Frau Rietschel das Kind
Roman
von
Georg Hirschfeld
Deutsche Buchvereinigung »Neuland«
Berlin
Copyright 1925 by Deutsche Buchvereinigung »Neuland« GmbH., Berlin.
Gedruckt bei Herrosé & Ziemsen GmbH. in Wittenberg (Bez. Halle)
ERSTES KAPITEL
»Sache mit Wohnung wäre gemacht.«
Diese Worte flüsterte Viktor Schwarz, der junge Assessor am Amtsgericht Strelenwalde. Es war ein Monolog, den er am offenen Fenster seines neuen Zimmers hielt. Viktor Schwarz liebte kurze Monologe. Sie schlossen seiner Selbstzufriedenheit eine Reihe wichtiger Überlegungen ab, und er konnte sich unbeschwert dem nächsten Unternehmen zuwenden.
Das hatte er wirklich wieder gut gemacht. Die Hände auf das Gesims gestützt, lehnte er sich in den hellen Frühlingstag hinaus. Direkt gegenüber lag das Häuschen des Konditors. Wie nett man es von hier aus übersehen konnte! Etwas geradezu Rührendes hatte der alte Patrizierbau mit dem spitzen Giebel und den bunten Hyazinthen, die an allen Fenstern leuchteten. Viktor Schwarz konnte sich denken, wer die Blumenfreundin war. Eine Frau Konditor gab es nicht mehr — die lag schon lange draußen auf dem Friedhof. Aber Liese, die Blonde, Liese, die Schlanke, herrschte in der Wohnung, wie im Laden. Von ihren fleißigen Händen lebten die Blumen. Und man konnte von der vorzüglichen neuen Wohnung aus auch hinter das Haus des Konditors sehen. Da lag der kleine Hof, da lag das Gärtchen. Der ganze Kreis von Lieses Tätigkeit war zu überblicken.
Freilich — hier runzelte sich die Stirn des Assessors, als ob er seinem schwächeren Ich widersprechen müßte; er hatte auch noch anderes zu tun, als am Fenster zu stehen und ein junges Mädchen zu beobachten. Mit seinem Beruf nahm er es sehr ernst. Er hatte nicht umsonst die Verbannung aus Berlin auf sich genommen. Die beiden Jahre Amtsgericht mußte er hinter sich haben — dann noch Landgericht, vielleicht schon Moabit — und dann: er sah sich wie ein Sultan über den abendlichen Bosporus fahren — Rechtsanwalt in der Taubenstraße, Erbe der Joachimschen Praxis.
Immerhin — Viktor Schwarz war nie ein Bücherwurm geworden. Indem er es mit Goethe hielt, der ja auch Jurist gewesen, bewahrte er sich von Anfang an das Ausleben seiner Persönlichkeit. In Strelenwalde war es auch so übel nicht. Immer geachtet, immer als Instanz befragt — am Honoratiorentische im »Goldenen Engel« saß der Herr Assessor neben dem Kreisarzt und dem Bürgermeister gegenüber. Ließ Viktor Schwarz sich auf der Gasse blicken, grüßte man ihn aus Türen und Fenstern. Mancher hübsche Mädchenkopf drehte sich nach ihm um.
Er pflegte eine gewisse Leutseligkeit. Auch die Huld der Frauen nahm er als selbstverständlich hin. Schon über seiner Kindheit hatte das Gesetz gewaltet: Mache dich beliebt, aber verkaufe dich nicht, sei den Menschen, mit denen du lebst, ein Wohlgefallen, aber verpflichte dich nirgends. Es waren Grundsätze des Altberliner Liberalismus, der in der Familie Schwarz erfolgreiche Stützen hatte. Viktor Schwarz kannte die Menschen. Er fühlte sich gefeit, und das beste war, daß man es ihm nicht anmerkte. Nur wer tiefer in seine blanken Augen blickte, die durch allzu scharfe Gläser ein wenig zum Schielen neigten, konnte mißtrauisch werden. Aber noch lebte der Kern des Starken und Guten in ihm: er war noch jung, er hatte Empfänglichkeit für das wirklich Wertvolle. Deshalb wandelte sich ihm die Welt, als er Liese Prutz erblickt hatte.
Bisher war er nur als Gast in ihre Nähe gekommen. Jeden Nachmittag erschien er in der Prutzschen Konditorei und nahm an dem runden Marmortischchen Platz, das dem Herrn Assessor geheiligt war. Liese kam in ihren netten Schuhen und fragte: »Wie immer, Herr Assessor?« Nach wenigen Minuten hatte er den guten Kaffee mit dem noch besseren Napfkuchen vor sich. Liese war das Muster einer züchtigen und doch freien Kleinstadtbedienung. Sie gab sich Herren gegenüber durchaus nicht schüchtern. Sie verweilte mit graziöser Sicherheit am Tisch. Man durfte ganz ausführlich ihre schlanke Gestalt betrachten, man konnte auch lange Blicke in das frische Gesicht emporsenden und den reinen, blonden Scheitel bewundern — alles blieb in Ehren.
Viktor Schwarz verstand sich auf weibliche Reize. Hier störte ihn nichts Zimperliches, hier brauchte er keine Spekulation zu fürchten — dieses Mädchen lebte im Gleichgewicht seiner bürgerlichen Kraft. Liese Prutz suchte keinen Mann, sie ließ das Schicksal an sich herankommen. Ahnte sie, wie groß ihr Erfolg bei ihm war? Sie war das erste Weib in Strelenwalde, nach dessen Gunst der Herr Assessor trachtete. Doch allmählich brachte sie auch eine peinliche Unruhe über ihn. Viktor Schwarz stellte als strenger Selbsterzieher die Kardinalfrage: »Was ist mit dir los? Bist du verliebt? Das wäre fatal, aber man muß es sich eingestehen.«
Er gestand es sich ein. »Wenn du dich nur nicht verplemperst«, hatte Onkel Joachim in Berlin zu ihm gesagt. Nein, das wollte er nicht. Das war schon aus dem einfachen Grunde ausgeschlossen, weil ein Mädchen wie Liese Prutz ihm heilig war. Aber er wußte nicht, was er mit ihr anfangen sollte.
Da kam es wie eine Eingebung über ihn, als er erfuhr, daß im Hause des Sattlermeisters Schörg, der Prutzschen Konditorei gegenüber, ein Zimmer zu vermieten sei. Und wenn es eine Million kostete. So viel kostet es natürlich nicht, aber Viktor Schwarz mietete es sofort und erklärte im »Goldenen Engel«, daß er doch wieder Furcht vor Wanzen habe. Die eine Wanze, die sich einmal in seinem Zimmer gezeigt hatte, verwandte er als Kündigungsgrund.
Liese erzählte er nicht, daß er ihr jetzt gegenüber wohnte. Sie wußte es natürlich längst, denn Neuigkeiten hatten in Strelenwalde schnelle Beine. Gerade weil der Herr Assessor nichts von seiner neuen Wohnung erwähnte, spürte Liese die Bedeutung seines Schrittes. Es ergab sich nun ein hübsches Spiel von Blicken und Nicken über die Gasse fort. Wenn Liese am Fenster stand und ihre Hyazinthen begoß, erschien »zufällig« gegenüber auch der Assessor. Dann kam es immer wieder zum Gruß, nicht ohne schelmische Verlegenheit. Erglühend zog sich Liese zurück, und Viktor Schwarz hätte vor Begeisterung den Hochzeitsmarsch von Mendelssohn spielen mögen. Er hatte aber noch kein Klavier.
Als er richtig verliebt war, wurde er auch wieder naiv. Er rechnete nämlich mit allem, nur nicht mit der bösen Beobachtungsgabe der Strelenwalder. Geradezu blind aber zeigte er sich gegen Vater Prutz. Der alte Konditor war ein typischer Vertreter seiner Heimat. Nirgends ließ sein Horizont eine Lücke offen. Er wirkte wie ein milder, abgeklärter Greis, aber er trug eine Maske, denn es blieb ihm nichts anderes übrig. Das Schicksal war grausam gegen ihn gewesen, es hatte ihm früh seine gute Berta genommen. Nun fügte er sich dem Leben, wie es in Strelenwalde vorgeschrieben war. Er bediente seine Kunden, er sorgte für sein sauberes, altes Geschäft. Denken und Fühlen nützte er nur für eine vorbildliche Schlagsahne. Er glich mit seinem weißen Vollbart und der goldenen Brille einem alten Professor, wenn er über süße Leckereien grübelte.
Aber auch Liese, seine Tochter, galt ihm nur für den Beruf bestimmt. Daß sie hübsch und allgemein beliebt war, nützte dem Geschäft — anders sah er sie nicht. Er wies den Gedanken von sich, daß Liese einmal heiraten und ihn verlassen könnte. Aber er war ein Kenner der Strelenwalder Lebemänner — deshalb blieb er auf seiner Hut. Da war es ihm denn gar nicht recht, daß Assessor Schwarz plötzlich bei Sattlermeister Schörg wohnte. Die gesellschaftliche Stellung des jungen Mannes schätzte er richtig ein, aber um so mehr mißtraute er seinen Absichten. Auch wurmte es ihn, daß der neidische Sattlermeister tückische Bemerkungen unter die Leute bringen konnte. Schörgs Tochter war verwachsen, und Liese galt als die Schönheit von Strelenwalde. Da konnte man sich vorstellen, wer die Anziehungskraft für Viktor Schwarz bildete.
Nach zornigem Nachdenken beschloß Vater Prutz, der unvorsichtigen Liese gegenüber deutlicher zu werden. Sie brachte eben die ersten Spargel auf den Tisch und glaubte ihren Vater in gute Laune zu versetzen — da knurrte er: »Den Herrn Assessor habe ich wirklich für einen feineren Mann gehalten.«
Liese zuckte zusammen, aber sie beherrschte sich:
»Warum denn, Vater?«
»Na, das tut doch kein feiner Mann, daß er plötzlich zu dem Gauner, zu dem Schörg zieht, und den ganzen Tag am Fenster steht und uns in die Stuben guckt!«
»Hat er das getan? Davon weiß ich garnichts.«
»So?«
»Außerdem sind doch im ›Goldenen Engel‹ Wanzen —«
Jetzt ließ Vater Prutz seinen Spargel, den er schon in den Mund gesteckt hatte, wieder auf den Teller fallen. Er schlug mit der Faust auf den Tisch und schrie: »Komm du mir auch noch damit! Ich sage dir, daran glaub' ich nicht! Ich würde mich nicht wundern, wenn der Engelwirt den Assessor bei seinem eigenen Gericht wegen Verleumdung verklagt!«
»Vater, Vater —«
»Jedenfalls ist es unverschämt von dem Mann! Er hat den ganzen Tag sein Fenster offen und zwingt uns, unsere Fenster zuzuhalten!«
»Ja, um Gottes willen — wieso denn?«
»Frage nicht, als ob du erst zwölf wärst! Du bist doch ein anständiges Mädchen! Das Fenster von deiner Stube muß selbstverständlich immer geschlossen bleiben!«
»Unsinn, Vater! Ich will auch mal frische Luft haben! Was soll denn das alles? Der Herr Assessor kann doch wohnen, wo er Lust hat! Der hat außerdem was andres zu tun, als mir in die Stube zu gucken! Der hat den halben Tag im Gericht zu tun! Der ist überhaupt ein sehr feiner Mann! Der ist feiner als hier alle zusammen!«
Nach diesen Worten verließ Liese das Zimmer und knallte die Tür hinter sich zu. Nun blieb ihr Vater mit dem Spargel allein. Aber er war etwas eingeschüchtert. —
Am nächsten Morgen fuhr Liese zum Einkauf über Land. Sie lenkte selbst ihren steifbeinigen Schimmel.
Voll Unruhe lief Viktor Schwarz heute durch die Strelenwalder Straßen. Er wollte sich doch noch einmal prüfen. Vielleicht täuschte er sich über seine Gefühle. Vielleicht liebte er Liese Prutz gar nicht, sondern war nur ein bißchen in sie verschossen. Jedenfalls konnte er jetzt noch tadellos davonkommen.
Da führte ihn sein Weg bis zum Küstriner Tor hinaus. Selten kam er in diese Gegend. Hier wohnten Arbeiter in niederen blaugetünchten Häuschen. Es war Abend geworden. Lange war er über das alte Holperpflaster gelaufen — mit schmerzenden Füßen blieb er stehen. Indem er auf den gotischen Bogen des Küstriner Tores starrte, sah er, wie etwas Helles und Lebendiges durch sein Dunkel kam. Ein weißer Pferdekopf erschien und dahinter ein Wägelchen, das von einer weiblichen Gestalt gelenkt wurde. Etwas Frisches und Frühlingshaftes ging von diesem Bilde aus. Wie sie die Peitsche schwang — kein Zweifel: Liese Prutz kam auf ihn zu. Hinter ihr saß in freundlicher Bescheidenheit, das Kapotthütchen auf dem Kopf und die eingekauften Waren hütend, Tante Sanftleben.
Viktor Schwarz zog tief den Hut. Liese erkannte ihn jetzt, lachte fröhlich und hielt bei ihm.
»Guten Abend, Herr Assessor! Wie kommen Sie denn ans Küstriner Tor?«
»Bin auch müde genug, Fräulein Prutz! Ihre Vaterstadt hat ein mörderisches Pflaster!«
»Finden Sie? Darüber hab' ich noch gar nicht nachgedacht.«
»Ach ja«, seufzte Tante Sanftleben. — »Der Herr Assessor hat ganz recht.«
»Aber dann steigen Sie doch bei uns ein — Sie brauchen doch nicht den langen Weg zurückzulaufen. Sie wohnen uns doch gegenüber.«
Viktor Schwarz sah Liese betroffen an: »Geht das? Glauben Sie, daß ich mir so was erlauben darf?«
»Warum denn nicht?«
»Na, wissen Sie, in Strelenwalde haben die Leute komische Ansichten.«
Liese lachte: »Das stimmt! Aber daraus macht man sich am besten nichts! Steigen Sie nur ruhig ein — Tante rückt noch ein bißchen!«
Das alte Fräulein errötete, wagte aber nicht zu opponieren. — »Natürlich«, flüsterte sie eifrig. »Es geht ja sehr gut! Nur Vorsicht, Herr Assessor — daß Sie sich ja nicht auf die Eier setzen!«
Mit Grazie turnte Viktor Schwarz hinauf und saß nun hinter Liese. Dann klatschte die schöne Kutscherin mit ihrer Peitsche, und in frischem Trabe ging es über das Holperpflaster. Es stieß zwar heftig, aber Viktor Schwarz glaubte über eine Himmelswiese zu fahren. Keck sah er auf die erstaunten Strelenwalder, die die Köpfe zusammensteckten. Jetzt stand es für ihn fest: er begrub jeden Zweifel. Er wollte um Liese Prutz kämpfen, denn sie war das lieblichste Geschöpf.