Siebentes Kapitel.
Fortsetzung.
Nach der Mahlzeit erschien wieder ein Diener des Bei, und lud Floren zu ihm. Sie nahte sittsam, unterwürfig, dankbar, doch mit naivem Vertrauen. Jener fragte:
Woher bist du Knabe?
Flore. Herr, vor einem andern würd ich beben, vor Dir nicht. Ich bin ein Frank.
Bei. Immerhin! Doch ein Renegat?
Flore. Nein, ein Nazaräer.
Bei. Immerhin! Wie kömmst du aber zu dem grünen Turban?
Flore. Ein Kopte hat ihn mir verkauft —
Bei. Den darfst du nicht tragen.
Flore. Verzeihe meiner Unwissenheit! Schon erfuhr ich, daß es der Brauch nicht sei, fand aber noch keine Gelegenheit, einen andern zu kaufen.
Bei. Er steht dir wohl, aber ich schenke dir dennoch einen anderen.
Hier entließ er sie, und ein Diener brachte gleich darauf eine artige Mütze, wie sie die Franken im Lande tragen dürfen. Flore händigte den Turban dafür aus, nachdem die Steine auf die Seite geschafft waren.
Gleich danach wurden die Zelte abgebrochen, und Reise ging weiter.
Flore machte sich nun Vorwürfe, daß sie nicht des milden Augenblicks gewahrend, den Bei um Erlaubniß gebeten hatte, den Weg nach Cairo nehmen zu dürfen. Indessen, dachte sie, findet sich dazu wohl eine andere Gelegenheit. Wer weiß, ob er mir nicht ein Paar Mammelukken zur Bedeckung bis an die ersten unsrer Posten mitgiebt, denen ich gern reichlich lohnen will.
Sie folgte also dem Zuge, denn heimlich davonschleichen, das wollte sie nicht, auch schien das aus manchen Gründen nicht rathsam.
Man reisete schnell, und mit ängstlicher Vorsicht, immer noch einen Ueberfall der Europäer fürchtend. In der folgenden Nacht wurden Schildwachen in weiter Ferne ausgestellt, und die Hälfte der Mammelukken mußte angekleidet bei den Pferden bleiben, während die Uebrigen in den Zelten ruhten.
Flore wurde in das Zelt der Itschoglans des Bei geladen, wo sie bequem übernachtete. Ihren Esel mußte ein Mammelukkenknecht versehn. Sie war entzückt von so vieler Güte, doch entbrannten ihre Wünsche nach Cairo lebendiger.
Am andern Tage wieder schneller Marsch, gegen Mittag Rast. Flore bereitete sich schon keine Speise, in Erwartung, der gute Bei werde sorgen. Das geschah auch, und sie wurde reichlich aus seiner Feldküche versehn. Nachher mußte sie abermals vor ihm erscheinen, und er sagte ihr, daß die Frankenmütze sie vortheilhafter wie jener Turban kleide.
Sie dankte auf das verbindlichste für sein Geschenk, brachte nun aber mit Offenheit und Muth die Bitte an, sie ziehn zu lassen.
Hierauf wurde nichts erwiedert. Dagegen gebot der freigebige Muselmann, dem jungen Franken einen schönen Säbel zu reichen.
Es ging weiter. Flore war verdrießlich auf einer Seite, auf der andern aber fand sie doch, daß man ganz ausnehmend artig gegen sie sey. Vielleicht hat er mich in der Geschäftszerstreuung nicht verstanden, meinte sie, ich bitte wieder, und der gute schöne Mann erhört mich gewiß.
Wieder gute Bewirthung im Lager, und in der Nacht Bequemlichkeit auf den Teppichen der Itschoglans.
Am folgenden Tage vergaß Flore nicht, ihr Anliegen zu erneuen, da der Bei sie wieder vor sich lud. Sie empfing keine Antwort, dagegen einen weissen Kaftan mit schwarzem Fuchspelz verbrämt.
Wieder ein Tag, wo ihr alle Milde widerfuhr, nur hatte man kein Gehör für die Bitte. Statt allem Bescheid darauf, wurde ihr ein Pferd mit stattlichem Sattel und Zeuge vorgeführt.
Jetzt befand man sich schon in einer Wüste. An Flucht war um so weniger zu denken. Die Pariserin wußte gar nicht, was sie über das Betragen des Muselmannes denken sollte, und weil Dankbarkeit ohnehin eine Grundlinie ihres Charakters zog, fand sie den Bei mit jedem Geschenke liebenswürdiger, ja auch schöner wie ihren Ring, dessen körperliche Vorzüge ohnehin das letzte waren, was sie an ihm liebte. Zudem befand sie sich so außerordentlich behaglich in dem Lager, daß die Trennung davon nicht ohne Schmerz mehr vollzogen werden konnte. Wohlleben im Ueberfluß, allenthalben dienstbare Huldigung, denn nach jeder neuen Gabe des Oberherrn wurden die Diener unterwürfiger und schmeichelnder, ja es nahten bereits Itschoglans oder Mammelukken mit kleinen Geschenken, um ihrer in Gutem zu gedenken, oder etwas für sie durchzusetzen.
Endlich war die nicht breite Wüste durchzogen, und ein Bezirk erreicht, wohin noch keine fremde Waffe drang. Eine Landschaft, die mit ihren zauberischen Reizen alles bei weitem übertraf, was Flore an Naturschönheit in Niederegypten gesehen hatte, die überall den Gedanken an die fabelhaften glückseligen Inseln der Dichter rief. Freilich auch ein häßliches Sumsen der Mosquiten in der Luft, und ihr quälender Stich; freilich Skorpionen in den Ritzen der Gebäude; freilich hier schon Krokodille genug im Nil, aber die Fülle des Angenehmen ließ das alles vergessen.
Hier lag das Landhaus, wohin der Bei seine Schätze und Weiber geflüchtet hatte, wie der fremde Besuch nach Egypten kam. Ein nicht großes, aber sehr niedliches Gebäude, dessen plattes Dach mit Erde überworfen, mit den lieblichsten Blumen bepflanzt, und mit einem buntgewirkten Zelthimmel überbreitet war. Es lag mitten im Garten, die Ställe, Soldatenwohnungen in einiger Entfernung. Der Garten war mit einer Mauer umgeben, so breit, daß man oben nicht nur spazieren gehn, sondern auch reiten konnte. Eine Allee von Orangen befand sich oben, was einen überaus lachenden Anblick gewährte. Die Lustteiche, mit ihren kleinen Gondeln; die heiteren Pavillons, auf Hügeln gebaut, die eine weite Aussicht eröffneten; die leis murmelnden Wasserfälle; die Bäche mit seltsam bunten Fischen; das glänzende hold singende Gefieder auf dem lieblichen Strauchwerk, dem der herannahende Winter keine Schönheit raubte, nur die Frische des Grünes, von den Sonnenstrahlen erst gedörrt, zurückgab; alles das vollendete die wunderähnliche Wirkung dieses, mit Recht vom Bei erhobenen, Asyls. Nur ein Umstand konnte einen europäischen Baukünstler dort zur Verzweiflung bringen. Zum Portal des Landhauses führte nehmlich ein schöner Säulengang. Der weisseste Marmor, im Alterthum die Zierde eines herrlichen Tempels zu Memphis. Die Säulen hatten aber unter den Ruinen umgestürzt gelegen, der neue egyptische Architekt gemeint: es sei immer gleichviel; und so standen die Kapitäler unten, während die Piedestale stolz emporragten. Flore verstand zwar nicht das mindeste vom Bauwesen, aber doch hatte sie oft in Paris, vom Pont-neuf herkommend, die gepriesene Kolonade am Louvre betrachtet, und so konnte es nicht anders seyn, der Uebelstand mußte ihr einleuchten. Sie lachte ganz dreist, über den verkehrten Prunk, eine Unart, die ein empfindlicher Bei mit dem Kopfe würde habe büssen lassen, dieser aber gab Befehl, die Säulen umzudrehn.
Seine Großmuth verringerte sich hier nicht. Kaum hatte man sich von den Beschwerlichkeiten erholt, als Flore vorgefordert wurde. Schöner Frank, sagte der Bei, ich mache dich zum Itschoglan, du kannst zur Religion Mahomeds übertreten, du darfst Nazaräer bleiben, nach Gefallen. Auch Christus predigte das Wort. Du sollst aber nicht bei den andern Edelknaben wohnen, sie sind wild und roh, hier im Landhause ist dein Zimmer. Komm, du sollst Fatmen, mein Weib, kennen.
Flore wunderte sich höchlich, da der vornehme morgenländische Herr, gegen alle Landessitte, den vermeinten Jüngling in den Harem führte, ja ihm die Erlaubniß gab, ihn mit aller Freiheit zu besuchen, so oft er nur wollte.
Fatme war eine sehr schöne Frau, von einer Weisse und Feinheit der Haut, wie man sie auch in den höchsten Ständen der Christenheit nicht erblickt, da hier die Damen sich unfreundlichen Einflüssen der Witterung immer häufiger blosstellen, und nicht im Besitz einer gewissen Salbe sind, deren man sich dort mit großem Erfolg bedient. Nur einen zu hohen Grad der Formenfülle, hätte man, an Mittelverhältnisse gewöhnt, der Schönheit dieser Fatme zum Vorwurf machen können.
Sie gab ihrem Gemahl nichts an Güte nach, und der neue Itschoglan wurde von ihr mit einem gestickten Gürtel von hohem Werthe beschenkt.
Flore fing schon an, bei sich zu denken: Wenn dies Leben so fortgeht, werde ich alle Mühe anzuwenden haben, um Ring nicht ganz und gar zu vergessen.
Der Bei war noch in den ersten Tagen mit vielen Boten beschäftigt, die Briefe da und dorthin fördern sollten, und sprach daher Floren nur wenig, dagegen blieb letztere zu ganzen Stunden im Harem, wo ihrer immer die köstlichsten Erfrischungen warteten. Fatme lustwandelte auch häufig mit ihr im Garten, doch trug sie dann den Schleier, und einige Sklavinnen folgten unterwürfig. Immer in der Sprache geübter, und erfüllt vom Vertrauen, wagte Flore bald, mit der Gattin des Bei über ihre Lebensverhältnisse zu reden. Sie pries das beneidenswerthe Glück, einen so liebevollen Gemahl zu besitzen. Da seufzte Fatme aber. Der vermeinte Itschoglan fuhr fort: Und wie ausgezeichnet bist du vor allen Muselmänninnen! Gleicht sonst der Großen Harem den Kerkern, der deinige ist ein Tempel der Freiheit. Doch setzte sie mit etwas stockendem Tone hinzu, kann das auch nur ein so liebenswürdiger Mann, wie der Bei, wagen. Hier weinte Fatme. Flore war befremdet. Jene brach aus: O warum bewacht er mich nicht strenger? Es würde mir ein Zeichen der Liebe gelten. Nur Kälte öffnet des Harems Thüren. Ich bin freilich sein einzig Weib, aber —
Tränen unterbrachen sie, und Flore schwieg traurig.
Von jetzt an, ruhten die Blicke der Mahomedanerin länger und fester auf Floren, auch mußte sie öfter in dem Harem erscheinen. Ganz allein befand sie sich übrigens dort nie mit ihr, sondern einige aufwartende Sklavinnen waren gewöhnlich noch im Gemach.
Auch die Geschenke mehrten sich, und selten verließ die Verkleidete den Harem, ohne irgend eine Kostbarkeit mitzunehmen.
Von nun an lebte der Bei sich auch mehr selbst. Vor den Europäern war er in der Entlegenheit gesichert, sonst fürchtete er Niemand, viele seiner Soldaten wurden also entlassen, und Waffengetöse störte weniger des Landsitzes Ruhe. Er hatte Schätze genug hierher geflüchtet, und bedurfte vor der Hand keiner Einnahmen, um den Ausgang der Begebenheiten abzuwarten.
Oefter sah er nun auch Floren, die noch mehr wie vorher mit Huld überhäuft wurde. Die zärtlichen Blicke, sogar das Erröthen seiner Wange, wenn Flore ihn ansah, hätten sie fast den Argwohn schöpfen lassen, er ahne ihr Geschlecht und wirklich fürchtete sie diese Ahnung nicht sehr; allein das ließ sich doch wieder nicht glauben, da Flore immer die Dienste eines Itschoglan verrichten, und den Bei zu Pferde beim Spazierritt begleiten mußte.
Wie lange wird es wohl möglich sein, fragte sie sich oft, das Geheimniß zu bewahren?
Nach einigen Tagen wurde ihr Schlafgemach verändert, und ihr eins ganz nahe bei dem Zimmern des Herrn angewiesen. Die erste Nacht, welche sie dort zubrachte, wurde sie durch ein leises Zupfen an der Bettdecke geweckt. Sie fuhr auf. Eine Sklavin stand da. Folge mir Itschoglan! sprach sie. Flore warf Kleider über und gehorchte. Man schlich durch den Gang, welcher nach Fatmens Schlafzimmer führte. Floren pochte das Herz gewaltig. Die Thür öffnete sich. Die Sklavin blieb zurück.
Die Fenster des Zimmers waren tief verhängt, aber eine kleine Lampe verbreitete inwendig eine magische Helle. Ausgewählte Confituren und Früchte trug ein kleiner mit Goldbrokat bedeckter Tisch. Aus Vasen von chinesischem Porcellan dufteten die edelsten Blumengattungen, besonders das liebliche afrikanische Gewächs El Henne genannt, das aus seinen traubenartig verbundenen Blüthen einen so balsamischen Ausfluß haucht. Alles lud ein, dem kühnsten Wunsch nach hohen Genüssen Raum zu geben.
Im Schlafgewand, weiß wie eine Jasminblüthe, weich wie der innre Kelch einer Aurikel, und beinahe so durchsichtig wie das Ballkleid einer Berlinerin, nahte Fatme. Die süße Verlegenheit auf der gespannten Stirn, auf ihren farbewechselnden Wangen, würde einen Faublas vor Entzücken außer sich gesetzt haben, aber Flore war doch kein Faublas.
Wäre ihr etwas Aehnliches mit dem Bei begegnet, so würde sie sich fest vorgestellt haben, daß Ring in Cairo bei ihrer Abwesenheit unfehlbar strauchle, aber was gab es hier sich vorzustellen?
Fatme ließ sich auf die indischen Teppiche des Sophas nieder, und zog Floren mit sanfter Gewalt zu sich. Die leisen fast unhörbaren Laute ihrer ersten Worte gingen nach und nach in ein vernehmliches Flistern über, und Flore hatte die Frage zu beantworten:
Hast du die Sprache der Blumen nicht verstanden, die ich dir sandte, holder Itschoglan?
Sie erwiederte: Nein edle Frau.
„Also reden die Blumen in Europa nicht?“
Ich wage nicht, euch zu deuten, sonst — —
„O deute, deute! Alles ist dir verziehn, wie verwegen du auch deutest.“
Von redenden Blumen las ich in mehr als einem Roman. Der Selam spricht durch die Fügung der —
„Selam, Selam! Du kennst den Namen, dann ist dir mehr bekannt.“
Nichts weiter. Die — Liebenden hört ich nur, lassen im Morgenlande die Blumen reden.
Fatme wurde erwärmter, kühner. Sie erklärte ohne Umschweif, ihr Eheverhältniß sei freudenlos, ihr Gemahl bei aller Hülle der Liebenswürdigkeit, liebe nicht. Eine nur zu deutliche Erklärung folgte. Flore am ganzen Leibe bebend, hub nun an, der Türkin eine Moralpredigt, über die Pflichten der Treue, zu halten. Die Andere entschuldigte sich wortreich durch des Gemahls Vernachlässigung. Flore suchte nur kräftiger mit Tugendsprüchen einzudringen, und citirte sogar Stellen aus dem Coran, noch von den Lehren des Derwisch im Gedächtniß. Doch die Kraft der Liebe überwältigt Coran, Evangelium, Talmud und Sanscritt; nur Fatmens Ungestüm antwortete, und der vermeinte Edelknabe wurde mit flammendem Trieb an der Türkin Busen gepreßt.
Im höchsten Moment der Verlegenheit, hörte man aber ein Geräusch, die Sklavin stürzte warnend ins Zimmer, und auf dem Fuße folgte ihr — der Bei. Noch hörte Fatme nicht, wohl aber Flore, die sich in der fürchterlichsten Bestürzung losriß.
Der sonst so schonende Muselmann wüthete. Verwünschungen stieß er gegen seinen Itschoglan aus, Verwünschungen gegen Fatme, und rief: der Tod sollte ihn an beiden rächen. Ein Dolch der an der Wand hing, war bald ergriffen.
Flore warf sich nieder. Verzeihe Herr, daß mein Geschlecht dir heimlich blieb. Sie riß ihr Oberkleid auf, eine Gesticulation, die wohl zu rechtfertigen ist, wo es Leben und Tod gilt. Siehe, wie kannst du eifersüchtig gegen die schuldlose Fatme wüthen?
Die plötzliche Erscheinung des Gatten zu begreifen, muß aufgeklärt werden, daß all die bisher seinem Pagen erwiesene Huld — unlauteren Ursprungs war. In derselben Nacht, wo Fatme die durch reiche Geschenke bestochene Sklavin sandte, hatte auch er einen Besuch in Florens Schlafzimmer beschlossen. Er langt an, findet Niemand, argwohnt, und eilt zu seiner Gemahlin.
Der Dolch entsank seiner starren Hand, wie Flore ihr Geheimniß verrieth. Fatme sprang erstaunt zurück, heftete aber noch, und ohne den Bei zu fürchten, die entbrannten Strahlen ihres dunklen Auges auf die Entschleierte; der Bei blieb in liebender Stellung angewurzelt.
Fatme ließ den Gemahl Vorwürfe hören, die sein Recht zur Eifersucht streitig machten, und schloß mit der Bitte: ihr die Europäerin zur Sklavin zu geben. Erhöre mich, war ihr letztes entschlossenes Wort, oder brauche den Dolch wider mein Leben.
Sei mein Weib, mein Weib! flehte der Bei mit schmachtender Lippe.
Siebentes Kapitel.
Flore im hohen Glanz der Tugend.
Die Tugend ist kein Erbtheil der Ahnen, wiewohl das ächte Beispiel sie erzeugt, sie kann ein Kind der Erziehung und Grundsätze sein, aber bisweilen ist sie so gut eine zufällige Erscheinung, wie tausend andre Dinge in der Welt, und unter andern auch das Laster. Sagt Schiller im Prolog zu seinem Wallenstein, der Gerechtigkeit der Kunst das Wort redend, mit Recht:
Sie sieht den Menschen in des Lebens Drang,
Und wälzt die größte Hälfte seiner Schuld,
Den unglückseligen Gestirnen zu,
So müsse man denn auch bei Tugendgemälden der Kunst, behaupten können:
Sie sieht des Menschen hohe Edelthat,
Und wälzt die größte Hälfte ihres Ruhms,
Den freundlich waltenden Gestirnen zu.
Wir werden Floren hier sehr tugendhaft sehn. Durch beider Theile Zuneigung fand ihr weiblicher Stolz süße Nahrung, das Andenken an beider Güte konnte auch nicht schweigen, wenn gleich das Bild der entdeckten sittlichen Verderbniß abschreckend war. Sie hatte, wie sie sich oft gestehen mußte, in dem Bei nicht allein den großmüthigen, sondern auch den schönen Mann gesehn, und wir hätten für nichts einstehen mögen, wäre jener von ihrem Geschlechte unterrichtet, liebend im Boudoir erschienen. So aber konnte doch kein Schimmer von Liebe übrig bleiben, und der Gattin Anblick, mahnte um so mehr, Bekehrung und Versöhnung zu erstreben.
Sie sammelte also alle ihre bekannten Worte der Landessprache, fügte sie so rednerisch wie es ihr möglich ward, legte allen oratorischen Nachdruck auf den Ton der Stimme, und ließ die Geberde mit aller Rührung, die sie hervorzubringen wußte, die Apostrophen begleiten.
Sie hielt ihnen so die schmählichen Verirrungen vom Pfade der Natur vor, machte einen Theil auf die Vorzüge des Anderen aufmerksam; dann schilderte sie das Glück einträchtiger Ehen, und wies auf die Nähe desselben, auf die Leichtigkeit, sich es zuzueignen. Alles wurde mit bildlichen Wendungen ausgeführt. Endlich langte sie noch den Dolch vom Boden auf, faßte den Griff mit voller Hand, lenkte die Spitze gegen ihren Busen, und betheuerte sich eher durchstechen zu wollen, ehe in irgend etwas zu willigen, das die Zufriedenheit eines ihr so theuren Paares stören könne.
Beide sahen Einander erst vor Beschämung nicht an, dann huben sie scheue Blicke empor, nun wurde Bewegung der Gefühle sichtbar, der Dolch endlich wirkte heroisch, und die innre Seelengüte gewann vollkommen den Ausschlag, da Flore beider Hände in einander wand, und beider Busen zusammenpreßte. Sie umarmten sich weinend, und sagten treue Liebe zu.
Was konnte Flore aber anders thun? Ihre Tugend warf ihr den Preis hoher Achtung ab, und noch bei weitem reichere Geschenke wurden ihr nun von beiden Theilen, aber das Geschick hatte es so gestellt, daß sie vortrefflich handeln mußte. So geräth bisweilen ein mittelmäßiger Feldherr in eine Lage, wo er den Lorbeer erringen muß; ein Minister kann dem Segen seiner Nation, wie die Umstände vorhanden sind, auch mit dem übelsten Willen nicht ausweichen; und eine Lukretia soll ein Meteor der Keuschheit sein, weil sie den Gemahl laut ihrer Empfindung mehr liebt, wie das Leben, und den Entehrer tiefer haßt, wie den Tod. Mancher wird der genauen Haushaltung wegen gerühmt, und hat in seiner kalten Seele keinen einzigen Anreitz zur kostspieligen Freude. Die Redlichkeit eines Staatsdieners lohnen Auszeichnungen, und sein gutes Auskommen ließ ihn in keine Gefahren der Geldnoth sinken, sein Thun wurde genau bewacht. Phaon preiset Agathen, die ihm Hymen diese Nacht in die Arme warf, daß sie trotz der Zeiten Verderb, unentheiligte Ehre in das bräutliche Bett trug, aber Agathe wurde von einem Vater, von einer Mutter erzogen, deren Aufsicht sie nie verließ, und nimmer kam ein übermächtiger Verführungsreiz in ihre Nähe. Und das Blut, die mehr kühle oder hitzigere Mischung der Säfte, die höher oder tiefer gespannte Erregbarkeit unserer Affekte, die das Verhältniß bestimmen, in welches wir gegen die äußeren Eindrücke, (deren Gebieter wir noch weniger sind) treten werden, sind sie eigne Schöpfung?
Die durchaus leutselige Natur des Bei, welche ihr sittlich sträfliches Aggregat nur im frühen Umgange verwilderter Soldaten angenommen hatte, konnte nicht anders, wie sich in der Versöhnung mit der Gattin höchst zufrieden fühlen, und noch weniger der Urheberin des neuen Glückes, Dank schuldig bleiben. Er bot Floren an, sie mit einem Emir seiner Bekanntschaft zu verheirathen, wenn sie zum Glauben Mahomeds übertreten wollte. Mir wäre das gleich, setzte er hinzu, aber dem Emir vielleicht, der Menge gewiß nicht. Uebrigens ist es ein wackrer wohlhabender Mann, und ich übernehme es, dich noch reich auszustatten. Du wirst hier glücklicher sein, wie auf der Halbinsel Europa, wo, wie man allgemein hört, so viele Narrheiten herrschen. Eine Sage, der auch schon jeder Glauben beimißt, der nur Eure lächerliche Kleidung, und eure affenmäßigen Manieren zu sehen Gelegenheit hatte.
Die Narrheiten, erwiederte Flore, räume ich ein, aber unsere Kleidung lasse ich nicht tadeln. Wir haben Modeschneider und Putzmacherinnen in Paris, die an ihrem Platze sind, was Racine, Montesquieu und Voltaire an dem ihrigen waren, die türkische Kleidung bleibt dagegen immer auf derselben Stufe. Nur das Talent zum Erlernen, nicht das Genie zur Erfindung kann da glänzen. Was übrigens den Vorschlag belangt, mich an den Emir zu vermählen, so danke ich gar sehr. Ich besitze schon einen Mann, und die einzige höchste Gunst würde mir gewährt, wenn ich wieder zu ihm eilen dürfte. Das Unglück eines Augenblicks hat mich nur zu lange schon von ihm getrennt. Ich weiß, du bist großmüthig genug, mich ziehen zu lassen.
Der Bei runzelte die Stirn ein wenig. — Dich ziehn zu lassen?
Gewiß, fuhr Flore fort, und damit ich keine Gefahr laufe, giebst du mir einige Soldaten mit, die mich bis an die ersten Wachen meiner Landsleute geleiten.
„Du forderst viel, beim Propheten; viel! Einem Franken Schutz und Milde erweisen, die Dienste, welche er uns gethan, reich belohnen, das geht wohl an, aber daß ein Muselmann den Franken wieder mit Geleit heimsende, wer darf das fordern? Er hätte ihm keine Gutthat erwiesen, wenn er ihm nicht lieb geworden wäre. Wer giebt gern das Liebgewonnene weg? Und wer wird es gar in die arge Welt der Franken zurückschicken?“
Edler Herr, ich bin mit der argen Welt zufrieden.
„Sahest du je, daß ein Muselmann etwas Aehnliches that?“
Flore besann sich ein wenig, und rief dann schnell: O ja, ich sahe einen Pascha, der einem Spanier Freiheit, Erlaubniß zur Heimkehr, und sichere Pässe gab. Und obenein hatte ihn einst des Spaniers Vater schwer beleidigt, ja der Jüngling des Paschas Geliebte entführt.
„Ist das gewiß, kannst du es beschwören?“
Ich kann es, antwortete Flore, und legte die Hand auf ihr Herz.
Nun rief der Bei, so will ich dem Pascha an Edelmuth nicht weichen. Du magst ziehn!
Achtes Kapitel.
Florens Trennung vom Bei.
Man schöpfe nicht den Verdacht, unsre Heldin habe einen falschen Schwur abgelegt. Sie hatte in der That einen so hochherzigen Pascha gesehn, nämlich — im Singspiel.
Der renommirte Beobachter an der Spree, schon eher wohl die Quelle namhafter Autoren, erzählt auch: es sei Jemand zu Berlin in eine Abendgesellschaft geladen worden, aber späte erschienen. Mit freundlichen Vorwürfen über das lange Weilen empfängt man ihn. Er erwiedert: man wird geneigt seyn, mich zu entschuldigen, wenn ich den Anlaß kund mache. Ich sahe einen Juden, der in den Kreis einer unglücklichen Familie trat, und mit einem Geschenke von mehr als zwanzigtausend Thalern, ihr Retter wurde. Zwanzigtausend, mehr als zwanzigtausend Thaler! rief alles höchst befremdet. Wer war der Jude? — Iffland!
Florens Reisegepäck wurde eilig in Stand gesetzt. Sie bat, noch in Mannskleidern bleiben zu dürfen, um so mehr, als von den Hausgenossen, nach ihrem Wissen, Niemanden außer zwei Sklavinnen die Entwicklung von neulich bekannt geworden war. Und diese versicherten, das Geheimniß bewahrt zu haben. Sie bat darneben um die ältesten Mammelukken zu ihrer Begleitung.
Es wurde gewährt. Ibrahim, ein sechzigjähriger grämlicher Kerl mit schneeweissem Bart, erhielt den Befehl über vier andere auch ältliche Mammelukken, und zwei Kameeltreiber. O hätte sie doch eine jugendliche Escorte genommen! Schwankt die Wange zwischen Wollust und Geitz, nur selten wird die Wahl des Geitzes zu empfehlen sein.
Flore ritt das ihr vom Bei geschenkte Pferd, die Mammelukken die ihrigen, ein Kameel trug Wasser und Lebensmittel für die nur einige Tagereisen breite Wüste, das andre Florens Habseligkeiten. Sie waren von Belang, denn außer den Geschenken, die sie bisher empfing, wurde ihr noch ein bedeutender Vorrath an Stoffen und afrikanischen Seltenheiten mitgegeben.
Sie schied mit tiefer Rührung, unter Tausend Thränen. Da sie auch den Bei und Fatmen weinen sah, fehlte nicht viel, sie hätte den Vorsatz geändert, und wäre geblieben. Wenigstens dürfte das unfehlbar geschehen seyn, wenn ihr in dem Augenblicke jemand hätte beweisen können, Ring sei in Cairo mit einer anderen verheirathet. So aber ermannte sie sich doch (erweibte, ist ein ungebräuchlich Wort, aber sagt oft viel) und sprengte davon. Im Schritt hinweg zu reiten wäre zu gefährlich gewesen, wegen des Umsehens, und der Anlockung, das Roß zu wenden.
Bin ich nicht eine Thörin, fragte sie sich unterwegs, den Aufenthalt des Wohlwollens, der Freundschaft zu fliehn? Wer weiß, ob mir das Leben je wieder so lächelt? Aber, setzte sie hinzu, Liebe und Vaterland winken dort, und was wär ich, wenn der Bei und Fatme einst stürben.
Innig freute sie die Erinnrung, die Stifterin eines schönen Vereins gewesen zu seyn, und ein gewisser moralischer Stolz erfüllte sie sogar, wie sie sich als Bekehrerin von schnöden Sünden betrachtete. Dabei dachte sie manches nach, über die unbegreifliche menschliche Schwäche, die oft neben den herrlichsten Charakterzügen wohnt, und zog sich Erfahrungssätze ab, die nicht zu verachten waren.
Dem alten Ibrahim erklärte sie: er würde von ihr nicht vergessen werden, wenn die Reise glücklich vollendet sei. Nicht er, nicht seine Kameraden.
Allein nicht er, nicht seine Kameraden waren noch so zuvorkommend, noch so unterwürfig wie daheim. Dort hatte Ehrfurcht vor dem Bei, (der bei aller Güte, bisweilen auch so strenge war, wie es bei dieser Menschenart Nothwendigkeit erheischte) alle schlimme Leidenschaften niedergehalten, nun war das anders, und sie ließen den Wechsel ihrer Gesinnungen in dem Maaße des weiteren Abstandes sichtbarer werden. Schon von Anfang her, hatte den Rohen der besondere Schutz nicht gefallen, welcher einem Ungläubigen in des Beis Hause wurde. Und nie hatten sie die Ungläubigen mehr gehaßt, als seitdem sie einen unglücklichen Krieg mit ihnen führten. Ihrer Meinung nach, hätte jeder Frank, der ihnen in die Hände gerieth, unter Martern sterben müssen, und sie rühmten den Bei Murat und den Pascha Gizzar wegen ihrer harten Gesinnungen. Die Floren gewordnen Geschenke regten vollends ihre neidische Mißgunst auf. Ihre einsilbigen Antworten, ihre unwilligen Blicke, und ihr Heimlichthun, fingen an, Florens Aufmerksamkeit zu wecken. Es stand ihr indessen kein Hülfsmittel zu Gebot, als der Versuch, ihre Begleiter durch Freundlichkeit, kleine Geschenke, und wiederholte Verheißung größerer, zu gewinnen. Der Versuch bewirkte aber nicht viel. Auf gute Worte gaben sie nichts, und was sie empfingen, schien ihnen immer noch nicht genug, und mit heißer Gier schauten sie nach dem Kameele hin, das Florens Habe trug.
Letztre sah wohl ein, daß ein treuloses Vorhaben gegen sie nur zu leicht auszuführen sei, sie bot also ihre ganze Erfindungsgabe auf, einem Verein entgegen zu wirken. Erstens kramte sie alles aus, was sie noch vom Coran behalten hatte, redete von nichts als dem Propheten, und seinen Geboten der Frömmigkeit, um den Sinn der Religion lebendig zu erhalten. Dann schloß sie sich an jeden Einzelnen insbesondre, nahm ihn auf dem Wege bei Seite, that als wenn sie für ihn ausgezeichnete Achtung empfände, und sagte ihm die meiste Freigebigkeit zu. Bei Nacht ordnete sie an, daß alles schlief, bis auf einen Wächter, so konnte sie den ihr gefährlichen Abreden entgehn, denn bei Tage hinderte sie sie ohnehin, und bei Nacht blieb sie bei dem Wächter auf. Allenfalls dachte sie, muß das schon sechs oder Acht Tage der Reise ertragen werden.
So erheiterte die Hoffnung sie wenig. Furcht warf ihre süßen Träume über den Haufen, und was das Schlimmste war, so half ihre Vorsicht auf keine Weise, denn der tükkische Plan war entworfen, ehe noch Florens Argwohn keimte.
Das steckte ihr einer der Kameeltreiber, da sie sich mit ihm unterhielt, und ihn durch einen Spruch aus dem Coran gewissenhaft gemacht hatte. Sie mußte ihm erst Heimlichkeit versprechen, und dann sprach er: Sieh zu deiner Sicherheit. Es ist verabredet, dich zu ermorden, und dein Gut zu plündern. Schon wäre es geschehn, wenn der Bei nicht Todesstrafe darauf gesetzt hätte, wenn wir kein Zeichen von den Franken brächten, dem er glauben könnte, du seist ihnen richtig übergeben. Wie sie dazu kommen sollen, berathen sie nur noch. Ich will um solchen Preis nicht gewinnen, sieh wie du den Vorsatz hintertreibest.
Flore gerieth in keine geringe Bestürzung, doch der Umstand mit dem Zeichen, beruhigte sie in Etwas. Das mußte doch immer eine Certifikation seyn, in französischer Sprache abgefaßt, und gehörig besiegelt. Der Bei hatte einen Syrer um sich, welcher französisch mit einiger Fertigkeit dolmetschte; mit einem Betrug durften sie nicht kommen. Und dies Certifikat war immer doch nur bei einer Truppenabtheilung zu erlangen, die einem Offizier, wenigstens einem Sergeanten gehorchte.
Sie redete nun auch oft davon, wie sie, wenn sich europäische Soldaten vorfinden würden, wohlthäten, sich vorher in einem Orte nach einem Trompeter umzusehn, der das friedliche Zeichen verlangter Unterhandlung gäbe. Denn sie müßten durch die ersten Posten, bis zu einem andern, wo ihnen der Schein für den Bei würde, ohne welchen sie ja, wie ihnen bekannt sei, daheim in großes Unglück gerathen könnten. Dabei sagte sie: es dürfte wohl noch vierzehn Tage währen, bis man ihre Landsleute ansichtig würde, ob sie schon der Hoffnung war, es könne schon in wenigen Tagen geschehn, oder wohl gar weit hinausgeschickte Streifpartheien ihr schon jetzt begegnen. Denn sie meinte, desto weniger fassen sie einen eiligen Entschluß, und werden vielleicht vor Ausführung des Frevels überrascht.
Jetzt fand man sich am Ausgange der Wüste. Hohe Staubwolken zeigten sich in der Ferne, und im Strahl der heissen Sonne blickte hie und da ein Waffenblitz auf. Welches frohe, sehnsüchtige, hoffende Gefühl in Florens Brust! O wären es die, wo ich mich der Sicherheit erfreuen kann, wie wollte ich Glückliche dem Schicksal danken, wie schnell in die Arme des Gatten eilen! Mögten die Bösewichter ziehn, wurde doch nicht zur Reife gebracht, was sie heillos zu säen beschlossen.
Sie konnte die Zeit nicht erwarten, und trieb ihr Roß mächtig an. Die Mammelukken blieben zurück. Muthig sprengte sie auf die Staubwolke zu, froh erwartend, es werde bald eine rothe Feder oder eine dreifarbige Kokarde darin sichtbar werden.
Doch näher erblickte sie die langen Hälse brauner Dromedare, und hielt den Zügel etwas kürzer. Dann kamen ihr schwarze Führer zu Gesicht, ihr Roß trabte nur noch. Endlich ward sie eine lange Reihe solcher Lastthiere inne, und nichts wie Negergesichter. Sie hielt ihr Roß an, die Begleitung abzuwarten.
Verdrießliche traurige Täuschung! Was sie für einen Soldatenzug angesehn hatte, war eine Caravane von Sklavenhändlern. Sie hatte Neger aus Darfur, Sennar, und Bornu nach Egypten zum Verkauf bringen, und weisse Mädchen nach ihren Märkten zurücknehmen wollen. Sie fand aber den Menschenhandel durch menschliche Verordnungen, die die Franzosen erlassen hatten, untersagt, und mußte an der Gränze unverrichteter Sache wieder abziehn. Darüber, zürnten die Kaufleute sowohl, wie die Waare selbst, denn man muß wissen, daß die Sklaverei den Negern nur in den christlichen Colonieen furchtbar ist. Bei den Muselmännern versuchen sie es ganz willig, denn harte Behandlung erwartet sie dort nicht, und fände ein Einzelner Ursache, mit seinem Gebieter unzufrieden zu seyn, so steht ihm das Recht zu, ihm zu sagen: führe mich auf den Markt! was denn geschehn muß, und die Aussicht eröffnet sich, einem gelinderen Herrn zu gehorchen. Oft machen die Sklaven ihr Glück, da sie frei gelassen, und zum Betreiben einer eigenen Handthierung unterstützt werden. Auch ist ihnen der Weg zu einträglichen Aemtern nicht verschlossen. Weisse Sklaven werden auch in der Türkei feilgeboten, alle Mammelukken sind verkauft, und steigen durch die Gunst der Beis zu bedeutenden Stellen, selbst zum Range eines Beis empor. Der durch Grausamkeit berüchtigte Gizzar Pascha war aus Bosnien gebürtig, wurde daheim, wegen einer Gewaltthat verklagt, die er an seiner Schwägerin hatte verüben wollen, und floh. In Constantinopel verkaufte er sich selbst als Sklave nach Egypten. Hier lächelte ihm das Glück bald, weil er sich geschmeidig in die Launen seines Obern, des bekannten Ali Bei zu fügen wußte. Dieser brauchte ihn besonders, wo etwas Gefährliches ausgeführt werden sollte. So stieg er.
Die Kaufleute bei dieser Caravane gingen fast nakkend, einen schürzenartigen Gürtel ausgenommen. Wer ein graues oder blaues Hemd, dessen Aermel bis um die Achseln aufgerollt waren, trug, kündigte sich schon wie einen dem Luxus ergebenen Mann an. Ein ledern Futteral hing jedem an der Krümme des linken Armes, worin sie Geld, Toback und andere nahe Bedürfnisse verwahrten; bewaffnet zogen alle einher, entweder mit Lanzen oder auch nur mit Säbeln. Feuergewehr war selten.
Florens Begleiter waren herangekommen, und man machte Halt, um die Caravane vorüber zu lassen. Gegen das Ende des Zuges bemerkte Flore, daß Ibrahim fehle, und fragte nach ihm. Man gab ihr keine gnügende Antwort. Der Umstand kam ihr bedenklich vor, und sie überlegte, sollte man den Mammelukken erwarten oder nicht. Endlich wurden von dem Handelszuge nur noch einige Kameele sichtbar, mit denen die Führer sich verspätet zu haben schienen. Da sie aber heran waren, befand sich Ibrahim dabei. Er hatte also unbemerkt einen raschen Umweg gemacht, um diese Schwarzen zu sprechen.
Floren ahnete viel Schlimmes, und sie betrog sich nicht. Ein häßlicher Neger im blauen Hemd und mit langen goldnen Berlokken im Ohr, kam mit Ibrahim auf sie zu. Die Bösewichter scheuten sich gar nicht, laut von ihrer Absicht zu reden. Ich kaufe sie, sprach der Neger, und folgt mir, laßt einen von euch nach Assiut schleichen. Dort findet ihr Dollmetscher, welche die französische Sprache verstehn, und euch eine Schrift, wie ihr sie wünschet, verschaffen. Bringt sie nicht um, ihr könnt ja das Geld für sie einstreichen.
Flore hörte die Schrekkensworte, und fragte mit dem Muthe, den die Nothwendigkeit als einen letzten Versuch zur Rettung auferlegt: Ihr Bösewichter was habt ihr vor?
Das wirst du bald sehn, donnerte Ibrahims trotzige Stimme.
Aber wo ist sie denn? fragte der Neger.
Hier hier, vor dir, schrie Ibrahim, in den Mannskleidern. Sie meint wir halten sie für kein Weib, und wußten es schon lange daheim.
Flore hatte ihre Edelsteine aus Vorsorge wieder in der Mütze verwahrt, und den Gürtel mit den in Scheik Abade gefundenen Dukaten gefüllt. Mag das Kameel mit seiner Ladung verloren gehn, dachte sie, die Wüste ist zu Ende, ich versuche die Flucht. Aus allen Kräften trieb sie daher, mit der Schärfe des breiten Steigbügels, die von den Morgenländern als Sporn gebraucht wird, ihr Pferd an, und eilte vorwärts. Allein die Mammelukken machten förmlich Jagd auf sie. Einer setzte in grader Richtung, noch zweie rechts und links, um sie, wenn sie den Weg veränderte, zu haschen, sie waren dazu bessere Reuter, und so hatten sie die Arme nach Tausend Schritten bereits eingeholt. Man bemächtigte sich ihrer Zügel, und brachte sie mit schadenfrohem Gelächter zu dem Dschelab (Kaufmann) zurück.
Der Bei wird euch Hunde würgen lassen, schrie die halb Ohnmächtige vergebens. Musa, so hieß der Neger, besah sie aufmerksam, und setzte ihre Schönheit herab, während die Verkäufer sie erhoben. Man gab ihr den Befehl, sich zu entkleiden und legte auf ihre Weigerung selbst Hand an. Nun, dachte sie, vielleicht erhalte ich mir Mütze und Gürtel, wenn sie nicht berührt werden, und entschloß sich zu der demüthigenden Handlung. Musa konnte nichts weiter tadeln, und man war bald um den Preis einig.
Die Mammelukken wollten ihr noch die Kleider nehmen. Wie, rief sie, gnügt euch nicht an dem Kameele, dem Pferde, ehe ich entblößt die Reise mache, sterbe ich den Hungertod. Laßt ihr was sie trägt, sprach Musa, und der Handel war geschlossen.
So trauerte Joseph einst unter seinen verrätherischen Brüdern, wie jetzt Flore.
Sie mußte ein Dromedar besteigen, zwischen dessen beiden Erhöhungen des Rükkens, Musa ihr einen bequemen Sitz bereitete. Die Mammelukken setzten den Weg nach ihren Absichten fort.
Neuntes Kapitel.
Flora unter den Sklavenhändlern.
Musa eilte nun, den großen Zug wieder zu erreichen, und das unbeholfene Traben des plumpen Dromedars fügte zu den Seelenleiden unsrer unglücklichen Abentheurerin noch körperliche. Wer beschreibt ihre Qual, ihre Angst, ihre Verzweiflung!
Musa erwies sich aber, wie die Mammelukken entfernt waren, ganz artig gegen sie, und trug Sorge, sie mit Nahrung zu versehn. Diese Sorge hatte freilich nicht mehr moralischen Werth, wie der Geitz eines Kaufmanns, der seine Waare nicht will verderben sehn, aber doch empfand Flore den augenblicklichen Vortheil davon. Und gab es einen Trost in dieser neuen peinlichen Lage, so war es der, daß Musa ein wenig arabisch sprach, Flore sich also mit ihm unterreden konnte.
Daß ihre Hauptfrage war: was er denn mit ihr zu beginnen gedächte? versteht sich von selbst. Musa erwiederte: An Niemand verkauf ich dich, wie an einen Sultan, und ich denke, du sollst mir meine vergebliche Reise bezahlt machen. Flora schwamm in Thränen. Musa wunderte sich gar sehr, und verhieß ihr goldne Berge. Ich weiß nicht, sprach er, ob der Sultan von Darfur dich kaufen wird, er besitzt schon viele weisse Frauen, aber der Sultan von Darkulla nimmt dich gewiß. Er hat neulich seine weisse Frauen alle ermordet, und nun braucht er deren wieder, und ließ schon bei den Dschelabs nachfragen. Preise dich, wenn du in den Pallast dieses großmüthigen Königs kömmst.
Die Nachricht konnte wenig freudige Hoffnung erwecken. Indessen, sollte es einmal Sklaverei sein, so war es immer als Sultansfavorite die bessere.
Während der ersten Tage dieser Reise, entwarf Flore noch manchen Plan zur Flucht. Sie sah wohl ein, daß sie gegen den Kaufmann sich nichts von ihren Juweelen und ihrem Gelde dürfe merken lassen, wenn sie nicht sogleich wollte beraubt sein. Es war sogar wie ein seltenes Glück anzusehn, daß noch keine Entdekkung statt gefunden hatte. Dagegen aber hielt es Flore für möglich, einen der Kameeltreiber zu bestechen. Sie meinte, ein solcher könne ihr wohl in der Nacht, wenn Musa schliefe, behülflich werden, davon zu kommen. Doch sah sie auch bald die Nichtigkeit dieses Gedankens ein. Denn der Dschelab war nicht nur sehr vorsichtig, sondern sie konnte auch mit keinem der Leute ein Gespräch anknüpfen, da jeder von ihnen nur seine Negersprache verstand. Es galt also vollkommene Ergebung.
Flore dachte, bin ich denn einmal zu den seltsamsten Begebenheiten ausersehn, so treffe mich was da wolle. Standhaftigkeit trägt alles, und Verstand lindert wenigstens viele Uebel, wenn er sie auch nicht zu heben weiß.
Von großer Wichtigkeit schien es ihr, etwas von der Sprache dieser Neger zu erlernen. Die raschen Fortschritte, welche sie vor kurzem in Cairo gemacht hatte, gaben ihr Muth, die neue Schwierigkeit zu bekämpfen, und die Langeweile in der Wüste wurde sowohl getödtet, wie ihr Schmerz übertäubt, wenn sie die meiste Zeit auf diese Beschäftigung verwandte.
Musa zeigte sich willig, ihr alle Worte, die sie auf arabisch nannte, in seine Mundart zu übersetzen. Sie schrieb sie in ihr Taschenbuch, und behielt bei ihrem glücklichen Gedächtniß bald eine Menge derselben. Dann merkte sie genau auf die Reden der Fremden, um die Wendungen und Fügungen aufzufassen und erbeutete sich so eine kleine Grammatik. Nicht lange, so versuchte sie selbst mehr und mehr Antheil an der Unterhaltung.
Die Caravane zog nun in der großen Wüste, durch die der Weg nach dem Negerkönigreiche Darfur geht. Gewöhnlich lagerte man in einem großen Haufen. Das gab dann ein Schauspiel bunter Art. Hunderte von Kameelen und Dromedaren, ihrer Ladung entbürdet, die sich in den Sand niedergelegt hatten, und ihr dürftig Futter käuten. Einige wenige aufgeschlagene Zelte, desto mehr auf die Erde gebreitete Teppiche. Die Dschelabs gravitätisch ihre Pfeifen schmauchend, die Sklaven mit Steinen in der Hand, auf welchen sie etwas Getreide zerrieben, um sich eine Art Kuchen daraus zu bereiten. Auch die Kaufleute führten nur schlechte Lebensmittel bei sich, und Musa legte einen Werth darauf, daß Flore mit etwas Caffee bewirthet wurde. Oft dachte sie an die Fülle in jenem Mammelukkenlager, noch öfter an die Villa ihres reichen Beis zurück. Bei dem allen gewährten ihr die vielen neuen Gegenstände Unterhaltung, und sie dachte: überstände ich das alles nur, und könnte einst meinen Freunden in Paris davon erzählen, so würde mir es dann gewiß lieb sein, so Vielerlei gesehn zu haben.
Denselben Gedanken hat ein Passagier, der zum Erstenmale über See fährt, und gefährlichen Sturm erlebt. Bin ich nur erst wieder an der heimathlichen Küste, will ich mich der Erinnerung an diese Schrecken wohl erfreun.
Bei einer solchen Rast erblickte Flore, mächtig befremdet, unter dem schwarzen Gewimmel, ein bräunliches und ein weißes Antlitz. Das letztere fesselte um so mehr ihre Aufmerksamkeit, weil sie einen Landsmann vermuthete. In der Tiefe Afrikas ist der Europäer schon ein willkommener Landsmann. Und einen solchen glaubte sie im Betragen des Weissen zu erkennen.
Sie bat Musa, ihn doch zu sich zu rufen. Er versagte es nicht, und der Weisse kam. In französischer Sprache wurde er angeredet, und antwortete auch darin. Flore fragte: ob er auch so unglücklich wäre, zur Sklaverei verkauft zu sein? Keineswegs, entgegnete der Andere, ich reise mit guten Pässen, und kräftigen Empfehlungen.
Um des Himmels Willen, rief Flore, wie kann sich ein Europäer entschließen, freiwillig diese Gegenden zu durchziehn?
Dazu spornen mich viele Ursachen, war die Antwort.
„Die wär ich in der That begierig zu hören. Theilt sie mir mit, ihr sollt wieder mit meinen Lebensverkettungen bekannt werden.“
Warum nicht? Erstens ist mir meine Geliebte entrissen worden, und wie ich sicher weiß, durch Oberegypten gebracht. Diese muß ich wieder finden, und hausete sie am Ende der Welt. Dann läßt sich vielleicht bei der Gelegenheit durch Handel etwas erwerben. Und einmal auf diesem Wege kann ich mich ja auch wohl in der kultivirten Welt berühmt machen, wenn ich endlich das Innre von Afrika besuche. Bruce, Sonnini, Mungo Parc, und wer weiß wie viele Andere versuchten es umsonst. Mir soll es nicht mißlingen, denn ich füge mich in die Weise jeder Nation. Vor allen Dingen hab ich den muselmännischen Glauben angenommen, sonst gäbe es keine Sicherheit für mich. Komme ich zu einem Heidenvolk, weiß ich was ich thue, und was geschehen wird, wenn ich einst in die Christenheit heimgekehrt bin, läßt sich errathen. Der thörigte Eigensinn jener Reisenden, sich nicht einer Ceremonie unterziehn, nicht einen unbedeutenden Schmerz dulden zu wollen, hat ihre Pläne rückgängig gemacht.
Flore versetzte: Am meisten interessirt mich euer Handel. Werdet ihr auch Geschäfte mit Sklaven machen?
„Eher mit Seltenheiten des Landes. Doch winkte ein ansehnlicher Gewinn, warum nicht?“
Wie wäre es, wenn ich euch einen Vorschlag machte? Kaufet mich von meinem Sklavenhändler. Bringt mich nach Cairo, und ich verspreche euch Tausend Piaster über das Kaufgeld.
„Auf meiner Rückreise begriffen, würde ich vielleicht einschlagen, wenn Sicherheit wegen der Summe nachgewiesen werden könnte.“
Unfehlbar, rief Flore, und stand schon im Begriff, ihm zu sagen, sie trage weit mehr bei sich, doch die Physiognomie des Mannes war nicht geeignet, Vertrauen einzuflößen, sie hörte daher erst, was er weiter sagen wollte.
Er fuhr fort: Jetzt kann ich mich aber nicht damit einlassen, und mögten auch Zehntausend Piaster die Prämie sein. Ich muß vorwärts, die Zeit ist kostbar.
Flore überlegte, daß sie ihn ja wohl auf seiner Reise begleiten könnte. Wie lange sie auch währte, so bestände doch eher Hoffnung, einst wieder nach Egypten zu kommen, als wenn sie erst in einem Harem eingekerkert wäre. Sie sprach auch davon, fand aber kein geneigt Ohr.
Auf einer anderen Reise, wurde ihr erwiedert, dürfte mir eine solche Gesellschaft ganz angenehm sein, (hier maaß sein Blick Floren vom Scheitel niederwärts) allein jetzt muß ich, außer meinem Diener dort, dem Araber, allein gehn. Habe ich aber meine Geliebte erst entdeckt, und führe sie zurück, dann ist eher daran zu denken. Sucht mich in dem Fall auf.
Dies war eine Aussicht ins Weite. Flore unzufrieden mit dem Fremden, sagte etwas spöttisch: Eure Geliebte muß die Anhänglichkeit rühmen. In einem Alter, das der Weisheit nur geheiligt sein sollte, unternehmet ihr, was sonst der romantische Frühling nur wagt.
„Ob ich achtzehn Jahre, oder funfzig zähle, das Mädchen ist mein, denn ich kaufte sie in Cairo auf dem Markte, und habe ich sie nur erst wiedergefunden, werde ich mir durch Strenge Liebe zu verschaffen wissen. Sicher steckt sie in einem der Harems. Ich besuche alle Höfe der afrikanischen Könige, da wird sie ja wohl auszumitteln sein. Und dann darf ich meiner Verschlagenheit zutrauen, daß sie das Unmögliche geglaubte möglich macht.“
Flore wurde aufmerksamer während dieser Rede. Schnell fiel sie ein: Sagt mir aus welchem Lande in Europa ihr seid?
„Italien ist meine Heimath.“
Italien, Italien? Und eure Geliebte, ist sie nicht — eine Spanierin?
Eine Spanierin, versetzte der Andere mit staunendem Blick.
Wollt ihr wetten, ich nenne euren Namen?
„Das wäre drollig genug.“
Signor Perotti.
„Ists möglich? Ich entsinne mich doch nicht, euch jemals gesehn zu haben.“
O ich sah euch auch nie.
„Sicher kennt ihr Isabellen, wißt ihren Aufenthalt. Entdeckt mir alles, ich beschwöre euch. und zählt auf Erkenntlichkeit.“
So wenig als euch, sah ich Isabellen, nur eure Geschichte kam mir zu Ohren. Sagt mir doch, ob ihr nie erfuhrt, wer euch in dem Keller ergriff und binden ließ, da ihr Isabellen aus des Consuls Hause so listig gebracht hattet.
„Mich ergriff? Mich binden ließ? ha ha ha!“
Und dann Isabellen wegführte.
„Isabellen wegführte? ha ha ha! Das that ich selbst.“
Wie, ihr?
„Oder mein Diener. Es war beschlossen, Isabellen nicht wieder zum Vater zu lassen, weil der Franzose mir doch alles verdarb. Sie sollte gleich von Cairo hinweg. Um aber wenigstens vierundzwanzig Stunden voraus zu haben, und außer der Stadt nicht mehr verfolgt zu sein, ließ ich mich binden, und in den Keller legen. Man glaubte das Mährchen, war überzeugt, Isabelle stekke in Cairo, und forschte dort, so viel es möglich war nach. Unterdessen war mein Diener schon mit dem Mädchen nach Damiette unterwegs, und alle Anstalten waren so getroffen, daß nichts verrathen werden konnte. Ich wurde auf einem Landhause zwei Meilen von jenem Orte erwartet, kam bald da an, und setzte meinen Weg fort.“
Ich bin auch nicht ohne Intrigue, merkte Flore an, doch wahrlich diese List hätte ich nicht geargwohnt.
Was half sie mir bei dem allen, sprach Perotti seufzend, List muß der Gewalt weichen. Nur noch eine Meile von Damiette entfernt, fiel ein Trupp Beduinen uns an, raubte die Spanierin, prügelte mich tüchtig durch, und schwand wieder aus dem Gesichte. Seltsam war es, daß mir sonst nichts entwandt wurde. Nun verstrichen schon einige Jahre, während welchen ich mich kein Suchen verdrießen ließ, ich machte sogar eine Reise nach Mecca, weil es möglich war, daß die Beduinen Isabellen nach Arabien geschleppt hatten, umsonst. Erst seit kurzem weiß ich nun, daß sie diesen Weg genommen hat, und destoweniger gebe ich mein Vorhaben auf.
„Man nahm euch sonst nichts, sagt ihr, das klingt, als ob Coutances bei den Beduinen im Spiel gewesen wäre.“
Das kann nicht sein, denn ich sahe ihn noch ein Jahr darauf in Cairo, von Gram gebeugt mit Isabellens Vater gehn.
Flore war ausnehmend verwundert über alles was sie gehört hatte, und im weiteren Nachdenken über die Geschichte Isabellens verlor sie einen Theil ihrer Leiden aus dem Auge. Mögt ich doch diese Isabelle einmal sehn, das war nur ein erneueter, schon früher empfundener Wunsch.
Perotti ging nun zurück, zu seinen Kameelen, versprach öfter bei Floren zu sein, und empfahl ihr, dem Sklavenhändler von ihm zu sagen: er sei ein Arzt aus Constantinopel, vom Großherrn einem kranken Sultan in Afrika zugeschickt.
Zehntes Kapitel.
Fortsetzung.
Musa fragte Floren gleich, wer der Kaffer[4] sei, (denn wie im Orient jeder Europäer ein Frank heißt, nennt man wieder unter den Negern jeden Weissen Kaffer.) und sie antwortete, wie Perotti es gewünscht hatte.
Flore fragte den Neger Musa: Wie, wenn Jemand mich zu kaufen begehrte, und dir den Preis, den du für mich zahltest, verdoppelte, würdest du losschlagen? Er besann sich einen Augenblick, und erwiederte dann: Nein, ich hoffe, du sollst einem der Sultane besonders gefallen, da kann ich nicht nur eine größere Summe hoffen, sondern mir werden auch wohl noch wichtige Freiheiten bewilligt.
„Und welche etwa?“
In Darfur muß ich von zehn Sklaven, die ich durchführe, zwei als Abgabe an den Regenten erlegen, in Darkulla drei; so ich einem der Sultane durch dich eine Freude mache, erläßt er mir wohl den Zoll.
„Aber sage mir nur, warum ließ der Sultan von Darkulla die weissen Weiber morden, wie du vorhin erzähltest?“
Er hatte Krieg mit einem Fürsten in Habesch, der ein Nazaräer ist. Seine Krieger wurden geschlagen, und der Feind nahte der Hauptstadt. Damit nun ein ungläubiger Hund sich nicht seiner Weiber erfreuen sollte, ließ er sie sterben. Kurz darauf aber wurden die von Habesch zurückgedrängt, und dem Sultan reute, was er gethan.
„O weh, giebt es in dem Lande oft Krieg?“
Immer. Mit einem Nachbar hört er auf, mit dem andern fängt er an.
„Verkaufe mich wohin du willst; nur nicht nach Darkulla.“
Das wird sich finden.
Signor Perotti ließ nun seine Kameele dicht hinter Musas Zuge folgen, und ging oft neben dem Dromedare her, worauf Flore saß. Da gabs nun Unterredung genug über das herrliche Vaterland Europa.
Perotti forderte die Französin auf, überall wo sie hinkäme, nach Isabellen zu forschen. Sollte sie etwas von ihr in Erfahrung bringen, so mögte sie nach einer von den Städten, wohin Caravanen gehen, Nachricht davon geben, er werde sodann durch Kaufleute es schon wieder erfahren.
Flore sagte: Heucheln kann ich nicht. Gesetzt ich träfe Isabellen, und ich, eine eingekerkerte Sklavin vermögte etwas, so sollte Coutances sie zurück erhalten, aber nicht ihr.
Perotti rollte die Augen. Warum nicht ich?
Flore sagte: Weil Coutances einmal Franzos ist, und ihr ein Italiener. Zweitens, weil er nach allem was ich erfuhr, ein liebenswürdiger junger Mann sein soll, ich aber in euch einen närrischen alten Pantalon sehe.
Perotti schäumte vor Zorn, ballte die rechte Faust, murmelte ein paar italienische Flüche, und schwur, den Schimpf wolle er rächen. Doch that er gleich darauf wieder freundlich, und unsre Heldin meinte, er würde ihre Offenheit wieder vergessen haben. Das thut aber ein Italiener so leicht nicht.
Man kam nun dem Königreiche Darfur näher, und Florens Furcht ward größer. Sie beschwur den Italiener aufs Neue sie loszukaufen. In Mannskleidern, setzte sie hinzu, werde ich euch begleiten, vielleicht auch in euren Absichten nützlich seyn, und was ich verhieß, soll euch in Cairo werden. Sie bot mehr wie vorher, aber konnte ihn nicht erweichen. Endlich, da man an der Gränze des Landes war, vertraute sie sich ihm in der Angst näher. Ich will euch selbst das Geld zu meiner Loskaufung geben, sagte sie.
In den Kleidungsstücken verborgen, Geld und Edelsteine, aber verrathet mich nicht.
Um des Himmels Willen, versetzte Perotti, steckt mir alles zu, was ihr habt. Denn auf dem Markte müßt ihr alle eure Habseligkeiten in des Kaufmanns Händen zurücklassen, wenn ihr verkauft werdet. Nackt übergiebt man euch dem Käufer. So ist die Sitte. Dankt dem Glücke, das mich hieher führte, ich kann das Eure retten und aufbewahren.
Flore würde in Europa dem Signor Perotti vielleicht nicht gern einen Dukaten anvertraut haben, aber hier war es ein anderes. Bei dem Sklavenhändler ging ihr Habe gewiß verloren. Daß sie sie noch besaß, war blos der Vermuthung Musas zuzuschreiben, jene Mammelukken würden sie durchsucht, und geplündert haben. Gab sie dagegen die Kostbarkeiten und das Geld dem Italiener, so konnte er doch nur in einem Anfalle der schwärzesten Bosheit etwas davon veruntreuen, und die glaubt man in der Fremde um so weniger von einem Landsmanne, als man sich selbst wärmer zu ihm hingezogen fühlt.
In einem Augenblicke also, wo Musa schlief, und die Kameeltreiber ihr Mahl zurichteten, übergab Flore dem Italiener ihr Vermögen. Gern, sagte er, stellte ich darüber eine Handschrift aus, aber ich habe keine Schreiberfordernisse zur Hand. Hier ist ein Taschenbuch und ein Bleistift. Um Leben und Todes Willen —
Perotti bescheinigte den Empfang und Flore fragte nun: wann denkt ihr um mich zu feilschen? Perotti erwiederte: Wenn wir in die Residenz des Sultans von Darfur kommen. Dort findet der Handel Schutz. Wer steht dafür, wenn ich euch unterwegs kaufte, daß nicht ein anderer Neger euch wieder gewaltsam entriß. Welche Hülfe könnten wir anflehen?
Flore fand die Bedenklichkeit gegründet, forderte aber, Perotti sollte sich ja beim Eintritt in die Stadt einfinden, auf dem Markte könne sonst der Sultan den Vorkauf haben.
Dem Sklavenhändler sagte sie: Der Arzt aus Constantinopel würde sie vielleicht kaufen, denn er kenne ihre Verwandten in Europa, und wisse, sein Geld werde nicht verloren sein. Sie bat, doch diesem Vorhaben nicht zu widerstreben, und setzte hinzu: der Arzt brächte treffliche Empfehlungen an den Sultan mit, und so könnte er ihm vielleicht auch dort nützlich seyn.
Musa erwiederte: Giebt man mir den dreifachen Kaufpreis, und zahlt die Lebensmittel, womit ich dich auf der Reise ernährte, so gehe ich alles ein. Schon wieder zogen bei Floren, am Horizont der Wünsche und Hoffnungen, die lieblichsten Gebilde herauf.
Die Caravane erreichte das Land Darfur. Ein Melek (Offizier des Monarchen), der die Gränze zu bewachen hatte, untersuchte die Caravane, und erhob den Zoll der Dschelabs. Flore galt, wie sich von selbst versteht, eine Waare.
Signor Perotti wurde nach dem Zweck seiner Reise befragt. Er führte als Mahomedaner den Namen Mehemed, und nannte sich Eswan el Sultan[5], ein Titel, unter welchem Sonnini und Brown auch reiseten und von dem man gestehen muß, daß selbst im Herzogthume *** in Deutschland kein ähnlicher besteht. Seine Pässe wurden richtig befunden, und die Reise ging weiter.
[4] Die Unrichtigkeit, mit welcher der Name Europäer auch unterscheidend gebraucht wird, wenn die Rede von der europäischen Türkei ist, scheint ernst darauf hinzuwinken, daß die Türken nicht nach Europa gehören. Die Christen, welche es schon seit 1453 ansehen müssen, daß das reizend gelegene Constantinopel ihre Hauptstadt ist, könnten die Theorie des Herrn von Bülow wohl gegen sie prüfen. Die Türken müssen gegen das Abendland alle Kriege exzentrisch führen, und werden, wie daraus folgt, conzentrisch angegriffen. Sie haben (immer die Sprache der Bülowschen Lehre zu reden) die erbärmlichste Basis, und ihren Feinden stehn überall basirende Gegenstände zu Gebot. Nach der Theorie müssen die Türken fallen. Nach einer Erfahrung von Vierhundert Jahren fallen sie aber nicht.
[5] Fremder des Sultans.
Elftes Kapitel.
Flore in Darfur.
Das Land war mit Gesträuchen und Früchten bedeckt, die unsrer Heldin noch weit fremder waren, wie jene in Egypten. Rechts sah man eine große Ebne, aber die Dörfer und Städtchen wurden blos durch die um sie gepflanzten Bäume bezeichnet, die die niedrigen Häuser versteckten. Von höheren hervorragenden Gebäuden, wie in der Christenheit die Kirchthürme, in der kultivirten Türkei (es giebt auch eine unkultivirte) die Moscheen mit Domen und Minarets, die einer Landschaft den Charakter des Lebens und der Kunst geben, war die Rede nicht. Dagegen gab es Gegenstände anderer Art, die wahrlich auch imponirten. Denn links hin dehnte sich ein Gebürgsrücken, aus dessen Gebüschen wiederholentlich das majestätische Brüllen der Löwen ertönte, nicht selten ließ sich auch wohl ein bunter Panther oder gesprenkelter Leopard sehen, der mit weniger Furcht nach Beute umherschaute, denn so furchtsam wie in Europa, sind die Thiere dort noch nicht durch Menschengrausamkeit gemacht worden. Wir nennen es Weisheit, die schädlichen Bestien auszurotten, und wirklich sind die Bären und Wölfe schon mit vielem Glücke aus Gegenden vertrieben, wo sie zu den Zeiten des Tacitus noch fröhlich hausten, aber in Vertilgung moralischer Schädlichkeiten, gegen die Bär und Wolf Lämmer wären, treten wir mit sehr unvollkommener Weisheit auf. — Noch sehnswürdiger erschienen im Lande Darfur die Elephantenheerden, welche auf den Ebenen umherschwärmten. Diese Giganten unter den Thieren laufen dort in Rudeln von mehreren Hunderten zusammen, und die Einwohner fangen sie entweder lebendig in Fallgruben, oder tödten sie mit der Wurflanze. Auf ihren Gebrauch im Kriege fiel man aber noch nicht, und sie werden überhaupt nicht zur Dienstbarkeit bei dem Menschengeschlechte angehalten, wie in Indien.
Die Städte fand unsre Pariserin elend, nach heimathlichem Maasstabe, denn die Baukunst beschränkte sich auf Lehmwände und platte Dächer, mit Kameeldünger überworfen, doch nach den Bedürfnissen des Klimas leisteten diese Häuser was man fordern konnte. Mit den darum gepflanzten Bäumen viel Schutz gegen die Sonne, und gegen die Kälte wenig, da überall absichtlich Zuglöcher zur Erfrischung gelassen worden. Bei dem allen gab es in denselben eine Art Fabriken, die wohl in Europa zu wünschen wären, die eine Art lederner Säcke für Mehl und Wasser verfertigten, welche beides vollkommen dicht bewahrten. Letztere sind auf den Reisen durch die Wüsten unentbehrlich. Verstände man bei uns diese Bereitung des Leders, so wäre es rathsam, den Soldaten statt der Feldflaschen aus Blech, solche kleine lederne Schläuche zu geben.
Eine Hauptstadt hat das Reich Darfur nicht. Der Sultan hält bald hier bald da Hof, wie Carl der Große es zu thun pflegte. An mehreren Orten stehen aber Palläste, die ihn mit seinem Gefolge erwarten. Mit Versailles oder Caserta werden sie aber nicht wetteifern wollen.
Gegenwärtig wohnte der Sultan Abdelrachmann zu Ril. Es war der Lieblingsaufenthalt seines Vorgängers Teraub gewesen, doch Abdelrachmann, ein Usurpator, fürchtete dort für sein Leben, und brachte mehrere Zeit in anderen Orten zu. Endlich hatte ihn aber der bequeme Wohnsitz, von Teraub erbaut, wieder für ein Jahr nach Ril gelockt.
Musa kannte den Melek der Dschelabs, d. i. das Oberhaupt der Kaufleute, und trat in dessen Wohnung ab.
Perotti wohnte bei einem Copten, der ihm Gastfreiheit angeboten hatte, denn von einem Hôtel garni weiß man dort noch nichts. Er ließ sich gleich bei des Sultans Hofbedienten anmelden, und gelangte zur Audienz. Abdelrachmann war froh, einen Arzt aus Constantinopel bei sich zu sehn, und erklärte die seinigen für Unwissende. Perotti hatte es gleich gescheuter angefangen, wie andere Reisende vor ihm, die zur Unzeit Stolz zeigten, ein Fehler, durch welchen auch Lord Macartney die Angelegenheiten der Engländer in China bekanntlich schlecht förderte. Nicht so der geschmeidige Italiener. Wie sich des Oberhaupts Unterthanen, auch zitternd, gekrümmt, und den Staub küssend, auf den Boden warfen, sein Gruß ließ jene noch um ein weites zurück, und ein Liebhaber neuer Worte, hätte dies Heranwinden auf Händen und Füssen Hündigkeit nennen können. Natürlich fanden die Höflinge dies das Muster feiner Lebensart, und Abdelrachmanns Gnade war auf der Stelle gewonnen. Noch höher stieg Perotti in seiner Gunst, da er sicher zusagte, ihn von seinem Uebel zu befreien, dafern der gewaltige unüberwindliche Sohn des Propheten, es nur entdecken wollte. Ein dornichtes Unternehmen, da afrikanische Fürsten, einen Heilkünstler der nicht heilt, von allen Schmerzen der Erde heilen, weshalb sogar der Scharfrichter schon dabei stehn muß, wenn die Majestät den verordneten Trank nimmt.
Abdelrachmann, ein Siebzigjähriger etwa, entdeckte dem Italiener, wie er Zweihundert Weiber besäße, aber sie alle überflüssig fände, was ganz gegen seinen Willen sei. Perotti sagte: Um zu untersuchen, ob vielleicht Zauberei an den Sultaninnen hafte, müsse er bitten, sie sämmtlich sehn zu dürfen. Er wollte ohne Zweifel spähen, ob vielleicht Isabelle in diesem Harem verborgen sey. Der Monarch willigte ein, und sechs Eunuchen mußten den vermeintlichen Arzt begleiten. Er kam zurück, und erklärte, aller Zauber sei getilgt. Nun reichte er aber dem gekrönten Alten eine überaus hitzige Arzenei, von lauter Dingen zusammengemischt, die Feuer im Blute entzündeten. Der Leidende spürte davon große Wirkungen, und war herzlich froh. Perotti hingegen, der vorher sich schon mit neuen Pässen versehen hatte, eilte sogleich davon.
Flore wartete unterdessen vergebens auf den Loskauf, und gerieth außer sich vor Zorn und Bestürzung, da sie von Perottis Abreise hörte. Ihr schien es nunmehro ausgemacht, daß das Schicksal überall Unfälle für sie bestimmt habe.
Bald meldete das Gerücht in der Stadt: der Sultan habe einen Heiltrank empfangen, der sich ihm zwar anfänglich vollkommen hülfreich erwiesen hätte, doch unmittelbar darauf sei er in einen Zustand von Kraftlosigkeit gesunken, der für sein Leben fürchten ließ. Musa schüttelte den Kopf bei dieser Nachricht, und schöpfte wenig Hoffnung, hier loszuschlagen. Indessen putzte er Floren niedlich heraus, das heißt ziemlich in dem Geschmack, wie Eva mag gegangen sein, da sie eben den paradiesischen Garten verlassen hatte. Bei einer öffentlichen Audienz, wo Verkäufer auch Zutritt hatten, führte er nun Floren nach dem Pallast.
Dieser war in mehrere Höfe abgetheilt. Im ersten standen die gesattelten Pferde des Sultans und seiner Begleitung, denn nach der Audienz wollte er ausreiten. Im zweiten wurde man einen Theil der Leibwache gewahr. Die Uniform war Nacktheit, bis auf eine rothe Schürze, und eine Pikkelhaube. Die Kerle waren bei gutem Humor, soffen viel von dem Hanfabsud, der hier verkauft wird, und gewaltig rauscht, und spielten mit einigen Löwen, die zum Vergnügen des Sultans gezähmt worden waren. Im dritten Hof befanden sich die Minister im Gallaanzug, der in einem wollnen Hemd bestand. Mit gesenktem Haupte weilten sie um den Sitz des Monarchen, während dieser Klagen schlichtete. Er selbst trug, ein bewundertes Zeichen der Größe, Hosen, sonst war er den anderen Männern in allem gleich ausgerüstet. Während er geschäftig war, rief der Hofredner (eine Charge, deren es in Europa nicht bedarf, da wir Poeten und Historiographen besitzen) mit lauter Stimme: Seht den Büffel, den Sohn eines Büffels, den Stier der Stiere, den Elephanten von gewaltiger Stärke, den mächtigen Sultan Abdelrachmannelraschid! Gott verleihe dir langes Leben! O Herr! Gott stehe dir bei, und mache dich siegreich![6] Es störte die Bescheidenheit des schwarzen Königs gar nicht, diesen Hymnus immer wiederholen zu hören, und er machte während der Zeit seine Regierungsgeschäfte ab, die hauptsächlich darin bestanden, die Geschenke seiner Unterthanen und der Fremden im Empfang zu nehmen; denn niemand durfte seinem Throne mit leeren Händen nahn, und diese direkten Einkünfte verdienen doch vor den gepriesenen indirekten, darum den Vorzug, weil sie keine Erhebungskosten schmälern.
Nachdem Musa an die Reihe kam, vorgelassen zu werden, rutschte er nach Gebühr auf den Knien gegen den Regenten, übergab einem Melek sein Geschenk, und hörte dafür die gnädigen Worte Barak ulla fi! (Gott segne ihn.) Hierauf senkte er das Antlitz tief in den Staub, und nachdem es reichlich damit bedeckt, wieder emporgehoben war, berichtete er: wie eine Cafferin, glänzend wie die Sonne, lieblich wie der Mond, und freundlich wie die Sterne, durch ihn nach Ril gebracht worden sey, um dem unüberwindlichen, weisen, tugendhaften, tapferen Büffel, dem Sohn eines Büffels, dem Stier der Stiere, dem Elephanten von gewaltiger Stärke, dem mächtigen Sultan Abdelrachmannelraschid zum Kauf ausgestellt zu werden. Der Sultan rümpfte die kohlenfarbene Nase, strich mit der Hand über die dem Ebenholz gleichende Stirn, und kämmte den dicken rothgebeizten Bart mit den Fingern durch. Gähnend fragte er: wo die Sklavin sey? Auf den Wink Musas wurde Flore, die ein langer Schleier bedeckte, vorgeführt, auf einen andern sank dieser Schleier, und Sultan Abdelrachmann prüfte die enthüllten Reize mit Kennermiene. Doch einem Kritiker gleich, der sich überlas, dem Gefühl und Einbildungsflug nicht mehr erregt werden können, und der daher überall nur zu tadeln weiß, breitete er sich über die Schönheiten der Cafferin aus. Nichts war ihm recht. Das Auge nicht munter genug, die Nase zu klein, die Lippen zu dünn, der Busen zu voll und so weiter. Flore schon außer sich, vor einer Versammlung von mehr als Tausend Menschen dastehn zu müssen, wie Sklavinnen in Afrika dastehn, ärgerte sich um so mehr bei einer Kritik, die im eigentlichen Verstande voll Persönlichkeiten war. Herr Sultan, sagte sie keck, die Schönheit ist in eurem innern Auge nicht mehr zu finden. Daran gebrach es euch! Getroffen drehte sich der König um, und sagte: die Freche würde alle Weiber meines Harems verderben. Hinweg mit ihr!
Der Schleier sank wieder über Floren, und Musa kehrte mit ihr zurück nach seiner Wohnung.
Wo geht es nun hin? fragte sie.