SECHZEHNTES KAPITEL
»Sie wird ein hübsches, aber ein trauriges Ding«, sagte Fräulein Milchner, die Lehrerin.
»Ja, ja.« — Frau Grunow stimmte düster bei. — »Sie ist 'ne Zimmerpflanze. Übrigens, hoffen tu' ich doch drauf, daß sie mal einen findet. Es gibt doch Männer, zu denen so was paßt. Außerdem hat sie's in sich. Das Blut von die Mutter — Sie können sich schon denken. Tanzen tut sie wie der Deibel.«
»Ein Fehltritt wäre jedenfalls zu bedauern«, meinte Fräulein Milchner. »Leider bietet sich ja die Versuchung in Berlin auf Schritt und Tritt.« —
Fräulein Milchner hatte recht, aber Berta wußte es noch besser. Sie war nun achtzehn Jahre alt und steckte schon in der kleinen Welt, die aus der großen Freude und Inhalt sog. Lange war sie von ihren geheimen Kämpfen umdüstert geblieben und schlich unbeachtet zwischen den Kameradinnen der Handelsschule. Sie wollte nicht gefallen. Immer trug sie seit dem Tage in Strelenwalde die scharfe Brille, und wenn sie ihre kleine Gestalt im Spiegel betrachtete, glaubte sie ernstlich an einen Buckel. Gezeichnet war sie, wie das arme Fräulein in der Konditorei. Sie trug es nur schwerer und tiefer — sie hatte die Last im Gemüt.
So sah sie es in trüber Verachtung mit an, wie die Mädchen um sie her erhaschten, was auf dem ungeheuren Markt erreichbar war. Man hatte sie gern, weil man sie für sehr anständig hielt, man bedauerte sie auch, aber es fand sich keine Freundin zu Berta. Der Arbeitstag war lang, der freie Abend des Genusses kurz. — Niemand wollte sich von einer ›Unbegabten‹ aufhalten lassen.
Aber man tat ihr unrecht. Sie verkannte ihn nicht, den Tanz der Motten um das große Licht. Eigentlich spürte auch sie da drüben ein Vergessen, die Entschädigung für alles, was an ihr gesündigt worden. Aber eine Überzeugung, die sie nirgends aussprach, hielt sie auf dem reinen, dunklen Wege. Gerade die Rechtlosigkeit gab ihr den Mut, das Recht zu suchen. Erst wenn sie es hatte, glaubte sie leben zu dürfen.
So störte und kränkte sie es fast, als das männliche Geschlecht nicht ihrer Meinung blieb, daß sie eine Mißratene war. Trotz ihrer Brille wurde sie immer wieder betrachtet, und es kamen deutliche Zeichen, daß sie mehr gefiel als lebenslustige Kameradinnen. Ihr voller Mädchenmund, der nach dem ersten Kuß zu dürsten schien, lockte. Die Energie ihrer Züge und die dunklen, etwas krankhaften Augen versprachen mehr als Dutzendmädchen. Sie trug ein Zeichen, von dem sie noch nichts gewußt: sie war ein Kind der Liebe.
Als sie ihre Wirkung auf das andere Geschlecht spürte, wurden ihre Wege zur Flucht. Kopfschüttelnd sah man sie mit finsterm Blick vorbeistolpern. Sie galt bei den Mädchen für etwas verrückt. Der Teufel in der männlichen Jugend aber beschloß eben, eine Hetze auf sie zu veranstalten, als die Rettung von einer lichten Stelle kam, die Berta noch gar nicht gesehen hatte. Sie lebte aber schon lange in ihr — ihr ratloses Gemüt wurde für die Kunst empfänglich.
Alfons Grunow verhalf ihr endlich zu einem wirklichen Trost. Er sah zwar auch in der Kunst nur Tendenz — er war Mitglied eines sozialdemokratischen Volksbühnenvereins und ließ sich von der Bühne predigen. Doch Berta empfand ›Kabale und Liebe‹ ganz anders als er. — Auch ›Die Weber‹ rührten sie tief und wühlten mehr ihre Verlassenheit auf, als daß sie die Anklage des Kapitalismus hörte. Bei der Musik aber ließ Alfons, ihr Begleiter, sie noch mehr allein. Sie wußte keinen Wunsch zu äußern, und so führte er sie dorthin, wo es ihm gefiel. Zum Glück handelte es sich auch um die populären Konzerte in der Philharmonie, zuweilen sogar um Richard-Wagner-Abende. Hier konnte man rauchen und Bier trinken — Alfons spendierte Berta einen Heringssalat. Sie wurde aber von dem gemischten Programm verwirrt. Gern hätte sie einmal mehr von einem gewissen Beethoven gehört. Doch Alfons fuhr ihr über den Mund und achtete nur auf Ouvertüren und Solistenstücke.
Immerhin, es war ein Tappen in besserer Luft. Versöhnung kam mit dunklen Leiden, Begegnung mit hohen Gefühlen. Berta ließ zu Alfons' Arger immer ihr Bier stehen, da sie wirklich zuhörte. Sie liebte auch allmählich die Menschen mehr, da sie ihre musikalische Andacht sah. Irgendwo mußte auch sie noch geliebt werden. Vater und Mutter konnten nicht ganz fern sein. Wie edle Schemen zogen sie im Rausch der Töne vorbei.
Mit einem jungen Mann, der in der Philharmonie neben ihr saß, kam sie eines Abends ins Gespräch. Er hatte blondes Haar und eine kühne Nase — seine blauen Augen leuchteten. Berta fand ihn schön — zum erstenmal stellte sie das bei einem Manne fest. Er sprach zwar einen drolligen Dialekt, aber er überraschte sie durch die freimütigsten Äußerungen. Alfons hörte nicht zu. Der junge Mann hatte vermutlich keine politischen Interessen — außerdem war er ihm zu bürgerlich. Berta aber staunte über die musikalischen Kenntnisse des Fremden. Da der Zigarrenrauch ihr beizend in die Augen stieg, nahm sie plötzlich die Brille ab. Da sah ihr Nachbar sie ganz betroffen an und sagte: »Lasse Sie doch bitt' scheen die Brill' da drunte, Frailein. Jetzt sieht man ja erscht, was für scheene Auge Sie habe.«
Berta wurde sehr rot und erwiderte lächelnd: »Ich bin aber schrecklich kurzsichtig. Ich bin halb blind ohne Glas — besonders auf der Straße.«
Da sagte er mit einem Ausdruck, dessen Anmut sie nie vergaß: »Lieber möcht' ich Sie für immer fihre, als jemals wieder die abscheuliche Brill' auf Ihrem Gesicht sehe.«
Berta zitterte, sie hätte ihren Kopf auf seine schmalen Hände legen mögen. Nun wechselten sie kein Wort mehr. Nach dem Konzert empfahl sich der junge Mann. Berta fühlte, daß sie ihn nicht wiedersehen würde. Aber von nun an trug sie keine Brille mehr. Heimlich kaufte sie sich ein Lorgnon mit langem Stil, wie Onkel Tübbeke es ihr schon angeboten hatte. Man spottete über sie, aber sie kümmerte sich nicht darum.
Bei dem Jubiläum der Handelsschule sollte ein Festakt mit lebenden Bildern aufgeführt werden. Lehrer Hupfer, der Dichter des Spieles, wählte die Schönheiten unter den Schülerinnen aus. Berta dachte keineswegs in Betracht zu kommen, aber sie drückte sich für alle Fälle in die letzte Reihe, um nicht beachtet zu werden. Ein seltsamer Schreck befiel sie aber, als der scharf blickende Herr Hupfer rief »Bitte, Fräulein Prutz, warum verkrümeln Sie sich? Man immer 'ran zum Dienst der guten Sache! Wir brauchen schöne Figuren — das ist die Hauptsache! Sie sind zwar eine kleine Tanne, aber eine Tanne sind Sie doch, eine richtige Edeltanne!«
Unter gutmütigem Gelächter wurde die Verlegene hervorgezogen. Sie mußte eine Elfe von des Dichters Gnaden übernehmen. Das hatte sie nie für möglich gehalten. Sie machte aber ihre Sache bei der Aufführung so gut, daß der eigentliche Erfolg des Abends ihr zufiel.
Diese Erfahrung stärkte ihr Selbstbewußtsein mehr als alles andere. Der Ernst ihrer sehnsüchtigen Vereinsamung war nicht von ihr genommen, aber er verband sich jetzt mit der Koketterie eines Mädchens, das von seiner Anziehungskraft wußte. Oft wurde Berta auf der Straße nun angesprochen, aber sie haßte solche Angriffe unter dem Mantel der Dunkelheit — jeder Mann, der so vorging, erschien ihr feig und gewöhnlich. Sie hörte auf keinen — trotzig schritt sie weiter.
Freilich waren die meisten Mädchen anderer Art. Man dachte ans Vergnügen, nicht an Sitte. Wer sich abkehrte, versäumte seine Jugend. Berta erkannte nun erst, da sie selbst mitzählte, die naive Verderbtheit ihrer Kameradinnen. Alles lebte um sie her in eitler Hast, im Nichtversäumenwollen. An den Hafen der Ehe glaubte man nicht, und wenn es dazu kam, glich es dem Abschied von der goldenen Freiheit. Man kroch unters Joch, um ›versorgt‹ zu sein.
Berta hatte sich die arbeitenden Frauen anders vorgestellt. Ein ödes Tagespensum wurde für den abendlichen Genuß erledigt. Sie ließ sich allmählich mitziehen, stutzte aber noch vor wirklicher Gefahr. Es geschahen schlimme Dinge um sie her — ein frisches, junges Ding starb an Abtreibung, und ein anderes kam als Kindesmörderin vor Gericht. Zum erstenmal wurde Berta vom Grauen gepackt, jetzt sah sie die eigentliche Gewalt des Lebens. Ihre Sehnsucht nach Vater und Mutter verblaßte dagegen. Es gab eine Rechtlosigkeit, die viel vernichtender war.
So kam sie zu einer ernsten und kritischen Betrachtung ihrer Freundinnen, aber man ließ es ihr nicht durchgehen. Sie sollte auch ihren Tribut an den großen Moloch zahlen. Am empfindlichsten wurden die Berliner Mädchen, wenn eine Kameradin sich für etwas ›Besseres‹ hielt. So schleppte man Berta mit Absicht zum Sonntagsbummel Unter den Linden und in den Zoologischen Garten mit. Man belehrte sie, daß ein Radrennen in Friedenau das höchste Vergnügen sei. Aber noch gelang es nicht, was die Intrigantinnen wollten. Berta ging zwar mit und gab nichts nach, wenn man bei den nächtlichen Heimfahrten fidel war, sang und lärmte. Auch sie schritt am Arm eines Jünglings, den sie wenig kannte, aber ihr Sonntag schloß immer in nüchterner Sichtbarkeit, und es blieb zweifelhaft, ob sie einen Kuß bekommen.
Man ärgerte sich über sie. Da, eines Abends auf der Wannseebahn, schien sich das Blättchen zu wenden. Man hatte beim ›Schwof‹ in Schlachtensee Herrn Sonnenschein getroffen, für den die Mädchen der Handelsschule eine verliebte Ehrfurcht empfanden. Sie wußten alle, daß bei ihm die berufliche Zukunft war, denn er erbte einst das größte Konfektionsgeschäft Berlins. Sonnenschein junior ging als Sardanapal durch das großstädtische Leben. Er suchte sich aus, was ihm dienen sollte, und jede war durch seine Wahl beglückt. Leutselig hatte er sich heute zwischen den Sonntagstänzerinnen in Schlachtensee bewegt. Er flog auf Berta Prutz.
Sie tanzte immer wieder mit ihm — sie schien endlich Feuer zu fangen. Hier kam sie nicht so schnell davon — das hatte man vorausgesehen. Auf dem Heimwege nach Berlin wich Herr Sonnenschein nicht von Bertas Seite. Aber man wurde nicht neidisch, denn man war ja selbst versorgt, so gut und bescheiden, wie es sich für ein billiges Sonntagsverhältnis gehörte. Neugierig aber beobachtete man das interessante Paar. In Berlin konnte Berta diesmal nicht entschlüpfen — sonst kannte man schon ihr schnippisches ›Gute Nacht!‹ Gehorsam wanderte sie neben Herrn Sonnenschein durch die dunkle Bellevuestraße. Kichernd stoben die anderen auseinander.
»Fräulein, ich bin für Tempo«, sagte schließlich der junge Herr. »Ich denke, Sie wissen, wer ich bin, und ich weiß schon vollkommen, wer Sie sind.«
»Ich glaube, davon wissen Sie sehr wenig.« — Berta sagte diese Worte nicht schroff oder scharf, sondern mit einer stillen Traurigkeit.
Herr Sonnenschein hatte schöne, dunkle Augen. Teilnehmend sah er Berta an: »Ich verstehe Sie. Sie haben mir ja schon erzählt, Sie sind eine arme Waise, Sie müssen sich Ihr Brot verdienen. Und ich — sehn Sie mal, ich mache mich wahrhaftig nicht besser, als ich bin. Ich lebe auch unter dem Zwang der Verhältnisse. Als Millionär ist man durchaus nicht besser dran, eher schlechter, denn ich habe keinen freien Willen, ich kann nicht, wie Sie, sagen: So lebe ich, und anders nicht. Ich habe für eine große Firma einzustehen. Ich werde leider auch mal heiraten müssen im Interesse der Firma.«
Berta blickte erstaunt auf: »Was heißt das? Warum sagen Sie mir das?«
Der dunkle Blick des Herrn Sonnenschein ruhte mit feuchtem Glanz auf ihr: »Na, weil ich tatsächlich, wenn es bloß nach mir ginge, keinen Augenblick gezögert hätte, Sie zu heiraten. Jetzt gucken Sie mich ganz verdutzt an — selbstverständlich gehören immer zwei dazu, aber ich denke doch, so ganz unsympathisch bin ich Ihnen nicht?«
Sie war sehr rot geworden und starrte vor sich hin: »Daran dachte ich garnicht. Aber ich will nicht heiraten.«
Er sah sie prüfend an: »Was wollen Sie sonst?«
»Ich will erst wissen — ich will wissen, wer mein Vater ist.«
Herr Sonnenschein lachte. Im nächsten Augenblick aber fühlte er, daß das nicht sein durfte. Er versuchte es zu bemänteln: »Na, liebes Fräulein, das ist doch keine Lebensaufgabe — ich meine, das ist keine Zukunft für Sie. Ich für meine Person — ich kenne meinen Vater, ich kenne ihn viel zu gut. Da könnte ich Ihnen was abgeben.«
»Mir ist die Sache durchaus nicht komisch.«
»Nein, nein — Pardon — mir ja auch nicht! Ich kann mich in Ihre Lage versetzen, und Sie tun mir aufrichtig leid! Man weiß ja, wie es in Berlin zugeht — ein fabelhafter Prozentsatz von unehelichen Kindern läuft hier herum! Aber es nutzt doch nichts, sich hinzusetzen und darüber nachzugrübeln — das Leben ist doch kein schwarzes Loch, in das man hineinstarrt! Selbst ist der Mann! Und selbstverständlich auch die Frau! Ja, ja, meine Liebe, Sie haben das Zeug dazu!«
»Wozu?«
»Na, sich das vom Leben zu nehmen, was erreichbar ist! Genau so geht es mir. Ich kann mir deshalb nichts Idealeres vorstellen, als wenn wir beide uns zusammentäten. Ich kann Sie sozusagen entdecken.«
»Ich habe kein Talent, Herr Sonnenschein.«
»Das werden wir schon sehen. Wann Sie erst von Kopf bis Fuß in Sachen stecken, die ich für Sie kaufen werde. Ich bin ganz konfus vor Glück, wenn ich daran denke. Sie müssen mein Geschöpf werden sozusagen. Für Sie wird mein Geld endlich mal würdig angelegt. Sie sind ein anständiges Mädel und zugleich eine treue Geliebte — wunderbare Mischung. Herrgott, ich schwatze da, als ob wir schon bei Hiller wären — dabei wollen wir doch erst hingehen. Morgen fahre ich zu Gerson, zu Braun und zu Friedländer. Die Farben muß ich mir noch überlegen. Besondere Schuhe und Strümpfe ...«
In der Siegesallee, wo die Linden blühten, riß er sie an sich und küßte sie. Berta nahm es in süßer Betäubung hin. Das einzige, womit sie sich stammelnd wehren konnte, waren die Worte: »Ach, ich bin ja so häßlich! Ich bin ja halb blind! Das wissen Sie noch nicht! ...«
Er lachte: »Doch, ich weiß alles! Das Blinzeln ist ja gerade das Entzückende an dir! Ich kauf' dir übrigens ein anderes Lorgnon! Ein feenhaftes! Gold und Perlmutter!«
Sie konnte nichts mehr erwidern. Er küßte sie immer wieder. Allmählich waren sie durch das Brandenburger Tor gelangt. Sie gingen Arm in Arm über die stille Seite der Linden und traten bei Hiller ein. Berta wurde mit Leckerbissen gefüttert, von denen sie bisher nur geträumt hatte.
»Woran denkst du?« fragte er.
»Ach, an die anderen Mädchen, bei denen es bloß für Aschinger langt. Die armen Dinger!«
Er lachte jetzt nicht. Indem er ihre Hand küßte, sagte er: »Du bist das beste Geschöpf, das ich kennengelernt habe.«
Als er sie heimbegleitete, kämpfte er sichtlich mit einem Entschluß, aber er kam nicht dazu. Vor Bertas Haustür am Elisabethufer — so weit waren sie durch halb Berlin gegangen — stieß er hervor: »Ich danke dir für diesen Abend. Nun laß' ich dich auch in Ruhe, denn du mußt ja morgen früh heraus. Mein Kleinod, gute Nacht. Hast du mich auch ein bißchen gern?«
Sie nickte und ließ ihm ihre Hand.
»Wann sehen wir uns wieder?«
»Ich glaube, es ist besser, wir sehen uns niemals wieder.«
Bestürzt sah er sie an: »Aber Kind! War dir der Abend denn so wenig wert? Hast du gar nicht den Wunsch —?«
»Doch, selbstverständlich ... Sie verstehen mich nicht ... Den Wunsch hab' ich schon. Ich bin Ihnen auch sehr dankbar. Aber ich weiß genau — so wie heute bleibt es nicht ... Wenn wir wieder zusammen sind, dann sind Sie anders — und ich werde auch nicht immer nach Hause wollen ... Aber das darf ich nicht. Erst muß ich wissen, wer ich bin.«
Sie riß sich los und schlug die Haustür hinter sich zu.
Am nächsten Tage bekam sie einen Brief von ihm. Es waren stürmische Versprechungen, er richtete goldene Berge vor ihr auf, aber sie antwortete ihm nicht. Nun sah sie ihn wirklich nicht wieder. —
Nach diesem Erlebnis sperrte sie sich in Arbeit ein. Das Zeugnis, mit dem sie die Handelsschule verließ, war so gut, daß Onkel Tübbeke sagte: »Na, damit kannst du Privatsekretärin bei Bleichröder werden.« So viel bildete Berta sich nicht darauf ein, aber sie freute sich, daß man zum erstenmal stolz auf sie wurde.
Mit ernstem Eifer sah sie sich nach einer Stellung um. Die erste, die ihr Vertrauen erweckte, nahm sie an. Die Firma Kleinholz & Co., Papier engros, in der Lindenstraße, suchte eine Buchhalterin — Berta meldete sich und wurde angestellt. Nun hatte sie ihre gutbezahlte Arbeit. Man konnte sich zwar ein interessanteres Gebiet denken als die Eingänge und Ausgänge von Packpapier — Luxuspapiere waren schon der Schmuck ihres Daseins — aber im Grunde war es ja gleichgültig, welcher Sache das Buchführen galt. Sie hatte mit anständigen Leuten zu tun, und in dem Bewußtsein, daheim eine kleine Pension bezahlen zu können, lag wirklich ein Lohn. Sie hatte den Gedanken, Frau Grunow zu verlassen, von sich gewiesen. Viele andere hätten an ihrer Stelle den Hauptgewinn darin gesehen — sie aber brachte es nicht fertig. Wo man ihr getreu gewesen, wollte sie auch treu sein.
So lebte und arbeitete sie, und nur noch ganz unten im Raum ihres kleinen Lebensschiffes wohnte die Sehnsucht nach Vater und Mutter. Aber das Versprechen von Strelenwalde fesselte sie. Sie zwang ihre Unruhe nieder. Sie unternahm nichts.
Da sie sich sehr geschickt zeigte, ließ Herr Kleinholz sie nicht nur bei ihren Büchern, sondern vertraute ihr auch den Verkehr mit Kunden an. Die Männer waren nun einmal so, auch wenn sie nur trockene Schreibwarenhändler waren — sie kauften lieber bei einem hübschen Mädel als bei dem gediegensten Mann. Johann Peter Rietschel aus Chemnitz aber, der jetzt häufiger als sonst bei Kleinholz & Co. erschien, hatte auch Sinn für den Geist. Ein unternehmender Sachse, der nach Berlin übergesiedelt, hielt er es jederzeit mit dem Modernen und zeigte überhaupt den Schwung, der das Provinzielle allmählich abstreifte. Dazu kam, daß er mit seinem gekräuselten Scheitelhaar einen künstlerischen Anstrich hatte, der wohl etwas Phantasie in den Kleinkram seines Ladens brachte.
Aber das war nur äußerlich. Im Kern konnte es keinen solideren Geschäftsmann geben als Johann Peter Rietschel. Sein skeptischer Wirklichkeitssinn war unüberwindlich. Auf die Grundlage kam es ihm an, und die Grundlage war Geld — wenn das nicht fehlte, war Rietschel für alles zu haben.
Doch er suchte es nicht bei fremder Kraft. Er war alles aus sich selbst geworden und trachtete nicht nach Mitgift, sondern nach einer Frau, auf die er sich etwas einbilden konnte. Als er zu Kleinholz & Co. kam, lernte er ein kleines Fräulein kennen, das durch seine seltene Zuverlässigkeit auf ihn wirkte. Er fand Berta Prutz hübsch, ihre kleine Gestalt störte ihn nicht, denn er war ja selbst nur ›Mittelfigur‹. Bescheidener Ernst und sauberer Fleiß — wie selten waren diese Eigenschaften bei einem Großstadtmädchen! Johann Peter Rietschel kannte die Sittenverderbnis Berlins. Soviele Reize sie auch für ihn gehabt — es sollte sich nichts davon in sein künftiges Heim schleichen.
Auf den Entschluß kam es an. Er sondierte als vorsichtiger Chemnitzer lange. Er forschte und erkundigte sich, wo es nur möglich war. Bald hatte er natürlich Bertas dunkle Herkunft erfahren. Hart ging er mit sich zu Rate. Dann aber kam ihm eine Erleuchtung, die ihn mit stolzer Befriedigung erfüllte: er stieß sich nicht daran. Er kämpfte sich sogar zu der Gewißheit durch, daß solche Mädchen gerade die besten Frauen werden konnten. Sie hatte wahre Demut in ihrer armen Rechtlosigkeit, sie konnten erst das ganze Dasein durch einen liebevollen Gatten gewinnen. Das war nach Rietschels gutherzigem und eitlem Geschmack. Er sah es nur von sich aus.
Als sein Entschluß gefaßt war, zweifelte er nicht an dem Erfolge. Nun ließ er seine Gefühle deutlicher werden. Immer wieder erschien er bei Kleinholz & Co. — wenn Berta nicht im Kontor war, ließ er sie rufen, als ob er nur mit ihr verhandeln könnte. Bertas Kollegen merkten, daß da ein Freier, nicht nur ein Kunde kam. Lächelndes Getuschel entstand, halb neidisch, halb erfreut. Man gönnte ja schließlich der guten Kollegin diesen Glücksfall. Berta merkte es erst zuletzt. Sie war zu sehr in ihre Pflicht verbissen — sie hatte den Kunden noch immer nicht als Menschen sehen können. Nun begriff sie seine Absicht. Es ängstigte und kränkte sie nicht — es stimmte sie nur nachdenklich. Liebhaben im wirren Sinne ihrer jungen Träume konnte sie Johann Peter Rietschel nicht — aber das war gerade gut — er störte sie also nicht in ihren dunklen Wünschen. Sie ahnte auch dafür einen Halt, den sicheren Hafen der bürgerlichen Ehe.
Aber sie ließ sich nicht so einfach erhandeln — sie wollte auch das Ihrige bieten, sie wollte gleichberechtigt sein. Da kam nun plötzlich ein langer Brief von Herrn Rietschel — ein richtiger, schriftlicher Heiratsantrag — zum mündlichen hatte sich der vorsichtige Sachse nicht entschließen können. Immer wieder las Berta seine sorgsamen Ausführungen — klangen ein wenig pedantisch, vielleicht auch herrschsüchtig, aber sie gefielen ihr. Es war Verstand darin und mehr: sie spürte einen Charakter. Was dieser Mann versprach, erfüllte er. Außerdem — sie konnte ihm wirklich etwas sein. Sie kannte ja seine ›Branche‹, sie freute sich ehrlich auf sein Geschäft. Wenn sie ihm Glück brachte ... in Gottes Namen denn.
Sie sagte zu und sprach erst nach der Absendung ihres Briefes mit Tante Grunow und Onkel Tübbeke. Die nahmen ihr die trotzige Selbständigkeit nicht übel. Sie zeigten sich über alles Erwarten erfreut.
»Rietschel in der Zimmerstraße? Den kenn' ich! Ein vorzügliches Geschäft! Wenn du da 'reinheiratest — à la bonkör!«
Berta freute sich an Onkel Tübbekes Beifall, wenn ihr auch der Begriff ›'reinheiraten‹ nicht sympathisch war. Tante Grunow blieb stillgerührt — sie übersah das bisherige Leben ihres Pflegekindes, und daß nun eine große Station kam. Zum erstenmal hatte Berta ein warmes Dankgefühl für die alte Frau. Ihr Sohn Alfons erfuhr die Verlobung erst, als alles besprochen und festgesetzt war. Er hätte doch nur abgeraten. Aber Berta konnte sich eine Genugtuung leisten, die ihr besonders Vergnügen machte: plötzlich ging sie auf den düsteren Alfons zu und rief: »Übrigens, mein Bräutigam ist Sozialdemokrat!«