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Frau Rietschel das Kind

Chapter 11: ZEHNTES KAPITEL
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About This Book

The narrative follows a young assessor who relocates to a provincial town and becomes enamored of a confectioner’s daughter, prompting him to take a room opposite her shop. As his courtship unfolds, the story examines daily routines, social rituals, and the protagonist’s calculations about career advancement, reputation, and desire. Close observation of neighbors, family protectiveness, and rival suitors reveals the constraints of bourgeois provincial life and the limits of social mobility. Through intimate scenes and civic encounters, the work sketches how longing, prudence, and communal expectations shape personal choices and small-town relationships.

ZEHNTES KAPITEL

Durch die alten Gassen von Strelenwalde zog Frühlingshauch. Es roch nach Hyazinthen und Zwiebeln, und die große Lohgerberei von Brummel Söhne machte sich auch bemerkbar. Ottilie Sanftleben stellte mit Hilfe des Dienstmannes Musolf die beiden Oleanderbäume vor ihre Tür. Das war in Strelenwalde die eigentliche Eröffnung des Frühlings. Nun kam auch Schimke, der Briefträger, auf das alte Fräulein zu. Er gehörte zu den Flotten im Städtchen und machte sich gern einen Spaß.

»Morgen, Fräulein Sanftleben! Da hab' ich wieder ein Briefchen! Wahrscheinlich ein sehnlich erwartetes Briefchen! Na, ja — die schöne Jahreszeit!«

Lieses Tante strafte die grinsenden Männer mit Verachtung. Nach einem Blick auf die Adresse sagte sie: »Von meiner Nichte aus Berlin.«

Der neckische Briefträger ging in das Nachbarhaus. Tante Sanftleben aber stieg in ihre Wohnung hinauf. Dort las sie den Brief:

›Mein liebes, gutes Tantchen Sanftleben!

Nun habe ich so lange nichts von mir hören lassen, und nun wunderst Du Dich gewiß über das pikfeine Briefpapier. Aber mache Dir nur keine Gedanken. Ich bin solide geblieben, es geht mir ausgezeichnet, aber ich habe tolle Sachen erlebt.

Also, denke Dir, Tantchen — beim Theater bin ich nicht mehr, und zu Herrn Müffel hinters Büfett bin ich auch nicht wieder gegangen. Aber ich habe einen Mann kennengelernt, der mich in der nächsten Woche heiratet. Nun sitze recht fest in Deinem lieben Großvaterstuhl — da sehe ich Dich nämlich jetzt — lieber Gott, wie ich da noch gesessen habe! Das ist lange her. Das ist schon kaum noch wahr.

Also, sitze recht fest, Tante. Mein Bräutigam ist der Freiherr August Walter Leberecht von Bassenried und Limprun, ehemaliger Leutnant im Gardekürassierregiment, jetzt Privatmann und Hausbesitzer in der Hitzigstraße, Berlin W! Neunundvierzig Jahre alt, aber noch sehr frisch und stattlich. Er hat sich im Theater in mich verliebt und, wie gesagt, er heiratet mich. Seine Tochter aus erster Ehe war dagegen, aber die ist nun mundtot und sitzt wieder in der Schweiz. Ich werde in einem Paläh wohnen, Tante, in einem richtigen Paläh mit zwölf Zimmern und Diener und Papagei, und die Küche liegt im Keller, die Speisen kommen immer mit dem Aufzug 'rauf, direkt bis ins Eßzimmer.

Aber wohnen tun wir noch nicht gleich in unserm Hause. Erst machen wir eine wunderbare Reise, wahrscheinlich bis nach Monte Carlo, wo nur mit Gold gespielt wird. Das heißt, ich werde meinem Mann schon sagen: Wenn ich dabei bin, gibt es so was nicht.

Was sagst Du, Tante? Hätte man das für möglich gehalten? Weißt Du noch, wie Du mich in Strelenwalde in die Bahn gebracht hast, mich und das Kind, und im Kupee saß Guido Müffel? Gott, war das ein Elend. Und nun habe ich einen der reichsten Männer von Berlin. Ja, das Leben ist erfinderisch, hat Müffel mal gesagt.

Aber in Strelenwalde erzählte ich es nur Dir, Tante. Sonst möchte ich nicht, daß es rumgetragen wird, denn weißt Du wegen Viktor Schwarz. Mein Bräutigam denkt sich natürlich manches, was in der Vergangenheit liegt. Er ist ja ein lebenserfahrener Mann, aber er hat es mir zur Bedingung gemacht: Nichts, was früher mal war, darf an ihn rankommen. Er sorgt für mich, aber im übrigen — Hände weg. Das kann man ihm ja nachfühlen — nicht wahr? Er hat eben einen neuen Menschen aus mir gemacht.

Anders steht es natürlich mit Vater. Der muß es jetzt wissen. Schließlich wird er ja doch noch was für mich übrighaben und sich Sorge um mich machen, wenn er auch nichts sagt. Der arme, alte Mann. Wo ich nun endlich glücklich werde, vergesse ich auch gern, was er mir getan hat. Ich möchte ihm noch die Freude machen. Gehe zu ihm, Tante, und erzähle ihm alles. Aber Diskretion ist Ehrensache, nicht wahr? Schreibe mir bald, wie er es aufgenommen hat. Schreibe mir auch, wie es Dir geht.

In treuer Liebe

Deine dankbare Nichte Liese Prutz,
bald Freifrau von Bassenried-Limprun.

Postskriptum: Nimm Dich vor Adele Schörg in Acht, daß die nicht wieder horcht, wenn Du es Vater sagst. Und denke Dir, Tante: Viktor Schwarz habe ich auch schon gesprochen. Das ist ein gefährlicher Mensch. Aber er hat in Berlin kolossalen Erfolg und seine kranke Frau wird er wahrscheinlich auch bald los. Es gibt Leute in Berlin! Aber ich lasse das alles nicht an mich ran. Schwarz lernte ich neu kennen, weil er der Rechtsanwalt meines Bräutigams ist. Mein Bräutigam hat natürlich keine Ahnung. —‹


Die Gefühle, mit denen Tante Sanftleben diesen Brief las, waren gemischt. An jeder Stelle spürte sie Segen und Gefahr heraus. Gewiß, es war ein märchenhafter Aufstieg, aber um Liese war es schade. An den Segen des neuen Glanzes konnte Tante Sanftleben noch nicht glauben. Vornehmer Name, reicher Besitz waren nicht die höchsten Güter. Sie wußte trotz allem von dem Manne, der Lieses Schicksal wurde, noch nichts. Zwei Stellen in dem Brief taten Tante Sanftleben freilich wohl: das war die kindliche Treue, die Liese ihrer alten Freundin bewahrte, und ihr tiefes Bedürfnis, den Vater zu erfreuen. Aber warum sagte sie garnichts von ihrem Kinde?

Immerhin — sie wollte Lieses Wunsch erfüllen. Es war ein schwerer Gang — sie wollte ihn gehen. Fast ein Jahr hatte sie mit ihrem Schwager nicht gesprochen. Der alte Prutz galt in der Stadt als geistesgestört. Man sah ihn stundenlang umherwandern und Selbstgespräche führen. Auch war es allgemein bekannt, daß sein Geschäft in bedenklicher Weise zurückging. Schon hielt sich das Gerücht, daß Konditor Breitkopf die Firma seines alten Konkurrenten übernehmen wolle. ›Mohrenkopp‹ war zielbewußt.

So ging denn Tante Sanftleben schweren Herzens zu ihrem Schwager. Sie betrat den Laden. Adele Schörg hinkte in Lackschuhen auf sie zu. Sie trug einen Blumenstrauß an der seidenen Bluse, und ihr Gesicht war gepudert.

Tante Sanftleben blieb ihrer Neugier gewachsen. Sie ging an Adele vorbei und suchte Vater Prutz in der Backstube auf.

»Entschuldige, Reinhold — aber ich muß dich hier aufsuchen, vorn ist man vor Adele nicht sicher. Die horcht doch, wo sie kann.«

Vater Prutz machte einen verwilderten Eindruck. Ein Einsiedler, kein Konditor in seiner Werkstatt. Er starrte die Schwägerin an. — »Was willst du?«

Da sagte sie ihm mutig, um was es sich handelte. Aber die Wirkung wurde ihr nicht klar. Der alte Mann fuhr nicht auf, sondern sank noch mehr in sich zusammen. Mit einem seltsamen Ausdruck schüttelte er dann den weißen Kopf.

»Was sagst du dazu, Reinhold? Ist es nicht wunderbar?«

»Wunderbar mag es schon sein. Aber es geht mich nichts an. Wirklich — es geht mich nichts mehr an, Ottilie. Sie ist schon beim Zweiten — der Dritte und Vierte wird auch kommen — ich habe keinen Einfluß darauf.«

»So ist es ja nicht gemeint. Du vergißt, daß Liese ein selbständiger Mensch ist. Sie lebt ihr eigenes Leben. Daß du nicht mehr gefragt wirst — so geht es jedem Vater, Reinhold. Hier handelt es sich um Leben und Sterben, um die letzte Beziehung zueinander.«

»Laßt mich in Ruhe!«

»Reinhold, du bist alt und einsam geworden —«

»Nun ja! Wer ändert's?! Ändert das vielleicht der Wisch, den du bekommen hast?!«

»Wer weiß — vielleicht greift Lieses Bräutigam ein — und alles wird noch besser für dich —«

Jetzt richtete Vater Prutz sich bebend auf: »Nimm dich in Acht! Daß du mir nicht Geschichten machst und Sachen vermittelst, die ganz unmöglich sind! Das gäbe mir den Rest, du!«

Kopfschüttelnd sah Tante Sanftleben auf den schwer atmenden Greis. »Mit dir ist nichts zu machen. Soll ich ihr nun gar kein gutes Wort von dir bestellen?«

Vater Prutz schwieg eine Weile. Dann flüsterte er: »Bestell' ihr — daß ich ihr nichts Schlechtes wünsche.« —

Liese erhielt Tante Sanftlebens Bericht, als sie eben mit dem Baron eine Droschke bestieg, um zum Standesamt zu fahren. Er sah sie blaß werden, aber er hatte eine bewährte Technik, über Unangenehmes fortzugehen.

In Liese aber blieb eine schwere Traurigkeit.

Bei der Hochzeit war sie nur mit halben Sinnen. Zu dem Diner in der Hitzigstraße hatte der Baron etwa zwanzig Gäste geladen — kein einziger war darunter, der Liese näherkam. Aus einigen wurde sie überhaupt nicht klug. Die Freunde ihres Gatten trugen hohe Titel und Namen; aber die Damen, die sie mitbrachten, schienen bei aller Eleganz aus einer zweifelhaften Sphäre zu stammen. So kam die hochzeitliche Stimmung nicht über junkerliche Derbheiten und kreischenden Übermut hinaus. Beim Tanzen erst wurde es lustig. Liese hätte sich gern die Seele frei getanzt, aber nun war der Baron das Hindernis, denn er litt an Schwindel. Ruhig trank er mit seinen bequemen Freunden eine Flasche Rotspon nach der anderen. Heute wurden zum erstenmal seine Jahre bemerkbar. Schließlich setzte sich Liese ans Klavier und begann ihre Lieder aus der ›Tollen Lotka‹ zu singen. Da trat ihr Gatte hinter sie, legte die Hände auf ihre Schultern und flüsterte: »Aber Kind, am heutigen Tage! ...« —

Zwei Tage später reisten sie. Es war eine schwierige Abreise gewesen, denn der Baron hatte bis zuletzt noch lästige Besuche empfangen, deren Bedeutung Liese nicht klar wurde. Ziemlich gewöhnliche Männer standen im Hause, bald oben, bald unten — sie grüßten die junge Frau kaum und trugen ein aufreizendes Benehmen zur Schau. Liese hatte eine kindliche Furcht vor dem Baron, wenn er sich geärgert hatte. Daß er sehr brutal werden konnte, spürte sie oft. Der Pferdemensch in ihm war nur halb gebändigt.

Sie war froh, als man im Zuge saß und Berlin eine Weile hinter sich lassen konnte.

Man fuhr durch den Gotthard nach Genua. Liese sah mit wirrem Staunen auf die Bilder der Welt, die sich plötzlich vor ihr auftaten. Ihr Mann hatte nur ein Ziel, das ihn anzog: Monte Carlo. Immer wieder hatte er Liese davon erzählt, so daß auch sie den Höhepunkt der Reise darin sah. Mit einem merkwürdigen Feuer, wie ein entschlossener Kämpfer, sprach der Baron. In Genua bezwang er kaum seine Nervosität. Bis zum Morgen zechte er mit Liese — sie verstand diese Stimmung nicht und schlief in seinen Armen ein.

In Monte Carlo aber merkte sie, was gemeint war. Der Baron verließ den Spielsaal nicht mehr. Er vergaß vollkommen, daß er eine junge Frau neben sich hatte. Auch als Liese zornig aufstand und sich entfernte, kam er ihr nicht nach. Er war wie verzaubert, blind und taub für alles. Liese hatte nur eine Stunde an dem phantastischen Bilde des Spielsaales Gefallen gefunden — dann widerten sie die verzerrten Mienen an. Sie konnte diese Leidenschaft nicht verstehen, ihr Mann war ja reich, er brauchte den Spielgewinn nicht. —

Als sie eines Abends ohne ihn durch den Park schritt, fiel ganz in der Nähe aus dem Dunkel ein Schuß. Entsetzt blieb sie stehen. Dann sah sie zwei Parkwächter einer bestimmten Stelle zulaufen. Sie folgte ihnen, von Grauen angezogen. Bald wurde ein eleganter, junger Herr an ihr vorübergetragen — sie sah einen roten Streifen auf seiner weißen Stirn — sie hatte ihn mit lachenden Augen oft auf der Promenade gesehen. Da rannte sie, von Angst geschüttelt, in das Hotel. Am Morgen erst kam der Baron.

Er setzte sich an ihr Bett — sie weinte sich bei ihm aus und erzählte, was sie erlebt hatte. — »O, das kommt hier öfters vor, liebes Kind«, sagte er gleichmütig. »Das sind die Opfer, die das Klima von Monte Carlo nicht vertragen können.«

»Das Klima?«

»Nun ja — hier muß man starke Nerven haben. Ich zum Beispiel —«

Sie umschlang ihn: »Geh nicht mehr in den Spielsaal, August!«

Er löste sich ärgerlich: »Was fällt dir denn ein? Jetzt gerade muß ich auf dem Posten bleiben! Jetzt kommt meine Serie!«

»Wenn du gewonnen hast, benütze doch die Gelegenheit — mir zuliebe — wir wollen morgen abreisen — nach Florenz!«

»Was soll ich in Florenz? Ich bin kein Kunsthistoriker! Ich habe doch keine —« Er brach ab. Fast hätte er gesagt: Ich habe keine Hochzeitsreise an die Riviera gemacht, um nicht zu spielen. Liese aber verstand ihn auch so. — »Du kümmerst dich nicht mehr um mich«, stieß sie mit würgenden Tränen hervor. Da sprang er wütend auf: »Sei froh, wenn ich —!« Er kam nicht weiter — mit rotem Kopf lief er hinaus. —

Der nächste Tag brachte eine Überraschung: Friedrich, der Diener, entpuppte sich als Retter. Nachmittags erschien er mit seinem Herrn, den er wie einen kranken, alten Mann führte. Liese erschrak heftig: »Was ist denn passiert?« Friedrich winkte mit schlauem Zwinkern ab: »Nichts, garnichts! Kümmern sich Frau Baronin nicht darum! Dem Herrn Baron ist das Jeu wieder mal nicht gut bekommen! Das kenn' ich schon, das kommt so plötzlich! Am besten ist, wir reisen morgen früh und bleiben noch irgendwo am Vierwaldstätter See, zum Beispiel in Vitznau — da ist es ruhig!«

Zum erstenmal war Liese mit Friedrich einverstanden. Beide versorgten den willenlosen Mann. Friedrich bezahlte die Rechnung. Es wurde Liese freilich wieder unheimlich, als er seinem Herrn zuvor einen kostbaren Ring vom Finger zog. Was sollte das bedeuten? Aber der Baron schien nichts dagegen zu haben.

Das eine wurde Liese klar: ihr Mann hatte schwere Verluste gehabt. Mit Mühe kam man nach der Schweiz. Aber in Vitznau konnte man ja sparen, und die böse Erfahrung war gewiß eine gute Lehre für den unverbesserlichen Spieler. —

Am Vierwaldstätter See fand der Baron sich allmählich zurecht. Freilich kam er über ein wirres Geschwätz nicht hinaus. Auch trank er immerfort Kognak. Liese sollte mit ihm trinken, aber sie entzog sich den Gelagen und ging lieber am abendlichen See spazieren. Als sie wieder ins Hotel kam, fand sie ihren Mann mit Friedrich. Sie hatten eben eine Flasche geleert und nannten sich lallend Kameraden. Da erwachte in Liese plötzlich der Zorn ihres Vaters. Sie jagte den betrunkenen Diener in seine Kammer.

Seit diesem Abend fühlte sie sich sehr unglücklich. Sie glaubte an nichts mehr, die Schönheit der Reise war ihr vergällt. »Wir wollen nach Hause«, sagte sie schließlich. »Hier hab' ich nur Angst.«

Da zeigte der Baron sich zum erstenmal wieder gefügig: »Wie du willst, liebes Kind. Die Hitze am Vierwaldstätter See ist auch nicht mein Ideal. Aber wir müssen mindestens noch acht Tage in Frankfurt bleiben, bevor wir nach Berlin können.«

»Warum denn das? Unser Haus ist doch fertig?«

Ein sonderbares Lächeln kam auf sein Gesicht. — »Das schon,« sagte er gedehnt, »aber leider nicht mehr für uns.«

»Was heißt das?«

»Kind, du mußt es ruhig nehmen. Es handelt sich um eine Tatsache, für Ersatz wird bald gesorgt sein. Ich habe mein Haus in der Hitzigstraße verkauft. Ich habe es schon verkauft, bevor wir abreisten.«

Sie legte die Hand an die Stirn: »Ohne mir ein Wort davon zu sagen?«

»Das hatte keinen Zweck und hätte dir nur die Reise verdorben!«

»Wenn an der noch etwas zu verderben war. Das Haus war doch so schön — warum hast du's denn verkauft?«

»Das kann ich dir nicht so kurz erklären. Es genüge dir, daß der Verkauf sehr günstig war, und daß du in Berlin sofort in ein neues, ebenso schönes Nest kommen wirst. Das ist doch die Hauptsache, nicht wahr?«

»Wohin ziehen wir?«

»In eine Etage natürlich. Ich hoffe bei der alten Generalin von Fransecky in der Roonstraße eine Wohnung zu bekommen. Die war eine Freundin meiner Mutter — schon über achtzig Jahre alt — tja — ihr Haus ist sehr vornehm eingerichtet.«

»Du meinst wohl das Zubehör, denn Möbel haben wir doch?«

»Das wird sich alles finden. Die Hauptsache ist, daß es behaglich wird.« —

In banger Benommenheit kam Liese nach Berlin. Der Baron hatte die Etage in der Roonstraße gemietet, aber sie war mit den altmodischen Möbeln der Generalin ausgestattet. — »Unsere Sachen mußten auf den Speicher kommen«, erklärte er Liese. »Das ging nicht anders, weil die Villa schon während unserer Reise bezogen wurde. Entweder lasse ich noch alles herkommen, oder wir leben vorläufig in Frau von Franseckys Sachen. Das letztere scheint mir sogar das Praktischste zu sein.«

Liese schwieg dazu. Je mehr sie erfuhr, desto tiefer tappte sie im Dunkeln. Ihr Versuch, durch einen Dritten Klarheit zu gewinnen, scheiterte: Es stellte sich heraus, daß Frau von Fransecky ganz unzugänglich war. Wie auf einer Insel lebte die Greisin in ihrem stillen, vornehmen Hause.

Auch das eigene Leben in Berlin gestaltete sich anders, als Liese erwartet hatte. Es war ihr schon oft bedenklich gewesen, daß der Baron gar keinen Beruf mehr hatte. Er erzählte ihr zwar, daß er an seinen ›Memoiren‹ arbeite; aber diese literarische Tätigkeit beschränkte sich darauf, daß der Autor jede Woche einmal alte Notizbücher durchblätterte. Was ihn wirklich beschäftigte, war der Klub und der Rennsport. Nach Hoppegarten fuhr er jeden Sonntag mit Liese — im Klub verbrachte er allein seine Abende.

Sie aber empfand das Schlaraffenleben als Qual. Sie war an Arbeit gewöhnt. Als sie von all den neuen Genüssen genascht hatte, stand sie vor einer erschreckenden Inhaltslosigkeit. Es war, als ob sie in einem luftleeren Raum atmen sollte. »Ich muß einen Zweck haben«, flüsterte sie. »Ich kann doch nicht nur essen und trinken und mich putzen und Romane lesen.« Der Mensch, der allem, was sie umgab, einen Sinn gegeben hätte, fehlte ihr. Baron Bassenried konnte oder wollte es nicht sein. Sein spätes Feuer erlosch wieder.

Erst als er Lieses wachsende Melancholie bemerkte, begann er sein Leben zu ändern. Er wurde häuslicher, er ›widmete‹ die Abende seiner Frau, freilich in einer Weise, die noch bedenklicher war als das frühere Leben. Bald wurden nämlich die Spielabende in die Roonstraße verpflanzt. Liese fand einen Brief in dem Zimmer ihres Mannes — er war von seinem vornehmen Klub. Sie wurde aus dem Inhalt nicht klug — nur so viel verstand sie, daß der Baron ausgeschlossen worden war. Nun mußte also privatim weitergespielt werden.

Davor graute Liese, besonders weil diese Nächte gesellschaftliche Verpflichtungen brachten. Die Hausfrau hatte für Bewirtung zu sorgen.

Das aber wurde Liese oft unmöglich gemacht, weil der Baron kein Geld hergab und verlangte, daß sie bei Lieferanten zu borgen verstand. Schließlich tat Liese, was sie am längsten vermieden hatte: sie übertrug Friedrich alles Wirtschaftliche. Daß dieser Mensch vor allem in die eigene Tasche arbeitete, war ihr klar, aber in dem Sumpf wurde sie gleichgültig.

Trost und Ersatz fand sie in ihrem persönlichen Erfolge. Es wurde immer deutlicher, daß der Baron mit ihrer Anziehungskraft rechnete. Er sorgte dafür, daß sie bei jedem Gesellschaftsabend in neuer Toilette erschien, er brachte ihr Schmuck und Parfüm mit und machte sie zu einer Modepuppe. Wann und wie das alles bezahlt wurde, entzog sich Lieses Kenntnis.

Es wurden tolle Nächte. Während im Salon gespielt wurde, tanzte man im Speisezimmer. Der Baron hatte eine Glücksperiode, als er den wilden Klub in seiner Wohnung aufgetan — Sekt und Delikatessen wurden verschwendet, man holte sogar eine Zigeunermusik. Eines Abends verstand sich Liese dazu, ihr Kostüm aus der ›Tollen Lotka‹ hervorzusuchen. Es war das Kostüm der Seiltänzerin — sie erschien im Trikot und sang ihre Lieder. Jetzt erst fand sie vollen Erfolg. Nun kam Vergessenheit über sie. Schließlich mußte der Baron sein trunkenes Kind ins Schlafzimmer tragen. —

Am nächsten Tage wurde Liese freilich von tiefem Widerwillen gepackt. Den Anstoß dazu gab Friedrich, der mit dem Trinkgeld unzufrieden war und nun sehr deutlich wurde. Er ließ einfach den Wein, der übriggeblieben war, verschwinden — Liese fand nichts mehr davon. Als sie ihn zur Rede stellte, sagte er: »Sein Sie ganz stille, Frau Baronin. Ich rate Ihnen — sein Sie ganz stille. Von mir hängt es ab, daß hier nicht alles auffliegt. Wenn ich nicht Schmiere stände, hätten Sie längst die Polizei auf'm Hals.«

Liese wußte nichts zu erwidern. Sie begriff jetzt, daß man von einem Erpresser abhängig geworden. Verstört lief sie in ihr Zimmer und weinte dort bis zum Abend. Als sie den Baron mit neuen Gästen erwartete, ließ er ihr telephonieren, daß er heute nach Potsdam eingeladen sei. Nun war sie mit ihren schweren Gedanken allein. Ratlos stand sie am Fenster und starrte auf den dunklen Königsplatz hinaus. Unter kahlen Bäumen sah sie eine arme Frau umhergehen, die ihr kleines Kind trug. Es war ein Bild frostiger Verlassenheit, aber in Lieses Seele entzündete es ein warmes Licht. Reuevolle Erinnerung überkam sie: Auch sie hatte ein Kind.

Das lebte nun schon lange bei fremden, kümmerlichen Menschen. Drei Jahre war die kleine Berta alt. Plötzlich wurde Liese von einer bangen Neugier nach ihrem Kinde ergriffen. Sie fühlte selbst, daß es keine Mutterliebe war. Auch wußte sie, daß der Weg zu Berta verrammelt worden. Hier mußte sie den Zorn des Barons am meisten fürchten. Er selbst war der Inbegriff der Unzuverlässigkeit — von ihr aber forderte er letzte Pflichterfüllung.

Sie durfte das Wiedersehen nicht wagen. Doch etwas beschloß sie — das konnte der Baron ja nicht erfahren: Sie schrieb an Frau Grunow und erbat ihre Antwort postlagernd. Dreimal entwarf sie den Brief und zerriß ihn wieder. Dann genügte er ihr, und sie sandte ihn ab. Als dies geschehen war, wurde sie etwas ruhiger. Sie hatte nun doch auf einen echten Wert zurückgegriffen. Wenn sie auch ihr Kind nicht wiedersah — sie erfuhr doch, wie es sich entwickelte.