The Project Gutenberg eBook of Französisch-slavische Kämpfe in der Bocca di Cattaro 1806-1814.
Title: Französisch-slavische Kämpfe in der Bocca di Cattaro 1806-1814.
Author: Nikolaj Velimirović
Release date: May 24, 2005 [eBook #15891]
Most recently updated: December 14, 2020
Language: German
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Französisch-slavische Kämpfe
in der Bocca di Cattaro
1806-1814.
Inaugural-Dissertation
Erlangung der philosophischen Doktorwürde
hohen philosophischen Fakultät
Universität Bern
Dr. NICOLA VELIMIROVITCH.
Inhaltsverzeichnis
I.
Vor den Kämpfen.
1. Die Situation nach dem Pressburger Frieden.
Der «Austerlitzblick», der den grossen englischen Staatsmann William Pitt frühzeitig ins Grab gebracht hatte, hielt die übrigen zwei an der furchtbaren Katastrophe unmittelbar beteiligten Verbündeten, Russland und Oesterreich in monatelangen Todesängsten. Das rührte aber den Sieger von Austerlitz wenig. Zielbewusst und rücksichtslos, wie er immer verfuhr, diktierte Napoleon nun den Vertrag von Pressburg, am 26. Dezember 1805. Umsonst hatte Talleyrand ihm in der Demütigung Oesterreichs Mässigung angeraten.[1] Er forderte und bekam alles, was er wollte. Alles, was Oesterreich ehemals durch den Vertrag von Campo Formio gewonnen hatte, musste es jetzt den Franzosen geben. Beinahe drei Millionen seiner Untertanen musste Oesterreich der Herrschaft Napoleons ausliefern. Neben Venedig gingen ihm auch Istrien (ohne Triest) und Dalmatien (ohne das Litorale) mit der Bocca di Cattaro verloren. Die einzige Verpflichtung, die Napoleon auf sich nahm, war die sofortige Entfernung der französischen Truppen von dem österreichischen Boden. Dieser Pressburger Friede war in der Tat für Oesterreich so ungünstig, dass Graf Stadion mit Recht denselben «Capitulation» Oesterreichs nennen konnte.
Napoleon hegte damals böse Pläne gegen die Türkei, obwohl sie sein Verbündeter war. Diese seine Tendenz lässt sich klar aus dem Pressburger Vertrag erkennen; insbesondere aber zeugt dafür seine spätere Haltung. Durch den Vertrag liess er sich Dalmatien abtreten, wobei die Uebergabe der Bocca di Cattaro in erster Linie betont wurde. Den österreichischen Boden wollte er nicht nur nicht räumen, sondern verstärkte im geheimen die sich auf demselben noch befindlichen französischen Truppen. Das Städtchen Braunau, das ebenso geräumt werden sollte, blieb auch weiterhin unter französischer Besatzung. Und noch mehr: Napoleon forderte den Durchzug seiner italienischen Truppen von Venedig nach Dalmatien über österreichischen Boden, über Monfalcone, wo früher der venezianischen Armee der Durchzug stets gestattet wurde. Ja, Napoleon forderte sogar energisch von Oesterreich die Sperrung seiner Häfen für die englische und russische Flotte.
Graf Stadion seinerseits versuchte alles mögliche, um die Beziehungen zu Frankreich nicht zu verwickeln und zu verschärfen. In dieser Absicht sandte er auch Vincent nach Paris, um die Vorurteile Napoleons gegen ihn zu zerstreuen. Napoleons Antwort war die denkbar schroffste. Er sandte Andréossy zu Stadion mit der Forderung, sofort und unverzüglich den Durchzug der französischen Armee durch das österreichische Gebiet zu bewilligen. Zu Vincent sagte Napoleon bei der ersten Audienz: «Man muss mir den Durchzug gestatten, andernfalls werde ich euch mit Krieg überziehen».[2] Stadion bemühte sich, die Sache irgendwie zu mildern. Darum machte er dem französischen Botschafter in Wien, Larochefoucauld, mancherlei Vorstellungen; aber alles war vergeblich. Dieser verlangte binnen 24 Stunden eine bestimmte Antwort und Ernennung einer Persönlichkeit, die mit Andréossy Verhandlungen eingehen könnte.
Nun, zu dieser schwierigen Frage gesellte sich eine andere, für Oesterreich unvergleichlich schwierigere und für Napoleon desto willkommenere: Die Abtretung der Bocca di Cattaro.
Es verbreitete sich zuerst ein Gerücht, das bald nachher auch bestätigt wurde, dass die Bocca di Cattaro Russland abgetreten würde. Der österreichische General Ghiselieri, hiess es, habe sie dem Befehlshaber der russischen Flotte im Adriatischen Meere übergeben. Das war natürlich ganz vertragswidrig. So fasste es auch Napoleon auf. Er verlangte sofort eine Erklärung Oesterreichs darüber. Oesterreich sollte, das war seine Forderung, in Petersburg Schritte tun, welche die Herausgabe der Bocca ermöglichen könnten. Wollte Russland nicht nachgeben, so sollte Oesterreich seine Mitwirkung zur Eroberung der Bocca nicht versagen. Es sollte in dem Falle auch seine Häfen den englischen und russischen Schiffen verschliessen, worauf es Napoleon am meisten ankam, da er diese feindlichen Flotten um jeden Preis aus der Adria vertrieben sehen wollte. Sein Hintergedanke war, Oesterreich mit Russland zu entzweien und somit den Dreibund zu sprengen. Würde ihm dies gelingen, sagte er sich, so wären alle seine Pläne der Verwirklichung nahe, andernfalls aber hätte er einen Grund, an Oesterreich noch härtere Forderungen zu stellen. Denn ohnehin reute es ihn, bei dem Pressburger Vertrag das Litorale nicht genug berücksichtigt zu haben. Wiederholt erklärte Larochefoucauld nach den Instruktionen Napoleons dem Grafen Stadion, dass Braunau so lange im Besitz der Franzosen bleiben werde, als die Bocca ihnen nicht übergeben würde. Das war aber nicht alles. Er drohte mit Besetzung von Fiume und Triest. Das war viel schlimmer. Schliesslich drohte Napoleon mit dem Krieg. Und das war für Oesterreich das Schlimmste.
In Wien glaubte man, dass Napoleon nun einen Anlass zu neuer Bekriegung Oesterreichs suche. Dies zu vermeiden und den Frieden aufrecht zu erhalten, war aller, besonders aber Kaiser Franz' und Stadions Wunsch. Letztere machten eine Vorstellung in Petersburg in bezug auf die Bocca und die Forderungen Napoleons. Inzwischen schrieb Franz an Napoleon eigenhändig betreffs der Bocca, ihre Herausgabe an die Russen sei ohne sein Wissen und Wollen erfolgt, eine Untersuchung habe er gegen den General Brady, den Befehlshaber in Dalmatien, eingeleitet und die Verhaftung Ghiselieris anbefohlen. Die Sperrung der Häfen für die russische Flotte werde erfolgen, sobald Russland eine ausweichende Antwort geben werde. In demselben Sinne hatte sich auch Stadion La Rochefoucauld gegenüber geäussert.[3]
Trostlos und fast verzweifelt stand Oesterreich da, weil zwei mächtige feindliche Heere seine beiden Grenzen bedrohten, das französische im Südwesten, das russische im Norden. In Wien wurde nun die Frage aufgeworfen: Mit wem von beiden Mächten soll es Oesterreich halten? Man war in der Beantwortung dieser Frage nicht einig. Erzherzog Karl, Trauttmansdorf, Metternich und viele andere waren der Meinung, man müsse den französischen Forderungen sich widersetzen und, wenn eben möglich, eine Allianz mit Frankreich anstreben. Zur Illustration der Meinung dieser Mehrheit, wie auch der Situation, in welcher sich Oesterreich damals befand, sei hier einiges aus dem Briefe Karls an den Kaiser angeführt:«... Ich glaube meine Aufmerksamkeit vorzüglich auf zwei Fälle richten zu müssen, von welchen der eine oder andere Eurer Majestät unausweichlich bevorzustehen scheint. Der erste und unglücklichste für den Staat wäre ohne Zweifel jener, wenn wir durch unsere unglückliche Lage in einen neuen Krieg mit dem einen oder anderen der beiden Kolosse, die uns bedrohen, verwickelt würden. Von beiden stehen mächtige Armeen an unseren Grenzen, mit beiden würden die ersten Feindseligkeiten den Krieg in das Herz der Monarchie führen, mit beiden würde der erste Ausbruch des Krieges uns ganze Provinzen entreissen, beide würden einen Teil der Erbstaaten beherrschen, ausplündern und verheeren, ehe wir imstande wären, eine Armee, der es an allem, sogar an Gewehren fehlt, in Ungarn versammeln zu können. Sollte jedoch zwischen diesen beiden grossen Uebeln eines gewählt werden müssen, so bietet der Krieg mit Frankreich noch unendlich schrecklichere Resultate dar, als jener mit Russland. Meine innere Ueberzeugung entreisst mir das traurige Geständnis: Ein neuer Krieg mit Frankreich und seinen Alliierten ist das Todesurteil für die österreichische Monarchie ... Nicht so ganz ohne alle Rettung erscheint der Krieg mit Russland.»[4]
Stadion hingegen war entschieden gegen die Allianz mit Frankreich. «Es würde,» sagte er, «Oesterreich Frankreich untertan werden; und ein solches Verhältnis bezeichnet man als Allianz.»[5] Für den Fall eines Bündnisses mit Frankreich aber stellte er seinen Rücktritt in Aussicht.
Keineswegs besser war die Situation in Petersburg. Alexander hatte einen Krieg zur Befreiung der Völker von der Macht Napoleons unternommen. Mit unermesslicher Zuversicht und unzähligen Hoffnungen ging er in den Kampf. Der «Austerlitzblick» aber machte ihn zu einem gebrochenen und ratlosen Mann. Ein schrecklicher Wirrwarr herrschte an seinem Hofe und in seinem Kopfe. Mannigfaltige Gährungen, mannigfaltige Richtungen kreuzten sich im Volke wie in den Parteilagern. Jedermann versuchte seine eigene Haltung gleich seiner Vergangenheit zu rechtfertigen. Und jedem gelang es natürlich. An der Niederlage Russlands war also niemand im Lande schuld. Die früheren Ratgeber des Kaisers, die ihm vorher so viel Ruhmvolles von einem Krieg gegen Napoleon vorgespiegelt hatten, schoben jetzt alle Schuld an dem Misserfolg Oesterreich zu. Die altrussische Partei predigte entschieden den Bruch des Bündnisses mit Oesterreich. Man beschuldigte es sogar eines Verrates. Die Leute der Opposition gegen das Regiment Czartoryskis gewannen jetzt grossen Einfluss auf den Kaiser und das Volk. Ihre Parole war nun, Russland solle nur noch die eigenen Vorteile im Auge behalten, seine Verbündeten ihrem Schicksal überlassen und sich nicht mehr zwecklos und sinnlos in einen weiteren Kampf stürzen.
Eine friedliche Stimmung beherrschte ganz und gar die öffentliche Meinung in Russland. Man verdächtigte aber den Zaren, er beschäftige sich auch weiterhin mit Kriegsplänen. Allerlei Beschwerden gegen den Kaiser und insbesondere gegen Czartoryski wurden laut und lauter. Der österreichische Botschafter in Petersburg, Merveldt, teilte sogar dem Wiener Hof mit, dass die tiefgehende Gährung der Gemüter die Möglichkeit eines Thronwechsels bezeugte.[6] Wenn die Friedenspartei schliesslich die Oberhand in Petersburg gewann, so verdankte sie dies auswärtigen Ereignissen; Pitt starb und sein Nachfolger neigte zum Frieden.
Mit Ungeduld wartete man in Wien auf einen Entschluss Russlands, d.h. auf die Antwort in bezug auf die Frage der Bocca di Cattaro. Endlich kam der langersehnte Bescheid. Rasumovski erschien am 26. Mai bei Stadion und teilte ihm mit, Russland sei bereit, Cattaro mit der Bocca herauszugeben. Allein die Räumung Cattaros seitens der Russen sei eine Sache, die nicht sofort erledigt werden könnte. Der russische Agent in Cetinje und in der Bocca habe die Bevölkerung der Bocca stets der russischen Protektion versichert. Diesem Versprechen könne sich Russland jetzt nicht entziehen, ohne den Unwillen seiner slavischen Brüder in dieser Gegend sich zuzuziehen. Die Russen wollten die Bocca den Oesterreichern, und diese könnten sie dann den Franzosen übergeben. Es brauche aber Zeit, bis die Bevölkerung zur ruhigen Hinnahme des unabwendbaren Beschlusses vorbereitet wäre. Also sprach Rasumovski.
Graf Stadion besprach mit dem französischen Gesandten die Sachlage und verlangte Verschiebung der Hafensperre, die Napoleon so dringend forderte. Larochefoucauld gab sich mit dieser Erklärung nicht zufrieden. Er forderte sofortige Hafensperre. Bei diesen Erklärungen und Gegenerklärungen, bei diesem beständigen Hin- und Herschwanken verlief viel Zeit, ohne dass man zu irgend einem positiven Resultat zu gelangen vermochte. Inzwischen aber bahnte sich langsam der Weg für die Friedensverhandlungen, die zuletzt zu Oubrils Vertrag führten.
So hielt die Angelegenheit der Bocca ganz Europa ein halbes Jahr in höchster Spannung: Der Friede Europas stand auf dem Spiel, wenigstens für den Augenblick. Aber auch nach Ablauf dieser Zeit war die Frage wegen der Bocca di Cattaro nicht endgültig gelöst; die Entscheidung stand nur auf dem Papier. Nicht einmal der Tilsiter Vertrag brachte eine befriedigende Lösung. Eine solche erfolgte erst, als alle anderen durch Napoleon auf die Tagesordnung gebrachten Fragen der europäischen Politik ihren Abschluss fanden, d.h. im Jahre 1814.
Wenden wir uns nun dem Lande zu, das für einen Augenblick als Schlüssel der politischen Situation Europas galt und der Uebermacht des siegreichen französischen Gewalthabers so lange trotzte und seinen Weltplänen sich in den Weg setzte, indem es um nichts anderes als um seine Freiheit und Unabhängigkeit mutig und aufopfernd kämpfte.[7]
2. Stand der Dinge in der Bocca di Cattaro.
Im Jahre 1797 vernichtete Bonaparte die Republik Venedig. Das traurige und bedauernswerte Schicksal dieses ruhmreichen Staates mussten naturgemäss auch seine Provinzen und Schutzgebiete fühlen. Eines dieser letzteren war die Bocca di Cattaro, welche seit 1420 unter Venedig stand. In jenem Jahre stellten sich die Bokelen, die bis dahin unter dem Schutz der ungarischen Könige gewesen waren, unter die Oberhoheit Venedigs, weil die Entwicklung der Dinge sie hierzu zwang. Ganz Dalmatien nämlich ging den Ungarn verloren. Die Bocca konnte, wenn sie es wollte, auch weiterhin unter dem ungarischen Schutz, bleiben. Dieser Schutz aber wäre nur ein formaler und unwirksamer gewesen. Wozu dann solch ein Schutz?
Die Bokelen begaben sich freiwillig in die Obhut des neuen Herrn von Dalmatien, aber nur unter gewissen gegenseitig unterschriebenen Bedingungen. Die wichtigste unter diesen lautete: «Wenn die Republik Venedig wegen irgend einer politischen Umwälzung nicht mehr imstande sein wird, Cattaro zu verteidigen, so darf sie es an niemand weder abtreten noch verkaufen, sondern muss es in seiner alten Freiheit weiterbestehen lassen.»[8]
Dieses alten Vertrages mit Venedig sich erinnernd widersetzten sich nun die Bokelen der Okkupation der Bocca durch Oesterreich, dem dieses Gebiet durch den Vertrag von Campo Formio von 1797 nach der Zerstörung der venezianischen Republik zugestanden wurde. Die Volkshäupter versammelten und berieten sich, welche Schritte sie jetzt unternehmen sollten. Alle waren einmütig in dem Entschluss, die Unabhängigkeit des Landes zu verteidigen. Ueber die Art und Weise dieser Verteidigung wollten sie nicht allein entscheiden. Auf dem hohen Berge, der ihrem Küstenland als der natürliche Schutz schien gegeben zu sein, hatten sie einen Ratgeber, der zugleich ihr religiöser Führer war, bei dem sie in schwierigen Momenten Rat und Trost holten und den sie in den schwierigsten zu Hilfe riefen. Sie befragten ihn durch eine Deputation. Der Fürstbischof[9] von Montenegro, denn er war jener Mann, gab den Bokelen den Ratschlag, sie sollten eine provisorische Verwaltung des Landes einsetzen, eine Landwehr errichten und die Gerichtsbarkeit in eigene Hände übernehmen. In diesem provisorischen Zustande sollten sie dann leben und abwarten, ob sich Venedig wieder erheben würde oder nicht. Sollte ersteres geschehen, so würden sie ihre Beziehungen zu ihm wieder herstellen können. Wenn aber nicht, so sollten sie die Herrschaft des römischen Kaisers anerkennen, aber nur unter denselben Bedingungen, unter welchen sie Venedigs Schutz genossen hätten.
Die Bokelen folgten diesem Ratschlag. Allein die Stadt Budua machte einen Schritt weiter, indem sie zu ihrem direkten «Beschützer und Richter, den Peter Petrovic, den ruhmvollen Erzbischof und Metropoliten von Montenegro,» wählte.[10]
Aber im Sommer desselben Jahres nahmen die Oesterreicher allmählich ganz Dalmatien ein. In der zweiten Hälfte des August erschien der österreichische General Baron Rukavina mit der Flotte in der Bucht di Cattaro. Umsonst warteten die Bokelen auf baldige Wiedererhebung ihrer Protektorin von der anderen Küste des Adriatischen Meeres. Die Republik Venedig war für immer vernichtet. Wie hätte dann die Bocca stand halten können vor der überwältigenden Macht des Feindes? Die Bokelen ergaben sich. Hätte der Vladika es gewollt, so hätten sie mit Begeisterung gegen die Oesterreicher gekämpft. Da der Vladika aber auf anderen Seiten gegen die Feinde seines Landes zu kämpfen hatte, und da er auch mit dem österreichischen Kaiser auf gutem Fusse lebte, blieb den Bokelen nichts übrig, als sich zu ergeben.
Das bisher Gesagte gehört eigentlich nicht unmittelbar zu den Ereignissen, die wir zu beschreiben unternommen haben; es musste aber in Erinnerung gerufen werden, um zu zeigen, dass wir hier mit einem Volke zu tun haben, das sich als ein Ganzes für sich und doch als ein Teil einer grösseren Volksfamilie fühlte, das seine Vergangenheit hatte, welches von ständigem Bestreben seiner Vorahnen nach Freiheit erfüllt war, mit einem kleinen Volke, das keinem seiner Nachbarn lästig war und das von ihnen nichts weiter verlangte, als freie hohe See und ein freies Obdach auf dem Lande. Denn dieses Volk lebte seit jeher mehr auf dem Wasser wie auf dem Festlande. Seeleute und Fischer waren es, die in ihrem Leben mehr Wasser und Himmel schauten als festes Land. Ein freies Gemüt, eine klare und unbefangene Beurteilung der Dinge und ein ungetrübtes Gerechtigkeitsgefühl war ihnen stets eigen gewesen. Sie entzogen sich nicht dem Kultureinfluss ihrer italienischen Schutzherren. Sie haben wohl nie die Opulenz und den Glanz Ragusas in ihren Städten geschaut, dennoch waren diese reich. Cattaro und Perast machten Konkurrenz manchen grösseren Küstenstädten in Ober-Dalmatien und Italien. Castelnuovo, Budua und Risano waren kleiner an Umfang und Grösse, nicht aber an Reichtum und Unternehmungen. Diese Leute von der Bocca di Cattaro durchreisten schon in ihren Jugendjahren die Welt. Manchmal mit Reichtum, immer aber mit grösserer Erfahrung kehrten sie in ihre Heimat zurück, die sie so liebten und in der sie ihren Lebensabend zu verbringen wünschten. Nichts Abscheulicheres gab es für sie, als Unterjochung eines Volkes, Tyrannei und Unterdrückung. Die Freiheit war für sie ebenso notwendig für das Leben wie das Meer und die Luft. Diese vornehme Eigenart ihres Temperaments zeigten die Bokelen während ihrer ganzen Geschichte. Unterjocht waren sie nie, wohl aber nahmen sie den Schutz bald dieser, bald jener Macht in Anspruch. Dadurch wurde ihre Freiheit nicht nur nicht eingeschränkt, sondern oft sogar vergrössert und besser gesichert vor der Gier der nächsten Nachbarn.
Durch den Vertrag von Campo Formio wie auch durch denjenigen von Pressburg fühlten sich die Bokelen schwer verletzt, weil man über sie ohne ihre Zustimmung verfügte. Sie hatten früher mit Venedig verhandelt, bevor sie unter seine Obhut traten. Solche direkte Verhandlungen mit Oesterreich oder mit Frankreich war ihnen untersagt. Das verletzte ihren Stolz, der eine mächtige Rolle spielte in ihrem politischen und sozialen Leben. Das war der hauptsächliche Grund ihres Unwillens, ihrer Aufregung gegen die Bestimmungen der Grossmächte. Der andere Grund dafür lag in der Furcht vor der Einschränkung ihrer Freiheit im Handel und in der Politik.
Die Stimmung in der Bocca nach dem Pressburger Frieden war noch erregter als nach dem von Campo Formio, einmal weil Europa zu wiederholten Malen über das Land willkürlich verfügte, und sodann, weil das Gerücht verbreitet wurde, dass die Franzosen, die angehenden Herren des Landes, die Bocca ihres freien Handels und Betriebes berauben wollten. Als der österreichische Kreiskapitän in der Bocca, Baron Kavalkabo, den Bokelen verkündigte, dass alle Städte des Landes bis zum 10. Februar an die Franzosen übergeben werden müssten, wurden sie so betrübt und erzürnt, dass sie alle wie ein Mann sich bereit erklärten, ihr Land vor den neuen Weltavanturisten bis in den Tod zu verteidigen.[11] Sie sahen sich nach zwei Seiten um Hilfe um. Die erste Hilfe war natürlich in Montenegro zu suchen. Eine andere Hilfe hofften sie von den Russen zu bekommen. Nicht aber von den Russen in Russland, sondern von der russischen Flotte, die sich zurzeit bei Korfu befand und die zur Aufgabe hatte, die Ionische Republik vor den Franzosen zu schirmen. Diese Flotte befehligte der Vize-Admiral Senjavin. Nach der Schlacht bei Trafalgar, wo die französische Flotte vernichtet wurde, waren Russen und Engländer auf dem Wasser ganz unzweifelhaft die Herren. Napoleon hatte so gut wie keine Flotte mehr. Darum musste er trachten, das Litorale überall gut gegen die Angriffe vom Wasser her zu befestigen. Daher ist es auch klar, warum er so dringend die Hafensperre für die russische und englische Flotte von Oesterreich forderte. Wenn diese Flotte den Zugang zu keinem Hafen mehr in der Adria hätte, dachte Napoleon, so müsste sie sich von selbst zurückziehen. Höchstens könnte sich diese Flotte noch bei Korfu aufhalten. Darum plante er eben die ganze Meeresküste bis nach und mit Albanien in Besitz zu nehmen, dann von Albanien aus Korfu anzugreifen und die vereinigte Flotte zu vertreiben.
Es gab viele Bokelen, die früher im russischen Marinedienst gestanden hatten und auch viele andere, die in der grossen Politik der Zeit Bescheid wussten. Die einen wie die anderen konnten gut erwägen, was für ein Schlag es für die russische Flotte wäre, wenn ihr der Zugang in die Bucht von Cattaro abgeschnitten wäre.
In Cetinje weilte damals der russische Agent Sankorski, auf dessen Mission in Montenegro wir noch einmal zu sprechen kommen werden. Zum Vladika und zu dem russischen Agenten sandten die Bokelen eine Deputation. Diese erklärte, die Bokelen seien entschlossen, die Bocca bis zum letzten Blutstropfen zu verteidigen, falls ihnen die Montenegriner und die russische Eskader zu Hilfe kommen würden.[12] Sankorski seinerseits sprach den Bokelen die russische Hilfe sofort zu, und eben in diesem Sinne schrieb er an Senjavin. Der Vladika war natürlich noch mehr bereit, seinen treuen Bokelen zu Hilfe zu eilen als die Russen selbst. Er berief nach Cetinje alle Volkshäupter Montenegros und hielt mit ihnen eine Beratung, deren Schluss eine einstimmige Erklärung war, dass die Montenegriner nicht nur gegen die Franzosen um die Bocca zu kämpfen bereit seien, sondern dass sie die Oesterreicher, bevor das Land von jenen okkupiert wäre, aus der Bocca vertreiben wollten. Bereits am nächsten Tage, dem 28. Februar, stand der Vladika vor Castelnuovo und belagerte die Stadt. An demselben Tage langte auch die russische Eskader unter dem Kommando von Kapitän Belli an. Nach fünftägiger Belagerung forderten der Vladika und Belli von dem österreichischen Kommandanten die Kapitulation der Stadt und die Uebergabe der Schlüssel von allen bokelischen Städten. Es wurde ihm gesagt, er verteidige ein fremdes Land, denn die Frist der Uebergabe der Bocca an die Franzosen war bereits schon am 10. Februar abgelaufen. Markis Ghiselieri war schliesslich mit den russisch-montenegrinischen Forderungen einverstanden. Er trat den Bokelen ihr Land mit acht grösseren und kleineren Städten ab. Die österreichische Besatzung wurde überall ersetzt durch das einheimische Heer.[13]
Somit erhielten die Bokelen ihr Land ganz und frei ohne viele Mühen und Kämpfe zurück. Sonst wurde aber die Frage der Bocca di Cattaro viel verwickelter und für den europäischen Frieden von drohenderer Gefahr als je.
3. Peter I. und seine Beziehungen zu den Grossmächten.
Um zu erklären, warum der Vladika Peter in dieser Zeit ohne weiteres für den Kampf gegen die Franzosen energisch eintrat, muss man seine Beziehungen zu den Grossmächten kennen lernen. Peter Petrovic Njegosch übernahm die Staatsverwaltung nach dem Tode seines Vetters, des Vladika Javva 1782. Es war damals eine ungemein schwierige Zeit für Montenegro. Die Gefahr drohte von dem Ikadarsee her, von dem Vezir von Ikadar Mahmut-pascha Buschatlia..[14] Dieser war dem Sultan abtrünnig geworden und herrschte in der Ikadarprovinz nach eigener Willkür. Als ein Schreckbild und eine höllische Geissel wurde er von allen Nachbarn angesehen und gefürchtet. Die montenegrinische Grenze war nie ruhig und sicher vor seinen Banden.
Vladika Peter, angesichts der vom Pascha von Ikadar drohenden Gefahr, entschloss sich in Russland Hilfe zu suchen. Er hoffte viel für sein Land von Ekaterina II. Auf Befehl aber des launischen Fürsten Potemkin wurde er von Petersburg binnen 24 Stunden ausgewiesen, ohne die Kaiserin gesehen zu haben.
Als im Jahre 1788 Russland und Oesterreich mit der Türkei in Krieg gerieten, sandten beide Höfe, Petersburg und Wien, ihre Boten nach Montenegro, um den Vladika für den Krieg gegen den gemeinsamen Feind zu gewinnen. Joseph II. schrieb an den Vladika, dass er die Absicht habe, die unterjochten Christen zu befreien und sie zu Teilnehmern jener Vorteile zu machen, die seine Untertanen genössen; er bat den Vladika, an dem Krieg teilzunehmen[15]. Ekaterina sandte den General-Lieutnant Tutolmin zum Vladika, «damit er Euch,» wie sie schrieb,[16] «Unserer kaiserlichen Gnade und Unseres Wohlwollens versichert, und wenn der Glaube, den die Ungläubigen schänden, wenn die Freiheit, die sie bedrohen und unterdrücken ... Euch bewegen, mit uns an dem Krieg teilzunehmen gegen christliche Feinde, dann wird er (Tutolmin) mit Euch verabreden, was die Bewaffnung eines Heeres betrifft; Ihr sollt ihm Euer Vertrauen schenken und auch überzeugt sein, dass Wir Euch nie vergessen, sondern stets Sorge tragen werden um Eure Sicherheit.»
Vladika Peter mit seinem Volk erklärte sich bereit, dem Rufe zweier Höfe zu folgen. Er tat alles mögliche, um dem österreichischen General Vukasovic bei seinen Operationen gegen die Türken von Montenegro aus beizustehen. Mit seinen Truppen und mit allen Mitteln, die ihm zur Verfügung standen, unterstützte er die österreichische Armee. Für diesen Dienst gewann er aber weder während des Krieges noch nach dem Frieden in Jasch irgendwelchen Vorteil für sein Land, ausgenommen eine Masse von Kriegsmaterial, das ihm die Oesterreicher hinterliessen, und das er gut in späteren Kämpfen gegen die Türken brauchen konnte. Viel mehr Nachteile musste er erleiden. Er zog sich nämlich den Groll der Türken zu, die nun nach Rache gegen Montenegro trachteten, da es von Russen und Oesterreichern nach dem abgeschlossenen Frieden verlassen ward. Nach vierjährigen Kämpfen kam es schliesslich zu einer gewaltigen Schlacht zwischen Montenegrinern und Mahmut-pascha im Dorfe Krusse (1796), wo die Montenegriner den glänzendsten Sieg in ihrer ganzen Geschichte davontrugen. Es stritten 6000 Montenegriner gegen 30,000 Türken. Von diesen fielen in der Schlacht 3000, unter ihnen der Pascha selbst, dessen Kopf immer noch in Cetinje als Siegestrophäe aufbewahrt wird.
Seitdem liessen die Türken Montenegro in Ruhe. Selim III. erkannte selbst die Unabhängigkeit Montenegros an und bezeugte in seinem Schreiben: «Montenegro war nie unserer Hohen Pforte untertan.»[17]
Nach dieser berühmten Schlacht begann die militärische Tüchtigkeit und der Mut der Montenegriner auch die Aufmerksamkeit der Machthaber Europas auf sich zu ziehen. Die russische Diplomatie, die nach dem Frieden zu Jasch Montenegro vollständig sich selbst überlassen hatte—trotz der oben erwähnten Versicherung Ekatarinas—brachte jetzt alle Huldigungen den Montenegrinern und ihrem Vladika dar. So erliess der Zar Paul im Jahre 1798 ein Schreiben[18] an den Vladika, in dem er diesen und sein Volk seiner kaiserlichen Gunst versicherte. Derselbe Kaiser versprach dem Vladika in einem andern Schreiben[19] vom 23. Januar 1799, eine jährliche Subvention von 1000 Dukaten. «Wir haben», sagt Paul, «gnädigst befohlen, dass man Euch aus Unserer Kasse vom 1. Januar 1799 an, am Schlusse jedes Jahres, je 1000 Dukaten aushändigt, indem wir voraussetzen, dass das Geld zum gemeinsamen nationalen Nutzen gebraucht werden wird.» Dieses wurde auch von dem Kaiser Alexander I. bestätigt, kurz darauf aber suspendiert, da im Herbst 1803 der Vladika Peter bei dem Kaiser verleumdet wurde, dass er angeblich seine bischöfliche Pflicht ganz vernachlässigt habe und nun im Verein mit seinem Sekretär, dem katholischen Abbat Dolci (der ein dalmatinischer Serbe war), danach trachte, Montenegro an die Franzosen um 25,000 Dukaten auszuliefern. Alexander sandte sofort seinen Agenten nach Cetinje mit einem Schreiben[20] vom 7. November 1803, in dem es heisst: «Wir sind beunruhigt durch die glaubwürdige Nachricht, die zu Uns gekommen ist und Uns bezeugt hat, dass die herrschsüchtigen Fremden—die leider mitten in Montenegro die Unterstützung von manchen Leuten finden, die sich mit ruchlosen Absichten tragen—das montenegrinische Volk und seine Unabhängigkeit mit Vernichtung bedrohen ... Durch den Wunsch bewogen, diese Gefahr abzuwenden, haben wir nach Montenegro unsern Kommissär, den General-Lieutnant Graf Svelic mit dem Auftrag gesandt, die Montenegriner und Bergleute unseres unaufhörlichen Wohlwollens gegen sie zu versichern, die ihnen drohende Gefahr zu zeigen und den geeigneten Weg zu ihrem Nutzen und Ruhm zu weisen.»
Der russische heilige Synod glaubte in diese Angelegenheit selbst eingreifen zu müssen. Er erliess an den Vladika Peter ein unerhört vermessenes Schreiben,[21] in dem er dem Vladika Vorwürfe machte, die Gnade und den Grossmut der russischen Zaren und des Synods selbst vergessen, die vom Synod an Montenegro geschenkten Kirchengeräte und -gewänder veräussert, Klöster und Kirchen, Gottesdienst und Kirchenzeremonien vernachlässigt zu haben. «Darum ladet Euch der heilige Synod», heisst es dann, «durch diesen Brief vor sein Gericht, damit Ihr Euch rechtfertiget, wenn Ihr Euch unschuldig wisset, oder andernfalls Euch durch Busse reiniget. Falls Ihr diesen Befehl nicht befolget, wird der heilige Synod Euern Ungehorsam als Beweis Eurer Absichten gegen die Religion, gegen das Gesetz und gegen Euer Vaterland und als ein Zeichen Eurer Zuneigung zu dem feindlichen Volke ansehen. Und darum wird sich der heilige Synod gezwungen sehen, Euch als unwürdigen Sohn der heiligen Kirche und als Verräter Eures Vaterlandes zu betrachten, Euch Eures Amtes zu entheben und aus der Kirche zu exkommunizieren.»
Die montenegrinischen Volksgubernatoren entsandten eine in der Tat vornehme und ritterliche Antwort dem Kaiser wie auch dem Synod. Diese Briefe sind von unschätzbarem Wert, da sie am besten illustrieren, wie das montenegrinische Volk seine Beziehungen zu dem russischen Volke und zu der russischen Kirche auffasste. Wir gestatten uns hier nur folgenden Auszug aus der Antwort an den heiligen Synod. Nachdem der Synod an alle Misshelligkeiten und Misszustände in seiner eigenen Kirche erinnert worden ist, und nach einem köstlich sarkastischen Vergleich der russischen Bischöfe, die in «vergoldeten Wagen im Luxus und Prunk fahren», mit dem montenegrinischen Bischof, der «zu Fuss und im Schweisse seines Angesichtes die steilen Berge erklimmen muss, um das Volk zu trösten und zu belehren», wird folgendermassen fortgefahren: «Bis jetzt haben wir nicht gehört, dass der russische Synod ein Richterrecht hat über das xaveno-serbische Volk, das ausserhalb der russischen Grenzen lebt. Darum hat er auch kein Recht über uns. Denn wir, das Volk in Montenegro und den Bergen, sind nicht Untertanen des russischen Reiches, sondern wir stehen bloss in seinem moralischen Schutz, und zwar dieses nicht aus einem anderen Grunde, sondern nur aus Gleichheit des Glaubens und des Volksstammes. Sollte Russland uns von sich zurückstossen, was wir nicht hoffen, werden wir doch Russland treu bleiben, solange der orthodoxe Glaube dort herrschen würde, aber immer nur unter der Bedingung, dass wir nie und nimmer Russland Untertan sein sollen wie die anderen Völker seines Reiches. Wir sind bereit, unsere von unseren Vorahnen mühsam erhaltene Freiheit bis zum Tode zu verteidigen und lieber mit dem Schwert in der Hand zu sterben, als uns in schändliche Sklaverei irgend einer Macht der Welt zu begeben.» Und dann heisst es weiter: «Bis heute hat niemand unseren Bischof vor das Gericht des russischen Synods zu stellen vermocht. Dies werden wir auch jetzt nicht dulden. Hätte er in irgend etwas gefehlt—wie er bei Euch ungerechterweise verleumdet wurde—, so könnten wir selbst ihn richten, und zwar nicht als den Bischof, sondern als den einfachsten Bürger unter uns.»
Der inquisitorische Synod wagte nach dieser Antwort keine weiteren Schritte, obwohl er durch seinen Boten dem Vladika mündlich drohte, ihn nach Sibirien zu vertreiben.[22]
Der Kaiser war taktvoller und überlegener. Er befahl (nachdem er den Brief von dem Vladika erhalten hatte) seinem Konsul in Cattaro, Masurevski mit Namen, nach Cetinje zu gehen und den Vladika zu beruhigen.[23]
In der Tat hegte der Vladika zu dieser Zeit gewisse Hoffnung auf den ersten Konsul. Bonaparte war ganz gut unterrichtet von der militärischen Macht Montenegros. Im Jahre 1803 entsandte Bonaparte einen Offizier, Félix de Laprade, nach Montenegro, um mit dem Vladika ein Bündnis zu Werke zu bringen. Zu derselben Zeit waren die französischen Agenten, Berthier und Pouqueville, die im Auftrag Bonapartes mit Peter I. gewisse Verhandlungen anstellten, in Ragusa. Der lebendige Wunsch der Montenegriner, mit den Bokelen ein Staatswesen zu bilden, war Bonaparte bekannt. Diesen Wunsch legte er darum seinen Verhandlungen zugrunde. Er versprach, die Bocca Montenegro zu überlassen, und übertrug dem Vladika alle Ehren. Bonaparte beabsichtigte, mit Oesterreich und mit der Türkei nacheinander zu kämpfen. Im einen wie im anderen Falle konnten die Montenegriner ihm von unermesslichem Nutzen sein, sei es mit bewaffneter Macht, sei es mit dem Einfluss des Vladika in der Bocca wie in der Herzegovina.[24]
Die Unterhandlungen stockten. Der Vladika sandte einen Deputierten zu Bonaparte. Talleyrand empfing denselben freundlich, gab ihm aber keine entschiedene und klare Antwort, wie Peter erwartet hatte. Warum Bonaparte die Sache in die Länge zog, ist nicht sicher. Es war ein Moment der Spannung zwischen Montenegro und Russland. Er hatte die beste Gelegenheit, diesen Moment auszunützen. Das hatte er angefangen, aber nicht bis zum Ende durchgeführt. Sei dem wie es wolle, sicher aber ist, dass der Vladika, dem sich Bonaparte verschloss, von nun an die Franzosen als Feinde ansah und schon mit der Möglichkeit eines Zusammenstosses mit denselben in der Bocca rechnete.[25]
Auch zu Oesterreich hatte Vladika Peter keine klaren und ungetrübten Beziehungen. Seitdem er mit Mahmut-pascha fertig war, und seitdem Oesterreich die Bocca okkupiert hatte, gab es oft Grenzkonflikte zwischen Montenegrinern und Oesterreichern. Denn nachdem der Vladika sein Land vor den Türken gesichert hatte, richtete er sein Augenmerk ausschliesslich auf die Bocca. Die Bocca zu befreien und mit Montenegro zu vereinigen, war sein einziges Streben. Nur angesichts dieses Ideals ist verständlich, warum er Beziehungen mit Bonaparte mit Eifer unterhielt und warum er es zu Grenzkonflikten mit den Oesterreichern kommen liess. Den österreichischen Verwalter Dalmatiens, Bardy, kostete es viel Geschick und Mühe, den Ausbruch eines Krieges mit Montenegro zu verhindern oder zu verschieben.
So war am Anfang des Jahres 1805 für Russland immer noch die Möglichkeit gegeben, seine Beziehungen zu Montenegro wieder herzustellen. Alexander liess auch diesen Augenblick nicht unbenutzt. Bald nach der Versöhnungsmission Masurevskis nach Cetinje traf in der Hauptstadt Montenegros im März 1805 ein Gesandter aus Petersburg ein, der Staatsrat Stephan Sankovski, dessen Namen wir bereits erwähnt haben. Alexander eröffnete den Plan, Napoleon zu bekriegen und «Europa zu befreien». Er sandte Sankovski nach Cetinje, um Montenegro für die eventuelle Aktion für sich zu gewinnen.[26] Sankovskis besondere Mission bestand natürlich darin, den Vladika günstig gegen Russland zu stimmen. Sankovski brachte 3000 Dukaten mit sich, eine Summe, welche seit 1802 an Montenegro nicht bezahlt worden war.[27] In einem Schreiben, das Alexander an das Volk in Montenegro richtete, hiess es: «Immer bereit, euch Unsere Gunst zu bezeugen, haben Wir eurem Wunsche in bezug auf den Metropoliten gerne Folge geleistet, indem Wir demselben Bischof Unser kaiserliches Wohlwollen wieder geschenkt haben. Wir sind im übrigen überzeugt, dass Wir weder wegen seines Betragens noch dessen aller uns lieben Mitglieder des montenegrinischen Staatsrates nicht nur nicht irgend einen Anlass zum Verdacht oder zur Unzufriedenheit finden, sondern im Gegenteil, dass Wir immer in ihnen würdige Nachfolger jener Montenegriner erkennen werden, die Unseren Vorgängern die Beweise unverbrüchlicher Anhänglichkeit und Ergebenheit dem russischen Reich gegeben haben.»[28]
Die Mission Sankovskis war eine lange und schwierige, denn die Verstimmung des Vladika gegen Russland war gross. Seine Mission wurde aber erleichtert durch die Entwicklung der Ereignisse. Als die bokelische Deputation nach Cetinje kam, um um Hilfe zu bitten, war Sankovski seinem Ziele nahe. Der Vladika liebte die Bocca und die Bokelen und wollte ihnen nach besten Kräften helfen. Franzosen und Oesterreicher waren seine Feinde, also musste er nolens-volens wieder den Russen sich anschliessen.
II.
Die Kämpfe bis zu Oubrils Vertrag.
4. Ragusas Uebergabe und der Kampf bei Zavtat.
Bald nachdem die Städte der Bocca den Bokelen übergeben worden waren und nachdem Montenegriner und Bokelen mit den Russen im Kloster Savina am 6. März ein grosses Nationalfest veranstaltet hatten, tauchten neue Schwierigkeiten auf. Noch am 7. März verbreitete sich im slavischen Lager bei Castelnuovo das Gerücht von dem Beschluss des ragusanischen Senats, dass Ragusa den Franzosen den Zugang nach der Bocca gestatten und ihnen sogar nötigenfalls seine Schiffe zum Heerestransport von Ston nach Ragusa anerbieten werde. Obwohl man noch keine sichere Nachricht darüber hatte, segelte Kapitän Belli nach Ston, um jeder Eventualität vorzubeugen. Der Vladika entsandte eine Truppe seiner Montenegriner an die Grenze der Republik Ragusa, um dieselbe zu bedrohen und mindestens zur Neutralität zu zwingen. Das Gerücht zeigte sich als unbegründet. Als Admiral Senjavin zum zweiten Male nach der Bocca kam, entsandte Ragusa einen Senator, um ihn zu begrüssen und ihn um den Schutz der Republik zu bitten. Einmal kam Senjavin selbst nach Ragusa. Der Senat hiess ihn willkommen und schloss mit ihm am 18. Mai den Vertrag des folgenden Wortlautes: «Sobald man hört, dass das französische Heer den Boden der Republik betreten hätte, wird die Stadt Ragusa die russische Garnison aufnehmen, und der Senat die Bürger bewaffnen, damit sie gemeinsam mit dem russischen Heer gegen die Franzosen kämpfen.» Somit glaubte man, die Sache sei endgültig erledigt. Es war aber nicht so. In den Verhandlungen mit Senjavin waren drei Mitglieder des Senats gegen einen solchen Vertrag mit dem russischen Admiral. Sie dachten, die französische Landesmacht in Dalmatien—die sie sich natürlich allzugross vorstellten—könne die Republik besser in Schutz nehmen als die russische Flotte mit der kleinen Zahl der Bokelen und Montenegriner. In nachträglichen Beratungen darüber erklärten auch die übrigen Mitglieder des Senats sich mit den drei Opponenten einverstanden. Sie hielten es also für besser, die Franzosen statt der Russen aufzunehmen. Und so geschah es.
Am 13. Mai fuhr Senjavin nach Triest. Und am folgenden Tage schon überschritt der französische General Lauriston die türkische Grenze; am 15. war er in Ragusa, das er einnahm. Niemand leistete ihm Widerstand. Er kam mit 3000 Soldaten. Nun tat er etwas, was die Ragusaner nicht träumen konnten. Am 16. Mai erliess er eine Proklamation im Namen Napoleons, in welcher es hiess, dass die Unabhängigkeit der Republik aufgehoben sei, und dass ihr dieselbe so lange nicht wiedererstattet werden solle, bis das russische Heer die Bocca und die adriatischen Inseln räumen und die russische Flotte aus der Adria sich entfernen würde. Ragusa musste also seine Freiheit einbüssen wegen der russischen Uebermacht über die Franzosen zur See. Es vermochte an der Situation nichts zu ändern, an der Situation, an welcher es am mindesten Schuld trug. Der nun unverbesserliche Fehler des Senats war, dass er den Russen und seinen übrigen slavischen Volksgenossen gegenüber wortbrüchig wurde. Hätte die Republik am ersten mit Senjavin geschlossenen Bündnis festgehalten, so wäre ihre Unabhängigkeit wahrscheinlich noch für einige Jahre aufrechterhalten und ihr Untergang auf so viele Jahre verschoben worden.
Als Vladika Peter von der Uebergabe Ragusas benachrichtigt wurde, eilte er sofort mit Montenegrinern und Bokelen den Franzosen entgegen. Mit den Franzosen waren auch die Ragusaner. Am 2. Juni stiessen die Armeen bei Zavtat zusammen. Der Kampf war nicht von langer Dauer, aber desto grösserer Erbitterung. Die Franzosen wurden mit ihren Verbündeten zurückgedrängt unter nicht unbedeutenden Verlusten. Sie liessen auf dem Kampffelde 250 Tote zurück und flüchteten sich in die Stadt Zavtat, wo sie sich einschlossen. Die Montenegriner und Bokelen hatten neun und die Russen einen Toten.
Die drei folgenden Tage setzte sich der Kampf fort. Der Vladika bekam von den Russen einige Verstärkung. Nach dem ersten Kampf aber verliessen die Franzosen nachts Zavtat und liessen vier Kanonen zurück. Der russische Major Sabjelin besetzte Zavtat. Die Montenegriner und Bokelen verfolgten den Feind auf dem Rückzug. Diesen Rückzug führten die Franzosen in bester Ordnung, aber langsam und mühsam aus, denn auf jedem Schritt mussten sie sich vor kühnen feindlichen Angriffen wehren. Als sie in die Nähe von Ragusa kamen, bemächtigten sie sich des Berges Brgat und fingen an, sich auf demselben zu befestigen.
Dieser Rückzug aber von Zavtat bis nach Brgat kam den Franzosen teuer zu stehen. Sie verloren 300 Mann, unter welchen 8 Offiziere waren. Sehr wichtig war dieser erste Zusammenstoss der verbündeten Slaven mit den Franzosen, wichtig für beide Teile. Die Montenegriner und Bokelen, die so viel von der unbesiegbaren französischen Armee hatten erzählen hören und die nicht so ganz siegesgewiss gegen die Franzosen in den Streit gezogen waren, wurden durch diese ersten Zusammenstösse sehr ermuntert und kampfesfreudig. Sie sahen ein, dass die französische Armee nicht unbesiegbar war. Sie dehnten die Bedeutung ihres Sieges aus und meinten, dieser Sieg sei ein Sieg über Napoleon. Diese Meinung tat der Grösse von Napoleons Ruhm natürlich keinen Abbruch, war aber anderseits geeignet, die Zuversicht ihrer Träger zu verstärken.
Die Franzosen lernten jetzt zum ersten Male Mut und Kriegsführung eines von ihnen so weit entlegenen und bis dahin unbekannten Volkes kennen. Das erste Begegnen mit diesem Volke machte auf sie einen unerwarteten Eindruck. Sie hofften keineswegs bei einem so kleinen Volke so viele Widerstandskraft finden zu können. Sie gingen gegen die Bocca di Cattaro vor mit festem Glauben, dass sie mit einem Schlage alles bis nach Cattaro einnehmen würden. Sie dachten, das ungeübte und ungeschickte Küsten- und Bergvolk könne nicht so gut die Waffen handhaben. Sie hofften diesem Volke sofort Furcht einzuflössen. Sie täuschten sich in allen Stücken. Sie bewunderten zuerst den Kriegsmut und die verwegene Unerschrockenheit dieses einfachen Volkes. Ja, diese Bewunderung steigerte sich fast zur Furcht: Dieses Volk flösste den Franzosen Schrecken ein, erstens einmal durch seinen Mut und dann durch seine unbarmherzige und furchtbare Behandlung der Kriegsgefangenen. Gewöhnlich erkannten die Montenegriner keine Kriegsgefangenen an und liessen feindliche Krieger, die in ihre Hände fielen, wie in den früheren Kämpfen gegen die Türken—enthaupten. Dieses Verfahren war abscheulich in den Augen der feinfühlenden Franzosen. Abscheulich war es in der Tat.
General Lauriston musste also von nun an die Sache viel ernster nehmen. Ein ungefähres Bild von bevorstehenden harten Kämpfen vermochte er schon nach dieser ersten bösen Erfahrung zu entwerfen.
5. Der Kampf auf dem Berg Brgat.
Mit fieberhafter Eile befestigte nun General Lauriston sein Lager auf dem steilen und uneinnehmbaren Berge Brgat. Dieser Gipfel beherrschte vollständig Ragusa nebst der ganzen Umgebung, wie auch den Hafen Gravosa. Von keiner Seite konnte das französische Heer überrascht werden. Die Linie vom Meer bis zur türkischen Grenze hatten die Franzosen besetzt. Diese Linie war sehr gut. Weil sie kurz war, konnte sie desto besser und stärker befestigt werden. Der rechte Flügel der Armee erstreckte sich bis zum Meer und der linke bis zur herzegovinischen Grenze, welche von der verbündeten Armee nicht überschritten werden durfte. Von hinten konnten die Franzosen keineswegs angegriffen werden; ebenso nicht von rechts und links. Und vor ihnen befanden sich steile und unzugängliche Abhänge. Günstigere Lage konnte man sich nicht denken.
Während dieser ganzen Zeit weilte Admiral Senjavin mit der Flotte in Triest. Erst nach dem Kampf von Zavtat erhielt er die Kunde, dass die Franzosen ihm zuvorgekommen seien und Ragusa bereits eingenommen hätten. Rasch kehrte er nach Cattaro zurück, von dort zog er dann weiter und traf am 12. Juni vor Ragusa ein.
Sofort suchte Senjavin den Vladika auf, um sich über den Stand der Dinge zu erkundigen. Die Montenegriner hatten sich nämlich nicht von den Franzosen abgekehrt; sie nahmen vielmehr Aufstellung am südöstlichen Fusse des Brgat, wohin sich der Feind zurückgezogen hatte. Mit ihnen waren auch die Russen, etwa 1200 Mann, unter dem Major Sabjelin. Die Zahl der Montenegriner samt den Bokelen belief sich auf 3500 Mann. Vladika Peter war der Meinung, man müsse den Feind so schnell wie möglich angreifen, bevor er seine Befestigung beendet und Verstärkung aus dem Norden erhalten hätte. Der Admiral war damit einverstanden. Der Angriff sollte schon am nächsten Tage ausgeführt werden. Den Oberbefehl über das reguläre russische Heer übernahm Fürst Vjasemski, der gerade von Korfu gekommen war.
Am 17. Juni in aller Frühe entsandte der Vladika eine Abteilung Montenegriner, damit sie sich, wenn möglich, wenigstens des vordersten französischen Postens bemächtige. Der Feind war nämlich in vier Gefechtsabteilungen gegliedert. Die Montenegriner stürzten leidenschaftlich auf den ersten Posten los, zersprengten ihn und drangen sofort gegen den zweiten vor. Die Franzosen wollten sie offenbar etwas mehr in ihre unmittelbare Nähe locken. Vladika und Vjasemski sahen ein, dass die Lage dieser tapferen Abteilung jetzt sehr gefährlich, fast verzweifelt war. Sie sandten derselben einen Trupp Jäger zu Hilfe. Diese gerieten aber bald in dieselbe gefährliche Lage. Ein türkischer Offizier benachrichtigte den Vladika von dem Nahen einer Verstärkung für die Franzosen. Die Verbündeten sahen, dass sie keine Stunde mehr säumen dürften. Blitzartig bestieg Vladika den eroberten Posten. Die vorgerückten Montenegriner sahen ihren Vladika ihnen zu Hilfe kommen und fassten neuen Mut.[29] Der linke Flügel wurde angegriffen. Lauriston erwartete keineswegs den Angriff von dieser Seite. Er rückte seine Truppen nach links. Französische Batterien feuerten unaufhörlich. Nur ein Schritt zurück hätte für die Slaven Vernichtung bedeutet. Sie mussten also vorwärtsklettern. An einen Rückzug konnte man nicht im geringsten denken. Die Situation war also für die Slaven äusserst schwierig. Inzwischen aber erschien das übrige russische reguläre Heer auf dem Berg. Ein donnerndes «Hurra» erscholl hinter den Montenegrinern und Bokelen. Die Franzosen waren überrascht und erstaunt, doch nicht verworren. In guter Ordnung kämpften sie immer noch tapfer. Mit Schrecken aber sahen sie, wie das unreguläre Heer tollkühn ihrer Festung nahte. Es dauerte nicht lange, und sie erblickten es in unmittelbarer Nähe ihrer Schanze. Nur einen Augenblick zögerten die Montenegriner, bis sich das ganze verbündete Heer gesammelt hatte; dann aber wurde mit einem Schlag die französische Redoute, die mit 10 Kanonen bewaffnet war, erstürmt.[30] Die Franzosen zogen sich zurück und liessen ihre drei Positionen im Stich. Es blieb ihnen nur noch eine vierte am Fusse des Berges, gerade oberhalb von Ragusa. Unterdessen vereinigte sich mit ihnen die gerade angekommene Verstärkungstruppe. Daher fassten sie allen Mut zusammen und griffen die Slaven an, wurden aber wieder bis zu ihrer vierten Position zurückgeschlagen, wo sie haltmachten, doch ohne jede Hoffnung verloren zu haben. Nicht mehr als eine Viertelstunde vermochten sie von da aus Widerstand zu leisten. Die vierte Position wurde erstürmt, die Franzosen auseinandergetrieben. Ungeordnet und verwirrt flohen sie der Stadt zu. Viele Montenegriner kamen ihnen zuvor und legten sich an der Strasse in den Hinterhalt, um ihnen den Einzug in die Stadt zu verwehren. Unter zahlreichen Verlusten bemächtigten sich die Franzosen dennoch gegen 7 Uhr abends Ragusas.
Es herrschte eine unerträgliche Hitze an jenem Tage, was in dieser Gegend nicht selten ist. Gleichwohl dauerte der Kampf unaufhörlich vom Morgen bis zum Abend fort. Die französischen Verluste waren gross. 800 Tote und Verwundete hatten sie (die Ragusaner mitgerechnet), unter welchen 18 Offiziere sich befanden; zu diesen zählte auch General Delgogne. 90 wurden gefangen genommen. Die Russen verloren 16 Gemeine und einen Offizier, zudem zählten sie 33 Verwundete. Die Montenegriner und Bokelen büssten etwa 120 Mann ein.
So endete dieser blutige Kampf vom 17. Juni, dessen furchtbares Ende Lauriston an dem Vorabend nicht vermuten konnte: Er und seine ganze Armee war von allen Seiten eingeschlossen. Diese Belagerung soll uns im Folgenden beschäftigen.
6. Belagerung Ragusas.
Am zweiten Tage nach dem Kampfe bei Brgat belagerten die Slaven Ragusa vom Lande her. Die kleine Insel vor der Stadt, Locrum benannt, hielten die Franzosen noch besetzt. Senjavin versuchte, ihnen diesen Stützpunkt zu entreissen, was ihm nicht gelang. Major Sabjelin nahm diejenigen Franzosen gefangen, die er noch ausserhalb der Stadt fand, sei es in Gravosa oder in den umliegenden Häusern und Schluchten. Nun wollte man nicht stehen bleiben, sondern dachte an weitere Schritte. Die erste Sorge war, wie man die Franzosen zur Uebergabe zwingen könnte. Vergeblich hat man Lauriston zur Kapitulation aufgefordert. Auf das energischste hat er es abgeschlagen. Er erwartete Hilfe aus Dalmatien. Etwas Proviant für das Heer besass er, jedoch nicht genug. Lange hätte er schon dort sich halten können, wäre die Zufuhr der Lebensmittel aus der Herzegovina nicht von den Montenegrinern abgeschnitten worden. Alle Wege nach und aus der Stadt wurden gesperrt und das Wasser abgeschnitten.
Darauf stellten die Russen ihre zwei Batterien auf der Höhe über der Stadt auf und fingen an, dieselbe zu bombardieren. Die Häuser Ragusas waren aus festem Material gleich den Ritterburgen gebaut. Auch eine hohe und dicke Mauer umgab die Stadt. Doch die Kanonenkugeln richteten bedeutende Schäden an. Tag und Nacht waren diese Batterien tätig. Lauriston sandte oft kleinere Abteilungen, damit sie die bokelischen Freiwilligen vertrieben, die sich in den Ruinen um die Stadt verborgen hielten und häufig auf dieselbe Angriffe versuchten.
Die eigentliche Stadt war von Menschen überfüllt. Einmal weil neben den Stadtbewohnern die starke französische Garnison darin weilte, und dann, weil das Volk aus der Umgebung noch vor der Belagerung dort Zuflucht gesucht hatte. Von Anfang an musste man deshalb mit allen Nöten kämpfen, wie Hunger, Durst und Krankheiten. Der schreckliche Zustand verschlimmerte sich von Tag zu Tag. Senjavin war dies sehr wohl bekannt. Ihn und Vladika dauerte es besonders, dass die unschuldige Bevölkerung aus der Umgebung so furchtbar leiden musste. Darum versuchte Senjavin wiederholterweise Lauriston zur Kapitulation zu bewegen, aber jedesmal erfolglos.[31] Der französische General machte zweimal Versuche, um die Stadt von der Belagerung zu befreien. Am 28. Juni griffen seine Soldaten um Mitternacht den russischen rechten Flügel an, wurden aber zurückgeschlagen und liessen 10 Tote und 23 Verwundete auf dem Felde. Und am 3. Juli wurden zum zweiten Male 400 Franzosen nach der Vorstadt Pilae ausgesandt, um das verbündete Heer zu beunruhigen. Eine Abteilung Montenegriner erhielt daher den Befehl, diejenigen Häuser in der Vorstadt anzuzünden, von wo aus die Franzosen ihre Angriffe machten. Der Befehl wurde ausgeführt. Es kam zu einem heftigen Scharmützel, in welchem 100 Franzosen umkamen. (Russen und Montenegriner verloren 11 Mann.) Die übrigen flüchteten sich in die Stadt und wagten nicht mehr herauszukommen, solange die Belagerung dauerte.
Senjavin hatte schon seit Wochen den Befehl aus Petersburg erhalten, die Bocca den Oesterreichern zu übergeben, damit sie dieselbe an die Franzosen ausliefern könnten. Diesen Bescheid hielt er lange geheim. Es ging aber ein leises Gerücht durch die Armee, dass der Admiral einen solchen Befehl in der Tasche trüge. Senjavin liess jenes Gerede nicht unterdrücken oder dementieren, vielmehr schien es, dass er die Verbreitung desselben begünstigte, bis er schliesslich selber die Sache der Armee kund tat. Auf diese Nachricht wurden die Bokelen und Montenegriner bis zum Tode betrübt und entmutigt. Sie konnten gar nicht fassen, dass es des Zaren Wille sei, sie, die so mutig und aufopfernd gegen den gemeinsamen Feind gekämpft hatten, an diesen ausgeliefert werden sollten. Viele verliessen den Kampfplatz sofort und kehrten heim.
Die Belagerung dauerte bis am 6. Juli. An diesem Tage hatten die Slaven noch einen Zusammenstoss mit den Franzosen. Früh am Morgen kam die Nachricht ins russische Lager, dass 500 Mann Ersatztruppen für die Franzosen von Ston heranrücke. Der Vladika sandte zu der Mündung des Flusses Ombla eine Abteilung Montenegriner, den nahenden Feind zu empfangen. Kaum waren die Montenegriner dort angelangt, als ein neues Heer auf den türkischen Hügeln erschien. Das war General Molitor mit 3000 Mann. Ueber Ston hatte er jene 500 Leute ausgesandt, damit er die Aufmerksamkeit der Slaven dorthin lenke, sie dann von hinten überrasche und zwischen die beiden Feuer treibe. Als diese Armee zum Vorschein kam, eilten die Montenegriner und Bokelen ihr entgegen. Sobald die Armee die Grenze überschritt, fielen sie über sie her und zwangen sie, haltzumachen. General Molitor war erstaunt wegen dieses kühnen Streiches eines so kleinen irregulären Heeres. Es kam zu einem heftigen aber kurzen Zusammenstoss. Die Slaven wurden bis Gravosa zurückgedrängt. Molitor vereinigte sich mit der Armee aus der belagerten Stadt. Senjavin wollte sich nicht in einen weiteren Kampf einlassen, da er keinen Vorteil davon erwarten konnte. Die kriegerische Stimmung seines Heeres und insbesondere der Bokelen hatte nachgelassen. Der Vladika schiffte sich mit einem Teil seiner Leute ein und fuhr mit Senjavin und den Russen nach der Bucht di Cattaro. Ein anderer Teil Montenegriner hielt noch eine Zeitlang den Kampf gegen die Franzosen aufrecht. Sie traten langsam den Rückzug in der Richtung auf Zavtat an und gingen von da aus nach Castelnuovo, um sich mit dem übrigen Heere zu vereinigen.
In Castelnuovo war jetzt das Hauptlager der Bokelen, Russen und Montenegriner. Das Volk aus der Umgebung kam haufenweise, um die Krieger zu begrüssen. In diesem Lager ging es wie bei einer politischen Versammlung zu. Das Volk klagte und jammerte, dass es nach so vielen Opfern doch unterjocht werden solle. Es wurden flammende Reden gehalten gegen Franzosen, Oesterreicher und sogar gegen das offizielle Russland (nicht gegen die Russen überhaupt, denn die Russen, welche mit dem Volke gegen den Feind zusammenkämpften, waren in der Bocca sehr beliebt). Man beschloss, eine Deputation zum Zaren nach Petersburg zu schicken, um ihn zu bitten, die Bocca nicht ihrem Feinde auszuliefern. In der Bittschrift erinnerten sie den Zaren, wie die Franzosen wider das Völkerrecht Ragusa besetzt hätten, obwohl diese Republik unter dem Schutz der ottomanischen Pforte, der damaligen russischen Bundesgenossin, stand.[32] Vier Deputierte wurden gewählt und abgesandt.[33]
In Erwartung von Russlands Antwort konnte dieses Volk keine Waffenruhe halten. Die Montenegriner und Bokelen gingen oft nach Ragusa, um die Franzosen herauszufordern. Auch vom Meere aus fuhren sie heran, richteten allerlei Schaden an und kehrten dann in die Bucht zurück. Diese Bandenzüge beunruhigten fast täglich die französische Armee, dass diese—obwohl die Belagerung schon am 6. Juli aufgehoben war—immer noch nicht wagten, aus der Stadt abzuziehen.
Das war ihrerseits natürlich klug. Denn sie wussten, dass es zwischen Napoleon und Russland abgemachte Sache sei, die Bocca di Cattaro an sie auszuliefern. Warum sollten sie nun umsonst Blut vergiessen.
7. Oubrils Vertrag.
Wir haben schon im ersten Kapitel erwähnt, wie sich die politische Situation der europäischen Grossmächte in einem beständigen Hin-und Herschwanken befand. Napoleon hetzte Oesterreich gegen Russland, dieses stand in Ungewissheit, mit wem es nach der Niederlage von Austerlitz halten sollte; in England war seit dem Tode Pitts (23. Januar 1806) eine Wendung in der äussern Politik eingetreten. Diese war, wenn auch nur für kurze Zeit, von Einfluss auf die Lage des übrigen Abendlandes. Das Ministerium Fox-Grenville kam im britischen Reiche ans Staatsruder. Man erwartete allerwegs, dass Fox, der mächtigste Gegner der kriegerischen Politik Pitts, einen neuen Weg in der äusseren Politik einschlagen werde. Man täuschte sich auch nicht. Fox trieb seinem Charakter gemäss eine friedfertige Politik. Er hegte innige Freundschaft für Frankreich. Ein Briefwechsel zwischen ihm und Talleyrand zeigt dies zur Genüge. Er wollte unverzüglich den Krieg mit Frankreich beilegen.
Man kannte in Petersburg die Gesinnung und die Politik des neuen englischen Ministers. Unter Rücksichtsnahme auf die Tatsache, dass dieser Mann jetzt die Führung Englands, d.h. des russischen Verbündeten, hatte, wie auch auf die Absicht Napolens, Oesterreich von Russland loszumachen, entschloss man sich am kaiserlichen Hofe, eine Annäherung an Frankreich zu versuchen. Weil England denselben Schritt zu tun im Begriffe war, war das schon an sich ein genügender Grund, dass auch die Russen zu Napoleon in freundschaftliche Beziehung treten wollten. Daher sandte Alexander den Staatsrat Oubril, den ehemaligen Geschäftsträger in Paris, nach Frankreich. Oubril hielt auf der Durchreise sich in Wien auf und versicherte dem Hofe und dem Grafen Stadion, dass er Instruktionen bekommen habe, bei dem Abschluss von Verträgen auch Oesterreichs Interessen zu wahren.[34] Man atmete in Wien ein wenig freier auf. Diese Versicherung konnte insbesondere den Grafen Stadion beruhigen, da er durch dieselbe nun gewiss war, dass Oesterreich nicht gezwungen werde, sich auf die Kniee vor Napoleon zu werfen.
Es war klar, dass es für die Verbündeten vorteilhafter sei, gemeinsame Friedensunterhandlungen mit Napoleon zu führen. Dem Betragen des russischen Bevollmächtigten nach aber schien es, als ob Oubril die Instruktionen des Zaren hätte, nötigenfalls auch Separatverhandlungen zu übernehmen. Fox sträubte sich insbesondere gegen solche. Er wusste gut, dass Napoleon nur in dem Falle etwas abzuringen sei, wenn alle Verbündeten gemeinsame Sache machen würden. Nicht weniger war das auch Stadions Standpunkt.
Oubril wurde von Talleyrand mit grosser Zuvorkommenheit behandelt. Er versicherte den russischen Unterhändler, dass ein Friede mit Russland für Napoleon die wünschenswerteste Sache sei, wie auch, dass einem russisch-französischen Abkommen nicht viele Hindernisse im Wege ständen.
Auf das diplomatische Intrigenspiel brauchen wir hier nicht näher einzugehen. Für uns ist nur das Schicksal der Bocca di Cattaro während solch verwickelter diplomatischer Zustände wichtig. Talleyrands Forderungen an Russland gingen darauf hinaus, die Bocca solle den Franzosen geräumt werden. Nur dann könne die Rede sein von einer Räumung des österreichischen Territoriums seitens der Franzosen.
Das Abkommen wurde schliesslich zustande gebracht und am 20. Juli von den beiderseitigen Unterhändlern unterzeichnet. Die Hauptpunkte dieses Abkommens waren: Anerkennung von Napoleons Kaisertitel durch Russland, Räumung des österreichischen Bodens und Uebergabe der Bocca di Cattaro an die Franzosen. Inzwischen begann General Lauriston Verhandlungen mit Senjavin und den österreichischen Diplomaten, den Grafen Bellegard und L'Epin. Da er sich mit Senjavin wegen dessen zögernder Haltung nicht verständigen konnte, forderte er von den Bokelen, sich den Franzosen zu ergeben. Bellegard war entschieden dagegen. Denn er meinte, wenn die Franzosen die Bocca nicht von Oesterreich unmittelbar erhielten, so würde die Festung Braunau diesem letzteren verloren gehen.[35]
Lauriston machte Versuche, auch den Vladika Peter zur freundlicheren Gesinnung gegen die Franzosen zu bewegen. Er hatte erfahren, welch unwiderstehlichen Einfluss er auf die Bokelen hatte. Er wusste, dass keine Macht, folglich auch die Franzosen nicht, ohne seine Zustimmung in dieser Gegend ruhig und glücklich zu herrschen vermöchten. Lauriston machte dem Vladika viele Versprechungen. So verhiess er ihm z.B. im Auftrage Napoleons die Patriarchenwürde über ganz Dalmatien.[36] Selbstverständlich lehnte es der Vladika ab. Es gab eine Zeit, von welcher wir schon gesprochen haben, wo er willig war, mit den Franzosen in Bündnisverhandlungen einzugehen, wo er solche sogar sehnsüchtig wünschte. Diese Zeit war aber jetzt vorüber. Die Situation hatte sich geändert. Der Vladika wusste, dass sein Volk nach so vielem Blutvergiessen und nach so vielen Feindseligkeiten mit den Franzosen nicht frohen Herzens mit denselben jetzt ein Bündnis schliessen würde. Er kannte zu gut den Charakter dieses schlichten Volkes, das seine Gefühle nicht nach diplomatischen Erwägungen, sondern nach einem angeborenen Gerechtigkeitsmassstab regulierte. Dieses Volk vermochte nicht heute jemandes Freund zu werden, dessen Feind es gestern gewesen war.