SIEBZEHNTES KAPITEL
Johann Peter Rietschels politische Überzeugung war nicht schwer zu nehmen. Er gehörte zu der Masse kleiner Knurrer, die mit ihrer Zeitung sprechen und im Grunde die Sache des Volkes nach ihrem eigenen Wohlergehen beurteilen. In seinen vier Wänden schimpfte er das erlaubte Maß — draußen drehte sich sein Fähnlein im Wind.
Einen möglichst sorgenfreien Hausstand haben — das umschloß sein Ideal. Das erste Geschenk, das er sich von seiner Braut wünschte, waren gestickte Pantoffeln. Skeptisch und solide, war er aus dem sächsischen Kleinbürgertum nach Berlin gekommen. Nun nahm er nur den eigenen Vorteil wahr und widmete ihm seine zähe Kraft.
In der Großbeerenstraße mietete er eine hübsche Wohnung. Bis zum Geschäft, das in der Zimmerstraße lag, hatte er es nicht weit. Er sprang mit Eleganz auf die Pferdebahn, wenn es ihm zu spät geworden.
Auf der hinteren Plattform winkte er dann noch fröhlich Berta zu, die lange am Erkerfenster stand und ihm nachsah.
Es wurde ihm oft zu spät. Seine junge Frau — sie war es schon nach wenigen Monaten geworden — war ein süßes, warmes Geschöpf, von jener keuschen Leidenschaft, die einsame Jahre angesammelt hatten. Sie konnte auch Rietschel um die Besinnung bringen. Es wurden stürmische Flitterwochen. Von der kurzen Hochzeitsreise, die man natürlich in die Sächsische Schweiz gemacht, kam Berta verwandelt zurück. Ihr lange gefesselter Lebensdrang stürmte so auf den ruhigen Gatten ein, daß er ins Wackeln kam und sich mit heimlichem Lächeln sagte: ›Ich habe was riskiert, weeß Kneppchen — wenn's bloß keene Dummheit ist.‹
Aber er hatte ja Bertas junge Reize vor sich — es konnte keine Dummheit sein. So vergaß er, daß er fast doppelt so alt war als sie, und kam ins Sausen. Sein Geschäft wurde nicht davon geschädigt — im Gegenteil, es blühte nun erst auf. Er entschloß sich zu einer Neuerung, die ihm immer zu gewagt gewesen: zu den Papierwaren gesellte er die Galanterie und sogar die Literatur in Gestalt der Fünfzig-Pfennig-Bibliothek Chinchilla, die wirklich spannende Romane mit reizenden Titelbildern brachte. Der Verlag war in Kötzschenbroda — Rietschel übernahm die Generalvertretung für Berlin. Außerdem plante er einen umfassenden Journallesezirkel, und Berta gründete eine Leihbibliothek.
Sie zeigte sich für das Geschäft so begabt, wie Rietschel es erhofft hatte. Vormittags versorgte sie ihren Haushalt — nachmittags erschien sie im Laden und half dort, wenn es am lebhaftesten zuging. Bald wurde sie frauenhaft rundlich, und zu einem Kneifer hatte sie sich nun doch entschlossen, da das Lorgnon sie bei der Arbeit hinderte. Auch die unbequemen hohen Absätze gab sie bald auf und trug solide Schuhe: Sie wurde wieder recht klein dadurch, aber Rietschel nannte sie ja immer sein ›Kleinchen‹ und wollte sie garnicht größer.
Bei der Kundschaft war Berta sehr beliebt. Sie zeigte jene unbegründete Heiterkeit, die eigentlich nervös war, aber auf alle, die ihr nicht immer begegneten, angenehm wirkte. Rietschel machte dagegen einen etwas brummigen Eindruck. Ihm lag das viele Lachen nicht, denn er litt an Rheumatismus und ging lautlos in seinen Filzpantoffeln umher. Wenn er Gummiarabikum oder Löschpapier oder rote Tinte brachte, sah es aus, als ob er den Ernst des Lebens anböte. Die Romane der Bibliothek Chinchilla legte er wie wissenschaftliche Werke vor. Aber sein Geschäftssinn zeigte ihm sogleich den Vorteil, der in Bertas anderem Wesen lag, und er ließ sie weiterzwitschern.
Von einem Ehrgeiz wurde Berta von vornherein gepackt: Sie ließ nichts vorbei, was Anerkennung ihrer eroberten Lebensstellung bedeutete. Nur scheinbar war sie von dem Druck der rechtlosen Geburt befreit — junges Glück schläferte den bohrenden Drang in ihr ein, sie suchte nicht mehr, denn sie hatte viel gefunden. Aber es schlummerte im Dunkeln, was ungelöst blieb, und sie ließ es dort ängstlich liegen, als ob es ihren Besitz verderben könnte. Leidenschaftlich gab sie sich der äußeren Lebensgeltung hin. Sie zählte endlich mit, sie war Frau Rietschel, und man fragte nicht viel, was dahintersteckte, wenn das Gesamtbild harmonisch war.
Aber es kam ihr nicht nur auf die fremden Leute an. Tiefer beschäftigte sie der Wunsch zu wissen, was die wenigen, die ihr zum Schicksal geworden, von ihrem plötzlichen Glück dachten. Besonders begierig war sie seltsamerweise nicht auf die Nächststehende, auf ihre rätselhafte Mutter, sondern auf einen Mann, der eigentlich nur lose mit ihren Angelegenheiten zusammenhing: sie hatte eine tiefe Erinnerung an Justizrat Viktor Schwarz behalten. Einst war er eine große Enttäuschung für sie gewesen. Jetzt stellte sie sich immer wieder vor, was er wohl für Augen gemacht haben mochte, als er ihre Heiratsanzeige im ›Berliner Lokalanzeiger‹ gelesen. Daß er sie dort gelesen und als wichtig vermerkt hatte, war ihr nicht zweifelhaft. ›Das kleine Mädel,‹ hatte er sicherlich gedacht — ›die geht ihren Weg, die wird uns allen noch was zu raten aufgeben‹?
Onkel Tübbeke, den Berta zuweilen fragte, konnte ihr die ersehnte Auskunft nicht geben. Privatgespräche führe der Herr Justizrat nicht mehr mit ihm. Auch Tante Grunow hüllte sich in diplomatisches Schweigen. Die beiden waren vorsichtig geworden. Sie trauten Bertas jähem Unternehmungsgeist noch immer nicht.
Um so lebhafter beschäftigte man sich mit der jungen Frau Rietschel dort, wo sie es eigentlich nicht erwartete: In Strelenwalde hatte die Heiratsanzeige des ›Berliner Lokalanzeigers‹ Wellen geschlagen.
Frau von Rotkraut hielt die Zeitung in der Konditorei, aber mehr ihrer selbst als der Gäste wegen, denn sie wollte mit Berlin in Zusammenhang bleiben. Wenn sie täglich von der Weltstadt las, wurde ihr die Strelenwalder Einförmigkeit weniger drückend. Noch eifriger aber las Adele Schörg die Berliner Zeitung, und besonders die Familiennachrichten studierte sie, als ob es sich um lauter Bekannte handelte. Verlobte beneidete sie, Verheiratete weckten ihre Schadenfreude, und wenn recht viele gestorben waren, seufzte sie befriedigt. Adele war noch immer Ladenfräulein in der Prutzschen Konditorei. Sie hatte sich nun doch unentbehrlich gemacht, denn Liese mußte sich ihrem Gatten widmen.
Simba liebte Adele ohne Erhörung jahraus, jahrein. Täglich stand er stundenlang im Laden und beobachtete sie. Sie kostete seine Leidenschaft aus. Diesen schwarzen Riesen beherrschte ihre Koketterie, die jedem weißen Manne gleichgültig. Sie brauchte vor ihm ihre Häßlichkeit nicht zu scheuen, und wenn sie die bunte seidene Bluse trug, die er ihr geschenkt hatte, strahlte er.
Eines Tages sprang Adele plötzlich auf, stieß Simba zur Seite und hinkte zu Liese hinüber. — »Na, was ist denn?« fragte die Frau Konditor mißmutig.
Adele zeigte mit leuchtenden Augen auf ein Inserat: ›Statt jeder besonderen Meldung: Ihre Vermählung beehren sich Freunden und Bekannten hierdurch ergebenst anzuzeigen Johann Peter Rietschel, Inhaber der Kunowschen Schreibwarenhandlung, Zimmerstraße 69, und Berta Rietschel, geb. Prutz.‹
Liese starrte bestürzt auf diese Zeilen. Sie konnte nichts sagen.
»Ich weiß, wer das ist!« frohlockte Adele.
»Aber halt deinen Mund,« flüsterte die schwächer gewordene, rasch ergraute Frau.
»Aber ja! Sie meinen wohl wegen Herrn Major? Ich weiß doch! So dumm bin ich doch nicht! Aber sagen Sie bloß, liebe Frau Liese — da war doch mal vor ein paar Jahren so'n kleines Mädel bei uns, so'n nettes, winziges Fräulein — erinnern Sie sich nicht? Sie kamen dann vom Schlafen 'runter, und ich mußte mich drücken — dann haben Sie mit ihr allein geredet — na, das wissen Sie doch noch?«
Liese war rot geworden. Scheu sah sie sich nach Simba um — aber der war in die Backstube gegangen. »Was meinst du denn eigentlich? Was willst du denn?«
»Na, wegen dem Namen Prutz! Und Berta — so hieß doch das Kind — das weiß ich doch noch!«
»Also — du bist doch ganz schrecklich, Adele — also damit du mich endlich in Ruhe läßt — ja — das war sie. Und nun hat sie sich verheiratet. Übrigens sehr gut — das Kunowsche Schreibwarengeschäft kenne ich — da hab' ich oft gekauft. Na, mich beruhigt das eigentlich. Lieber Gott, so'n armes, verwaistes Geschöpf!«
Es funkelte wirr in Adeles Augen. Sie strich sich mit zitternder Hand das Haar zurück: »Wie mag das nur gekommen sein?? Geld hat sie nicht, und winzig sieht sie man aus — und nun heiratet sie doch!«
»Der Mann wird sie eben liebhaben.«
»Ja, wie kommt denn das?«
Jetzt mußte Liese lachen: »Frage doch nur nicht so albern, Adele.« — Dann stand sie mit schweren Füßen auf, faltete seufzend die Zeitung zusammen und stieg zu ihrem alten Invaliden ins obere Stockwerk.
Adele aber stand, von einem sonderbaren Krampf geschüttelt, allein im Laden. Plötzlich kam ihr ein Entschluß — sie eilte zur Backstube. — »Simba!« rief sie. »Wo steckst du denn? Ich bitte mir aus, daß du vorhanden bist, wenn ich rufe!«
Der lange Neger stolperte, glühend von der Ofenhitze, vor sie hin. Fragend starrte er in ihr verwandeltes Gesicht. Was war das? Sie bot sich ihm? Endlich? Die Mauer war fort?
»Willst du mich heiraten, Simba?« flüsterte Adele.
Da schrie der Schwarze wie ein krankes Raubtier auf.
»Um Gottes willen! Bist du verrückt? Das hören sie oben!«
Er aber fragte nach niemand. In seinem wahnsinnigen Jubel packte er sie und hob die Zappelnde empor und überstürzte sie mit seinen Küssen.
Bald zeigten sie sich Arm in Arm den überraschten Strelenwaldern. Liese aber ging an dem sonderbaren Paar vorüber zu Tante Sanftleben. Die war nun uralt. Liese fand sie in dem Lehnstuhl am Fenster, wo sie selbst einst als Wöchnerin gesessen hatte. Sie mußte sehr laut sprechen, aber die Tante verstand sie noch. Ihr zitterndes Köpfchen konnte alles erfassen.
»Berta,« sagte sie mit ihren guten, glanzlosen Augen — »Berta hat sich verheiratet. — Nun siehst du doch, Liese, daß es sich gelohnt hat, für sie zu leiden.«
Mit harter Miene sah Liese auf den Strohmarkt hinaus: »Wir wollen es abwarten, Tante. Hinter die Kulissen sieht man nie. Bei Simba und Adele — da glaube ich jetzt an ein Glück. Aber Berta ... Das Kind hat, glaub' ich, einen Charakter, der — ich weiß nicht, wie ich's ausdrücken soll — der immer zerstören muß. Ich kann mir nicht vorstellen, daß sie jemals Ruhe findet. Mich hat sie nicht — ich darf es ja nicht ändern — und einen Vater hat sie nicht — das sitzt eben in einem Menschen, das schleppt einer mit, solange er lebt.«
Strelenwalde blieb Berta fern. Ihre Scheu vor der Mutter war unüberwindlich. Nie wieder konnte sie sich der Zurückweisung aussetzen. Sie starrte auch auf ihr Versprechen. Aber sie lebte ja nun selbst in bürgerlichen Ehren. Der Kreis, in dem sie Einfluß gewann, beurteilte sie lediglich als Frau Rietschel — hier fragte man nicht, wem ihre Herkunft Verlegenheit bereitete. Berlin war in solchen Fragen tolerant.
Aber es lockte auch den, der seine rasche Gunst erfuhr, immer tiefer in Regionen, die ihm eigentlich verschlossen waren. Man glaubte mitzutun, wenn man noch draußen stand; man genoß mit Kennermiene und blieb ein dürftiger Zaungast. Das Tempo riß mit und täuschte doch, denn es war das Tempo der anderen.
Berta Rietschel sah das alles nicht. Sie war von ihrem kleinen Erfolge gebannt. Ein Ehrgeiz bannte in ihr, den ihre Umgebung nicht ermessen konnte. Er richtete sich, wie es im Wesen der Emporgekommenen lag, vor allem auf geistige Vorteile. Bildung war Berta mehr als Geld, denn Geld verdiente ja ihr Mann genug. Sie wollte die zahllosen Wissenskräfte, die sie umwirbelten, einfangen und fühlte sich benachteiligt, wenn ihr etwas ›zu hoch‹ blieb. Eigentlich handelte es sich nur um ein Mitredenkönnen. Bildung ist Macht — das wurde Bertas Überzeugung. Sie fühlte sich nicht nur der Leihbibliothek wegen dazu verpflichtet — je besser es ihr ging, je geachteter sie wurde, desto empfindlichere Lücken wurden ihr klar, und entsetzt übersah sie, was an ihr versäumt worden.
Rietschel ging an solchen Gefühlen vorüber. Anfangs hörte er noch verwundert zu, wenn Berta sie ihm auseinandersetzte. Er wollte ihr die Spuke ausreden, indem er auf die gute Bilanz des ersten Geschäftsjahres hinwies. Dann aber erklärte er ihr, daß er von Romanen, Theaterstücken und Vorträgen nichts halte. Die Chinchilla-Bibliothek gehe ja, aber wenn sie einmal nicht mehr ginge, nehme er ebenso gern ein Kochbuch in Kommission. Was das Theater betreffe, so sei es ihm nach dem Schillertheater zu weit und im Schauspielhause zu teuer — außerdem gebe man da lauter traurige Stücke, und das Leben sei an sich schon traurig genug. Er wolle sich nur noch gründlich auslachen, und dafür sei das Metropol mit Thielscher und Giampietro da. Vorträge aber — den ganzen Abend sich von einem Professor etwas vorquatschen lassen, was nur dieser verstehe, und dann noch in die zugige Garderobe ... Nein, da sitze er doch lieber zu Hause und habe seine warmen Pantoffeln an und braue sich einen steifen Grog.
Berta hörte das still enttäuscht mit an. Erst lachte sie, dann aber ärgerte sie sich über Rietschels eitle Verständnislosigkeit. Ein neuer Stachel regte sich in ihr: sie begann sich ihrem Manne überlegen zu fühlen. Ihn noch weiter in ihr Inneres blicken zu lassen, wurde sie zu stolz. Er spürte es wohl, daß sie langsam von ihm abrückte und allerlei Heimlichkeiten hatte; aber er war auch froh, daß sie ihn endlich in Ruhe ließ. Um einen bequemen Ableiter für diese Verstimmungen zu haben, schaffte er sich einen Hund an. Der weiße Pudel Schneemann gab ihm nichts zu raten auf und erfuhr die ganze Zärtlichkeit seiner sächsischen Seele.
Zu einer tieferen Verstimmung kam es nicht. Die Ehe wurde immer wieder durch den natürlichen Verlauf der Dinge gefestigt. Berta mußte ihren Bildungshunger aufgeben, denn stärker als die große Welt zeigte sich ihre eigene kleine, in der sie Mutter wurde. Nach zweijähriger Ehe gebar sie einen Knaben, der den Namen Paul erhielt. Dann hatte sie nur ein knappes Jahr Schonzeit, und das zweite Kind erschien, eine Tochter, die man nicht Liese, sondern Grete nannte.
Schmerzen und Arbeit, viele Freuden auch — Berta tauchte lange in den Muttersorgen unter. Auch ihm, dem sie das alles dankte, kam sie wieder näher. Rietschel stellte zwar immer nur die Ähnlichkeit der beiden Kinder mit seiner Person fest und betonte fast kränkend, daß es recht stattliche Menschen werden könnten. Es klang fast, als ob er auf Mißgeburten gefaßt gewesen wäre. War ihm Berta doch zu klein? Stieß er sich an ihre schlechten Augen? Die überreizten Sinne der Wöchnerin beobachteten mißtrauisch. Wenn auch noch so viel Glück um sie herum erblühte — irgendwo lauerte das Verderben.
So kam sie durch die Kinder wieder zum Grübeln über ihr eigenes Schicksal. Sie sah zwei rechtlich geborene Menschen, aber selten wurde dieses hohe Bewußtsein von einem Neid beschlichen, den sie nicht bannen konnte. Je mehr sie ihren Kindern die Rechte des Lebens zuführte, desto mehr entbehrte sie sie selbst. Bei ihr verwelkte im Schatten, was bei jenen sogleich in der Sonne stand.
Besonders nach der schweren Geburt des Mädchens tauchten diese Gespenster auf. Sie suchte sie niederzuringen, sich immer wieder an die schönen Tatsachen zu halten; aber sie konnte es nicht hindern, daß sie ihr eigenes Fleisch und Blut mit fremden Augen ansah. So entwickelte sich ein seltsames Verhältnis zwischen Mutter und Kindern. Von Anbeginn wechselten innige Zusammengehörigkeit und scheues Abgleiten. Man spielte vergnügt miteinander — wenn dann Paulchen seine Eisenbahn zum Aufziehen, Gretchen ihre Puppe zum Ankleiden brachte, stießen sie plötzlich auf finstere Gleichgültigkeit. Ihr kindliches Vertrauen stand vor einer Mutter, deren Blick zu sagen schien: ›Was wollt ihr von mir? Ich lebe in Gedanken, die ihr nicht kennt.‹
Das blieb so, bis die Kinder größer und wißbegieriger wurden. Charaktere deuteten sich an — Paul hatte offenbar das Zeug zu einem begeisterungsfähigen Jüngling, während Grete still und herb wie die Mutter wurde. Der kleine Egoismus des Vaters schien in beiden nicht zu sein, aber Berta freute sich nicht daran. Sie ließ den Kinder ihren Willen, denn nun konnte sie zu sich selbst zurückkehren. Sogar den Sonntag entzog sie ihrer Familie. Schon früh ging sie fort und blieb den ganzen Vormittag im Tiergarten oder im Zoologischen Garten, wo sie sich eine stille Bank suchte. Hier las sie die Bücher, durch die sie das Leben zu erkennen glaubte. Es waren Romane, die bei den ›oberen Zehntausend‹ spielten. Was vornehme Villen dem Vorübergehenden verbargen, glaubte sie zu belauschen und als Eingeweihte zu verstehen.
Die Kinder beklagten sich beim Vater, weil sie in den Zoologischen nicht mehr mitgenommen wurden. Dort störten sie die vertiefte Mutter, wenn sie die Bären füttern oder den Elefanten besuchen wollten. Rietschel war empört. Jetzt gab es den ersten Zusammenstoß. Ein unerfahrenes Dienstmädchen hatte das Sonntagsessen verbrannt — die Hausfrau wurde natürlich beschuldigt. Rietschel konnte schrecklich grob werden. Sein selbstbewußtes Berlinertum verband sich dann mit sächsischer Schärfe. Berta wehrte sich nur stumm erhaben, aber sie blieb nun zu Hause. Mit ihren Büchern schloß sie sich ein.
Den zweiten Zusammenstoß brachte die Leihbibliothek. Berta behauptete, ihr Niveau heben zu müssen, und kaufte Ludwig Ganghofers Romane ein. Rietschel aber erklärte sie für viel zu teuer.
»Wenn du schon was Besseres anschaffen willst — übrigens eingebunden sind sie ja doch alle gleich, ich werde doch keine Kalbslederbände kaufen, damit die Leute Stearin drauf tropfen — aber wenn du schon was Besseres anschaffen willst, dann nimm was von Fontane! Gestern erst hat mich einer nach den ›Wanderungen durch die Mark Brandenburg‹ gefragt!«
»Quatsch, das sind doch Schulbücher! So was führen wir nicht!«
»Ich quatsche nie, liebes Bertchen!! Das laß dir ein für allemal gesagt sein!! Und dein Ganghofer mit seine Tiroler — lächerlich! Das ist ja nicht mal was Pikantes für die Herren!«
»Du verstehst überhaupt nichts von Büchern!«
Berta knallte die Tür hinter sich zu. —
Im Schillertheater sah sie bald darauf das Schauspiel ›Johannisfeuer‹. Die Seelenkämpfe des Notstandskindes fanden bei ihr stürmische Empfänglichkeit. Sie wußte nicht mehr, daß sie die kleine Frau Rietschel aus der Großbeerenstraße war, sondern lebte in den Liebesschmerzen der opfermutigen Marikke. So kam eine Rührung über sie, die auch im Schillertheater ungewöhnlich war. Neben Berta saß ein junger Mann, der recht vornehm, aber kränklich aussah. In der Pause bemerkte er, daß Berta weinte. Jetzt sagte er, indem sein scharfes und kantiges Gesicht sich seltsam zusammenzog: »Ja, ja — auf die Geburt kommt es an.«
»Ich dachte auch eben: alles, was so düster und unzufrieden in einem bleibt, das macht doch bloß das Herkommen aus. Marikke muß unschuldig leiden.«
»Freilich. Es ist eine große Tragik, mutterlos zu sein.«
»Und vaterlos. Was ist eigentlich schlimmer?«
»Es kommt darauf an, gnädige Frau. Jedenfalls ist es von der größten Bedeutung, daß man sich vollständig klar wird über Vater und Mutter.«
»Wie meinen Sie das?«
»Nein, ich meine — man erkennt sich selbst erst dadurch. Nur auf diesem Wege wird es einem möglich, seinen eigenen Charakter zu verstehen. Kennen Sie Ibsen?«
Berta wurde rot: »Nein — noch nicht ...«
»Nun, dann wissen Sie freilich nicht, was ich mit dem Gesetz der Vererbung meine. Ibsen ist nämlich größer als Sudermann. Als ich aus seinen ›Gespenstern‹ kam, hätte ich mich beinahe erschossen. Aber wenn man sich über Vater und Mutter klar wird, besonders über den Vater — dann kann man ebensogut zum Glück gelangen wie zur Verzweiflung. Wenn ich mich zum Beispiel mit Ihnen vergleiche —« er lächelte bei diesen Worten, aber es war ein trauriges Lächeln — »bei Ihnen ist mir ein günstiges Resultat unzweifelhaft.«
»Na, na,« flüsterte Berta mit pochendem Herzen — »da können Sie sich aber sehr irren ...«
»Warum denn? Sie sind doch sicherlich eine glückliche Gattin und Mutter?«
»Ja, ja ... Das heißt ... Man ist eben doch einsam, was die Hauptsache anbelangt. Sehn Sie mal, mein Mann der ist nur fürs Geschäft, und meine Kinder kriegen immer das Allerbeste, — aber ich selber — mit meiner Mutter bin ich auseinander, und meinen Vater kenn' ich garnicht.«
Der kranke Nachbar sah sie überrascht durch seine Hornbrille an: »Sie kennen ihn garnicht? Lebt er denn noch?«
»Ja, freilich ... Vielleicht hier in Berlin ... Am Ende treff' ich ihn alle Tage ...«
Berta begleitete die letzten Worte mit nervösen Handbewegungen.
Der Nachbar beugte das Gesicht auf seine mageren Hände: »Hm ... Ja ... Nun, da wäre es doch aber außerordentlich interessant —«
»Was denn?«
»Ich meine, als reifer, erkenntnisfähiger Mensch erst seinen eigenen Vater kennenzulernen — das stelle ich mir als unschätzbaren Gewinn vor. Sind Sie außerehelich geboren? Verzeihen Sie die Frage —.«
»Selbstverständlich. Ich geniere mich garnicht deswegen. Aber alle Welt hat sich verschworen, mir meinen Vater zu verheimlichen. Ich darf nicht mal danach forschen. Mir sind sozusagen die Hände gebunden. Das ist auch ein Trauerspiel, sag' ich Ihnen. Na, ich habe mich ja trotzdem durchgesetzt. Aber jetzt — es läßt mir keine Ruhe mehr. Gerade weil ich was erreicht habe — gerade deshalb —«
»Wollen Sie endlich wissen, wer Sie sind!«
»Jawohl!«
Es war ein sonderbares Gespräch. Berta empfand das Schicksal dieser Begegnung. Nun kam das Publikum wieder, die Pause war zu Ende, der dritte Akt begann. Nach Schluß des Stückes sah Berta ihren Nachbar mit ringenden Augen an: »Raten Sie mir doch — was soll ich tun?«
»Ich kenne Sie zu wenig.«
»Aber Sie wissen sicher mehr von solchen Sachen als die anderen.«
»Ich würde an Ihrer Stelle um jeden Preis —«
»Um jeden Preis?«
»Ihren Vater ausfindig machen.«
»Glauben Sie, daß es mir dann besser ginge?«
»Klarheit über sich selbst gewinnen bedeutet immer eine Besserung.«
Sie trennten sich. Berta ging versonnen heim. Es war weit von der Wallnertheaterstraße bis zur Großbeerenstraße, aber in die Elektrische stieg sie heute nicht. Sie machte den langen Weg, um ihren Kriegsplan zu entwerfen. Nun entbrannte es wieder lichterloh, was so lange geschlummert hatte. Der Fanatismus ihrer Backfischzeit ergriff sie. Alles Sichere und Ruhige, was ihr die letzten Jahre gebracht, stieß sie von sich. Freilich, der Mutter durfte sie nicht wortbrüchig werden. Aber vielleicht erreichte sie nun doch alles, wenn sie gar nichts unternahm. Sie mußte die anderen zum Sprechen bringen, aus eigenem Willen. Noch lebten ja Mitleid und Edelmut auf dieser Welt. Aber wer waren die anderen? ...
Eine ganz geheime Schadenfreude ergriff sie, als sie bei Rietschel eintrat. Sie setzte sich ihm gegenüber, aß nur wenige Bissen und griff dann plötzlich nach dem Adreßbuch. Mit stiller Spannung wälzte sie den dicken Band.
»Wen suchst du denn eigentlich?« fragte Rietschel nach einer Weile.
»Ach, niemand! ...«
»Dann laß das doch gefälligst sein. Das ist ja ungemütlich.«
Aber Berta blätterte weiter. Jetzt war sie bei Sch — sie sah den Namen Schwarz — er war oft vertreten, aber ihr fiel ein bestimmter Träger dieses Namens ein. Sie suchte mit emsigen Finger. Endlich — da war er — Viktor Schwarz, Justizrat und Notar — noch immer Taubenstraße 34.
Sie starrte auf die Zeilen — die Gegenwart ihres Mannes vergaß sie. Ja, hier mußte sie anknüpfen — hier machte sie jetzt den zweiten Besuch. Viele Jahre waren seit dem ersten verstrichen. Bei Justizrat Schwarz war doch vielleicht die richtige Quelle — sie durfte ihn nur nicht bedrängen — er mußte aus sich selbst bekennen. Nickend ließ sie den Zeigefinger auf seinem Namen.
Rietschel hatte ihr mit unbehaglicher Verwunderung zugesehen. Jetzt stand er langsam auf: »Weißt du, Bertchen, manchmal möchte man wirklich meinen — na, ich will nichts gesagt haben. Gute Nacht.«
Er schlurfte in seinen Filzpantoffeln hinaus.