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Florens Abentheuer in Afrika, und ihre Heimkehr nach Paris. Erster Band. cover

Florens Abentheuer in Afrika, und ihre Heimkehr nach Paris. Erster Band.

Chapter 49: Achtes Kapitel. Die Caffern langen an.
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About This Book

A young woman joins a secretive sea expedition assembled at Toulon, accompanied by a mixed company of soldiers, scholars, and fellow travelers; their voyage touches Mediterranean ports, involves the capture and reorganization of Malta, and brings aboard a rescued captive named Coraim whose storytelling sustains shipboard life. The narrative follows her subsequent adventures in Africa and traces her eventual homecoming to Paris.

Noch muß ich über den Titel reden, den ihr euren Oberhäuptern beilegt. Durch manches Land kam ich auf meinen Reisen, aber einen so lächerlichen Verstoß gegen Ehrfurcht und Schicklichkeit nahm ich an keinem Orte wahr. In Darfur grüßt das Volk seinen König: Büffel der Büffel, in Darkulla gar Esel der Esel. Wie nützlich, kräftig oder stattlich euch ein Thier erscheinen mag, so ist es unwürdig, nur den geringsten Menschen damit zu vergleichen, da er an Schönheit der Gestalt, Vortheil der Glieder, und dem entwickelten Geist so weit emporragt. Der Mensch ist so trefflich dargestellt, daß man eher ihn mit dem Göttlichen vergleichen mögte. Dies ziemte aber wieder nicht. Also kein Vergleich, eine Benennung nur, die Liebe, Vertrauen und Gehorsam ausdrückt, aber durchaus menschlich ist.

Hier endete Flore. Es war ihr keineswegs entgangen, daß während ihrer ganzen Rede, viele leidenschaftliche Aufwallungen ihre Hörer bewegt hatten. Zugleich war ihr aber auch der Kampf sichtbar geworden, den die Mitglieder des Divans im Innern gegen ihren erregten Unwillen bestanden, und sie schrieb diese Erscheinung der eindringenden siegreichen Kraft ihrer Gründe zu.

Irthum! Man hatte sich nur angefeuert, die verderblichen Grundsätze der Liebenswürdigkeit der Rednerin zu verzeihen.

Der älteste unter den Räthen bat um die Erlaubniß, seine bescheidenen Anmerkungen über die weise Rede an den Tag zu legen, und sie wurde ihm gewährt, so wie jedem, der etwas darüber zu sagen hatte.

Eselin der Eselinnen, Tochter einer Eselin, und Mutter vieler Esel, erhabene Sultanin Nene, höre mich.

Hier biß Flore vor Aerger in die Lippen, der gute Alte fuhr aber fort:

Laß dich einen Greis beschwören, der der Grube zuwankt, und das Bewußtsein mit keiner Falschheit beladen wird, laß dich beschwören, deine Irthümer zu meiden. Dein Tadel straft das Volk von Darkulla, weil es nicht den Leib mit eitlem Gewande überhängt, und du nennest diese Sitte unanständig und sündlich. Sprich, wie kann es unanständig sein, den Leib, den Gott so schön, so kunstvoll bildete, frei zu zeigen. Ließ er nicht das Kind in Nacktheit geboren werden? Mißfiel ihm der Mensch ohne Hülle, würde er ihn nicht gleich mit einer Bedekkung versehn haben? Aber nicht einmal Schaalen, wie der Schildkröte, oder dem Krebse, nicht einmal ein Haus, wie der Schnecke und Muschel gab er ihm, und winkt also deutlich genug seinen Willen herab. Klüger müßten wir uns dünken, wie der Weiseste, tugendhafter wie der Vollkommenste, wenn wir besser verstehn wollten, wie der Mensch das Leben zu durchwandeln hat. Nein, glaube mir, du hegst Irrthümer, noch mehr, du sündigst gegen den Herrn der Himmel, und wirst seinen Zorn auf dich laden. Wirf sie weg, diese frechen Gewebe, die die Schönheit, welche dir gegeben ward, den Blicken entziehn, ja selbst verkündigen du schämest dich der Glieder, die der Herr schuf. Eben darum nehmen wir nicht alle Lehren Mahomeds an, weil sie gebieten, das Weib zu verschleiern, ein Frevel, zu dem sich unsre Ehrfurcht vor Gott nie verstehn wird. Schreibe in dein Herz, was ich dir sagte, ich bin zu bewegt, und muß schweigen.

Ein andrer stand nun auf, und nach der gewöhnlichen Höflichkeitsanrede, kam er zur Sache:

Wie, Königinn, wir sollten der leichten, freien Bewegung unseres Leibes ein Hinderniß setzen, uns steif und ungelenk machen? Wir sollten die Glieder verwöhnen, von der Luft gestärkt und erfrischet, die jedem Sonnenstrahl trotzten, und mit einer empfindlichen Haut, die Krankheiten auf uns laden, von denen man in Egypten so viel hört, wie die Gereiseten sagen? Sind Gelenkigkeit und Kraft nicht schätzbarere Güter, wie einige bunte Lappen, die, hätte sie auch der erste Künstler unter den kunstreichen Caffern gefertigt, doch nimmer dem Gefieder eines Papagoyen gleichen. Darum, wenn wir uns ja mit etwas schmücken, so sind es Federn im Haar, oder Muscheln am Halse, beides von dem höchsten Künstler hervorgebracht.

Noch ein andrer setzte hinzu: Und woher sollten wir doch Kleider bekommen? gesetzt wir wären auch so ruchlos, deren anlegen zu wollen? In Darkulla giebt es dazu kein Werkzeug, keine Arbeiter. Sollen wir den Fremden dafür von unserm Reichthum geben, wird Darkulla bald arm seyn. Sollen die Männer von Darkulla selbst die verdrießliche mühvolle Arbeit unternehmen, den nichtigen Tand zu bereiten, so müssen sie einer der holdesten Süssigkeiten des Lebens entsagen, der lieblichen Geschäftlosigkeit. Diese Gewerbe würden die Arbeiter verkrüppeln, man würde bald Siechlinge erblicken, wo jetzt nur nervigte Kernmänner vorhanden sind. Bald würde auch eitler Stolz einreissen, jeder sein Kleid besser wollen, wie der Nachbar. Neid und Mißgunst, Abhängigkeit und Hundert andre Uebel, die wir zum Glück unsrer Unschuld noch gar nicht kennen, von denen wir nur hier und da reden hörten, würden im Gefolge der Kleider nahen.

Der Alte hatte sich in etwas erholt, und fügte noch einige Worte hinzu. Sultanin, sprach er, du nanntest auch eine Erhöhung der Freude im Liebesgenuß, zu den Vortheilen, welche mit den Kleidern über Darkulla kommen würden. Wie, ist man in deinem Vaterlande so entmarkt, daß es erkünstelte Reize gilt, um Reiz zu empfinden, davon weiß Darkulla noch nichts, und seine starke Bevölkerung mag für mich zeugen. Soll aber Zügellosigkeit an die Stelle der Freude treten, o dann flehen unsere Väter, flehen unsere Mütter: Erbarme dich der Kinder, und lasse die Kleider weg!

Ferner, o Eselin der Eselinnen! verwirfst du das Recht über Leben und Tod, das bei uns dem Herrn gegen seine Knechte zusteht, wie die Pflicht der letzteren, freudig der Lust des Herrn, Kopf und Brust darzubieten. Bedachtest du aber auch, wie dadurch bei uns eine Herrschaft über die Gemüther, eine Leichtigkeit der Ordnung entstehn, die man vergebens bei allen Völkern der Erde suchen würde?

Wie tief ist die Liebe zu einem Herrn, für den man jeden Augenblick bereit ist, zu sterben. Was kann ein Herr, den die Knechte so lieben, nicht unter dem Werth des Lebens fordern. Wie gewiß, wie willig werden nicht alle seine Winke erfüllt? Statt anderwärts mit großer Mühe, und dennoch lückenhaft und unvollkommen die Gesetze erlassen werden, bedarf es deren bei uns gar nicht, der Geist des unbedingten Gehorchens geht schon in den Knaben über, wenn der Säugling entwöhnt wird, und stirbt erst mit dem Greise. Denkst du eine so herrliche Zusammenstimmung des Willens zu stören?

Ein andrer nahm das Wort. Wir sind ein Volk von Kriegern. Zwar dürften wir in der felsenbewachten Provinz ruhig gegen alle Angriffe seyn, und eine geringe Zahl ausgenommen, die den Eingang zu vertheidigen hätte, die Schwerter zerbrechen, aber die Darkullaner, welche draußen wohnen, sind auch unsere Brüder, wir wollen sie nicht der Feinde Sklaverei preisgeben, oder schimpflich große Lande meiden. Und einem Kerker gliche dann das Darkulla zwischen den Bergen, Niemand dürfte es mehr verlassen. Wo kann es aber wohl furchtbarere Krieger geben, wie da, wo niemand das Leben achtet? Das haben unsere Feinde oft gefühlt. Daß auch der Anblick des Blutes, der Todesmartern, nach langem Frieden, nicht den Anführern, nicht den geringen Kriegern ungewohnt sey, und Muth und Besonnenheit störe, ist es vortrefflich, von Zeit zu Zeit das Schauspiel des Mordes zu wiederholen. Männlicher Sinn, Gleichgültigkeit gegen fremde und eigne Qual, weichen so nimmer aus unsern Gemüthern.

Ein Dritter fügte noch hinzu: Wir hassen Anstrengung, Mühe, Fleiß, die doch, wie jeder gesteht, den Menschen peinigen. Anderwärts müssen die Feldherrn den Krieg wie eine beschwerliche Kunst erlernen. Einen großen Theil seiner Zeit ängstet sich der Bei in Egypten ab, wie er am besten begreife, die Truppen gegen den Feind zu stellen, mit Vortheil auf Feindes Reihen zu führen. Der arabische Reuter tummelt sich und sein Roß bis zum Ermatten, der Fußkrieger übt im Schweis des Angesichts, das Zielen seines Geschosses. Das alles darf der kühne Sohn Darkullas nicht. In dichten Haufen, mit Keulen oder Schwerdt gewaffnet, wälzt sich Darkullas Heer vorwärts. Zurück begehrt Niemand mehr, der im Tode kein Uebel zu sehn gewohnt ist. Mögen sie kunstreich schießen, nur Tausend Mann darauf losgestürmt. Was nicht fiel, erwürgt die Feinde. Stolze Gegner haben uns mit abgerichteten Elephanten bekriegt. Da warfen sich gleich ein zwanzig Mann in den Staub, ließen sich lachend zerstampfen, während andere dem Thier die Speere in den Leib senkten, oder hinaufklimmten, die Führer herabzuschleudern. Sogar einen der ehernen Feuerrachen, wie man sie im fernsten Caffernlande hat, wo gewiß die Menschen ihre eigne Kraft schon lange einbüßten, hat der Sultan von Darfur gegen uns gebraucht. Wie spotteten Darkullas Krieger der eitlen Bosheit! Es kostete einen Anlauf. Kaum hundert wurden zerrissen, da gehörte das plumpe Werkzeug uns, wir zwangen seine Schützen, ihre eigenen Brüder damit zu erlegen, und bewahren es noch auf. Soll diese Heldengewalt unserer Krieger, die seit Jahrtausenden unsre Haabe, unsre Freiheit so kräftig beschützt, in Darkulla untergehn? Nein, erhabne Sultanin, das wirst du nicht wollen.

Jetzt bat jener Alte wieder um das Wort: Eselin der Eselinnen! am tiefsten hast du unsere treuedurchglühten Herzen verwundet, da das Verlangen laut wurde, unsern uralten ehrwürdigen Königstitel zu ändern. Ich flehe dich an, erhabene Sultanin, erwäge, welchen schlimmen Eindruck es auf die Menge hervorbringen würde, wenn ihr gestattet seyn sollte, dem Oberhaupte, die ihm von den weisen Vätern erzeigte, ihm immer gebührende, von dem Vater auf den Sohn fortgepflanzte, Ehrenbezeugung zu entziehn. Alterthum allein heiligt schon Gebräuche, man darf nur mit Vorsicht daran rühren. Viel gewöhnlicher, viel leichter würde der Darkullaner von seinem Könige denken, über ihn fühlen, das Verhältniß der Unterthanen zu dem Gewalthaber betrachten, wenn es ein so wenig bedeutender Gegenstand wäre, das Bild, wodurch er die Herzen rührt, zu zerschlagen. Es wäre der erste Schritt einer gefährlichen Verminderung des ehrfürchtend, zutraulichen, kindlichen Sinnes.

Der zweite Rath warf ein: Du sagtest, erhabene Sultanin Nene, wohl mit dem Göttlichen wäre eher der Mensch zu vergleichen, als mit dem Thier. Nach dem Ebenbilde Gottes sei er gemacht. Verzeihe mir, ich begreife nicht, wie irgend eine Religion sich vermessen kann, einen so anmaßenden Stolz zu lehren. Was würde gar aus dem Sultan werden, dessen Macht auf Erden so groß ist, so groß sein muß, wenn ihn seine Diener einen Gott nennten? Grade, weil sie ihn so hoch stellten, muß er sich fleißiger erinnern, daß er bei aller Erdengewalt dennoch nur ein Wurm im Staube ist. Nein, Sultanin, laß uns das Herz unserer Könige nicht verderben, indem Wahn der göttlichen Natur über die Betrogenen kömmt.

Der dritte trug noch folgende Einwendungen vor:

In Afrika ist es Gewohnheit, die Rede mit Bildern zu schmücken. Der Vergleich ist anmuthig, übt spielend den Scharfsinn. Oft enthält er eine Lehre, die sich ohne Mühe einprägt. Vergleichen wir nun unsern König mit einem Esel, so wird nicht nur der Scharfsinn dadurch aufgefordert, die Aehnlichkeiten zu suchen, sondern auch heilsam an die in dem Witze enthaltene Lehre gemahnt, was grade dem Könige selbst am nützlichsten werden kann. Andre Völker haben Thiere gewählt, die in ihrem Lande vielleicht vortheilhafter zu brauchen waren, bei uns ist aber der Esel Alles in Allem. In Darfur nennen sie den Sultan: Büffel der Büffel, Elephanten von gewaltiger Stärke; in Bornu: Löwen der Löwen, Tyger von wüthendem Grimm. Sollte unsre Wahl nicht edler sein? Jene Thiere fürchtet der Mensch mehr, als er sie liebt, sie machen von ihrer Kraft häufig einen schlimmen Gebrauch, und derjenige, dem man ihre Namen zutheilt, kann auch leicht zu einem ähnlichen Mißgriff verführt werden. Aber man blicke auf die Esel in Darkulla. Wie zart gebaut, wie reinlich, weich, und von glänzender Haut sind sie. Wie sicher ihr leichter Tritt. Mit welcher Geduld tragen sie große Lasten. Von dem reichsten Vorrath an Sesam oder Mais umgeben, schwelgen sie nimmer, genießen nur das Nöthige; beim Mangel der Wüste behelfen sie sich mit schlechter karger Kost. Sie sind sanftmüthig, greifen niemand an, nur heftig gereizt beißen sie, oder schlagen hinten aus. Nun sage selbst, o Sultanin, mit welchem Thiere wäre Darkullas Sultan sinnvoller zu gleichen? Mögte nicht jedes Reich gern einem durch die äußere Form schon einnehmenden Herrscher gehorchen? Sind es nicht köstliche Tugenden am Thron, leicht und doch sicher die Geschäfte der Regierung zu treiben, die Last des Ruders mit Geduld zu tragen, mitten im Ueberflusse wirthlich zu sein, und im Nothfalle sich auch schlecht begnügen zu können? Die friedliche sanfte Gemüthsart des Landesvaters, welch eine Schutz und Wehr der Unterthanen gegen Gewaltthat im Innern; denn dem Beispiele von oben werden alle Gewaltige des Landes folgen. Wird der Sultan nur zornig, wenn ihn Beleidigung reitzt, so hat sein Reich keine unnütze Kriege zu besorgen. Darkulla, das sich mehr vertheidigen als erobern will, kann durchaus keinen rührenderen Vergleich wählen, wovon dich gewiß meine Gründe überzeugten, und du wirst fortan freundlich lächeln, wenn dir das schöne Ehrenwort: Eselin der Eselinnen, ertönt. Ob wir gleich nicht glauben, es bedürfe bei deinen Vollkommenheiten, noch einer Mahnung, an die Tugenden des sanften Thieres zu denken, so nennten wir dich doch ungern Krokodill der Krokodille, aus Furcht, du mögtest bei den öfteren Erinnerungen etwas von der Natur des Ungeheuers in dich aufnehmen.

Drittes Kapitel.
Fortsetzung.

Flore war abwechselnd bleich und roth geworden, während die Opponenten redeten. Hätte sie wieder gewußt, jene in die Enge zu treiben, so wäre wenigstens der Vortheil auf der Schwarzen Seite gewesen, daß ihre Farbe sich nicht änderte. Doch sie war wohl auf rohen Eigensinn, starres Vorurtheil gefaßt, nicht aber auf Gründe, und so war ihre Verlegenheit in der That nicht klein. Die Kernsprüche der französischen Literatur von der allgemeinen Art, (sie hat deren weit mehr, wie die sich gern über sie erhebende deutsche) sind fast Jedermann in Frankreich bekannt, darum fiel auch Fontenelle’s Wort: Chacun a raison, Floren mehr als Einmal in dieser Verlegenheit bei. Doch ließ ihr feiner Takt sie zugleich begreifen, daß sie ohne Gefahr des Ansehens, nichts einräumen dürfe; und mogte gleich ein geheimer Verdruß in ihr erwachen, die Hand an die Aufklärung von Darkulla gelegt zu haben, so meinte sie nun doch, der eingeschlagene Pfad sei nicht mehr zu verlassen. Eine solche Festigkeit des Regierungssistems ist schon oft von der Menschenkunde empfohlen worden. Giebt man im Gefühl des Unrechtes nach, wird auch nächstens bei vollem Recht der Geist der Schwierigkeit aufwachen.

Flore sagte nichts, als: Ich werde in meinem Cabinette weiter beschließen, und entfernte sich mit einer etwas kühlen Verbeugung.

Die Glieder des Divans sahen einander bei diesem Zeichen von Unzufriedenheit bekümmert an, doch das Bewußtsein, der Pflichten Stimme gehorcht zu haben, richtete sie wieder auf.

Man kann vermuthen, daß der Rath gefügiger erfunden wäre, hätte er Jünglinge in seiner Mitte gezählt. Allein es durfte in Darkulla Niemand vor dem sechzigsten Jahre in den Divan treten, und das ist freilich eine vortreffliche Einrichtung, wo man nicht von der Stelle will.

Da nun aber Flore nach ihrem Kabinette ging, sahe sie zu ihrer großen Verwunderung, daß alle ihre zurückgebliebenen Dienerinnen sich mit mächtigen Feigenblättern versehn hatten. Der Ruf von dem Willen der Sultanin war schon zu ihnen gedrungen, und mit höchster Eile hatte man zu gefallen gesucht. Die Kammerherren staken vom Haupt bis zum Fuß in Ziegenhäuten, etwas andres war so schnell nicht herbeizuschaffen gewesen. Man kann also denken, wie diese Kammerherren nicht erst Floren würden wegen ihrer weisen Befehle geschmeichelt haben, wenn die Darkullanische Weisheit ihnen nicht die Zungen genommen hätte.

Der Eunuchoberst fragte gehorsam an: ob seine Soldaten auch gekleidet erscheinen sollten? ohne besondre Ordre that der pünktliche Mann nichts. Flore glaubte Ja antworten zu müssen, und nun richtete er für sich ein Tygerfell, und für die übrigen Schaafshäute zu, doch alle von Einer Farbe, der Geist der Uniform fuhr wunderbarlich in ihn.

Flore überlegte hin und her. Lasse ich, dachte sie, die Geheimschreiber kommen, Edikte ausfertigen, und an die Ecken schlagen, so muß das Volk thun, was ich begehre. Daß nicht überall Neigung zum Widerstande vorhanden ist, beweisen die Hofleute, die gefällig erfüllen, was die grämlichen Räthe mit weitläuftiger, schwülstiger Beredsamkeit umwerfen wollen. Aber wenn ich bedenkliche Gährungen ins Leben rief? Nun da könnte sich Entschlossenheit bewähren. Doch zu rasch ist so was nicht zu wagen, aber man darf jenen Räthen auch keine Schwäche verrathen.

Die letzte Betrachtung überwog, Flore gerieth in eine edle muthige Hitze, die Geheimschreiber erhielten sogleich Befehl, in den Pallast zu kommen. Noch aber waren die ausgefertigten Edikte nicht unterschrieben, als sich der älteste von den Räthen melden ließ, und nochmals, Treue und Liebe in Blick, Sprache und Geberde, warnte. Er hatte die Berufung der Geheimschreiber erfahren, und dies ihn zu dem gegenwärtigen Schritte bewogen.

Flore war sehr verdrießlich, gab ihm bald zu verstehn, er sei die überzählige Person im Cabinette, zauderte aber dennoch mit der Unterschrift. Es ging ihr wie Elisabeth von England, mit dem Unterschiede, daß jene bei einem grausamen Befehl nicht zum Entschluß gelangen konnte, Flore aber nicht, wo sie von der Trefflichkeit desselben überzeugt war.

Viertes Kapitel.
Nachrichten aus dem Felde.

Es waren einige Wochen hingegangen, und in der Zeit hatte Flore auch wohl zuweilen bedacht: Was geht mich die Aufklärung der Darkullaner wohl an? Wenn ich des Volkes Meinungen nicht feindlich berühre, welch herrlich Loos erwartet hier die Sultanin? Ich ärnte keinen Dank für meinen Willen, die Unwissenheit auf eine höhere Stufe der Bildung zu erheben.

Darüber verzog sich die Unterschrift je länger und länger. Aber Flore zeigte sich nicht wieder im Divan, sie wollte nicht als die Nachgiebige dastehn.

Jetzt langte aber ein Eilbote vom Heere an, und überbrachte Briefe von Kuku. Die Sultanin zitterte bei ihrer Erbrechung, als wenn sie den feurigen Schwarzen schon liebte, und es keinen Ring mehr in der Welt gäbe.

Der erste Brief bestand in Herzensergießungen. Nach einem Eingange voll Schwüre der Liebe, so heiß, und mit Bildersprache und Dichtung verwebt, wie ihn je eine Prinzessin Afrikas empfangen hat, schrieb Kuku auch: er müsse wahrlich den ihm ertheilten Rath, Gigi die Männer von Caffernland auszuliefern, wohl überlegt finden. Auch würde er ihn vielleicht noch befolgt, und sogar über der Beduinenkönigin Fehdebrief hinweggesehen haben, wenn sich unterdessen die Umstände nicht noch beträchtlich geändert hätten. Aber bei seiner Ankunft im Lager sei Tatas Vortrab bereits durch Gigi aufs Haupt geschlagen gewesen, und da unglücklicher Weise das empörte Volk in des Bruders Hauptstadt, die Männer mit lauten Schmähworten gekränkt hätte, und das der zornigen Feindin hinterbracht worden sey, habe sie einen Theil ihrer Drohungen fürchterlich erfüllt, und den besetzten Landstrich mit Feuer und Waffen verwüstet. Das fordre nun Rache, und der Krieg müsse auf das nachdrücklichste fortgesetzt werden. Er sey auch schon so glücklich gewesen, mehrere Truppenabtheilungen der Beduinen aufzureiben, und die großen Heere rückten nunmehr gegen Einander. Eine Hauptschlacht müsse entscheiden, doch schien diese noch nicht so nahe zu sein, da die Regenzeit Hindernisse lege, und beide Theile auf reiche Vorräthe an Lebensmitteln Bedacht nehmen müßten, um mit den großen Heeren durch die Wüste zu ziehn, die sie noch zwischen sich hätten.

Nun kamen wieder Zärtlichkeiten an die Reihe, und zwar im ächten altdarkullanischen Geschmack. Kuku meldete: er habe bereits Tausend Köpfe von Erschlagenen gesammelt, die er ihr in Säkken von Kameelhaut schicke. Sie wären schon unterwegs, nur würde der Eilbote allerdings früher eintreffen. Nächstdem würden Tausend lebendige Gefangene anlangen. So sei er ihrer werth, und nach der Heimkehr sollte ganz Darkulla des Beilagers wegen, vier Wochen lang trunken sein, ob es gleich Mahomed untersagte, dem bei diesem Verbot, sein Volk noch nicht zu gehorchen erlernt habe.

Hier ließ Flore den Brief auf ihren Schooß sinken, und dachte nach: — Sultanin, nun wirkliche Sultanin? Darf ich es, wie auch Hoheit und Freude mich anlocken? Wenn nun Ring lebt, und was sollte er nicht? Muß ich nicht wie Gigi handeln, die Kräftige? Aber ich besitze den Trank nicht, und Ring selbst würde es verdammen, wenn ich den Trank schlürfte. O daß mir doch eine Nachricht über ihn zukäme, nun, da sich Kukus Krieg in die Länge ziehn wird, erscheint Musa vielleicht eher wieder.

Sie las fort, warf aber den Brief unwillig zur Erde, denn was noch folgte, empörte sie mehr, als das ihr zugedachte gräßliche Geschenk. Kuku endete den Brief damit, daß er die Hoffnung äußerte, die Feindin werde durch die Tapferkeit der Söhne Darkullas völlig überwunden werden, ja selbst gefangen in seine Hände gerathen. Ist ihr dann das Kleinod zu rechter Zeit zu entwinden, welches das geheime Gift verbirgt, o dann soll die, welche ich zur Sultanin, zur einzigen Sultanin von Darkulla erheben wollte, mir fröhnen wie die gemeinste Buhldirne, und wenn meine Lust gebüßt wurde, den Knechten preisgegeben werden. — „Das werd ich verbitten, unzarter Afrikaner!“ rief Flore bei dieser Stelle aus. — Und, hieß es schauderhaft weiter, mordet sie ihr Trank, soll auch ihr Leichnam der Entweihung nicht entgehn, und sollte der Tod viele Knechte — — —

Den Rest las Flore gar nicht, sondern rief Abscheu über den Sultan. Doch setzte sie hinzu: die Hoffnung ihn zu bessern, geb ich immer nicht auf.

Der zweite Brief wurde erbrochen. Er war offiziell, und so angethan, daß die Sultanin ihn im Divan vorlesen sollte.

Erst fand man eine Reihe von Berichten, über die Kriegsvorfälle, welche schon Statt gehabt hatten, Listen von Todten und Verwundeten, ehrenvolle Erwähnungen muthiger Thaten, Angaben über den Verlust der Feinde, und was sonst aus dem Kriege berichtet zu werden pflegt. Worin aber Sultan Kuku von der vielbefolgten Regel abwich, das war der Punkt der Richtigkeit.

Noch mehr: Sultan Kuku konnte die ungemeine Tapferkeit und Geschicklichkeit der Beduinen nicht genug erheben, die alle, welche schon mit ihnen im Kampf gewesen waren, ihm bezeugt hätten. Er schrieb, es wären gar die ältern Beduinen nicht mehr. Ihre Sultanin hätte einen Kriegesgeist, eine Kunstfertigkeit ihnen anzueignen gewußt, welche Afrika noch nimmer gesehen habe, und sollte die Tapferkeit der Darkullaner, (welche er zwar nicht aufhörte, als die erste in der Welt zu erkennen) Gigis Heer überwinden, so schiene es durchaus nöthig, einige der Stellungskünste und Angriffskünste von drüben nachzuahmen. Tata wäre ganz mit ihm hier einverstanden, und die Truppen würden in dem Betrachte schon geübt. Er empföhle also dem Divan die Verstärkung, welche er auszuheben hätte, auch bald auf diese Weise zu unterrichten. Zu dem Ende lagen genaue Beschreibungen jener Bewegungen bei, und es würden auch Offiziere ankommen, die sich dem Geschäfte widmen sollten. Besonders war dabei der Sultanin empfohlen, ernst durchzugreifen, wenn etwa die Graubärte im Divan, nach ihrer gewohnten Art mit veralteter Weisheit widerständen. Das Nothwendige müsse geschehn, und der Einwurf verstummen.

Die letzten Weisungen enthielten gleichsam einen Triumph für Floren. Sie war entzückt über Kukus Klugheit, das Gute auch vom Feinde lernen zu wollen. Die Weisungen des Divans halber, berechtigten sie zu Schritten, die jenen Widerspruch rächen konnten.

Hatte sie schon oft über die romanhafte gefürchtete Gigi nachgedacht, ja wohl eine Sehnsucht empfunden, die Heroin einmal zu sehn, so versank sie daneben in Bewunderung. Wie, rief sie aus, diese Gigi stellt sich an die Spitze eines rohen Haufens, macht sich zur Herrin, lenkt ihn nach Gefallen, und legt ihm sogar schnelle Riesenschritte der Entwicklung auf? Und ich, hier mit Ansehn gerüstet, muß, da ich das Gute will, Ausflüchte hören, die zwar im ersten Augenblick manches für sich zu haben scheinen, aber von der Höhe des Strebens angesehen, doch elend sind. Aber mein Wille ist nicht heftig genug. Ich zaudre klügelnd, wo die That vorangehn sollte. Nein, nicht länger! Kuku soll eine andere Gigi anstaunen.

Die Palmblätter, rief sie (in Darkulla baut der Kunstfleiß noch keine Papiermühlen) den Griffel! und im Nu waren die Unterschriften fertig. Die Boten mußten fort.

Fünftes Kapitel.
Gährung.

Der Divan wurde berufen, Kukus Brief gelesen. Mit niedergesenktem Blick hörten die Räthe. Endlich stand der vorsitzende Greis auf, legte die Hände auf die Brust, und sprach: Erhabene Sultanin, wir dürfen rathen, aber müssen gehorchen. Den Ausgang zum besten kehren, das wollen wir, für ihn einstehn, das können wir nicht.

Flore hatte wohl eine andre Antwort gewünscht, doch allenfalls ließ sich mit dieser schon zufrieden seyn, und sie beurlaubte die Räthe.

Jetzt schrieb sie dem Sultan. Nichts weniger als Zärtlichkeit, nichts weniger als Kälte, viel aufmunterndes Lob, und eine räthselhafte Hoffnung auf Glück bei der Heimkehr, die Kuku vielleicht beim Empfang anders gedeutet hat, wie Flore es meinte. Denn sie hatte nur ihre Umwandlung des Volkes von Darkulla im Auge.

Flore gab den alten Kammerherrn ihr inniges Bedauern über ihre unglückliche Verstümmung zu erkennen, äußerte aber aber dabei, daß eine Bedienung von stummen Männern, sowohl freudenlose Eindrücke auf sie mache, als ihr abgeschmackt dünke. Sie bekamen doppelt Gnadengehalt, und statt ihrer wurden andre mit gesunder Sprache angenommen.

In diese fuhr sogleich die Kammerherrn-Natur. Sie erhuben die Weisheit der neuen Einrichtungen über die letzten Sterne des siebenten Wonnehimmels, und schwuren: ganz Darkulla sey aus Entzücken über die letzten Befehle ohnmächtig geworden. —

Das beruhigte Floren, wiewohl es anders klang, wie der ehrliche Eunuchenoberst gemeldet hatte. Dieser war, gleich nachdem das Militär die Uniform von Thierhäuten angelegt hatte, von der Sultanin befragt worden: wie das Volk sich bei dieser Erscheinung äußere, und seine Antwort gewesen: ältere Männer pflegten bei dem Anblick sich still umzuwenden, jüngere aber liefen im Scherz, wie vor dem Thiere, von dessen Haut das Soldatenkleid gemacht sey. Im Pallast wurde aber eine Manufakturenkommission niedergesetzt, die über die Mittel zu berichten hatte, auf das schnellste allerhand Zeuge fertigen zu lassen.

Der Divan fragte durch eine Sendung an: wie er sich für die nächste Versammlung zu kleiden habe? Die Sultanin wollte den alten Männern keine peinliche Beschwerde auferlegen, sie stellte es also in dem Belieben eines jeden, und setzte hinzu: wegen des noch bestehenden Mangels an Stoffen, sei es vorerst an einem Feigenblatte genug.

Da sie nun am folgenden Tage die Räthe über den Pallasthof zur Sitzung gehen sah, bemerkte sie, daß alle das Feigenblatt in der Hand trugen, gleichsam als spielten sie nur damit, oder wollten sich seiner als eines Schirms bedienen, oben im Saale war es aber durch die Ranken einer Epheu befestigt. Dies Betragen verdroß Floren, doch war ihre Meinung: dem hohen Alter sei einiges zu übersehn.

Uebrigens hatte die Sultanin manche Genugthuung. Viele Palmblätter wurden eingesandt, auf denen Danksagungen der Knechte eingegraben waren, vor dem Pallaste ließen sich viele Menschen sehn, die artige geflochtene Schürzen trugen, und Niemand brauchte die verhaßte Anrede mehr. Alles das war jedoch Schein, durch die Plane der Schmeichelei veranstaltet. Falsch waren die Danksagungsschreiben, die Leute, welche sich gekleidet zeigten, erkauft, während heimlich ausgestellte Wachen keinen dem Pallast nahen ließen, der an der Nationalnacktheit noch mit Vorliebe hing. Adressen, welche mit der Courtoisie: Eselin! anhuben, und deren manche einlief, wurden unterschlagen.

In der Wirklichkeit stand es nur zu bedenklich. Das Volk sah Schande, Beschwerde und Noth in der gebotenen Kleidung. Die Vornehmen geriethen außer sich, daß die Willkühr über der Knechte Leben verfallen sollte, diese wurden trotzig und nun schlechter genährt, durch die Herren, daß sie dennoch den alten Zustand zurückwünschten. In Verächtlichkeit sank eine Sultanin, ohne den edlen Ehrgeiz, den Titel der Landeshoheit führen zu wollen. Doch die Ausbrüche heilloser Szenen wurden noch durch Vermittlung des Divan niedergehalten.

Auch war bei der tiefen Ehrfurcht, womit man in Darkulla sonst den Gebietern und ihren Gemahlinnen huldigte, nimmer die Stimme der Verläumdung gehört worden. Man hätte Afterrede über den Hof, gleich nach der Gotteslästerung gestellt. Jetzt ward das anders. Man flüsterte sich so manches über Nene ins Ohr. Ihr freies Betragen erweckte Muthmassungen, die man freilich noch nicht aussprach, aber einander auf den Gesichtern las. Auch kam, was in Darkulla, wo blindes Gehorchen mit Sitte und Gefühl so genau zusammenhing, unerhört war, die Fremdheit der Sultanin, unter mißbilligenden Wendungen zur Sprache, und im Verdruß, über das, was sie that, wollte sich immer schon die Frage hervorwagen: Ist es recht, dieser Sultanin, die Schändliches und Ungerechtes will, Folge zu leisten?

Sechstes Kapitel.
Die Köpfe und Gefangenen.

Nun langte die vom Sultan abgeschickte Bedeckung an, und brachte sowohl afrikanische Trophäen, nehmlich Köpfe, als auch lebendige Gegenstände der Volkskurzweil, nehmlich Gefangene.

Unter kriegerischer Musik, von den Einwohnern mit tausendfachem Jubelschrei empfangen, nahte der Zug dem Stadtthore. Hier wurden die Köpfe aus den kameelhäutenen Säcken genommen, und auf Lanzen gesteckt; die Gefangenen je zwei und zwei zusammengeschlossen, die Hände auf den Rücken gebunden folgten, vom Pöbel verhöhnt, beschimpft, mit Steinen geworfen, oder mit Stäben gequält, woran spitzige Fischgräten hervorragten.

Nach alter Sitte von Darkulla, wurde von den Köpfen, am Eingang des Pallastes, eine Pyramide aufgerichtet, um welche die trunknen Darkullaner tanzten, wohl in phrenetischer Raserei oft ihr Fleisch herunter rissen, und verschlangen. Dann gab man die Feinde Preis, welche das Kriegsglück lebend in der Sieger Hände geliefert hatte. Nationalhaß und Rache wegen gebliebener Verwandten in diesem Kriege, machten sich schrecklich Luft, und es ist zu ärgerlich grausend, um es nachzuerzählen, was dann alles geschah. Nicht wich die Menge von dem Platze, bis auch der letzte zerrissen war.

Flore hatte den Divan berufen lassen, da der Zug eintraf. Ich erfahre, sprach sie, welchen kannibalischen Lusttaumel sich heute der Pöbel verspricht. Aber eher wollte ich gleich die mir anvertraute Gewalt hinwerfen, ehe ich die Menschheit unter meinen Augen so niedrig entweihen ließ. Gleich sammle man die Reste der Getödteten, und lasse sie in der Stille zur Erde bestatten, denn unwürdig ist hier jedes frohlokkende Spiel. Die Gefangenen sind nicht mehr unsere Feinde; die Geburt in ihrem Vaterlande, ihre Pflicht gab ihnen das Schwert wider Darkulla in die Hand, wir konnten sie entwaffnen und sind versöhnt. Man gebe ihnen unter Aufsicht Beschäftigung, und reiche ihnen den Sold unserer Krieger.

Alle Glieder des Divans fingen zugleich an zu reden. Wie nöthig es sein würde, hier nachzugeben; von der Gefahr, das Volk zum Aufstand zu bringen, u. s. w., aber Flore entließ sie mit einem kurzen: Ihr wißt meinen Befehl.

Es wurde vollzogen, was Flore geboten hatte. Das Volk lief mit Wehgeheul durch die Straßen, raufte das Haar aus, geberdete sich fast wahnsinnig, daß seine Lust untergraben wurde; nahe drohte die Meuterei, doch noch gelang es dem Divan die Leidenschaften niederzuhalten.

Die Kammerherrn erklärten der Sultanin, die das Wehgeheul vernahm, sie höre Freudenruf über die Abschaffung der Mißbräuche. Auch redeten sie sehr laut von angenehmen Gegenständen, und bestellten in aller Eile ein Concert, daß Nene ja nicht der Wahrheit auf die Spur käme.

Es ist eine große Gefahr, der die Vornehmen blosgestellt sind, die, daß man ihnen die Gefahr verhehlt.

Viele Zügellosigkeiten wurden in Darkulla begangen, von denen Flore nichts erfuhr. Man grub die verscharrten Köpfe wieder aus, die Gefangenen, welche bauen, Gärten pflanzen, und bei den neuen Zeugfabriken arbeiten sollten, mordete der Pöbel, wo sie sich vereinzelt zeigten. Flore dagegen meinte auf dem Wege zu sein, alle Genugthuung für ihre Plane zu umarmen. Sie beging den Fehler, nicht genug mit eignen Augen zu sehn, und entfernte sich wenig von ihrem Pallaste. Geschah es einmal, so erblickte sie, was sie wünschte. Das Lebehoch ward gerufen durch geschürzte Darkullaner, die selbst nichts eiligers zu thun hatten, als die Bürde von sich zu werfen, sobald nur Nene vorüber war.

So machte einst eine hohe Fürstin der Christenheit Reisen in noch unangebaute Provinzen. Wie erfreute es sie, in einem der entlegensten Winkel durch schöne junge Alleen zu fahren, Dörfer und Städte voll fröhlicher Menschen zu finden. Aber die Alleen waren nur eingesteckte Baumzweige, nach einigen Tagen dürr, die Dörfer Dekorationen, in den Städten nur die Straße, wodurch man zog, mit Vorderfacaden geschmückt, und Menschen weit und breit herbeigetrieben, Bevölkerung zu lügen.

Mit dem Divan berathete Flore wenig mehr, da seine Schwierigkeiten sie längst ermüdeten, dagegen bildeten ihre Kammerherrn einen engeren Cabinetsrath, wo kein Widerspruch, wohl aber die angenehmsten Hymnen gehört wurden.

Siebentes Kapitel.
Wieder Nachrichten von Kuku.

Durch Eilboten, welche vom Heere kamen, erfuhr Flore, wie sich die beiderseitige Hauptmacht nun Einander beträchtlich genähert habe, und in einiger Zeit der Wurf einer entscheidenden Schlacht fallen werde.

Kuku schrieb ihr dabei, nach den gewöhnlichen afrikanischen Galanterien, viel Rohes und Gescheutes. Darin blieb er sich gleich. Hauptsächlich ließ er sich über die Caffern aus, um welche sich der Krieg entsponnen hatte. Gigi, schrieb er, hat das Verwüsten eingestellt, sogar Schadenersatz angeboten, und noch einen ziemlichen Landstrich, den sie Tata abtreten wollen, dafern ihr die Caffern ausgeliefert würden. Es wäre also ein leichter und vortheilhafter Friede zu erringen. Allein die Verwüstung muß schmachvoller gerächt seyn, so will es Darkullas Ehre. Dann scheint auch die Veränderung im Betragen, auf einen Unfall zu deuten, der ihr widerfuhr, oder droht. Vielleicht will auch ein anderer Nachbar ihr Land mit Krieg überziehn. Das Gerücht sagt ohnehin lange: Habesch sei mit ihr zerfallen, und schon vor meiner Ankunft beim Heere hatte Tata sich um ein Bündnis mit diesem Reiche bemüht, wozu sich jetzt einige Hoffnungen zeigten. Es wäre also thörigt, um ein wenig Land den Frieden einzugehn, wenn es vielleicht ganz wieder zu erobern ist. Und dann fällt auch Gigi lebend oder todt in meine Hände, eine Lust, die hunderttausend Köpfe spottwohlfeil erkaufen. Der Caffern wegen habe ich einen Entschluß genommen, mit dem du Eselin der Eselinnen, (Kuku hatte Wichtigeres zu thun, als die Titulaturen zu verbessern) zufrieden seyn wirst. Schon oft blitzte der Säbel über die Häupter derselben, doch aus den Gründen, die dir schon bekannt sind, wurden sie immer noch der Volkswuth entzogen. Jetzt sind sie aber auf dem Wege zur Hauptstadt des Felsenlandes. Bald werden sie bei dir ankommen, Sonne von Darkulla, liebliche Sultanin Nene. Lasse sie in engen Gewahrsam bringen. Gewinnt mein Schwert in dem großem Kampfe, der uns bevorsteht, so mögen sie leben, und ihre Geschicklichkeit Darkulla Nutzen bringen. Und etwas Erhebliches muß es ja darum seyn, weil Gigi sogar um den Besitz der Männer sich demüthigt. Ein Bote, dessen Esel mit Mandelblüthe geschmückt ist, wird dir den Sieg verkündigen. Verliere ich aber die Schlacht, dann lasse mir gleich die Caffern tödten. Besiegt zeig ich Gigi den grimmigsten Trotz. So ziemt es dem Sultan von Darkulla. Desto eher wird sie auch den Krieg enden, und hab ich doch das Felsenland, wohin ich mich mit Tata zurückziehe, das jetzt klüger bewacht wird, wie im vorigen Kriege. Die Köpfe der egyptischen Kaufleute sende mir, ich will sie Gigi übermachen. Dieser beiden Männer wegen, unterhandelte Gigi am eifrigsten. Den Verlust der Schlacht meldet dir ein Bote auf einem Esel ohne Schweif. Das ist das Zeichen der Klage, des Trotzes und der Caffern Todesspruch. Du kannst die Kaufleute erst über manches befragen.

Diese Köpfe werde ich nicht senden, dachte Flore bei sich, wenn sie schon empfand, daß einige Größe in der Barbarei lag.

So stand Claudius Nero, dem listigen und kräftigen Punier gegenüber, der so oft Roms Legionen überwunden hatte. Asdrubal kam über die Alpen gezogen, den Bruder zu verstärken, und nur eine geringe Macht konnte ihm unter dem Consul Livius Salinator entgegenrücken. Da entschlich Claudius mit des Heeres größter Hälfte, während täuschende Zeichen Hannibal seine fortdauernde Gegenwart vermuthen ließen. Mit Eilmärschen erreichte er den andern Feldherrn, ihm Hülfe zu leisten. Vereint griffen die Helden an, funfzigtausend Feinde sanken. Nach sechs Tagen war Claudius schon zurückgekehrt, und in Hannibals Lager flog — Asdrubals Haupt.

Achtes Kapitel.
Die Caffern langen an.

Einige Wochen darauf brachte ein starker Trupp Soldaten, die Caffern mit ihren Weibern und Kindern. Die Sultanin ging selbst hinunter, da sie vor dem Pallaste angekommen waren. Sie fragte gleich nach den Kaufleuten aus Egypten, und man stellte ihr einen Greis mit bekümmertem Antlitze, und einen jugendlich blühenden, sehr lebhaften Mann vor. Letzterer trug auch Spuren des Grams auf seinem Gesichte, ein gewisser heiterer Lebensmuth schien sie aber nicht ohne Erfolg zu bekämpfen. Wer durfte sich auch wundern, diese Leute niedergeschlagen zu sehn. Ohne Zweifel hatten die Zusagen jener Königinn, ihnen mit den freundlichsten Erwartungen geschmeichelt, und nun schwebte ein Dolch über ihren Scheiteln.

Flore fragte nach ihren Namen, ihren Geburtsorten. Mustapha nannte sich der ältere, der jüngere Osmann. Aus Natolien berichteten sie, sind wir gebürtig, Cairo war zeither unser Wohnplatz.

Da Flore von Cairo hörte, ward ihr die Wange heiß, und die Pulse fingen rascher an zu hüpfen. Gern hätte sie gleich gefragt, wie es ihren Landsleuten jetzt in Egypten erginge, sie fürchtete aber, ihr Interesse würde zu sehr hervorleuchten. Weislich unterhielt sie auch in Darkulla den Glauben, sie stamme aus dem türkischen Caffernlande, und sie konnte um so leichter die Muselmännin spielen, als sie bei jenem Derwisch so viele Lehren des Coran aufgefaßt hatte. Als Nazaräerin würde Kuku ihr auch nicht so viel Gewalt in die Hände gegeben haben, und es befestigte ihr Ansehn nicht wenig, daß sie die Priester in Darkulla, welche noch höchst unwissend in Religionssachen waren, zu meistern verstand. Doch nahm sie sich vor, nächstens die Egypter ins Geheim zu sprechen, wo sie denn manches erfahren könne.

Osmann zeigte ihr die für Gigi geworbenen Männer und machte sie mit ihren Eigenschaften und Kunstfertigkeiten bekannt. Da gab es Waffenschmiede von Damaskus, Gärtner von Aleppo, Bauverständige aus Smirna, Zeugmacher von Angora, und andre brauchbare Männer, die, wenn ihnen England oder Frankreich wohl nur einen dürftigen Wirkungskreis gegeben hätte, doch geeignet waren, im tiefen Afrika eine neue Schöpfung ins Leben zu rufen.

Am meisten freute sich Nene bei dem Anblick der Männer von Angora. Die Zeugmacherei wollte sich in Darkulla bei allen Bemühungen nicht zu Fortschritten bequemen. Daß aber nun keine Sorge sei, das Haar der Kameele und der edlen Ziegengattung, in diesem Lande, wie die zarte Wolle, welche Darkullas Bäume lieferten, bald in artige Stoffe verwandelt zu sehn, lag am Tage.

Deshalb bestand auch kein Gedanke daran, diese Leute einzukerkern, vielmehr wurden sie reichlich beschenkt, und Rath über die Mittel gepflogen, ihnen bald Werkstätten anzuweisen. Ihr sollt Gigi nicht vermissen, rief sie ihnen zu, und die Caffern waren vor Freude außer sich, da hartes Gefängniß, vielleicht ein noch schlimmeres Loos, alles war, was sie erwarteten.

Die Kammerherren klatschten so viel Beifall, daß ihnen schier die Hände erlahmt wären, und Flore meinte ihr Verfahren schon bei Kuku verantworten zu können. Im schlimmsten Falle athmete ja das Roth ihrer Lippen noch Zauber genug, für einen Prinzen aus Afrika.

Zu dem jüngeren Kaufmanne faßte sie viel Vertrauen. Er antwortete so gewandt, so schnell, so verständig über alles was sie ihn fragte, rieth mit so guter Ueberlegung, daß Flore ihm bald erklärte, sie habe noch keinen Muselmann von so vieler Geistesgegenwart gefunden.

Diese Artigkeit schien den jungen Osmann zu erschrecken, und er maaß seine Reden etwas langsamer ab. Bald aber wunderten ihn auch die Bemerkungen, die Kenntnisse, die verfeinerten Liebhabereien der Sultanin, und etwas vorlaut sagte er: es schiene unbegreiflich, daß ein Paar georgische oder zirkassische Sklavinnen, wie sie und Gigi, einen in dieser Weltgegend so unerhörten Reichthum an glücklichen Ideen zeigten. Hier gerieth Flore in einige Verlegenheit, und um sich ihr zu entwinden, sagte sie: ein griechischer Priester in Georgien habe ihr in manchen nützlichen Dingen Unterricht ertheilt.

Osmann nahm wieder das Wort. Erhabene Sultanin, es scheint die Zeit gekommen, die der Völker Finsterniß erhellen wird. Darum landete auch vom fernen Toulon ein Heer Franken am Nil.

Sehr eilig fragte Flore: Und wie ergeht es jetzt diesen Franken? Ich hörte davon.

Osmann erwiederte: Heldenmüthig fechten sie gegen der Mehrheit Wahn, indeß nur wenige Kluge des Landes ihnen Heil wünschen. Doch ein Werk der Art kömmt nicht gleich zu Stande. Schon genug, wenn die Bahn kräftig gebrochen wurde, sollte auch nur ein nachfolgendes Geschlecht vollenden.

Osmann, rief Flore, der Prophet segne dich. Du bist sein würdiger Anbeter. Ein Mann wie du thut mir Noth, in meinem glänzenden und beschwerlichen Amte. Mein Divan kennt nur Widerspruch. Andere Diener billigen was geschieht, doch ich fürchte, sie schmeicheln und verhehlen mir. Sei du Lenker des Kunstfleißes in Darkulla. Erscheine vor mir so oft du willst, und laß mich deinen Rath hören. Hehle mir nimmer Wahrheit, ich liebe sie, auch wenn sie bitter wäre. Erspähe die Gewohnheiten des Landes, so kannst du meinen Absichten desto mehr frommen.

Gerührt und edelsinnig dankte Osmann, und verhieß, mit Gefahr des Lebens ihren Beifall zu suchen. Darkullas Sitte, sprach er, ist mir nicht mehr fremd, da ich eine gute Zeit in Tatas Lager weilte. Auch von deinem Regiment, erhabene Sultanin, vernahm ich schon. Im Lager ging manches Gerücht umher, und die Einwohner deiner Hauptstadt, welche den Soldaten unserer Bedeckung entgegen kamen, sprachen viel davon.

Und was? fragte Nene gespannt.

Osmann stockte ein wenig.

Es ist mir um Wahrheit zu thun.

Der egyptische Kaufmann fuhr fort: Dann hätte ich gewünscht, diese Darkullaner mögten sich durch günstigere Urtheile über ihre edle Fürstin geehrt haben.

So sagte der berühmte Bülow, als sein Geist des neuen Kriegssystems in der allgemeinen deutschen Bibliothek scharf mitgenommen wurde: Wenn sich dieser Kritiker doch ehrte!

Flore drang mit der Miene des guten Bewußtseins weiter in Osmann. Wer entgeht dem Tadel, sagte sie, doch bin ich neugierig, den zu hören, der über mich ergossen wird. Uebrigens sind es weder die Besseren noch die Zahlreicheren im Lande, die ihn theilen, meine neuen Räthe beruhigten mich über jede Sorge, sollten sie auch zur Hälfte geschmeichelt haben.

Osmann zog bedenkliche Falten der Stirn.

Aus dem, was ich hörte, sprach er, läßt sich auf eine Unzufriedenheit schließen, die größer, viel größer sein mag, wie du fürchtest. Gestatte mir die Meinung zu wagen, du hast gefährlich mit deinen neuen Satzungen geeilt.

Die Sultanin fiel ein: Muth gab ihnen vielleicht in den Augen des Volkes einen höheren Werth, und die Sache an sich ist zu gut, als daß der Muth sich nicht gern für sie waffnen sollte.

Osmann versetzte: Diesen Gesinnungen ziemet hoher Ruhm, dennoch hätte mich der Himmel in deinen Divan berufen, ich würde — —

Würdest du mir anders gerathen haben?

Treue hätte mich so kühn gemacht, dir zu sagen: Gebiete nichts, überlasse was du willst, der Freiheit. Doch kleide sich dein Hof, nimmer wohne er einem gräßlichen Feste bei, der Titel, den du verachtest, werde dort nimmer gehört. Erst wird man im Volke Unmuth ahnen, er wird auch hie und da laut werden. Merke nicht darauf, aber lasse nicht ab, das Beispiel zu geben. Ueberall werden die Höfe nachgeahmt, denn vornehmer will der Mensch immer erscheinen, wie er ist. Bald werden die Mächtigen des Landes die Sitte des Oberhaupts verehren, und sie sich aneignen. Ihnen folgt der Mittelstand. Gegen diesen werden zuletzt auch die Knechte nicht zurück bleiben wollen. Einige Jahre, und das Ziel wird ohne Unruhe erreicht.

Flore dachte bei sich: dieser Moslem urtheilt, als ob er in Paris geboren wäre, doch hütete sie sich, das zu sagen, vertheidigte noch ihren regsameren Gang, und entließ den Kaufmann.

Unterdessen aber war, ihr unbewußt, der schon lange glimmende Funke der Empörung furchtbar aufgelodert. Dem Volke war Kukus Wille bekannt, denn er hatte ihn vor den Soldaten nicht geheim gehalten, und diese den Einwohnern wieder davon erzählt. Welch ein allgemeiner Unwille nun, da die, welche in den Kerker sollten, mit Ehre und Geschenken überhäuft wurden! Man haßte sie mehr noch als jene Gefangenen, denen die Sultanin, ungehorsam gegen Kuku, das Leben ließ. Denn man erblickte die Werkzeuge der völligen Unterdrückung der alten Freiheit in ihnen. Fertigen diese erst, rief man, die gehässigen Kleider, müssen wir uns damit peinigen und schänden. Aber noch, als berathet ward, ob man sie rebellisch aufgreifen und einkerkern sollte, trabte der Eilbote auf dem Esel ohne Schweif weinend ins Stadtthor. Kuku ist geschlagen, ihr Bürger! jammerte er.

Dann müssen die Caffern sterben, rief alles, sie, um derentwillen das Blut von Darkulla fließt. Ergreift sie, thut des Sultans Willen! Noch fanden sich einige ruhigere Gemüther in der Menge und man war in Darkulla noch mit dem Gedanken an Möglichkeit der Empörung nicht vertraut. Also noch einiges Zaudern. Noch einige Mahnung, zu erwarten, was die Sultanin nun thun würde.

Sie stand an einem Pallastfenster, hörte den wilden Lärmen erst in der Ferne, dann wälzte sich hinter den Eilboten her, des Pöbels Gewühl.

Sie erschrack bei dem Anblick des Eilboten, und wurde heftig entrüstet durch des Pöbels Betragen. Niemand sah sie darunter, der nur eine geflochtene Schürze getragen hätte.

Der Eilbote hatte kein Palmblatt. Zu niedergeworfen berichtete er, sei Kuku gewesen, um schreiben zu können. Er werde das Nähere berichten. Vorerst nur soviel, daß Gigi in einer großen Schlacht Siegerin geblieben sei, Kuku lasse seinen Gruß entbieten, und an sein Verlangen mahnen.

Während Flore mit dem Schwarzen sprach, tobte die Menge unten: die Caffern nieder! Mustaphas und Osmanns Köpfe ins Lager! Gehorsam dem Sultan!

Nie hatte sie dergleichen gehört. Sie rief einen Kammerherrn, dem die Knie schlotterten und die Hände flogen. Hinaus, sprach sie, und gebiete in meinem Namen dem Volke, schnell auseinander zu fliehn, und demüthig zu erwarten, was ich beschließen werde.

Sie rang die Hände. Osmanns Kopf! Der Mann war ihr so lieb geworden, und nun die ganze Abneigung ihres Herzens gegen Grausamkeit! Bedauern des guten Kuku! Hohn des Volkes! Viel lag in diesem Augenblicke auf ihr.

Größerer Tumult. Sie eilt ans Fenster. Der Kammerherr will ihren Befehl verkünden, wird aber nicht gehört, oder vielmehr er kann vor Zittern nicht sprechen.

Einer der Eunuchen muß hinaus. Dem war zwar die Hälfte seines Muthes genommen, doch aber hatte er mehr übrig, wie der Kammerherr. Er gebot, sich zu zerstreuen, aber die feine Stimme eines Eunuchen imponirt nicht genug. Das Volk gehorchte nicht.

Es waren viele vom Divan in den Pallast gekommen. Sie mißbilligten den Auflauf ernst und erinnerten die Sultanin, ihn nicht ungestraft zu lassen. Doch Kukus Befehl muß vollzogen werden, setzten sie hinzu.

In dem Augenblicke ward das Geschrei wilder als je. Flore sah, wie viele Caffern, die in den Pallasthof liefen, um dort Rettung zu finden, vor ihren Augen gemißhandelt wurden, ja man brachte Mustapha sammt Osmann bei den Haaren geschleppt, zog einen Henker, der das Schwert bei sich trug, herzu, und forderte einmüthig den Befehl zur Hinrichtung.

So viel konnte Flore nicht mehr unthätig ansehn. Ihr ganzer, seitdem sie Sultanin von Darkulla hieß, ziemlich angewachsener Stolz, ihre angeborne, mit einer ganz angemessenen Zugabe von Leichtsinn versehene, Kühnheit erwachte. Sie hörte der Räthe Warnung nicht, lief zur Eunuchenwache, die unter dem Gewehr stand, riß dem Obersten die Lanze aus der Hand, und befahl, ihr zu folgen. So stürmte sie unter die Menge, ließ zu Boden strecken was nicht floh, und drang noch eben bis an die beiden unglücklichen Kaufleute hervor, als der Henker schon auf den einen seinen Streich führen wollte. Erwarte mein Gebot! rief sie, und jagte ihm die Lanze durch die Brust.

Etwa Hundert Schwarze waren niedergemacht, als das Volksgewimmel den Platz gereinigt hatte. Nicht die Furcht vor dem Tode wirkte so auf die Darkullaner, wie die unbesiegbare Gewalt des Ansehens, womit Florens Entschlossenheit sich gewaffnet hatte. Die Caffern waren schlimm zugerichtet, doch noch sämmtlich am Leben. Flore trug Sorge für sie. Mustapha und Osmann wurden in den Pallast gebracht. Jenen hatte die Angst seiner Kräfte beraubt, und er mußte getragen werden, dieser aber rief lachend: Schon glaubt ich heute Mahomeds Paradies zu sehn, aber die Thür flog wieder zu.

Die muthige Sultanin glaubte noch nicht genug gethan zu haben. Sie wich nicht von dem Hofe, und schickte dem Volke die Eunuchen nach. Die Sultanin hat euch zerstreut, mußten sie entbieten, jetzt befiehlt sie, daß sich der Haufe schnell wieder zurückbegebe, weil der sechste Mann erwürgt werden soll. Es liegt in der Natur der Kühnheit, sie fluthet in der Uebung an, und dem warmen tapferen Herzen gefällt die Erneuung der Gefahr, um die Lust höheren Triumphs zu gewinnen.

So hatte sie in Fesseln geschlagen, so unterwürfig war das gebändigte Volk, daß sich gleich der Pallasthof wieder anfüllte. In tiefer Stille, mit gebeugtem Haupte erwartete jeder den Wurf der Loose. Es schien kein Einziger zu fehlen da nicht mehr leerer Raum bestand, als zuvor.

Mit Hoheit trat die Sultanin vor den Haufen, und milderte die Strafe der Meuterei. Wer sind die Anstifter? fragte sie. Zwanzig bis dreißig Männer traten hervor. Nicht der Caffern Häupter sende ich dem Sultan, aber die eurigen. Eilt in sein Lager, sie selbst zu überbringen.

Die Männer gingen auf der Stelle ab, und die Uebrigen mußten nach Hause. Die Leichname der Getödteten wurden still verscharrt.

Herrliche Fassung! Schöner Glaube an Eigenkraft und Glück der Verwegenheit! Wie groß sind eure Triumphe! Nicht in Afrika, aber in einer namhaften deutschen Stadt sahe der Verfasser dieses Büchleins, die recht kecke That eines Befehlshabers, und auch sie errang ihren Preis.

Die Gesellen einer sicheren Zunft, weigerten sich bei der zunehmenden Theurung, noch um den auf wohlfeile Zeit gewürdigten Lohn zu arbeiten. Daß viel Recht auf ihrer Seite seyn mogte, fühlt man, ein Jurist beweiset aber: nein! Es giebt da auch das allgemeine Argument: sie müssen ihre Beschwerde dem Richterstuhl vortragen, nicht aber durch Tumult die öffentliche Ordnung stören. Nun liegt zwar am Tage, daß der Richterstuhl nicht wohl helfen kann. (denn den Geldwerth zum Staatsverhältniß im Gleichgewicht zu erhalten, dazu gehört eine höhere Weisheit, wie die der Justiz, wiewohl eigentlich die Justiz diese Weisheit besitzen und üben, vielleicht auch weil, Justiz, Weisheit, Regierung, dasselbe seyn sollte, aber die Nothwendigkeit des zweiten Satzes wird jedermann einräumen.) Genug, diese Gesellen wurden vom Gefühl ihres Rechtes, jugendlichen unüberlegten Eifer für dasselbe angetrieben, statt der Arbeit, das Trinkhaus zu besuchen, um dort in Versammlung aller Glieder Abreden für die gemeine Sache zu nehmen. Hier wurden die Jünglinge noch mehr erhitzt, es kam dahin, daß Soldaten gegen sie gebraucht wurden, sie meinten, sich widersetzen zu müssen, so wurde es schlimmer und mehrere blieben auf dem Platz.

Bei dem Tumult, der sich dadurch verbreitete und wobei die größeren Bewegungen nur Neugier oder Furcht zur Ursache hatten, meinte aber ein hoher bürgerlicher Beamter in dem Orte, es liefe auf Staatsumwälzung hinaus, und bat den Befehlshaber der Besatzung dringend, von allen Gewaltmaasregeln abzulassen. Dieser willigte ein. Aber sehr natürlich wurde nun das Uebel größer. Da ließ man denn unterhandeln, gab übereilt mehr nach, als zufolge der Umstände thunlich war, ja bewirthete die jungen Handwerker mehrere Tage auf öffentliche Kosten. Diese erklärten endlich, sie wollten ihre getödteten Brüder ehrenvoll beerdigen. Man ließ es zu, und jene richteten nach ihrer Weise einen stattlichen Pomp an. Endlich forderten sie noch die Erlaubniß, alljährlich am Todestage der Gefallenen, einen Aufzug zu ihrem Andenken halten zu dürfen. Um den Preis der öffentlichen Ruhe fanden sie auch hier keine abschlägige Antwort.

Bald darauf ging der Gebieter der Besatzung ab, und ein anderer trat in seine Stelle. Er hatte gehört, was vorgegangen war, und fühlte durchaus verschieden mit seinem Vorgänger. Wird dieser Aufzug künftig gestattet, sagte er, so ist er jedesmal nicht nur Hohn der Obrigkeit, sondern auch neue gefährliche Auftritte sind zu besorgen, die Uebermuth und Trunkenheit erzeugen können, und wie ihn auch der bürgerliche Staatsbeamte anlag, so erklärte er rund und nett, es sey mit seiner Ehre unverträglich, das Vorhaben zuzugeben. Der Tag kam heran, die jungen Leute hatten beschlossen, ihn vom frühen Morgen auf der Herberge zu feiern, und Nachmittag die Prozession zu vollziehn. Es wurde ihnen gesagt, daß es Herkommen sey, dem Befehlshaber des Orts, von allen zahlreichen Versammlungen auf den Gassen Nachricht zu geben. Es wurden also die drei ältesten mit der Meldung beauftragt. Sie langten bei dem General an, und sagten ihm kurz hin: Wir halten heute den Umzug. Kalt erwiederte dieser: Ihr haltet ihn weder heute noch jemals, und nach einer Erklärung seiner Gründe, mahnte er sie freundlich ab. Aber gestützt auf die vorjährige Nachgiebigkeit, versicherten sie mit lachendem Trotz: es würde dennoch geschehn. Nun machte der Befehlshaber Ernst. Wo sind Eure Kameraden? — Sie nannten das Wirthshaus. — Gut, jetzt ist es neun Uhr, mit dem Schlag zehne bin ich dort, und sind dann nicht alle an ihre Arbeit, würfelt ihr drei, und der das mindeste zählt, hängt noch Vormittag. Darauf meine Ehre!

Er schickte nur gegen die bestimmte Zeit, und man fand leere Zimmer.

Neuntes Kapitel.
Fortsetzung.

Nene eilte auf ihr Cabinet, dem Sultan zu schreiben. Menschlich dein und des Volkes Heil fördernd, will ich gern Dein Reich verwesen. Doch rohe Grausamkeit muthe mir nimmer zu, oder suche Jemand, in dessen Herzen die Stimme des Gefühls, in dessen Verstande das gesunde Urtheil nie gehört wurde. Auch kann nur Unklugheit das rechte Gefühl verleugnen. Es werden Männer zu dir kommen, denen ich gebieten mußte, ihre Köpfe zu deinem Richtplatz zu tragen. Sie werden dir erzählen: warum? doch bitte ich, begnadige sie. — Dies war des Briefes Hauptinhalt.

Da sie den Eilboten abgefertigt hatte, ließ sie Osmann rufen. Er stürzte der großmüthigen hochherzigen Lebensretterin zu Füßen. Jedermann hebt in solchem Falle auf, folglich auch unsre Heldin. Dann sah sie aber den Egyptischen Kaufmann mit einem langen Blicke an, und fragte nach einer Pause: Wie ist dein Name, Egypter?

Er nannte den nämlichen, welchen er schon angegeben hatte, doch diesmal mit einigem Stottern.

Flore. Vorhin, als der Mann den Todesstreich nach dir richten wollte, sanken ergeben deine Knie in den Staub, und von deiner Lippe entfloh ein Name — ein weiblicher Name — ein Name, nicht gewöhnlich in der Türkei.

Osmann. Ich — wähnte den Augenblick des Sterbens nah. Ohne deine himmelgesandte Rettung —

Flore. Osmann, du magst ein Renegat sein, doch ein Türk bist du nicht. Schon die Kraft, mit der du den Tod erwartetest, die leichte Freude hernach — so sieht man den Muselmann nicht in dem ernsten Momente. Glaube an Bestimmung kann ihm Muth zu sterben geben, doch nennt er Mahomed zuletzt, kein Mädchen.

Osmann. Sultanin — du bist keine Cirkasserin, keine Türkin —

Flore. Und du wagst —

Osmann. Großmüthig, tapfer könnte eine Türkin sein, doch dieser Edelmuth, diese Tugend konnten nur in einer christlichen Europäerin wohnen.

Flore. Du nanntest den Namen eines Mädchens — fast mögt ich sagen, einer Spanierin.

Osmann. Nene — Nene! Du bist eine Französin!

Flore. Traf ich es, wackerer — Coutances?

Osmann. Aber heldenmüthige — Flore, woher weißt du, daß ich Coutances bin?

Flore taumelte einige Schritte vor Befremdung zurück, dann antwortete sie, die wortarme Negersprache mit der ausdruckreichen französischen wechselnd. Sie nannten Isabelle, ich hatte von ihrem Roman in Cairo gehört, ihre Gewandtheit, ihr schlauer Sinn, ihr Humor trafen mit der Beschreibung zusammen. So errieth ich — und sie, woher ist ihnen bekannt —

Osmann. Ich sah vor kurzem in Cairo einen Commissair der französischen Armee, meine Freude war groß, denn schon auf meiner Reise in Deutschland hatte ich den muntern Ring kennen lernen, und manche Aehnlichkeit in Sinn und Gefühl kettete uns aneinander.

Flore. Wundervolle unbegreifliche Verkettung.

Osmann. Er klagte mir das Unglück, seine geliebte Flore, bei jenem Aufstand zu Cairo, da er grade die Pyramiden von Gizah besucht hatte, verloren zu haben.

Flore. Ich Unglückselige, daß ich ihm nicht zu den Pyramiden folgte? Doch weiter, mein Herr.

Osmann. Da ich ihm sagte: ich würde eine Reise in entlegene Länder von Afrika antreten, beschwur er mich, überall nach ihnen zu forschen, und beschrieb sie genau — o Himmel wer hätte gedacht, daß tausend Meilen weit —

Flore. Wie geht es Ring?

Osmann. Da ich abreisete, glaubte er, nächstens den Zug nach Syrien begleiten zu müssen.

Flore. So ist er doch gesund, wohl —

Osmann. Wie man es sein kann, bei einem so theuren Verlust im Schmerz der liebenden Sehnsucht — Freilich ahnt er ihr Glück, sein Unglück nicht, daß Darkulla Floren seine Sultanin grüßt.

Flore. Sultanin von Darkulla! Nun ja, man nennt mich so — bin ichs aber? Wollte der Himmel ich hätte dies Land nimmer gesehn. Alle seine Schönheiten werden durch so viele Plagen — Doch wie kommen sie hieher, Coutances! Unglücklicher Liebhaber! ohne Zweifel suchen sie Isabellen? Schöne Treue! rühmliches Streben!

Osmann. Ach Isabelle ist nicht mehr. Hätte ich keine Nachricht von ihrem Tode, würde der meinige mich erschreckt haben. Ich rief Isabelle, im Gedanken an das Wiedersehn, denn ich glaube eine andre Welt.

Flore. Wenn, wo starb denn Isabelle?

Osmann. Ich muß weit ausholen, jeden Umstand zu berichten.

Flore. O das wird mich höchlich freun. Fangen sie auf der Stelle an.

Osmann. Von Ring weiß ich, daß der Sklave Coraim schon auf der Seefahrt mein Abentheuer erzählte, und daß sie alles wissen, bis auf den Augenblick, wo Isabelle aus dem Hause des Vaters entführt wurde.

Flore. Auch ist mir wohl bekannt, daß es der Italiener Perotti selbst war, in dessen Besitz nachher das Mädchen gelangte.

Osmann. Daß sie das wissen, setzt mich in hohe Verwunderung, ich ahnete es selbst nicht, erfuhr es erst spät und auf einem sonderbaren Wege —

Flore. Wie es mir zu Ohren kam, sollen sie hernach erfahren. Unterbrechen sie sich nicht.

Osmann. Aber ehe ich Isabellen sah, gleich nachdem ich des Handels wegen nach Egypten gekommen war, widerfuhr mir folgende Begebenheit. Ich war in Cosseir gewesen, dort ein Geschäft mit Moccakaffee abzuschließen, und kehrte durch die Wüste zurück. Etwa auf der Mitte des Weges treffe ich zwei Beduinen, die in der furchtbaren Sonnenhitze auf den Sand hingestreckt liegen. Bei genauer Besichtigung fand ich beide verwundet. Es waren ein Jüngling und ein Greis. Jener, wiewohl selbst hülflos, hielt diesen sorgsam umfaßt.

Ich fragte nach ihrem Unfall, und erhielt die Antwort: streitende Wechabiten hätten sie niedergeworfen, ausgeplündert und gemißhandelt. Ich that, was das natürliche Mitleid gebot, was jeder Europäer würde gethan haben. Die Unglücklichen wurden auf eins meiner Kameele geladen, und so mit nach Cairo geschafft. Da sie dort nicht unterzukommen wußten, fand sich denn leicht ein Kämmerlein bei mir, und ein Arzt, den ich eben wegen eines Augenübels brauchte, versorgte sie mit Arzenei. Daß sie gar nicht begreifen konnten, wie ein Christ, gegen einen fremden Religionsverwandten so zu handeln im Stande war, darum bedauerte ich sie, und hatte zu mancherlei Verrichtungen, mich weiter viel um sie zu bekümmern. Da sie nun hergestellt waren, konnte besonders der Jüngling kein Ende für seinen Dank finden, daß ich ihn und seinen alten Vater — sie wissen ja wie das ist, ich sagte denn, sie sollten nur machen, daß sie aus dem Hause kämen.

Der junge Araber aber rief: Frank, ich heiße Imar, und sollten funfzig Jahre vergehn, ich ruhe nicht, bis ich dir deinen Edelmuth bezahlte.

Ich gab natürlich auf diese Rede nichts. Doch nachdem es mir widerfuhr, daß ich mich in Isabellen verliebte, und sie dem Italiener Perotti, von dem sie werden gehört haben, streitig machte, fand sich dieser Imar wieder bei mir ein, Hülfe zu leisten. Er hatte, ohne daß ich es wußte, beobachtet, was mich beschäftigte. Ich brauchte Leute zur Ausführung meines Vorhabens, ließ mir also seinen Beistand gefallen, bot ihm ein Geschenk, wie Isabelle zu ihrem Vater gebracht war, und erklärte, daß ich seiner nicht mehr bedürfe.

Wer weiß, rief er, und sprang zur Thür hinaus.

Bald darauf verschwand Isabelle wieder, ich fand den Italiener, der sie aus des Consuls Wohnung geraubt hatte, gebunden im Keller, und fühlte selbst Mitleid bei seinem kläglichen Zustand. Die Mühe, Isabellen auszuforschen, war umsonst. Der Gram warf mich und ihren Vater aufs Krankenlager.

Wohl ein halbes Jahr darauf kam Imar wieder zu mir. Frank, sagte er, du bist nichtswürdig betrogen worden, ich dachte dir Freude zu bringen, aber der Prophet wollte nicht. Weine!

Da ich Erklärung verlangte, fuhr der Araber fort: Der ungläubige Hund, den du gebunden fandest, hat die schöne Sklavin selbst geraubt, ich ließ ihn mit meinen Freunden nicht aus den Augen, und nahm sie ihm bei Raschid wieder ab. Nun wollte ich sie dir bringen, denn immer bezahlte ich dir noch nicht, was, du in der Wüste an mir gethan hast. Aber die Begleiter, welche ich mir zu meiner That gewählt hatte, waren Schurken, sie wollten keinem Franken hold sein, und da ich bei der Rast ein wenig schlummerte, verkauften sie das Mädchen vorüberziehenden Sklavenhändlern.

Sie können denken, wie gespannt ich bei dieser Erzählung horchte, und wie gerührt ich bei dem dankbaren Sinn des Arabers war.

Er berichtete weiter: Da ich erwachte, waren die Begleiter entflohn, das Mädchen sah ich nicht mehr, wohl aber von fern den Staub von Kameelen. Ich ritt nach, fand eine kleine Caravane von Schwarzen und die Sklavin auf einem Kameele sitzend, hatte aber kein Geld, sie wieder loszukaufen. Ich eilte zum Vater. Du mußt mit der Caravane, sprach ich, verdinge dich als Knecht, damit du siehst, wo die Sklavin bleibt, und in allen Städten lasse bei dem Kiaschef Nachricht von dem Wege. Ich werde folgen, so bald ich Reisende niederwarf, und so viel Geld plünderte, um sie zu meinem Eigenthum zu machen. Der Alte, eingedenk deiner, war willig mitzugehn, und wären es Tausend Meilen. Ich legte mich denn in der Wüste auf die Lauer. Doch das Glück wollte mir nicht. Mehrere Monate vergingen, bis ich einen Wallfahrer, der nach Mecca gedachte, antraf, und der sich von seiner Begleitung entfernt hatte, um in einem Dorfe Früchte zu kaufen. Diesem raubte ich so viel ich brauchte, und schlug nun den Weg über Assiut ein, wo ich in den Ortschaften und bei den streifenden Beduinen immer Kundschaft vom Vater fand. Aber in Darfur hörte ich mit Entsetzen, die Sklavin sei ermordet. Ich kehrte zurück, dir das zu sagen. Weine aber nicht zu viel, denn es ziemt dem Manne nicht, und viel giebt es der schönen Sklavinnen. Baue darauf, ich bringe dir eine noch schönere.

Wie sie denken mögen, versank ich in den tiefsten Schmerz, ich verspottete Imars Anerbieten, und die Dankbarkeit eines Straßenräubers verlor mir allen Werth. Er sprang mit den Worten hinaus: so bezahle ich dich auf eine andere Weise.

Ich blieb bei Isabellens Vater, dem gebeugten Greis beizustehn. Wir vereinten unsere Handelsgeschäfte, erfuhren aber Unfall auf Unfall. Endlich steckte sein Reichthum sowohl, wie das, was ich an Vermögen erworben hatte, in einem großen Waarenlager, aus dem wir, nach den guten Bestellungen von Marseille, viel abzusetzen hofften. Allein die Engländer nahmen mehrere Schiffe in der mittelländischen See weg, und da die Franzosen nach Egypten kamen, übten die Einwohner Gewaltthat an uns, und der Rest des Magazins ging verloren. So sanken wir denn in Armuth, und es ward ein Glück für mich, den Commissär Ring bei der Armee wiederzufinden, denn er half mir in der tiefsten Verlegenheit mit Vorschüssen.

O er war immer brav, unterbrach Flore den Erzähler.

Doch vor kurzer Zeit, fuhr jener fort, kam Imar wieder bei mir an. Frank, sagte er, du bist Kaufmann, und unternehmend. Mit der Sklavin konnt ich dir nicht helfen, doch reich machen will ich dich.

Etwa durch Räuberei? fragt ich höhnend.

Nein, nein, ein Vorschlag, so redlich, daß es ein Sohns des Propheten ausführen könnte. Denke dir, mein alter Vater hat, nachdem die Sklavin ermordet war, auf die er Acht geben sollte, Dienste bei einer Sultanin, weit nach der Sonne zu, gefunden. Die Sultanin ist reich und mächtig. Viele arabische Stämme gehorchen ihr und geben die alte Freiheit auf, denn sie weiß der Herzen Liebe zu gewinnen. Ob sie eine Wechabitin ist, die mit großen Schätzen aus Arabien kam, oder wie manche glauben, eine Gemahlin des reichen Paschas von Bagdad, die ihm entfloh, weiß ich nicht, genug sie herrscht über ein großes Land. Sie baut Städte und pflanzt Gärten; dazu fehlen ihr aber —

Sie können hier einiges übergehn, ich kenne Gigis Absichten, fiel Flore ein.

„Gut. Imar sagte: sein Vater habe von der Sultanin Aufträge erhalten, ein Paar Männer in Egypten ausfindig zu machen, die ihre Absichten unterstützen könnten, und mich und den alten Spanier genannt. Mich, aus alter Dankbarkeit, und den Spanier, weil dieser ausgebreitete Kunde vom Lande besitze. So du nun willst, Frank, endete Imar, mache ich dich reich.“

Das klingt wie eine Fabel, entgegnete ich. Hätte ich Schätze, würde ich gar meinen, man wolle mich damit in die Falle lokken!

Frank, Frank, erinnere dich, was du mir in der Wüste gethan, rief Imar gekränkt.

Ein Weib Herrscherin? Das wäre in diesem Welttheil, wo das andere Geschlecht entwürdigt in, ohne Beispiel.