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Frau Rietschel das Kind

Chapter 10: NEUNTES KAPITEL
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About This Book

The narrative follows a young assessor who relocates to a provincial town and becomes enamored of a confectioner’s daughter, prompting him to take a room opposite her shop. As his courtship unfolds, the story examines daily routines, social rituals, and the protagonist’s calculations about career advancement, reputation, and desire. Close observation of neighbors, family protectiveness, and rival suitors reveals the constraints of bourgeois provincial life and the limits of social mobility. Through intimate scenes and civic encounters, the work sketches how longing, prudence, and communal expectations shape personal choices and small-town relationships.

NEUNTES KAPITEL

Als Guido Müffel erfuhr, was die ganze Berliner Lebewelt beschäftigte, setzte er sich auf sein Sherryfaß und sagte: »Es gibt noch Wunder. Aber mit dem Frauenzimmer mußte so was passieren! Nun kommt sie tatsächlich in die Hautevolée.«

Gegen Lieses Weg war nichts zu machen. Auch Direktor Toffani mußte sich fügen. Er nützte noch die Reklame aus. Liese bekam einen Abschiedsabend, der jede Primadonna befriedigt hätte. Als sie, beide Arme voll Blumen, das Theater verließ, sah sie Herrn Dotzky bescheiden im Hintergrunde stehen. Sie ging auf ihn zu; »Sie freuen sich«, flüsterte sie. Er drückte ihr die Hand und wandte sich ab. —

Im Hotel Kaiserhof brachte Baron Bassenried seine Braut unter. Er selbst bewohnte eine Villa in der Hitzigstraße, die nun für die junge Frau hergerichtet wurde.

Liese konnte in keinen wachen Zustand kommen. Sie sah alles, was sie erlebte, aber es war ein Traum. Oft fragte sie sich, ob sie nur die Heldin einer spannenden Geschichte sei. Plötzlich aber rang sie sich zur Wirklichkeit durch und tat eine heikle Frage: »Sind denn eigentlich alle mit mir einverstanden, August? Ich meine deine Familie? Du hast doch so viel Verwandte, denk' ich — sogar in Rußland, hast du mal gesagt?«

Er runzelte die Stirn: »Was ich dir sagte, entspricht natürlich den Tatsachen. Aber es gibt kein Familienmitglied, nach dessen Stellungnahme ich zu fragen hätte. Auch der Majoratsherr kümmert mich nicht. Ich habe mein eigenes Vermögen.«

»Ich weiß«, stotterte Liese. »Aber was ist denn mit deiner Tochter? Hast du denn schon Nachricht von der, August?«

Er strich mit seiner Reitgerte durch die Luft: »Das ist wieder unerhört! Ich habe ihr nach Lausanne geschrieben, und sie geruht, nicht zu antworten!«

»Das muß ein sonderbares Kind sein.«

»Sonderbar? Verrückt ist sie! Das arroganteste Geschöpf unter der Sonne! Wenn sie auch meine Tochter ist! Sie macht mir zum Vorwurf, daß ihre Mutter ... Nun, lassen wir das. Jedenfalls, bevormunden lasse ich mich nicht von ihr. Sie soll endlich lernen, daß ich weiß, was sich gehört. Den Dünkel muß ich ihr vor allen Dingen austreiben.« —

Das klang nicht sehr tröstlich. Liese hätte gern noch gewußt, was es mit Elsbeths Vorwurf der verstorbenen Mutter wegen für eine Bewandtnis hatte, aber sie wagte keine Frage mehr. Das eine stand fest — in der Tochter des Barons war eine Feindin zu erwarten. —

Als Liese nach einigen Tagen in die Hitzigstraße kam, hörte sie aus dem Salon einen heftigen Wortwechsel.

»Herrgott, was ist denn los?« fragte sie bestürzt. »Mit wem streitet sich denn der Herr Baron?«

Friedrich der Diener erwiderte: »Besuch vom gnädigen Fräulein aus der Schweiz.«

»Die Baronesse ist da? Ich dachte, es wär' eine Männerstimme!«

»Das denkt jeder.«

Liese blieb lauschend im Korridor stehen. Friedrich verschwand. Bald konnte sie jedes Wort verstehen. Der Baron ging aufgeregt umher, während Elsbeth seine Ausfälle parierte.

»Diese Attacke sieht dir wieder ähnlich! Dir mangelt eben jedes kindliche Taktgefühl! Du antwortest nicht, wenn dir dein Vater mitteilt, daß er doch noch ein spätes Glück gefunden — — Was gibt es da zu lachen?!«

»Zu lachen gäbe es wahrhaftig nichts, aber die Sache wird lächerlich, wenn man bedenkt, was du für ein frühes Glück gehabt hast.«

»Ist mir deine Mutter nicht genommen worden?!«

»Du hast sie dir genommen!«

»Donner — —!«

»Kein Wort mehr davon!!«

Liese zitterte. Es klang, als ob wilde Tiere aufeinander losstürzten. Aber das erstaunlichste war, daß der Baron durchaus nicht die Macht über seine Tochter besaß, deren er sich gerühmt hatte. Er schwieg. Stumm lief er wieder im Zimmer umher.

»Mit einem Wort, Papa!« — Jetzt stand Elsbeth auf. Liese spürte es am Klirren einiger Gegenstände. Elsbeth mußte ein sehr gewichtiges Mädchen sein. »Wenn ich auch das unglücklichste Geschöpf der Welt bin — wenn ich auch ganz bestimmt mal aus eigenem Entschluß ende —«

»Leere Redensarten!«

»Eine Bassenried bin ich! Ich halte den Namen unserer Familie rein!«

»Was willst du also? Was hast du mir auf meinen Brief zu antworten?«

»In aller Kürze: ich kann von deiner zweiten Heirat keine Notiz nehmen. Du forderst durch diese Mesalliance das Letzte in mir heraus — du beschimpfst das Andenken meiner Mutter.«

»Unverschämte Person! Liese Prutz ist eine Künstlerin!«

»Ich will nicht untersuchen, was sie ist. Ich weiß aber, wo sie herkommt — das genügt mir. — Jedenfalls lasse ich nach allem andern, was ich hier erduldet habe, das nicht mehr über mich ergehen.«

»Lächerlich! Du sprichst ja, als ob du mir drohtest! Als ob du etwas gegen mich unternehmen könntest! Gegen Deinen Vater!«

»Das kann ich auch. Du weißt, daß du vom Familienrat abhängst. Wenn der dich über Bord wirft, bist du geliefert.«

»Du bist wahnsinnig! Man wird dich dort unterbringen, wohin du schon lange gehörst!«

»Halt! Da muß ich mich vorsehen! Du könntest mich am Ende wirklich einsperren! Du bringst alles fertig!«

Liese hatte in ihrer Erregung zuviel gewagt. Sie stand auf ihrem Horchposten ohne Deckung. Als Elsbeth plötzlich auf die Flurtür zulief, konnte sie nur in den langen Gang zurückweichen. Jetzt schritt eine seltsame Mädchengestalt auf sie zu. Die Tochter des Barons glich einem starkknochigen, etwas hochschulterigen Jüngling — alles war hastig, unschön und eckig an ihr. Sie war ohne Schmuck und Reiz mit ihrem großen, sommersprossigen Gesicht und dem starken, gelben Haar. Nur in den blauen Augen leuchtete etwas schmerzlich Schönes.

Der Vater folgte ihr. Erschrocken entdeckte er Liese im Korridor: »Warum weiß ich nicht, daß du da bist? Warum hat Friedrich dich nicht angemeldet?«

Liese hielt ihm stand: »Das braucht er doch nicht? Aber willst du mich nicht bekannt machen — —?«

Elsbeth stand vor ihr. Ihr Gesicht wurde grünlich — sie war in einer ungeheuren Aufregung — »Wir haben uns schon erraten, Fräulein«, stammelte sie. »Ich bitte, lassen Sie es daran genug sein! Ich kann nicht anders! Adieu!«

Sie war schon auf der Treppe. Der Baron aber eilte ihr nach und hielt brutal ihren Arm fest. Was sie draußen sprachen, konnte Liese nicht mehr verstehen.

Jetzt trat der Baron in den Korridor zurück. Liese war schon in den Salon gegangen. Er folgte ihr. Zorniges Mißtrauen war in seinem Blick: »Mir bleibt doch nichts erspart. Nun gar noch diese Szene. Du kanntest Elsbeth nicht — nun hast du ja einen Begriff von ihr. Aber warum hast du gehorcht?«

Liese stand abgewandt am Fenster. Nach einer Weile antwortete sie: »Ich dachte, du hättest kein Geheimnis vor mir?«

Der Baron spürte, daß es Zeit war, einzulenken. Er trat zu ihr hin und legte den Arm um sie: »Gewiß nicht, liebes Kind. Vergiß jetzt den häßlichen Zwischenfall. Du wirst mich ja von diesem unglückseligen Wesen befreien. Ich habe ja längst keine Tochter mehr.«

»Aber ich glaube, sie kann einem leid tun.«

»Sie ist ihr eigenes Schicksal.«

»Was hat sie denn vor? Kann sie unsere Heirat verhindern?«

»Unsinn. Hysterische Verstiegenheit. Der Familienrat wird sie auslachen. Ich werde übrigens die Sache sofort meinem Rechtsbeistande übergeben.«

»Das tu, August. Ich habe nämlich eine schreckliche Angst vor ihr.«

Liese gab sich zufrieden, aber wegen des Schlimmsten, was sie erlauscht hatte, wagte sie keine Frage. Das Verhältnis des Barons zu seiner verstorbenen Frau verfolgte sie. Sie vergaß Elsbeths Ton nicht. Es war bei aller Häßlichkeit der Schrei einer gequälten Seele.

Die Furcht vor seiner Tochter verließ den Baron nicht mehr. Immerhin, sie konnte ihm bei der Familie ungeheuer schaden. Wenn man mit dem ganzen Rüstzeug des Standesbewußtseins gegen ihn vorging, kam er um die letzte Deckung. Ein beleidigtes Kind war immer ein gefährlicher Kläger.

So suchte er schon am nächsten Tage seinen Rechtsvertreter auf. Eigentlich kam er auch hier in Verlegenheit. Dem erprobtesten Anwalt konnte er seine Sache nicht mehr übergeben: Justizrat Joachim hatte sich zurückgezogen und fungierte nur noch als Notar. Aber sein Nachfolger war vielleicht noch besser zu gebrauchen. Er hatte sich über die Kundschaft des unmodernen Onkels hinaus besonders an Sports- und Börsenkreise gewandt. Verschiedene große Rennprozesse hatte Rechtsanwalt Schwarz schon gewonnen. Immerhin fand man bei ihm die Fühlung mit den maßgebenden Kreisen. —

Als Baron Bassenried von seinem Rechtsbeistande zurückkehrte, erfuhr Liese, wer ihre Sache gegen Elsbeth führte. Sie mußte fast auflachen. Immer wieder kreuzte sie doch den Weg dieses Mannes. Aber nun regte sich auch ein Wunsch von diabolischem Übermut in ihr. Es war sicher, daß der Baron von ihrer früheren Beziehung zu Viktor Schwarz nichts erfahren. Zu den Leuten, die es wußten, hatte er keine Beziehung, feindliche Denunzianten brauchte Liese nicht zu fürchten, und Viktor Schwarz war undurchdringlich. Aber es reizte Liese, die Wirkung ihres Glücks auf ihn zu sehen. Es war ihr die ersehnte Genugtuung. Unter diesen Umständen glaubte sie sich sogar fähig, dem Treulosen zu verzeihen.

Aber wie war ein Zusammtreffen möglich? Der Baron bemerkte Lieses wachsende Unruhe. Er führte sie auf ihre Sorge um Elsbeth zurück. Dieser Umstand brachte Liese auf die rettende Idee: Ihr Bräutigam wurde völlig getäuscht. Sie steigerte ihre nervösen Angstzustände bis zu Ohnmachten — da hielt er es schließlich nicht mehr aus.

»Wie kannst du dich nur so deprimieren lassen? Ich habe dir doch wiederholt gesagt, daß Rechtsanwalt Schwarz mich beruhigt hat. Ich halte ihn für einen durchaus zuverlässigen Menschen.«

»Das mag er ja sein. Aber ich vergesse das Gesicht — von deiner Tochter nicht. So müssen die Furien ausgesehen haben — nicht so, wie neulich in der Pantomime bei Renz — es geht ja auch ohne Schlangen am Kopf.«

»Sicherlich, Liese. Die modernen Furien sind vielleicht noch schlimmer. Na, wenn du dich garnicht beruhigen kannst, dann werde ich mal an Schwarz telephonieren. Am Ende kannst Du selber mal mit ihm sprechen.«

Liese zuckte zusammen: »Aber nicht am Telephon.«

»Macht Dich das auch nervös! Herrgott, also warte mal!« Er ging zum Telephon.

»Laß mich den andern Hörer nehmen!«

»Du bist ein Kind. Na, wie Du willst.«

Das Telephon war noch eine ziemlich neue Erfindung. So kam das Gespräch nur langsam in Gang, aber Liese genoß es. Das Resultat übertraf ihre Erwartung: Viktor Schwarz machte selbst den Vorschlag, Fräulein Prutz möge ihn doch in seinem Bureau besuchen. Persönlich könne er sie am besten beruhigen.

Liese legte den Hörer fort und umarmte ihren Bräutigam. — »Na, also!« rief der Baron lachend. Du verrücktes kleines Mädel! Nun fahre nur gleich heute nachmittag zu ihm!« —

Liese stand vor Onkel Tübbeke. Ein Blick von ihr genügte, um ihn zur Diskretion zu zwingen. Mit fremder Höflichkeit meldete er sie an. Als sie, nun doch von Schwindel erfaßt, auf Viktor Schwarz zutrat, wußte sie sofort, daß seine Glätte jedem Anprall gewachsen war. Er machte einen anderen aus sich. Auch sie hatte an die Verwandlung ihrer Person geglaubt; aber als sie den Treulosen wiedersah, tauchten die Bilder von Strelenwalde vor ihr auf. Noch einmal sah sie den Frühlingsabend bei der Zubermühle. Unwahr und zerbrochen war alles ...

»Bitte — setzen Sie sich doch«, flüsterte er. »Sie sehen angegriffen aus. Ich kann mir ja denken, was in Ihnen vorgeht — —«

Sie saß ihm gegenüber: »Das glaub' ich kaum. Das war wohl nie der Fall.«

Er war blaß, aber er lächelte. »Wir dürfen selbstverständlich nicht mehr an die Vergangenheit denken. Über Jugendtorheiten sind wir wohl beide hinaus. Ein hochstehender Mensch hat einfach keine Zeit, sich bei überwundenen Dingen aufzuhalten.«

»Sie sind also jetzt ein hochstehender Mensch?«

»Ich bin ein Mensch, der sein Ziel erreichen will. Das sind Sie doch wohl auch?«

»Ein Ziel habe ich eigentlich nie gehabt.«

»Na, lassen wir das beiseite. Sie sitzen jetzt jedenfalls als künftige Baronin Bassenried vor mir, und die Dame der großen Gesellschaft steht Ihnen ausgezeichnet. Ich bin ja sozusagen Ihr Entdecker, nicht wahr, ich ahnte Ihr Talent. Ich will mich gewiß nicht rühmen, aber vielleicht habe ich doch ein kleines Verdienst daran. Ja, so ist das Leben, liebe Liese. In Strelenwalde begreift man das nicht.«

Sie hörte zu und wurde ruhiger. Er war jetzt wirklich ein anderer. Auch sie wollte eine andere sein. Begraben — vergessen. — »Glauben Sie, daß ich es gut getroffen habe?« fragte sie leise. Eine merkwürdige Spannung zitterte in ihrer Stimme.

»Mit dem Baron? Aber Sie haben das große Los gezogen! Die Baronesse, dieses Elefantenküken, brauchen Sie nicht zu fürchten. Die halte ich ihnen vom Leibe. Ich wünsche mir schon lange, Ihnen einen großen Dienst erweisen zu können.«

»Und wie geht es Ihnen? Gut, wie ich sehe?«

»Ich kann es mir nicht besser wünschen. Aber erlauben Sie mir eine Frage: Wo steckt das Kind? Es lebt doch?«

»Freilich. In Berlin.«

Er runzelte die Stirn. »Das ist mir aber unangenehm.«

»Sie haben doch garnichts damit zu tun.«

Er verschränkte die Arme. »Meine Liebe, ich darf auch nichts damit zu tun haben. Nie und unter keinen Umständen. Meine gesetzliche Verpflichtung wird natürlich pünktlich erfüllt. Aber sonst — das Kind existiert nicht für mich, es ist ein völlig fremdes Wesen für mich. Ich würde es vor aller Welt verleugnen.«

Liese atmete schwer: »Herrgott, sind Sie ein schlechter Mensch.«

»In gewisser Hinsicht muß man das leider werden. Sonst können Sie, wo Sie nach mir fragen, nur das Gegenteil hören. Ich gelte als ein Mann, auf dessen Charakter Tausende bauen. Aber ich habe bei jeder meiner Handlungen die Gesellschaft zu berücksichtigen, der ich meine Stellung verdanke. Ich darf mir keine Blöße geben. Wenn man im Begriff steht, den ›Allgemeinen Bund für ethische Fortbildung‹ zu gründen —«

»Was ist denn das?«

»Das kann ich Ihnen nicht so mit zwei Worten erklären. Jedenfalls — ich zeichne verantwortlich. Ich verhüte aus eigenster Erfahrung, daß uneheliche Kinder zur Welt kommen. Deshalb muß ich selbst natürlich unantastbar bleiben.«

»Machen Sie sich meinetwegen keine Sorge. Ich habe kein Interesse mehr dran, Sie in die Tinte zu bringen. Im Gegenteil. Mein Bräutigam darf nichts ahnen. Ich bin verschwiegen, wenn Sie es sind. Außerdem kann ich das Kind nicht ausstehen.«

»Warum?«

»Weil es Ihr Kind ist.«

Sie funkelte ihn an. Er aber wahrte seine Glätte: »Hm, So ... Ja, das ist Ihre Sache. Sie müssen mir jedenfalls versprechen, daß das Kind niemals erfahren wird, wer sein Vater ist. Sonst kann ich keinerlei Rücksicht nehmen.«

»Was soll Ihnen denn solch armes Wesen schaden?«

»Sie müssen es mir versprechen! Nur unter dieser Bedingung bin ich bereit, Ihnen beizustehen! Sie werden, solange ich lebe, einen echten Freund an mir haben! Verstehen Sie mich? Ich will an Ihnen gutmachen, aber die Frucht meiner Verwirrung darf nie ein Gläubiger für mich sein.«

»Ich verspreche, was ich kann. Das Kind ist mir selber fremd — das geht seinen eigenen Weg — von mir soll es nie was wissen.«

»Waren Sie sonst diskret?«

»Das können Sie sich wohl denken. Ich war doch ein anständiges Mädchen. Meine Schande hab' ich für mich behalten.«

Viktor Schwarz stand auf und drückte Lieses Hand: »So, dann wären wir also einig. Zeigen Sie Ihren Herrn Bräutigam ein recht fröhliches Gesicht, damit er glaubt, daß ich Sie beruhigt habe. Und nun entschuldigen Sie mich — ich muß in meine Wohnung — ich stecke nämlich in den schwierigsten Umständen — — meine Frau reist ab.«

»Ihre Frau?«

»Ja, Sie wissen nicht, daß ich verheiratet bin? Das arme Ding ist leider immer krank — Magenkrebs — ein schweres Schicksal. Endlich hat sie sich dazu bewegen lassen, in ein Sanatorium überzusiedeln — ich muß sie selber hinbringen — es ist vielleicht ihre letzte Fahrt ... Ja, so sieht es aus, das Leben, liebe Liese.«

Er seufzte, aber sie hörte, daß kein Gefühl in seinem Seufzer war. Da kam noch einmal das alte Grauen über sie — sie verabschiedete sich kurz und verließ ihn.

Auf der Treppe begegnete ihr eine auffallende junge Frau. Eleganz und Parfüm kennzeichneten die Freundin, die gewisse Männer nicht entbehren konnten. Unwillkürlich dachte Liese: ›Das ist keine Kundschaft.‹ Sie blieb noch eine Weile stehen und hörte, wie die Dame oben von Viktor Schwarz begrüßt wurde: »Ah, Gusti! Und ich will eben zu Lene! Na, komm nur 'rein! Herr Tübbeke, führen Sie Frau Bernhardi in mein Zimmer! Ich telephoniere nach Hause, daß ich eine Stunde später komme!«