WeRead Powered by ReaderPub
Frau Rietschel das Kind cover

Frau Rietschel das Kind

Chapter 13: ZWÖLFTES KAPITEL
Open in WeRead

Explore more books like this:

About This Book

The narrative follows a young assessor who relocates to a provincial town and becomes enamored of a confectioner’s daughter, prompting him to take a room opposite her shop. As his courtship unfolds, the story examines daily routines, social rituals, and the protagonist’s calculations about career advancement, reputation, and desire. Close observation of neighbors, family protectiveness, and rival suitors reveals the constraints of bourgeois provincial life and the limits of social mobility. Through intimate scenes and civic encounters, the work sketches how longing, prudence, and communal expectations shape personal choices and small-town relationships.

ZWÖLFTES KAPITEL

Liese schloß sich nach dem Zusammenstoße in der Küche drei Tage ein. Das Schlimmste, was in ihrer Erinnerung haften blieb, waren die entsetzten Augen des Kindes. Eine Beschämung ergriff sie, die nicht wieder gutzumachen war.

Was ihr bisher nur gedämmert hatte, jetzt trat es in helles Licht: Nicht Viktor Schwarz war der Verderber ihres Lebens — von ihm brauchte sie keinen Schimpf zu fürchten. Er wahrte die »Form.« August von Bassenried aber hatte sie entwurzelt. In einem Sumpf watete sie. Dieser Mensch würde sich nicht nach ihr umsehen, wenn sie versank und erstickte.

Durch ihn konnte sie nicht Mutter werden, und nun mordete er die Mutterschaft, die ihr gegeben worden. Sie fühlte, daß es zum Widerstande zu spät war. Nicht zu ihrem Kinde konnte sie sich retten — sie hatte es versucht, und der Versuch war mißlungen. Nun gab sie es auf. Berta hatte ihr wirklich nie gehört. Draußen, irgendwo in der Fremde war ihr Platz.

Liese schauderte zusammen. Wenn sie ihm trotzte, würde er sie auf die Straße jagen. Dem Elend war sie nicht mehr gewachsen. Einem seelischen Besitz jedes Opfer zu bringen — diese letzte Kraft des Weibes war in ihr gebrochen. Nun mußte sie laufen, wie der Rattenfänger lockte.

Je mehr diese eisige Empfindung in ihr Platz griff, desto ruhiger wurde sie. Da war es ihr am dritten Tage ihrer freiwilligen Haft ganz lieb, als es pochte. Der Baron konnte es nicht sein, der hätte anders getrommelt. Das Pochen kam von einem Untergebenen.

Sie öffnete — Friedrich stand vor ihr: »Frau Baronin — nun möcht' ich doch mal nachsehen, was mit der Frau Baronin eigentlich los ist? Heute ist der dritte Tag — Frau Baronin hatten doch höchstens ein paar Keks im Zimmer und den Madeira vom letzten Spielabend?«

»Ich habe nichts angerührt. Bloß Wasser hab' ich getrunken.«

»Mein Gott, nun müssen Frau Baronin aber gleich was zu sich nehmen. Ich hab' schon was mitgebracht. Frischen Kaffee und Rührei und Schinken — auch ein alter Kognak wäre zu empfehlen.«

Jetzt spürte Liese doch Hunger, aber sie beherrschte sich: »Erst sagen Sie mir mal, ob sie das von selber bringen, oder ob der Herr Baron es befohlen hat?«

»Der Herr Baron? Den hab' ich ebenso lange nicht gesehen wie die Frau Baronin.«

»Ist mein Mann verreist?«

»Das glaub' ich kaum. Er hat jedenfalls nichts mitgenommen. Er wird wohl wieder eingeladen sein.«

Liese wandte sich von dem tückischen Blick des Dieners ab: »Ich danke Ihnen, Friedrich. Stellen Sie die Sachen nur hin. Ich werde später ausgehen.«

Friedrich horchte auf. Das war ein neuer Ton der Dulderin. Sie hatte das Leben wohl endlich begriffen. —

Als Liese eine Stunde später das Haus verlie,. dachte Friedrich mit zynischem Lächeln: ›Tiptop! Ein schneidiges Weibsbild! Nun wird sie es ihm besorgen, dem alten Laster!‹

Aber Liese ging dumpf und finster durch den hellen Tag. Sie haßte jetzt Dinge und Menschen. Alles kam ihr so überflüssig vor. Die einzige Belebung, die sie spürte, war der Drang, in ein Kaffee zu gehen und drei Schnäpse zu trinken. Der Kellner machte große Augen.

Mit wirrem Kopf kam Liese in die Roonstraße zurück. Friedrich überreichte ihr einen Brief. Das Mädchen der Frau Generalin habe ihn abgegeben.

»Die schreibt an mich?« stammelte Liese mit berauschten Augen. »Die alte Exzellenz schreibt ja noch sehr schön?« Sie las, und der Alkohol plauderte weiter aus ihr: »Wahrhaftig eine Einladung zum Tee, Friedrich! Für heute nachmittag! Ich bin zwar gar nicht in Stimmung, aber da kann man wohl nicht absagen — was meinen Sie?«

»Eine Einladung von Exzellenz?«

»Was wundert Sie dabei? Ich bin noch immer die Baronin Bassenried!«

»Ja, freilich — selbstverständlich! Ich meine bloß — Exzellenz leben doch so zurückgezogen. Das muß schon einen besonderen Grund haben.«

»Werden ja sehen. Gehen Sie jedenfalls 'runter und bestellen Sie, ich werde mit Vergnügen kommen.« —

Liese zog ein neues Kleid an. Es war aus grüner Seide mit echten Spitzen — sie hatte es noch nie getragen. Dazu nahm sie ihren Perlenschmuck. Sie wußte selbst nicht, warum ihr daran lag, möglichst vornehm zu erscheinen. Es galt doch nur die Plauderstunde mit einem uralten Frauchen.

Bei Frau von Fransecky fand man noch den echten Biedermeierstil. Ein zarter, welker Duft war in den dämmerigen Räumen. Die alte Dame kam Liese entgegen. Aus ihrem zerknitterten Gesicht blickten die Augen noch recht lebendig. Liese empfand eine vornehme Freundlichkeit, aber auch ein Mitleid, das ihr verdächtig wurde.

»Kommen Sie, liebe Baronin«, sagte die Exzellenz und führte Liese in das Speisezimmer, wo der Teetisch gedeckt war. »Nebenan im Salon sitzt noch ein Gast, den ich Ihnen gleich vorstellen werde. Eine liebe Überraschung. Denken Sie, mein Neffe Hermann von Rotkraut, eben aus Afrika zurückgekommen. Zwölf Jahre hat er bei der Schutztruppe gekämpft — nun bleibt er endlich in der Heimat. Aber leider, leider« — hier dämpfte Frau von Fransecky ihre Stimme — »er kommt invalide. Ich wußte es schon, aber meine Gäste muß ich darauf vorbereiten. In den schrecklichen Kämpfen hat mein Neffe den rechten Arm und das linke Auge verloren. Denken Sie, er selbst kann darüber scherzen, er hat gesagt: ›Tantchen, ich bringe dir nur ein Fragment.‹ Er ist ein Held, ein richtiger Held, er hat etwas Mythisches in dieser gräßlichen Zeit. Deshalb sieht man natürlich über sein Unglück fort, aber eine junge Dame muß ich vorbereiten ...«

Liese blickte finster und bleich vor sich hin. Dieser Hauptmann von Rotkraut war ihr ganz gleichgültig. Das Einzige, was sie spürte, war die Genugtuung, daß ihr solcher Mann nicht gefährlich werden konnte.

Als die Damen sich gesetzt hatten, erschien der Neffe der Generalin. Er schritt langsam durch das Zimmer, als ob ein Mechanismus ihn lenkte. Dabei wahrte er mit seltsamer Kraft die ritterliche Form. Liese sah jetzt mit stärkerem Interesse in das Gesicht dieses Mannes. Er mochte so alt wie der Baron sein, aber die Jugend, die alles in der Gefahr gefunden, lag noch in seinen zerfurchten Zügen.

Man saß sich gegenüber. Die Unterhaltung kam nur schwer in Gang. Liese wünschte sich weit fort, und die Generalin war zu alt — auch schien sie durch irgendeinen Vorsatz gehemmt. Sie warf von Zeit zu Zeit einen bittenden Blick auf ihren Neffen. Hauptmann von Rotkraut schwieg. Er war zur Verfügung, wenn man seiner bedurfte.

Jetzt gab die alte Frau sich einen Ruck. Sie hielt es nicht mehr aus, sie mußte zum Thema kommen.

»Meine liebe Baronin — Sie haben sich vielleicht über meine plötzliche Einladung gewundert — aber ich habe sie, das will ich Ihnen ganz offen gestehen, mit einem bestimmten Zweck verbunden.«

»Was denn, Exzellenz?«

»Hören Sie zu. Sie müssen etwas Nachsicht mit mir haben — ich bin sehr alt — der einzige Schutz, den ich noch auf der Welt habe, sitzt vor Ihnen —«

»Fragmentarisch, Tante.«

»Ganz richtig, lieber Hermann. Aber das Herz ist unversehrt — Gott sei Dank. Du bist auch aus einem besonderen Grunde sehr geeignet, jetzt mein Ratgeber zu sein. Sie wissen vielleicht gar nicht, liebe Baronin, daß mein Neffe einmal sehr befreundet mit Ihrem Gatten war?«

»Davon hatte ich keine Ahnung. Mein Mann erzählt mir aus früherer Zeit so wenig.«

Jetzt wurde der Hauptmann lebhafter: »Das kann ich mir vorstellen. Es ist zu lange her. Wir waren junge Leutnants damals — bei den Gardekürassieren — man würde es uns kaum noch zutrauen.«

Liese lächelte: »Ihnen schon, Herr Hauptmann.«

Frau von Fransecky ergriff wieder das Wort: »Jedenfalls — mein Neffe kennt Ihren Gatten sehr gut. Ich möchte fast sagen: zu gut. Ich für meine Person — —«

Wieder brach die alte Dame ab und sah hilflos ihren Neffen an. Der griff jetzt endlich ein: »Du möchtest sagen, Tante, daß du nicht über August Bassenried informiert warst, als er in dein Haus zog. Du hast ihn noch gesehen, wie in seiner Knabenzeit. In deinen Jahren ein durchaus verzeihlicher Irrtum. Das werden Frau Baronin zugeben.«

Liese war unruhig geworden. Mit pochendem Herzen sagte sie: »Das klingt ja beinahe, als ob mein Mann hier angeklagt werden soll. Als ob Sie mich dazu eingeladen hätten, Exzellenz?«

Jetzt klappte Frau von Fransecky zusammen. Plötzlich weinte sie: »Aber was sollte ich denn tun?! Liebste, Beste, was sollte ich anfangen? Ihr Mann hat mein ehrbares Haus zu einer Spielhölle gemacht! Ihr Mann hat hier Nacht für Nacht Orgien gefeiert! Der selige Fransecky hätte seine Gäste mit der flachen Klinge hinausgejagt! Jahrelang habe ich das mit angesehen und still geduldet — aber gestern — nun, ich will jetzt nichts mehr zurückhalten — gestern ist die Polizei bei mir gewesen! Es war bei Gott der schrecklichste Tag meines Lebens!«

Liese schwankte es vor den Augen: »Was wollte denn die Polizei bei Ihnen, Exzellenz? Was hat das mit meinem Mann zu tun und mit mir?«

Noch einmal fand die alte Frau ihren mütterlichen Ton: »Mit Ihnen nichts! Ich weiß ja nicht, woher Sie stammen — das lass' ich ganz beiseite, aber wie die Dinge stehen, bin ich überzeugt, daß Sie eine Mesalliance gemacht haben, nicht er! Sie sind Bassenrieds Opfer! Aber noch ist es Zeit, ihn zur Besinnung zu bringen! Das können Sie allein!«

»Ich? Glauben Sie denn, Exzellenz, daß ich Einfluß auf ihn habe?«

Diese Worte kamen so ehrlich aus einer gequälten Seele, daß die Generalin und ihr Neffe sich erschrocken ansahen.

»Kind — armes, schönes Kind — was soll aber werden? Die Polizei nimmt den denkbar mildesten Standpunkt ein. Man will ... Ich kann nicht mehr — Hermann, sag' du es ihr. Ich mußte meinen Neffen in alles einweihen. Sie können sich auf ihn verlassen.«

Jetzt hafteten Lieses verängstigte Augen an dem Hauptmann. Eine Milde kam in seinen starren Blick, die ihr wohltat, indem er seinen ergrauten Bart strich, sagte er: »Ich bin orientiert. Ich würde mich niemals einmischen, wenn ich nicht tatsächlich meine Tante unterstützen müßte. Also, zu fürchten ist noch nichts, Baronin. Die Behörde hat den Standpunkt, daß vor allem das Haus Fransecky geschont werden muß. So hat man also als Richtschnur gegeben: Die Sache soll unterdrückt werden, wenn kein neuer Fall mehr eintritt. Die geringste Wiederholung hätte polizeiliches Einschreiten zur Folge, das heißt Verhaftung des Bankhalters, seiner Ehefrau und seiner Gäste.«

Eine dumpfe Pause kam. Dann fragte Liese, ohne aufzublicken: »Und was soll ich dabei tun?«

Der Hauptmann wischte ein Stäubchen von seinem leeren Rockärmel: »Ich kann Ihre Lage durchaus verstehen. Trotzdem bleibt nichts anderes übrig — Sie müssen Ihren Gatten warnen. Ich würde es selbst übernehmen, aber die Folge wäre ein Duell. Ich kenne Bassenried. Er zieht sich immer durch sinnlose Wut aus der Affäre.«

»Hermann!« rief die alte Frau. »Er wird dich doch nicht mehr herausfordern?«

Die Augenbrauen des Hauptmann zogen sich zusammen: »Warum nicht, Tante? Ich stände zur Verfügung! Mit der Linken schieße ich besser als mancher mit der Rechten!«

»Ich lasse kein Verbrechen mehr geschehen!« rief Liese jetzt, fliegende Röte in den Wangen. »Sie dürfen damit nichts zu tun haben, Herr Hauptmann! Ich werde mit meinem Mann reden!«

Der Invalide sah sie mit verhaltenem Feuer an. ›Armer Trümmer‹, dachte sie und schluchzte leise auf.

Frau von Fransecky wandte sich mit zitternder Geschäftigkeit dem Teetisch zu: »Aber nun wollen wir doch endlich zugreifen. Bitte, liebe Baronin — bitte, lieber Hermann —«

»Ich muß leider wieder um Beistand bitten,« flüsterte der Hauptmann.

Liese sprang auf: »Aber bitte! Wozu bin ich denn da? Was darf ich Ihnen geben?« —

Als sie gegen Abend in ihre Wohnung hinaufkam, sagte Friedrich mit verschmitztem Lächeln: »Herr Baron ist nach Hause gekommen. Er sitzt im Eßzimmer und wartet.«

Sie nahm sich zusammen. Diese Gelegenheit ließ sie nicht vorbei. Rasch trat sie ein. Bassenried fuhr auf. Sie hatte ihn seit der Szene in der Küche nicht mehr gesehen. Nun spürte sie sofort, daß er Versöhnung suchte. Aber sie ließ sich nicht von ihrem Vorsatz abbringen. Während er sie halb zärtlich, halb mißtrauisch betrachtete, aßen sie schweigend. Dann sagte Liese ihm alles, ohne den Hauptmann zu erwähnen.

»Fatal«, murmelte Bassenried nach einer Pause. »Alles wird einem abgeschnitten. Wie soll man doch existieren?«

»Anders, August.«

Er konnte ein höhnisches Auflachen nicht unterdrücken: »Das mußt du mir erst mal vormachen! Für die braven Berufe der ›Verkrachten‹ bin ich nicht geeignet! Ich werde kein Versicherungsagent! Du bist natürlich eingeschüchtert worden! Du siehst unsere harmlosen Abende als Verbrechen an! Ich möchte nur wissen, wie die alte Mumie da unten Wind bekommen hat! Da muß doch etwas dahinterstecken! Wir müssen denunziert worden sein!«

»Das ist jetzt gleich.«

»Für mich durchaus nicht!«

»Ich bitte dich, August. So geht es nicht länger. Du mußt mir jetzt versprechen, daß kein Anlaß mehr gegeben wird —«

»Ich verspreche gar nichts! Frauen habe ich noch nie etwas versprochen! Aber ich werde selbstverständlich tun, was richtig ist!« —

Sie kam nicht weiter. Die nächsten Tage schienen freilich zu bestätigen, daß er gewarnt war. Er änderte sein Leben. Gäste brachte er nicht mehr mit — jeden zweiten Abend blieb er bei Liese. Sie hätte den ungewohnten Frieden genießen können, wenn sie nicht deutlich den Zwang gespürt hätte, den er sich auferlegte. Sein Blick wurde immer abwesender, die Unterhaltung stockte. Er mußte furchtbare Sorgen haben. Aber sie stand hilflos vor seiner Pein. Sobald sie in ihn drang, fauchte er wie ein krankes Raubtier.

Müden Ekel schleppte sie von Tag zu Tag. Oft sehnte sie sich nach den starren, aber ehrlichen Zügen eines Verstümmelten. Am nächsten Sonntag kam der Baron mit einer Überraschung an den Frühstückstisch: »Wir wollen heute nach Hoppegarten, Lies. Habe eben einen Jugendfreund getroffen, Hauptmann von Rotkraut, von der afrikanischen Schutztruppe, unglaublicher Kerl, total zusammengeschossen, aber immer noch ein Mann. Übrigens Neffe von der alten Fransecky — hast du mal von ihm gehört?«

Liese schien sich zu besinnen — dann schüttelte sie langsam den Kopf.

»Er ißt mit uns, und wir fahren nach Tisch. Will Rotkraut meinen Reitstall zeigen. Den kennst du ja auch noch nicht?«

»Ist der nicht in Karlshorst?«

»Unsinn! Hoppegarten!«

Der Hauptmann kam. Er spielte seine Rolle noch geschickter als Liese. Er ließ sich ihr vorstellen, als hätte er sie nie gesehen. Das Bewußtsein, ein Geheimnis mit diesem Mann zu haben, hob Liese ein wenig. Sie bewährte sich beim Mittagessen als graziöse Wirtin. Der Blick des Hauptmanns versenkte sich oft in ihr Bild, und er überhörte Bassenrieds Fragen. Der Baron nahm ihm das nicht übel. Hauptmann von Rotkraut konnte ihm nicht gefährlich werden. Wohlwollend gönnte er dem armen Jugendfreunde das bißchen Augenweide.

Sie fuhren guter Dinge nach Hoppegarten. Liese war jetzt doch auf den Besitz ihres Mannes begierig. Hatte er wirklich noch Pferde? War nicht alles längst verspielt? Aber sie schritten durch einen langen, vornehmen Stall, und der Baron beklopfte einige Renner, wie es nur stolze Besitzer taten. Liese war verwirrt. Sie wechselte Blicke mit dem Hauptmann.

Da fügte es sich, daß der Baron mit seinem Jugendfreunde vor den Stall hinaustrat, während Liese noch bei den Pferden blieb. Jetzt sah sie, wie ein anderer Herr, den der Baron offenbar nicht bemerkt hatte, durch eine Seitentür in den Stall trat. Der Jockei, der Liese alles erklärt hatte, wandte sich sofort zu ihm, devot, wie zu seinem eigentlichen Herrn. Als der Fremde durch die Seitentür wieder verschwunden war, kam es über Liese, den Jockei zu befragen: »Wer war das, bitte?«

Das harte Gesicht des Engländers lächelte: »Das war Graf Keßler, der Besitzer des Stalles.«

»Aber der Stall gehört doch meinem Mann?«

Der Jockei zuckte die Achseln: »Tut mir leid, gnädige Frau. Ich kann nur sagen, was ich weiß. Der Stall gehörte allerdings mal Ihrem Mann, aber vor einem Jahr ging er in den Besitz des Grafen Keßler über. Spielverluste, wie man sagt.«

Liese wußte genug. Sie trat zu den beiden hinaus. Schamröte war in ihrem Gesicht, wie einst in Strelenwalder Tagen. Als der Baron eine Frage an sie richtete, antwortete sie nicht. Er begriff, was geschehen war. In stiller, bohrender Wut ließ er ihren Zorn über sich ergehen. Sie war teilnahmlos für alles Sportliche. Nur wenn es galt, dem Hauptmann behilflich zu sein, wurde sie lebhafter.

Bassenried haßte Liese von diesem Tage an. Er fühlte ihre Verachtung — die zerriß das letzte Band. Liese erwartete ihn an den nächsten Abenden vergebens. Als er eine Woche verschwunden war, erschien eines Morgens der Gerichtsvollzieher in der Wohnung. Er brachte Forderungen von 125000 Mark. Ob Frau Baronin die decken könne? Liese zuckte die Achseln. Sie habe 17 Mark 50 Pfennige im Hause. Da wußte der Mann Bescheid. Er begann seine Arbeit. Alle Möbel, bis auf die notwendigsten, wurden versiegelt.

»Ja, das ist peinlich«, sagte der Gerichtsvollzieher zu Liese, die mit schlaffen Händen dabeistand. »Die Sachen hier kenn' ich nämlich schon. Die hab' ich schon mal in der Hitzigstraße versiegelt. Aber damals hat es die Familie vom Herrn Baron noch in Ordnung gebracht. Jetzt scheint es damit auch Essig zu sein. Wo ist denn eigentlich Ihr Herr Gemahl?«

»Das weiß ich nicht«, flüsterte Liese. —

Auch Friedrich war fort. Am nächsten Morgen verschwand die Köchin. Die Möbel wurden allmählich abgeholt. Man ging an der stummen, blassen Frau vorbei, als ob sie ein wertloser Gegenstand wäre. Nur etwas Schmuck und ihre Kleider ließ man ihr.

Sie faßte keinen Entschluß. Es war ihr völlig gleich, wo sie lebte, ob sie lebte. Nach einsamen Tagen kam ein Brief:

Hamburg, 5. September.

Liebe Liese, ich mußte den Entschluß fassen, der alten Welt den Rücken zu kehren. Forsche mir nicht nach, es hat keinen Zweck. Wir werden uns nicht wiedersehen. Es zieht mich in das große Leben, für das ich geboren bin. Ich bin ein Abenteurer — leider kroch ich viel zu oft bei den Philistern unter. Um deine Existenz brauche ich mir keine Sorge zu machen. Du kannst noch mancherlei verkaufen, außerdem bist du jung und schön und kannst wieder zum Theater gehen. Ich überlasse es dir, ob du die Scheidung einleiten willst, oder ob du es für nützlicher hältst, Frau Baronin Bassenried zu heißen. Überlege es dir. Ich kann dir nichts hinterlassen als meinen Namen. Lebe wohl. Ich sage nicht auf Wiedersehen.

August Bassenried.


Liese saß seit Stunden regungslos, den Brief in der Hand. Plötzlich schloß die Portierfrau die Flurtür auf. Sie ließ Hauptmann von Rotkraut ein. Liese zuckte zusammen, denn sie hörte den Invaliden über den Gang tappen. Bald stand er vor ihr.

»Baronin,« sagte er leise — »ich bitte tausendmal um Vergebung, aber die Sorge veranlaßt mich ... Ich komme auch im Auftrage meiner Tante ... Wir mußten fürchten, daß Sie der Not ausgesetzt sind ...«

Jetzt hob Liese den Kopf: »Ich danke Ihnen sehr, Herr Hauptmann. Aber an mir ist nichts mehr gelegen. Mir ist auch nicht zu helfen.«

Der Hauptmann ließ sich bei ihr nieder: »Es wäre frevelhaft, wenn ich dieser Behauptung zustimmte. Das Verbrechen, das Bassenried an Ihnen begangen hat, muß wieder gutgemacht werden.«

Sie reichte ihm den Brief.

Er las und zitterte leise: »Jetzt hat er kein Recht mehr auf Sie.«

»Das ist wahr.«

»Was haben Sie vor?«

»Eigentlich — ein Ende machen. Das ist das einzige, was ich ganz klar sehe. Ich wäre besser nicht auf der Welt.«

»Baronin ...«

Sie fühlte, daß er ihre Hand ergriff. Da schluchzte sie einmal auf und lehnte ich in den Sessel zurück. Nach einer Pause hörte sie ihn weitersprechen: »Baronin — ich habe auch kein Recht auf Sie. Ein Mann, wie ich, darf nicht zu einer Frau, wie Sie es sind, aufblicken. Aber was ich darf, und was ich muß — das ist: mich Ihnen gänzlich zur Verfügung zu stellen. Hierin liegt der einzige Wert, den ich noch habe. Das Vaterland — na ja. Man kriegt seine Orden, man wird Major, aber das sind Surrogate — das Leben ist es nicht. Ich stehe allein, ich habe keine Aufgabe mehr. Erlauben Sie mir, daß ich Ihnen jetzt diene.«

Liese sah ihn mit ihren schönen, feuchten Augen an: »Das ist so lieb von Ihnen und so ehrenvoll für mich. Aber Sie überschätzen mich, Herr Hauptmann. Ich glaube es wäre viel richtiger, wenn ich Ihnen dienen würde ...«

Er saß gebückt: »Wenn ich Sie nicht mißverstehe ... Sie sprechen eine Hoffnung aus, die mir unglaublich erscheint. Der Begriff, den ich von der Ehe habe, ist groß. Ich nehme die Ehe heilig. Aber wie würden Sie denken, wenn Sie erst wirklich wüßten, an wen Sie Ihr Leben gebunden haben?«

»Das weiß ich schon!«

»Elisabeth! ...« Er fand diesen Namen aus sich selbst. Dann bezwang er das Schluchzen in seiner Stimme: »Ich habe nur noch schlechte Jahre vor mir. Der Arzt hat mich aufgeklärt. Ich werde mich immer weniger bewegen können. Mein Organismus hat zu große Opfer gebracht. Das muß ich Ihnen sagen. Ich bin anders als Bassenried, Sie werden es besser bei mir haben — das steht fest. Aber zur Reue und Untreue sind wir beide zu schade.«

Liese nahm seine matte, starke Hand und hielt sie fest: »Ich will mich aber rein baden. Verstehen Sie mich doch. Ich will einem Menschen endlich was sein. Wenn ich bei Ihnen bereue oder untreu werde, dann wär' ich ja nicht wert, mit Ihnen zu reden. Die ›gesunden Männer‹ kenn' ich. Jetzt besinn' ich mich drauf, was ein Christenmensch soll.«

Er bückte sich und küßte immer wieder ihre Hand.