Und die Leidenschaft dieser Frau, die von keiner Rücksicht wußte und Listen verschmähte, schlug ihm ins Gesicht wie ein Südsturm. Ihm stockte der Atem.
Sie aß die Gerichte hastig, und nachdem sie sie stark gewürzt hatte. Und sie saß dabei ihm auf dem Schoß. „Das Hauptgericht bleibe ich!“ meinte er.
Er sagte nachher, leicht ermattet:
„Ich werde, um nicht zu verhungern, heimliche Mahlzeiten einlegen müssen.“
Sie lachte, ohne zu verstehen.
Wie sie in der Frühe erwachten, kam gerade die Sonne herauf. Ihre ersten feinen Strahlen stachen durch das offene Fenster, zerbrochen zwischen den hohen, blaugrünen Vorhängen zu Goldstaub. Gemma hielt ihre flache Hand hin, um ihn aufzufangen. Sie raffte sich aus den Decken, stieg, und das leichte Gewebe des Hemdes schaukelte um ihre raschen Glieder, auf die Fußwand des Bettes und stand von blaugrünem Licht ganz umwogt. Es war das Licht am Grunde sagenhafter Meere. Das Gemach war blaugrün an Wänden, Estrich und Möbeln, und auf Bett, Truhe, Schrank und Spiegel in der schlichten Renaissance von Siena, dazwischen der weite Raum halb öde lag, flimmerten unsicher und rätselhaft die vergoldeten Schnitzereien.
Nur in der Ecke beim Fenster, auf dem einzigen Bilde kreiste rote Sonne.
„Was ist das?“
Und Gemma streckte die Arme durch die lichtdurchsickerte Dämmerung, wie ein Meergeschöpf, das aus der Tiefe nach einem Wunder über den Wassern fragt.
„Das hab’ ich noch nie bemerkt.“
„Weil du noch nie bis Sonnenaufgang bei mir warst. Das Bild erscheint einem nur in dieser Morgenstunde.“
„Ich sehe einen halbrunden Säulengang, und aus seinen zwei Toren speit er Genien mit gespenstigen Flügeln und mit Schlangenschwänzen, kleine Drachen, Ungetüme, die ihre Bäuche aufblähen, und Frauen, große Frauen, die Haare voll reifer, dunkler Früchte, oder die Locken zu Zangen gebogen — Frauen mit langen, schmalen Brüsten wie Tiereuter. Sie tänzeln seltsam, winden Spiele aus Fleisch, nein, aus beglänzten Blüten, in den Farbenwolken ihrer Gewänder, drehen Scheiben aus grüner Luft, und eine Eule glotzt hinein . . . Ich möchte so träumen,“ sagte Gemma. „Und dort, in der Tiefe des Säulenkreises steht ein Lager, da träumt Einer!“
„Das bin ich, Gemma. Weil ich der Einzige bin, der die Köstlichkeiten des Bildes gefühlt hat. Das Original hängt ungekannt irgendwo. Ich bin eitel auf die Bilder, die niemand empfindet; die gehören mir ganz! . . . In wievielen Morgenstunden,“ sagte Malvolto, im Bette aufgestützt, vor sich hin, „in wievielen, ehemals, habe ich alle meine Träume erscheinen lassen, und alle fand ich in diesem Bilde angekündigt — und gerichtet.“
Gemma stieß einen Schrei aus. Sie flüchtete in die Arme ihres Geliebten.
„Scheußlich — nein, das ist scheußlich! Eine Maske — eine Maske mit einer großen Nase, und rot, und ganz als ob sie lebte; und dabei ist sie aus Haut: Haut von einem Gesicht!“
Nach einer Weile, noch erschauernd, fragte sie:
„Was soll das heißen?“
„Ich hab’ es immer für eine Erklärung der Kunst gehalten,“ erwiderte er. „Diese abgezogene Haut, die mit der Form des verlorenen Körpers prahlt, und auf unmögliche Weise sich färbt vom Lauf eines Blutes, das längst gestockt hat — mir war es die Kunst. Ich griff hinter dieser Haut, die wie das Leben die Nüstern bläht und mit den Lidern klappt, nach dem Körper, nach dem Leben selbst. Es war nicht da — für mich nicht . . . Aber jetzt halt’ ich es!“
Sie kehrten aus tiefer Umarmung zurück. Gemma trat noch einmal vor das Bild.
„Sie ist wirklich scheußlich! Aber ich will sie haben. Ich will eine Maske daraus machen lassen und dich damit erschrecken. Du sollst sie mir abzeichnen. Gleich! Komm, hol’ dir Papier!“
Sie liefen beide in das Arbeitszimmer, stöberten umher in den Schiebladen und stießen schließlich auf das Manuskript.
„Es scheint, es ist nichts anderes da,“ meinte Gemma zögernd.
Er drückte ihr ein Blatt vors Gesicht, so fest, daß ihre Nase es durchbrach.
„Was tust du?!“
„Du weißt nicht, was das ist? Das ist die Haut — die Haut, unter der scheinbar das Blut kreist. Da hast du deine Maske!“
Sie hielt das zerfetzte Papier in der Hand. Er entzündete ein wächsernes Zündstäbchen und ließ die Flamme die geschriebenen Zeilen hinan klettern. Als sie Gemmas Fingern nahe kam, nahm er ihr das Blatt weg und trug es zum Kamin.
Er kam zurück und holte noch einen Bogen. Sie war blaß geworden. Sie ahnte, ohne ihn zu begreifen, ihren letzten, alles niedermachenden Sieg.
„Was tust du?“ fragte sie nochmals. „Du willst doch nicht dein Werk verbrennen, dein kostbares Werk? Du sollst daran weiterschreiben — später.“
„Später? Wann?“
Sie wußte es nicht.
„Ich will dir sagen, Gemma, für uns gibt es kein Später. Wir lieben uns, und dann kommt der Tod.“
Sie erzitterte. Sie warf ihm die Arme um den Hals. Das Gesicht auf ihrem sprach er:
„Ich erträume ja nichts mehr. Die Träume dort auf dem Bilde sind alle in die langen nächtlichen Säulengänge verschwunden, die sie früher ausspieen. Statt aller Träume hab’ ich dich. Du bist ihrer aller Verwirklichung, der Preis aller meiner Sehnsucht. Du hast mich in dein Leben hinübergerissen —“
„Ja!“
Sie küßte ihn und verstand nicht, was er noch dachte:
„— wie in eine mit Dornenhecken umstellte, üppigere und jähere Welt, wo Gewalt geübt wird und trunkene Hingabe; wo namenlose Untergänge ausgekostet werden und unfaßbare Herrlichkeiten; wo man ganz lebt und auf einmal stirbt.“
„Auf einmal stirbt,“ wiederholte sie, mit erweitertem Blick. Sie hatte nichts gehört als diese Worte, die von seinen Lippen kamen, als die ihrigen sie losließen.
„Ja, so kommt es, ich fühle es,“ sagte sie.
Langsam nahm sie ein Blatt des begonnenen Werkes, ließ es aufflammen und legte es auf die Feuerstätte. Sie brachte noch eines herbei und noch eines; das Feuer stieg, sein Widerschein sprenkelte ihr weißes Fleisch und rann in den engen Falten ihres Hemdes. Sie trug, indes ihre kleinen Hände den Scheiterhaufen ordneten aus Gedanken, Sehnsüchten, schmerzlichem Ringen nach Größe — sie trug ein zweideutiges Lächeln, süß und grausam.
Mario Malvolto stand neben ihr, die Arme verschränkt. Er sagte sich, voll selbstmörderischen Frohlockens:
„Ich glaube.“
IV
Die Tat
Er saß in der Dämmerung und erwartete sie. Sie war auf ein Stündchen nach Haus, um mit ihrer Gesellschafterin zu sprechen, die sie in Toilettefragen zur Stadt geschickt hatte. Der Sommer war zu Ende, ein kühler Hauch kam aus dem Garten, die tote Zypresse ragte ohne ihre Schleier von Glycinien, entblößt und drohend. Malvolto legte sich vornüber, das Gesicht in die Hände, und dachte an Gemma, unbegreiflich beklommen.
Plötzlich wußte er, sie sei da. Kein welkes Blatt hatte geraschelt. Sie stand, dunkel und scharf, in dem bleichen Rahmen der geöffneten Terrassentür.
Sie kam langsam herbei — er tat einen Atemzug bei jedem ihrer Schritte — und stellte sich zwischen seine Kniee, mit herabhängenden Armen, ohne ihn zu berühren. Er sah ihr Gesicht über seinem planen, verhalten schimmernd unter dem Schleier des Abends, eines Abends, der ihn beunruhigte, als sollte er sich nie mehr lichten. Und die beiden Augen über ihm, groß und schwarz, erblindend in Nacht, heiß von verdeckter Glut — er hielt sie für zwei Krater, ihm weit geöffnet. Sie kamen ihm langsam näher, ganz nahe, es ward ein einziger daraus, über dessen Rand er sich beugte, schwindelnd und verlockt zu tiefen Lüsten. Da berührte Gemmas Wange die seinige, und Gemma flüsterte:
„Lieber, wir müssen sterben.“
Er drückte als Antwort nur ein wenig fester seine Wange an ihre. Sie hatte ihm nichts neues gesagt. Er hatte ihre Worte kommen fühlen, den ganzen Weg von ihrem Hause zu seinem. Nein, noch viel weiter kamen sie her: aus jener ersten Nacht, da sie sich ihm gegeben hatte! Sie hatten beide von jeher gewußt, daß nach ihren Umarmungen nichts mehr übrig sein werde als Sterben. In ihrer Liebe war der Tod von Anfang an mit eingeschlossen. Sie hatten gesagt „Für immer“; und die längste Zeit des Immer, wußten sie, war Tod.
Sie hatte ihn um die Schultern gefaßt, und er sie. Sie fühlten einen krankhaften Zauber sie einwiegen, sie ertränken und auflösen. Rings um sie her lösten die Formen und die Farben sich auf, die ein Tag den Dingen geliehen hatte.
Malvolto arbeitete sich mit Anstrengung empor, an die Oberfläche eines schwarzen Wassers. Er fragte:
„Aber weshalb? Was ist geschehen?“
Gemma lächelte; sie trat von ihm weg und sagte leichthin:
„Mein Gott, man hat uns photographiert.“
„Uns —“
„Ja. Unser Bild geht in der Stadt von Hand zu Hand. Es soll sehr gut gelungen sein. Ich stehe auf der Terrasse und du liegst vor mir.“
„Du bist — nackt?“
„Und du, Armer, hast auch nicht viel an.“
„Unerhört! Das ist doch unerhört. Wenn ich mich doch vergewissert habe, daß von keinem Punkt der ganzen Umgebung meine Terrasse zu entdecken ist! Es muß vom Garten aus geschehen sein. Das kann nur Niccolo, mein Diener, gewesen sein — oder es war deine Gesellschafterin. Ich will doch —“
Und er wollte zur Tür. Gemma faßte seinen Arm.
„Sage, geht das uns noch etwas an, wer es getan hat? Ein namenloser Vorübergehender. Wir wollen unsere Augenblicke sparen, und uns noch lieben.“
Er kam zurück, auf einmal beruhigt.
„Du hast recht. Wie hast du’s erfahren?“
„Meine Gesellschafterin hat das Bild gesehen, bei zwei Damen, in einem Laden, wo man sie nicht kannte. Man verkauft es unter der Hand, es soll großen Absatz finden. Du begreifst, ich, die Cantoggi, und du, Mario Malvolto . . .“
Er hatte eine Regung von Eitelkeit. Und gleich darauf, wütend vor Scham darüber, und auf sie losstürzend, ihr zu Füßen:
„Und du, Gemma — all deine keuschen Schätze, die nur für mich, für mich geglänzt haben, nun zeigt man sie in den Salons, in den Klubs, hinter den Kulissen umher! Ja, wir müssen sterben, denn wie sollten wir das aushalten!“
„Das hielte ich schon aus,“ sagte sie, immer lächelnd.
„Ich habe deinen Ruf getötet! Man beglückwünscht mich jetzt in der Stadt, alle beneiden mich. Das ist zu viel Schmutz.“
Er schlug sich die Stirn mit den Fäusten.
„Wir müssen sterben!“
„Nicht deshalb,“ sagte sie sanft. „Das alles ist mir gleich. Aber weil man uns trennen würde.“
„Man würde uns —“
Er stand auf.
„Weiß dein Bruder es? Ist er zurück?“
„Er kommt erst nächste Woche. Aber er kann es täglich erfahren.“
„Man wird es ihm ja nicht sagen!“
„Wenn er ein Gatte wäre,“ sagte Gemma, und ihr Lächeln war kaum noch zu erkennen. Malvolto senkte die Stirn.
„Allerdings. Einem Bruder wird man es sagen.“
Plötzlich fuhr er in die Höhe.
„Dann schlagen wir uns eben!“
Gemma schüttelte nur den Kopf. Er rief:
„Du meinst, er werde mich töten? O bitte. Vor vier Monaten vielleicht. Jetzt bin ich sehr stark mit dem Säbel.“
Sie erwiderte:
„Tötest du ihn, sind andere Verwandte da, und sie werden uns trennen. Ich bin erst Siebzehn.“
Und da er schwieg, setzte sie in einfachem Ton hinzu:
„Siehst du, dann müßten wir dennoch sterben. Warum willst du vorher meinen armen Bruder töten. Sterben wir lieber gleich jetzt.“
Malvolto sah hastig umher: nein, es blieb nichts anderes mehr zu tun. Gemma, dieser schmale, verschwimmende Umriß dort vor ihm, mit dem Gesicht, das schimmernd in der Nacht ruhte, mit den Augen, die noch tiefer waren als sie — Gemma war nun zu einer kleinen, weißen Judith geworden, und um einen ihrer lieblichen Finger schlang sich eine Locke, daran hing ein Kopf: sein Kopf.
Aber sie starb mit ihm! Er verleumdete sie — die starke Märtyrerin, die so schlicht und klar auf den Tod zuschritt, indes er, ihr Geliebter um dessentwillen sie hinging, noch nach Ausflüchten suchte. Er zog sie an seine Brust.
„Gemma, du einzige Liebende! Wie kannst du nur so stark und ruhig sein. Ich bin es, der dich tötet! Haßt du mich denn nicht?“
„Dich hassen!“ rief sie, zum erstenmal mit Erregung. „Mir scheint ja, jetzt lieb’ ich dich erst! Als ich vorhin in die Tür trat, und du saßest in der Dämmerung: ich stellte mich zwischen deine Kniee, wir sahen uns an — ja, wir sahen uns an. Hattest du mich schon einmal so angesehen? Ich dich niemals. Ich hätte nicht geglaubt, ich könnte noch glücklicher werden als ich war. Es ist jetzt etwas da, was noch glücklicher macht . . . Wir wollen genießen,“ flüsterte sie, die Lider geschlossen.
Er riß sie vom Boden, mit solcher Wildheit wie in ihrer ersten Nacht. Ja, sie war die große Sinnliche: durch ihre ganze üppige und jähe Welt jagte sie ihn, bis ins letzte Dickicht, wo die tiefsten Lüste gefeiert wurden, die in Blut ertranken!
Er schleppte sie, rasend unter der Peitsche des Todes, in das Schlafzimmer.
Als sie zurückkehrten, war der Mond aufgegangen. Sie hielten einander umfaßt, sie lehnten die Schläfen aneinander, und gingen müde. Wie sie den grellen Lichtstreifen betraten, der von der Terrasse her breit durch das Zimmer strich, schraken sie auf, als seien sie kalt übergossen, und trennten sich. Gemma ging zur Tür, stützte den Arm an den Pfosten und legte die Stirn dagegen. Sie hörte Mario rastlos über den Teppich wandern. Er sah sich um. Wie dieser Raum sich verändert hatte! Er gehörte schon nicht mehr ihrer Liebe; er sollte sie beide sterben sehen, dieser selbe Raum! Die breite Ottomane bot sich nicht mehr ihren Umarmungen dar; sie glich einem Operationstisch!
Gemma wandte sich unversehens um und sagte kurz:
„Also tue es.“
Er blieb stehen, mit unüberlegter Erbitterung:
„Ich soll — dich soll ich —?“
„Ja, soll denn ich es tun?“
Sie sahen einander gerade in die Augen, und sahen es darin aufflammen von Feindseligkeit.
In der nächsten Sekunde liefen sie aufeinander zu, sanken sich an die Brust. Einer fühlte des andern Tränen auf der Wange.
„Wir, die wir nur noch ein Leben haben!“
„Ich habe dein Blut in mir,“ sagte Gemma. „Nur deines!“
„Und doch müssen wir uns töten, du mich, ich dich.“
„Wir sind unglücklich!“
Sie blieben lange reglos. Da schluchzte Gemma auf.
„Ich soll dich nie mehr haben — nie mehr.“
„Ich soll niemals mehr deine Hüften küssen,“ sagte Mario, „und ihre kleinen Gruben mit den Lippen messen. Nie mehr das Gesicht in dein Haar wühlen, nie mehr deine Knie —“
Er hielt, an sie geklammert, eine schmerzliche Andacht. Er füllte ihre zarte, rote Ohrmuschel noch einmal mit der Last seiner geflüsterten Begierden, klagte sie, Glied für Glied, an, weil sie ihn verriet, weil sie ihm keine Freuden mehr spenden würde.
Sie machte sich schließlich los, ging mit ihrem gleitenden Schritt zur Ottomane, stützte sich darauf und lächelte ihm zu:
„Ich bin bereit.“
Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn, dann trat er rasch an seinen Schreibtisch. Sie sah weg, sie hörte etwas Metallenes klappern. Er kam auf sie zu, eine Hand im Rücken.
„Dein Mörder kommt,“ stammelte er. „Er beschleicht dich.“
Er brach vor ihr zusammen, die Stirn auf ihren Knien.
„Ich kann doch nicht! Du bist stärker, Gemma —“
Er reichte ihr die Waffe.
„Du liebst mich nicht, wie ich dich liebe — bis zum Zittern der Hand.“
„Ich liebe dich so,“ sagte sie, und hüllte seinen Kopf noch einmal in ihre Arme — „so, daß es kein Glück mehr für mich gibt, als durch dich zu sterben! Bedenke doch, der Tod erst gibt dich mir ganz. Er macht uns unzertrennlich Du, küsse mich, während du zustößt.“
Aber er riß sich los.
„Du sollst leben!“ rief er. „Was geht mein Schicksal dich an! Ich, ich bin’s zufrieden, und ich danke dir!“
Sie fiel ihm in den Arm, sie war leichenblaß. „Was hast du tun wollen. Du hast mich allein lassen wollen? Das könntest du?“
Und sie schluchzte bitterlich.
„Deine Weste ist aufgeschnitten, das Hemd auch. Hilf Himmel, du blutest!“
„Ein Hautriß,“ murmelte er. „Es wird anders kommen.“
„Sei lieb,“ flüsterte sie, und sie zog ihn zu sich auf das Ruhebett, als verlangte sie eine Umarmung.
„Alles Gute hab’ ich immer nur von dir gehabt, jede schöne Sonne. Weißt du nicht, wovon ich in San Gimignano geträumt habe, als Kind, auf meinen Epheumauern? Von dir, Lieber.“
Den Kopf träumerisch im Nacken, mit einem unsichern Lächeln der Wollust, führte sie den Dolch, dem zaudernd seine Hand folgte, zu sich hin, ihrem Leibe zu, in den er eindringen sollte; und ihre heldenhafteste Gebärde war von der begehrlichen Anmut ihrer unkeuschesten.
Da stieß er, die Lider eingedrückt, drauf los — gepackt von Entsetzen, ohne daß er’s gewollt, und ehe sie’s erwartet hatte. Sie schrie auf.
Wie er die Augen öffnete, fand er sich nicht mehr zurecht. Wo war sie? Er suchte ihren Kopf. Der hing über den Rand. Er hob ihn auf das Kissen. Aber ein Stückchen weißes Fleisch rollte ihm gegen den Magen. Was war das? Das Glied eines Fingers. Er hatte ihr einen Finger abgeschnitten. Er sprang auf, gräßlich erschrocken. Das Eisen klapperte zu Boden.
„Was hab’ ich getan. Das tat ich? Ich? Da liegt diese Frau — sie hat Blut auf den Lippen, was seh’ ich auf einmal alles. Sie ist verzerrt, sie wälzt sich. Warum? Mein Gott, ihre Brust klafft! . . . Gemma!“
Er beugte sich über sie, aufheulend. Sie sah ihm in die Augen, mit getrübtem Blick, der fragte.
Er begriff plötzlich. Sie verlangte, er solle nun auch in seine Brust stoßen!
Er stand und schwankte, kalt überlaufen. Eine Kluft war jäh aufgerissen zwischen ihr und ihm, die ganze Tiefe zwischen dem Lebenden, dem alles freistand, und einer, der der Tod keine Wahl mehr ließ, gähnte ihn an. „Was geht das Geschick dieser Sterbenden mich an!“ Und er erinnerte sich dumpf, daß er einige Augenblicke früher ihr zugerufen hatte: „Was geht mein Schicksal dich an!“ Und er hatte sie retten wollen, und auf sich selbst gezielt. Da lag nun sie . . .
Er bückte sich nach dem Dolch. Die Augen in ihrem zuckenden Gesicht folgten ihm.
Nein! Wenn er’s auch tat — er starb doch nicht mit ihr. Es war ein zu ungleiches Sterben. Ihr Tod war etwas Einfaches, Leichtes. Sie starb als Kind. Was wußte sie. Woran hatte sie je gezweifelt. Welche Enttäuschungen hatten sie an das Leben schmerzlich festgebunden? Sie war auf der Erde erschienen zum Dienst einer einzigen Leidenschaft. All ihr voriges Leben, ihre kurzen Jahre, hatten wie eine kurze, gerade Allee, an deren Ende eine Herme steht, auf ihn zugeführt, auf ihn und auf jene Mondnacht, als sie ihm in die Arme stürzte. Zwischen jener Mondnacht und dieser, in der sie starb, lag alles was ihr Sinn gab, alles was sie fühlen konnte — lag sie ganz. Wenn sie nun starb, mit ihm starb, hinterließ sie nichts, hatte sie nichts zu bereuen.
Aber er — o, er! Er war in dieser Minute aus einem wilden, zugewachsenen Garten herausgebrochen und sah wieder die weite Welt daliegen. Was gab es zu genießen an Lüsten, Leiden, winkenden Zielen! Welche namenlosen Reize schillerten ringsumher auf Frauen, Spielen, Worten! Er fühlte sich voll von neuen Seltenheiten. Die Schöpfungen, die wie Urwälder in seinem Geiste aufgeschossen waren, als Gemma, eine nackte kleine Muse, ihn umspielte, jetzt sollte seine Kunst durch ihre Dickichte brechen! Sie hatte ihre Sendung vollendet, die prachtvolle Liebende, die dort verging. Und was er nun aus ihr machen wollte! Und aus ihrem Tode! Wozu starb sie denn, wenn er nichts mehr aus ihr machen sollte.
Aber ihr Blick, weiß verdreht, war mit dem schmalen Halbkreis der Pupillen immer auf ihm.
„Was denke ich, was tue ich. Ich verliere den Verstand. Kann ich denn untätig zusehen, wie sie sich quält!“
Er wandte sich weg, drückte, sinnlos vor Angst, auf die Klingel. Er eilte zur Tür. Die Sterbende rang nach Atem, sie schrie gellend:
„Mörder! Du Mörder!“
Er fuhr herum, und weiß wie sie, und die Augen weit wie ihre, begegnete er nochmals ihrem vollen Blick.
Draußen gingen Schritte. Der alte Niccolo trat auf die Schwelle, brach in Geschrei aus und lief davon. Die Tür war offen geblieben, im Hause entstand Lärm.
Mario Malvolto starrte noch immer in die Augen seiner Geliebten, die tiefer erloschen.
„Mörder,“ sagten seine fahlen Lippen. „Du hast recht. Ich hab’ dich beschlichen, hab’ mich in dein Leben eingeschlichen, in das Leben der Starken, habe ganz leben, ohne Vorbehalt lieben und endlich Mensch sein wollen. Auch sterben wollt’ ich, wie Starke sterben: auf einmal. Verzeih mir, das war ein Irrtum. Ich hab’ dich nicht betrogen. Ich glaubte. Erst da es Ernst werden soll, merke ich, es war Komödie. Auch das war Komödie, wie alles übrige. Verzeih mir, geliebtes kleines Mädchen. Es ist nicht einfache Feigheit — es ist nur, weil man sich zum Schluß einer Komödie doch nicht wirklich umbringt.“
Da hob er die Waffe vom Boden.
„Und ich tu’s doch! Sieh nur, ich tu’s!“
Er riß sich das Hemd auf, zeigte ihr die Dolchspitze auf seiner Brust.
„Siehst du’s? Und erkennst du’s an? Ich tu’s, weil du zusiehst, nur für dich!“
Aber er bemerkte, daß ihre Augen glasig waren.
„Du bist tot? Was ist das! Wir sollten zusammen sterben, und du verläßt mich? In dem Augenblick, wo ich bereit bin, wo ich dir alles, alles opfere, nicht ein einzelnes Leben wie du mir, sondern die hundert unerschaffenen, die in mir sind — in dem Augenblick verschwindest du? Bist fort für immer?“
Er stammelte wirr.
„Ja dann — was tue ich? Was bleibt mir zu tun? Ich weiß nichts mehr.“
Er hob die Arme, ließ sie fallen. Seine Blicke, irr umherflatternd, trafen ins Gesicht des Pippo Spano.
„Du! Was tätest nun du! Erlebtest du einmal solche Niederlage? Du bist der Starke, der mich verführt hat. Du warst mein Gewissen. Du bist schuld! Was soll ich tun!“
Pippo Spano lächelte. Sein mondgrelles Lächeln, sein Lächeln aus einem Übermaß grausamer Selbstsicherheit, stürzte in Frauen und fesselte. Es bannte Mario Malvolto. Er befragte es mit all seiner Seele, die Hände faltend, wankend und nach Atem ringend, unter fliegender Hitze und kalten Schweißausbrüchen, zerstört und von Jammer hingerafft — ein stecken gebliebener Komödiant.
Fulvia
Es war spät. Raminga ordnete mit ihrer fetten und rußigen Hand zwei sparsame Scheite in den Kamin. Gioconda beendete ihre bescheidene Klatschgeschichte zu Füßen der Marchesa Grimi, die gähnte. Die Marchesa Quattrocchi blinzelte in die Flamme. Niemand sprach mehr; über die Dächer, aus der Nacht kam die aufgeregte Stimme eines Glöckchens. Die alte Fulvia sagte plötzlich:
„Ihr Jungen, ihr redet immer, als käme alles im Leben auf Liebesgeschichten an. Ich könnte euch Frauen zeigen, die sie manchmal verachtet haben, weil ihr Herz nach Wichtigerem schlug.“
„O,“ machte die Marchesa Grimi. Sie lebte von ihrem Mann getrennt, und sie lebte nur der Anstrengung, mit der sie Tröstungen entsagte.
Die Marchesa Quattrocchi war ganz bedeckt mit Abenteuern. Sie meinte erstaunt:
„Wichtigere Dinge?“
Raminga und Gioconda sagten mit saurer Heiterkeit:
„Die Mama hat leicht reden, da sie ja den Papa gehabt hat. Da möchten auch uns die Liebesgeschichten gleich sein.“
„Einer der Befreier des Landes,“ erklärte die Marchesa Grimi. „Das waren noch Ritter, mit denen ließ sich leben.“
Sie seufzte. Die Marchesa Quattrocchi rief:
„Liebe und Freiheit!“
„Die Freiheit ging uns vor,“ sagte Fulvia. „Säßen wir sonst hier?“
Und sie lauschte. Von Rom war nichts vernehmlich als das einzige Glöckchen.
„Hätten wir sonst Ferrara, unsere Stadt, hätten wir unsere Familie verlassen, mein Mann und ich? Wären wir gegen die Deutschen gezogen? Hätten wir unser Vermögen dem Lande gegeben? Hätte Claudio seine Gesundheit und einen Arm darangegeben, und ich mein Behagen? O, viele haben die Opfer, die sie der Freiheit brachten, als Einsatz benützt, und haben großen Gewinn gemacht. Wir nicht. Claudio wollte Gemeiner bleiben, er, ein Advokat. Alle Grade hat er sich auf Schlachtfeldern geholt, und unser Oberst Calvi, der Arme, den die Deutschen zu Mantua gehängt haben, er war es, der meinen Mann zum Kapitän machte, auf dem Markusplatz in Venedig.
Wie viel Not, wie viele Ermüdungen, wie viel Blut von 48 bis 70! Wir wurden von der Regierung als Beamte in Alpendörfer geschickt, und kamen im Eise um. Wir mußten Ordnung und Sicherheit herstellen in Cesena und Forli, Städten, die unter der langen Priesterherrschaft verwildert waren. Wenn Claudio abends ausging, zitterte ich in meinem Bett; denn man fand jeden Morgen Leichen vor den Schwellen ihrer Häuser. Dann waren wir Unterpräfekten in Comacchio, wo es in den Sümpfen nichts gab als Aale und Aalfischer; dann in Pesaro, wo die Damen der guten Gesellschaft zur Hälfte frühere Dienstmädchen, zur anderen Hälfte alte Balletteusen waren, und alle gingen in Holzschuhen . . . Endlich, das ist wahr, kamen wir als Präfekten nach Parma. Wir wohnten in dem Palast der Marie Luise, wir gaben Feste, in jedem Theater gehörte uns eine Loge. Es fror uns sehr in den weiten Sälen mit ihrem vergoldeten Stuck. Aber ich, Fulvia Galanti, habe mit dem König Viktor Emanuel getanzt.“
Die vier Frauen sahen stumm zu ihr hinüber, sie erkannten einen Abglanz ihrer alten Größe auf Fulvia. Sie saß am andern Ende des staubigen Salons, weit fort von dem Feuer, das sie verachtete, und an dessen Reste sie erst spät in der Nacht, wenn alle schliefen, heimlich ihre gekrümmten Hände hielt. Ganz allein saß sie vor dem langen Tisch, mager, steif wie ein Idol, mit goldenen Ketten bedeckt, und weiße, gebrannte Locken über dem langen, weißen Gesicht.
„Aber als sie Claudio pensionierten, was blieb uns? Er wollte in Rom sterben, und in Rom ist er gestorben. Auch ich werde hier sterben; das ist alles, was uns beiden die Freiheit des Landes eingetragen hat. Und es ist genug.“
„Du hattest auch die Liebe,“ sagte hartnäckig Raminga, und ließ sich von ihrem Hündchen das Gesicht lecken.
„Wenn ich Lino hätte heiraten können!“ äußerte Gioconda. „Aber wir sind zu arm, wir sind der Freiheit des Landes geopfert; und sie hat es uns nicht vergolten, wie dir, Mama. Du hattest, was du wolltest.“
„Meint ihr, Töchterchen? . . . Ihr habt recht, ich war glücklich mit eurem Vater. Das hindert nicht, daß Oreste schön war.“
Ihre Augen wurden ganz klein, ihre Falten verschoben sich; man wußte nicht, ob sie lachte. Es war dahinten in unsicherm Licht die weiße, beunruhigende Grimasse eines Idols.
„Wer war Oreste?“ fragte die Marchesa Grimi.
„Oreste Gatti, der Neffe des Kardinal-Legaten. Er hatte blaue Augen, er war mein Jugendfreund. Wir spielten im Garten des erzbischöflichen Palastes, auch war ich oft bei den Conversazioni der Damen und Herren. Es gab Zuckerwasser oder Wasser ohne Zucker, aber gekühlt gemäß der Jahreszeit. Die Säle hatten ein Echo. Eine alte Contessa, deren Namen ich nicht mehr weiß, ließ eine silberne Kugel, in der heißes Wasser war, immerfort von einer Hand in die andere fallen.
Als ich sechzehn Jahre alt war, kam er von Rom, von der Universität, und begann mir den Hof zu machen. Auf der Promenade ging er zwanzigmal ganz langsam an mir vorbei und grüßte sogar meine Magd hinter mir. Am Abend stellte er sich mit seinen Freunden unter meinen Balkon und spielte und sang. Er hatte eine Stimme, ich höre sie noch.
Eines Abends aber, als ich vom Spaziergang heimkehrte, war die Stadt ganz voll und laut. Man hatte eben das Ghetto geschlossen, sein Tor lag gleich beim großen Platz. Ich sah einen jungen Mann am Turm neben dem Tor hinaufklettern und oben eine Axt schwingen. Dann bestiegen viele andere die Mauer und das Tor, schlugen auf die Steine und Bretter und rissen daran. Die Juden sollten herauskommen. Ich erfuhr, dies geschehe im Namen der Freiheit. In mir stand damals ein großes Gefühl auf, das mich nie mehr verlassen hat. Mir scheint, es steht noch heute in meiner Brust, und es hat die Gestalt des Jünglings, der als erster auf dem Turm des Ghetto die Axt schwang. Das war, Töchter, euer Vater.
Er war nicht schön, er war eher schwächlich, und ich sehe es als Wunder an, daß ich ihn durchgebracht habe, bis ins sechsundsiebzigste Jahr . . . Ich erblickte ihn am Tage nachher auf der Promenade und nickte ihm zu, obwohl unsere Eltern sich nicht kannten. Ich nötigte meinen Papa, zu dem seinigen zu gehen. Auch Claudio machte mir den Hof, aber meistens redete er von der Freiheit, ja, von der Freiheit des Landes, und von Rom. Er war ein großer Sprecher, und seine Arme arbeiteten so dabei, daß ich alles begriff und mitfühlte. Er wachte spät über Büchern, die, wenn man sie bei ihm entdeckt hätte, ihn ins Gefängnis gebracht hätten. Er trank viel heißen Kaffee dazu, hinterher eiskaltes Wasser, darum sind ihm auch später alle Zähne, noch heil und gesund, aus dem Munde gefallen.
Oreste seinerseits erklärte mir, er wolle mich heiraten. Als er wieder einmal meiner Magd ein Briefchen zugesteckt hatte, antwortete ich ihm, ich werde nur einen Freund der Freiheit heiraten, und einen, der die Priester verjagen werde. Oreste sagte, dieser Brief sei sehr gefährlich, und zerriß ihn vor meinen Augen. Ich beschwor ihn, die Freiheit zu lieben. Er sagte, er sei mit dem Claudio Galanti schon in Rom zusammengestoßen. Jener sei unter den liberalen Studenten der dreisteste gewesen; er, Oreste, könne ihn sich jeden Augenblick vom Halse schaffen.
„Du bist feige!“ rief ich.
Er zog die Brauen zusammen.
„Ich fürchte ihn nicht, er soll bleiben was er ist. Aber auch ich bleibe das.“
„Glaube, mein Oreste, an diese große Sache, die Freiheit! Fühle mit uns, mit deinem Lande, mit diesem edlen, alten Lande, das im Joch von Fremden und Priestern vor Scham zittert!“
„Ich bin Graf Oreste Gatti, der Neffe des Legaten. Ich gehöre zu den Herren. Was täte ich bei den Empörten? Eure Freiheit lebt nur im Geschwätz ehrsüchtiger Plebejer.“
„O du, du hättest nicht das Tor des Ghetto einzuschlagen gewagt!“
„Hätte ich’s nicht? Wir wollen sehen, was ich wage!“
Er haschte nach mir, wir jagten uns, wir scherzten. Ich weiß noch, es war seltsam, wie mir schwindelte, als er mich fing, zwischen den zwei Kameliensträuchern voll roter Blumen, wo aus dem Sockel des großen steinernen Bildes ein Quell rann. Er atmete ganz ruhig unter seinen kurzen, blonden Locken; und am Hals sah aus seinem Samtmantel ein Stück seines Spitzenkragens. Ich begriff wohl, er war Graf Oreste, der Neffe des Legaten.
Wir gingen langsam zwischen den geschnittenen Bäumen zurück bis unter die Fenster des Palastes. Dort stand ein Brunnen, ein großes, mechanisches Werk, wo Kraft des Wassers viele künstliche Figuren sich bewegten, arbeiteten oder Scherz trieben. Ein Mann auf einem Esel ritt um den Brunnenrand. Ganz oben warfen mehrere sich eine schwere Kugel zu. Oreste sprang plötzlich auf den Esel und steckte den Kopf zwischen die Hände derer, die Ball spielten. Ich schrie auf; er zog lachend den Kopf zurück. Einen Augenblick später, und die schwere Kugel hätte ihn zerschlagen.
Am Portal kam uns ein Diener entgegen mit dem Befehl des Kardinals, Oreste habe bis morgen abend in seinem Zimmer zu bleiben. Der Kardinal hatte gesehen, wie sein Neffe den Kopf zwischen die Kugelwerfer hielt; und er war erzürnt.
Ich stand in jener Nacht an meinem Fenster, sehr betrübt, weil Oreste nicht kommen durfte und singen; und immerfort sah ich hinüber zu ihm. Die Rückseite meines Hauses ging auf Gärten, und dahinter war der Palast und sein Zimmer. Der Mond ging auf, wir erkannten uns. Er trat auf seinen Balkon, wir grüßten uns aus der Ferne. Wir ließen vorsichtig unsere Tücher flattern, es war im Mondschein nur wie ein wenig Silber, das rieselte. Ich hörte den Schritt der Wache auf dem Hofe unter ihm.
Auf einmal schwang er sich über das geschmiedete Gitter des Balkons, hängte sich mit den Händen an zwei gebogene Stäbe und schaukelte. Der Posten ging eben, abgewendet, am anderen Ende der langen Hofmauer. Oreste blickte hinter sich; die Mauer war drei Meter entfernt und fast so hoch wie das erste Stockwerk, wo er hing. Er schaukelte stärker; ich drückte mein Tuch ganz in den Mund hinein. Da ließ er sich los, er flog über die Mauer weg. Ich fiel hin. Als ich aufstand, war er schon davon, über die weiche Erde des Gartens. Er fand eine Pforte, er verschwand im Schatten des Gäßchens, auf der Straße zu mir. Ich weiß nicht, wie ich die Treppe hinuntersteigen konnte, ohne entdeckt zu werden, und die Stange vor der Haustür wegschieben, ohne daß sie klirrte. Denn ich zitterte und fühlte das Herz im Halse. Wir drängten uns in den Winkel bei der Tür, nur einige Minuten und ohne zu sprechen.
Sehr bald darauf heiratete ich Claudio. Zwei Jahre nach dem Sturm auf das Ghetto, am 12. Mai 1848, brachen wir auf gegen die Deutschen. Ich ging mit meinem Mann, er stand im Freikorps. Der Papst selbst war mit uns, weil sein Bruder, ein Verschwörer, gefangen saß. Der Papst selbst hatte unsere Fahnen gesegnet. Die Deutschen schlugen uns überall, in Vicenza, bei Cornuda, in Venedig. In Vicenza glaubten wir, sie würden in die Stadt dringen, wir könnten sie aus den Fenstern mit Pflastersteinen zermalmen und mit Öl verbrennen, die Armen. Sie aber beschossen uns von den Bergen. Was wollt ihr, wir waren unerfahren. In Venedig schlossen sie uns ein, wir lebten von Eselsfleisch, und das kostete ein Auge aus dem Kopf. Wir waren immer voll Freude und Zuversicht. Ich trug eine dreifarbige Schärpe, ihr seht sie in jenem Glaskasten; und mein Haus war voll Verwundeter, die ich pflegte. Meinem Mann durchschossen sie die Wange; der halbe Schnurrbart war fort. Die rechte Hälfte ist später immer ärmer an Haaren gewesen als die linke.
Aber als wir nach Ferrara zurückkehrten, hatte der Papst schon längst Angst bekommen vor den Deutschen. Sein Bruder war heraus aus dem Gefängnis. Der Papst war nun der Freund unserer Feinde. Nun waren wir Verräter; wir, die mit seinem Segen auf unseren Fahnen hinausgezogen waren.
Claudio wollte die Advokatur ausüben; sie verboten es ihm. Er kam manchmal nach Hause und sagte, er wundere sich, daß er nicht verhaftet werde. Die meisten seiner Freunde waren schon verhaftet auf Befehl der Triumvirn. Einer dieser drei Schergen des Papstes war Oreste Gatti.
Indes durchsuchten sie unser Haus. Wir wären verloren gewesen, hätten sie die Waffen gefunden. Aber sie lagen in einem Küchentisch, von dem die Füße abgeschraubt waren, und der in die Wand hineingeklappt war; es sah aus, als hinge nur ein Brett an der Wand. Sie fanden Papiere, die Claudio unterschreiben sollte. Er weigerte sich. Auch als Oreste Gatti ihn rufen ließ, weigerte er sich.
Mir war sehr unheimlich zumute, ich beschloß mit dem Legaten zu sprechen. Er hatte mir doch oft über die Wange gestrichen, als ich klein war. Wie ich eintrat, sahen sie mich bedenklich an. Ich trug alte Kleider, Claudio verdiente ja nichts. Ich hatte durch das Ghetto gehen müssen, ein öliger Schmutz war an meinen Schuhen. Man holte mich aus dem Vorzimmer von den anderen Bittstellern weg und führte mich in ein Kabinett, wo ich allein war. Da ging die Tür auf und Oreste kam.
„Wie bist du braun geworden,“ sagte er. „Du bist noch viel schöner.“
Er wollte wie früher nach mir greifen, er streifte mit der Hand meine Schulter.
„Dort hat die Trikolore gelegen,“ sagte ich, und trat von ihm fort. Er faltete die Brauen.
„Du wirst bald frei sein, dein Mann lebt nicht mehr lange.“
„Ich weiß,“ erwiderte ich, „daß der und jener unterschrieben haben und gehängt sind. Aber Claudio unterschreibt nicht.“
„Jene wären auch ohne Unterschrift gehängt worden.“
„Du hättest meinen Mann gleich damals verraten sollen, wie er als Student für die Freiheit sprach. Du hättest deine Feigheit nicht so lange aufsparen sollen.“
Er blieb ruhig.
„Ich weiß, daß du mein sein wirst,“ sagte er. „Ich verlange nichts, du gibst alles von selbst.“
Er besann sich.
„Dein Mann muß flüchten; es steht nicht in meiner Macht, ihn zu schonen. Er soll heute abend um sieben als Bauer durch das Tor fahren.“
Ich ging nach Hause. Claudio kam; seine Freunde hatten ihm geraten zu fliehen. Ich ließ ihn die Kleider des Mannes anziehen, der uns Gemüse brachte, und er entkam.
Ich blieb zurück; Claudio wollte mich nicht mitnehmen auf seine ungewisse Fahrt. Übrigens wußte ich, man hätte mich nicht fortgelassen. Ich war ganz allein in unserem Hause, ich hatte nichts mehr für mich selbst zu essen, viel weniger für eine Magd. Und aus welchem Fenster ich den Kopf steckte, immer sah ich in das Gesicht eines Spions. Sie ließen niemand hinein zu mir.
Eines Abends aber hörte ich das Haustor gehen. Ich lugte aus meinem Zimmer. Drunten im Flur war alles finster. Aber in der Finsternis näherten sich feste Schritte. Ich schloß nicht meine Tür, ich fand alles nutzlos. Eine jähe, fiebernde Angst sprang in meinen Adern — nicht vor dem, der jetzt die Treppe heraufkam, nicht vor ihm. Es war heiß, mein Hals war entblößt. Und ich hatte Angst vor meiner eigenen Brust und vor den Schlägen darin. Ich suchte nach Hilfe; da nahm ich meine dreifarbige Schärpe und legte sie über meine nackte Brust. So stand ich und wartete.
Er trat ein, und er verzog den Mund.
„Da stehst du und weißt genau, daß du mein bist —, und mit einem gefärbten Tuch willst du trotzen, mir und dir. Wie töricht bist du!“
Aber ich fühlte jetzt Mut. Eine Öllampe mit drei brennenden Schnäbeln flackerte auf dem Tisch hinter mir; er sah von meinem Gesicht nur den Umriß. Ich aber konnte erkennen, wie bleich er war. Große Schatten tanzten um uns her an den Wänden. Er sagte:
„Aber so war es immer. Du hast dir die Freiheit immer nur wie ein Tuch umgebunden, weil du mir deine Schönheit versagen wolltest. Und du liebst mich, von jeher liebtest du mich! Ist es wahr, daß du geweint hast, als ich vom Balkon über die Mauer gesprungen war?“
„Es ist wahr,“ sagte ich. „Und ich hätte dich geliebt. Aber ich durfte nicht, denn es gab etwas Größeres, das ich erblickt hatte und nicht vergessen durfte: Jenen, der auf dem Turm vor dem Ghetto stand und seine Axt ins Tor schlug.“
„Wie viel Gewissen!“ rief er. „Jetzt sind wir allein in diesem Hause, in das keiner den Fuß setzt. Jener andere ist fern, verschwunden, wer weiß wo. Was lebt jetzt noch von der Welt umher? Auch die Freiheit ist tot, jenes Phantom. Wir sind allein: jetzt wirst du den Mut haben zu unserer Liebe. Und hast du ihn nicht, dann hab’ ich ihn für dich mit!“
Er warf die Arme um meinen Hals, ich fühlte sie zittern. Ich stieß ihn zurück, lief aus der Tür, die Treppe hinab. Er war immer hinter mir. Drunten in einem der dunklen Zimmer ergriff er mich von neuem; wir stürzten hin, rafften uns auf, stolperten weiter. Zuweilen trennten uns Möbel, die wir nicht sahen und die er umstieß. Dann flüsterte er wieder dicht an meinem Gesicht: „Du liebst mich!“ Und ich würgte an einem „Nein“.
Endlich gelangten wir, wir wußten nicht wie, in den Garten. Es war kein Mond da. Wir taumelten stumm und atemlos hintereinander her, durch schwarze Büsche. In einer Laube, in tiefer Nacht fing er mich und warf mich auf die Bank. Seine Hand lag auf meiner nackten Brust; das dreifarbige Tuch war mir längst entfallen, irgendwo im dunklen Hause. Wir fühlten, daß wir einander in die Augen sahen: und dabei unterschied keiner des anderen Gesicht. Auch spürte ich sein Herz klopfen und er meines. Ein Blatt raschelte über unseren Köpfen. Einmal meinte ich, hinter der Gartenmauer schliche ein Schritt. Wir waren bewacht. Haus und Garten und Stadt lagen schwarz und gebannt. Es gab in der Welt nur noch unsere klopfenden Herzen. Ich hatte wieder Angst, solche Angst wie noch nie. Ein Glöckchen fing an zu hämmern, ein gewisses Glöckchen mit einer aufgeregten Stimme. Mir war doch, ich hörte es wieder?“
Die alte Fulvia lauschte. Aber über den Dächern Roms war die Nacht ganz verstummt.
„Wie man sich erinnert,“ murmelte sie. „Wie wenig bedarf es.“
„Ich sagte dort in der Laube mit trauriger Stimme:
„Höre, Oreste, es ist seltsam, mir schwindelt, wie zwischen jenen Kameliensträuchern im Garten des Kardinals, wo du mich gefangen hast. Auch damals hatten wir einander gejagt. Aber wir waren damals besser.“
„Es ist deine Schuld,“ erwiderte er, und ich, ohne ihm zuzuhören:
„Wir waren ganz jung, und alle Bäume im Garten hingen voll von unseren Träumen. Weißt du noch, wie wir bei den Conversazioni zwischen den alten Leuten saßen, und sprachen eine Sprache ganz für uns?“
„Und auf der Promenade,“ setzte er hinzu, „wenn wir einander begegnet waren und uns in die Augen geblickt hatten; dann zählte ich meine Schritte: fünf, zehn, zwanzig. Nun kehrtest du um, und ich durfte dir wieder entgegengehen, und meine Füße wurden so leicht, als ob der Weg zu dir durch die Luft führte.“
Wir schwiegen. Dann sagte er hart:
„Und nun bin ich endlich ganz bei dir. Nun kann ich dich haben. Du wolltest es doch so? Und unser Geschick hat uns doch hierher geführt?“
Plötzlich ließ er mich los, trat von mir fort, in das Laub hinein, daß ich nicht einmal mehr seinen Schattenriß sah.
„Nein, nicht hierher,“ sagte er. Ich flüsterte:
„Ich wollte, in Vicenza hätten sie mich erschossen . . . O, Oreste, du weißt nicht, wie gut es sich stirbt für diese große Sache, für die Freiheit!“
„Doch. Seit ich dich dort draußen wußte, weiß ich auch das. Und ich wollte, wir könnten zusammen durch eine Stadt wandern, auf die Kugeln fallen. Sag doch, Fulvia, hast du einmal daran gedacht, daß die gleiche Kugel auf uns beide hätte niederfallen können?“
„Wenn du mit mir gewesen wärest, ja, und mit der Freiheit . . . Ich habe mit meinen Händen die Pflastersteine ausgegraben, die wir aus den Fenstern werfen wollten. Warum warst du nicht da, mir zu helfen?“
„Du hast auch Wunden gepflegt. Hätte ich eine tödliche bekommen und wäre an ihr gestorben! Nur deine Lippen hätten sie zum Schluß streifen sollen!“
„Es kommen andere Schlachten,“ sagte ich nach einem Schweigen leise.
„Ich gehe hin!“ rief er, aufstampfend. „Auch ich gehöre diesem Lande und will es frei machen!“
„Wann gehst du?“
„Gleich. Heute nacht!“
Ich erschrak, ich schrie auf.
„Nein! Du wirst mich nicht verlassen. Auch Claudio ist verschwunden. Soll ich immer in diesem Hause bleiben, wo nichts atmet? Wo, scheint mir’s, kein Tag mehr aufgehen wird? Oreste!“
Ich glitt von der Bank, ich sank vor ihm hin, tastete nach seinen Knien. All meine Besinnung war fort, eine kranke Närrin war ich.
„Nimm mich hin,“ sagte ich. „Nimm mich lieber hin! Aber geh nicht fort! Verlaß mich nicht!“
Er hob mich auf wie ein Bruder.
„Wir gehen zusammen, ich bringe dich nach Turin, in Sicherheit.“
Am Himmel entstand ein grauer Schein. Wir unterschieden unsere Gestalten. Wir warteten stumm, bis wir auch unsere Augen sahen. Wie vieles Stürmische mußte in ihnen geschehen sein in dieser Nacht, ohne daß wir’s gesehen hatten. Jetzt waren sie still wie Geister.
Oreste sprengte in der Stadt aus, daß er mich auf sein Lusthaus entführe, vor das Tor. Wir flohen, gelangten über die Grenze und nach Turin. Dort fanden wir Claudio. Er litt noch an seinen Wunden; eine Krankheit kam hinzu, ich mußte dableiben und ihn pflegen. Oreste allein zog hinaus. Er ist für die Freiheit gefallen, bei Varese.“
Die Marchesa Grimi sagte nach einer Weile seufzend:
„Aber er ist doch für Sie gestorben, für Sie!“
„Ja, Mama,“ meinte Raminga, und ließ sich von ihrem Hündchen das Gesicht lecken. „Du hast alles Gute gehabt. Er starb für dich.“
„Schweigt!“ befahl Fulvia. „Er fiel für die Freiheit!“
Drei-Minuten-Roman
Als ich einundzwanzig war, ließ ich mir mein Erbteil auszahlen, ging damit nach Paris und brachte es ohne besondere Mühe in ganz kurzer Zeit an die Frau. Mein leitender Gedanke bei dieser Handlungsweise war: ich wollte das Leben aus der Perspektive eines eigenen Wagens, einer Opernloge, eines ungeheuer teuren Bettes gesehen haben. Hiervon versprach ich mir literarische Vorteile. Bald stellte sich aber ein Irrtum heraus. Es nutzte mir nämlich nichts, daß ich alles besaß: ich fuhr fort, es mir zu wünschen. Ich führte das sinnenstarke Dasein wie in einem Traum, worin man weiß, man träume, und nach Wirklichkeit schmachtet. Ich schritt an der Seite einer chiken, ringsum begehrten, mir gnädigen Dame nur wie neben den zerfließenden Schleiern meiner Sehnsucht . . .
Wenige Tausende lagen noch in meiner Brieftasche, da öffnete ich sie unvorsichtigerweise eines Nachts auf einem öffentlichen Ball unter den Augen eines jungen Mädchens. Sie lud mich ein und ich folgte ihr weitab in ein kelleriges Haus mit schlüpfrigen Treppen und mit Wänden, von denen es troff. Ich hatte soeben meinen Rock über einen Stuhl gehängt, da klappte der Bettvorleger, auf dem ich stand, mitsamt einem Stück Diele nach unten, und ich rutschte in einen Schacht hinein. Er war ziemlich weit. Ein Vorsprung ermöglichte es mir, drei oder vier Fuß unterhalb des soeben verlassenen Zimmers einen Aufenthalt zu nehmen und der Freude einer weiblichen und einer männlichen Stimme über meine Hinterlassenschaft beizuwohnen . . . Auch das war eine Perspektive. Es war nicht jene oberweltliche, der zuliebe ich nach Paris gekommen war. Es war eine aus traumfremder, aus traumschlimmer Tiefe. Aber ihr eignete etwas Stillendes.
Damals blieb mir kaum noch Drang, wieder ans Licht zu steigen. Übrigens ging die Klappe in die Höhe. Ich schloß die Augen und ließ mich weiter hinuntergleiten. Wider Erwarten brach ich nicht den Hals, sondern entkam durch einen Kanal. Entkam bis nach Florenz — wo ich mir wünschte, den gepuderten Pierrot zu lieben, der in einer Pantomime des Teatro Pagliano jeden Abend vor einem Haubenstock in die Knie sank, weil er zu schüchtern war, es vor seiner Angebeteten zu tun; der sie bekam, betrog, arm machte; der spielte, stahl, und dem seine kindlich hingetändelten Verbrechen immer schmelzendere Kreise um seine unschuldigen Sünderaugen zogen. Zuletzt starb er, am Schluß eines etwas frostigen Apriltages, in all seiner rosigen Verderbtheit, zu den leichten Tränen einer schlanken, biegsamen Musik . . . Ich wünschte mir, ihn zu lieben. Nur war er, wenn er die Bühne verließ, eine bedeutende Courtisane und kostete allein den Conte Soundso im Monat tausend Lire, was in Florenz sehr, sehr viel Geld ist. Ich ging also zu ihrem Coiffeur und gab ihm meinen letzten Kassenschein dafür, daß er mich anlernte und mit Schminken und Puder zu ihr in die Garderobe schickte. Meine Dienste befriedigten sie nicht immer; und die erste Berührung ihrer schönen, vollen und spitzen Hand erfuhr ich in meinem Gesicht. Eines Abends, als ich ihr eine neue Perrücke aufprobieren sollte, wagte ich mich mit allem heraus und ward von ihr entlassen. Ich wünschte mir weiter, sie zu lieben . . .
Unsere Beziehungen entwickelten sich jäh. Der Conte Soundso, von dem sie tausend Lire bekam, zog sich plötzlich und unter Protest von ihr zurück. Er hatte bereits den größten Teil seiner Familie unglücklich gemacht: durch ihre Schuld, wie er vorgab. Auch andere erklärten sich für geschädigt in ihrem Besten, dank ihr. Nun ward sie selbst von allen entlassen, wie sie mich entlassen hatte; auch von ihrem Direktor. Bald mußte sie, gepfändet, dem Hospital entlaufen, verachtet und umhergejagt, sich begnügen mit dem, was auf der Straße zu finden ist. Und so oft sich noch einer von diesen durch sie ins Verderben ziehen ließ, erlitt sie selbst dabei die unsinnigsten Schmerzen . . . Dies war der Zeitpunkt, wo sie mir erlaubte, ihr ein Lager aufzuschlagen in meiner Dachkammer am Ende der engen und volkreichen Via dell’ Agnolo. Da lag sie nun in den Mondnächten, den Kopf an der dunkeln Wand, nur die Hände immer unterwegs zu geisterhaft grellen Schlichen und Windungen, wie kranke, launische Blumen, die nach Insekten schnappen. Ich saß am Tisch bei einer Talgkerze und schrieb. Es war eine hallende, glitzernde, stahlblaue Stille in der Weite; und der junge Pierrot war mondgepudert und sterbensmüd aus seinen Sündenfahrten hergetaumelt, grad’ in mein Zimmer. Wie ich mir wünschte, ihn zu lieben! . . . Sie schlug den Blick auf, schmelzend von sanftem Erstaunen über das Schicksal. Sie ließ sich widerwillig pflegen von mir, suchte dabei immer mit den Augen in mir. Sie verachtete mich, weil ich noch bei ihr aushielt. Sie begehrte mich, weil sie mich nicht begriff. Sie hatte manchmal Grauen, manchmal stürmisches Verlangen, manchmal Haß. Sie quälte mich, ganz glücklich, noch ein wenig böse sein zu dürfen, noch einen Schatten von Rache zu haben für das, was mit ihr geschah. Dann weinte sie an meiner Schulter. Und wieder suchten ihre Augen in mir: warum ich sie noch liebe. Eine Antwort bekam sie nicht. Hatte ich sie doch niemals geliebt; ich wünschte es mir nur . . .
In einer dieser Nächte starb sie. Ich stieg darauf zur Straße hinab; und die leere Via dell’ Agnolo entlang und die kleinen rinnsteinartigen Nebengassen entlang weinte ich in der Finsternis Tränen, auf die ich namenlos stolz war, und deren Versiegen ich nicht erleben wollte . . . Sie dauerten nicht viel weniger als eine Stunde: die Stunde, die in meiner Erinnerung das beste, wahrste, schönste Stück meines Lebens umfaßt . . . Aber ich ward schon matt; — und inmitten der Scham und des Zornes über mein Versagen fand ich ganz bequem dazu Muße, um mein Leben zu bangen, weil vor meinem Hause zwei verdächtige Gesellen standen. Ich ging auf sie los, aus Furcht davor, ihnen den Rücken zuzukehren. Der eine hatte eine zerquetschte Nase, Kalmückenaugen, einen viereckigen Oberkörper, kurze, krumme Beine. Der andere, in einem dünnen Jäckchen und mit etwas Schwarzem um den Hals, war schlank, dunkel, außerordentlich schön. Er setzte sich in Bewegung, kam mit der Hand in der inneren Brusttasche und den andern neben sich, mir entgegen. Er hatte den Gang der Toten! . . . Ich tat gebannt und doch mit fliegenden Sinnen noch zwei Schritte. Aus seinem blassen, dicklippigen Gesicht — ihrem Gesicht — sah ich schon die Wimpern schwarz herausstechen. Das Heft des Messers erschien in seiner Faust am Rande des Jäckchens. Mein Tod stand beschlossen auf seinem Gesicht. Auf dem der Toten. Sie hatten nur eines, denn er war ihr Bruder. Er war mit einem Kumpanen in die Stadt gekommen, um sie von mir zu befreien; weil er der Meinung war, daß sie im Getändel mit mir ihr Geschäft versäume und darum den Eltern und ihm kein Geld mehr schicke.
Auf einmal — fast berührte ich mich schon mit ihrem Bruder — wichen die zwei mir im Bogen aus, gaben den Weg frei, verleugneten mich und verschwanden. Ich konnte, halb ohnmächtig, nicht mehr beurteilen, was vorging. Dann erst hörte ich den Trab eines Dritten, der aus dem Dunkel hervor, dazwischengetreten war. Es war ein schmächtiger Mensch mit einem Röckchen über dem Arm, und hatte es sehr eilig, weiterzukommen. Aus Dankbarkeit, aus Kopflosigkeit, aus Gemeinschaftsgefühl machte ich zwei lange Sätze hinter ihm her. Er rückte geängstet die linke Schulter, fing an zu laufen. Er lief davon vor mir; er hielt mich für etwas anderes als ich war. Auch ihr Bruder hatte mich verwechselt. Und ich habe das Gefühl, als sei der Verkehr von Menschen immer so ein ratloses und grausames Durcheinander von Irrtümern, wie diese nächtliche Szene an der Ecke der Via dell’ Agnolo . . .
In Mailand, meiner Heimatstadt, ließ ich mir etwas Geld geben für das, was ich geschrieben hatte in den fragwürdigen Nächten gegenüber einer Kranken, die ich nicht liebte. Eine hochstehende, begabte Dame warf sich aus diesem Anlaß auf mich. Sie sagte, sie suche, seit sie lebe; ihre Existenz sei tragisch; und den, der dies geschrieben habe, müsse sie lieben. Ich fand im stillen, das gehe nicht mich an, und war höflich. Ich schulde ihr Dank, behauptete sie; denn niemand auf der Welt werde mich je verstehen wie sie. Das gab ich nicht zu, sträubte mich und erkannte meine Schuld nicht an. Ihre Existenz sei tragisch, wiederholte sie, und ein Sturz vom Felsen von Leukos werde sie enden. Ich war entrüstet, geschmeichelt und befremdet. Wie kam ich zu solchen Dingen? Ich wollte nichts von ihnen wissen. Niemandem erteilte ich das Recht, meine Einsamkeit zu brechen. Die chiken, ringsum begehrten, mir gnädigen Damen meiner Jugend waren nur mit zerfließenden Schleiern an mir hingestreift. Pierrot war mondgepudert gestorben, wie ein Reflex. Und ein Körper wollte nun hinein zu mir? Wollte mich heilen? Mir Wirklichkeit verleihen? Mir mein Leiden fortlieben? Aber alles Interesse an mir selbst hing ab für mich von diesem Leiden! Jedes kranke Gesicht ist vornehmer als jedes gesunde. Ich war nicht geneigt, zu sinken. Ich versuchte ihr nahe zu bringen, daß sie sich widerspreche, wenn sie mich für meine Bücher lieben wolle: denn dies hebe meine Bücher auf. Es kam ihr nicht nahe; sie wollte ja glücklich sein, also glücklich machen. Was waren ihr Bücher. Ich fand sie schließlich nur noch dumm und mißhandelte sie dafür, entschlossen, aber mit dem Vorbehalt, mich dieses Stückes Seele zu schämen, wenn einst Zeit dazu wäre, und Kunst zu machen aus der Scham . . .
Als ihre Krisis überstanden war und sie anfing, sich loszulösen, holte ich sie zurück und nötigte sie, meine Freundin zu sein. Es befriedigte mich, sie als einen Beweis meiner ungebrochenen Einsamkeit vor Augen zu haben . . .
Diese Einsamkeit gleicht einer jähen Windstille vor der Ausfahrt. Eben klettern noch eine Menge Matrosen rastlos umher an Masten und Schiffswänden, heben Anker, binden Segel los, spannen sie aus. Im nächsten Augenblick fallen die Segel schlaff zusammen, das Schiff rührt sich nicht, die Leute rutschen herab, stehen und sehen sich an . . . Auf diesen Seiten haben sich wohl ungewöhnliche Sachen ereignet? Meine Lebensstimmung aber ist kahl, als sei nie etwas eingetroffen. Sind hier etwa die Mitglieder eines hervorragenden Variétés, dem Publikum zu heftigerer Unterhaltung, sämtlich wahnsinnig geworden? Ich meinesteils sitze, scheint mir, die ganze Zeit vor einem Grau-in-Grau-Stück, wo lebenslänglich auf langweilige Art gestorben wird. Was ist Wirklichkeit.
Wirklich waren vielleicht die Tränen, die ich einst die leere Via dell’ Agnolo entlang und die kleinen rinnsteinartigen Nebengassen entlang geweint habe, in einer Nacht, fast eine Stunde. Die Stunde war wirklich. Von einem Leben fast eine Stunde. Oder wenigstens die erste halbe Stunde war wirklich. Vielleicht . . . Aber es ist nicht ganz sicher.
Ein Gang vors Tor
Lukas war schon auf der Schwelle, er stieß schon die geborstene Tür zurück; aber er blieb noch einmal stehen, die hohle Stimme des Alten, die längst von den Zeiten verschlungen schien, gewann noch einmal Macht über ihn.
„Geh hinaus und durchkämpfe die Welt! Wenn sie hinter dir auf den Knien liegt und du heimkehrst zu uns wie jeder zu uns heimkehrt, was hast du dann weiter getan als einen Gang vors Tor?“
Die drei Greisinnen bliesen wimmernd ihren kalten Atem in die kalte Luft des feuchten Saales. In den Mauern erweiterten sich täglich die Risse, die Eichentafeln faulten an den Wänden, und alle Scheiben erblindeten, hilflos und mit Schweigen.
Die erste der Greisinnen hatte einen berghoch angeschwollenen Bauch, die zweite einen ungeheuren Blähhals, die dritte einen Buckel. Womit nährten sie ihre fürchterlichen Auswüchse? Lukas meinte, mit seiner Jugend, die in ihren alten Fängen zerdrückt wie eine Taube den Kopf drehte und zitterte; mit seinem frischen Blut, das ihre verlebten, enttäuschten Lehren aus seiner Brust leckten.
Der Alte war blind. Womit füllte er sein verstopftes Gehirn? Mit Lukas’ neuen strahlenden Bildern, mit den Bildern von Blumenwiesen, wo junge Frauen in schwarzen Haaren blonde Ritter mit Rosen krönten; von weißen Städten, die an violetten Meeren von ihrem Eroberer träumten. Der Alte nahm sie ihm alle und sagte, sie seien nichts wert. Er klagte aus der Tiefe:
„Geh doch und erlöse Gott aus der Gefangenschaft seiner Feinde! Zwinge Satan um Gnade zu flehn! Geh doch und erobere Reiche! Geh doch und mache das Weib zu deiner Kaiserin! Am Ziel erfährst du, nüchtern und ohne Stolz, daß alles größer und schöner war, als du noch träumtest. Das Beste ist geschehen, bevor du die Augen öffnetest; dein Traum hat es vorweggenommen. Er eilt dir voran und führt das Schwert, das du nicht tragen kannst. Du schleichst ihm nach, mit leeren Händen.“
Eine Fledermaus strich durch den finstern Saal und an Lukas’ Wange vorbei. Er hielt sie für des Alten Wort, das ihn anwehte. Er schüttelte sich und lief über den Hof, zum Tor hinaus. Er war schon halb den Hügel hinab, von der traurigen Burg sah er nur noch schiefe, zerrissene Dächer.
Drunten lag im grauen Abend ein weites Feld. Es flog darüber hin wie die Schatten von Dingen, die man nicht sah. In der Höhe bewegten sich schwer geballte Wolken. Eine Herde von winzigen Schafen drängte sich, ängstlich und verlassen, in einen Punkt der Riesenfläche dicht zusammen. Der Hirt saß tief in den Falten seines Mantels auf einem Stein und rührte sich nicht. Kein Hund schlug an, und doch erkannte Lukas genau, wie ein Mann, auf dessen Hut eine Feder stand, ein Lamm ergriff und damit fortrannte.
Sogleich fing auch Lukas zu laufen an. Er drückte sein Schwert gegen die Hüfte und machte große Sätze. „Mag jener die ganze Herde stehlen,“ dachte er, „nur dieses Lamm nicht!“ Ob er ihn einholen würde, bevor der Mann im Walde verschwand? Er stolperte über den unbekannten Boden und schrie unaufhörlich: „Nur dieses nicht! Hörst du, nur dieses nicht!“ Aber der andere erreichte schon die Bäume und Lukas war dreißig Schritte hinter ihm. Er wollte sein Schwert aus der Scheide ziehen: da sprengte ein schwarzer Gepanzerter aus dem Busch und hieb mit der Klinge dem Dieb über den Arm, so daß er das Lamm fallen ließ. Er entfloh kreischend, das Pferd mit dem Gepanzerten verschwand im Dickicht, Lukas stand allein und keuchend vor dem Lamm.
Er hob es auf und trug es langsam und zärtlich in den Wald hinein, zu einer Kapelle, die im Sternenschein auf einer Lichtung stand. Er setzte es vor das Muttergottesbild auf den Altar; und sogleich ward aus dem Kamm ein kleiner Knabe, der lächelnd mit der Linken die Hand der Jungfrau erfaßte. Die Rechte erhob er segnend gegen Lukas, der sich auf die Knie niederließ. „Was ist das?“ dachte er mit gesenktem Haupt, „was habe ich getan? Wer tat es, ich oder der Gepanzerte?“
Er mochte den Knaben nicht mehr ansehen und schlich gebeugt hinaus. Aber draußen richtete die duftende Nacht ihn auf, er ging zwei Stunden, bis die Bäume seltener standen. Dort vernahm er ein gelles Geschrei und gewahrte den schwarzen Gepanzerten, der mit langem Schwert einen grauen Mönch um eine Fichte trieb. Der Mönch umklammerte den Stamm mit beiden Händen und schwenkte sich, die Streiche meidend, blitzschnell im Kreise. Er kreischte: „Gnade! Gnade! Herr, befreit mich von dem Mörder! Seht Ihr nicht, daß es der Teufel selbst ist?“ Lukas stürzte wütend auf den Gepanzerten los, der einen frommen Mann bedrohte. Er rief: „Du warst es also doch, der mir den Dieb verjagte! Du hast mich gehindert, mit meinen Händen das Lamm zu retten!“ Und er stieß ihm seine Waffe ins Gesicht.
Rasselnd sank jener auf den braunen Nadeln zusammen; der Mönch lachte wie eine Ziege. Lukas blickte hin: er war fort, ein scharfer Geruch war übrig geblieben.
Lukas murmelte voll Scham: „Stehe auf, ich bitte dich!“ Der Gepanzerte stützte sich auf ein Knie, er hob seine Hakennase gegen den Mond; aus seiner linken Augenhöhle, die ausgeleert klaffte, floß das Blut breit über seine weiße Wange.
„Du bist müde,“ sagte Lukas, und führte ihm sein Pferd zu. Der andere erwiderte: „Es ist für dich. Du hast gesiegt, ich gehöre dir.“ Und er nötigte Lukas, auf seine eiserne Hand zu steigen, um den hohen Pferderücken zu erreichen.
Sie legten einen langen Weg zurück, und Lukas hörte nichts als das Klirren des Eisernen, der vor seinem Tiere herging, er sah nichts als ein dunkelrotes Band, so oft jener den Kopf wandte.
Da bekam die Straße einen Saum von blühenden Büschen, die der Nachtwind bewegte. Hoffnungen, noch verschlafene Vögel, begannen aus der Dunkelheit herzuflattern. Hinter halb geöffneten Gartentoren bat ein weißer, steinerner Busen: „Bleibe!“ Doch drüben, wo im zweifelhaften Mondlicht der Pfad hinter dem Berge verschwand, eilte es fiebernd vorbei: ein Zug von Abenteuern, die zu bestehen waren, von Schönheit, die erlöst zu werden, von Größe, die erkämpft zu werden begehrte.
Im Morgentau, als der Tag seine ersten Rosen auf die grauen Wege warf, hielten sie hoch über Orangenhainen, aus deren Mitte die spitzen Türmchen eines Schlosses in den Himmel hineinstachen. Die Stadt stieg mit träumenden Häusern auf Felsterrassen zum Meer hinab. Es lag hinter einem Zaun von Zypressen in leerem Nebelblau. Weit hinten am Vorgebirge verwehte es wie ein Flug grauer Wandervögel; ein einzelnes Segel, das von der Küste fortflüchtete, ward von den andern eingeschlossen, und alle zusammen drängten sich um die Bergecke.
Lukas verstand nicht, wovon plötzlich seine Füße leichter wurden, wovon sein Atem höher ging. Es klirrte neben ihm; das einzige Auge des Gepanzerten war auf ihn gerichtet:
„Dianora, die Tochter des Grafen von Melfi, ist heute nacht vom Sultan der Berberei geraubt worden, und noch weiß niemand es. Der Ruf ihrer Schönheit hat ihm nicht eher Ruhe gelassen, als bis er sie auf seinem Schiffe hatte. Nun ist sie schon weit.“
„Ich hole sie zurück!“ rief Lukas und stieg den Pfad nach Melfi hinunter. Aber sein Genosse war ihm längst voraus.
Drunten standen alle Felsstufen voll bunten Volkes, das die ohnmächtigen Arme nach dem verödeten Meere ausstreckte und schallend jammerte: „Sie ist fort, wie sollen wir noch leben?“ Alle Gesichter waren bleich vor Schmerz, in alle Türen war das Unglück getreten.
„Ich hole sie zurück!“ rief Lukas, und sogleich verfolgten ihn jubelnde Scharen, die auf seine Tat warteten. Das Schloßtor ging auf, der Gepanzerte kam heraus und neben ihm der Graf von Melfi, der Lukas die Hand küßte: „Ihr holt sie zurück, Herr! So holt Ihr sie Euch selbst zurück, sie ist Euer!“
Ein kleines Schiff ward ihnen ins Wasser gezogen. Der Gepanzerte stellte sich an den Mastbaum, Lukas saß am Steuer. Keine Stimme vom Lande holte sie mehr ein, sie jagten schneller als Gedanken den Berbersegeln nach. Jene tauchten schon aus dem blauen Dunst, sie waren schon so groß wie Reiherflügel. Lukas sann: „Der Räuber ist noch nicht daheim, er hält seine Beute auf schwachem Boden, sie kann ihm entfallen.“
Der Harnisch des Gepanzerten rasselte. Sie waren ganz nahe und schauten zu, wie alle Schiffe der Heiden zerschellten. Die Bretter fielen klatschend ins Wasser, die Masten sanken um.
Lukas beugte sich hinüber: Dianora schwamm unter seinen Händen, doch die zitterten. Der Gepanzerte war es, der das Weib ins Schiff hob. Aus Scham und um etwas auszurichten, schlug Lukas dem Sultan und den beiden Mohren, die ihm zunächst im Wasser trieben, die Köpfe ab. Er steckte einen ans Steuer, den andern auf den Schnabel, und den des Sultans oben auf den Mast. Darunter lag auf Kissen Dianora; Lukas sah sie an und empfand plötzlich eine Pein und war versucht in Tränen auszubrechen: so schön war sie.
Ihr Gesicht glänzte mattweiß und still, wie ein vom Schatten zugedecktes Kleinod. So oft sie es wandte, spiegelte ein rosiger oder ein blaßblauer Schein darüber hin. Aus den Augen tauchte ein violettes Licht. Es waren zwei Amethyste in einem Opal, und um das kühle Rund des Steins legte sich, schwer von Trauer und Gedanken, der Ebenholzkranz ihres Haars.
Zur Heimfahrt wollte kein Wind wehen. Sie landeten an einer steilen Insel, wo alte Greifen ein graues, vergittertes Schloß bewachten. Dianora lehnte sich an eine Stufe der zersprungenen Treppe, ganz unten, und ihr weißes Kleid flatterte über dem blauen Abgrund. Aber der Gepanzerte stand bei ihr, die eiserne Hand neben ihrer schwachen Schulter.
Lukas sprach zu ihr aus banger Entfernung:
„Ich habe dich aus dem Meer und aus den Händen der Heiden gezogen: willst du nicht mein sein?“
Sie antwortete:
„Das Meer hat mich genommen, und der Sultan nahm mich: Ich danke dir nicht.“
Er sah entsetzt zu dem blutigen Kopf hinauf, auf dem ein goldener Turban schwankte. Auch Dianora blickte hin.
„Hast du ihn geliebt?“ murmelte er.
„Nein. Er war nicht mächtig genug, da ja seine Schiffe zerbrachen.“
„Und ich, der ich ihn überwunden habe? Bin ich mächtig genug?“
„Du fragst? Dann bist du nicht mächtig genug.“
Der Gepanzerte mußte sie wieder ins Schiff tragen. Lukas trachtete schweigend: „Ich will mächtiger werden,“ und inzwischen ließen sie die Meere hinter sich. Sie stiegen an einer Küste aus, wo weiße Straßen zwischen steinigen Äckern in ein Land voller Ungewißheiten führten.
Vier Knechte trugen Dianoras Sänfte, voran schritt der Gepanzerte und Lukas hinterher. Zwei des Wegs ziehende schlossen sich an, ein Gebräunter im roten Mantel und ein blasser, dünnbärtiger Gauch mit schwarzem Schnürkittel. „Ich habe schon einen Mühlstein um den Hals gehabt,“ sagte er. Der andere sagte: „Ich lag im Block, mit Feuer an den Füßen.“
Sie gingen weiter und es wurden ihrer immer mehr, die mitgingen: Männer mit noch blutrünstigen Wunden und andere mit Pestgeschwüren hoch am entblößten, fleischlosen Schenkel. Sie brachten Gebreste, Lüste und Todesverachtung aus glühenden Ländern mit. Ihre Augen funkelten, ihre Sinne wurden von Gier verbrannt.
Unterwegs plünderten sie die Dörfer, verkündeten die Herrschaft des neuen Gebieters und nahmen sich das Vieh und die Weiber. Einmal blieben alle stehen. Fern, in der Höhe, thronte auf weißen Felsen die Stadt: des Reiches leuchtende Hauptstadt, die Hauptstadt des Kaiserreiches Trapezunt. Es hingen goldene Paniere von den Mauern und Rosengewinde zogen darauf hin.
Die Abenteurer stöhnten und fluchten.
Sie traten in eine Schlucht von schwarzen Felsen, so eng und hoch, daß sie darüber am Mittag die Sterne erblickten. Auf den Bergkämmen standen die Verteidiger, sie rissen Blöcke los und warfen sie hinab. Aber der Fels zog sie an: sie hafteten, keiner fiel, und die Krieger stürzten in Verzweiflung und Grauen sich selbst in die Tiefe.
Als sie das schmale Tal verließen, sahen sie wieder die Stadt, doch waren Fahnen und Kränze fort. Es rannte wirr auf den Mauern umher, ein Zittern von tausend angstvollen Atemzügen stieg zum Himmel. Die Abenteurer nickten sich zu und kicherten.
Nun kam ein Wald, davor hatte das Heer des Reiches sich aufgestellt. Es sah dem Gepanzerten in das einzige Auge und senkte die Waffen, um still mitzugehen auf dem Schicksalsgange des Siegers.
Zum dritten Male lag vor ihnen die Stadt. Sie war verstummt, schwarze Tücher schlotterten von allen Dächern. Das Entsetzen breitete die hagern Arme nach dem Überwinder aus, bereit in sein Schwert zu fallen. Die Abenteurer keuchten vor Lust.
Sie rannten die Mauern ein, Lukas öffnete die Sänfte und tief: „Das ist eure Herrin!“
Ein paar Stimmen antworteten: „Wir haben einen Kaiser. Er ist ein Kind und hat keine Eltern, und wir lieben ihn.“
Lukas winkte, und die Abenteurer begannen ein Gemetzel. Als sie aufhörten, hatte die neue Herrin manchen Männern Achtung und Liebe eingeflößt. Aber aus den Häusern der winkligen Gassen schütteten die Weiber, mit Todesrufen auf die Mörder, siedendes Öl herab. Man nahm ihnen die Kinder weg, auch der junge Kaiser ward seinen Beschützern entrissen, und alle starben, wie Lukas es befahl.