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Frau Rietschel das Kind

Chapter 12: ELFTES KAPITEL
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About This Book

The narrative follows a young assessor who relocates to a provincial town and becomes enamored of a confectioner’s daughter, prompting him to take a room opposite her shop. As his courtship unfolds, the story examines daily routines, social rituals, and the protagonist’s calculations about career advancement, reputation, and desire. Close observation of neighbors, family protectiveness, and rival suitors reveals the constraints of bourgeois provincial life and the limits of social mobility. Through intimate scenes and civic encounters, the work sketches how longing, prudence, and communal expectations shape personal choices and small-town relationships.

ELFTES KAPITEL

»Nein, Berta — das ist nichts für dich.« Diese stereotypen Worte griffen in ein Leben, das sich regen wollte. Sie bildeten Bertas erste Erinnerung. Lieses Kind hatte das Dasein eines Käfers, der auf einer Fläche umherkriecht und überall, wohin er sich auch wenden mag, das Hindernis einer quälerischen Hand findet. Es war die schlimmste Eigenschaft von Mutter Grunow, daß sie einschüchterte, wo sich Hoffnung regte, niederzwang, wo eigener Wille aufkommen wollte.

Als sie eben damit umging, der kleinen Berta, die schon unbequeme Fragen stellte, einen Begriff von ihrem geheimnisvollen Vater zu geben, kam nach langer Pause wieder eine Nachricht von der Mutter. Über Lieses Laufbahn wußte Frau Grunow durch Onkel Tübbeke Bescheid. Sie glaubte natürlich, daß man bei solchem Aufstieg alles Vergangene hinter sich ließ. Liese sandte ja zu jedem Quartal einen Zuschuß für Berta — das war die Hauptsache. Nun aber kam plötzlich aus der glanzvollen Welt ein Brief von ihr.

Abends zeigte Frau Grunow ihn ihrem Bruder. Tübbeke las ihn, nieste, nahm aus seiner Schnupftabaksdose eine reichliche Prise, nieste noch einmal und sagte dann mit vielem Gesichterschneiden: »Ja, so sind die Weiber. Sie kriegen nie genug. Und was 'ne Mutter ist, das ist eben 'ne Mutter. Aber sie muß mächtigen Bammel vor ihrem Baron haben, weil du ihr postlagernd antworten sollst.«

»Das ist doch selbstredend, Adolf. Der Baron darf doch von dem Kind nichts wissen. Der hält seine Frau wahrscheinlich für einen Unschuldsengel, wenn sie auch mal im Friedrich Wilhelmstädtischen war. Von mir soll er nichts erfahren. Aber was mir unangenehm ist — die Frau hat sonderbare Ideen im Kopp. Auf einmal will sie, daß die Berta niemals wissen soll, wer ihr Vater ist. Jetzt versteht sie's ja doch noch nicht, aber später mal. Wenn sie immer wieder fragen tut?«

»Na, was denn, was denn? Wir müssen uns selbstredend nach der Mutter richten. Mein Rechtsanwalt hat ihr natürlich gesagt: Wenn ich dem Baron nichts stecke, dann verlang' ich, daß du mich nicht mit dem Kind blamierst. Ich denke, wir lassen die Sache an uns 'rankommen. Später mal, wenn wir keine Rücksicht mehr zu nehmen haben, machen wir's so, wie wir Lust haben. Es ist auch immer gut, wenn man dem Rechtsanwalt gegenüber was in Reserve hat.«

Frau Grunow sah ihren Bruder forschend an, dann nickte sie: »Das hab' ich mir auch schon gesagt.«

Sie ging in die Küche, kramte sich ein fettfleckiges Papier und eine rostige Feder zusammen und öffnete ihr Fläschchen Kaisertinte. Dann verrichtete sie unter schweren Seufzern die ungewohnte Arbeit, an die Frau Baronin einen Brief zu schreiben. —

Liese las jede Einzelheit, die sie von Berta erfuhr, mit einem Interesse, das sie selbst wunderte. Nun überlegte sie doch oft, ob sie ihr Kind nicht wiedersehen könnte. Aber sie kam zu keinem Entschluß.

Schließlich starrte sie doch immer wieder in etwas Stumpfes und Fremdes. So geriet sie, wenn sie in der Stadt war, dreimal in Versuchung, einen Abstecher nach dem Elisabethufer zu machen, aber immer wieder wurden es die Linden. Schließlich befand sie sich wieder in der Roonstraße.

So kamen Jahre öden Weiterlebens. Berta wurde größer, sie war nun ein richtiges Schulmädchen. Ihr sechster Geburtstag, der doch eine besondere Bedeutung hatte, blieb ihr in böser Erinnerung: Vor dem Gabentisch, in Gegenwart des wunderbaren Napfkuchens hatte Tante Grunow ihr zwei Ohrfeigen gegeben. Dies war geschehen, als Berta heute zum siebentenmal von ihrem Papa gesprochen hatte. Man konnte auch wirklich die Geduld dabei verlieren. Das Kind hatte sich ein unausstehliches Spiel mit dem Papabegriff angewöhnt. Es saß in einem Winkel und spielte mit seiner Puppe und plapperte immerfort: »Papa, Papa, wo mag Papachen sein?« Es klang wie Spott und mußte doch aus der Tiefe kommen, denn Berta war ganz ernst dabei. Vermutlich hatte sie es irgendwo aufgeschnappt. Es gab jetzt einen neuen Gassenhauer, den alle Spielkinder sangen: »Alma — Alma, wo mag das Mädchen sein?« Das variierte sie nun in sonderbarer Ideenverbindung.

»Damit du's ein für allemal weißt: Nach Papa fragt man nicht! Papa gibt es hier nicht! Schäm' dich doch vor deiner Mutter!«

Von diesem ebenso empörten wie geheimnisvollen Ausspruch waren die beiden Ohrfeigen der Tante begleitet gewesen. Er regte das Gemüt des Kindes lange zum Grübeln an. Man durfte nicht nach seinem Vater fragen? Alle anderen Kinder, die Berta kannte, hatten einen Vater und sprachen täglich von ihm. Sie ruhten gleichsam in dem Bewußtsein, ihn zu haben. Und sie? Warum sollte sie sich, wenn sie dasselbe tat, schämen? Vor ihrer Mutter schämen? Sonst, wohin sie blickte, gehörten Vater und Mutter zusammen. Mit Bertas Vater aber mußte das eine besondere Bewandtnis haben.

Diese Überlegungen führten zu keinem Ergebnis. Berta nahm sie auch in die Schule mit. Langsam ging sie mit ihrem Tornister, über dem die schwarzen Zöpfchen baumelten, täglich nach der Oranienstraße. Berta war sehr klein für ihr Alter, und ihre dunklen Augen blickten fragend ins Unbestimmte. Ursachlos ergab es sich deshalb, was sie von vornherein dem Leiden auslieferte: Die anderen Kinder rückten von ihr ab. Das Schicksal einer Gezeichneten kam über sie. Noch wußte man ja nichts von dem Rätsel ihrer Herkunft, oder man kümmerte sich nicht darum. Es gab im großen Berlin so viele uneheliche Kinder. — Wer frei und frisch daherkam, wurde einfach mitgenommen.

Zum Glück verbesserten sich bald die häuslichen Verhältnisse. Man wurde auch freigebiger gegen das Kind. Alfons Grunow war als Teilhaber in eine sozialdemokratische Genossenschaft der Anstreicher eingetreten. Da auch Onkel Tübbeke ganz gut verdiente, konnte Mutter Grunow die Näharbeit aufgeben. Man leistete sich nun, was die Nachbarschaft sich schon lange leistete. Sonntags fuhr man mit der Pferdebahn nach Charlottenburg, und die beiden Herren, Onkel Tübbeke und Onkel Alfons, kletterten mit Berta auf das Verdeck. Es war prachtvoll, die lange Charlottenburger Chaussee unter den schattigen Bäumen zu fahren — Berta freute sich schon die ganze Woche darauf. Draußen ging man dann in den Schloßgarten und stand andächtig im Mausoleum, vor den bläulich schimmernden Marmorfiguren Friedrich Wilhelms und Luisens. An großen Tagen betrat man auch die Flora, das berühmte »Etablissement«, das mit seinem Rosenparterre lockte. Dort bot sich auch immer das lustig aufregende Schauspiel eines Fesselballons, der von schwitzenden Soldaten festgehalten wurde. Wann er endlich in die Höhe stieg, nahm er zuweilen einen Ungeschickten mit. Das gab immer ein Hallo, wenn der Mann am Seil herunterrutschen mußte.

Auch in den Zoologischen kam man, seltener in den Grunewald. Hier spürte man schon die Reise. Die Stadtbahn war noch neu — man fand sie entweder zu unsicher oder zu teuer. Draußen aber, in Hundekehle oder in Paulsborn gab man sich mit Nachdruck dem Naturgenuß hin. Träumerisch blickte man in die schwarzen Kieferkronen und ließ Stullenpapier im Sande liegen. Onkel Alfons war ein Sportsmann und ruderte die ganze Gesellschaft auf dem abendlichen See.

Onkel Alfons war es auch, der sich zuerst mit Berta beschäftigte.

Aber er war kein tiefer Mensch. Seine Überzeugungen hatte er aus Parteiversammlungen. Außerdem rumorte immerfort der »Tick« in ihm, als Künstler zu gelten. Wo eine Gelegenheit kam, tobte er seine Phantasie aus. Es gab einen Weißbierwirt in der Naunynstraße, der für Verschönerungen schwärmte. Der erlaubte Alfons Grunow seine Kneipe auszumalen. Nun blickten die Gäste von Berlin SO in einen italienischen Himmel voll Amoretten, die freilich alle etwas schielten und nur linke Füße hatten. An der Decke des Hausflurs sah man Hexen über den Blocksberg reiten — sie erinnerten alle an die biederen Marktweiber vom Oranienplatz. Sogar an einem stillen Ort richtete sich der Blick auf ein Werk Alfons Grunows — Fortuna schüttelte mit holdem Lächeln ihr Füllhorn aus.

Aber zur künstlerischen Betätigung kam Alfons nur selten — daran hinderte ihn seine Politik. Auf den Boden der schlichten Wirklichkeit kam er zum erstenmal, als er sich mit der kleinen Berta beschäftigte. Hier wurde ihm die Klassensünde greifbar. Ein Wildling wuchs auf, von dessen Geburtsrecht nie die Rede war. Alfons gefiel sich darin, Berta als Opfer des Kapitals zu betrachten.

Immerhin gewann er dadurch einen tieferen Einfluß auf sie. Berta fühlte jetzt erst ihre Zurücksetzung. Er zeigte ihr das Problem des unehelichen Kindes und stachelte sie zum Protest. Sie sollte im Leben Sturm laufen und ihr Recht erobern.

Tief und quälend wurde in Berta die Sehnsucht nach dem Dasein der glücklich Geborenen lebendig. Sie träumte mit wachen Augen. Alles wurde ihr zum Gleichnis. Ein Stück Schokolade konnte sie in eine Tiergartenvilla versetzen. Wenn sie am Sonntag ihre neuen Schuhe trug, ließ sie insgeheim die Hand des Onkels los und wanderte mit einem hohen Offizier. Dann stieg sie in einen Hofwagen, der die Kinder des Kaisers fuhr. —

Als Berta acht Jahre alt geworden war, brachte Onkel Tübbeke aus dem Bureau des Rechtsanwalts Schwarz einige Karten für ein großes Wohltätigkeitsfest mit. Es sollte zum Besten notleidender Kinder bei Kroll stattfinden. So konnte man den Geburtstag auf billige Weise feiern. Berta berauschte sich schon vorher an allem, was vor ihr auftauchen sollte — Onkel Alfons aber »streikte« zum erstenmal.

»Da geh' ich nicht mit«, erklärte er mit gesträubten Locken. »Wo die Weiber der Burschoasie sich in ihrem Fett wälzen und Sekt für zwanzig Mark das Glas verkauft wird —«

»Hör' auf, Alfons,« sagte die Mutter, »du redest ja Stuß. Sie machen doch ein Wohltätigkeitsfest.«

»Jawohl! In ihre eigene Tasche! Oh, ich kenne das!«

»Ich will aber hin!« rief Berta mit weinerlicher Energie.

»Natürlich gehn wir!« entschied Onkel Tübbeke. »Glaubt ihr denn, ich bin 'n Affe mit meine schönen Biljets? Der Herr Rechtsanwalt hat selber gesagt: ›Sie haben doch auch gewiß so'n armes Wurm in Ihrer Familie, Tübbeke?‹ Also, hier sind vier Karten — amüsiert euch gut!«

»Da hörst du's, Onkel! Herr Rechtsanwalt hat's selber gesagt!« rief Berta mit roten Backen.

Es kam eine sonderbare Pause. Die Großen sahen sich an und lächelten. Man entschloß sich aber. Onkel Alfons blieb zu Hause — seine Karte erhielt Fräulein Milchner.

Bei Kroll war Doppelkonzert. Kaum war im vorderen Teil des Gartens die ›Tannhäuser‹-Ouvertüre zu Ende, so fing hinten schon der ›Bettelstudent‹ an. Man schob sich langsam durch das Menschengewühl, man sah in die magischen Lampions und in das Gewirr der Gasflammen, die sich in Prismen spiegelten. Wasserspiele gaben flüssiges Gold. »Es ist feenhaft«, erklärte Mutter Grunow, während sie die ersten Schinkenstullen verteilte. Ja, ›feenhaft‹, klang es in der kleinen Berta nach. Das war das richtige Wort. Man wurde endlich dem gemeinen Leben entrückt.

Onkel Tübbeke war ein Musikschwärmer. Er hielt es nicht lange bei Bier und Stullen aus — er wollte von Saro und seinen »Franzern« das ›Carmen‹-Potpourri hören. Dann zog es ihn zu Selchos Kürassieren, die eine richtige Schlachtmusik mit Gebet und Kanonendonner produzierten. Berta lief mit dem Onkel. Sie wollte keinesfalls etwas versäumen — ihr Hunger war heute nicht groß. Als man eben von den Kürassieren ›Heil dir im Siegerkranz‹ gehört hatte — drängte sich Tante Grunow heran und flüsterte: »Bertchen, denke dir, dein Mutterchen ist hier! Eben hab' ich sie gesehen! Sie ist an unsern Tisch vorbeigegangen, zwischen zwei feinen Herren! Gott, so was Nobles! Und nun sagt mir Tante Milchner, daß sie drüben in 'ner Bude steht und Schnäpse verkauft!«

Berta vergaß alles andere. — »Wo?« fragte sie. Sie war ganz bleich, obwohl man eben rot beleuchtet wurde.

Onkel Tübbeke winkte ärgerlich ab: »Na, laß doch, Mathilde!«

»Ich will meine Mutter sehen!« rief Berta und stampfte mit beiden Füßen.

Tübbeke drängte sich zu seiner Schwester: »Du kannst doch nicht mit dem Kind vor die Bude gehn! Womöglich steht der Baron da!«

»Das glaub' ich nicht! Sie ging nicht mit ihrem Mann — das sieht man doch! Wir brauchen ja bloß mal vorbeizugehen, damit das Kind mal seine Mutter sieht! Anquatschen ist ja gar nicht nötig! Verdirb ihr doch die Freude nicht!«

Berta zog die anderen schon fort. Fräulein Milchner führte. Bald blieb man in einiger Entfernung stehen, konnte aber den hellerleuchteten Verkaufsstand gut betrachten. Berta starrte auf eine hohe, blonde, vornehme Frau. Das mußte sie sein — so hatte sie sich ihre Mutter immer vorgestellt. Wie glücklich sie war — wie sie lachte und plauderte! Jedem Herrn gab sie ein gutes Wort.

»Na, nun gehn wir wieder«, drängte Onkel Tübbeke, dem die Situation unheimlich war. Berta stand zwischen ihm und Fräulein Milchner, aber Frau Grunow, die heute erstaunlich regsam war, entwischte. Sie konnte nicht anders — sie mußte sich bemerkbar machen. Dreimal ging sie hinter den Herren, die mit der Baronin sprachen, vorbei. Beim drittenmal gelang es ihr: Liese erkannte Frau Grunow. Sie verfärbte sich, blieb aber jeder Lebenslage gewachsen. Rasch übertrug sie einem jungen Mädchen ihr Amt, entschuldigte sich und verließ den Verkaufsstand.

Sie wußte selbst nicht, was sie trieb. Sinnlose Jahre versanken. Vielleicht war auch ihr Kind da. Sie ging auf Frau Grunow zu. Mit ihrem fürstlichen Federnhut stand sie vor der alten Näherin: »Guten Abend, Frau Grunow! Wie geht es Ihnen denn? Wo ist denn Berta?«

Die Alte war ganz bewegt von so viel Leutseligkeit: »Ach, Berta ist auch da, Frau Baronin. Wir haben dem Kind mal eine Freude gemacht.«

»Wo ist sie? Bringen Sie mich zu ihr. Aber bitte recht unauffällig.«

Berta sah ihre Mutter auf sich zukommen. So etwas Schönes hatte sie nie erblickt. Jetzt fühlte sie eine duftende Hand am Kopf und hörte die leisen, unsicheren Worte: »Kind ... Ja, du bist wirklich hübsch geworden ... Wie mich das freut! ... Du sollst ja auch so brav sein in der Schule ... Ach, Herr Tübbeke ... Verzeihen Sie, Herr Tübbeke — ich habe Sie noch gar nicht begrüßt ... und Fräulein Milchmann ...«

»Milchner«, verbesserte die Lehrerin. Onkel Tübbeke verbeugte sich mehrmals, wußte aber nichts zu sagen.

»Ich muß wieder zu meinen Likören«, sagte jetzt die Baronin. »Eine etwas anstrengende Sache, diese Wohltätigkeit, aber mein Gott, man tut es für die Armen.«

Berta lauschte scharf auf jedes Wort. Sie konnte unterscheiden, daß die ersten Worte der Mutter ganz warm und natürlich geklungen hatten. Was sie zuletzt sagte, klang etwas künstlich und erinnerte sie an die Dame, die den Prolog gesprochen hatte. Auch bemerkten die forschenden Kinderaugen, wie müde und verbraucht das schöne, gepuderte Gesicht war.

»Ich muß fort«, sagte Liese nochmals, die Hand auf Bertas Schulter legend. »Aber nun will ich das Kind doch öfter sehen. Jetzt ist es mir egal, Frau Grunow. Man hat solch nettes Kind und kennt es kaum. Wissen Sie, mein Mann ist jetzt verreist — da geht es ausgezeichnet. Kommen Sie doch nächsten Donnerstag um vier Uhr zu mir — Roonstraße 3 B, nicht wahr, dicht am Königsplatz — kommen Sie mit dem Kind und gehen Sie für alle Fälle über die Hintertreppe — man kann ja nie wissen — ich werde den Portier instruieren. Also vergessen Sie nicht: die Hintertreppe.«

»Gewiß nicht, Frau Baronin. Wir kommen ganz bestimmt, Frau Baronin. Die Kleine freut sich ja schon so —«

»Das ist schön. Ich auch. Aber nun muß ich ihr doch etwas zum Geburtstag geben —«

Liese sah sich suchend um. Da kam ein kleiner Verkäufer mit allerlei Backwerk vorbei. Liese stopfte eine große Tüte voll und legte sie Berta in den Arm. Dann eilte sie fort.

»Nun kommt man weiter«, drängte Onkel Tübbeke. »Es ist auch spät, wir müssen nach Hause.«

Berta war es zufrieden, sie hatte ihre Mutter gesehen. —

Am Donnerstag nachmittag erwartete Baronin Bassenried zum erstenmal Besuch in der Küche. Eigentlich war die Lage nicht ungefährlich, denn der Baron konnte jeden Tag zurückkommen. Ziel und Dauer seiner Reisen waren immer ungewiß, aber Liese hatte inzwischen so viel Einblick in seine Geheimnisse bekommen, daß sie sich auch eines erlaubte.

Im übrigen war vorgesorgt. Friedrich, den Liese am meisten fürchtete, hatte für den ganzen Tag Urlaub. Die Köchin war in die Stadt geschickt worden und konnte erst abends zurückkehren. Auf die Portiersleute durfte Liese sich verlassen. Die hielten es unbedingt mit ihr. Sie grollten dem ›vornehmen‹ Herrn, der das Franseckysche Haus in Verruf gebracht hatte.

Liese lächelte wehmütig, als sie den Kaffeetisch in der Küche betrachtete. Die kleine Berta würde ihn gewiß sehr nobel finden.

Jetzt schlug es vier. Alsbald hörte Liese Schritte auf der Hintertreppe. Sie öffnete vorsichtig die Tür — Frau Grunow stand vor ihr und hielt Berta an der Hand. Rasch wurden sie eingelassen. Liese küßte das Kind und spürte, wie andächtig es den Duft ihres Kleides einsog. Dann saß man am Kaffeetisch.

»Ich habe hier gedeckt, Frau Grunow. Hier ist es gemütlicher. Aber nachher zeige ich euch die ganze Wohnung.«

Die letzten Worte sagte sie mit deutlichem Trotz. Frau Grunow lächelte: »Na, es gab wohl 'ne Zeit, wo Frau Baronin nicht mal an so 'ne Küche gedacht haben.«

Liese errötete und sah auf Berta: »Da haben Sie recht, Frau Grunow. Aber die Hauptsache ist, daß man selbst der alte bleibt. Es ist nicht alles Gold, was glänzt.«

»Nein, Talmi — gibt es auch 'ne Menge und sogar falsche Scheine.«

Liese wandte sich nervös zu Berta: »Nun erzähl' mir mal was von der Schule, Kind!«

Berta sah erstaunt zu ihr auf. Konnte das ihre Mutter interessieren?

»Die denkt jetzt bloß dran, daß sie hier ist,« meinte Frau Grunow, das feine Porzellan und die Wappen auf den silbernen Löffel musternd. »Sie glauben ja nicht, Frau Baronin, was die uns zu Hause gequält hat. Wie verhext ist sie gewesen, dabei war ich natürlich nicht so dumm, ich habe ihr immer wieder gesagt: Kind, hab' ich gesagt, das ist nichts für dich — schlage dir solche Sachen aus 'm Kopp. Das ist doch viel besser für so'n armes Mädchen, nicht wahr ...«

Liese nickte und sah dann unruhig auf die Tür, die zur vorderen Wohnung führte.

»Haben Sie was?« fragte Frau Grunow, Kuchen essend.

»Nein, nein ... Ich dachte nur, ich hatte vorn etwas gehört, aber es war eine Täuschung. Ich bin jetzt sehr nervös.«

»Gott ja, das vornehme Leben —«

»Sein Sie froh, Frau Grunow, daß Sie nichts davon wissen. Bertchen, was hast du nur für nette schwarze Augen —«

Das Kind fuhr auf und griff sich unwillkürlich ins Gesicht. Zum erstenmal wurde ihm etwas über seine Augen gesagt.

»Ach ja, die sind schon hübsch,« meinte Frau Grunow. »Bloß manchmal hab ich Angst, daß sie's Schielen lernt. Sie ist nämlich sehr kurzsichtig. Zu Ostern muß ich ihr 'ne Brille kaufen.«

»Aber pfui! Das sieht doch so häßlich aus.«

Berta sah mit harmlosem Staunen zu Liese auf. Warum denn das? Warum sollte sie keine Brille tragen, wenn sie dadurch besser sehen konnte?

»Eßt Kuchen. Ich muß doch mal horchen. Einen Augenblick ...«

Liese stand auf, öffnete die Tür und lauschte in den Korridor. Das wurde Frau Grunow allmählich unheimlich. — »Sollen wir nicht lieber gehen, Frau Baronin? Es ist schon halb sechs —«

Berta seufzte tief — aber sie wagte keinen Widerspruch. Liese kehrte an den Tisch zurück. Sie war blaß, und ihre ringgeschmückten Hände fuhren unstet umher: »Nein, nein, Frau Grunow. Nach anderthalb Stunden? Das lohnt sich doch kaum. Ich weiß gar nicht, was heute mit mir los ist. Immer kriege ich gleich — wie nennt man's doch? — neulich habe ich erst einen schönen Vortrag drüber gehört — Halluzinationen, glaub' ich —«

»Ach ja, Halunkinazionen? Das ist was mit Nerven.«

Liese lachte müde: »Ja, gewiß! Aber man muß sich dagegen wehren. Man muß — —«

»Jetzt hab' ich auch was gehört!« rief Berta plötzlich, ihre schwarzen Augen auf die Tür richtend.

Liese sprang auf — der ganze Kaffeetisch klirrte. »Glaubt ihr, daß jemand in der Wohnung ist?!«

Rasch entschlossen erhob sich Frau Grunow, packte Bertas Hand und zog sie zur Treppentür: »Komm, Kindchen, komm! Adjö, Frau Baronin. Auf 'n andermal!«

»Bleiben Sie ruhig — —«

In diesem Augenblick wurde vom Korridor aus die Tür geöffnet. Liese sah es nicht sogleich, denn sie wandte dem Eintretenden den Rücken. Frau Grunow aber kam nicht mehr mit Berta hinaus — davonlaufen war nicht möglich.

Der Baron stand in der Küche. Sein harter Blick überflog das überraschende Bild. — »Guten Tag, Lies! Da bin ich wieder! Hier sind ja sonderbare Zustände! Vorn kein Mensch, der mir den Koffer abnimmt — und in der Küche Kaffeebesuch? Was sind das für Leute!«

Frau Grunow zuckte zusammen: »Oh, so weit sehr anständige, Herr Baron! Hochanständige, das kann ich Ihnen man bloß sagen!«

Der Baron sah die Alte von oben bis unten an: »Was wünschen Sie? Ich kenne Sie nicht!«

Jetzt faßte sich Liese: »Du wolltest erst Ende der Woche kommen —«

»Ach, meine frühere Rückkehr stört wohl dein Programm?«

»Laß mich in Ruhe! Du bringst mich in eine Situation —«

»Erst möchte ich wissen, in welche Situation du mich bringst? Wer ist das Kind?«

Nach den letzten Worten ging der Baron auf Berta zu. Die Kleine wich vor dem großen, drohenden Mann entsetzt zurück und klammerte sich an Frau Grunow.

»Laß sie, August! Was fällt dir denn ein? Ist das die Art — —«

»Erst will ich wissen, wer das Kind ist!«

»Nun ja, also! Es ist mein Kind! Mein Kind!! Damit du's ganz genau weißt!«

»Was?! Das bringst du mir ins Haus?! Das wagst du mir vor Augen zu bringen?!«

»Lächerlich! Du brutaler Mensch! Was soll denn das arme Kind davon denken?«

»Ich bin brutal?! Ich bin —?!«

Er packte die Kaffeekanne und schmetterte sie auf die Steinfliesen der Küche. Jetzt riß Berta sich los und stürzte angstvoll die Treppe hinunter. Frau Grunow folgte ihr, so schnell es ging. Noch auf dem Hof hörten sie die wütende Mannesstimme und das Klirren der Scherben. An einem Parterrefenster erschien eine erschrockene, uralte Dame. Die Portiersleute standen blaß im Hausflur. Frau Grunow hatte Berta eingeholt und lief mit ihr auf die Straße hinaus. — »Das will nu 'n vornehmer Mann sein!« flüsterte sie. »Das will nu 'n vornehmer Mann sein!«

»Wer ist es denn?!« fragte Berta mit zitterndem Munde.

»Na, der Baron! Der Mann von deiner Mutter!«

»Der Mann von meiner Mutter? Und ich? Ich bin dran schuld?«