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Frau Rietschel das Kind

Chapter 16: FÜNFZEHNTES KAPITEL
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About This Book

The narrative follows a young assessor who relocates to a provincial town and becomes enamored of a confectioner’s daughter, prompting him to take a room opposite her shop. As his courtship unfolds, the story examines daily routines, social rituals, and the protagonist’s calculations about career advancement, reputation, and desire. Close observation of neighbors, family protectiveness, and rival suitors reveals the constraints of bourgeois provincial life and the limits of social mobility. Through intimate scenes and civic encounters, the work sketches how longing, prudence, and communal expectations shape personal choices and small-town relationships.

FÜNFZEHNTES KAPITEL

Viktor Schwarz trat in das Vorzimmer, als sein Sprößling verschwunden war. »Wann kommt Herr Tübbeke zurück?« fragte er streng.

Schreiber Rudorff spitzte die Ohren. Es klang, als ob auch der Bureauvorsteher etwas ausgefressen hätte: »Seine Schwester hat telephoniert, höchstens drei Tage, Herr Justizrat, dann ist er wieder da.«

Der Gestrenge nickte und zog sich zurück. Sein Verhalten dem alten, abhängigen Manne gegenüber war ihm schon klar. Nun aber galt es die Hauptsache. Viktor Schwarz gab sich keiner Selbsttäuschung hin. Der unverhoffte Zwischenfall hatte, wie man ihn auch ansah, Bedeutung. Er konnte unter Umständen eine ernsthafte Störung seiner Laufbahn bringen. Bei dem ersten Einfall, den ›Rechtsbeistand der Mutter‹ zu besuchen, blieb es natürlich nicht. Berta Prutz zeigte ein seltsames Gemisch von Naivität und Beharrlichkeit. Auch fürchtete der Mann, der nichts unbewußt tat, die Macht des Instinktes. Er hatte sich nicht verraten, aber die Kleine konnte von dem Zusammenhang des Blutes gepackt werden.

Vor allen Dingen mußte er an die nächste Zukunft denken. Der ›Allgemeine Bund zur ethischen Fortbildung‹ war ihm gelungen. Was nach einigen Jahren daraus wurde, konnte ihm gleichgültig sein — da war er gewiß schon von einer neuen Mode abgelöst. Jetzt aber sollte ihm der Bund zu einem Reichstagsmandat verhelfen. Erste Bedingung blieb: moralische Unantastbarkeit. Der Schein mußte unbedingt gewahrt bleiben. Eine aufdringliche, kleine Proletarierin aber zerriß diesen Schein. Dazu hatte er wirklich nicht auf Heller und Pfennig die Alimente bezahlt. Ja, wenn es ein ganz besonderes Kind gewesen wäre! Mit hervorstechenden Talenten! Man hätte sich mit ihr zeigen, unter Umständen an die Vorurteilslosigkeit der Berliner appellieren können. Talent war ein Freibrief. Aber hier lauerte nur der triviale Durchschnitt. Das Mädchen war ganz hübsch, wenn auch körperlich zurückgeblieben, doch seine notwendige Entwicklung hielt es unrettbar im Gewöhnlichen.

Nein, er wurde jetzt schon ruhiger. Ins Bockshorn jagte man ihn nicht. »Nie!« flüsterte er, während er vor den Spiegel trat und seine Vatermiene betrachtete. »Nie!« wiederholte er dumpf noch einmal.

»Was denn?« fragte eine frische, etwas spöttische Stimme hinter ihm. Er drehte sich schnell um und sah die Frau, die er seine einzige Freundin nannte. Gusti Bernhardi war ihm unentbehrlich — ihr heller Verstand, ihr sicherer Geschmack konnten ihm immer raten und helfen. Mit wienerischer Leichtigkeit beflügelte sie sein preußisches Strebertum — sie glaubten sich gegenseitig nicht viel.

Viktor Schwarz wurde von einer Erkenntnis befallen: Dieser Frau mußte er alles sagen. Sie hatte ihm schon oft bewiesen, daß sie das Leben fester anzupacken wußte als er. Sein Vorteil war außerdem der ihre — deshalb war sie verschwiegen.

Sie hörte ihn an. Was wirklich in ihr vorging, konnte er nicht erkennen. Eine stille, ironische Heiterkeit war in ihr, eine Schadenfreude fast — sie gönnte ihm den Überfall. Dann zog sie ihn zu sich auf das Sofa und sagte: »Ja, lieber Schatz, mir scheint, die einzige Schuld bei der Sache hat die Frau Major. Sie ist diskret, ja, ja — du brauchst nicht zu fürchten, daß das Mädel von ihr die Wahrheit hört — aber mit den Nerven eines Menschen kann man nie rechnen. Ich mein' jetzt die Kleine. Wie du sie mir geschildert hast — sie kann einem schon leid tun. Es ist ein schrecklicher Unsinn, daß sie so ganz vereinsamt. Wenn das so weitergeht, wird sie noch närrisch, und dann wirst du sie überhaupt nimmer los. Nein, nein, die Mutter hätt' sich ihrer annehmen müssen. Du bleibst selbstverständlich aus dem Spiel, aber das geht nur, wenn das Kind wenigstens eine Mutter hat. Frau von Rotkraut kann doch froh sein, daß es so noch mit ihr gekommen ist. Ihren alten Krüppel kriegt sie schon herum. Wenn das Mädel erst eine Mutter findet, wird ihr der Vater egal. Und dann bist du sie auch los.«

Viktor Schwarz nickte nachdrücklich: »Gusti, ich danke Gott, daß ich dich habe. Nein, lache nicht — alles, was du mir gesagt hast, unterschreibe ich. Das arme Kind kann einem wirklich leid tun. Ich werde an Frau von Rotkraut schreiben und ihr mal energisch den Standpunkt klarmachen.« — Er stand auf und küßte Gustis Mund, der immer ein wenig rot gefärbt war. »Du kannst doch alles«, sagte er bewegt.

»Hüte garnieren! Du kannst mehr!« —

Als Herr Tübbeke wieder zum Dienst erschien, wurde er alsbald zum Herrn Justizrat gerufen. Der Bürovorsteher sah einen schweren Tag vor sich, denn Schreiber Rudorff hatte ihm schon Bertas Streich mitgeteilt. Zorn und Mitleid stritten in Onkel Tübbeke. Er sagte sich zwar, daß Berta keinesfalls den Vater erkannt haben konnte — das hätte man ihr schon angemerkt. Aber der Justizrat konnte ihn unter Umständen für einen Intriganten halten, und das war er wirklich nicht.

»Warum haben Sie mir nicht gesagt, wer das Pflegekind Ihrer Schwester ist?« fragte Viktor Schwarz mit undurchsichtiger Miene.

Der Alte war ganz betroffen. Er wußte nicht, wie die Frage gemeint war. Bezog der Justizrat sie auf sich oder nur auf Liese Prutz? Er mußte sehr vorsichtig sein: »Ach Gott, Herr Justizrat — darüber hab' ich eigentlich noch garnicht nachgedacht ...«

»Das hätten Sie aber sollen. Das Mädchen gehört zu den Akten Prutz, die Sie zu verwalten haben. Ich brauche Ihnen doch nicht mehr zu sagen, was die Pflicht eines Beamten ist. Na — ich will mich nicht weiter dabei aufhalten. Gewesenes ist gewesen — wir wollen der Zukunft ins Auge sehen. Und da lassen Sie sich ein für allemal gesagt sein, Tübbeke: Nur für den Fall, daß ich Ihrer sicher bin, kommt die in Aussicht gestellte Pension in Frage. Ich sage Ihnen das klar und kalt. Für Ihre Schwester et cetera sind Sie mir verantwortlich. Sie haben mich hoffentlich verstanden? Und nun an die Arbeit. Übrigens, wenn Sie etwas Kräftigung brauchen — kaufen Sie sich eine Flasche Portwein. Da, mein Lieber« — —

Berta trug es stumm in sich herum, das Fragen und Forschen, die Gespenster, die sie seit der Stunde bei Justizrat Schwarz verfolgten. Noch war er der Rechtsbeistand ihrer Mutter für sie — aber er mußte auch noch etwas anderes sein. Klar wurde ihr nichts, Gefühle verdichteten sich kaum zu Ahnungen — sie fühlte nur das eine: es durfte nicht ihr einziger Besuch bei Justizrat Schwarz bleiben. Trotz Onkel Tübbeke — sie mußte es noch einmal wagen.

Als sie eben überlegte, wie sie es durchführen könnte, wurde sie von Tante Grunow in die Küche gerufen. Tübbeke hatte seiner Schwester alles gesagt, aber die Worte des Justizrats wirkten in ihm nach — mit drohender Zähigkeit gab er der alten Frau seine Weisungen. Berta war jetzt eine unheimliche Macht — man mußte streng und konsequent sein, aber man durfte sie nicht reizen.

Unter dem Eindruck dieser Vorschriften sprach Frau Grunow mit ihrem Pflegekinde: »Ich muß dir mal was sagen, Berta — was sehr Ernstes —«

»Es wird schon Frühling, Tante.«

Bertas dunkle Augen hatten etwas wirr Verschwimmendes.

»Ja, ja — davon reden wir jetzt nicht. Sei mal vernünftig. Von Vorwürfemachen ist keine Rede — ich will bloß, daß wir beide einig sind. Also laß dir gesagt sein — Onkel und ich — wir wissen alles.«

»Ich möchte mir einen kleinen Hund kaufen — dann hat man doch wenigstens was. Bei Lütkes nebenan sind junge Teckel.«

»Hast du'n Vogel, sage mal? Verstehst du kein Deutsch mehr? Onkel und ich, wir wissen, daß du bei Herrn Justizrat warst! — Aber, wie gesagt, wir wollen ganz vernünftig drüber reden —«

Berta ging hastig durch die Stube: »Ich konnte nicht anders, Tante! Ich hab's nicht mehr ausgehalten!«

»Ja, ja — das verstehen wir ja — man immer ruhig Blut! 'n Kind wie du — das kommt eben auf so'ne Ideen. Du tust uns ja leid — Du meinst immer, daß du uns nicht leid tust —«

Berta starrte die Tante an. Was war das für ein neuer Ton? Aber sie traute ihm nicht: »Ich weiß bloß, daß ich aus lauter Angst zu ihm hingelaufen bin. Ihr sagt mir ja doch nichts. Ja, wenn ihr mir mal was sagen tätet ...«

»Was denn? Erlaube mal — was sollen wir dir eigentlich sagen?«

»Na, wer mein Vater ist! Das wißt ihr doch!«

Sie hatte es herausgeschrien. Eine schwere Pause kam, dann war Tante Grunow gefaßt: »Du hast Ideen im Kopp — es ist unglaublich. Also an so was denkst du? Nee, mein Kind. — Dein Vater geht uns garnichts an. Von dem haben wir keine blasse Ahnung. Für den interessieren wir uns nicht im Mindesten.«

»Sei nicht böse, Tante, aber das halt' ich doch für ganz unmöglich!«

Frau Grunow wandte sich ab — nun stieg doch eine fatale Röte in ihr fahles Gesicht. Nein, lügen war vor diesen Augen schwer. Sie biß lieber ihre Autorität heraus: »Wenn Du glaubst, daß deine alte Tante dir was vormacht — das ist deine Sache. Eines aber laß dir jetzt gesagt sein: du hast auch Rücksichten zu nehmen! Ich kenn' dich durch und durch, Berta — daß du Fehler hast, weiß ich — aber daß du ein anständiges Mädchen bist, daran darfst du mich nicht irremachen!«

Ihre Stimme zitterte. Jetzt hatte sie den richtigen Ton getroffen. Angstvoll sah Berta sie an. Es war ihr ein fürchterlicher Gedanke, daß man sie für unanständig halten könnte. Hier lag ja der Halt ihres Lebens — sie wollte im Recht bleiben und Unrecht dulden.

»Was meinst du, Tante?« stammelte sie.

»Ich meine — daß du mal hinter unserm Rücken zu dem Herrn Justizrat gelaufen bist, das lassen wir dir hingehn — aber das zweitemal wär' unanständig! Onkel hängt von dem Mann ab, Onkel kann seine Stellung verlieren, wenn der Mann sich weiter über dich ärgert! So ist es doch nun mal im Leben! Unsereiner muß kuschen! Der Mann ist der Rechtsanwalt von deiner Mutter, und gerade darum darfst du ihm nicht auf der Pelle sitzen! Verstehst du denn das noch immer nicht?«

Berta nickte. In Wahrheit hatte sie es nicht verstanden. —

Immerhin — die Hoffnung auf Viktor Schwarz war erloschen. Sie durfte nicht das Letzte verlieren, nicht von Onkel und Tante verachtet werden. Vielleicht war es doch sehr frech von ihr gewesen, ohne Erlaubnis zu handeln. Außerdem — was hatte sie von dem Herrn Justizrat erfahren? So gut wie nichts. Wenn sie an sein glattes Lächeln zurückdachte, schwand auch ihre Hoffnung, jemals etwas von ihm erfahren zu können.

Sie ballte die Fäuste und bezwang sich. Aber der Frühling draußen lauerte. Er kam und wuchs. Mit heißem Kopf saß Berta in der Handelsschule. An den Vater dachte sie nicht mehr; aber indem sich ihr kindlicher Schoß zusammenkrampfte, und die brennenden Füße an der Diele pochten, sah sie noch einmal ins Licht des Mutternamens. Sie schrieb Zahlen in ein Kontobuch, sie achtete wie sonst auf den schönen Schwung ihrer Schrift; aber was sie sah, war eine Frau Baronin, ihre hohe, blonde schöne Mutter in der herrschaftlichen Küche. Es war unmöglich — sie konnte sich nicht von ihr trennen lassen. Die Zusammenhänge mußten tiefer sein. Vielleicht betrog man sie doch.

So beschloß sie es plötzlich: noch einmal handelte sie gegen den Willen derer, von denen sie abhing. Es half nichts — der Drang in ihrem Herzen brachte sie sonst um.

Da kam ihr ein gemeinsamer Ausflug der Handelsschülerinnen nach Potsdam wie gerufen. Scheinbar nahm Berta daran teil — man gab ihr zu Hause jetzt gern die Erlaubnis. In Wahrheit aber nützte sie den Tag, um nach Strelenwalde zu fahren. — —

Liese hatte stille Jahre in der alten Heimat hinter sich. Still für den betrachtenden Blick — von dem, was sie einsam durchgekämpft, wußte sie nur. Mit ihrer Jugend fertig zu werden, war ihr schwerer geworden als mit dem Philistergeist der Umgebung. Sie hatte erkennen müssen, daß ihr Leben an einem Absterbenden gebunden war. Hermann Rotkraut erlag in Strelenwalde den allzu starken Anforderungen des Glücks. Ein Schlaganfall lähmte den ohnehin Verstümmelten — er blieb an sein Zimmer gefesselt. Hier hatte Liese einst als Mädchen gewohnt. Nun ging sie als stille Pflegerin darin umher. Sie konnte Schmerzen lindern, Langeweile scheuchen — ihre Sinne mußten verzichten. Sie war aber noch immer eine junge, vollblütige Frau. Im Grunde hatte sie sich niemals ausgelebt. Erst Viktor Schwarz, der trügerische Rausch — dann August Bassenried, der welke Lebemann — nun Hermann Rotkraut.

Äußerlich blieb sie auf der Höhe. Sie war eine vorbildliche Geschäftsfrau geworden. Ihr schweres Schicksal aber schützte sie davor, daß böser Wille Steine nach ihr warf. Man hatte unter die Vergangenheit ein Strich gemacht, man denunzierte sie nicht, man ließ ihren alten Invaliden in Ruhe. Wenn die Damen über gewisse Dinge flüsterten, sagte auch immer eine: Hut ab, hier ist ein tapferer Mensch! Liese verstand es, sich keine Feinde zu machen. Sogar den alten Konkurrenten ›Mohrenkopp‹ versöhnte sie, indem sie ihm Aufträge zuschob. Die häßliche Adele Schörg aber, die doch keine Stelle fand, nahm sie wieder als Bedienung auf. Adele mußte sich ganz nach ihr richten und blieb demütig, da sie ein trauriges Sklaventum bei ihrem Vater fürchtete.

Wunderlich genug sah es freilich in der alten Prutzschen Konditorei aus. Unvorbereitete Gäste konnten erschrecken, denn wenn sie sich niedergelassen, kam von der einen Seite ein hinkendes Fräulein auf sie zu und von der anderen ein baumlanger Neger, dessen schwarzer Kopf effektvoll von dem weißen Anzug abstach. Doch was die beiden brachten, war immer gut und besser noch als früher. Man gewöhnte sich an alles, weil man so gut aufgehoben war.

Allmählich gewann auch das Groteske einen Reiz. Kein Fremder versäumte es, die merkwürdige Konditorei zu besuchen.

Seltsamerweise liebte Simba Adele, nicht sie ihn. Sie vertrugen sich aber ganz gut. Ihrer Herrschaft zu Gefallen mieden sie jeden Zusammenstoß. Simba, der Götzenanbeter, erfuhr von der frommen Adele, wie hoch die christliche Moral stand; sie aber gewann den Einblick in seine wilde, kindliche Art. Daß der erste Mann, der sie nicht häßlich fand, ein Neger war, empfand sie bitter, aber er rührte sie auch zuweilen, und sie ließ sich seinen treuen Dienst gefallen. Wahrscheinlich erinnerte sie ihn an irgendeine sonderbare Gottheit seiner Heimat. Seine Schönheitsbegriffe waren nun einmal anders als die der guten Europäer von Strelenwalde. —

Liese verließ kaum noch ihr Haus. Entweder war sie bei dem Kranken, oder sie schaffte in der Konditorei. Nur zu Tante Sanftleben, die nun schon recht klapprig geworden, kam sie zuweilen, und unterwegs trat sie bei Herrn Breitkopf ein. Der war nun ihr Verehrer. Er fühlte sich Liese doppelt verpflichtet; denn der echte Neger, den sie nach Strelenwalde gebracht hatte, hatte ihm endlich den fatalen Spitznamen »Mohrenkopp« abgenommen. —

Plötzlich aber wurde diese doch noch einmal aus ihrem herben Frieden gerissen. Ein Brief kam aus Berlin, der erste nach versunkener Zeit. Viktor Schwarz hatte ihr noch einmal geschrieben:

›Liebe, verehrte Frau Major!

Gestatten Sie mir, Ihnen in alter Freundschaft einen dringenden Rat zu erteilen: Handeln Sie besser und — klüger an der kleinen Berta. Sie könnte sonst eine ernste Gefahr für Sie werden und nicht nur für Sie. Sie werden mich sogleich verstehen. Ich kam vor kurzem in folgende Situation: Ein junges Mädchen wurde mir gemeldet, das Ihren Namen trug und in einer geradezu bemitleidenswerten Verfassung Bekenntnisse hervorstammelte. Die Mutter, für die das Mädchen trotz aller Entbehrungen eine treue Zuneigung bewahrt, zeige ihr seit den letzten Jahren eine abweisende, ja feindselige Haltung. Da auch sein Wunsch, den Vater zu kennen, für immer unerfüllt bleibe, klammere es sich doppelt an die Mutter. Ich, von dem es in Erfahrung gebracht, daß ich als Ihr Rechtsbeistand fungiere, solle ihm raten und helfen! Es war eine ganz sonderbare und außerordentlich peinliche Situation, das können Sie sich vorstellen; aber ich zog aus ihr die Lehre: Erstens ist es mir willkommen, daß ich wirklich wieder einmal als Ihr Rechtsbeistand zu Ihnen sprechen kann, und zweitens muß ich Ihnen aufs dringlichste raten, handeln Sie anders an Ihrem Kinde, Sie handeln ganz falsch an ihm. Völlig ausgestoßen — seelisch meine ich — das ist unmöglich. Das hat das Kind auch nicht um Sie verdient. Was aber das wichtigere und entscheidende ist: Sie dürfen keinesfalls sich selbst und denen, die mit Ihrem gegebenen Wort rechnen, einen gefährlichen Gläubiger züchten. Berta hat ein fanatisches Gemüt, das unter Umständen verzweifelt um das Recht der Geburt kämpfen wird. Ich jedenfalls, das erkläre ich Ihnen heute schon, ich bin keinesfalls gewillt, mir von ihr meine Kreise stören zu lassen. Der Blitz muß einen Ableiter haben, es ist die höchste Zeit, und der Ableiter sind Sie, der ist selbstverständlich die Mutter. Ich kann mir wohl vorstellen, was Sie zu Ihrer schroffen Stellungnahme veranlaßt: Sie fürchten einen Willen, der den letzten Hafen für Sie bedeutet. Er ist sicherlich stark, aber nicht stärker als Ihre Mutterpflicht. Auf eine Heimlichkeit mehr oder weniger braucht es Ihnen ja nicht mehr ankommen. Das ist eben die eigentliche Erfahrung, die das Leben mit sich bringt. Also, ich glaube mich verständlich gemacht zu haben. Beruhigen Sie und stützen Sie das Kind, und vor allem versperren Sie ihm für immer den Weg zu mir, denn sonst — Sie wissen, daß ich meinen Weg zu Ende gehe!

In alter Hochschätzung

Viktor Schwarz.‹


Liese stand ganz verdonnert vor diesem Brief. Die erschreckende Tatsache ließ sie die verkappte Unverschämtheit übersehen. Ihr erster Zorn richtete sich gegen Frau Grunow. Bald aber mußte sie sich sagen: ›Es war ja ganz unmöglich — dort hatte niemand Berta zu dem Justizrat geschickt.‹ Das Kind mußte von selbst auf die tolle Idee gekommen sein. Ahnungslos hatte es den eigenen Vater nach der Mutter gefragt. Vielleicht auch — das stand nicht in dem Brief, aber es war immerhin möglich — hatte es sogar vom Vater seinen Vater erfahren wollen! Viktors Verlegenheit ließ Liese kalt, aber eine jagende Besorgnis konnte sie nicht unterdrücken: wenn Berta wirklich so geworden, wie er sie schilderte, ließ sie auch nicht ab. Schwarz konnte brutal werden. Dann rächte er sich. Dann ging er selbstverständlich ›seinen Weg zu Ende‹. Für Liese aber hieß das noch einmal scheitern, noch einmal vielleicht auf der Straße stehen. Wer dem alten Invaliden die Ehre anrührte, nahm ihm die Besinnung. Er glaubte Lieses Lebensweg zu kennen, ein uneheliches Kind kam nicht über seine Schwelle. Schande ertrug er nicht.

Man war ja wieder in Strelenwalde.

Ratlos ging Liese umher. Tante Sanftleben konnte und mochte sie nicht befragen. So schrieb sie zunächst einen gefaßten und beruhigenden Brief an Viktor Schwarz. Sie versprach ihm, was sie selbst nicht auszuführen wußte. Dann, als sie den Brief zur Post getragen, fühlte sie sich sehr erschöpft. Sie kam in den Laden zurück und sagte zu Adele: »Jetzt schlaf' ich 'ne Stunde. Bitte nicht wecken.«

Adele nickte und setzte sich mit einem Roman hinter den Ladentisch. Wie immer, ließ sie sich von Simba betrachten. Der lange Neger stand in der Tür der Backstube. Es schimmerte in seinen melancholischen Tieraugen. — »Jetzt ist Mondfest bei uns in Afrika«, sagte er plötzlich. »Da tanzen die Mädchen, und die Männer fangen sie und freuen sich mit ihnen.«

Adele zitterte unter dem Klang seiner Worte: »Das muß ja ein ganz merkwürdiges Fest sein.«

»So komm mit mir — wir fahren nach Afrika!«

Adele wandte sich heftig ab und starrte in das Buch. Eigentlich war sie schon nahe daran, sich in Simbas schwarze Arme zu werfen. Elendes Leben. Wenn er ahnte ...

Da öffnete sich die Ladentür — ein Gast erschien. Adele sah ein junges, kindlich wirkendes Mädchen kommen. Sie näherte sich ihm: »Guten Tag. Was darf ich Ihnen bringen, Fräulein?«

Bertas Blick irrte zu dem großen Mohren hinüber. Sie war auf ihn vorbereitet, aber der wilde Ausdruck, den Simba jetzt hatte, erschreckte sie. Von Adele wurde sie nicht befremdet — zu Gebrechlichen fühlte sie sich immer hingezogen. Die Sympathie schien gegenseitig zu sein, denn Adele nahm ihr mit zärtlicher Sorgfalt Schirm und Mantel ab.

Mit Mühe verbarg Berta ihre Erregung. Nun war sie der Mutter so nahe. Im nächsten Augenblick konnte die Ersehnte eintreten. Berta trank Kaffee und aß Kuchen. All' das diente ihr nur, die Zeit zu verbringen. Es war ja unglaublich — sie hatte es wirklich gewagt — sie saß jetzt mitten in Strelenwalde, in der Prutzschen Konditorei, und bei Grunows glaubte man sie mit der Handelsschule in Potsdam. Aber ewig Kaffee trinken und Kuchen essen konnte sie auch nicht. Es hieß jetzt zahlen oder einen Vorstoß wagen. Simba war in die Backstube gegangen — das fremde Mädchen störte ihn. Berta sah sich mit Adele allein — sie wandte sich, im Augenblick unbeherrscht, zu ihr: »Ach, Fräulein ...«

»Bitte sehr?«

»Ach, bleiben Sie doch sitzen. Ich wollte nur — ich möchte nur fragen: Ist Frau Prutz nicht zu Hause? Die Frau Konditor — ich wollte sagen die Frau Major?«

Adele lächelte: »Die ist schon zu Hause. Oben in der Wohnung ist sie. Möchten Sie sie sprechen?«

»Furchtbar gern ...«

Adele sah Berta betroffen an. Eben wollte sie das Schlummerstündchen der Frau Major erwähnen, da knarrte oben schon die Tür, und Liese trat ein.

Alpdruck hatte sie aus dem Schlaf gescheucht. Sie kam mit verstörtem Blick. Nun glaubte sie noch zu träumen, denn sie erkannte Berta. Aus ihren geheimen Ängsten stieg diese Gestalt in die Wirklichkeit. Liese wich zurück. Bleich und mit verzerrtem Lächeln erhob sich Berta.

»Guten Tag ... Guten Tag, Frau Major ... Sie kennen mich doch noch? ... Ich habe Ihnen Grüße zu bestellen — aus Berlin — —«

Krampfhaft faßte sich Liese. Ihr Sorge galt jetzt nur der Lauscherin. Sie kämpfte um den Rest ihres Glücks. Nie und nimmer ließ sie sich überrumpeln.

»Ach ja,« sagte sie, indem ein falsches Lächeln auf ihre vergilbte Miene kam — »ich erinnere mich. Das ist ja sehr nett von Ihnen, Fräulein. Behalten Sie doch Platz. Ich setze mich zu Ihnen. Adele, es ist hohe Zeit, daß du im Hof die Wäsche 'runternimmst. Geh nur gleich, sonst wird der Herr Major noch böse.«

Ungern gehorchte Adele, aber sie verschwand. Kaum war sie aus Hörweite, als Liese schon schnell auf die erschrockene Berta zuschritt und mit gedunsener Miene flüsterte: »Was fällt dir denn ein?! Wie kannst du mich in solche Situation bringen?!«

»Aber Mutter,« würgte Berta — »Sie sind doch — du bist doch — —«

»Was ich bin, ist eine Sache für sich! Das geht hier keinen Menschen was an! Ich wußte schon, wie du dich benimmst, und offen gestanden hatte ich von dir was anderes erwartet! Jawohl! Ein bißchen mehr Dankbarkeit! Du kannst dir doch vorstellen, warum ich nicht anders handeln kann! Du bist doch kein Kind mehr! Ich werde so gehetzt und gefoltert — mein ganzes Leben verfluch' ich!«

»Aber Mutter — Mutter — was hab' ich dir denn getan?!«

»Zu meinem Rechtsanwalt bist du gelaufen — der Mann hat sich bei mir beschwert, und jetzt willst du mich hier blamieren — hier, im Hause meines Mannes, in diesem Klatschnest!«

Berta starrte leichenblaß vor sich hin: »Blamieren will ich dich nicht, Mutter.«

»Es ist aber nichts Anderes! Ich kann mich nicht mehr um dich kümmern! Ein für allemal! Es liegt in den Verhältnissen! Das Leben geht weiter! Daß ich das Meinige an dir getan habe, das weißt du doch! Laß es dir endlich genug sein, hab' doch Erbarmen und geh' mir aus dem Wege! Ich ersticke ja!!«

Rastlos stand Berta vor diesem Ausbruch. War das noch ihre Mutter?

»Um Gottes willen,« flüsterte sie — »Sie haben mich mißverstanden ... Es liegt mir selbstverständlich fern ... Ich dachte bloß, meine Mutter ... Ich bin doch schließlich auch ein Mensch. Ich kann doch nichts dafür, daß ich auf der Welt bin.«

Jetzt starrte Liese wie erwachend auf das gebeugte junge Geschöpf. Namenloses Mitleid entbrannte in ihr, nicht Mutterliebe. Aber sie fand noch diese Worte: »Kind, ... Du mußt mir nicht so böse sein — du mußt versuchen, mich zu verstehen. Ich weiß, daß du es schwer hast, aber das gerade wird dir auch die Kraft geben, durchzukommen. So ist das Leben. Sieh mal, was nützt es dir denn, wenn der Mann, von dem ich jetzt abhänge — wenn du dem noch den letzten Frieden nimmst? Er darf es ja nicht wissen, daß du auf der Welt bist — er versteht so was nicht, er ist zu alt und zu krank. Und darum versprich mir —«

»Was denn?«

»Versprich mir, daß wir uns nicht mehr begegnen werden, nie mehr, solange er lebt —«

»Wenn du das willst, Mutter —«

»Es muß sein — sonst machst du mich wieder unglücklich.«

»Dann sage mir doch wenigstens, wer mein Vater ist.«

»Das darf ich ja auch nicht, Berta. Frage nicht, warum. Es ist ein Verhängnis. Wenn ich es dir sage, dann stellst du ihm nach, und dann rächt er sich an mir — ich muß es ausbaden.«

»Kann ich ihn denn überhaupt — erreichen?«

Liese wandte sich ab. — »Nein — du kannst ihn auch nicht erreichen.«

»Ist er so weit weg? Vielleicht in Amerika?«

»Ich weiß es nicht. Ich kann dir das alles nicht sagen. Aber du mußt mir jetzt versprechen — so wahr du mein Kind bist —, daß du auch nach deinem Vater nicht mehr fragst. Tu's, Berta, — tu's aus Mitleid mit deiner Mutter!«

»Also — ganz alleine wollt ihr mich lassen?«

»Das ist nicht so traurig, wie du jetzt denkst. So steht der Mensch auf eigenen Füßen, Berta.«

»So steht der Mensch —«

»Versprichst du mir?«

»Ja, Mutter. Wie du willst.«

»Gib mir die Hand!«

Sie berührte nur mit ihren kalten, leblosen Fingerspitzen die Hand der Mutter und lief dann aus dem Laden. Drei Stunden hockte sie noch zwischen schwatzenden und lachenden Menschen auf dem Bahnhof. Endlich fuhr sie nach Berlin zurück.