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Frau Rietschel das Kind cover

Frau Rietschel das Kind

Chapter 19: ACHTZEHNTES KAPITEL
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About This Book

The narrative follows a young assessor who relocates to a provincial town and becomes enamored of a confectioner’s daughter, prompting him to take a room opposite her shop. As his courtship unfolds, the story examines daily routines, social rituals, and the protagonist’s calculations about career advancement, reputation, and desire. Close observation of neighbors, family protectiveness, and rival suitors reveals the constraints of bourgeois provincial life and the limits of social mobility. Through intimate scenes and civic encounters, the work sketches how longing, prudence, and communal expectations shape personal choices and small-town relationships.

ACHTZEHNTES KAPITEL

Tübbeke sah zum Himmel, als er an einem schwülen Nachmittage von einem amtlichen Gange ins Bureau zurückkehrte. — »Et gibt was!« rief die Obstfrau, die vor dem Hause ihren Verkaufsstand hatte. — »Und wir haben erst April«, meinte Tübbeke.

Nachdenklich blieb er vor den Körben der Frau stehen. Sie handelte mit Veilchen und Apfelsinen. Es war Frühling, aber die dumpfe Luft ließ keine rechte Freude daran aufkommen. Tübbeke kaufte sich zwei Apfelsinen und fragte im Hausflur noch einmal, ob sie auch nicht sauer seien. — »Sie wollen wol Blutoranschen for'n Jroschen?« zeterte die Frau. — Der alte Bureauvorsteher betrat das Vorzimmer. Hier saß nur eine wartende Dame. Er erkannte sie in der Dämmerung nicht, sagte aber mit Freundlichkeit, die er für das ganze weibliche Geschlecht hatte: »Ein Momentchen! Werden wohl gleich drankommen!« — »Ich habe Zeit, Onkel«, war die Antwort.

Nun erkannte er sie. Ihm zitterten die alten Beine. Sie hatte sich wahrhaftig wieder hereingedrängelt. Das unvernünftige Frauenzimmer! Und extra hatte man es ihr verboten.

In seinem Arger vergaß Tübbeke ganz, daß seit Bertas erstem Besuch Jahre vergangen waren. Er hatte keinen Backfisch mehr vor sich.

Mit rotem Kopf trat er dicht an sie heran. »Was soll denn das heißen, du? Da hört sich doch wahrhaftig alles auf! Du weißt doch —«

Sie sah ihn von oben bis unten an: »Lieber Onkel Tübbeke, ich bin mündig. Außerdem, bei allem schuldigen Respekt, du bist für mich hier Bureauvorsteher — ich will den Herrn Justizrat sprechen.«

Er war doch eingeschüchtert. Es lag nicht zum wenigsten an ihrer eleganten Kleidung, die er nun bemerkte. Sie duftete wie eine große Dame und hatte sich für diesen Besuch wirklich hübsch gemacht. Unwillkürlich dachte er: ›Jetzt wird sie Eindruck auf ihn machen — das hat das kleine Biest gewollt. Am Ende fühlt er sich doch geschmeichelt, weil er solche Tochter hat. Aber sie ahnt ja noch garnichts von seiner Vaterschaft. Sonst hätte sie nicht mehr diesen ratlosen Blick. Ihr Ausdruck hat sich kaum verändert — sie ist noch immer das Kind von einst.‹

Jetzt erschien Herr Hollunder, ein neuer Schreiber, der immer stotterte, wenn er eine Dame ansprach: »Herr Ju-justizrat läßt noch um einen Au-augenblick Geduld bitten!« Sehr verlegen wandte er sich zu Tübbeke: »Herr Vorsteher — Sie möchten doch erst mal kommen!«

»Aha«, murmelte Tübbeke und warf Berta einen vielsagenden Blick zu. Dann ging er zu seinem Herrn: »Ja, so leicht, wie du dir das vorstellst, mein Dochter, ist die Sache denn doch nicht!«

Er stand in dem Sprechzimmer. Es hatte sich in den letzten Jahren sehr verändert. Man spürte, daß es hier um Millionen ging. Der vergrößerte Raum glich dem Empfangszimmer eines mächtigen Bankdirektors. Die Einrichtung war üppig, und die prächtigen Klubsessel schienen nur auf Aufsichtsräte zu warten. Viktor Schwarz saß an seinem breiten Diplomatentisch. Er war nun ein ältlicher Lebemann geworden. Sein welkes Gesicht war feist, die schwarzen Augen schielten noch etwas stärker hinter dem Kneifer. Eine umfangreiche Glatze hatte sich eingestellt, die allerdings die Stirn vergeistigte.

Herrisch blickte er auf seinen alten Beamten: »Tübbeke, wir müssen jetzt ein für allemal die nebensächliche Privatkundschaft los werden.«

Der Bureauvorsteher wußte zwar nicht, was darunter zu verstehen war, aber er nickte für alle Fälle.

»Sehn Sie mal, Tübbeke, es wächst mir über den Kopf. Ich bin jetzt nicht nur der erste Anwalt Berlins im Bankfach, ich gehöre auch zur Hochfinanz, durch meine Hände laufen die Fäden der europäischen Börsen. Allenfalls kann ich mich noch auf gewisse Ehescheidungen einlassen, aber jeden kleinen Querulanten anzuhören, dazu reicht es bei mir nicht mehr aus. Das sollen Anfänger machen.«

Tübbeke nickte wieder — er wußte noch immer nicht, wie er sich verhalten sollte. Hatte der Justizrat ihm nur das zu sagen?

Jetzt wurde Viktor Schwarz ungeduldig: »Na, Sie kennen doch die Dame, die da draußen auf mich lauert. Tun Sie doch nicht so!«

»Herr Justizrat,« stotterte der Alte — »ich tu' wahrhaftig nicht so ... Ich hab' mich nämlich auch schon geärgert ... Ich hätte nicht gedacht, daß die verrückte Person sich doch noch mal ...«

»Na eben! Sie erinnern sich hoffentlich an meine damaligen Worte!«

Diese Drohung war verfehlt — Schwarz fühlte es im nächsten Augenblick. Er hatte Tübbekes Pension inzwischen bewilligt, zurückzunehmen war sie nicht mehr. Jetzt mußte er ihn sich anders sichern. — »Tübbeke,« sagte er nach einer Weile vertraulich — »das ist eine schrecklich aufdringliche Frau. Stellen Sie sich vor — erst hat sie mir drei Briefe geschrieben, die ich selbstverständlich unbeantwortet ließ. Nun ist sie doch gekommen. Was sag' ich, gekommen? Heute Vormittag, während Sie in Moabit waren, ist sie schon zum drittenmal hier. Das Rindvieh, der Hollunder, stottert immer, und dann bleibt sie. Ja, ich habe wahrhaftig weder Zeit noch Kraft für solche Person. In einer halben Stunde kommen die Amerikaner mit den Herren von der Disconto-Gesellschaft. Sie müssen mich von dem Igel befreien, Tübbeke.«

Jetzt hatte sich der Bureauvorsteher gefaßt: »Herr Justizrat — ich glaube doch, Sie überschätzen das. Die Berta, lieber Gott — die wird man leichter los, als Sie denken. Die kenn' ich doch, ich möchte sagen, aus den Windeln her —«

»Hm ... Ja ... Das weiß ich!«

»Außerdem ist sie doch nun jahrelang nicht bei Ihnen gewesen —«

»Das ist mir vollkommen gleichgültig! Ich will sie überhaupt in meinem Bureau nicht sehen!«

»Bloß nichts merken lassen — um Gottes willen nichts merken lassen, Herr Justizrat!«

»Was soll das heißen? Was meinen Sie damit?«

Tübbeke hatte sich verplappert: »Na — ich meine man bloß — ich kenn' sie doch so weit — in Güte kriegen Sie die zu allem — bloß nicht im Bösen — bloß nicht widerspenstig machen — dann ist bei der kein Halten mehr. Das ist so'n Charakter, Herr Justizrat!«

»Aber was fällt Ihnen denn ein? Ich habe doch wahrhaftig nicht die geringste Veranlassung —«

Tübbeke schwieg verwirrt. Er kannte sich nicht mehr aus. Was durfte er noch sagen, und was sollte er verschweigen? Dieser Mann stellte ihn auf den gleichen Boden, und wenn er sich darauf bewegen wollte, ließ er ihn ausgleiten.

Schwarz fixierte ihn: »Sie meinen also am Ende gar — ich soll das Geschwätz noch einmal anhören? Ich soll meine kostbare Zeit —«

»Wenn Sie die 'rausschmeißen, fängt sie Sie auf der Straße ab, und schließlich liegt sie draußen vor der Tür — die kenn' ich!«

In diesem Augenblick klopfte es — Herr Hollunder trat ein. Er war aber so verwirrt, daß er gegen die Vorschrift handelte und die Tür hinter sich offen ließ: »Herr Justizrat — die Dame sagt, sie geht nicht wieder weg — und sie will auch nicht länger warten —«

Schwarz schnellte empor: »Das ist ja —!«

Schnelle Schritte näherten sich — plötzlich stand eine kleine, geputzte Person im Sprechzimmer. Sie hatte sich an Tübbeke und Hollunder vorbeigedrängt — dicht vor dem Justizrat blieb sie stehen. Während dieser Haltung suchte, verschwanden die beiden Beamten schleunig. Jetzt sollte der starke Mann allein mit ihr fertig werden.

»Herr Justizrat — seien Sie mir bitte, bitte nicht böse!«

Mit gefalteten Händen, ein banges Lächeln auf dem geröteten Gesicht, stand Berta vor ihm. Ihre ganze Erscheinung hatte etwas Kindliches, von naiver Überzeugung Beherrschtes. Sichere Koketterie blinzelte auf sie nieder, denn so hübsch hatte er sie nicht in Erinnerung gehabt. Nun aber suchte er noch einmal die bewährte Erstarrung. Er schob die rechte Hand zwischen zwei Knöpfe seines Gehrocks und sagte: »Ich muß mich doch sehr wundern, gnädige Frau!«

»Herr Justizrat, Sie sind auch ein Mensch, der durchsetzt, was er will! Ich bin ebenso! In Amerika soll es ja auch so sein!«

»Wir sind nicht in Amerika!«

Berta setzte sich, ohne daß er ihr den Stuhl angeboten hatte. Sie ließ ihren flehenden Blick nicht von ihm: »Haben Sie denn meine Briefe bekommen?«

»Ich erinnere mich nur an einen Brief.«

»Drei hab' ich Ihnen geschrieben! Auf keinen haben Sie geantwortet!«

»Gnädige Frau, ich kann mich nicht einmal entschuldigen. Dabei kennt man mich überall als die Höflichkeit selbst. Aber Sie scheinen von einer ganz falschen Voraussetzung auszugehen. Sie wissen nicht, wo Sie sich befinden. Ich trage die Verantwortung für Millionen. In diesem Zimmer wird das Schicksal von Königreichen entschieden. Ich kann mich nicht mehr mit dem Kleinkram der Privatklienten abgeben.«

»Pardon, Herr Justizrat — aber deswegen können Sie doch Briefe beantworten!«

»Ich kann es nicht! Ich bedaure sehr! Hätten Sie einfach antelephoniert, dann wären Sie von meinem Personal aufgeklärt worden! Aber schriftliche Anfragen, für die ich kein Interesse habe, muß ich ignorieren!«

Er wurde so deutlich, wie nur möglich — doch Berta lächelte ihn noch immer an. — »Das seh' ich nicht ein«, sagte sie nach einer Weile. »Dann müßte es doch draußen an der Tür stehen — sonst foppen Sie ja die Leute —«

»Erlauben Sie —!«

»Draußen steht aber bloß: ›Justizrat Schwarz, Rechtsanwalt und Notar, Sprechstunden von 10 bis 1 und 4 bis 6, außer Sonnabend.‹ Da kommt man eben mit seinen Angelegenheiten, und kann ich Ihnen bloß sagen: Meine Angelegenheit ist mir auch Millionen wert.«

»Das mag ja sein — für Ihre Anschauung — ich hingegen —«

»Nein, Herr Justizrat! Es kommt mir fast so vor, als ob Sie bloß mich nicht empfangen wollten, mich persönlich! Jawohl!«

Jetzt lächelte die kleine Frau nicht mehr. Ein tückischer Zorn glomm in ihren Augen. Viktor Schwarz stützte sich auf seine leise zitternden Hände. Aber er war gewappnet: »Da täuschen Sie sich vollkommen. Ich handle lediglich prinzipiell. Was sollte ich auch für einen Grund haben? —«

»Das weiß ich eben auch noch nicht. Sie könnten ja 'ne ganze Menge Gründe haben, Sie als Rechtsvertreter meiner Mutter.«

»Das bin ich längst nicht mehr. Frau Major von Rotkraut bedarf meiner Dienste nicht. Die lebt seit Jahren ihr schönes, stilles Leben in Strelenwalde.«

»Und von mir will sie nichts mehr wissen! Mich kennt sie nicht mehr! Ich hab' ihr versprechen müssen — —«

»Was haben Sie Ihr versprechen müssen?«

»Na, es ist ja schon so lange her. Ich war noch ein halbes Kind damals. Jetzt brauche ich mich solchen Sachen Gott sei Dank nicht mehr auszusetzen. Ich bin eine angesehene Frau. Mein Mann hat ein großes Geschäft. Und meine beiden Kinder —«

»Aha — so, so — ja, sehen Sie mal, meine liebe Frau Rietschel — das wollte ich Ihnen schon sagen — mir scheint doch, daß in Ihrem Köpfchen alles durcheinandergeht. Sie verwechseln tatsächlich die Zeiten. Was wollen Sie denn eigentlich? Damals waren Sie als arme, kleine Buchhalterin bei mir — ich erinnere mich noch genau — und jetzt sind Sie in Samt und Seide — als Gattin und Mutter in den glücklichsten Verhältnissen —«

Berta streckte abwehrend ihre Hände aus: »Ach, Herr Justizrat! Daß das bloß äußerlich ist — das brauch' ich Ihnen doch nicht zu sagen!«

»Ich bin natürlich nicht weiter orientiert. Es interessiert mich auch nicht, wie gesagt —«

»Nein, Herr Justizrat — mir geht es innerlich durchaus nicht besser, eher noch schlechter, als damals! Darum bin ich ja heute bei Ihnen!«

»Bei mir —«

»Sie sind der einzige Mensch auf Gottes Welt, zu dem ich Vertrauen habe! Sie sind mir geradezu im Traum erschienen!«

Viktor Schwarz spürte kalten Schweiß auf der Stirn. Er zog sich etwas mit dem Stuhl zurück: »Das ist mir ja sehr schmeichelhaft, aber —«

Berta folgte ihm. Ihr Ton änderte sich bei den nächsten Worten — es wob sich etwas seltsam Vertrautes, eine geheime, bittende Mahnung zwischen ihnen an: »Sie werden mich nicht auch noch von sich stoßen! Sie verstehen mein Problem! Denn es ist ein Problem, Herr Justizrat! Gerade weil ich einen Vater für meine Kinder habe, entbehre ich selbst den Vater! Gerade weil ich jetzt Hoffnung fürs Leben habe, muß ich wissen, wer ich bin! Es ist doch furchtbar unrecht, daß man mich so ganz im Dunkeln läßt! Ich will ja garnichts weiter unternehmen! Ich will ja keinem Menschen lästig werden! Aber Sie, als ein Mann, der in der Welt steht, — Sie sollten doch einen freieren Standpunkt einnehmen? Sie sollten sich doch am Ende meiner erbarmen!«

Der Justizrat erhob sich. Er ging, wie damals, zum Fenster und wandte sich ab. — »Liebe Frau Rietschel,« sagte er dann nachdrücklich, »ich verstehe Sie — ja, ja, ich verstehe Sie — alle Taktfehler, die Sie mir gegenüber begangen haben, rechne ich Ihrer Erregung an. Aber lassen Sie mich jetzt noch einmal ehrlich und wohlwollend zu Ihnen sprechen. Ich kann Ihnen nicht helfen. Ihnen kann wahrscheinlich kein Mensch auf Erden helfen. Das müssen Sie nämlich selber tun. Sie wollen wissen, wer Sie sind? Ja, lieber Gott, wenn ich das wüßte! Und ich habe wahrhaftig meinen Vater gut gekannt! Nein, Frau Rietschel, getrieben werden wir alle, von einem dunklen Schicksal getrieben, und auf diese Weise müssen wir uns bewähren. Wissen Sie, was Ihr großer Fehler ist? Sie schweifen in die Ferne — Sie sehen nicht, was Sie wirklich besitzen, und was Sie wirklich umgibt! Es ist geradezu sündhaft, daß Sie als Frau und Mutter sich mit solchen Gespenstern herumschlagen! Ihr Mann und Ihre Kinder können einem wahrhaftig leid tun! Verzeihen Sie, daß ich so offenherzig werde! Blicken Sie doch um sich — wir leben doch unter wahrhaft großartigen Bedingungen! Jeder ist berufen, mitzutun! Das deutsche Ansehen steigt von Jahr zu Jahr! Ich und meine Geschäftsfreunde haben die Zügel der Zukunft in der Hand! Wir knüpfen jetzt ein festes Band zwischen Deutschland und Amerika und bleiben doch so deutsch, wie wir waren! Aber ich rede da von den größten Gesichtspunkten — auch Sie in Ihrem engen, bescheidenen Wirkungskreise — — was ist denn los, Tübbeke?!«

Der Bureauvorsteher war eingetreten. Er schielte zu Berta hinüber: »Herr Justizrat — die Herren von der Diskontogesellschaft haben telephoniert — sie sind schon unterwegs.«

»Ja, mein Gott, dann müssen sie ja in einer Minute hier sein! Dann werden Sie mich hoffentlich entschuldigen, liebe Frau Rietschel! Es handelt sich um eine gewaltige Transaktion —«

Tübbeke entfernte sich wieder. Er war beruhigt — der alte Fuchs wurde sie doch wieder los — dem war sie nicht gewachsen. Berta aber starrte mit entrückten Augen den Mann an, der ihr die seltsame Rede gehalten. Sie spürte, daß er in der Erregung konfus wurde; aber seine Worte berührten sie wunderbar. — »Ach ja, die große Welt, Herr Justizrat«, flüsterte sie, ohne sich vom Stuhl zu rühren. »Danach hab' ich ja solche Sehnsucht! Und wissen Sie, warum? Weil ich immer glaube, daß ich selbst dazu gehöre! Es ist mir ganz bestimmt nicht an der Wiege gesungen, daß ich als die Frau von einem Papierhändler versimple —«

Schwarz lief vor Nervosität durch das Zimmer: »Das mag ja alles sein! Obwohl — an der Wiege wird einem überhaupt nichts gesungen! Und nun muß ich Sie bitten, Ihren Besuch für diesmal abzubrechen — —«

»Das liegt aber einzig und allein an meinem Vater, daß ich diese Überzeugung habe! Das Blut von meinem Vater rumort in mir und läßt mir keine Ruhe! Meine Mutter ist mir ganz gleichgültig!«

»Und Sie sind es mir offen gestanden auch! Seien Sie mir bitte nicht böse! Aber Sie müssen fort, bevor die Herren von der Diskontogesellschaft —«

»Manchmal hab' ich das Gefühl, daß an mir die furchtbarste Ungerechtigkeit begangen wird! Geradezu 'ne Todsünde! Nicht mal die Konditorei von Mutter werd' ich erben! Und wenn ich Sie hier so höre — wenn ich Sie so sehe in Ihrem Reichtum und in Ihrer Pracht —«

»Was dann? Was dann? Was dann?«

»Dann blitzt es plötzlich in mir auf — — könnte nicht mein Vater genau so sein? In ebensolcher Stellung? Und ich drücke mich 'rum — ich bleibe klein und ungebildet —«

»Frau Rietschel, nehmen Sie jetzt bitte Vernunft an — ich kann Sie nicht länger empfangen —«

»Wenn er mich wenigstens in 'ne höhere Töchterschule geschickt hätte — standesgemäße Erziehung hilft einem heutzutage schon viel —«

»Sie zwingen mich, zu schärferen Mitteln zu greifen! Entfernen Sie sich augenblicklich, wenn ich bitten darf — —«

Berta stand auf: »Ich gehe nur, wenn Sie mir sagen, wer mein Vater ist!«

»Unsinn! Das weiß ich nicht! Wie oft soll ich Ihnen das noch sagen!«

»Das müssen Sie wissen!«

Herr Hollunder trat ein: »Die Herren von der Diskontogesellschaft, Herr Justizrat.«

Jetzt bäumte sich Viktor Schwarz in rückhaltloser Wut. »Also bitte!« schrie er mit einer nicht mißzuverstehenden Handbewegung. Er wußte nicht, wie der Ausdruck seiner Augen sich veränderte. So blickte nur ein Mann sein Geschöpf an. Es war die unbewußte Autorität des Vaters.

Berta wich langsam zur Tür zurück. Eine Eingebung lähmte sie — sie kam gerade noch hinaus, sie wollte wirklich nicht länger bleiben. An Onkel Tübbeke stolperte sie ohne Gruß vorbei. Dann stand sie auf der abendlichen Straße.

Langsam ging sie bis zum Gendarmenmarkt. Hier blieb sie an einer Droschkenhaltestelle stehen. Starr sah sie einem alten Schimmel zu, der beschaulich seinen Hafer knabberte.

»Na, Madameken?« fragte der Kutscher nach einer Weile. »Wollen Sie wat abhaben, oder wie ist es mit 'ne Fuhre?«

Berta sagte: »Großbeerenstraße 93« und stieg ein. Als sie in den hohlen Samtkissen der klappernden Droschke saß, flüsterte sie vor sich hin: ›Er ist es ... Er ist es selbst ... Die Augen ... Die Augen ...!‹