Nach Darkulla, war die Antwort.
„O weh, wo der grausame Fürst hauset.“
Er ist der zärtlichste unter allen schwarzen Königen, nirgends führen die Weiber ein so köstliches Leben, die liebste unter ihnen theilt seine Macht. Juble wenn er dich kauft, ich werde mich dann freuen, daß hier nichts aus dem Handel wurde.
Nun immerhin, rief Flore, ich bin ein Ball des Schicksals, seitdem der ruchlose Mehemed mich um mein Vermögen betrog, ist mir alles gleich.
Um dein Vermögen?
Wisse ich hatte Edelsteine im Turban, und, Goldmünzen im Gürtel. Ich wurde nicht durchsucht, und vertraute ihm alles, mich loszukaufen.
Musa wüthete. Das hätte mir gehört!
Flore sprach: Wer kann mir verargen, wenn ich mein Eigenthum nicht entdeckte.
Musa versetzte wieder: Hättest du mir die Hälfte gegeben, wärst du frei gewesen, und sicher nach Cairo geleitet.
O weh, ich Unglückliche! Nein laß mich nicht glauben, daß du so großmüthig gewesen wärest, ich müßte ganz und gar verzweifeln, und das will ich nun einmal nicht, vielmehr künftig jedes Unglück mit Lachen ansehn.
„Ich will ihm nach, ihm den Raub wieder abzunehmen.“
Wahrlich ich gönnte dir ihn lieber. Und willst du mich dann freigeben?
„Nun nicht, du mußt nach Darkulla, zur Strafe. Ich muß auch zuvor entschädigt sein. — Wer weiß wann ich Mehemed finde.“
Das gelingt dir wohl nie. Er ist gewandt wie eine Schlange, voll List und Tükke. Er hat auch den Sultan von Darfur betrogen, und sich aus dem Staube gemacht. Brachten seine Späher ihn nicht zurück, was werden die deinigen ausrichten?
„Der Sultan von Darfur kennt nur sein Land, meine Knechte Hundert Länder.“
O ich mögte ihn gern durch dich gestraft sehn, denn wakker hast du mich gehalten Sklavenhändler. Noch Eins. Er sucht ein europäisches Mädchen, Isabelle genannt. Hörst du je von dieser, so laß sie vor den Mehemed warnen, und thue ihr kund, Mehemed heisse auch Perotti.
„Wohl, so sende ich einige Getreuen aus, und eile dann mit dir nach Darkulla.“
[6] S. Browne’s Reisen in Afrika, Aegypten und Syrien, in den Jahren 1792 bis 1798. Aus dem Englischen. Leipzig und Gera bei Heinsius 1800.
Zwölftes Kapitel.
Das Glück beginnt zu lächeln.
Man muß nicht glauben, daß eines Frauenzimmers Ehre bei Sklavenhändlern Gefahr laufe. Einmal ist jeder Kaufmann befleißigt, seine Waare in dem möglichst vorzüglichen Zustande zu erhalten, dann reitzen Lekkereien auch den Appetit eines Conditors am wenigsten, weil dieser sie immer vor Augen hat.
Musa brach am folgenden Morgen mit Floren auf, und konnte gar nicht aufhören, den Arzt von Constantinopel zu schmähen. Doch tröstete er sich, daß die Schwarzen, welche er auf verschiedenen Wegen ihm nachgeschickt habe, nicht ruhen würden, bis er gefunden sei.
Der Weg ging durch rauhe Gebirge an der Gränze von Darfur. Dann mußte man, wie gewöhnlich, öde Wüsten durchziehn. Endlich aber zeigte sich wieder eine der lustigsten Landschaften. Bald ein Gefild voll von süßen saftigen Melonen, erquikkend in der glühenden Luft, bald ein Wäldchen voll Feigenbäume, auf deren Zweigen buntgefiederte Papagoyen von possierlichen Affen geneckt wurden. Gewürzstauden, deren Duft dem Wandrer zuathmete, ehe er sie noch sah. Eine der Bananas ähnliche Frucht, die wild wuchs, eine besonders edle Aprikosengattung, und was sonst dem reichen Füllhorn der südlichen Ceres entströmte. Aber auch unerträgliche Insekten, garstige und tükkische Paviane, Tyger in Heerden und giftige Ungeheuer aus dem Schlangengeschlecht. Die Natur bleibt einmal bei ihrer Regel, das Gute und Böse zu gleichen Theilen zu mischen, und an den Ausnahmen entdeckt die genauere Betrachtung das Scheinbare immer mehr.
Auf der Gränze von Darkulla schrie die Wache vor Freude laut auf, da sie hörte, eine weisse Cafferin sollte dem Sultan Kuku gebracht werden. Flore erfuhr, Sultan Kuku sey seit der Zeit, wo seine weissen Weiber ermordet wurden, trostlos vor Schmerz gewesen, und habe seine gewohnten Vergnügungen, z. B. des Morgens ein zehn oder zwanzig Sklaven zu enthaupten, oder mit dem Pfeilbogen nach ihren Augen zu schießen, wo er mit wundernswürdiger Geschicklichkeit getroffen hätte, zur größten Bestürzung, aufgegeben. Das Volk hoffte nun täglich und stündlich auf eine weisse Schönheit, daß des Königs Gemüth erheitert würde, und der Hof seinen alten Glanz zurückerhielte.
Flore schauderte, dachte aber: vielleicht gelingt es mir, das zärtliche Ungeheuer zum Menschen zu machen.
Von der Gränze wurden gleich Eilboten in die Residenz geschickt, den Sklavenhändler Musa anzumelden. Sie ritten ihre Rosse todt, es Einer dem Andern zuvorzuthun, und das Geschenk zu erhaschen, welches des Sultans frohe Laune gewiß dem frühesten Zeitungsbringer reichen ließ.
Mit Befremdung heftete Flore ihren Blick auf den Gränzpaß. Eine hohe Felsenkette dehnte sich so weit hin, wie das Auge reichte. Unzugangbare Steile bezeichnete die Berge alle. Zwischen zweien der höchsten wand sich ein Pfad hin, daß ein Kameel mit Mühe durchgehn konnte. Dieser Pfad, wohl eine französische Meile lang, führte auch über verschiedene jähe und tiefe Abgründe, die mit hölzernen Brücken überdeckt waren, und jenseits der Brücken fand sich immer ein schanzenartiger Abschnitt, und nebenan waren in die Felsen Höhlungen gearbeitet, aus welchen man Steine von unerhörter Größe wälzen konnte.
Musa erklärte Floren, wie diese Felsenkette ein Land dicht umgäbe, von etwa funfzig Meilen in die Länge und einer gleichen Breite. Nur der eine Weg führe hinein, und sey so angethan, daß ihn Hundert Männer gegen Hunderttausende vertheidigen könnten, und das, ohne die mindeste Gefahr zu laufen. Denn man dürfe die Brücken über die jähen Abgründe nur wegnehmen, und die, welche daran dächten, sie wieder zu erbauen, aus den hohlen Felsen zerschmettern. Eben so könne man von der Höhe den ganzen Weg mit Steinen bedecken, die alles unter sich begrüben. So habe einer der verstorbenen Könige die Einrichtung getroffen, und mögten auch selbst die Franken mit ihren vielen feuerspeienden Röhren kommen, hier richteten sie dennoch nichts aus.
Du erzähltest mir aber, entgegnete Flore, daß der Sultan Kriege führe, und neulich über einen Andrang der Feinde in Noth gerathen sey; konnte er in dem felsenumschlossenen Lande denn nicht allen Gegnern trotzen?
Musa erwiederte: Sultan Kuku besitzt weit mehr Land, und seine Hauptstadt lag weit mehr rechts gen Habesch zu. In dem Kriege ging ein streifender Haufen nach dem Eingange der festen Provinz, und verschloß sie ihm, sonst hätte er sich zurückgezogen, oder wenigstens Weiber und Schätze hinter die Felsen geflüchtet.
Nach dem Kriege hat er aber hier eine Hauptstadt erbaut, um sicherer zu seyn, und alles Land, was außer der Bergkette liegt, seinem Bruder Tata zur Regierung übergeben.
Man kam jetzt auf der inwendigen Seite zu der Bergkette hinaus. So viel schöne Natur Flore auch bisher da und dort gesehen hatte, der Anblick dieses Landes übertraf jede Vorstellung, und hätte die ächteste unter den poetischen Poesien, die Farben dazu gerieben. Blumen, Früchte, Thiere, alles von bezaubernder Form. Silberhelle Teiche mit Marmorfelsen am Rande, von denen kleine Bäche niederrieselten; lieblich verschlungene Bäche, die hundert kleine Blumeninseln bildeten, zu denen hinüber zu rudern, man sich nur in eine von den Muschelschaalen zu setzen brauchte, die silberweiß und von so ausnehmender Größe am Ufer lagen. Man hatte keine andere Häuser, wie aus Laubwänden mit Blumen durchflochten. Nur in der Regenzeit wurden die breiten Blätter eines dort wachsenden Baums darübergedeckt, sonst waren sie der Kühle wegen offen. Des Königs Pallast aber hatte nur Wände von eitel Blumen, die in außerordentlicher Höhe wuchsen. Flore war bezaubert, wie man in die Hauptstadt zog, und der Pallast ihr in die Augen fiel, und sie mit einem Meere von Wohlgerüchen umfloß.
Alles Volk war auf die Gasse gestürzt, tanzte frohlockend, und betrank sich in dem Thau, der hier von einer gewissen Gattung Rosen gesammelt, und in christallenen Fässern aufbewahrt wird. Der Rausch dieses Thaues bringt die allerlieblichsten Träume zuwege, jeder Greis wähnt wieder in die Jünglingsjahre zurückgeflohn zu seyn, und der ersten Geliebten den ersten Kuß auf die Lippe zu drücken.
Welch Land der Götter! rief Flore, und so teuflische Menschen! denn sie sah schon auf dem Pallastvorhofe das Gräuelvergnügen Seiner schwarzen Majestät, das zum Entzücken aller Treuen wieder angehoben hatte, seitdem die Nachricht von Musa’s Ankunft da war.
Wohl Hundert scheusliche vom Rumpf getrennte Negerköpfe lagen umher, und bei jedem gelungenen Streiche, erfüllte der Höflinge Jubel die Luft.
Doch wurde alles eingestellt, wie Musa’s Kameele angekommen waren. Flore konnte nicht erst, wie es der Sklavenhändler wünschte, in ein Haus, sich zu salben, sie mußte in den Kreis der Höflinge. In diesem Lande wurde Kleidung durchaus verspottet, und es wäre die gröbste Beleidigung des guten Anstandes gewesen, sich auch nur mit einem Feigenblatte vor dem Sultan zu zeigen. Ländlich, sittlich! Flore mußte, sich bequemen, und konnte nicht schnell genug die Toilette von Darkulla machen, indem Sultan Kuku schon daherschritt.
Welch ein Empfang gegen den in Darfur. Die Freude spannte jede Muskel, jede Fiber des Sultans Kuku. Der Jüngling (denn er zählte kaum zwanzig Jahre) sprang mit fast wahnsinnigem Wonnetaumel umher. Eine Stirn wie die Marmorfelsen am See des Pallastgartens! zwei Augen wie die Schlünde der Feuerberge in Bornu! Die Wölbungen drüben wie Himmelsbogen in der Regenzeit wenn sich die Gewölke verziehn! Ein Mund wie der Abendhimmel, wenn der Feinde Städte in Feuer aufgehn. Ein Busen wie zwei Kreideberge, die sich aus dem Silbersande der Wüste erheben, und was er nicht noch für Vergleiche ersann. Nur meine Gigi war schöner aber die Treulose wollte nicht sterben, ich vergesse sie. Gigi ist mir wiedergegeben. Tausend Sklaven her. Kaufmann, zücke den Säbel, und haue ihnen die Köpfe herunter. Ich will dich lohnen, wie kein Sultan in Afrika.
Ein wilder Freudenruf durchtönte die Lüfte. Lange lebe der Esel, der Sohn eines Esels, der Tausend Esel zeugen wird, der schöne, weise und mächtige Sultan Kuku! Denn wie in Darfur der Büffel für das Ideal der Vollkommenheit galt, so widerfuhr diese Ehre hier dem Esel. Da auch der Mahomedanismus noch nicht vollkommen eingedrungen war, und die alte Religion, welche Thiere anzubeten gebot, noch zum Theil vorhanden war, so gab es auch mehrere Tempel, wo der Esel angebetet wurde. Man mußte aber auch gestehn, daß dies Thier in Darkulla von ganz anderem Kolorit, und viel vollkommenerer Zeichnung war, wie in Europa. Meistens sah man eine milchweisse Haut, und die feinsten Verhältnisse aller Formen. Die Esel von Darkulla konnten ästhetische Esel heißen.
Kuku sprang wieder auf Floren los. Sultanin, rief er, wie mache ich Darkulla meine Lust kund, daß du angekommen bist. Soll die Residenz zum Freudenfeuer brennen? Gebiete, und Tausend Pechfackeln lodern. Sollen meine Soldaten eine Lustschlacht liefern, wobei die Hälfte fällt, die Hälfte verwundet wird? Befiehl, du bist neben mir Herrscherin!
Flore fand das glühende Feuer des jungen Sultans gar nicht verwerflich, und sie hätte nur nicht an Ring denken dürfen, um auf der Stelle verliebt zu seyn. Was half es denn aber auch, wenn sie an Ring dachte, der Tausend Meilen von ihr entfernt war.
Sie mußte eine Antwort geben, auch blickte das ganze Volk auf sie, und jedes Ohr horchte, um die Töne von den Lippen zu stehlen. Nach einem kurzen Nachdenken hub sie also an:
Esel der Esel, Sohn eines Esels, Vater von Eseln, hoher Sultan Kuku! Ich bin eine Geraubte, und habe mein Herz im Vaterlande verschenkt. Dennoch fühle ich die große Ehre, die mir widerfahren soll, des ersten aller Esel Gemahlin zu werden, wie sichs gebührt. Nur muß ich erst überlegen dürfen, wie weit die neuen Umständen meine alte Pflicht aufheben. Aber ich sage dir es zuvor, Sultan Kuku, soll ich dein seyn, geschieht es nur unter zwei Bedingungen.
Nenne sie, nenne sie! rief Kuku.
Erstens mußt du die gräßliche Kurzweil einstellen, deine Sklaven zu tödten.
Allgemeine Stille und mißmüthiges Gemurmel folgte. Der König senkte den Blick zur Erde. Gern, sprach er, schöne Sultanin, will ich dein Begehren erfüllen, dir fortan alle meine Freuden hinschlachten, da du doch die Freude der Freuden bist, aber denke an mein armes, an dein armes Volk. Es wird in Gram und Kummer versinken, wenn Niemand aus seiner Mitte mehr den Ruhm hoffen darf, von dem Esel der Esel niedergesäbelt zu werden.
Hilf Himmel! rief Flore, so steht es hier um eure Aufklärung? Nun, wenn ich bleibe, werde ich mich schon ins Mittel schlagen.
Musa warf sich auf das Antlitz nieder, küßte zärtlich den Staub, und sagte mit furchtbebender Stimme: Esel, Eselssohn, Eselsvater, mächtiger Sultan Kuku, wenn du es gestattest, nehme ich die Tausend Mann lebendig, und verkaufe sie auf dem Markt in Fezzan.
Musa hatte nämlich für jene Weltgegend schon etwas geläuterte Begriffe. Er verhielt sich gegen einen Darkullaner etwa, wie ein Bürger aus dem schlesischen Städtchen Polkwitz, gegen einen Bürger aus dem meklenburgischen Städtchen Teterow.
Der Sultan sprach: ich will es mit meinem Divan berathen. Es mögte darum seyn, aber ich muß eine Empörung fürchten. Und was ist die andere Bedingung? Nenne sie!
Flore schlug die Augen, (die sie ohnehin noch wenig erhoben hatte,) tief nieder, bedeckte sie noch mit der Hand und sprach: Daß ich ein Kleid tragen darf, daß auch in deinem ganzen Reiche geboten wird, einen breiten Schurz um die Hüften zu tragen. Du bist schön, Sultan, dennoch weiß ich es nur vom Hörensagen, denn nie werde ich mich überwinden, dich, so wie du dastehst, anzublicken.
Die Bewegung im Volke nahm zu. Die bisher so frohen begeisterten bewundernden Blicke, die auf Floren fielen, wurden düster und kühl. Der Sultan rief: Hört ihr nicht Gigi wieder? So groß war meine Liebe zu ihr, daß ich einwilligen wollte, mein ganzes Volk zu schänden, aber der Aufruhr brach in hellen Flammen aus.
Ihr findet also in Zucht und Sitte, Schande? entgegnete Flore. Nun, ich sehe wohl ein, daß Volksmeinungen ausrotten nicht das Werk eines Augenblickes ist, aber du, der Herrscher, mußt im Huldigen der edlen Gewohnheiten vorangehn, zähle nie auf die leiseste Gegenliebe, bis du gekleidet vor mir erscheinst. Und auch da muß ich noch Mondenlang Bedenkfrist nehmen. Denn ein Schmerz der Trennung wohnt in meiner Brust, den zu überwältigen, die Zeit erst mit mir im Bunde treten muß.
Der galante Sultan ließ sich das gefallen, Flore wurde in den Pallast begleitet, bekam dreihundert schwarze Frauen zur Aufwartung, dreihundert Eunuchen zur Leibwache, und zwölf dienende Kammerherrn denen außer gewissen Organen auch die Zungen fehlten. Letztere hat sie nachher oft gerühmt, und sie immer den europäischen, welche sie kennen lernte, vorgezogen.
Vierzehntes Kapitel.
Sultan Kuku zieht in den Krieg.
Vierzehn Tage währten die Hoffeierlichkeiten. Sie übertrafen an Glanz alles, was man je in Darkulla erlebt hatte. Ganze Wälder von wohlriechendem Holze wurden verduftet, Springbrunnen von Rosenthau strömten für das Volk, und jeden Morgen wurden ihm Tausend Papageibraten ausgetheilt. Demungeachtet war man schlecht zufrieden, denn die Hauptergötzlichkeit mangelte. Die Wiener härmten sich nicht mehr, da die Bühne der Thierhetze niederbrannte, wie Darkullas Bürger, als das Fest des Sklavenköpfens eingestellt ward.
Flore ließ Musa zu sich rufen. Kaufmann, sprach sie, ich belohne dich reich, wenn du mir einen Dienst erweisest. Jener kroch auf Händen und Füssen näher. Gebietet, erhabene Sultanin, Gemahlin des Esels aller Esel!
Schmeichelte Floren die Unterwürfigkeit des Mannes, dem sie vor kurzem, eine Sklavin, hatte gehorchen müssen, so war ihr dagegen die Courtoisie von Darkulla höchst zuwider, und sie beschloß nächstens ihren Einfluß anzuwenden, daß der ganze Canzleistyl des Reiches verbessert werde. Schweres Unternehmen, wie man denken kann. Wollte es sich doch vor einigen Jahren, in Berlin nicht zu Stande bringen lassen, die Briefhöflichkeiten abzukürzen, ob man gleich damals in Wien schon mit der Sache aufs Reine war.
Musa, sprach Flore weiter, könntest du wohl eine Reise nach Misr übernehmen? (Cairo wird meistens Misr genannt.)
Der Schwarze entgegnete: Soll ich dir da Sklaven verkaufen, so ist es unmöglich, die Caffern, die von weither angekommen sind, verboten den Handel damit. Doch lasse eine Treibjagd halten, ich bringe sie nach Murzuk oder Tripoli.
Keineswegs, Schwarzer, war Florens Antwort, du sollst dich allein dahin begeben, und einen Mann ausfindig machen, dessen Name und Geschäft auf diesem Papiere stehn. Hörst du, er sey umgekommen, oder auch, verstehe mich recht, er sey verheirathet, oder habe eine Geliebte, so bringst du mir davon Nachricht, ohne in den letzten Fällen mit ihm selbst zu reden. Finden diese aber nicht statt, und er lebt, so sollst du suchen ihn nach Darkulla zu bringen. Hier dieses Briefchen, ihm übergeben, wird ihn bewegen, dir zu folgen.
Der Leser ahnet richtig. Sie meinte keinen andern wie Ring. Entweder wollte sie in den Umständen Befugniß finden, ihrem dargebotenen Glücke entgegen zu gehn, oder der Gatte sollte kommen, ihr zur Flucht zu helfen, oder — eine Ministerstelle einzunehmen.
Musa bedachte sich ein wenig. Leicht ist es nicht, sprach er, was du gebietest, und eben geht keine Caravane nach Egypten, doch ich will suchen was ich möglich mache. Reich mir die Papiere.
Er verließ Darkulla, nachdem Flore bewirkt hatte, daß ihm statt der Tausend Sklaven Goldstaub gereicht wurde, denn sie wollte sich nicht mit Freiheit bezahlt sehn. Musa sagte noch zuvor: er würde bei dem allem das Vorhaben nicht aufgeben, Mehemed suchen zu lassen, dem er seinen Raub nicht gönne. Flore billigte das vollkommen. —
Plötzlich aber steckten die Mitglieder des Divans die Köpfe zusammen, die Kuku oft noch in der Nacht berufen ließ. Das Volk sammelte sich vor dem Pallast in kleinen Haufen, und that geheimnißvoll und neugierig. Flore wollte einen Kammerherrn fragen, was das bedeute, Stumme aber geben keine Antwort. Die Weiber wußten selbst nichts, und hätten gern von der Sultanin was erfahren. Der Oberst der Eunuchen murmelte das Wort Krieg zwischen den Zähnen, und Flore erschrak.
Sie schickte die Unterkammerfrau zur Oberkammerfrau, diese mußte der Unterhofmeisterin auftragen zu der Oberhofmeisterin zu gehn, und dieser Namens der Sultanin zu befehlen: daß sie sich zum Unterpagen des Sultans begäbe, welcher den Oberpagen anzuweisen hätte, den untern Kammerjunker an den Obern zu schicken, bis endlich dem Sultan zu melden sey, die neue Sultanin wünsche ihn zu sprechen. Denn Etiquette war an diesem Hofe, wenn man schon keine Beinkleider trug!
Der Sultan verstieß diesmal gegen seine gewöhnliche Artigkeit, die Staatsgeschäfte fesselten ihn zu dringend. Er ließ zurücksagen: wenn er Dreihundert Marschdispositionen für Fußvolk und Reuterei unterschrieben hätte, würde er gleich erscheinen.
Das währte Floren zu lange, sie ließ den Minister der auswärtigen Affären rufen. Um des Himmels Willen, fragte sie, bekömmt der Sultan Krieg? Er wird doch nicht aus dem Gebirgsbezirk ziehen. Innen hat ihm ja keine Macht etwas an, wenn er den Paß vertheidigen läßt.
Dieser Minister war einer von ganz besonderm Schlage, er hatte viel Verstand. Der Sultanin ward bedeutet, daß es wohl Fälle geben könne, wo es nöthig sey, die Felsenmauer hinter sich zu lassen, wenn nämlich ein Bruder draußen vorhanden sey, der Hülfe verlange.
Flore hätte nimmer geglaubt, daß sie um den Sultan Kuku besorgt werden könnte, gleichwohl machte sie dem Staatsmanne viele Einwendungen, behauptete, ein Feldherr, dem Bruder zur Hülfe gesandt, gnüge auch schon.
Jener erwiederte: der Sultan sey es einmal gewohnt, seine Truppen selbst anzuführen, und er liebte zudem seinen Bruder zu sehr, als daß irgend etwas den ergriffenen Entschluß ändern könne.
Nun bat Flore, der Minister mögte doch durch Depeschen Friede machen. Er erwiederte aber: in diesem Kriege wäre keine gütliche Verhandlung möglich, die Feindin müsse vernichtet werden.
Die Feindin? fragte die neue Sultanin befremdet.
Ja, ein Frauenzimmer führt die Heere an, die des Sultans Bruder bekämpfen.
„O so wird der Sultan desto eher siegen.“
Das folgt nicht. Die Heere der Weiber sind oft siegreich.
„Gott! erlitte er aber Unglück, würde er nicht wieder den grausamen Befehl ertheilen, seine Weiber zu morden? Zwar, noch bin ich sein Weib nicht, und eine andere außer mir ist nicht vorhanden, was ich auch nimmer dulden werde.“
In dem felsenumfangenen Lande kann alles sicher seyn, was daheim bleibt.
Bald kam Kuku. Gemahlin der Esel aller Esel, sprach er, ich ziehe ins Feld.
„Und ich beschwöre dich um Frieden.“
Hier gehöre ich der Ehre, und darf keine andre Stimme vernehmen. Doch ich lasse dich zurück als Reichsverweserin. Herrsche in Kukus Namen. Schon sind die Befehle nach allen Winkeln des Landes geschickt, dir, wie mir selbst Gehorsam zu leisten.
Draußen lärmten schon die Trommeln, und eine ganz andere Art wie die in Europa. Von Hirnschädeln erschlagener Feinde werden sie gefertigt, mit der Haut vom Herzen überzogen. Ein Schlag auf eine solche Trommel klingt nicht laut, aber er flößt eine so kriegerische Begeisterung ein, daß jeder, der nur einen solchen Trommelschlag hörte, gewiß bei den Kriegsliedern der Deutschen einschläft, so unvergleichlich sie auch sind.
Vom König Erich von Dänemark erzählt die Legende: ein Tonkünstler von seltnem Rufe sei an seinen Hof gekommen, und jener habe ein kriegerisches Tonstück verlangt. Der Virtuos habe nun seinem Willen ein Genüge geleistet, und zwar auf eine so kräftige und hinreissende Art, daß Erich aufgesprungen sey, das Schwerdt eines Kriegers genommen, und vier Mann der Leibwache damit erstochen habe. Auch sey eher an keine Pause der kriegerischen Wuth zu denken gewesen, bis von Seiten des Virtuosen eine Pause gemacht wäre.
Grade so flog Kuku hinaus, wie die Trommeln aus Todtenköpfen sich vernehmen ließen. Mit einem Hieb lag der Feldherr, der nach ihm befehligte, zu Boden, und hätte ihn Flore nicht in den Arm gefaßt, wer weiß wie viele Offiziere in der Garnison hätten bluten müssen. Zu allem Glück stand aber der General wieder auf, er hatte nur eine leichte Verwundung bekommen.
Daß nach Ziskas Tode, die Haut desselben auch eine Trommel bekleidete, und die Hussiten ganz tollkühn waren, sobald sie diese Trommel hörten, ist eine Geschichtsthatsache, die den meisten der Leser dieses Buchs bekannt seyn muß, und die nur für die angeführt wird, welche noch nichts davon erfahren haben.
Nun mußten die Trommeln aufhören, und Sultan Kuku hielt eine Rede an sein Volk. Man lese sie, und wird finden, daß viel romantischer Geist der Chevallerie darin geathmet wurde.
Volk von Darkulla! Der Esel aller Esel zieht ins Feld, so gebieten es Ehre und Rache. Ich erblicke bestürzte Mienen und thränenvolle Augen, aber vergelte die Liebe. Meine schöne Cafferin bleibt zurück, während des Kampfes hier das friedliche Ruder zu führen. Noch ist sie meine Gemahlin nicht, noch konnte Kuku sich ihrer nicht würdig zeigen. Wenn ich ihr aber Tausend Köpfe der Erschlagenen sandte, und Tausend Gefangene, denen sie zur Lust Nase, Ohren, Hände und Beine abhacken lassen kann, dann erkennt sie den mächtigen Helden, ich fliege zurück, und die Festlichkeiten des Beilagers werden vollzogen. Ihr wißt schon um meinen Willen, der Cafferin zu gehorchen, wie mir. Sie empfange einen Namen in der Landesmundart, und heiße künftig Sultanin Nene.
Das Volk tanzte lustig umher, und rief der Sultanin Nene ein Lebehoch, nach darkullanischem Geschmack, dann setzte Kuku sich an der Truppen Spitze, und ließ den Generalmarsch schlagen. Wäre er in einer Carosse von dannen gefahren, würden sich Hundert Schwarze eingespannt haben, ihn bis an die Gränze zu ziehn, so duldete man aber nicht, daß er ein Roß bestieg, sondern ein heißer Patriot bog sich unter ihm nieder, und galloppirte mit dem Esel aller Esel davon.
Flore ging niedergeschlagen in den Blumenpallast zurück.
Ende des dritten Buchs.
Potpurri.
Ueber die Wohlfahrten in die Tiefe von Afrika,
und ein Vorschlag, sich durch eine unerhörte
Reise berühmt zu machen.
Viele gern nachsinnende Männer haben sich schon oft gewundert, daß unsere Vorältern, statt in den entfernten beiden Indien Niederlassungen anzulegen, nicht lieber das nahe Afrika kolonisirten. Es scheint aber, der alte Respekt, den einst die Mauren einzuflößen wußten, sey noch in zu frischem Andenken gewesen, und wem ist nicht bekannt, daß es nur an einigen Umständen, an den, vielleicht zufälligen, Wendungen von ein Paar Gefechten hing, sonst wäre ganz Europa mit Moscheen bedeckt worden. Jubelt Wissenschaften und Künste, daß der Kelch vorüberging oder vielmehr blieb.
Gleichwohl darf nur erst Gibraltar in gewissen Händen seyn, und wir werden ganz andere Dinge erleben. Noch viel mehr unsre Kinder, denn ihnen muß der große Gang der Weltereignisse doch auch einen Stoff zum Erstaunen aufsparen. Nur einmal Hunderttausend Mann bei Zeuta ans Land gesetzt, und man wird Caffee und Gewürze auf näheren Wegen beziehen. Das Innere des ganzen Welttheils wird auch nicht lange mehr ein Geheimniß bleiben. Die Auswanderungen nach einem neuen Carthago können so frequent werden, wie einst die nach dem reichen Lande, das Columbus entdeckt hatte. Bis dahin ist anzurathen, daß Einzelne sich der Züge nach den Quellen des Nils und zu den Ufern des Niger enthalten. Sie dürften ohnehin gefährlicher wie jemals seyn.
Da übrigens der Einzelne immer den Ruhm ärndten will, der Erste an einem Punkt der Erde gewesen zu seyn, wohin noch kein Europäer drang, so mag hier ein Vorschlag Platz finden, nach welchem der Ruhmlustige an einen Ort gelangen kann, wohin noch kein Sterblicher den Fuß setzte. Wir meinen eine Reise zum Nordpol.
Ob dort Reichthümer zu finden seyn mögten, kann man billig in Zweifel ziehn, ob die Physik dort erhebliche Entdeckungen machen würde, steht dahin, daß aber die Geographie sich einen neuen, dem Anfertiger von Globen und Charten wichtigen Gewinn, zählte, läugnet doch wohl niemand. Welch ein originell astronomischer Genuß daneben, auf dem Achsenpunkte zu stehn, und die Himmelskörper eine vollkommene Runde um sich beschreiben zu lassen. Endlich wird die Weltannale, die Schreibekunst müßte denn verloren gehn, sicher nicht vergessen, immerfort den Geschlechtern zu erzählen: N.N. war der Erste der den Pol besuchte, und die Unsterblichkeit ist die Hauptsache.
Wer weiß ob diese Unsterblichkeit, gegen die sich der Neid gar nicht erheben, oder die er nur mit Ohnmacht bekämpfen würde, nicht ziemlich leicht zu erringen ist, dafern nur richtige Maasregeln getroffen werden.
Aber die furchtbaren Schollen des Eismeeres! fällt Jedermann ein, und beruft sich auf die Seefahrer, welche bei aller Kühnheit des Willens nicht über die Bollwerke vordringen konnten.
Wohl möglich, daß im Sommer an eine solche Unternehmung ganz und gar nicht zu denken seyn wird, aber wohl möglich wieder, daß die Mitte des Winters sich dazu eignet.
Man starre nicht schon in dem Gedanken an den Frost unter dem neunzigsten Grade, ermäßige den Schauer vor der halbjährigen Nacht, und höre erst weiter.
Entweder, von den letzten Wohnplätzen in Nordamerika aus, (oder in Grönland, was damit zusammenhängen mag) geht ein Strich Landes bis zur Erdachse, oder man trifft auf das Meer. Jenes wird im Anfang des Winters mit hohem Schnee überdeckt, dessen Rinde späterhin der starke und regelmäßig fortwährende Frost härtet, dieses friert durchaus, und trägt auch eine Decke von Schnee, die jener ähnlich ist. Auf Land oder Meer zu reisen, wird gleich seyn, außer wo Gebirge die Fläche unterbrechen, deren es aber gegen den Pol zu, wahrscheinlich keine hohe, und mächtige Hindernisse legende, giebt.
Mit Rennthieren ist die Reise über Land und Meer schnell zu machen.
Denken wir uns nun einen beherzten jungen Mann, dem Zeit und Vermögen nicht fehlen, und der die kekke Unternehmung wagen mag, oder besser eine Gesellschaft solcher Männer, so hätte die Theorie ihrer Reise ausfindig zu machen:
Erstens: den dienlichen Schutz gegen die Einwirkung der Kälte.
Zweitens: den Nahrungsvorrath.
Drittens: die Vertheidigung wider reissende Thiere.
Viertens: Die Mittel, auch in fortwährender Dunkelheit, die wahre Richtung nicht zu verlieren.
Was den ersten Punkt anlangt, so wäre nöthig, bei Zeiten nach Grönland zu gehn, und sich vorerst so viel als möglich an heftige Kälte zu gewöhnen. Der Grad davon, welchen der Mensch ertragen kann, wurde noch nicht ausgemittelt; daß man aber in jugendlicher Gesundheit lange bei einer Temperatur von 20 Grad unter 0 Reaumur ausdauert, und sich mehr und mehr dazu gewöhnt, leidet keinen Zweifel. Blagden hielt in einer Hitze von 92 Grad Reaum. folglich 12 Grad über den Siedepunkt des Wassers aus. Zwar nur sieben Minuten, aber fortgesetzte Proben würden den Zeitraum verlängert haben, und sein Versuch beweiset nur, zu welchen Ertragungen außer der Regel, unser Körper geeignet ist. Nach Verhältniß müssen mit der Kälte eben solche Extreme zu erreichen sein. Und man denke nur an die holländischen Matrosen, die auf Spitzbergen Schiffbruch gelitten hatten, und dort mehrere Jahre, aller Bequemlichkeit ermangelnd, zubrachten.
Es ist kein Grund vorhanden, daß man annehmen sollte, es würde in der Nähe des Polpunktes, ein ganz und gar mit allem Leben unverträglicher Kältegrad herrschen. Die nämliche Kälte, welche im äußersten Lappland fühlbar ist, wird bisweilen auch in Petersburg empfunden, die von Petersburg nimmt man auch in Berlin wahr, nur was höher gegen die gemäßigte Zone hin, seltener wird, ist dort beständiger. Der Kältegrad, welchen man auf hohen Bergen, selbst im Süden empfindet, ist dem im Norden gleich, die Mönche auf dem großen St. Bernard leben acht Monate im Jahr, wie im nördlichen Canada, oder im Samojedenland, und eine strengere Temperatur wie auf den schweitzerischen Gletschern ist wohl auch auf der Erdachse nicht vorauszusetzen.
In Grönland kleiden sich die Einwohner vom Haupte bis zum Fuß, in Seehundsfelle, die vor allem Pelzwerk die Kälte abwehren sollen, folglich vorzüglich schlechte Wärmeableiter sind. Wer aber dreißig bis vierzig Tage (so lange kann die Reise dauern, wie wir weiterhin sehen werden) in jener Region bleiben will, ohne unter dichtes Obdach zu kommen, muß noch mehrere Pelze hinzufügen, und wäre anzurathen, sich nach Fußsäkken und Wildschuren von weissen Bären umzusehn. Denn da die Natur dieses Thier bestimmt hat, im höchsten Norden zu leben, so wird seine Haut auch am vollkommensten den thierischen Wärmestoff eindichten.
Das Rennthier bleibt, wo es einheimisch ist, unter freiem Himmel, und die Gewalt des Frostes kann ihm nichts anhaben, warum sollte es nicht einen Schlitten bis zum Eispole ziehen können.
Was hindert aber die Reisenden, es noch mit einer Pelzdekke zu versehn, ja wohl selbst mit einer Art Bekleidung, die ihm mindestens wohlthätig wird, wenn man Rast hält?
Man denke sich nun einen Schlitten von leichtem Holz, aber geräumig und dauerhaft. Inwendig mit dikken Pelzgattungen gefüttert, und von Aussen mit einem Baldachin von Seehundshäuten versehn. Unter diesem dichten Ueberwurf steht ein Ofen von dünnem Blech, eingerichtet wie die neuerfundenen chemischen Küchen, in denen man bei der Glut eines — Bogens Papier ein Essen zubereitet. Es ist zu vermuthen, daß man bald kein Holz mehr antreffen wird, um es zu einer Feuerung zu gebrauchen, doch einige Rieß Papier sind auf den Schlitten zu laden. Erhält man das Blech des Ofens nun immer mäßig warm, was in Vierundzwanzig Stunden vielleicht zwei bis drei Buch Papier erfordert, so geschieht bei der übrigen Verhüllung genug. Der lächerliche Anschein der papiernen Heitzung verschwindet, wenn der enge Raum des Schlittens beachtet wird, und wenn man sich dagegen ein großes Seeschiff denkt, das, wenn gleich das Meer offen ist, doch in einer Kälte von 12 oder 16 Grad unter 0 umherschwimmt, ohne daß die Matrosen ein ander Feuer erwärmt, wie die sparsamen Kohlen des nur bei den Mahlzeiten lodernden Küchenheerdes. Wer auf dem Verdekke arbeitet, muß so aushalten, wobei ihm freilich die Bewegung nützlich ist. Die Bewegung muß sich aber der Polarpilgrim geben, wenn angehalten wird, und mit Fleiß und Anstrengung, da regen sich die inneren Lebenskräfte, und mit ihnen der thierische Wärmestoff auf, und desto eher wird er hernach in ruhiger Lage zwischen seinen Pelzen und neben seinem kleinen Blechofen aushalten. Es wäre vielleicht auch durch die Spirituslampe etwas auszurichten, aber die dazu nöthige Materie ist zu schwer.
Uebrigens wird man, so lange der Landstrich währt, doch etwas Gesträuch finden, und dann bisweilen sich eines glühenderen Feuers erfreuen können, in dem äußersten Falle muß nur der chemische Blechofen Hülfe leisten. Vielleicht schmilzt sich durch ihn auch Schnee in Wärmeflaschen, wodurch die Hülfe vermehrt wird.
Ob leichte brennbare Fossilien anwendbar wären, als Schwefel, Erdpech, bituminöses Holz, wagt man nicht zu entscheiden. Warum aber nicht? Die Vorrichtung müßte nur ihre Wärme spärlich sammeln, und den schädlichen Dampf abführen.
Eine Maske vor dem Gesichte, die aber die Dünste beim Athmen nicht verschlösse, ein großer Muff über jede an sich schon verwahrte Hand, in welchen die Zügel des Rennthiers gingen, die ganz besondere Vorsorge für den Untertheil des Leibes, wären noch zu empfehlen. In allen diesen Hülfsmitteln, könnte der Reisende dann aber vollkommenen Schutz gegen die Polkälte finden.
Der Punkt der Nahrung ist aber schwieriger. Proviant für einen Mann und ein Rennthier auf dreißig bis vierzig Tage. Und in so geringer Masse, daß er in den (freilich auf der harten Schneerinde leicht hingleitenden) Schlitten geladen werden kann. Gewiß keine unbedeutende Aufgabe.
Daß auf Tafelfreuden verzichtet werden muß, liegt wohl am Tage. Erhaltung der Lebenskraft ist alles woran man zu denken hat.
Der vin cuite in der Provence, der eingekochte spanische Wein, und der in ähnlicher Art auf einigen Inseln des Archipelagus zubereitete, sind sehr nährend. Vom Safte des Palmbaums wird behauptet, ein Löffel davon soll (freilich in seinem Clima) den Menschen auf einen Tag erhalten können.
Dem sei wie ihm wolle, ein konzentrirtes geistiges Getränk wird vor allen Dingen nöthig. Gute Rhein- oder spanische Weine durch Sieden auf den sechsten, zehnten, zwölften Theil gebracht, mit kräftigen Gewürzen versetzt, werden dem Zwekke entsprechen. Eben so ist guter Rum möglichst einzukochen.
Ein mäßig Glas von jenem Getränke muß für den Tag ausreichen, von diesem schon ein Theelöffel den gehörigen Anreiz bewirken. Fünf bis sechs Quart bringen sich denn wohl fort.
Gallerte würde die passendste Speise liefern. Einen wohlbeleibten Ochsen geschlachtet, das Fleisch zerschnitten, die Knochen zermalmt, und die ganze animalische Essenz in Gallerte oder Suppentafeln gebracht, so werden vielleicht kaum Sechs Pfunde bleiben. Davon drei vier Loth in Schneewasser gethan, auf dem chemischen Ofen gekocht, und die Kraftsuppe ist da. Statt Brot gepülverten Schiffzwieback, zum Genusse angefeuchtet.
Sucht man auch bei der Medizin noch Rath, und legt etwa ein Hundert Gran Opium zu dem Vorrath, so wird der Lebensprozeß flüchtig und anhaltend zu erregen seyn. Das Opium wird auch vorzüglich die Kälte bekämpfen helfen, und noch mehr, wenn ein Zusatz der Tinctura aromatica nicht fehlt.
Der ganze Proviant für den Mann, sammt den Papieren zur Feuerung, muß nicht viel über hundert Pfund wiegen.
Doch die Rationen des Rennthieres, was fangen wir damit an? Es ist zwar sehr genügsam, und sucht sich in der Regel nur ein wenig Moos, aber das kann unterwegs fehlen.
Da wird es also nöthig, auszumitteln, wieviel von dem Moose das Thier täglich bedarf, und ob bei der Leichtigkeit dieser Nahrung daran zu denken seyn mag, sie auf eine solche Zeit mitzuführen. Bedenkt man, daß wohl drei vier Lappländer von einem Rennthiere gezogen werden, so bringt das seine Kraft in einen ziemlichen Anschlag, oder noch mehr die wenig schwierige Fortbewegung einer ziemlichen Last, unter solchen Umständen. Scherzlustige könnten anmerken, daß die Lappländer von Person sehr klein, folglich leicht sind, aber es ist ihnen zu erwiedern, daß ja auch eben kein Pendant zum verstorbenen Rath Schmidts in Berlin, die Polarwallfahrt anzutreten braucht.
Genug, man erprobt, ob das Moos, (wenigstens zum Theil, da doch unterwegs etwas davon anzutreffen seyn wird) mitgeführt werden kann. Das ausgesuchte Rennthier wird daneben auch an anderes und nahrhafteres Futter gewöhnt. Kraftmehl, gepulvert Brot, würden sich vielleicht eignen, und diese Dinge nehmen dann wenig Raum ein. Vielleicht versteht sich das Thier auch dazu, etwas von dem zubereiteten Rum im Schneewasser zu schlürfen.
Mögten aber die Künsteleien bei dem Thiere nicht zusagen, so genießt es doch nach allem, was die Naturgeschichte davon sagt, schwerlich mehr wie zwei bis drei Pfund Moos. Gut, so nehme man Hundertundfunfzig Pfund mit, die in und um den Schlitten noch die Kälte abwehren helfen. Dazu Hundert Pfund für den Mann, der mit seinen Pelzen Hundertfunfzig wiegen mag, so hat man Vierhundert Pfund, die ein Rennthier bequem ziehet, wobei nicht außer Acht zu lassen ist, daß im Verfolg der Reise das Gewicht sich täglich mindert.
Die als nöthig angenommene Zeit von dreißig bis vierzig Tagen beruht auf folgender Rechnung.
Bis zum 80sten Grade Norder Breite ist man gekommen. Nova Zembla reicht ziemlich dahin, und ein Theil des durchwanderten Grönlands, wenn gleich keinen Grad über den arktischen Polar-Zirkel hinaus menschenbewohnte Ortschaften zu finden sind. Es wird hier aber vorausgesetzt, daß die Reise vom 80sten Grade angetreten werden müsse. Auf dieser Station (in Grönland oder Canada, wo man es am bequemsten findet[7]), muß schon im Sommer vorher ein Haus erbaut werden, wohin man die Nothwendigkeiten, und noch Lebensunterhalt für die Zeit bis zum folgenden Sommer, in dem Hause selbst, schafft. Denn zu wohlfeil ist die Unsterblichkeit auch nicht zu verlangen. An diesem Orte richtet der Reisende, und seine Freunde oder Dienerschaft, alles ein, stählt seinen Körper gegen die Kälte, und wartet den entschiedenen Winter ab.
Nach diesem Orte kehrt er vom Pole wieder zurück, und findet Erholung.
Man hat dann noch zehn Grade oder Hundertundfunfzig geographische Meilen zurückzulegen. Ein Rennthier läuft zwölf Meilen hintereinander, die Lappländer machen oft zwanzig an einem Tage mit diesem schnellen Thiere. Doch wollen wir nur zehn Meilen in vierundzwanzig Stunden hoffen, um den Schein der Uebertreibung zu vermeiden. Das giebt also funfzehn Tage bis zum Pol, und zehne mögen zugegeben seyn, nicht als Aufenthalt an Ort und Stelle, wozu wohl Achtundvierzig Stunden ausreichen, (späteren Reisenden, die das Werk vervollkommnen, mag die längere Frist, zu vollständigern Beobachtungen, vorbehalten bleiben) sondern für unerwartete Hindernisse. Das giebt zusammen vierzig Tage. Laufen aber die Thiere schneller, und es giebt keinen Kampf mit besondern Schwierigkeiten, kann man wohl schon nach dreißig oder gar nach zwanzig Tagen wieder unter dem 80sten Grade anlangen.
Von reissenden Thieren ist der weisse Bär zu zu fürchten, den die Beschreibung sehr keck macht, es müßten denn weiterhin noch ganz unbekannte Ungeheuer wohnen. Im Feuergewehr giebt es ja aber ein fast immer bewährtes Mittel, gegen die ungeschliffene Bestialität. Trifft der Schütze nicht, so schreckt er wenigstens. Zum Ueberfluß noch einige Knallraketen, um sie desto gewisser scheu zu machen, und davon zu jagen, denn allerdings müßte das Rennthier mit vertheidigt werden. Weil sich nun aber von selbst versteht, daß nicht Ein Reisender sich auf den Weg machen wird, sondern zwei, drei, vier Schlitten, wenn nicht von Freunden, von seinen Dienern nachgeführt werden, so giebt das neben anderweitig wechselseitiger Unterstützung, auch desto kräftigern Widerstand bei solchen Angriffen, wovon wir eben redeten.
Nun kömmt das richtige Treffen des Weges, und das in lauter Nächten von vierundzwanzig Stunden Länge.
Indessen hat es je höher hinauf, je weniger mit der Dunkelheit zu sagen. Der Himmel ist meistens klar, die Luft rein, das Sternenlicht fällt auf den leuchtenden Schnee, wenn wir es auch übersehn, daß sich häufige Nordlichter ins Mittel schlagen, die fast Tageshelle niederglänzen. Die Einrichtung muß übrigens so getroffen werden, daß man einige Tage vor dem Neumond abreiset, so daß ohngefähr für die Tage, wo man an der Achse ist, auf den Vollmond gerechnet wird. So hat man denn die Fülle des Scheins, und bei der Mondhöhe im Winter, ihn überdem immer am Himmel.
Die beste unfehlbare Richtung giebt der angelfeste Polarstern, und wenn je der Horizont umwölkt wäre, nützt der Magnet. Doch ist es freilich nicht zu wissen, welche Veränderungen er am Pol erleiden wird, daher müssen besonders gegen das Ende der Reise, die der perpendikuläre Stand des Polarsternes angiebt, mancherlei Vorsorgen genommen werden, daß vom Anfang an die Spur des Rückweges kenntlich sey. Denn gesetzt man schritte um den Mittelpunkt des Pols, und die Nadel des Compasses drehte sich mit, so könnte die Orientirung verloren gehn. Vom Polarstern abwärts wäre es überall südlich, und statt wieder nach Grönland umzukehren, ginge es auf die aleutischen Eilande. Aber einige aufgethürmte Schneehaufen und präcis gehende Uhren, die den Stand der Gestirne als richtiges Merkmal zulassen, und nur erst eine mäßige Strecke in der nöthigen Richtung gefunden, so ist der Compaß wieder ein untrüglicher Wegweiser.
Soweit die Theorie der Polreise; an die Ausführung mag ein wohlhabender kräftiger sehensneugieriger und löblich eitler Jüngling denken. Viele opfern Tausende auf eine unwürdige Art hin, andre wenden Vermögen auf, stürzen sich in Gefahren zu Wasser und Lande, um die Cordilleras zu besuchen. Der Pol ist gewiß interessanter für den Ruhm, und wenn es gleich nicht den Schein hat, so könnten doch unerwarteter Weise ganz unschätzbare Entdeckungen dort gemacht werden.
Schwerfällige schwunglose Gemüther haben nicht nur Recht, wenn sie den Vorschlag tapfer bespötteln, sondern dies wird dem Urheber auch das Criterium seines Werthes seyn.
Nachdem der Leser aus dem heissen Aethiopien willig sein Einbildungsvermögen in die kälteste der kalten Regionen gesendet hat, wird er wieder zu der muthwilligen Pariserin zurückgeführt.
[7] Wäre es mit Verjüngung der Massen von Lebensnahrung noch weiter zu treiben, daß man auf sechzig siebzig Tage versorgt seyn könnte, so dürfte es räthlich werden, von der Mündung des Jenisei oder des Lena aus, über das Eismeer zu reisen. Desto weniger hätte man das Fortkommen erschwerende, oder gar hemmende Gebirge zu befürchten, vielleicht die wesentlichste Schwierigkeit. Und in Siberien wären die Erfordernisse immer noch mehr auf der Nähe, wie in Grönland oder auch in Canada.
Viertes Buch.
Erstes Kapitel.
Flore tritt die Reichsverwesung an.
Man hat Bücher verfertigt, in denen die Kunst gelehrt wird, ad libitum einen Sohn oder eine Tochter zu zeugen. Bei einst höherer Vollkommenheit derselben, wird es auch vielleicht Unterweisungen geben, wie gleich dies oder jene Schädelorgan mit anzubringen ist. Dies kann den Genuß der Vaterfreuden nicht wenig erhöhen, und jeder wird nach seinen Geschlechtsverhältnissen, und den Zeitumständen handeln. Die, deren Kinder einst weit reisen dürften, thun gewiß wohl, ihnen einen tüchtigen Sprachsinn zu besorgen. Die Vortheile davon sind in der Fremde unermeßlich, und ehe die Welt so klug wird, Ueberall eine und dieselbe Sprache zu reden, vergehn gewiß noch Zehn Napoleonsepochen, oder Zehntausend Jahre, denn alle Tausend Jahre bringt die Natur nur ein Genie hervor, das die Gestalt der Welt zu ändern vermag.
Wie wohl befand sich Flore in Darkulla mit dem köstlichen Sprachsinn! Unterwegs hatte sie spielend das Idiom der Neger begriffen, das überdem an Worten keinen Ueberfluß zählt. Die abweichende Mundart in Darkulla hatte wenig Belang, und Flore konnte nach einigen Wochen nicht nur vollständige Unterredungen, sondern auch vollständige Reden halten.
Die ersten Tage nach Kukus Abreise stellte sie sich geflissentlich krank, es schien ihr, der Gram müsse sie zieren, dann wollte sie auch selbst erst recht zur Besonnenheit kommen, und endlich trieb sie in dieser Zeit noch Tag und Nacht das emsigste Sprachstudium.
Während dessen hatte der Divan die innern Geschäfte zu besorgen.
Wie sich Flore wieder gesund machte, ließ sie von allen Räthen zuerst den Minister der auswärtigen Affären, Lolo genannt, rufen. Noch wußte sie die eigentliche Ursache des Krieges nicht, welche den Sultan bewogen hätte, sogar die Liebe zu fliehen, und als gute Landesmutter wollte sie sich doch so gut davon, wie über alle Angelegenheiten in Darkulla unterrichten.
Lolo befriedigte sie auf folgende Weise: Eselin aller Eselinnen, mächtige Sultanin Nene!
Es ist etwa ein Jahr vergangen, seitdem der vorige Sultan Tilili in das Land ging, wo die gläubigen Seelen auf lauter goldenen Eseln reiten werden.
Flore unterbrach ihn hier: es gefällt mir gar nicht, daß ihr so vielen Aberglauben unter Mahomeds Lehre mengt. Haltet euch an den Coran, oder vielmehr reinigt selbst den Coran noch, und laßt Vernunft und Moral eure höchsten Göttinnen sein. Doch fahre nur fort.
Lolo runzelte die Stirn und berichtete weiter: Nach einem uralten weisen Gesetze, greifen die Söhne des Sultans in dem Augenblicke seines Todes zu den Waffen, und der so glücklich ist, die andern zu erschlagen, besteigt den Thron.
So ist kein innerer Krieg zu befürchten, und der neue Regent erspart die Unterhaltung der Prinzen.
Pfui welche Barbarei! fiel Flore abermals ein.
Jener nahm wieder das Wort. Statt sonst die Könige bei uns zwanzig, dreißig Söhne zu haben pflegen, hinterließ Tilili nur zwei, Kuku und Tata. Tata sprach, ich will nicht um die Regierung kämpfen, lasse sie Kuku freiwillig. Kuku ließ ihn aus Dankbarkeit leben, und setzte ihm einen Jahrgehalt aus, obgleich die alten Räthe darauf drangen, ihm wenigstens die Augen oder Hände zu rauben.
„Gesegnet sei Kuku. O ich sehe, ihr seid schon reif, der Barbarei entzogen zu werden. Nur ein alter Rest von Vorurtheil pflegt ihrer noch, doch ich hoffe ihn zu tilgen. Weiter!“
Kuku ließ nun den Sklavenhändlern in allen Landen entbieten, er sei gewilligt, Weiber für seinen Harem zu kaufen. Man mögte also die schönsten von den Märkten in seine Hauptstadt liefern. Dazu suchte er selbst Hundert der lieblichsten Mädchen in Darkulla aus.
Die Dschelabs fanden sich ein, mit schwarzen, dunkelbraunen und gelben Schönheiten, und Kuku gab bald zweihunderten von ihnen die frohe Hoffnung, Mutter zu werden.
Flore hustete hier.
Allein immer war er noch nicht zufrieden mit seinem Harem. Er hatte gehört, daß es weit hinaus über Darfur an einem fernen Lande, Egypten genannt, ein breites Meer gäbe, und drüben über dem breiten Meere sollten Mädchen wohnen, weiß wie die Milch einer jungen Eselin, und roth wie der Blutstrom eines Enthaupteten.
„Welche abscheuliche Bilder! Euch umgiebt eine so schöne Natur, und doch so roher Sinn. Aber Kuku verglich doch schon mit mehrerem Geschmack. Kannst du nicht sagen, Mädchen, weiß wie das Gefieder der Turteltauben, und roth wie die frühen Boten der Morgensonne?“
Von solchen wollte er die Blumensäle des Weiberpallastes gefüllt sehn. Lange aber währte es, bis seine Wünsche erfüllt wurden. Die Sklavenhändler mußten durch viele Königreiche ziehn, eh sie nach Darkulla gelangten. Allen Königen wurden ihre Schätze ausgestellt und sie lasen das Beste aus. Am meisten Abdelrachmann, Sultan in Darfur.
„O es scheint, er wird die Kaufgier wohl ablegen.“
Kuku sammelte zwar gegen Hundert weisse Weiber, doch sie waren meistens alt oder ungestaltet.
Endlich aber wurde ihm eine Schönheit zugeführt, die er mit dem halben Reiche bezahlt hätte, wenn der Dschelab sie nicht anders hätte losschlagen wollen. Dies war die reitzende Gigi. Ihr Fuß hinterließ keine Spur im Sande, man konnte eher in die Sonne sehen, wie in ihr Auge, und wenn sie lächelte, schossen neue Blüthen aus den Zweigen des Mandelbaumes empor.
„So! Du besserst deinen Vortrag.“
Der Sultan rief: Eh ich diese Blume berühre, muß mein Ruhm bis hinter Monomotapa ertönen. Er hatte grade Krieg, mit einem Fürsten von Habesch, um das Land Darmi, was in der Mitte von Darkulla und Habesch liegt. Er zog ihm entgegen, aber traurig beim Abschied, denn Gigi, die Strahlende im Harem, wie die leuchtenden Wangen des Mondes unter den Sternen, die sich meistens schamhaft verbergen, wenn er am blauen Himmel heraufzieht; hatte ihm verwegen erklärt: Und so du auch siegreich heimkehrst aus deinem Kriege, und so dein Ruhm bis hinter Monomotapa ertönt, ich werde dennoch deine Sultanin nicht. Du bist nur Herr meines Lebens, nicht meiner Liebe. Sieh diesen Ring, den mir eine Zauberin in Senimar schenkte. Ein einziger Tropfen Gift, fließt in seinem hohlen Diamanten, aber so wirksam, daß ich, wie er die Lippe berührt, todt hinsinke; ja wer noch meinem Leichnam naht, muß plötzlich sterben. Diesen Ring entwindet mir keine Kraft, denn schon früher werde ich den Tropfen schlürfen.
Kuku hoffte aber, Gigi würde den Sinn noch ändern, und schrieb ihr aus dem Lager: Sie sollte künftig gegen den Landesgebrauch nur die einzige Sultanin sein, wenn sie ihn liebte.
O, unterbrach Flore den schwarzen Minister wieder, dieser Kuku ist zur Hälfte schon gut, und die andre Hälfte kann gut werden. Zu strenge Gigi!
Den Sultan traf Unglück, fuhr Lolo fort. Er wurde geschlagen und ein streifender Trupp Beduinen, der denen von Habesch beistand, schlich in seinem Rükken durch, um den Paß des Felsenlandes zu besetzen, der von den Vätern zu einer Zuflucht in Kriegsnoth eingerichtet war. Kuku fürchtete, seine Weiber mögten den Feinden in die Hände fallen, und sandte Befehl, sie sollten lieber alle sterben.
„O von der grausamen Geschichte vernahm ich schon.“
Die schwarzen Weiber kamen tanzend und reichten das Haupt dar, denn der geliebte Sultan hatte geboten. Die braunen und gelben erschienen auch, doch zitternd und leisklagend. Die Weissen erhuben ein lautes Jammergeschrei, und Gewalt mußte sie nach dem Richtplatz führen. Doch Gigi —
„Nun Gigi?“
Gigi fand unbegreiflicher Weise Mittel zu fliehn. Ein Beduine hatte sich bei Nacht durch die Wachen des Pallastes geschlichen, und sie gerettet. Bald führte Gigi selbst ein Heer von Beduinen an, und half Kuku bekriegen, der sie hatte morden lassen wollen. Kuku schlug die von Habesch, aber jene Beduinen vermogte er nicht zu überwinden. Er ließ Gigi Friedensvorschläge thun, die Stolze verwarf sie. Es gab endlich keinen Ausweg, als der tapfern Cafferin das streitige Land zu überlassen, was die von Habesch und die von Darkulla zufrieden waren. Sie wurde nun selbst Herrscherin.
„Also ist es doch nicht ohne Beispiel, daß Weiber in diesen Gegenden regieren?“
Kuku war des Krieges müde, und beschloß in das feste Land zu ziehn. Seinem Bruder Tata übergab er alle Provinzen, die außer der Felsenkette lagen, und dachte nur daran, andre Weiber zu kaufen. Viele wurden nach Darkulla gebracht, doch alle entließ er wieder. Er hatte Gigi gesehn, und keine andre Schönheit konnte ihn mehr rühren. In Gram und Trübsinn schwanden seine Tage. Endlich kamst du Eselin der Eselinnen, erhabene Sultanin Nene, seine Heiterkeit kehrte zurück, und bald wird er auch Gigi vergessen.
Flore dachte einen Augenblick darüber nach, wie doch ihre Schönheit, einst vielleicht mit Recht gepriesen, aber dann die Wonne so vieler Glücklichen, noch in der Tiefe von Afrika die wundervolle Wirkung hervorbringen könne? Sie war aber keineswegs unzufrieden damit, und erinnerte Lolo fortzufahren.
Ein Jahr ist es nun bald, seitdem Gigi den Thron in Darmir bestieg. Viele schöne und edelgebürtige arabische Jünglinge langten an, zeigten sich auf Rossen, die die älteste Ahnentafel aufweisen konnten, suchten Gigis Herz zu gewinnen, und den Thron mit ihr zu theilen. Nie sah man gewaltigere Kraft, kühnere Geschicklichkeit. Einer stritt siegreich mit Löwen und Tigern, ein anderer setzte in Ströme, und bekämpfte das Krokodill, noch ein anderer schwamm mit seinem Hengste einen Wasserfall hinunter. Umsonst! Gigi ließ ihnen Geschenke reichen, und gab ihnen sicheres Geleit in die Heimath.
„Beim Himmel! ich mögte diese Gigi kennen!“
Die Häupter des Volks baten sie, sich zu vermählen. Sie sprach: Nur noch einige Geduld, und ich schenke euch einen König.
Einstweilen ließ sie Kanäle graben, Städte bauen, Wüsten in Gärten umwandeln.
„Sicher ist Gigi aus Europa, einer Türkin Trägheit würde nicht so schöne Plane entwerfen.“
Wie man spricht, soll sie aus dem kleinen Ländchen stammen, das du nanntest. Die Beduinen wunderten sich um so mehr, Gigi so gut zu sehn, da ganz Afrika weiß, daß die Caffern aus dem Ländchen Europa boshaft, geizig und treulos sind.
„O es giebt viele Ausnahmen, glaube mir.“
Um aber ihre Städte, ihre Gärten schneller emporsteigen, emporblühen zu sehn, begehrte sie hundert Caffersklaven zu kaufen, die künstlich Geräth zu fertigen wüßten. Sie sollten in Darmi freie Leute seyn und geehrt. Da die Sklavenhändler aber nicht verstanden, solche Sklaven auszuwählen, und ihrer überhaupt wenige fanden, so empfingen zwei Kaufleute in Egypten durch die Königin Gigi den Auftrag, freie Männer der Art zu werben, die sich mit Weib und Kind bei ihr ansiedelten. Die Kaufleute sollten sie selbst bringen, und mit Reichthum gesegnet werden. Es fanden sich auch zwei Egypter willig, ein alter und ein junger Mann. Mit einer Caravane kamen sie samt den geschickten Männern bis Darfur, dessen Sultan sie bis zur Gränze geleiten ließ, denn Gigi hatte deshalb unterhandelt, und viel Gold dafür erlegt. Nun langten sie in Tatas Reich an, meldeten sich bei dem Melek, und sagten: Königin Gigi habe ihnen hier auch den Durchzug bewirkt, wie sie wohl wüßten. Tata war auch dieserhalb angegangen worden, hatte aber der alten Feindin wenig Gehör geliehn, sie drohte darauf heftig, und meinte dann, Tatas Furcht vor ihren Waffen werde nicht zugeben, daß er die Männer zurückhielt.
Tata aber verdrossen die Drohworte der Nachbarin. Er überlegte auch mit seinen Räthen, ob es gut gethan sey, Gigi die Männer zukommen zu lassen. Es sind ihrer Hundert nur, hieß es, aber sie führen Kinder mit sich, die wieder deren zeugen, wozu sollen wir behülflich seyn, daß unsre Feinde sich mehren, und die Nachkommen mit zahlreicheren Heeren zu kämpfen haben. Lassen wir diese durch, werden noch mehrere nachziehen. Sie bringen Gigi Freude und Nutzen, das zu fördern, verdiente sie um Darkulla nicht.
Kurz, die weisesten Weisen Darkullas entschieden, daß es unumgängliche Klugheit sey, jene Männer samt ihren Geschlechtern zu vertilgen. Tata meinte auch, daß es keine glänzendere Antwort auf Gigis vermessene Drohworte gäbe, als wenn ihr die Köpfe allein zugeschickt würden.
„O pfui, pfui! Gräßliche Politik von Afrika! Und ich kann mir denken, daß diese Weisen sich so patriotisch dünkten, als hätten sie in einem gewissen Parlament gesessen. Weiter!“
Bei dem allen dachte aber Tata doch auch an den Krieg, der ihm über den Hals kommen könne, und er wollte sich auf alle Fälle der Hülfe des Bruders versichern. Deshalb lief eine Anfrage bei dem Esel aller Esel ein, was man zu thun hätte?
„Nenne ihn Sultan Kuku, wenn du mit mir redest. Ich erlasse die überflüssige Artigkeit. Und welchen Rath empfing Tata?“
Sultan Kuku erwiederte: Wenn jene Caffern wirklich einem Lande Nutzen bringen könnten, so sey es zwar ein Thorenstreich, sie der Feindin zu überlassen, doch noch ein größerer, ihnen die Gurgeln zu durchschneiden. Man könne sie ja anhalten, im Lande selbst ihr kunstreich Gewerb zu üben.
„O ich sehe es, Kuku ist nicht nur gut, er hat auch Verstand, der nur seiner Bildung harret. Geduld, nur Geduld!“
Die Männer durften also nicht nach Darmi, wurden aber in Schutz genommen.
„Immer treulos gegen Gigi. Sie gehörten ihr an, man mußte sie ziehn lassen, dann einer so verständigen Monarchin Beispiel folgen, und sich auch geschickte Caffern verschreiben. Geduld, nur Geduld!“
Aber grimmig wie die Leopardin, die des Jägers Pfeil streifte, stand die Sultanin von Darmi auf. Viel waren der Gründe ihres Zornes, denn sie war selbst bis an die Gränze gekommen, die Caffern einzuholen, so viel lag ihr an dem Schmuck der Städte und Gärten; getäuscht mußte sie sich sehn, ihre Bitte mit Hohn, ihre Drohung mit Schmach vergolten, und schnell sammelte sie ein Heer, in des Nachbars Staaten zu brechen.
Flore fielen die Opern ein, die sie in Paris gesehn hatte, und sie rief: Eine Semiramis, eine Zenobia!
Lolo fuhr fort: So warm legte sich Gigi für das Schicksal der Männer ein, daß sie einen Fehdebrief erließ, verkündend: daß für jeden Kopf, der von ihren Caffern fehlen würde, Tausend Köpfe aus Darkulla auf Darmischen Spießen getragen werden sollten, und würde den Kaufleuten, welche ihre Caffern führten, nur ein Blick des Zornes, so sollten Flamme und Schwert eine ganze Provinz um dieses Blickes Willen verwüsten.
„Großherzige schreckliche Königin!“
Das alles wurde nun dem Sultan Kuku gemeldet, und er mußte dem Bruder beistehn. Vielleicht hätte er gar bei seinem friedlichen Herzen dem Bruder gerathen, die Caffern ziehn zu lassen, aber die beleidigende Sprache Gigis empörte ihn und jeden Darkullaner. Doch in so gerechtem Krieg wird die gute Sache nicht unterliegen. Gigi steht allein, die von Habesch sind ihre Verbündete nicht mehr, Kuku und Tata stellen ein mächtig Heer ins Feld.
„Gerechter Krieg, gute Sache, meinst du das?“
Ich meine wegen des kränkenden Fehdebriefes.
„Hätte man gleich das Rechte gethan, würde man weder den Zorn über den Fehdebrief gefühlt, noch den harten Kampf zu kämpfen gehabt haben. Ich schlage mich ins Mittel. Gleich einen Eilboten. Der Sultan wird meinen Rath, meine Bitte hören, und der Friede kehrt zurück.“
Sie entließ nun den Minister, und fertigte einen Courier an Kuku ab. In der Depesche beschwur sie ihn, sogleich die Männer an Gigi zu senden.
Zweites Kapitel.
Versuche mit der Entwicklung zu Darkulla.
Am andern Tag ward der Divan berufen. Als sich alle hohe Staatsbeamten eingefunden hatten, erschien die Sultanin ohne weitere Anmeldung. Nur einige Mann der Eunuchengarde und wenige Frauen begleiteten sie.
Darüber steckten die vornehmen Neger die Wollköpfe nicht wenig zusammen. Eine Sultanin, und umgiebt sich nicht mehr mit Schimmer? Was muß das Volk denken. Es wird sich erfrechen zu glauben, sie sei vom gewöhnlichen Geschlecht der Menschen.
Flore stieg nicht die Stufen zum Throne hinauf, deren Hundert vorhanden waren, sondern blieb auf der zweiten oder dritten stehn. Hier glaubte sie von allen gesehn und verstanden zu werden, und darum war es ihr zu thun.
Auch dies gab Anlaß zum Kopfschütteln. Wenn sich sonst die Sultaninen von Darkulla öffentlich zeigten, so waren sie so dicht von Garden und Höflingen umringt, daß man sie nicht sah und auf dem Hundert Stufen hohen Thron verkleinerten sie sich so, daß sie wie Kinder erschienen.
Flore, die ein leises Gehör hatte, vernahm das Geflüster, und sagte: Darkullaner, wer faßt euch? Den unnützesten Prunk wollt ihr an euren Monarchen glänzen sehn, und doch tragt ihr, wie er, keine Kleidung. Doch hört nur, was ich euch alles zu sagen habe.
Hier auf der Erhöhung wurde sie erst der Menge recht sichtbar, und nie hatte man wohl den Divan von Darkulla so bewegt gesehn, wie in diesem Augenblick. Denn konnte die allgemeine Befremdung größer sein? Flore trug ein Hemd von Musselin.
Bisher hatte sie sich, wie wir schon gesehen haben, zwar durchaus der Landessitte anbequemen müssen, allein da sie immer ein Schweistuch und einen Sonnenfächer in den Händen führte, so wußte sie einen so geschickten Gebrauch davon zu machen, daß ihr europäisches Gefühl wenigstens einigermaßen beruhigt war. Wie aber Kuku abreisete, ließ sie sogleich von einer wollartigen Pflanze ein Gewebe fertigen, und schnitt es sich selbst zu einer Chemise zu. Es ließ sich sonst in Darkulla auch nicht das geringste von einer Ellenwaare finden.
Man muß glauben, daß wenn Flore nicht so schön gewesen wäre, und durch die Anmuth in ihrem Betragen, schon Nachsicht geboten und Unmuth getilgt hätte, der Divan auf der Stelle würde auseinander geflohn seyn. Denn grade den Eindruck, den es machen würde, wenn eine vornehme Dame, in Europa nach der Mode von Darkulla erschien, brachte dort der europäische Gebrauch hervor.
Aber Flore fing an zu reden, man hörte, wunderte sich, daß man nicht aufhörte zu hören, und hörte dennoch.
Weise Männer von Darkulla, hub Flore an: Der Sultan euer Beherrscher hat mir das Regiment während seiner Abwesenheit übertragen. Je weniger ich hoffen kann, einer so unerwarteten Ehre würdig zu sein, je mehr wird es mir Pflicht, den Erwartungen, welche Kuku von mir hegt, nach aller Kraft zu entsprechen, daß nimmer ihn seine Wahl reuen möge, und Freude bei der Wiederkehr sein Herz durchglühe.
Darkullaner, ich bin in einem Lande geboren, wo die Menschen weiter in Künsten und Erfahrungen sind, wie ihr. Auch was Recht und Sitte als das Beste empfehlen, wurde dort genauer ausgemittelt wie hier. Fern sei es von mir, wegen dieses Zurückbleibens auf dem Pfade der Bildung, ein ganzes Volk zu tadeln. Vieles, was der Einzelne thut, hängt von Zufälligkeiten ab, und das gilt auch bei Nationen. Wären eure Väter durch solche Weltereignisse berührt worden, wie die unsrigen, ihr ständet heute auf der Stufe, welche meine Landsleute ehrt. Und hätten unsere Voreltern nur einen Lebenskampf gefunden, wie die eurigen, so besteht gar kein Zweifel, ihre Kinder würden nicht weiter vorgerückt sein, wie ihr. Dies schicke ich voran, um jeden Verdacht der Anmaßung von mir zu entfernen.
Allein ich glaube, ich kann gegen das Vertrauen eines Königs, der mir liebend entgegen kam, und mich neben sich stellte, gegen den freundlichen Empfang und willigen Gehorsam eines guten Volkes, nicht dankbarer mich beweisen, als wenn ich von den Vortheilen, die mein Vaterland vor euch genießt, Darkulla so viel zuzuwenden strebe, als es selbst schon aufzunehmen fähig ist. Und da bring ich eure Empfänglichkeit für das Gute in keinen geringen Anschlag, denn ich habe bereits Zeichen wahrgenommen, die den Morgen der Hoffnung lieblich rötheten.
Es ist der schönste Traum dieser Tage gewesen, den Sultan Kuku bei seiner Wiederkehr mit Einrichtungen zu überraschen, die ihm, wie dem Volke, Segen und Wonne bringen könnten, und mein Herz drängt mich, dem Traume Wirklichkeit zu geben. Euer Beistand ist es, worauf ich dabei zähle, und weiser Sinn, wie das lebendige Gefühl für das Bessere, werden mir ihn nicht versagen.
Es sind vorerst drei Gesetze, die ich zu erlassen gedenke, nachdem sie eurer reiflichen Prüfung vorgelegt sind.
Das erste betrifft die Kleidung.
Anstößig, eckelhaft, anstößig ist es, Darkullaner, daß ihr die Sitte auch der letzten unter den gebildeten Nationen nicht nachahmt, und ärgerlich eure Blöße zur Schau tragt. Wohl muß ich erkennen, daß euer Himmelsstrich hierin andere Gewohnheiten vorschreibt, wie Zonen, in denen das Wasser in Flüssen zum Stein erstarrt, und aus den Gewölken zu Staub gefroren niedersinkt. Allein was nicht die Nothwendigkeit der Erwärmung fordert, ist man der guten Sitte schuldig. Gewöhnt euch daran, ein dünnes Gewand zu tragen, und bald werdet ihr empfinden, daß das Achtungsgefühl für jeden Einzelnen zunimmt, es wird euch Freude sein, auch andern es wieder zuzugestehn, und ein wichtiger Schritt der Veredlung ist gethan. Ich spräche nicht davon, um nicht die Zurückhaltung aufzugeben, die der Weiblichkeit immer wohl steht, aber ich muß euch doch alles sagen, was zur Sache gehört, so darf ich um so eher hoffen, euch zu bewegen. Wisset, dasjenige Entzükken, wodurch die Natur der Menschen Herzen am innigsten rühren wollte, ich meine die Liebe, wird euch mit reinerem, hellerem Stralenschein umfließen, wenn ihr dem Geheimnisse Tempel erbaut, und es gab vielleicht weniger das Bedürfniß, wie der Liebe Sehnsucht nach ausgewählten Genüssen, Gelegenheit zu Erfindung des Kleides. Denkt nach über diese wichtige Angelegenheit, Männer von Darkulla, nennt mir eure Bemerkungen darüber und helft dann redlich und eilig das Gesetz vollziehn, indem ihr die Ersten seid, die dem Willen der Regentin mit Unterwürfigkeit begegnen.
Ferner komme ich auf die widernatürliche, grausame, unerhörte Gewohnheit, manchen aus Kurzweil zu morden, zu verstümmeln. Der Vornehme unter euch, der sich, wie er es nennt, eine heilsame Bewegung machen, oder sich am Gräßlichen eine Augenweide verschaffen will, ruft nur seinen Sklaven hervor, wenn er will, und stillt sein wildes Vergnügen. Der Sultan, dessen Sklaven ihr alle seid, kann auch den, der ihm am nächsten steht, zum Opfer auswählen. Hier, Darkullaner, vertheidigt euch auch der Väter Beispiel nicht. Jeder Erdensohn muß nach dem Triebe, das seinige zu erhalten, den Werth des fremden Lebens wägen. Es muß ihm heilig sein, damit ihn selbst nicht grause Furcht quäle. Eine unerbittliche Satzung, daß des Blutvergießers Blut die Schuld sühnen solle, wird bald ein so freventliches Gelüst austilgen. Die Menschen sind sich gleich, und welche bürgerliche Abstufungen auch in eurem Lande vorhanden sind, so darf auch der Niedrigste nicht so erniedrigt werden, daß sein Leben von der Willkühr abhängig sei. Begebt euch aus guter Ueberzeugung eines schändlichen Rechtes, und ich verheiße euch, den Sultan Kuku zu einem gleichen Entschlusse zu vermögen. Auch Mahomeds Religion verbietet solche ungemessene Greuelthat. Aber ihr versteht wenig mehr davon, wie die Erlaubniß, viele Weiber zu frein, und die Aussicht auf ein phantastisches Paradies, das ihr noch mit Heidenaberglauben schmückt. Davon künftig mehr, vorerst macht nur dem ärgsten Mißbrauch, der je eine Völkerschaft entehrte, ein Ende.