Siebentes Kapitel.
Erläuterungen.
Wie kam aber Gigi, die Gefangene, zu Freiheit und Heeresmacht? Das sind wir bereit zu erzählen.
Der Leser entsinnt sich, daß der dankbare Imar zugesagt hatte, des Franken Edelthat zu lohnen. Er sah wohl ein, daß es nur durch Gigi geschehn konnte, und verlor sie nicht aus dem Gesicht. Ihr heldenmüthiger Charakter griff kräftig in die Begebenheit, da er sie durch die Flucht befreit hatte, und ihre alle Beduinen bezaubernde Schönheit, gab ihr die Gewalt über die Herzen und den Herrscherstab in die Hand. Denn die wilden unstäten Krieger hatten das Weib nur verhüllt, schwach und ängstlich gekannt, die alles für sich gewinnenden Reize, die kühne unternehmende Natur der trefflichen Spanierin, durch die viel eingewebte Romantik ihres Schicksals entwickelt, kamen ihnen wie etwas Zauberisches vor, und sie erblickten eine Seherin, eine Prophetin in ihr. So viel vermögen Schönheit, Kraft, Verstand!
Da sie nun ihre Plane zur Kultur des eroberten Landstrichs entwarf, die freilich poetischer empfunden, als genau auf die mögliche Ausführbarkeit berechnet waren, sollte Imar ihr auch den Vater und Geliebten zur Stelle schaffen. Daher seine Reise nach Egypten. Doch war ihm strenge untersagt, ihren europäischen Namen kund zu thun, sie wollte eine Szene des unerwarteten Erkennens vorbereiten, ob sie schon nicht glaubte, die Verkettung würde dahin gedeihn, daß sie noch einst dem Geliebten im Zweikampf gegenüberstände. Dies war auch so ein romantischer Sinn. Wir wissen nun, warum Imar jederzeit ein Geheimniß barg, selbst mußte er Isabellens Tod behaupten, so prüften sich auch Treue und Anhänglichkeit.
Uebrigens zog er häufige Nachrichten von den beiden Lieben ein, war auch selbst im innern Darkulla, wenn es schon, wie wir wissen, nimmer gelingen wollte, sie zu den Beduinen zu bringen. Imars Vater starb unterdessen.
Da nun endlich die Unterhandlung mit Perotti angeknüpft, und die Schlacht verloren war, sollte dieser bekanntlich die Gefangene an Floren liefern. Imar aber sammelte von den zerstreuten Beduinen einige Tausend Mann, und zog mit diesen in einiger Entfernung neben Perotti her, der auf seinem Wege genau beobachtet wurde. Jener hatte sich auch eine Unterredung mit Musa möglich gemacht, und weil dieser sich unerkannt unter Perottis Gefolge mischte, gegen den er seinen alten Haß trug, so empfing Imar von des Italieners Beginnen jede Nacht Kunde. Der veränderte Weg, und die trotzig rohe Sprache desselben entgingen ihm also ebenfalls nicht.
Als er nun an jenem Tage, wo er sich seiner ganz werth betragen, den Marsch vollendet hatte, und die Zelter aufgeschlagen waren, ließ er Isabellen zu sich bringen, hohnlachte: Du bist, wenn du schon einem Volke gebotest, meine Sklavin, und endlich will ich afrikanische Rechte an dir gültig machen. Die Arme wollte verzweifeln, daß sie sich nicht den Tod geben konnte. Er spottete frech. Eben ging es so weit mit dem ruchlosen Beginnen, als Waffenlärm und Mordgeschrei draußen ertönten. Der Himmel erbarmt sich, sendet mir Rettung, rief Isabelle. Rettung erwiederte Imar, der eben mit Musa ins Zelt stürzte. Die Beduinen hatten die Neger überfallen, und sich zu Meistern der Dinge gemacht.
Man trug Sorge für die schwer Geängstete, aber Perotti kam diesmal nicht mit so gelinder Strafe davon, wie er es bei anderen Unthaten gewohnt war. Der Araber behandelte ihn im Geschmack des Landes. Die böse Lust soll dir vertilgt werden, rief er. Eine Art Chirurgus begleitete ihn, der auf dem Fleck, und mit rascher Geschicklichkeit eine Operation an dem Italiener vollzog, wie man sie in seinem Vaterlande zum Behuf der Musik, und in den muselmännischen Reichen, der Haremssicherheit wegen kennt. Es versteht sich aber, daß Isabelle damals das Zelt schon verlassen hatte.
Ihr alter Muth kehrte ihr bald zurück, und der Rath, sich nach dem innern Darkulla zu wenden, fand Gehör. Musa wußte, daß Sultan Kukus Leichnam durch den Felsenweg würde gebracht werden, und Imar baute darauf den listigen Anschlag, mit hineinzudringen.
Der Bote, den Perotti abgeschickt hatte, war unterwegs von Beduinen aufgefangen worden, und langte darum nicht bei Floren an, wenn seine Briefe schon destomehr Licht über des Italieners Vorsatz warfen.
Isabelle hätte nach dem inneren Darkulla eilen müssen, auch, wenn sie das Herz nicht dahin zog, denn Uebermacht hatte schon die Beduinen ausgemittelt, und verfolgte sie. Doch einmal durch den Weg, zog man die Brücken auf, und wachte so sorgsam, daß nichts weiter zu befürchten stand. Das Uebrige wissen wir.
Achtes Kapitel.
Die neuen Freundinnen.
Isabelle bat Floren jetzt dringend um Vergebung, daß sie mit listiger Gewalt in ihr Reich gedrungen war.
Diese lehnte die Höflichkeit auf das artigste ab, entschuldigte den Schritt durch den Zug des Herzens und den Drang der Umstände.
Isabelle machte das Kompliment: Wie Flore nur befehlen sollte, und sie wäre bereit, gleich wieder hinauszuziehn.
Flore machte das Gegenkompliment: wie sie ihr unendlich vielen Dank zu sagen hätte, denn ihre Ankunft gewähre ihr das Glück, einer lange sehnlich gewünschten Bekanntschaft.
Isabelle dankte für ihre Güte, und sprach: wenn ich bleiben darf, werde ich mich und meine Beduinen ganz unter eure Befehle stellen. Ihr seid Herrin!
Flore antwortete: Seid es mit mir! Wohnplätze giebt es genug, und die reizendsten von der Welt. Noch um eine zwiefache Zahl kann das innre Darkulla bevölkert werden, seitdem die letzten Kriege so viel Leben raubten. Nun blühe der Oelzweig immer. Tragen wir nur Sorge, daß Harmonie unter den beiden Nationen besteht. Ist irgendwo der schöne Traum des Abt St. Pierre zu verwirklichen, so laden die Dinge hier dazu ein.
Diese sinnigen Gegenartigkeiten führten zum Wechselvertrauen, und dies bald zu großmüthiger feuriger Freundschaft. Flore redete davon, wie sie es bald bei den schwarzen Machthabern im äußeren Darkulla dahin bringen wolle, daß alle Beduinenhaufen, welche noch zerstreut umherschwärmten, ungehindert in das Felsenland gelassen würden, wie auch die Weiber und Kinder in den noch übrigen Lägern. Das erweckte allgemeine Freude unter den Arabern. Dann schlug sie vor, bald nach der anmuthigen Hauptstadt zu eilen, womit Isabelle sehr zufrieden war. Von dort, sprach Flore, leitet sich alles wegen der Ansiedlungen am besten, ich kann euch auch anständiger bewirthen, und dann — vor allen Dingen — ein Geschäft, bei welchem ich auch die Sorge mit Niemand theilen werde — vor allen Dingen muß ich Anstalt zu einem hohen zärtlichen Feste treffen, das doch wohl bald gefeiert werden wird. Nicht wahr, schöne Isabelle?
Isabelle lächelte hoch erröthend. Coutances schlug die Augen nieder, eine Bewegung, welche ein Franzos nicht leicht macht, er müßte denn wahrhaft verliebt seyn.
Da das innre schöne Darkulla von vielen Teichen und kleinen Seen durchschnitten war, die durch Ströme und Kanäle verbunden wurden, so bediente sich das Sultanshaus zu Reisen, die eben keine Eile hatten, einer schwimmenden Insel, wie es deren auf den Gewässern viele gab. Sie waren nicht, wie in China, künstlich verfertigt worden, sondern die Natur selbst hatte Stücken Torfmoor vom Lande getrennt, durch Winde war nach und nach mehr Erde hinauf geweht, wie auch Saamenpflanzungen. Wer sich ein so liebliches Eiland zugeeignet hatte, machte es durch schattige Bäume, edle Früchte, Lauben von Blumen und Trauben noch lieblicher. Eine inländische Gattung von Schwänen, sehr empfänglich für Unterricht, wurde erzogen, diese kleine Inseln, an die man sie mit Guirlanden von Lotosranken band, gemächlich fortzurudern.
Nichts entzückender wie so eine Reise. Man schifft sich ohne alle Sorge für Unterhalt ein, von Bäumen aller Farbe, mit Blumenduft jeder Art bewillkommt. Am Fuße dieser Bäume verflechten sich erquickende Melonen, Bignonias, saftige Trauben ranken von Zweig zu Zweig hinauf, und bieten dem Pilger freundliche Labe dar. Grotten, Wölbungen und Hallen, bildeten Gesträuche mit Blumengewölken überhangen. An den Zweigen, die sich liebkosend zu den Wellen beugen, zieht man köstliche Meerspinnen, Austern, und andre buntfarbige Schaalthiere hinauf, in dem dichteren Geflechte fanden die Reisenden ohne Mühe die erlesensten Gattungen der Fische. Auf den balsamhauchenden Wipfeln der Bäume setzt sich Geflügel aller Art, das der Gefahren nicht gewohnt, kaum nachlässig weghüpft, wenn eine menschliche Hand ihm naht, man würde also auch thierische Nahrung nach Bedarf finden. Allein die ganze Empfindung ist den Wanderern zu harmlos gestimmt, als daß sie tödten könnten. Frommen Braminen gleich, dienen nur Früchte zu ihrer Nahrung, und so gewürzhaft, so in Fülle des reinsten Nahrungsstoffes, wie diese sind, würde auch ein Lukull, wenn er von den Schatten wiederkehrte, hier vergnügt sein, für seine Pfauenzungenragouts entschädigte ihn eine Cocosnuß mit einem Gemisch aller öhligten balsamischen Fruchtkerne und edler Würzen, das hier sogleich anzufertigen ist, und seinen Falerner, unter Consul Torquat gepreßt, würde er vergessen, wenn er hier eine nektarische Traube in eine Muschel drückte.
Das Eiland, welches Flore hier zur Reise bestimmte, glich ungefähr an Umfang und Gestalt der Remusinsel in Rheinsberg, nur daß die südlichen Früchte dort prangten. Wer also zu Rheinsberg war, kann sich ein desto vollkommneres Bild von jener entwerfen, und urtheile, ob Flore, Isabelle, Alonzo, Coutances, und die treuen Diener bequemen Platz darauf fanden. Der Untreue sollte im Anfange nicht mit, fand aber hernach Milde, wie der Verfolg darthun wird.
Ende des sechsten Buches.
Potpourri.
Glossen über eine Weisung des Jesuiten
Balthasar Gracian.
„Elegante Gelahrtheit, diese vor allen Dingen suche der ächte Weltmann sich anzueignen. Kunde von den Gegenständen der Zeit, Witz im gültigen Augenblick, angenehme Wendungen; sie vollenden, zeichnen aus vor der Menge, Alltagsform. Bisweilen bringt eine hingeworfene Deutung, eine leichte feine Geberde mehr Eindruck zu Wege, als der tiefe Unterricht weiser Lehre. Die Kunst der Unterhaltung wucherte Vielen reichlicher, wie die gesammte Ausbeute der sieben freien Künste.
Alcid errang mehr Triumphe durch sein Betragen, wie durch den Heldenmuth. Der Kraft, welche seinen Lippen entfloh, wich jene, womit er die furchtbare Keule schwang. Hier tilgte er rohe Ungeheuer, dort schlug er edle Geister in Banden. Es giebt eine gewisse freundliche Hofmanier, eine gewisse trauliche glückliche Kennerschaft, welche allenthalben beliebt, allenthalben gesucht machen. Doch nicht das Buch, nicht die Schule erziehen dir diese Bildung. Sie muß im Tempel des guten Geschmacks, auf der Bühne des höheren verfeinerten Lebens geärndtet werden. Ihre lieblichen Geistesblüthen sind — Allgemeine Vertrautheit mit den Weltereignissen — mit dem Ton des Tages — die Gabe fein zu beobachten, bei den Großthaten der Fürsten, den seltsamen Verkettungen des Geschicks, dem Unbegreiflichen in der Natur. Ein Register sammelt sie von der reinsten Poesie in den Dichtungen, des Antheilwürdigsten im Neuen, des Gedachtesten in der Philosophie, des Treffendsten in der Satyre. Sie kennt die moralische Angeln, um welche sich das Leben dreht, die Tiefen der Vernunft, der Leidenschaften Gewalt und Schwäche des Willens, am gründlichsten aber die Individualität derjenigen, welche eben in dem Trauerlustspiele der Welt die Hauptrollen geben. Jeden ihrer Charakterzüge verzeichnet ihr aufmerksamer Fleiß. So unterrichtet sie sich von der räthselhaften Eigenheit dieses Monarchen, von dem befremdenden Widerspruch, in welchem jener Große mit sich selbst steht, von Schwäche des andern; mittelst dieser prüfenden seelenkundigen Zergliederung, lernt sie den Schleier von der Wahrheit, und ihr Urtheil über die Dinge heben. Ganz besonders aber halte sie ein Kabinet von kernhaften Aussprüchen, sinnigen Anekdoten, schneidenden Einfällen, Witz, Scherz und Laune. Man kann sich das alles, man kann sich die Sentenzen eines Philipp II, die Apophthegmen eines Carl V, so haushälterisch einspeichern, daß die Geistesgegenwart jede Unterhaltung kräftig zu würzen vermag. Doch bei dem Gebrauch des fremden Geistes wache Vorsicht. Nicht immer gefällt noch, was einst gefiel. Die Ansichten sind verrückt, oder auch die Grazie ging in der Zeit unter. Dem Reize der Neuheit seine Huldigung. Wer alt Silber losschlägt, muß den Arbeitslohn einbüssen. Nicht genug, daß der Diamant strahle, die Mode darf auch nichts gegen seine Fassung einwenden. Pedanten und Orbile bemächtigen sich der verjährten Schöngeisterei.“
So weit Gracian. Man fühlt wohl, daß er ein Ideal zeichnet, denn wirklich dürfte ihm kein Künstler im Weltton vorgekommen sein, der diese Forderungen sämmtlich erfüllt hätte. Ueberhaupt bedienen sie alles oder nichts. Mehr wie ein Menschenleben, das anhaltendste Zeitopfer, gänzliche Abgeschiedenheit mögten nöthig sein, ihnen im vollen Sinn nachzukommen. Und wo bliebe denn die Praktik des Umgangs, wo wäre anzuwenden, was der Forscher erbeutet hätte. Aber einen, da — wo die Kritik nicht fühlbar ist — glänzenden Schimmer ins Leben zu rufen, wird hier eher gelehrt. Geschieht alles so obenhin, daß der Glaube für sich gewonnen wird, so ist die ganze Weisung auch das Reskript zu einem ächten Ex omnibus aliquid, ex toto nihil.
Und so ist es gewiß von Hundert Weltmännern gebraucht, und mit Erfolg gebraucht worden. Gracian wurde besonders in Frankreich oft aufgelegt und beliebt, denn in Spanien mogte die Zeit, für welche solche Regeln taugen, ziemlich vorüber sein. In Frankreich waren sie aber unter Ludwig XIV, dem Regenten, und Ludwig XV. recht an ihrer Stelle.
Doch mit Ludwig XVI. veränderte sich die Szene. Das Hofleben, und der Ton der französischen Residenz, nahmen, bis auf wenigen geheimen Intriguengeist, einen einfacheren Charakter an. Die ernsthafter gewordene Literatur trug das ihrige dazu reichlich bei. Wie die Montesquieu, J. J. Rousseau, Rainal gelesen wurden, galt das Wissen bei Männern, nicht mehr sein Schein, so wie um diese Zeit der flatterhafte Stutzer in den solideren Elegant überging. Es ist merkwürdig, daß Mercier in dem alten Gemälde von Paris, über die letzte Anwesenheit Voltair’s in der Hauptstadt sagt: Er hätte während der dreißig Jahre, wo er Paris nicht gesehn, den Ton der Gesellschaft verlernt, die Sucht: de paroître ingenieux à chaque instant habe Befremdung erregt. Allerdings hatte sich die Würdigung des Menschen gewaltig verändert, und eine so armselige Weisheit konnte nicht mehr gefallen. Und Voltaire hatte sie selbst kräftig verdrängt.
In der Revolution schrie die Noth um Kraft, und fand sie. Ihr Impuls zum schnellen bedachten Handeln, zur Selbstbeherrschung, zur Ergebung in die Nothwendigkeit, zum eiligen epikurischen Erfassen der Freude, wenn sie sich einmal darbeut, und zur stoischen Geduld im Leiden, ist sichtbar auf jeden Franzosen abgeprägt, er ist durchaus der Mann der That geworden, der Mann des Schimmers kann nicht mehr gedeihn, er hat wahrlich mehr Melancholie im Charakter aufgenommen, wie der Britte, und jene angenehm faselnden mit Epigrammen glänzenden Marquis, mit der bunten Außenseite einer Erudition, wie Gracian sie will, finden sich schon lange nicht mehr in Frankreich.
Aber der Deutsche, gern und verspätet den Nachbarn jenseit des Rheines nachäffend, hat manches von jenem alten Ideal gerettet, da es dort schon untergegangen war. An deutschen Höfen sahe man genug, wenn gleich verunglückte Kopieen jenes Originals, und da mit dem Haß der französischen Staatsumwälzung, dort und hie Deutschheit affektirt wurde, zeigte man Vorliebe für vaterländische Geisteswerke, und das Zeichen der Vielbelesenheit kam in Gebrauch. Elegants und Damen mußten gelehrt scheinen, wenn sie Anspruch auf den Ton des Geschmacks machen wollten. So haben wir denn nun den Schimmer des Wortes von den Franzosen eingetauscht, und die That von Ehedem dafür hingegeben.
Aphorismen.
Wo Geniemangel fühlbar wird — es gilt von Fürsten, Völkern, Individuen — suche man dagegen Wahrheit zu erkennen. Nur auf diesem Wege ist einiger Ersatz für die Entbehrung zu finden.
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In der Familie lieben Eltern die Kinder ohne Ursach, diese, welche Ursach hätten, jene wenig. Umgekehrt lieben im Staatsverein die Kinder das Vaterland, und werden nicht geliebt.
Der Großstädter, den sein Luxus ermüdete, kann das Köstliche im Landleben nicht mehr umarmen, seine Kraft ist dahin, so wie der Landmann, der spät in die Residenz kömmt, seine Kraft nicht mehr so zerstören kann, bis er diejenigen Freuden der Verfeinerung, deren Genuß Schwäche bedingt, in sich aufzunehmen vermögte.
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Liebe für alte Gewohnheiten, ist meistens nur Trägheit, sich in neue zu fügen.
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Den Beinamen: Groß, verdient ein König, der mit einem Volke von geringen Fähigkeiten kühne Unternehmungen vollbringt; er kömmt einem Volke zu, wenn trotz der Mittelmäßigkeit seines Regenten die Angelegenheiten vortheilhaft gehn.
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Willst du Ehre — ehre!
Siebentes Buch.
Erstes Kapitel.
Beginn der Reise.
Schon am Ende des sechsten Buches war die Rede von dem schwimmenden Reiseeiland, das unsre Europäer in Afrika tragen sollte. Sie begaben sich nach dem Ufer, da saß Perotti bleich und matt, er war bereits vorangegangen. Flore und Isabelle, da sie an ihm vorüber schritten, errötheten und sahen weg, Coutances warf einen Blick des höchsten Zornes auf ihn, und Alonzo fragte finster: was er da wolle?
Mich mit einschiffen, gab er zur Antwort. Das Gefolge legt den Weg auf Eseln zurück. Mein Zustand fordert Bequemlichkeit.
Wie frech seid ihr aber, euch hier noch vor den Fürstinnen zu zeigen. Zu viel Mitleid und Großmuth, daß sie nicht die Todesstrafe über euch verhängten. Verbergt euch, daß man euch gar nicht bemerkt, der Gedanke an immerwährenden Kerker dürfte doch ganz nahe liegen.
„Man kann mich nicht ungehört verdammen. Wir treiben hier alle Abentheurerei. Das Geschick erhebt, wie es eben fällt. Den Mangel an Recht muß die Klugheit ersetzen, und klug handelte ich immer, nur nicht mit dem Glücke im Bund. Nach dem Recht ist Isabelle meine Sklavin, ich fordere Todesstrafe für Imar und Musa wegen der Gewaltthat, und gewiß vergebens, denn es wird jenen freundlich geschmeichelt. So ungerecht ist man, und will mir Haß aufbürden. Flore hat mir für alles, was sie wurde, Verbindlichkeiten. Wenn ich sie damals von Musa nicht loskaufte, war es nur eine billige Rache für ihren leichtsinnigen empfindlich verwundenden Spott. Dadurch bestieg sie den Thron. Ich rettete ihr Leben, und wurde meines Amtes entsetzt. Wars nicht recht, daß ich ohne sie nach Europa entfliehen wollte?“
Coutances fing an Mitleid zu fühlen, Flore hatte etwas von seiner Rechtfertigung gehört, Imar und Musa baten vor, man war überall heiter gestimmt, und so durfte er denn das Eiland mit besteigen, und die Männer sorgten für seine Pflege.
Coutances sprach: Dankt dem Himmel für das, was Imar an euch thut. Nun ist mein Zorn entwaffnet, sonst hättet ihr den Dolch längst im Busen gefühlt.
Hm — erwiederte Perotti — es ist damit auch so gar übel nicht. Wem die Liebe entrissen wird, dem geht ein Kelch vorüber, der oben mit holdem Nektar, unten mit dem herbesten Gallentrank gefüllt ist. Wer unter euch berühmt sich, nicht eine Rechnung mit Amor schließen zu können, wo Wonne und Verdruß rein aufgehen. Und die sind noch die Glücklichsten, viele haben für eine Minute der Extase, Jahre von Pein und Reue zu zählen.
Alonzo, Imar und Musa schwiegen, aber der feurige hoffende Coutances übernahm sehr beredt Amors Vertheidigung. Eine reine, treue Liebe, triumphirend in Hymens Tempelhallen, wird doch mit Entzücken schwer die Waage heben.
Ha ha ha ha! lachte der Italiener, als ob sich das nicht auch berechnen ließ. Tausend Meilen hoch in den Aether hinauf, reiche die Leiter, auf deren höchsten Stufe du jetzt stehst, so wirst du doch nach Tausend Genüssen, wenn nicht ehe, wieder auf der platten breiten Erde stehn. Also hast du jeden Genuß mit einer Meile schmerzlichem Verlust bezahlt. Erfahre, erfahre nur zuvor!
Nun, sagte Alonzo, so haben wir dir mindestens eben so viel Glück zu wünschen, als wie dich beklagen, und solltest du nicht minder Minister werden, ist dein Anspruch auf die Oberhauptstelle der Eunuchen vollkommen gerecht.
Zweites Kapitel.
Fortsetzung.
Man war eingeschifft, die Schwäne zogen. An der einen Seite stand eine wunderschöne Laube, von tausend Blumenzweigen geflochten. Hier nahmen Isabelle und Coutances Platz, und waren gar nicht da wegzubringen, so viel hatten sie sich zu sagen, so wenig kümmerte sie, was weiter um sie vorging, so ganz gnügten sie sich nach Art der Liebenden. Bald erzählten sie einander von der traurigen bangen innigen Sehnsucht, die sie gefühlt, wie sie vom Wiederverein wachend und schlummernd geträumt, wie sie unter den Sternen des Nachthimmels Zeichen der Liebe gesucht, aus den Mondstrahlen, die durch die Cocospalme winkten, Hieroglyphen der Liebe geflochten, im Liede der Luftsänger Gruß der Liebe vernommen hätten; dann schwuren sie sich wieder, daß die Phantasie, welche die reitzendsten Gottheiten der Griechen erfand, die Heiligen, welche den Himmel offen gesehn, nicht die Wollust empfunden hätten, welche sie nun empfänden, wieder beisammen zu sein. Ein Theil freute sich über den leicht gefundenen schönen Ausdruck des andern, und seine hochfliegende poetische Uebertreibung, die aber den Funken der Beredsamkeit wieder aus dem eignen Herzen schlug, daß die Hyperbeln zu Schaaren Leben traten[3]. So daß ältliche Männer, die es angehört, tödliche Langeweile empfunden hätten, nicht aber ältliche Frauen, denn in Weibes Brust sterben die Erinnerungen an die schöne Liebe nicht, und wecken die Theilnahme.
Flore unterdessen nahm mit Alonzo mancherlei Abrede über die Feierlichkeiten, die sie veranstalten und die Ausführung eines Entschlusses, der den Feierlichkeiten folgen sollte. Mit Imar und Musa wurden die Masregeln überlegt, wie die Weiber und Kinder der Beduinen sicher hereinzuschaffen, und denn die bräunlichen und schwarzen Einwohner so zu befreunden, und zu verbrüdern wären, daß Abneigung und Eifersucht keinen Raum gewönnen. Musa brachte eine Sendung an die Machthaber draußen in Vorschlag, welche eine Entsagung Florens auf die Länder außer den Felsen kund thäte, worauf jene denn wohl zur Willfahrung ihres Verlangens geneigt sein würden. Flore war vollkommen damit zufrieden. Imar meinte: eine ähnliche Botschaft müsse von Seiten der noch immer gefürchteten Gigi geschehn, und dem Reiche Habesch ohne Vorbehalt auf andre Zeiten abgetreten werden, was ihr Schwert einst erobert hätte, so würde man die Weiber und Kinder, welche in ihren Händen wären, gern ziehn lassen. Flore konnte zusagen, daß Isabelle freudig einwilligen werde, Musa und Imar erboten sich aus eignem Antriebe, die Rollen der Abgesandten zu übernehmen, womit Flore auch Ursache hatte, einverständig zu sein.
So verstrich die Zeit, und die blühende und fruchttragende Barke glitt weiter auf der klaren Silberfluth. Unterhielt man sich nicht, so labten die köstlichen Genüsse, welche das wandelnde Paradies darbot. War man da ersättigt, schweiften die Blicke nach den Ufern umher, und einer machte den andern aufmerksam, auf die immer erneute Abwechslung der Aussichten, auf die Verschönerung der Gegenden, je näher es zur Hauptstadt hinging, auf die zauberische Wirkung bald der Morgenröthe, bald der Abendsonne, bald des traulichen Mondlichts, bald der hellstrahlenden Planeten und großen Fixsterne, deren Licht, wegen der südlichen Klarheit der Luft, weit verklärter leuchtete, wie im gemäßigten Erdgürtel. Und das alles wurde von Menschen genossen, denen von Außen Freude des Schicksals lächelte, und in deren innerer Welt die Harmonie der Zufriedenheit tönte. Glückselige Tage!
Indessen besuchte Kaiser Joseph II. einst eine Abtei an der Donau. Das Kloster, oder vielmehr der Klosterpallast, ist auf einer Erhöhung gebaut, die hart an die Donau reicht. Der katholische Clerus hat bekanntlich von jeher viel Geschmack in Anlage seiner Niederlassungen offenbart. Aus den Wohnzimmern entdeckt das Auge eine Pracht der Aussicht, welche jeden fühlbaren Ankömmling hinreißen muß. Joseph, entzückt und begeistert, sagte dem Abte: Ich beneide sie! Was befremden konnte, da es ja nur bei dem Kaiser stand, die geistlichen Herrn wo anders zu siedeln, und ein Lustschloß aus dem Kloster zu machen. Der Abt antwortete ziemlich trocken: man wird es gewohnt, Ew. Majestät.
So erging es, mit Ausnahme der Verliebten, auch unserer Reisegesellschaft. Paradies, immer Paradies, toujours perdrix, das frommt endlich der menschlichen Natur nicht, und es ist daher sehr ersprießlich, daß die Hoffnung einer himmlischen Wonne, die vermuthlich dauernder ist, uns winkt, wenn wir einst die seligen Gefilde beziehen sollen. Sie sahen sich also nach anderem Vertreib desjenigen, was der Mensch widersprüchlich so heiß liebt, der Zeit, um. Besonders Flore, sie war ohnehin derjenige Theil unter allen, den die Gegenwart am wenigsten kettete, und der die meisten Wünsche in die Ferne trug.
Da wurde denn also Signor Perotti, der keck und unverschämt ihr wieder nahte, mit Schwänken beliebt, und bat nicht umsonst, um die Stelle des Reisespasmachers. Man entdeckte sogar noch manche unbekannte Talente bei ihm, so konnte er aus der Tasche spielen, und wußte von dem, was ihm aus der Physik bekannt war, einen so erlustigenden Gebrauch zu machen, wie sein berühmter Landsmann, der sehr in Eifer gerieth, da ein Professor in Berlin seine Wunder erklärte.
Unter andern mußte er denn auch Fragmente aus seiner Lebensgeschichte erzählen, die bunt genug ausfielen. Auch mahnte ihn Flore, daß er ihr einst habe von der Reise Nachricht geben wollen, die er in die unbekannteste Tiefe von Afrika gethan, nach dem Abentheuer in Darfur, Isabellen suchend. Er entgegnete: Es wurde zeither immer vergessen, da aber die gegenwärtige Muße besonders einladet, so mögt ihr vernehmen.
[3] Ein gewisser deutscher an Bildern vorzüglich reicher Dichter heirathete, mit Fülle der Liebe. Doch nach kurzer Zeit — kam es zur Scheidung. In seinem Namen wurde folgende Elegie gefertigt:
Eh noch des Torus heilige Fakkel mir glühte,
Wehte Zephirs Athem im Blumenthale Ciane,
Blüthen des Schleedorns Lenzgesträuche Ciane,
Rankten Veilchen die zarten Gewebe Ciane,
Flöteten Amsel und Prognens Schwester Ciane,
Zitterte Luna durch dunkle Platanen Ciane,
Plätscherte Seeschaum an Promentous Vorland Ciane,
Rauschten Wogen an Lemans Gestade Ciane,
Flochten die Moose auf Bevais Felsen Ciane,
Tönte Echo in Klosterruinen Ciane,
Lächelten Sterne im Aetherplane Ciane.
Ach! da aber des Torus Fakkel entglühet,
Hymen verstrickt die rosenumdufteten Bande,
Da die Sympathie verkettet das Lichtpaar der Psychen,
Die mit Hohn der Gräber die stolzen Busen erfüllten,
Und er floh, der schönste elisischer Träume,
Ach! da braus’te der Seesturm um schroffe Klippen Ciane,
Heulte Orkan in nächtlichen Oeden Ciane,
Wimmerte Uhu aus Warteklüften Ciane,
Krächzten Raben um bange Kerker Ciane,
Flüsterten schaurig an Gräbern Cypressen Ciane,
Aechzten Geister im Nebelthale Ciane,
Sangen der Tiefe Gnomen im Hohngelächter Ciane,
Zürnten Bären auf Grönlands Eisflur Ciane,
Glimmten Lampen in Todtengrüften Ciane,
Thürmten Lavinen aus Schnee den Namen Ciane,
Flammten Schlakken im Krater Aetnas Ciane,
Grinzten Schädel in Murtens Beinhaus Ciane,
Klirrten mit Kettengeräusch Verbrecher Ciane,
Wanden sich Schlangen der Eumeniden Ciane,
Bellte Cerberus Mund mit dreien Zungen Ciane!
Drittes Kapitel.
Perottis Erzählung.
Da ich mich heimlich, und nicht ohne Gefahr von jenem Sultan entfernt hatte, durchzog ich mehrere Länder der Schwarzen, wo ich fast dieselben Thorheiten wie in Darfur wiederfand. Rohheit, närrische Titel, tolle Ceremonie, lächerlicher Stolz, dummer Aberglaube, Mißtrauen und Haß gegen Fremde, waren fast überall Sitte und Charaktergrundzüge. Dagegen nahm ich dort auch manche Kraft, manche Tugend wahr, die man in Europa vergeblich suchen würde. Den vielen Hindernissen, die ich vorfand, begegneten Keckheit und Charlatanerie mit Glück. Charlatanerie ist überhaupt ein Wort von weiterem Umfange, und achtbarerer Bedeutung, wie es im gemeinen Leben verstanden wird. Nicht nur der Pfuscher in der Heilkunde, auch der große Arzt, nicht allein geringe Künstler, auch berühmte Weisen, der volkerziehende Staatsmann, der völkererschütternde Held, versehen sich mit ihrem Nimbus, und gemeinhin würden sie sonst zu wenig leuchten. Charlatanisiren heißt: sich geachtet machen, und geschieht das, trägt man die Schuld an sich, redlich ab.
Es lohnte nicht, meine in diesen Reichen gesammelte Erfahrungen alle aufzuzählen. Ich übergehe sie, um bald zur Hauptsache zu kommen, die euch aber ohne Zweifel, Staunen abdringen wird.
Ich war über den Niger gegangen, und verfolgte meinen Weg gen Süden hin. Die Reiche Azarad, Terga, Zuenziga, hatte ich schon gesehn, was ich an den Ufern des großen Stromes sah, entfernte sich unbedeutend von dem Gewöhnlichen, darum ging es immer weiter. Nahe an der Linie ward ich endlich einen neuen in keiner Erdbeschreibung gedachten Strom inne, der den Nil, den Senegal, den Niger ungemein an Breite übertrifft. Kaum reicht das Auge von einem Ufer zum andern hinüber, doch vermuthe ich, daß dies mächtige Gewässer sich endlich in den Sand verliert, sonst würden die Küstenfahrer, die Ausströmung ins Meer doch wahrgenommen haben.
Dem sei wie ihm wolle, ich bekam Lust über den Strom zu setzen, allein es fehlte mir durchaus an Hülfsmitteln zu meinem Vorhaben, denn eine Wüste reichte, so weit das Auge sah, an das Gestade, und kein Fahrzeug ließ sich wahrnehmen. Ich kehrte also mit meinem Diener zurück, Negerwohnungen aufzusuchen. Es gelang. Nun fragte ich: wo man wohl ein Schiff finden mögte, über den großen Strom zu gelangen? Sie antworteten: Einmal sei kein solches Schiff vorhanden, ferner dürfe auch kein Lebender sich über seine Fluthen wagen, jenseit hause der Teufel, der die Seelen der Verdammten dort erwarte. Die Väter erzählten sich, daß einige Verwegene auf zusammengefügten Brettern hinüber gerudert wären, doch kein Menschenkind habe je ein Gebein von ihnen wieder gesehn.
Es versteht sich, daß dieser platte Aberglaube nur mein Verlangen noch mehr aufreizte. Ich machte den Negern große Versprechungen, wenn sie mir ein Canot bauten. Es war ein gutmüthig Völklein, einige daraus wurden durch den Gewinn bestimmt, und man fällte einen dicken Baum, den wir mittelst scharfer Kieseln aushöhlten. Nun schafften wir ihn auf einem Dromedar bis ans Ufer, und aus einer Binsenmatte wurde ein kleines Seegel gefertigt. Steuer und Ruder zimmerten wir, so gut es gehn wollte.
Ich lohnte die Schwarzen ab, die mich als ein überirdisch Wesen ansahn, und vor mir anbetend niederfielen, als ich die Keckheit in ihrem Angesicht vollzog, die gefürchteten Wogen zu befahren. Sie baten dabei naiv genug, ihres Volks im Guten bei dem Teufel zu denken, und die lieben Verstorbenen zu grüßen.
Der Wind blies so günstig, daß ich das Ruder gar nicht von Nöthen hatte, und bald war ich dem Ufer drüben nahe.
Wohl ergriff mich bei diesem Anblick Staunen. Ich kam aus Gegenden, wo die Völker kaum eine Lehmwand an ihren Häusern zu kneten wußten, hier aber stiegen feste Steinmauern und majestätische Thürme empor. Der Anblick war mir so überraschend, daß ich nicht wußte, ob ich meinen Augen trauen durfte. Am Lande kamen mir, was meine Befremdung vermehren mußte, einige weiße Männer entgegen, die ich hier wohl nimmer vermuthet hätte. Sie trugen Waffen, woraus ich schloß, sie müßten den Eingang in die Stadt, welche vor mir lag, bewachen. Ich betrog mich nicht, wurde angehalten, und befragt: woher ich käme, und welche Geschäfte mich nach der Stadt führten?
Ich verstand sehr viele Wörter in ihrer Sprache, wenn ich mich gleich nur dunkel erinnerte, wo ich sie einst mogte gehört haben. Auf einer meiner Reisen aber gewiß.
Die Männer waren eben so gut befremdet wie ich, einen fremden Weissen zu sehn. Sie sagten, daß ihnen bekannt sei, drüben über dem Strome wohnten dunkelfarbige Menschen, von denen so leicht sich keiner herüber wage, da die Erfahrung sie wohl belehrt hätte, daß keiner wieder zurückgelassen würde. So ist unsre Vorsicht, setzte der Eine gutmüthig hinzu, denn die Nachkommen des Belisarius sollen nicht entdecken, daß unsere Väter in diese versteckten Gegenden flüchteten.
Die Nachkommen des Belisarius? rief ich verwundert, indem ich mich so viel als möglich ihres Idioms bediente, und ihnen also auch verständlich ward. Welchen Zusammenhang hatten eure Väter mit diesem unglücklichen Heerführer? Unglücklich? antwortete der Andere, wem gelang mehr, was er unternahm? Ihm mußte selbst der tapfere Gilimer weichen, unser Ahnfürst, dessen Namen wir noch führen.
Ich kramte aus, was ich von der Geschichte des Belisarius wußte, wie man ihm einen so üblen Lohn gereicht habe, auch kein morgenländischer Römer mehr zu fürchten sei, da Justinians schwache Nachfolger endlich den Türken hätten weichen müssen. Dann drang ich aber mit vielen Fragen ein, wie man doch hier noch die Nachkommen eines so lange verstorbenen Helden fürchten könne?
Ich erhielt zur Antwort: Unsre Vorfahren, die sich Vandalen nannten, hatten mit einigen anderen Völkerschaften aus Germanien, in Afrika ein Reich gestiftet, welches blühte. Allein sie wurden durch Belisarius angegriffen und geschlagen. Wer der Gefangenschaft entweichen wollte, mußte sich entschließen zu fliehn. Sie nahmen den Weg nach der Mitte von Afrika, und ihre Nachkommen haus’ten dort in Ruhe. Dieser Strom ist die Gränze unsers Landes, nach den Schwarzen hin. Ein altes Gesetz verbietet den Gilimeriern, so nennen wir uns, nicht über den Strom zu gehen, und der Fremde, der zu uns kömmt, darf nicht wieder weg, daß unser Aufenthalt nicht verrathen werde.
Das nicht wieder weg sollen gefiel mir ganz und gar nicht, indessen dachte ich, irgend eine List wird wohl Hülfe gewähren. Dann fuhr ich mit meinen Erkundigungen fort, ob in dieser Weltgegend noch andere Völker wohnten? O ja, hieß es, mehrere, die eben wie unsere Väter, bei Kriegen im Alterthum flohn. Es giebt Celtiberier und Alt-Carthager, einst durch Scipio verjagt, Vercingenten, die sich vor Julius Cäsar retteten. Alle diese kamen früher an, wie unsere Ahnen, wohnen auch tiefer südlich, wir bekamen das Gränzland.
Und diese Völker, leben sie in Verbindung unter sich?
O ja, antworteten meine Begleiter, wir handeln, wir schließen Bündnisse, wir führen Krieg —
Krieg! Also doch auch Krieg? rief ich. Ists doch, als ob er gar nicht aus der menschlichen Natur zu tilgen wäre. Wo man nur hinkömmt, hört man von Krieg. Wohlan, setzte ich hinzu, würde mir es denn erlaubt sein, eine Reise durchs Land zu machen? Ich bin neugierig, sehe die Fremde gern.
Ich wurde zum Befehlshaber des Ortes gebracht, der mir nach manchen Schwierigkeiten einen Paß ertheilte.
Viertes Kapitel.
Was Perotti unter den Gilimeriern sah.
Ich trat nun die Reise ins Innere des Landes der Gilimerier an, und theile gedrängt mit, was ich unter dem sonderbaren Volke sah.
Wie ich meinen Paß empfangen hatte, sagte mir der Ausfertiger: ich würde das weiseste von allen Völkern, nicht nur in Afrika, und auf dem Erdenrund, sondern von allen Wandelsternen sehn. Ich nahm das erst für eine Redensart, nach afrikanischem Zuschnitt, allein die Folge belehrte mich, daß die Gilimerier ihre feste Ueberzeugung mit so triftigen Beweisgründen stützten, daß der Zweifler gern ehrerbietig verstummte.
Da man übrigens von Wandelsternen sprach, und sie bewohnt voraussetzte, hatte ich gleich den Beweis, das Volk müsse gedacht haben, ein Beweis, der sich auch oft genug wiederholte. Die Gilimerier sind Vieldenker, Hoch- Tief- Lang- und Breit-Denker, nur zum Handeln kommen sie über das Denken spärlich.
Ich wollte zuerst die Hauptstadt sehn, und fragte nach ihrem Namen. Man sagte mir: Es ist ein wenig zweifelhaft, die Hauptstadt der Gilimerier zu bestimmen. Nun antwortete ich, es wird doch Jedermann bekannt seyn, wo der Sitz der Regierung, des Landesoberhauptes, der Mittelpunkt der Wissenschaften und Künste, und des Handels ist?
Der Mann, mit dem ich noch immer redete, kratzte den Kopf, und meinte: So eigentlich wäre der Sitz der Regierung in Urkundia, aber so eigentlich auch nicht, übrigens würde sie dort, so viele Jahrhunderte ihre Blüthe geprangt hätte, nicht mehr gehandhabt.
Nun, erwiederte ich, so will ich nach Urkundia, denn Handel, Wissenschaften und Künste werden mich durch ihren Anblick entschädigen.
O, Handel giebt es dort gar nicht, fiel mein Gilimerier ein.
Ich. Sonderbar, ich sollte glauben, die Weisheit deutete aus manchem Grunde darauf, den Mittelpunkt des Handels und der Regierung zu vereinen, aber —
Der Gilimerier. Wissenschaften findet ihr in Urkundia gar nicht. Da müßt ihr nach Plapria, oder besser, nach Klinklingia, Künste sucht in Lekria, Plapria, allenfalls in Zigzig und andern Orten.
Ich. Also meint ihr, daß von solchen Trennungen etwas Ersprießliches ausgehn werde?
Der Gilimerier. Allerdings! Unsre vielen hohen Schulen sichern noch mehr die Freiheit des Denkens. Die Tiefe der Wissenschaft, die Höhe der Spekulation, das sind die Punkte, wo die Gilimerier sich vereinen.
Ich. Nun gut, wo wohnt denn also das Landesoberhaupt?
Der Gilimerier. In Lekria.
Lachend trat hier ein Andrer hinzu. Was, in Lekria wohnte das Landesoberhaupt? Ha ha ha ha! Wie lange wurde ihm dieser Anspruch schon geschmälert, und nun — nun — entsagte der Welik nicht selbst? Der Erste war übel mit jener Einwendung zufrieden. Er wollte entgegnen und hub an: Die Gilimerier —
Chilimerier heißt es, unterbrach ihn ein Dritter, und nun erhob sich ein hitziger Streit, worin jeder Theil Beweise für die Güte seiner Aussprache, und Rechtschreibung des Volksnamens, mit ermüdender Weitläuftigkeit auskramte. Gemach, unterbrach ich die erhitzten Köpfe bald, ein Volk, das sogar darüber nicht Eins ist, wie es heißt, kann schwerlich wohl in Sachen von Gewicht zusammenklingen. Doch, ich werde das ja alles näher sehn.
Hier reiste ich ab, und kam nach einer ziemlich weiten Reise in Lekria an.
Es ist eine sehr große Stadt, von entzückenden Umgebungen, doch eben keiner schönen Bauart. Der Gassen Volksgedränge, die wohlgenährten Körper und ruheverkündenden Gesichter sprechen den Reisenden zuerst an. Viele Tempel sind auch in Lekria zu sehn, und an feierlichen Tagen wird der Cultus darin auf eine rührende und erhabene Weise vollzogen. Ich erkundigte mich bald nach der Natur dieses Gottesdienstes, und erfuhr, daß die Gilimerier den Crodo anbeten, der aber in den Ober-, Mittel- und Unter-Crodo abgetheilt ist. Daneben aber verehrt man die Freja, den Büsterich, und noch eine Menge kleinerer Büsterichs, was eigentlich verstorbne Gilimerier sind, die sich als Heroen der Frömmigkeit auszeichneten, und eine Art Apotheose empfingen. Zufolge des weiten Abstandes, welchen die Demuth sich maas, betet sie wenig zum Crodo, sondern wendet sich an die Büsterichs, welche Vorbitte leisten sollen. Die Druden kann man in jeder Gestalt zu sehn bekommen. Man kann sie sich auf den Stufen einer großen Pyramide denken. Die unterste zeigt meistens unmanierliche Gesellen aus dem Pöbel, in ekelhafte Lumpen gehüllt, den Bettelsack neben sich. Sie wird für die verdienstlichste gehalten, aber Söhne von Geburt oder Mitteln verirren sich selten zu ihr. Auf der andern wird man schon artige Kleider und rauchende Tafeln gewahr, und hübscher Leute Kind läßt sich aufnehmen. Von der dritten strahlen Tressengewänder und köstlich Tempelgeräth, dampfen pikante Saucen, duften würzhafte Weine entgegen. Dann sieht man höher hinauf Druden, welche wieder Druden mancher Art unter sich, daneben über ergiebige Ländereien zu gebieten haben. Die Geschäfte bei ihrem Amte muß ein Unterdrude um ein Geringes versehn, und sie pflegen des Lebens. Hier treten Grauen der untern Klassen schon mit Vergnügen ein, und weil mit der Drudenstelle das Incommodum verbunden ist, daß man keinen weiblichen Mund mit den Lippen berühren darf, so wird eine Art Flor dazwischen gelegt, der aber kaum zu merken ist. Ferner erblickt man Druden, die nicht nur Städte, Dörfer, und Ländereien von großem Belang unter sich haben, sondern auch Soldaten zu Pferd und zu Fuß halten, deshalb ihre Residenz der Sitz eines sehr kriegerischen Fürsten zu seyn scheint. Vornehmere Grauen, ja die nachgebornen Söhne des Weliks drängen sich zu den einträglichsten zu diesen Stellen. Von dieser Art Druden giebt es die meisten in Gilimerien (oder man fand sich mit einer Ausnahme allein da) wenn schon die Crodoische Religion auch in vielen Ländern gilt. Noch höher stehen die Druden, welche den Drududu, d. i. den Oberfürsten aller Druden zu kühren haben. Es giebt viele unter diesen Aemtern, wohin nur eine vorgeschriebene Edelbürtigkeit nicht nur des Kandidaten, sondern auch einer gewissen Zahl seiner begrabenen Verwandten gehört, doch immer nur auf den oberen Stufen, zu den untersten kann nahen, wer Lust hat. Endlich ganz oben steht der Drududu, im glänzendsten Pomp. Bei dem allen, haben die letzteren Zeiten Ereignisse mit sich geführt, welche sowohl dem Drududu, als den übrigen Druden, Macht, Einfluß, und Reichthum bedeutend schmälerten.
Meine Aufnahme in Lekria war gastfreundlich. Ohne empfohlen zu seyn, machte ich da und dort an öffentlichen Orten, Bekanntschaften, und ward bald in dies, bald in jenes Haus geladen. Die Essen, welche man auftrug, die Weine, die man mir vorsetzte, waren ausgesucht. Dazu giebt es in Lekria vortreffliche Schauspiele, und dicht dabei hinreissend schöne Lustwandelgänge. Es würde mir ohne ein Paar Widrigkeiten, ein bezaubernder Aufenthalt geworden sein. So aber höre man weiter:
Wie gut ich immer aufgenommen war, so langweilten mich oft die Gesellschaften. Denn die Damen (sehr liebenswürdig, was die Sache empfindlicher macht) wandten sich frostig von mir, und unterhielten sich mit jungen Herren desto feuriger. Die Männer redeten, außer wenn sie zu Essen mahnten, wenig, oder auch es waren Alltagsgespräche. Da ich mich nun genau von der Gilimerier Weisheit unterrichten wollte, so ergriff ich verschiedentlich das Wort, und lenkte eine Unterhaltung über religiöse, philosophische oder politische Gegenstände ein. Da that nun Einer, als verstände er mich nicht, ein Andrer blickte mich mit Mißtrauen an, und brachte etwas Gewöhnliches zur Sprache, ein Dritter sagte wohl gutmüthig: Lassen wir das an seinen Ort gestellt sein, und leeren die Flasche! Hin und wieder fand ich denn aber doch offnere, und sehr unterrichtete Männer. Diese ließen das gescheuteste Urtheil, was man nur erwarten kann, hören. Einen solchen fragte ich denn auch einst: Worin besteht aber die so gerühmte Weisheit der Gilimerier? Er gab mit Lachen zur Antwort: Das erörtre im Allgemeinen wer Lust hat, nur in Lekria und dem ganzen Gebiete des Groß Weliks, besteht die Weisheit darin, die Weisheit von dem Volke entfernt zu halten, so entgeht es ihren Gefahren.
Seit einiger Zeit hatte ich bemerkt, daß mir ein nicht eben übelgekleideter Mensch, folgte. Auf Spatziergängen lustwandelte er in einer Nebenallee, trat ich in ein Erfrischungshaus, saß er bald an einem andern Tische, so Ueberall. Dies bewog mich eines Tages an ihn hinan zu gehn, und zu fragen: Ob er etwa ein Anliegen an mich habe, das er zu eröffnen zaudre? Sehr höflich verneinte er, und empfahl sich. Am andern Morgen erhielt ich eine Ladung zur Stadtobrigkeit, wo mir auch sehr höflich angedeutet wurde, ich hätte binnen vierundzwanzig Stunden die Stadt, und binnen acht Tagen das Land zu räumen.
Ich mußte gehorchen, und ging nach Urkundia, einem räucherichen alten Neste. Hier brachte ich erst die Staatsverfassung der Gilimerer genau zu meiner Kenntniß, denn da eine Menge kürzlich brotlos gewordener Schreiber, um Beschäftigung bei mir anfragte, ließ ich nur den Wunsch, unterrichtet zu werden, fallen, und sie überschrieen Einander, mir zu willfahren.
Einer darunter ward erkieset, und gab mir folgenden Unterricht!
Nichts, so weit sie im ungemessenen Kreise umherspähn, nichts weiseres hellen die Strahlen der Sonne auf, sahen es nicht in den Tagen der Vorzeit, werden es nicht wieder erblicken, bis der Bau der Dinge zusammenfällt — als die Staatsverfassung der Gilimerier. Der ärmsten Pflüger Rechte sind mit treu republikanischer Waage gewogen, aber die der Edelbürtigen auch. Nirgends baut der Staat eine so rein symmetrische Spitzsäule. Der Großwelik thront oben. Drei Druden, zugleich Unterweliks folgen, dann fünf andere. Diese acht (in neueren Zeiten wurden sie noch vermehrt) wählen Jenen, und legen ihm Papiere vor, die er feierlich zu beschwören hat. Wo gäbe es eine weisere Vorsicht bei Besetzung der höchsten Würde? Dann folgen die anderen Weliks verschiedenen Ranges, mit Gebieten von weiterem oder geringerem Umfange, die Städte mit eigner Verfassung, ja die Dörfer. Dreihundert Stäätlein, jedes Einzelne mit sattsam zugetheiltem Maas von Freiheit, bilden den Gesammtstaat. Ein immerwährender Bodd (leider vor Kurzem durch gewisse Umstände unterbrochen, doch wer weiß wie lange?) in Urkundia gehalten, repräsentirte alle Stände, machte aller Theile urherkömmliche Rechte gültig. In drei Kammern auf verschiedenen Bänken versammeln sich die ehrwürdigen Stellvertreter, der weiseste —
Ich unterbrach: Aber guter Freund, wohin hat denn die Weisheit dieser Einrichtung euch gebracht? Herrschten immer Gemeinsinn und Einigkeit?
Ach, gab der Urkundianer zur Antwort, darum schrieb man ja Papierstöße, die, würden sie in eine Säule gethürmt, an den Mond reichten. Natürlich erwiederte ich: Und reichte sie in die Sonne, sie erfüllte nie ihren Zweck, denn euer Bodd mußte auseinander gehn, manche Gegend eures Landes, durch die ich kam, ist von fremden Kriegern besetzt.
Ach, fiel der Andre ein, das that Gewalt von Außen.
Und ich entgegnete wieder: Also eure so unendlich weise Staatsordnung verlieh euch dennoch keine Mittel, der Gewalt von Außen zu widerstehn?
Der Andre. O sie wären wohl da gewesen, hätten nicht einzelne Glieder sich der gemeinen Sache entzogen.
Ich. Und das litt euer Oberhaupt?
Der Andre. Seine Macht war nicht groß genug, sie zu zwingen.
O tiefe Weisheit! brach ich lachend aus, die weder den Einzelnen Liebe einzuflößen, noch ihr Urtheil über die Vortheile der unentbehrlichen Einigkeit aufzuklären vermag, und am Ende dem Haupte nicht Kraft giebt, das Nothwendige zu erzwingen! Ha ha ha!
Dies nahm mein Mann ergrimmt auf. Bestände nur noch unser Staatsobergerichtshof, rief er, ich würfe euch einen Prozeß an den Hals, der dreihundert Jahre währen sollte!
Er spielte mir demungeachtet noch an dem Abend einen Possen. Vermuthlich mogte er in Bürgergesellschaften davon erzählt haben, daß ich die Weisheit der Staatsform ein wenig spöttisch in Zweifel gezogen hätte, und die Urkundianer, in Ehrfurcht gegen das ehrwürdig Gepriesene aufgesäugt, schlugen mir die Fenster ein. Ich eilte davon, und wandte mich nach Klinklingia auch Lyrtonia genannt. Unterwegs berührte ich noch manche Gegenden, wo rechts und links kleine Drudenpalläste standen, allein sie waren zum Theil den Druden abgenommen worden. Auch dachte man schon gar sehr auf Reinigung des Crodoismus, dessen Lehren durch die Druden eigensüchtig und mißbräuchlich verfälscht worden waren. Ich hörte: vor Jahrhunderten habe man gar blutige und schaudervolle Bürgerkriege in Gilimerien geführt, indem der Süd und der Nord in einigen Glaubenspunkten von einander abwichen. Das fand ich nun wieder nicht der gerühmten Weisheit angemessen, da dergleichen Dinge bei kaltem Blute, und mit Gründen, nicht aber in Kampfwuth und mit Waffen abgemacht werden sollten. Noch weniger aber, daß am Ende man auf halbem Wege stehn geblieben, und alle Metzelei umsonst gewesen war. Denn die Trennung blieb, und mußte nach so wahnsinniger Erbitterung, in einen geheimen forterbenden gegenseitigen Haß übergehn. Demungeachtet wurde der Friede, der diese Trennung befestigte, und stärkte, wie ein Meisterstück der höchsten Weisheit gerühmt. Doch was ist nicht weise bei den Gilimeriern.
Ich kam nach Lyrtonia. Eine kleine unansehnliche Stadt, in der Nähe zwei oder drei artige Anlagen. Hier, sagen die Gilimerier, sind die ersten Schöngeister der Nation, ein lebendig Pantheon der Musen, der Grazien, des guten Geschmacks, und was weiß ich.
Allerlei Bekanntschaften wurden bald gemacht. Man mußte mir auch die Werke der dortigen Poeten reichen, und ich entsagte für einige Zeit meinem Italienischen Geschmack, der freilich längst über alle schulrechten Formen lachte, und sich nur bei den Improvisatoren auf dem Molo zu Neapel oder Sanct Marco in Venedig ergötzt. — Der eine davon gefiel mir ganz ausnehmend, er war so lebendig, mannigfach, anmuthig, beschäftigte zugleich das Urtheil, wenn er alle Gefühle angenehm aufregte, und die lieblichsten Gestalten in die Einbildungskraft trug. Ich wurde zu einem Caffee geladen. Hier fing ich an, über das Gelesene zu reden, und erklärte: wie ich jenem Dichter vor allen, laut meiner Empfindung, den Vorzug einräumen müsse. Ich meinte, die Lyrtonianer würden es nicht allein sehr verbindlich aufnehmen, ihren Mitbürger so durch meinen Ausspruch geehrt zu sehn, sondern auch alle damit übereinstimmen.
Plötzlich aber ward auf allen Gesichtern eine Veränderung kund. Hier ein Paar vergrößerte Augen, dort ein offner Mund, bald ein Zug der Satyre auf den Wangen, bald eine Hand, die das Lachen versteckte. Einige schlugen die Hände über den Kopf zusammen, und ich hörte ein: „Aber kann man so zurück sein?“ flüstern. Einige junge Männer zügelten den Blick der Verachtung gar nicht weiter, und drehten mir naserümpfend den Rücken hin.
Das nahm ich übel, und fing meine Meinung an zu vertheidigen. Man ließ mich aber nicht zu Wort. Veraltet sei der Dichter, rief der Eine. Seine Gedanken da und dort entlehnt, ein Anderer. Er wolle überall mit Umfang von Gelehrsamkeit prunken, ein Dritter. Dann kamen Alle darauf: ich müßte durchaus unerfahren in der neuesten Geschmackslehre sein, und fragten: ob ich denn nimmer eine Vorlesung gehört hätte, bei — —. Ungeduldig unterbrach ich sie mit einem Wörtlein des Moliere, aber man achtete nicht weiter auf meine Rede, sondern verließ das Zimmer, gleichsam als fürchte man, mit einem so rohen Barbaren in Gemeinschaft zu bleiben. Die Abgehenden ließen auch wohl ein verächtliches Pfeifen hören.
Hm, dachte ich, im Schulzwang des Geschmackes liegt doch auch eine so gediegene Weisheit nicht, und begab mich von dem Oertlein, wo mir die Ehre widerfahren war, ausgepfiffen zu werden, weg.
Mein Weg ging nun nach einer nahen sehr hohen Schule, in dem Bezirk von Lyrtonia, und in den engsten Verbindungen mit der Poetenstadt. Hier, sagten die Weisen, ist der Weisheit Tabernakel. Kaum hatte ich den Fuß ins Gasthaus gesetzt, als ich nach dem berühmtesten Lehrer der Philosophie fragte. Da drüben ist sein Hörsaal, war die Antwort. — „Kann man wohl eintreten?“ — Es steht einem Fremden frei.
Gleich war ich hinüber. Vor eben nicht vielen Zuhörern stand ein Mann, der so wenig repräsentirte, vielleicht noch weniger wie ich, Signor Perotti. Aber von viel gewaltigerer Stimme war er, wie ich es besonders seit einem gewissen Zeitpunkte bin. Der Saal war ohne Schmuck, hatte sogar ein dürftig Ansehn, das that jedoch der Weisheit keinen Abbruch. Mein Mann schloß heute seinen Vortrag, da er nach einer andern Lehrstadt ziehen wollte. Ich hörte nur die letzten Worte noch. Sie klangen ungefähr: „So hab ich ihnen denn das einzig wahre, nur wahr mögliche, nothwendig ewige System der Weltweisheit dargestellt. Ich bewies unumstößlich, daß alles vor mir, den Pfad des Irrthums wandelte, die Nachwelt kann nur meinen Weg einschlagen. Sie sind geweiht, gehn sie, und lehren die Menschheit!“
Diese hohen Worte ließen mich bedauern, nicht des Mannes ganzen Vortrag gehört zu haben. Ich klagte das dem Gastwirth, den ich unter Büchern und Papieren vergraben fand. Zu meiner nicht geringen Befremdung war er Mitarbeiter an einem großen kritischen Institut, das alle Werke des Geistes richtete. Er tröstete mich, und versprach, um ein Geringes, die geschriebenen Hefte von der Lehre, welche ich wünschte, herbeizuschaffen. Mich einstweilen zu unterhalten, las er mir eine Kritik über ein neu erschienenes Buch vor, womit er war beauftragt worden. Nie hab ich so viel hämischen Witz, Gallsucht, und in stattliche Worte gekleidete Grobheit gepaart gefunden. Wirklich, ich mußte diesen Meister loben und verachten. Doch noch nicht ganz war er zu Ende, als jemand anpochte. Es war ein Bote von Lyrtonia, mit einem Briefe an den Kunstrichter. Ehrerbietig erbrach er ihn. Ach, wandte er sich, nachdem er hineingeblickt hatte zu mir, das ist ein Anderes, ja ja, das ist ein Anderes, und stellte sich flugs an das Schreibepult.
Ich verstand ihn nicht, und begab mich auf mein Zimmer.
Unter Andern hatte ich erfahren, daß in einigen Tagen ein neuer Lehrer der Weltweisheit, an dem Platze des Mannes, welchem ich das Ohr geliehn hatte, erscheinen würde. Dies wartete ich ab, indem ich mir die Zeit mit Spaziergängen in den gar anmuthigen Gegenden vertrieb. Der Tag kam heran. Ich saß vor dem Lehrstuhl. Der Weise trat auf, und hub an: „Alles was mein Vorgänger gesagt hat, ist nichtig, ich erkläre ihn für einen grundlosen Schwätzer, noch gab es keine Weltweisheit, hier aber ist eine:“ Nun zählte er eine Art Buchstabenrechnung auf, womit er der menschlichen Denkkraft Anschaulichkeit zu geben strebte, und vertiefte sich so in Unverständlichkeit, daß ich gern davon lief. Zu Hause nahm mich mein kritischer Gastwirth in sein Zimmer. Hören sie nun meine umgeformte Kritik, sprach er. Mir kam ein Wink von bedeutender Hand zu, da galt es, in einen andern Ton zu fallen. Jetzt hatte er eine Lobschrift gefertigt, die nicht preisender, ausschweifender, ja kriechender sein kann, lachte hoch auf während ihrer Mittheilung, und erwartete mein Bravo über seine Gefügigkeit, das ich ihm freilich nicht versagen konnte.
Ich hatte genug, und schlug die Straße nach Zigzig ein. Hier sind die Haupt-Bücherniederlagen der Gilimerier, auch bringt man auf den alljährigen Buchmarkt mehrere Tausend neue Werke. Wie mußte ich staunen, als ich in die weitläuftigen Läden trat! Die Abtheilungen aller Materien, machte allein eine ziemliche Schrift, die Aufzählung aller vorhandenen Bücher, ein ungeheures Werk in vielen Bänden. Was giebt es Gutes unter dem Neuesten, fragt ich: z. B. der Religion? Der Buchhändler gab mir einige Sachen in die Hand, und ich blätterte. Sie vergriffen sich, sagt ich, das sind ja Sätze gegen den Crodoismus. Vielleicht Freigeistereien. — Nein, nein! — „Ich habe wenig Zeit. Auch etwas von neuerer Aufklärung!“ — Eine Menge neuer Schriften lag vor mir. Ich sah hinein. „Aber mein Herr, ich empfange immer das Entgegengesetzte. Hier find ich ja nur das Lob der Büsterichs und Druden.“ — Ich versichere, daß das die neueste philosophische Moral ist.
Nun konnte ich nicht umhin, die Fabrike im Allgemeinen sehr zu loben, denn Veränderung der Waare ist allerdings ein vortrefflicher kaufmännischer Grundsatz.
Ich verließ Zigzig, um so früher, als die durch den Ruf der großen Stadt Plapria oder Martialia entflammte Neugierde mich trieb, und nach wenigen Tagen, zog ich in ihre langen perspektivischen Straßen.
In der That, überall viel blendende Pracht, und eine so regelvolle Ordnung der schönen Gebäude, wie ich nirgends sah. Zugleich aber auch das Bild des Elends. In allen Häusern Sieche. Die Aerzte viel beschäftigt, eben so viel die Leichenwagen. Die Stadt war schon einige Jahre in Feindes Händen, und die Truppen der Eroberer kosteten ihr viel, obschon ihre eigenen Erwerbsquellen versiegt waren. Ich bedauerte die Einwohner.
Ich ging indessen auch in die zahlreichen Buchläden, und ließ mir die Neuigkeiten zeigen. Fast nichts wie Schriften über Politik und Kriegskunst. Hm, merkte ich an, wenn ihr es so gut versteht, wie man Bündnisse knüpfen, und den Kampf führen soll, warum ging doch euer meistes Land verloren? Der Buchhändler erwiederte: Ach ein anderes die Theorie, ein anderes die Ausführung. Ei, das sollte kein anderes sein, gab ich darauf, Ausführbarkeit ist ja eben die Eigenheit einer guten Theorie.
Ich ging hierauf nach einem Caffeehause zu frühstücken. Da kam ein Mann mit freudigem Gesichte hereingesprungen, und rief: Die Feinde verlassen die Stadt in einer Viertelstunde! Das erweckte große Freude. Ich nahte ihm gesprächig, und fragte: Um Vergebung, welche Gründe bewegen den Feind dazu? — „Gründe? Gründe? was weiß ich!“ — Ohne Gründe ist die Erscheinung denn doch nicht denkbar. Ihr Wort in Ehren, aber noch glaube ich es nicht. — „Sie glauben es nicht, halten es also auch mit dem Feinde?“ — Wie sollt ich, der Fremde aus ferner Weltgegend, der so wenig mit dem einen als mit dem andern Theile in Verbindung steht. Allein ich urtheile nach gesunder Vernunft. Politische Ereignisse können es allerdings dahin wenden, daß der Sieger ihr Land räumt, von denen muß aber doch erst die Rede mit Ueberzeugung sein. Sonst meine ich, ist es gar nicht rathsam, sich mit Gerüchten zu schmeicheln, deren Täuschung doch bald offenbar wird, denn seit den Vierundzwanzig Stunden, daß ich in Martialia bin, hat man wohl schon sechsmal den gewünschten Abzug jener bewaffneten Macht prophezeit, aber falsch. — „Ei Herr, sie sind kein Patriot, das geht aus allen ihren Reden hervor!“
Ein Mann, der ein inländischer Krieger von Rang sein sollte, fiel ein: „Nun, ists denn nicht einmal Zeit, daß die *** zum *** gehen?“ Er bediente sich derber Worte. Ich dachte: Ein Ausbruch des Zorns gegen die, von welchen man geschlagen und gefangen wurde, erklärt sich leicht. Allein es war nicht blos der Zorn. Die Meinung des Mannes ward in der Fortsetzung seines Gespräches offenbar. Denn er ließ sich nun weitläuftig über die Feinde aus und das bald, indem er mit Gründen zu beweisen strebte, sie wären ohne Kriegskunst, Ordnung, Mannszucht, Tapferkeit, bald mit der verächtlichsten Spötterei über ihre Formen, sie lächerlich zu machen suchte. Man lachte ihm lauten Beifall.
Ich, etwas befremdet, konnte nicht umhin, den Antheil fortzusetzen. Freilich hätte ich klüger gethan, zu schweigen. Aber mein Herr, rief ich, in aller Welt, was gewinnen sie, wenn sie ihren Ueberwinder herabwürdigen? Je mehr ihnen das gelingt, je tiefer müssen sie ja mit sinken. Ich dächte, ich würde meinen glücklichen Feind auf die stolzeste Höhe hinauf rühmen, das zöge mich immer ein gut Stück nach. Mindestens glänzte ich als kluger Würdiger. So gäbe es wenigstens mein Takt mir an.
Hilf Himmel! wie übel erging mirs!
Einer warf mir Injurien an den Kopf, der andre gar das Glas. Da ich mich neuerdings auf das Vernünftige in meiner Behauptung steifte, kams dahin, daß ich unter Prügeln zur Thür hinausgeworfen wurde.
So hatt’ ich denn auch ein Pröbchen der Weisheit in Martialia, und eilte über Hals und Kopf nach dem großen Handelsorte Derbia. Hier findet man enge schmutzige Gassen, hohe hölzerne Häuser, alte Tempel. Die Einwohner scheinen nicht so fein, nicht so klug wie die in Martialia, doch so viel ein flüchtiger Blick, oder die eigne augenblickliche Erfahrung urtheilen können, möchte ich behaupten: sie wären mehr, als sie scheinen, denn ich hörte keine ungesunden Urtheile, und bekam noch weniger Prügel.
Das geschäftige Leben, von welchem man die Zeichen in einem großen Hafen, weitläuftigen Speichern und andern Dingen sieht, stockte eben gewaltig, die Schiffe waren meistens abgetakelt, die großen Waarenläger verschlossen.
Ich fragte nach der Ursache einer so betrübten Lage der Dinge. Seufzend gab mir ein Kaufmann zur Antwort: Seit vielen Jahren wüthet ein Krieg zwischen den Carthagern, welche einst vor Scipio dem Römer in die Tiefe von Afrika flohn, und den Vercingenten, welche Cäsar vertrieb, und deren ihr fast allenthalben in Gilimerien gesehn habt. Welchen Vorwand man auch hat gültig machen wollen, so ist doch die Hauptsache immer gewesen, daß die Carthager allein Vortheil von gewissen köstlichen Fruchtpflanzungen ärndten wollen, die nur auf einem vor wenigen Jahrhunderten erst entdeckten Landstrich gedeihn.
Und wem gehört denn dieser Landstrich? fragte ich.
Der Derbianer erwiederte: Als er hinter Gebürgen und Wüsten ausgemittelt wurde, ging hin wer da wollte, den fast kindisch schwachen Einwohnern Land zu nehmen und anzubauen. Die Celtiberier, die Vercingenten, die Carthager und andere.
Ich. Die Gilimerier griffen ohne Zweifel doch auch zu?
Der Derbianer. Die Gilimerier nicht. Sie kauften die seltene Frucht von anderen.
Ich. O Himmel, warum versäumten sie denn die Gelegenheit, machten sich abhängig von anderen, verloren im Handelsgleichgewicht — denn ich ahne schon, wie es hat kommen müssen.
Der Derbianer. Auch fertigen die Carthager viele Waaren besser an, wie wir. Sonst holte sie Derbia, und gewann dabei sowohl, wie beim Handel mit den seltenen Früchten.
Ich. Warum lassen die Gilimerier irgendwo etwas besser fertigen, als bei sich? Zeigt ihnen denn hier ihre Weisheit nicht die Mittel an? Warum nehmen sie vom Ausländer lieber, wie vom Einländer, gesetzt es fehlte auch die volle Güte?
Der Derbianer wurde etwas hitzig, verbat allen Tadel der Art und führte mich in seine Bibliothek. Nirgends, rief er, giebt es schätzbarere Werke über Handel und Kunstfleiß, da sehen sie diese stolze Reihen klassischer Bände, und verstummen sie!
Ich machte eine tiefe Verbeugung gegen die Bücher, und eine gewöhnliche gegen den Kaufmann, dann ging ich aus seinem Hause.
Fünftes Kapitel.
Was Perotti unter den Carthagern sah.
Nun dacht ich: so hab ich denn das weise Volk gesehn, das die vortrefflichste Staatsverfassung ersann, aber nichts an dem alten ehrwürdigen Bau ausbessern wollte, bis er zusammenstürzte; dessen Väter sich um Satzungen des Crodoismus erschlugen, aber wo bei den Enkeln, die Druden aufgeklärt, und die Philosophen orthodox wurden; das seine Kriegskunst und Tapferkeit mit Glück gegen sich selbst wandte, aber uneinig dem Auslande unterlag, das, wie über alle Dinge, von Handel und Kunstfleiß die herrlichsten Theorien kennt und ausgesogen wird. Eigentlich tragen die Söhne der Väter Schuld, und der Apfel pflegt dann auch nicht weit vom Stamme zu fallen.
Ich wollte die Carthager sehn, und ließ mich über den Strom zu ihnen hinübersetzen. Es war eigentlich alle Verbindung aufgehoben, doch fand ich heimlich Mittel, auf ein koarthagisches Fahrzeug zu kommen, deren die Menge auf dem Strom umherschwammen.
Der Schiffer der mich fuhr, rief: Verdamm mich Crodo, ihr kommt ins Land der Freiheit und Großmuth! Nirgends auf Erden gilt der Mensch so viel, wie bei uns. Wir sind ein Volk von Weliken[4].
Das klingt hoch, erwiederte ich.
Bald waren wir hinüber. Es ging zur Hauptstadt. Die Dörfer unterwegs, waren sehr nett gebaut, aber außer Knaben und Greisen, selten ein männlicher Einwohner zu entdecken. Dazu paßten in Büschen und hinter Hügeln, gewaffnete Männer auf, die, wenn sich eine Mannsperson zeigte, sogleich auf sie eindrangen, und sie fortführten. Nicht sowohl die Güte meiner Pässe, sondern, wie es schien, meine Jahre, und mein schwächlich Ansehn, machten, daß ich, auch schon angepackt, wieder losgelassen wurde.
Ich hatte einen Mann am Strande getroffen, der wie ich, nach der Hauptstadt Nodnol wollte, und mit ihm Reisegesellschaft gemacht. Er war, so wie der Schiffer, von dem Lande der Carthager eingenommen. Natürlich fragte ich ihn: was es mit der sonderbaren Menschenjagd für eine Bewandniß habe? und wurde unterrichtet: daß man die aufgegriffenen Männer auf den Prahmen brauche, die theils Waaren verführten, theils die Prahmen andrer Völker wegnähmen, die auch Waaren laden wollten.
Ich murmelte das Wort Freiheit zwischen den Zähnen, und erkundigte mich bei meinem Reisegefährten, der ein Kaufmann war, und Ghlt hieß, welche Satzungen und Gebräuche denn der Carthager Anspruch auf den Namen des großmüthigsten Volkes begründeten. Herr Ghlt antwortete:
Erstens hat das Land Gesetze, welche die niedrigsten Tagewerker dem vornehmsten Mann gleichstellen, Niemand darf ohne Wissenschaft aller Welt im Kerker gehalten werden, durch seines Gleichen wird der Verbrecher gerichtet, keine Peinfrage, keine Marterstrafe. Ueber die Religionen herrscht die vollkommenste Duldung. Die große Hauptstadt, zu der wir bald kommen, und die wenige Nebenbuhlerinnen auf dem Erdball hat, zählt nicht allein eine große Menge von Armen- und Waisenanstalten, die der öffentliche Schatz unterhält, sondern es giebt auch, durch den Beitritt edelgesinnter Bürger, in allen ihren Theilen, Stiftungen, zu unentgeltlicher Heilung armer Kranken. Mehr als ein Dutzend Gesellschaften zu Abhelfung allerlei Noth, Leiden, Gefahr, eine für unvorsätzliche Schuldner, eine zur Aufmunterung guter Gesinde, eine gegen Laster und Unsittlichkeit, eine zur Verhütung von Verbrechen und falschen Spielen, und noch viele andere.
Das läßt sich hören, sagte ich, und wurde eben gewahr, wie große Geldsummen auf ein Fahrzeug geladen wurden. Man sahe zugleich Bedeckung von des Weliks Leuten dabei. Welche Bestimmung mögen diese Schätze haben? fragt ich wieder, und Ghlt antwortete mir: Das ist Geld, welches wir unseren Bundesgenossen senden, damit sie den Krieg wider unsere Feinde um so nachdrücklicher führen können. Schon mehr als funfzehn Jahre erhalten wir einen weitschichtigen furchtbaren Krieg unserer Bundesgenossen, und die Kosten gehen uns dennoch immer wieder ein. Nicht nur das großmüthigste, sondern auch das klügste, entwurfreichste, im Handel Allen überlegene Volk, sind die Carthager. Es gab sonst auf der Nähe ein kleines aber zum Handel gar bequemes Ländchen, dessen Einwohner durch Fleiß und Sparsamkeit mehrerer Jahrhunderte, ungeheure Reichthümer gesammelt hatten. Wir nahmen ihm aber zuletzt seine auswärtigen Besitzungen, seine Prahmen, sein Gewerbe, und die vielen Gelder, die es uns geliehn hatte, bekam es nicht zurück. So mußte es verarmen, und wir triumphirten auf seinem Ruin. Da sind unsre Nachbarn, die Vercingenten. Einst waren sie auch im Handel geschäftig, und boten uns im Kriege die Spitze. Sie geriethen aber einmal in innre Noth, da paßten die Carthager den Zeitpunkt ab, und wurden im Handel ihre Meister. Die Celtiberier hatten wir Lust zu berauben. Sie ließen eben Prahmen mit Silber von ihren Bergwerken kommen. Mitten im Frieden nahmen wir sie weg, und kündigeten dann Krieg an. Jetzt darf sich auf den Strömen, die das kultivirte Afrika umfließen, kein Prahmen sehen lassen, oder wir nehmen ihn weg. Unser Handel soll allein gelten, wir finden Mittel, allen Kunstfleiß der übrigen Völker zu vernichten, und da wir so die Preise nach Willkühr stellen können, saugen wir nach und nach all ihr Mark aus.