Reutertrupps durchaus überhört hatten. Daß Flore damals nicht bemerkte, was weiter um sie vorging, bedarf keiner Erklärung.

Isaaks Sohn, (kein Jenaischer Philosoph zweifelt mehr an der Legende Wahrheit, höchstens noch lutherische Landprediger, und schon einige Kapuziner) da das Opfermesser sich erhoben hatte, vor dem lodernden Scheiterhaufen, fühlte aber nicht viel mehr Wonne, bei des Seraph Einspruch, wie Flore im Anblick des edelgestalteten Mannes, denn der Gedanke: er wird mein Retter seyn! dämmerte ihr gleich auf.

Ein Vertrauen, als hätte sie den Mann seit Jahren gekannt, folgte dem Gedanken, und der Muth, statt der im Staube sich krümmenden Räuber zu antworten, folgte dem Vertrauen. Flore nahm ihre Sprachkunde zusammen, und rief: Edler Pascha, erhabner Bei, oder wer ihr seid, die Männer wollen mich schmählich ermorden. Dort ragt schon der Spieß empor.

Mit Wohlgefallen und Milde blickte der Angeredete auf Floren nieder, mit heftigem Unmuth nach den Räubern. Fürchte nichts, sprach er zu der Ersten gewendet, dann schalt er die Andern mit Nachdruck. „Wenn euch dieser Jüngling Leides that, wie durftet ihr euch vermessen, selbst Richter zu seyn? Warum bringt ihr ihn nicht zum Kiaschef, und der ihn zu einem Richteramte, das über Leben und Tod aussprechen darf? Aber ich sehe aus dieser sträflichen Wildheit, ihr gehört zu dem Raubgesindel, das den Nil unsicher macht. Fischer nennt ihr euch, und plündert die Schiffe. Jetzt hab ich die Zeit nicht, euer Treiben untersuchen zu lassen, aber ein Andermal. Damit ihr hier keine längere Zuflucht habt, so steckt selbst gleich alle die Hütten in Brand. Gehorcht, oder ich lasse euch niederhauen.“

Des Befehls Donner wirkte so mächtig, daß alles gleich aufsprang, und in zwei Minuten loderte schon das Dorf empor.

Während dessen fuhr der Muselmann fort: Den jungen Menschen nehme ich mit, seine Miene zeugt von Unschuld. Wie froh sprang Flore auf. Die vier Esel liefen, die Zügel ineinandergeschlungen, noch in der Nähe herum. Sie machte sie los, befreite die Mäuler von den Tüchern, und schwang sich auf den besten. Die drei andern schenk’ ich euch großmüthig, rief sie den Räubern noch zu, und mischte sich nun unter das Gefolge von Mammelukken, das dem Nile zueilte.

Hier standen verschiedene Fahrzeuge in Bereitschaft, und die Ueberfahrt wurde so schnell es immer anging, ins Werk gebracht.

Flore erfuhr, sie habe den Bei gesprochen, den die Europäer in die Wüste gedrängt hätten, der nun aber über den Strom zu seiner Famille wollte, die weit nach Oberegypten hin, in Sicherheit gebracht sei. Desto unentdeckter zu bleiben, war der Weg durch die Ruinen genommen worden. Die Schiffe zur Ueberfahrt an Ort und Stelle zu finden, fiel ihm bei seinem Anhang und seiner Kundschaft des Landes, nicht schwer.

Die Mammelukken erzählten das alles willig an Floren, und redseliger als sie gewohnt zu seyn pflegen. Aber man darf kühn auf der Diener Artigkeit zählen, wenn das Oberhaupt freundlich war, wie auch der umgekehrte Fall statt hat. Das mit dramatischer Kraft zu zeichnen, ging Schiller einen Anachronismus von zwanzig Jahren ein. Denn der Admiral Medina Sidonia erschien in seinem Carlos, und jammerte über die zerstörte unüberwindliche Flotte. Diese Armade ging aber 1588 verloren, und Prinz Carlos starb schon 1568.

Auch liegt es im Menschen, daß er sich freudig an seinen Retter schließt, mag dieser immer einer feindlichen Nation zugehören. Drum befand sich Flore überaus wohl unter diesen Leuten, und sie zog getrost mehrere Meilen jenseits des Nils mit fort, ehe sie einmal recht daran dachte, was nun für sie zu thun sey? Es zerstreute dazu sie so Manches unter dem Haufen, und fesselte ihre Aufmerksamkeit.

Nun wurde gelagert, denn man hatte auch Gepäck bei sich. Nicht lange so stand ein Dörfchen von bunten Zelten auf der Ebene. Hammel steckten an Spießen, Reis dampfte aus Casserollen. Flore, als ob sie dazu gehöre, ließ den Esel im hohen Grase weiden, kaufte von einer Art Marketenderin das Benöthigte, und richtete sich einen Pilau zu. Der Hunger war, wie man denken kann, seine köstliche Würze.

Allein sie hätte diese Mühe sparen können. Denn kaum hatte sie angefangen, ihr klein Gericht zu verzehren, als der gütige Bei, der sie nicht vergaß, einen seiner Diener schickte. Dieser brachte eine Lammskeule mit Knoblauch, einen Salat von Oliven, eine Art Wachtelpastete, und eine Schaale Sorbet. Flore wies das nicht zurück, sondern erquickte sich gar behaglich.

Man braucht noch nicht einmal ein Nicolai an kunstrichterlicher Strenge und Wissenschaft zu seyn, sogar ein literarischer Chévalier d’industrie aus Berlin, der sich beim Morgenblatte oder der allgemeinen Zeitung zum Nachrichtgeben versteht, und daneben bisweilen eine Haßkritik einstreuen darf, kann sagen: daß es gar nichts Erzählungswerthes ist, wenn irgendwo geschmauset und getrunken wurde. Aber was erzählt denn selbst der göttliche Homer (nach Fichte freilich kein Dichter) am liebsten? Streicht in der Ilias und Odyssee, alle Ochsenbraten und was noch dazu gehört, wieviel bleibt übrig? Am Ende kehrt ja die geistige Ausflucht immer wieder zur Sinnlichkeit, und die feinere Sinnlichkeit zur unfeineren. Der Libertin, welcher dreißig Jahre lang, die liebsten Schönheiten verfolgte, und darüber oft die Tafelfreuden übersah, blickt am Ende doch mit festerem Ernst nach einer guten Table d’hôte hin, oder knüpft eine Ehe propter opem[3]. Welcher treffliche neue Morgen der französischen Literatur brach mit jener Staatsumwälzung an! Gleichwohl ist die Gastronomie unter den neuesten Werken zu Paris, dasjenige, welches die meisten Auflagen erlebte. Hästia allein, spricht Platon, die häusliche, wartet des Heerdes, wenn der Vater der Götter und Menschen auf dem geflügelten Wagen allwaltend dahinfährt, und dem Führer des himmlischen Zuges die übrigen Götter folgen. Und ist nun der Zug vollendet, sehnen sich die Ermüdeten alle nach Hästia. Wenn die Deutschen, überall philosophirend, noch keine Philosophie der Kochkunst aufweisen, so kömmt es blos daher, weil sie nicht reich sind, und es auch nicht werden dürften, da, was zum Reichthum führt, List, Thätigkeit und Gewalt, ihnen fehlen.


[3] Ein Rechtsgelehrter, der drei Weiber während seines Lebens heirathete, pflegte zu sagen: er habe die eine propter opus, die andre propter opes, und die dritte, propter opem genommen.