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Frau Rietschel das Kind cover

Frau Rietschel das Kind

Chapter 15: VIERZEHNTES KAPITEL
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About This Book

The narrative follows a young assessor who relocates to a provincial town and becomes enamored of a confectioner’s daughter, prompting him to take a room opposite her shop. As his courtship unfolds, the story examines daily routines, social rituals, and the protagonist’s calculations about career advancement, reputation, and desire. Close observation of neighbors, family protectiveness, and rival suitors reveals the constraints of bourgeois provincial life and the limits of social mobility. Through intimate scenes and civic encounters, the work sketches how longing, prudence, and communal expectations shape personal choices and small-town relationships.

VIERZEHNTES KAPITEL

Frau Grunow lauschte an der Tür, die zum Korridor führte. Nun flüsterte sie Onkel Tübbeke zu: »Da kommt sie aus der Schule! Natürlich wieder mit Alfons! Der erzählt ihr vom Zukunftsstaat, der Dusel!«

»Na, zu mir hat sie gestern noch gesagt: ›Weißt du, was ich sein möchte, Onkel? Die Prinzessin Viktoria Luise.‹«

»Unser Kaiser seine Tochter? Kunststück, 'ne Prinzessin hätt' ich auch mal sein mögen. Aber wenn man im Dalles geboren ist ... Aber das von ihre Mutter, das sag' ich ihr jetzt.«

»Von ihrem Vater? Bist du verrückt?«

»Mensch, sitzt du denn auf den Ohren? Von ihre Mutter hab' ich gesagt! Ich kann nicht so schreien — sie steht mit Alfons in der Küche und nascht Backpflaumen.«

»Du willst ihr sagen, daß die Baronsche noch mal geheiratet hat? Und daß sie wieder in Strelenwalde wohnt? Mathilde, du weißt doch, sie hat sich extra ausbedungen, daß das Kind auch davon nichts erfährt.«

Frau Grunows magere Gestalt krampfte sich: »Ja, ja! Das weiß ich ja alles! Aber die hat ja'n Vogel! Was die sich einbildet! Erst bringt sie das Kind auf die Welt, und dann läßt sie's liegen, und dann angelt sie wieder nach ihr, und dann schmeißt sie sie noch mal weg! So'n Kind ist doch auch'n Mensch! Die wird ja ganz konfus gemacht, und an der Mutter hängt sie! Pfui Deibel, sind das Leute!«

Onkel Tübbeke zündete sich gelassen seine Hängepfeife an: »Mathilde, du redest immer, wie dir die Sachen passen. Was ein Jurist ist, wie ich, der geht von den andern aus. Mit dem Baron ist es nichts gewesen — nun hat die Liese noch das Schwein gehabt, nun hat sie einen richtigen Schentelmann gekriegt, einen adligen Offizier, wenn sie ihn auch in Afrika kaputt geschossen haben. Es ist eben ein Mann, der von ihre Vergangenheit nichts wissen darf. Die Hauptsache ist, daß wir beide das Maul halten. Ich kenne Herrn Schwarz — er ist übrigens schon Justizrat. Mathilde, nicht mehr bloß Rechtsanwalt — wenn der das Kind nicht will und hört, daß ich mit Berta zusammenwohne, dann bin ich auf meine alten Tage ohne Stellung!«

Frau Grunow sah, daß ihr Bruder vor Erregung zitterte. — »Das ist doch übertrieben,« sagte sie begütigend.

»Nee! Ich kenn' ihn!«

»Na, du kannst ganz ruhig sein — vor ihm wird sie nie was erfahren. So schlau bin ich auch noch! Ich werde uns doch nicht unglücklich machen. Aber das von ihre Mutter, das soll sie jetzt hören — da brauchen wir ja keine Rücksicht zu nehmen, und man hat doch auch 'n bißchen Mitleid mit so'n Kind.«

Jetzt trat Berta in die Stube. Sie war klein geblieben, aber etwas Zierliches und schnell Entschlossenes hatte sie. Ihr Wesen war nicht gewöhnlich, man wurde auf sie aufmerksam. Aus dem nervösen Gesichtchen blickten kluge, dunkle Augen. Sie schien beständig auf geheimer Suche zu sein. Auch heute blickte sie wieder forschend auf die Anwesenden, als sie die Stube betreten hatte.

»Mahlzeit, Onkel. Mahlzeit, Tante.«

»Mahlzeit, mein Kind. Läßt Alfons uns auch noch'n paar Backpflaumen übrig?«

Berta lachte kurz: »Wie kommst du denn darauf?«

»Ich meine man bloß. Wär' nett von ihm. Na, du freust dich wohl schon auf die Handelsschule?«

Berta sah erstaunt auf. Tante Grunow war ja heute so liebenswürdig? Steckte da etwas dahinter? — »Ach, ja, Tante — die Gemeindeschule kriegt man wirklich satt. Da sind die Mädchen doch alle so'n bißchen ordinär.«

»Na, na,« murrte Onkel Tübbeke. »Bilde dir man bloß nichts ein. In der Handelsschule kommst du auch nicht mit lauter Komtessen zusammen, und mit der Prinzessin Viktoria Luise erst recht nicht.«

Die Kleine merkte den Spott. — »Ach, die!« rief sie schnippisch und etwas affektiert. »Die lieb' ich allerdings! Die lieb' ich!«

»Mach' du man deine Schule gut zu Ende«, sagte Tante Grunow. »Zu vornehm bist du wahrhaftig nicht dazu. In der Handelsschule wird's dann anders. Da heißt es, sich drauf vorbereiten, was ein Beruf ist und sein Brot verdienen — da wird man Buchhalterin oder so was.«

»Das weiß ich ja alles, Tante!« Berta hatte mal wieder ihren arroganten Ton. Sie setzte sich ans Fenster, schlug die Beine übereinander und vertiefte sich in ein Buch. Es war ein zerschlissener Engelhornroman. Berta mußte die Augen dicht auf das Blatt senken.

»Warum trägst du denn die Brille nicht?« fragte die Tante streng. »Du bist wieder ohne Brille nach Hause gekommen. Der Doktor hat extra gesagt —«

»Ach, Tante, laß mich doch! Die Brille paßt mir, glaub' ich, nicht. Da tun mir immer die Augen so weh. Die ist gewiß zu scharf.«

»Na, so was! 'ne halbe Stunde hat der Doktor dir die Augen untersucht, und nun soll die Brille auf einmal nicht passen! Nein, ich will dir sagen, was dir nicht paßt: Die Brille ist dir nicht schön genug! Wegen der Leute! Aber ellenlange Hacken an die Schuhe, die übermorgen schief getreten sind, bloß damit sie ein Endeken größer aussieht — das geht! Das paßt! Was sagst du zu so'n Jör, Adolf?«

»Ich werde ihr zu Weihnachten 'n Longjong schenken, mit'n langen Stiel aus Schildpatt — das ist auch was für Viktoria Luise«, meinte Onkel Tübbeke paffend.

Berta sprang auf. Sie lachte, schluchzte aber auch plötzlich: »Ach, Gott — ich versteh' euch gar nicht! Also, damit ihr's wißt: Die Brille ist zu scharf, und deshalb schiel' ich immer ein bißchen, wenn ich sie aufhab'. Das haben sie mir in der Schule gesagt, und in Wirklichkeit schiel' ich doch gar nicht, und ohne die Absätze halten sie mich für bucklig!«

Man spürte ihre Erregung. Es war klüger, das Thema ruhen zu lassen. Berta war jetzt von krankhafter Reizbarkeit. Früh setzten ihre Entwicklungsjahre ein.

Jetzt latschte endlich Alfons in die Stube. Er fuhr sich mit beiden Händen durch das Lockenhaar und sagte lakonisch: »Essen, Mutter!«

Man setzte sich. Es gab Mohrrüben mit Kartoffeln, ein Essen, das Berta nicht liebte. Sie hatte sich bei Werkmeister und Retzdorff in der Oranienstraße wieder ein Viertelpfund gefüllte Schokolade gekauft und während des Heimweges aufgegessen. Gegen diesen plötzlichen Heißhunger auf etwas Ungewöhnliches konnte sie sich nicht wehren. Die Schaufenster der Delikatessen- und Konfitürengeschäfte bannten sie. Was aus ihren Finanzen werden sollte, war ihr freilich ein Rätsel. Sie bekam zwei Mark Taschengeld für die Woche und hatte am Mittwoch schon eine Mark dreißig ausgegeben. Dann sollte sie noch die Pferdebahn und womöglich Schulhefte bezahlen. In der Puppenklinik — das wußte niemand — lag Viktoria Luise, ihr Liebling. Das arme Kind mußte sie endlich auch einmal abholen. Das gab wieder eine Rechnung. Nun, Berta fühlte sich, wie ein Börsenspekulant. Sie lebte und ließ sich treiben.

Zerstreut stocherte sie in dem Essen herum. Dieser Anblick ärgerte Tante Grunow. Nun nahm sie ihr vollends den Appetit.

»Du, Mädchen, heute kann ich dir mal was von deine Mutter erzählen. Ja, starr' mich nicht so an — heute weiß ich wieder mal was von deine Mutter!«

Bertas Gabel fiel auf den Teller. Onkel Tübbeke aber sagte entrüstet: »Na, so was! Weißt du, Mathilde, ich begreif' dich manchmal garnicht!«

»Wieso denn? Sie will doch immer alles wissen? Du hast eben keine Ahnung von so'n Kind!«

Berta saß zitternd da. Ihre Augen waren von Tränen gefüllt. — »Was ist denn mit Mutter, Tante?«

»Nichts Schlimmes. Hab' man keine Angst. Nun hast du doch jahrelang nichts von ihr gehört, und nun weißt du doch wenigstens, daß sie wieder Glück hat. Es ist ihr ja wirklich zu gönnen.«

Die Kleine starrte schweigend vor sich hin. Die Mutter war ihr so fremd geworden, die kümmerte sich gar nicht mehr um sie. Dennoch — sobald nur der Name genannt wurde, erwachte ein brennendes Interesse in Berta. Es war der tiefste Zusammenhang, der nicht absterben wollte.

Jetzt griff Alfons ein. Er hatte eine riesige Portion Mohrrüben vertilgt und sagte mit düsterer Miene: »Erwarte du dir man nichts davon, Berta. Ich überseh' die Sache. Deine Mutter ist von die Burschoa zu die Junkers übergegangen. Überall läßt sie sich ausnutzen, überall ist es derselbe Verrat am Proletariat.«

»Quatsch mit Soße«, erwiderte Frau Grunow. »Sie hat sich wiederverheiratet. Lange schon.«

Berta war aufgefahren: »Mit wem?«

»Von Rotkraut heißt er. Lache nicht, Alfons — du denkst natürlich an Rotkohl. Der Mann ist Hauptmann a. D. Jetzt ist er sogar schon glaub' ich Major. Er soll man bloß ein Krüppel sein, aber das macht nichts. Deine Mutter hat einen vornehmen Mann, und der Baron war ein Schubjack.«

»Sind sie in Berlin?« fragte Berta leise.

»Nein, Kind, die haben gewußt, was sie tun. Seit Jahren sitzen sie schon in Strelenwalde, wo deine Mutter her ist, und da haben sie die Konditorei von deinem Großvater geerbt.«

Alle schwiegen. Berta machte bei dem Wort Konditorei unwillkürlich ein lüsternes Gesicht. Alfons aber schlug lachend mit der Faust auf den Tisch: »Na, nu wird's Tag! Der Herr Major ist Konditor in Strelenwalde geworden! Aber das gefällt mir von dem Mann! Der ziert sich nicht, der macht jede Arbeit!«

»Rede nicht so'n Stuß, Alfons. Seine Frau führt natürlich das Geschäft. Der Major kommt nicht mehr aus seiner Stube 'raus — der sitzt eine Treppe höher und liest die Kreuzzeitung.«

Berta war ruhiger geworden. Ein eigentümlich bitteres Lächeln kam auf ihr blasses Gesicht. — »Na schön«, sagte sie scheinbar gleichgültig. »Es freut mich wegen Mutter. Mich geht die Sache ja schließlich nichts an. Da sie mir nichts mitgeteilt hat ...«

»Was soll sie dir denn mitteilen?«

»Na, sie ist doch schließlich meine Mutter, Tante.«

»Das schon. Aber du mußt bedenken, Kind, der Major will ebensowenig von dir wissen wie der Baron.«

»Aha!« stieß Alfons zwischen den Zähnen hervor. Mit drohendem Nicken sah er Berta an: »Da haben wir's! Auf die Welt kommen, ohne gefragt zu werden! Dann heißt es: Nun werde fertig mit der Welt! Nun laß dich knuffen und piesacken und leiste noch was und werde noch ein ›nützliches Mitglied der menschlichen Gesellschaft‹!«

Onkel Tübbeke rückte heftig mit dem Stuhl: »Weißt du, Alfons, wenn ich nicht ein gebildeter Mann wär', tät' ich jetzt zu dir sagen: Halt die Schnauze!«

Alfons sprang auf: »Ob du das sagst oder nicht, Onkel, das ist mir Wurscht! Ich weiß Bescheid! Und Berta — da verlaß dich drauf — die auch!«

Er verließ die Stube.

»Der Junge«, stöhnte Frau Grunow. »Der wird immer schlimmer. Hör' bloß nicht mehr auf den, Berta — dann ist es ganz mit dir aus.«

Berta schüttelte langsam den Kopf: »Onkel Alfons ist der einzige, der richtig mit mir reden kann.«

»Na, du mußt es ja wissen. Du bist eben ein undankbares Balg. Ja, das bist du! Willst du nun hören, was ich dir von deiner Mutter zu erzählen habe, oder nicht?!«

»Die Tierquälerei halt' ich nicht aus!« — Mit diesen Worten verließ auch Onkel Tübbeke die Stube. Berta war mit der Tante allein. Sie trotzte, aber sie fürchtete nur eines: daß die Tante jetzt gekränkt sein und schweigen könnte. Das war das Schlimmste. Im Innersten sehnte sie sich ja nur nach jeder Neuigkeit von der Mutter. Daß der Vater für immer im Dunkeln bleiben würde, damit hatte sie sich abgefunden.

Tante Grunow ließ sich herbei. Da kamen nun wunderliche Dinge zu Tage. Nicht nur die Tatsache: ihre gesunde, junge Mutter hatte einen alten Invaliden geheiratet, sie führte als Frau Majorin eine Konditorei weiter — das war es nicht allein: ihr Gatte schien der reine Märchenmann zu sein. Er hatte Afrika nach Strelenwalde gebracht. Wenn es wirklich so war — in dem Konditorladen bediente ein baumlanger Neger? Strelenwalde mußte ja auf dem Kopf stehen.

»Na, was sagst du dazu? Das gefällt dir wohl! Was?« fragte Tante Grunow nach einer Pause.

Berta nickte mit verträumtem Lächeln. Dann flüsterte sie: »Ich möcht's gern sehen.«

Halb erschrocken, halb energisch erwiderte Tante: »Nein, Kind, das laß dir man ja nicht einfallen! Das will deine Mutter auf keinen Fall! Sie hat mir geschrieben: Berta darf nie nach Strelenwalde kommen! Ich mein' es auch weiter gut mit ihr und schick' ihr immer was — aber sie paßt nicht mehr zu mir, ich habe Rücksichten zu nehmen!«

Nun war es gesagt. Berta schwieg dazu. Die erwartete Auflehnung kam nicht. Sie schien ihr Schicksal hinzunehmen. Das einzige, was ihr anzumerken war, blieb ihre gebückte Haltung. Die sah man sonst bei einem Mädchen ihres Alters nicht.

Sie konnte es nicht begreifen. Tatsachen standen vor ihr, keine Begründung. Wenn sie ein fleißiger, sauberer, anständiger Mensch wurde — wen konnte sie noch stören? Wer durfte sich ihrer schämen? So dumm und grausam kamen ihr die Menschen garnicht vor. Vielleicht waren sie nur in Strelenwalde so. Schwer empfand sie es, daß es keine Stelle gab, wo sie sich aussprechen konnte. Onkel Alfons faßte immer alles gleich politisch auf. Der kam auf das ganze Volk und schließlich auf den Kaiser. Ihre arme, kleine Person ging bei den großen Reden leer aus. Nein, es blieb ihr nur der eigene Weg — aber der war steil und dunkel.

Zuweilen versuchte sie es noch, sich traumhaft in die Romantik von Strelenwalde zu versetzen. Sie spürte der Mutter mit ihrer Phantasiekraft nach. Bald aber versiegte dieser Trieb vor den bösen, kalten Worten: »Nie darf Berta nach Strelenwalde kommen!« —

Eigentümlich gleichgültig blieb sie gegen den Menschen, dessen Schutz sie empfohlen war. Sie wußte, daß sie einen Vormund hatte, aber es fiel ihr niemals ein, Fräulein Ottilie Sanftleben in Anspruch zu nehmen. Sie kannte sie nur von einem kurzen Besuch, den die Strelenwalderin in Berlin gemacht — eine halbe Stunde war sie bei Tante Grunow gewesen. Ihre Absicht, das Mündel persönlich kennenzulernen, war allzu pflichtgemäß erschienen. Die Dame hatte ein feines, eigentümlich kühles Wesen. An ihrer Güte brauchte man nicht zu zweifeln, — aber sie schien nur mit kleinen Kindern umgehen zu können — das Problem des heranwachsenden Menschen war ihr zu bedrohlich. Berta verfiel dem Irrtum, daß sie ihrem Vormund eine Last war — das wollte sie keinesfalls. Sie fühlte sich ohnehin genug umhergestoßen.

So kam denn allmählich der bedeutsame sechzehnte Geburtstag heran. Berta war sich eigentlich nicht darüber klar, warum er solche Bedeutung hatte. Im Grunde regte diese Lebensstufe wohl nur ihre Pflegemutter auf. Erst am Geburtstage enthüllte sich die Ursache.

Berta war durch ihre ganze Entwicklung in eine Untugend geraten: sie horchte gern. Man hatte sie immer so im Halbdunkel gelassen, man machte aus Dingen, die jedem Kinde selbstverständlich waren, solches Geheimnis, daß sie unfreiwillig zu dem verwerflichen Mittel griff. Auf solche Weise erfuhr sie doch wenigstens hier und da etwas.

So kam es auch heute, daß man sie noch beim Bäcker glaubte, aber sie war mit ihren flinken Füßen schon zurück und hörte im Korridor eine laute Unterhaltung von Onkel und Tante. Freilich wurde sie auch jetzt von den gewiegten Diplomaten getäuscht: ein Name kam niemals über ihre Lippen. Wenn er einmal kam, so ganz gewiß nicht in der Bedeutung, die Berta aufklärte.

Aber sie erfuhr etwas Wichtiges: ihr sechzehnter Geburtstag hatte eine besondere Bedeutung dadurch, daß nicht mehr für sie bezahlt wurde! ... Also das war es! Die ›Alimente‹ hörten auf! Der große Unbekannte wurde endlich seine lästige Verpflichtung los ...

Es schüttelte Berta. Sie verriet sich fast. Ängstlich zog sie die Hand von der Klinke. Halb fühlte sie sich gehoben, halb auch beiseite gestoßen. Was ihrem Stolz wohltat, kam über Onkel und Tante nur als neue Sorge. Aber ein Name fiel nicht. Berta fieberte und biß die Zähne aufeinander — ein Name fiel nicht! Nur aus dem Ton, wie man von ›ihm‹ sprach, entnahm sie, daß ihr Vater den beiden nicht unbekannt war. Ja, Onkel Tübbeke mochte ihn sogar persönlich kennen. Berta stampfte mit beiden Füßen. Tolle Gedanken kamen ihr: ›Ob ich ihn einfach mal überfalle? Abends, wenn Onkel vom Stammtisch kommt und ein bißchen angesäuselt ist? Dann stell' ich mich unten in den Hausflur und laure ihm auf und lass' ihn nicht vorbei, bis er mir den Namen gesagt hat! Was nachher kommt, ist mir schnuppe!‹

Aber sie vergegenwärtigte sich das Gesicht des alten Mannes, vor dem sie doch einen gewaltigen Respekt hatte. Da ließ sie die verrückte Idee wieder fallen. Sie mußte eben weiter tappen. Blind geboren war sie wohl. Wenn nicht ein großer Zufall ...

Jetzt nahm das Gespräch in der Stube eine Wandlung — man kam auf die Mutter. Das fesselte Berta weniger, aber in ihrer Verlassenheit horchte sie doch mit schmerzlicher Spannung. Tante Grunow schimpfte wieder auf die Frau Major, doch Onkel Tübbeke sagte sarkastisch: »Laß man — die weiß, wo sie bleibt. Außerdem hat sie einen gewiegten Rechtsbeistand.« — »Wer is'n das?« — »Na, rate mal. Schwarz heißt er.« — »Was? Dein Justizrat — —??« »Derselbige. Das hat doch 'n gewissen Humor, nicht wahr? Na, überhaupt die Weiber! ... Aber wo bleibt denn eigentlich Berta? Die muß doch längst zurück sein?«

Onkel Tübbeke ging plötzlich auf die Tür zu. Berta konnte eben noch in die Küche huschen. Als der Onkel erschien, sagte sie unschuldig: »Die Hälfte hab' ich Kaffeekuchen nehmen müssen — Streusel war nicht mehr so viel da, Onkel.«

»Macht nichts«, meinte der Alte gemütlich und gab ihr einen Kuß. Machte ihn der Geburtstag so empfindsam? Berta schämte sich. —

Aber sie wurde bis zum Abend von einem tiefen Triumphgefühl nicht verlassen. Nun wußte sie doch etwas, etwas ganz Wichtiges, und niemand hatte eine Ahnung davon: Sie kannte den Rechtsbeistand ihrer Mutter! Oder vielmehr: Sie konnte ihn, wenn sie nur wolle, kennenlernen. Ob dieser Mann ihr nicht die ersehnte Auskunft gab? Es mußte ja mit dem Teufel zugehen, wenn der Rechtsbeistand ihrer Mutter nicht wissen sollte, wer ihr Vater war!

Aber wie zu ihm gelangen? — Plötzlich stand Berta wieder vor einer hohen Mauer. Sie konnte natürlich jeden Nachmittag hingeben, sie wußte seit Jahren, wo Justizrat Schwarz wohnte: Taubenstraße 24 — aber im Vorzimmer war das unüberwindliche Hindernis. Dort saß Onkel Tübbeke als Bureauvorsteher! An ihm kam sie nicht vorbei. Schon schwammen Berta wieder alle Felle weg. Wie gelähmt saß sie da, während die Geburtstagsgäste freudig auf ihr Wohl anstießen.

Doch über Nacht kam eine schwache Hoffnung: Mit Onkel Tübbeks Husten war zu rechnen. Der arme, alte Mann bellte wieder zum Erbarmen. Vielleicht wurde er doch einmal dienstunfähig. Berta wünschte es innig — ihm zur Erholung, sich zur Befreiung. Sobald er zu Hause bleiben mußte, rannte sie zu Justizrat Schwarz — das stand fest.

Aber Onkel Tübbeke war von einem fürchterlichen Pflichtbewußtsein. Jeden Morgen und bei jedem Wetter zog er, in seinen Wollschal gewickelt, los. Berta hatte das Nachsehen.

Sie tröstete sich, so gut es ging, mit Viktoria Luise. Von dem Gelde, das ihr Alfons zum Geburtstag geschenkt, bezahlte sie die Rechnung in der Puppenklinik. Nun holte sie ihren Liebling aus dem Krankenhause ab. Daß sie schon zu alt fürs Puppenspielen geworden, war Berta wohl bewußt — sie verbarg es auch scheu vor dem Spott der Großen. Aber diese Puppe hatte nichts Kindisches mehr für sie — sie war ein Gleichnis und der Hort ihres Herzens. Nicht ihre Tochter war Viktoria Luise, sondern ihre einzige Freundin. Sie ruhte die unbefriedigte Seele bei dem Traum aus, einer Prinzessin Freundin zu sein. Die Kaisertochter erfüllte den Wunsch des gequälten Volkes: sie holte ihre Vertraute von den Armen und Enterbten. So dichtete Berta. Das Mißverhältnis der starren Puppe in ihren warmen Menschenhänden störte sie nicht. —

Endlich — eines Morgens sagte Tante Grunow verärgert: »Heute bleibt Onkel zu Hause! Ich telephoniere nachher ins Bureau! Der Husten wird ja immer doller — ich tu' schon kein Auge mehr zu!«

Berta zeigte ein scheinheiliges Bedauern. Als die Tante ihr den Rücken gekehrt, machte sie einen Freudensprung. Nun war der Weg frei. Sie wollte es heute schon wahrnehmen. Nachmittags, wenn sie aus der Handelsschule kam, konnte sie nach der Taubenstraße rennen. Onkel Tübbeke erfuhr vielleicht später davon, aber dann war es ihr gleich; dann wußte sie schon, was sie wissen wollte.

Der Nachmittag rückte heran. Nie war ihr eine Wartezeit so schwer geworden. Die Spannung überwältigte sie fast. Sie ging wohl zehnmal an dem Hause in der Taubenstraße vorbei — dann wagte sie sich endlich hinein. An Onkel Tübbekes Stelle saß heute Herr Rudorff, der Schreiber, und fühlte sich. Er spielte den Vielbeschäftigten und ließ Berta länger warten, als nötig war. Dem kleinen, befangenen Mädchen legte er ohnehin keine Bedeutung bei. Es wolle den Herrn Justizrat sprechen? In welcher Angelegenheit? Nun, da stand Berta wie vor den Mund geschlagen. Die Ausrede, die sie erfunden, kam ihr jetzt zu plump vor. Sie faßte sich mühsam und stotterte, es sei sehr wichtig, sie könne aber nur mit dem Herrn Justizrat darüber reden. Herr Rudorff sah sie mißtrauisch von der Seite an und ging zu dem Gestrengen hinein.

Viktor Schwarz hatte eben keinen Klienten vor, aber er war trotzdem von den wichtigsten Geschäften in Anspruch genommen. Onkel Joachim war nämlich gestorben — ein alter Mann, der schon lange nicht mehr auf ihn eingewirkt hatte. Aber nun, da er die Welt verlassen, ändert sich doch viel für den Neffen. Eine große Erbschaft mußte für Tante Klara verwaltet werden. Ihm ›brummte der Kopf‹. Verstimmt blickte er deshalb auf Herrn Rudorff, der wieder mit einem lästigen Klienten kam. Den Namen hörte Viktor Schwarz zuerst nur mit halbem Ohr — er kramte in seinen Papieren.

»Wie heißt die Dame?« fragte er nach einer Weile.

»Prutz, Herr Justizrat.«

Der Chef warf den Kopf herum: »Was sagen Sie?«

»Prutz — so war der Name. Ich glaube mich nicht verhört zu haben.«

»Ja, sagen Sie mal — ist das die Frau Liese Prutz — ich meine, die Baronin Bassenried — ach, nein, so heißt sie ja auch nicht mehr — — also, Frau von Rotkraut — zum Donnerwetter?«

Herr Rudorff machte große Augen: »Nein — Prutz, Herr Justizrat ...«

»Herrgott, ja! Mensch, seien Sie doch nicht so schwer von Begriffen! Frau von Rotkraut, meine Klientin, heißt mit Mädchennamen Prutz — also die ist es nicht?«

»Nein, Herr Justizrat«, erwiderte der Schreiber, gekränkt — »die kenn' ich doch auch, die Dame aus Strelenwalde, nicht wahr? Aber die Dame draußen, das ist überhaupt noch keine Dame, das ist höchstens ein Mädel von vierzehn Jahren.«

Dem Justizrat fiel der Kneifer auf den Schreibtisch: »So alt erst — taxieren Sie sie? Und sie behauptet, sie heißt Prutz?«

Herr Rudorff verbiß sich das Lachen: »Jawohl. Dagegen kann man ja nichts machen.«

»Nein, nein — selbstverständlich nicht — der Name kommt ja öfters vor — hm ... Na, lassen Sie sie eintreten. Oder warten Sie mal — in zehn Minuten — ich habe hier noch was — — sie möchte sich noch zehn Minuten gedulden!«

Der Schreiber ging in das Vorzimmer zurück. Was war denn mit dem Alten heute? So hatte er ihn noch nie gesehen.

Viktor Schwarz lief in seinem Zimmer umher. Jetzt überstürzte sich sein altgewohnter Monolog. Er spürte einen heimtückischen Angriff. Und jetzt gerade, wo er in Berlin den Gipfel erstieg — wo er in der Philharmonie vor dem ›Allgemeinen Bund für ethische Fortbildung‹ sprechen wollte ... Da kam ihm dieses Wesen? ... Aber es konnte ja auch ein Zufall sein. Der Name Prutz war durchaus nicht einzigartig. Wer wußte, welche harmlose Sache das fremde Mädel zu ihm führte? Er hatte sich wohl wieder einmal umsonst aufgeregt.

Jedenfalls war es unklug von ihm, daß er sie vorließ. Doch eine Abweisung konnte erst recht auffallen. Rudorff wußte, daß er jetzt nicht beschäftigt war. Eine Klientin unmotiviert fortschicken? Das war unmöglich. Er mußte es wagen. Gewaltsam stellte er seine kalte Ruhe her. Es konnte ja gar nicht sein. Diskret war Liese und vor allem: sie fürchtete ihn. Der Major war noch schlimmer als der Baron. Entschlossen ging er auf die Tür zu: »Bitte sehr!«

Das Mädchen stand in seinem Zimmer. Es erschien ihm zuerst sehr kindlich. Dann aber sah er ihm ins Gesicht und erkannte, daß es älter war, ja gerade so alt, wie er unwillkürlich nachrechnete. Es war ein hübsches Ding — das freute ihn irgendwie. Im nächsten Augenblick ärgerte er sich über seine Freude.

»Nehmen Sie bitte Platz. Womit kann ich Ihnen dienen, Fräulein?«

Bertas Gedankenflucht stockte. Sie mußte jetzt ihr pochendes Herz bezwingen. — »Herr Justizrat,« stammelte sie, indem sie ihn mit kindlicher Andacht ansah — »ich heiße nämlich Prutz ...«

»Das weiß ich. Davon habe ich schon Kenntnis genommen.«

»Ja und eben — ich wohne nämlich bei Frau Grunow — der ihr Pflegekind bin ich ...«

Viktor Schwarz trommelte nervös: »Aha — so, so ... Und was hat dieser Umstand — verzeihen Sie, liebes Kind — mit Ihrer Angelegenheit zu schaffen?«

»Oh, viel — denn sehen Sie, Herr Justizrat, Frau Grunow ist nämlich die Schwester von Herrn Tübbeke ...«

Der Justizrat zuckte: »Von meinem Bureauvorsteher?«

»Ja, freilich — deshalb bin ich zu Ihnen gekommen.«

»Hm ... So ... Sie sind also die Pflegetochter? Er erwähnte es mir einmal. Es freut mich jedenfalls, daß Sie sich an mich wenden. Freilich — Sie sind doch wohl noch minderjährig?«

»Ich bin sechzehn Jahre.«

»Sechzehn ... hm. Nun, das macht ja nichts. Mit dem Vormund kann ich mich ja später in Verbindung setzen. Wer ist Ihr Vormund?«

»Fräulein Ottilie Sanftleben in Strelenwalde, Herr Justizrat.«

Berta glaubte, daß dem nervösen Herrn diese Vormundschaft nicht recht war. Warum zuckte er so? Sie fügte schnell hinzu: »Ich kenne sie übrigens kaum.«

Viktor Schwarz schneuzte sich: »Das macht ja nichts ... Das macht garnichts ... Hm. Darf ich jetzt fragen, wie Ihre Frau Mutter heißt? Denn es handelt sich doch wohl um Ihre Frau Mutter?«

»Eigentlich auch um meinen Vater, Herr Justizrat. Aber den kenn' ich nicht. Ich weiß nicht mal, wie er heißt, und wo er wohnt. Meine Mutter kann ich jetzt leider auch nicht besuchen. Aber ich kenne sie, und sie heißt jetzt Frau von Rotkraut, Frau Major von Rotkraut. Sie wohnt auch in Strelenwalde.«

Berta hatte das letzte mit einem gewissen Stolz auseinandergesetzt. Es tat ihr doch wohl, daß sie keine so Hergelaufene war.

Viktor Schwarz rieb seine kalten Füße an dem Bärenfell, das unter dem Schreibtisch lag. Er wollte jetzt endgültig sichergehen: »War der Mädchenname ihrer Mutter Prutz? Stammt Ihre Mutter vielleicht aus Strelenwalde?«

»Jawohl, Herr Justizrat. Sie kennen sie doch? Sie sind doch ihr Rechtsbeistand? Oder nennt man's nicht so?«

»Doch — freilich, liebes Kind — so nennt man's ... Hm ... Ja — nun hab' ich doch mal die Tochter vor mir! ... Freut mich sehr! Freut mich wirklich!«

Er versuchte einen launig gutherzigen Ton anzuschlagen. Ganz gelang es ihm nicht. Berta hatte scharfe Ohren. Sie spürte verwundert seine Erregung. Dann geschah etwas Sonderbares: Viktor Schwarz hatte den Kneifer abgenommen und setzte ihn wieder auf. Sofort zogen sich seine schwarzen, kurzsichtigen Augen hinter den scharfen Gläsern zusammen. Das erinnerte Berta an eine eigene Eigenschaft, die ihr zum Mißgeschick zu werden drohte. Sie wurde rot und senkte den Blick. Diese Regung verstand er nicht. Er fühlte sich sicherer mit seinem Kneifer und sagte im bewährten Brustton: »Nun haben Sie mal volles Vertrauen zu mir, liebes Kind. Nun sagen Sie mir rückhaltlos, um was es sich handelt.«

Berta zwang sich, ihm wieder in die Augen zu sehen: »Ach, Herr Justizrat — es wird Ihnen wohl ein bißchen komisch vorkommen —«

»Komisch? Aber durchaus nicht!«

»Es ist nämlich — ich habe nämlich keinen Menschen auf der Welt.«

Sie ärgerte sich, weil ihre Stimme brach — sie wollte nicht weinen. Mit einer energischen Bewegung, die ihn merkwürdig an Liese erinnerte, fuhr sie fort: »Frau Grunow ist ja sehr nett und gut zu mir — und Onkel Tübbeke auch —«

Bei diesem Namen dachte Viktor Schwarz: ›Der alte Schuft! Der hat mir das Balg verheimlicht! Den Schleicher werde ich mir mal kaufen!‹ Aber er nickte Berta aufmunternd zu.

»Es ist nur — die Leute verstehen einen eben nicht. Das sind eben keine gebildeten Leute. Ich gehe auf die Handelsschule, ich lerne Französisch und Englisch, ich will Buchhalterin und Korrespondentin werden.«

»Brav, brav«, sagte Viktor Schwarz.

»Nur immer bloß arbeiten — daraus besteht ja das Leben nicht, Herr Justizrat. Ich weiß nicht, ob ich mich richtig ausdrücke. Man möchte auch sozusagen was fürs Herz. Ich meine — Gott, nun lachen Sie mich gewiß gleich aus. Um Jungens kümmere ich mich natürlich nicht. Das tun die andern. Aber mit Mutter ist es so traurig — erst war sie so nett zu mir — aber dann, wie sie den Herrn Major geheiratet hat, da ist sie ganz kalt gegen mich geworden. Ich kriege sie nie mehr zu sehen. Tante Grunow sagt, ich darf nie zu ihr nach Strelenwalde kommen.«

»Hm ... So ... Weshalb denn? Das versteh' ich eigentlich nicht. Ich kann ja mal mit Ihrer Frau Mutter darüber reden.«

»Ach, ja, Herr Justizrat! Ach, bitte! Denn sehn Sie — ich kann doch eigentlich nichts dafür, nicht wahr? Ich bin doch nicht schuld, daß ich auf der Welt bin? Das sind doch ganz andre Leute! Und Schande mach' ich meiner Mutter wahrhaftig nicht. Ich hab's immer so schwer gehabt, Herr Justizrat — ich weiß, was arbeiten heißt und sein Brot verdienen! Und bitter bin ich auch nicht geworden — im Gegenteil.«

Viktor Schwarz versenkte sich jetzt so in ihren Anblick, daß Berta unwillkürlich zurückwich. Dann aber faßte sie es als wachsendes Interesse auf und sprach in erwachender Beredsamkeit weiter: »Ich dräng' mich auch nicht auf! Nein, wirklich — das ist gar nicht meine Art! Ich will bloß, was mir zukommt! Aber darauf hat doch, glaub' ich, jeder Mensch ein Recht — nicht wahr, Herr Justizrat? Es dauert gar nicht mehr lange, dann steh' ich auf eigenen Füßen und brauche nach keinem Menschen mehr zu fragen! Jedenfalls, wenn meine Mutter sich wegen mir geniert — schön — das muß sie wissen. Aber man hat ja nicht bloß eine Mutter auf der Welt, sondern auch einen Vater, Gott sei Dank, und deshalb bin ich eben zu Ihnen gekommen, Herr Justizrat!«

Der freundliche Justizrat lehnte sich jetzt in seinem Sessel zurück. Er verfärbte sich, es schien ihm plötzlich nicht ganz wohl zu sein. Doch als er Bertas betroffenen Blick sah, winkte er lächelnd ab: »Fahren Sie nur fort, liebes Kind. Es interessiert mich alles sehr, was Sie mir sagen.«

»Na, das freut mich aber! Gott, Sie sind ja auch der einzigste auf der Welt, mit dem ich darüber reden kann!«

»Und — warum, liebes Fräulein?«

»Na, weil Sie doch der Rechtsbeistand von meiner Mutter sind! Ich will Ihnen nämlich sagen: Sie stecken alle gegen mich zusammen! Ich bin noch nicht dahintergekommen, wie es zusammenhängt, aber aus keiner Menschenseele krieg' ich 'raus, wer mein Vater ist! Wie 'ne Blinde tapp' ich 'rum! Dabei glaub' ich ganz bestimmt, daß meine Leute zu Hause es wissen! Sie sagen zwar das Gegenteil, aber Gott weiß, wie die geschmiert worden sind!«

Viktor Schwarz schneuzte sich. Das Taschentuch verbarg jetzt seine Züge — so sagte er gleichsam hinter einem Vorhang: »Und was versprechen Sie sich eigentlich davon, wenn Sie den Aufenthalt Ihres Vaters wüßten? Wäre es Ihre Absicht, sich mit ihm in Verbindung zu setzen?«

Berta wartete erst ab, bis er wieder zum Vorschein kam — dann rief sie: »Aber selbstverständlich! Was Besseres kann ich doch nicht haben auf der Welt!«

»Kind, Kind — da kann ich Ihnen wirklich nicht recht geben. Ihr Herr Vater ist doch, wie ich aus Ihren Mitteilungen entnehme, ein vollkommen fremder Mann für Sie, der nur seinen gesetzlichen Verpflichtungen nachkommt — oder ist das etwa auch nicht der Fall?«

»Doch, doch, Herr Justizrat. Er hat immer für mich bezahlt. Aber nun tut er das auch nicht mehr, weil ich doch jetzt sechzehn Jahre bin, und weil nun jede Verbindung mit ihm aus ist, darum will ich um jeden Preis versuchen —«

»Aha, jetzt kann ich mich schon in Ihren Gedankengang hineinversetzen. Ich persönlich würde Ihnen ja entschieden abraten, die Bekanntschaft Ihres Erzeugers zu suchen. Aber der instinktive Vorgang in Ihnen ist mir natürlich klar, und —«

Berta unterbrach den würdigen Herrn zum erstenmal. Sie fühlte, daß es sich nicht schickte, aber jetzt ging das Temperament mit ihr durch: »Warum raten Sie mir ab? Warum, Herr Justizrat?«

»Weil ich Ihnen ziemlich sicher eine schwere Enttäuschung prophezeien kann. Ihr Vater mag sein, wie er will — eine Jugendtorheit wird man ihm jetzt nicht mehr als Verbrechen anrechnen dürfen — aber die Stimme der Natur ist nicht in ihm, das steht doch fest — er fühlt sich nicht als Ihr Vater, und deshalb wird er es niemals sein können!«

Der Justizrat sprach mit solchem Nachdruck, daß seine Worte zuerst niederschmetternd auf Berta wirkten. Dann aber regte sich ein trotziges Gefühl in ihr: Erst wollte sie doch wissen, mit welchem Recht er so sprach. Erst wollte sie klar sehen, was er von ihrem Vater wußte.

»Herr Justizrat — Pardon — ich meine doch — es könnte doch auch ganz anders kommen! ... Das denken sich vielleicht Herr Justizrat bloß so —«

»Oho, liebes Kind! Ich pflege überhaupt nur zu sagen, was ich mir denke! Wenn Sie etwas anderes von mir erwartet haben, wären Sie besser nicht zu mir gekommen!«

Bertas Augen füllten sich mit Tränen: »Ach Gott — ich bin ja so dumm — ach, werden Sie man bloß nicht böse, Herr Justizrat! Ich bin ja so unglücklich!«

Jetzt weinte sie doch. Er fühlte sein Übergewicht und sagte tröstend: »Beruhigen Sie sich, liebes Fräulein. Tränen führen hier zu garnichts. Von Bösewerden ist bei mir keine Rede. Wenn ich kein Interesse für Sie hätte, würde ich Sie nicht anhören. Darum zur Sache: Was hoffen Sie von mir in Ihrer Angelegenheit? Welchen Dienst soll ich Ihnen eigentlich erweisen?«

Sie sah ihn ringend an: »Ach, Herr Justizrat — ich denke mir: Als Rechtsbeistand von meiner Mutter wissen Sie doch, wer mein Vater ist? Sie kennen ihn doch ganz bestimmt?«

Sie war nahe an ihn herangerückt. Jetzt stand Viktor Schwarz plötzlich auf und ging ohne ernstlichen Grund zum Fenster. — »Nein, ich kenne ihn nicht«, sagte er dort. Seine Stimme klang in diesem Augenblick so eigentümlich, daß Berta etwas Gespenstisches zu hören glaubte. Aber sie sah ihn ja vor sich, wie sonst.

»Ist das möglich?« flüsterte sie mit flackerndem Blick. »Hat denn meine Mutter nie über Vater mit Ihnen gesprochen?«

Er stand dem Fenster zugewendet: »Das wohl. Aber persönlich hatte ich natürlich gar kein Interesse. Ich hatte nur als Jurist zu tun. Und als solcher habe ich mein Amtsgeheimnis zu wahren. Das möchte ich Ihnen zunächst doch sagen, liebes Kind. Ich darf über Angelegenheiten meiner Klienten keine Auskunft erteilen.«

»Auch — mir gegenüber?«

»Auch Ihnen gegenüber!«

Berta senkte den Kopf: »Das hab' ich nicht gewußt.« — Nach einer Weile fragte sie: »Aber er lebt doch?«

»Vermutlich.«

»Und wo? Und wie er heißt?« — Noch einmal entbrannte ihre flehende Sehnsucht.

Viktor Schwarz zuckte die Achseln — dann wandte er sich zu ihr: »Ich kann Ihnen wirklich nichts darüber sagen. So leid es mir tut. Aber einen Fingerzeig will ich Ihnen geben: Ich glaube nicht, daß Ihr Herr Vater für Sie erreichbar ist. Ich vermute ihn irgendwo im Auslande. Er steckt in Interessen, die mit Ihnen nicht das mindeste zu tun haben, Hand aufs Herz: viel mehr könnte ich Ihnen auch nicht sagen, wenn ich dürfte. Genügt Ihnen das?«

Berta erhob sich langsam. Sie nickte stumm, machte einen ungeschickten Knicks und ging zur Tür. »Vielen Dank, Herr Justizrat«, flüsterte sie dort noch — dann war sie schon auf der Treppe. Klare Überlegung kam ihr nicht. Die Enttäuschung war zu überwältigend. Nur zwei sonderbare Empfindungen wurden ihr allmählich bewußt: Sie konnte nicht verstehen, warum der Justizrat so plötzlich zum Fenster gegangen war, und dann das zweite war noch seltsamer: sie sah immer einen Aal vor ich, den Tante Grunow einmal in ihrer Gegenwart auf dem Markt gekauft hatte. Das Tier war bezahlt, aber soviel man sich auch mühte: immer wieder entglitt es den Händen seines Käufers.